Die Aktivistin - Jutta Blume - E-Book

Die Aktivistin E-Book

Jutta Blume

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Beschreibung

Machtkämpfe und ideologischer Wahn Die politische Aktivistin Yessica López, die sich für die Rechte der indigenen Garífuna einsetzt, ist verschwunden und niemand in ihrem Heimatort Triunfo in Honduras will darüber reden. Der deutsche Entwicklungshelfer Ulrich, der seiner ehemaligen Geliebten einen Überraschungsbesuch abstatten wollte, kann kaum glauben, wie sehr sich die Region verändert hat. Die honduranische Regierung hat das Gebiet zu einer Sonderentwicklungszone erklärt. Verwaltet wird diese von einem internationalen Expertenkomitee, das die Einheimischen zum Verkauf ihrer Grundstücke zwingt. Die Interessen des Komitees sind undurchsichtig, seine Macht absolut. Das Tropenparadies Honduras wird zur Kulisse eines Albtraums. Als in der Nachbarstadt eine Bombe explodiert, setzt die ultrakonservative Politikerin Amaris Winwright alles daran, Yessica persönlich die Tat anzuhängen. Und Ulrich gerät in eine internationale Intrige unvorstellbaren Ausmaßes.

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Jutta Blume

Die Aktivistin

Thriller

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2019 by GRAFIT in der Emons Verlag GmbH

Cäcilienstraße 48, 50667 Köln

Internet: http://www.grafit.de

E-Mail: [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Sky Cinema

Lektorat: Dr.Marion Heister

Die Autorin

Jutta Blume, 1972 in Berlin geboren, studierte Landschaftsplanung und Wissenschaftsjournalismus. Sie absolvierte ein Praktikum in Costa Rica und gab in Madrid Deutschunterricht. Längere Reisen führten sie nach Süd- und Mittelamerika. Heute lebt sie als freie Journalistin in Berlin. Ein wichtiger Fokus ihrer Arbeit liegt auf den sozialen Bewegungen in Zentralamerika.

Für die Arbeit an Die Aktivistin

Nuestras conciencias serán sacudidas por el hecho de estar sólo contemplando la autodestrucción basada en la depredación capitalista, racista y patriarcal.

ULRICH

1

29.05.2019

Die Straße, die zu ihrem Dorf führte, war zu einer vierspurigen Autobahn ausgebaut worden, die frischen weißen Streifen auf dem Asphalt blendeten im Sonnenlicht. Durch die Verbreiterung der Straße waren die Hütten und Werkstätten, die einst hinter Bäumen versteckt gewesen waren, direkt an ihren Rand gerückt. Barfüßige Kinder holten sich auf dem erhitzten Asphalt Brandblasen an den Fußsohlen. Ein Stück weiter waren nur noch frische Pflanzungen von Ölpalmen zu sehen. Zwei Jahre würde es dauern, bis sie die ersten Früchte trugen. Finanziert aus Mitteln der Zentralamerikanischen Bank für Wirtschaftsintegration priesen die Schilder am Straßenrand. Bald würde vergessen sein, dass auch hier einmal Häuser gestanden hatten. Häuser, in denen Menschen gelebt hatten.

Er drehte das Radio lauter. »Quién sabe dónde está mi cenizenta, sin ella no hay fiesta«, elektrisch verzerrt quäkende Stimmen über einem simplen Synthesizerrhythmus. Ulrich hasste Reggaeton, aber die Musik versetzte ihn in der Zeit zurück und ließ sein Herz aufgeregt pochen.

Zwei Wochen war es her, dass er sein Ticket nach Honduras gekauft hatte. Vielleicht war es eine Schnapsidee, ein dummer Fehler, begangen nach einem Mojito zu viel in seiner Stammkneipe. Hatten sie dort ein falsches Lied gespielt, das ihn sentimental gemacht hatte, vielleicht sogar das, was gerade im Radio lief? Ein Kollege hatte davon geredet, seinen nächsten Urlaub in Kolumbien zu verbringen, wo er einmal in einem Straßenkinderprojekt gearbeitet hatte. Er wollte sehen, was aus seinen ehemaligen Schützlingen geworden war. Ralf hatte ein Helfersyndrom und damit war er nicht allein in Ulrichs Freundeskreis. Gepaart mit einem Mangel an professioneller Distanz konnte das manchmal anstrengend sein. Ulrich hatte kein Problem mit professioneller Distanz. Nun ja, die Sache mit Yessica stand auf einem anderen Blatt. Die hatte aber nichts mit einem Helfersyndrom zu tun. Es war eine Art Unfall gewesen, so wie eben immer genau die Dinge geschahen, die nicht sein durften. Und jetzt war da dieser Gedanke, dass es vielleicht kein Unfall gewesen war.

O Mist, das da vorne sah aus wie ein Kontrollposten. Ungewollt spürte Ulrich einen Schuss Adrenalin in seinen Adern kribbeln. Die Beamten konnten ihm nichts anhaben, aber allein ihr martialisches Auftreten machte ihn nervös. Einige von ihnen hatten Masken über dem Gesicht und Maschinengewehre im Arm. Damals hatte er ein paarmal gesehen, wie sie Einheimische aus den Autos geholt hatten. Einmal war ein Mann von einem Kontrollposten weggerannt und sie hatten auf ihn geschossen. Es sah so aus, als ob er ihnen entwischt war. Zumindest hatte sich Ulrich mit diesem Gedanken beruhigt.

Ein Soldat in neongelber Warnweste winkte ausgerechnet ihn aus dem Verkehr. Ruhig atmen, Hände sichtbar auf dem Lenkrad lassen. Ausweis und Fahrzeugpapiere lagen glücklicherweise griffbereit. Es war eine Routinesituation. Immer musste man damit rechnen, dass einem irgendjemand auflauerte. Soldat oder bewaffneter Räuber.

Ulrich war neben dem Soldaten in Warnweste zum Stehen gekommen. Er kurbelte die Scheibe herunter und griff nach den Dokumenten, aber der Soldat nahm keine Notiz davon.

»Wohin sind Sie unterwegs?«, wollte er wissen.

»Triunfo de la Cruz.«

»Ihnen ist bewusst, dass Triunfo Teil der Modellstadt Cuero Ulúa Victoria ist?«

»Welchen Unterschied macht das?«

»Dass ich Sie nach dem Zweck Ihres Besuchs fragen muss.«

»Persönlich.« Es war nicht nötig, den Wegelagerern der Armee zu viele Informationen zukommen zu lassen. Spätestens wenn er in Ulrichs deutschem Pass blätterte, würde der übereifrige Kontrolleur Ruhe geben.

»Wen wollen Sie dort besuchen?«

»Ich bin Tourist, mein Visum gilt noch für über zwei Monate, hier, können Sie alles gerne überprüfen.« Er wedelte erneut mit seinen Papieren, die der Soldat unwillig entgegennahm.

»Die Verwaltung hat aus gegebenem Anlass die Einreisebestimmungen für die Modellstadt verschärft. Ich bin leider nicht befugt, Ihnen Näheres zu sagen. Sie haben also nicht vor, jemanden zu besuchen?«

»Triunfo soll einen der schönsten Strände von Honduras haben.«

»Ich müsste mal einen Blick in Ihren Kofferraum werfen.«

»Bitte.« Ulrich betätigte den automatischen Öffner.

»Steigen Sie bitte aus.«

Er seufzte unmerklich. Der Soldat hatte offenbar beschlossen, ohne jeglichen Anlass Ärger zu machen. Ulrich überlegte, ob er seine Vergangenheit als Entwicklungszusammenarbeiter in Honduras erwähnen sollte, entschied sich aber dagegen, um keinen Anlass zu weiteren Fragen zu geben. Stattdessen stellte er sich zwei Meter neben den Soldaten und schaute zu, wie dieser den Inhalt des Kofferraums beäugte.

»Was ist dadrin?« Der Soldat stieß mit seinem Gewehrlauf in zwei weiße Säcke, die neben dem Reisekoffer lehnten.

»In dem einen Reis, im anderen Bohnen.«

»Sie sind wohl der Meinung, dass Sie bei uns nichts zu essen bekommen? Machen Sie die Säcke auf.«

Ulrich öffnete mit seinem Taschenmesser die obere Naht und fluchte innerlich, weil der Inhalt sich während der weiteren Fahrt unweigerlich im Kofferraum verteilen würde.

Der Soldat stocherte mit seinem Gewehrlauf, der wohl sein Universalwerkzeug war, erst zwischen Reiskörnern, dann zwischen schwarzen Bohnen herum, zeigte sich aber nicht zufrieden. »Ausleeren!«

»Wie bitte?«

»Ich will sehen, dass Sie keine illegalen Güter darin transportieren.«

»Das ist doch lächerlich.«

»Dienstanweisung. Also?«

»Haben Sie zumindest eine Plane, auf die ich die Säcke ausschütten kann? Ich möchte den Inhalt ungern einzeln von der Straße auflesen.«

Der Soldat winkte einen Kollegen heran, der nach einem kurzen Wortwechsel tatsächlich zwei Müllsäcke brachte und neben der Straße auslegte. Reis und Bohnen ergossen sich darauf, die Hälfte ging doch daneben. Ein weiteres Rühren mit dem Gewehrlauf tat sein Übriges.

»Sie können weiterfahren«, sagte der Soldat und gab die Papiere zurück, die er nach wie vor keines Blickes gewürdigt hatte.

Ulrich klaubte die Überreste seiner Gastgeschenke vom Boden auf. Er war nicht bereit, den Soldaten ein paar einfache Mahlzeiten zu spendieren.

Schlagartig wusste er wieder, warum er nicht hatte nach Honduras zurückkehren wollen. Aber Triunfo war anders, beruhigte er sich, er musste nur ankommen. In Triunfo kam nie ein Polizist vorbei. Die meisten Menschen waren etwas widerspenstig, aber nicht unfreundlich und schon gar nicht bösartig. Vor allem wohnte Yessica dort.

Yessica, ausgestattet mit der Triunfo-typischen Ruhe, mit einer ihr eigenen Energie, an die keine von Ulrichs früheren oder späteren Freundinnen und Geliebten heranreichen konnte. Man sollte seine Ex-Beziehungen niemals vergleichen. Keine Grundregel der Entwicklungsorganisation, sondern einfacher Beziehungsknigge. Aber was sollte er machen?

Carmen war gegen Yessica einfach fade. Er hatte wirklich sein Bestes versucht, ziemlich genau ein halbes Jahr lang, aber es hatte nicht gereicht. Zu Nikolaus machte sie die ersten Andeutungen über Kinder. Zum Jahreswechsel war sie Geschichte.

Ulrichs Bonner Freunde hatten fast alle Kinder. Auch wenn sie sich Mühe gaben, sich weiter wie normale Menschen zu benehmen, redeten sie zu viel über das, worüber Eltern halt so redeten. Die richtige Kita, die richtige Schule, öffentlich oder doch lieber Montessori oder Waldorf und so weiter. Oder sie redeten nicht mit Ulrich. Vergaßen ihn bei Einladungen zum Kaffeetrinken, zum Rheinspaziergang oder beim Pläneschmieden für Silvester. Es war ja so toll, wenn sich die Kinder miteinander beschäftigen konnten. Dass sich die Erwachsenen unabhängig von ihren Kindern miteinander beschäftigten, kam ihnen nicht mehr in den Sinn. Carmens Kinderwunsch wäre ein Weg gewesen, wieder dazuzugehören. Stattdessen hatte er ihr seine mangelnden Gefühle offenbart und war anschließend zum Surfen nach Lanzarote gefahren.

Ulrich lief der Schweiß, ein Tropfen kitzelte ihn am Ende des Rückens, wo die Poritze anfing. Ach ja, er hatte bei der Kontrolle die Klimaanlage abgeschaltet. Er ließ sie aus. Die Hitze hatte etwas Vertrautes, mit dem Schweiß schienen langsam die letzten anderthalb Jahre seiner drögen Bonner Existenz aus ihm herauszuperlen. Innendienst, komplett risikofrei und im klimatisierten Büro. Der Schweiß machte es einfacher, in Honduras anzukommen. »Hier an der Küste«, hatte ein Kollege aus Tegucigalpa einmal gesagt, »ist Schwitzen ja eine tagesfüllende Beschäftigung.«

In ungefähr einer Stunde würde er vor Yessicas Haustür stehen. Er versuchte, sie sich vorzustellen, ihre hochgewachsene und kräftige Gestalt, ihr Gesicht, ihr Lächeln, aber es gelang ihm nur in einzelnen Puzzlestücken. Die Augen, die Nase, plötzlich fehlten die Mundwinkel, die zu ihrem Lächeln gehörten, fehlte die Stellung ihrer Zähne in ihrem Mund. Er versuchte es stattdessen mit Yessicas Stimme. In seiner Erinnerung hörte er sie die Menschen auf einer Dorfversammlung ansprechen, aber als er Sätze erklingen lassen wollte, die sie nur zu ihm gesagt hatte, war der Ton weg. Nur noch Untertitel, während der Erinnerungsfilm stumm gestellt worden war.

Die Straße, die noch vor einem Jahr am Zentrum von Tela vorbeigeführt hatte, war nun gesäumt von Großbaustellen. Hotels, Banken, Shoppingmalls. Wer sollte all diese Angebote nutzen, wenn sie fertig waren? Ein Einwohner von Triunfo hatte Ulrich einmal erklärt: »Sie wollen hier ein zweites Cancún bauen.« Schiere Übertreibung oder der Mann hat keine Vorstellung von Cancún, hatte Ulrich sich damals gedacht und gewichtig zu der Prognose des Mannes genickt. Es war wichtig, alle Gesprächspartner ernst zu nehmen. Bedeutete in Wirklichkeit: Es war wichtig, allen Gesprächspartnern das Gefühl zu geben, man würde sie ernst nehmen.

Tela war kein touristisches Ziel, vielleicht verirrten sich ein paar einheimische Urlauber für ein paar Tage dorthin, vielleicht auch ein paar ausländische auf der Durchreise. Ulrich hatte Telas hässliche Strandpromenade trotzdem schätzen gelernt, erstens, weil es dort Internet gab, zweitens, weil er unbehelligt von irgendwelchen Projektpartnern oder vom Projekt betroffener Bevölkerung herumsitzen, einen Fruchtsaft trinken, E-Mails schreiben oder einfach nur auf den Horizont schauen konnte.

Jetzt fuhr er am Zentrum und der dahinterliegenden Bucht von Tela vorbei, folgte dem Verlauf der alten Bundesstraße. Die Berge auf der rechten Seite hatte die Modellstadt noch nicht zu verwerten gewusst. Auf der linken Straßenseite zählte Ulrich fünf Einfahrtstore zu sogenannten Residenz-Hotels und Beach-Clubs. Cancún. Mit Leichtigkeit hätte eine dieser Einfahrten auch die ehemalige Zufahrtsstraße nach Triunfo sein können. Unsinn. Innerhalb von anderthalb Jahren war es nicht möglich, die Einwohner zu vertreiben und den Ort in einen Beach-Club umzuwandeln. Außerdem hatten die Einwohner ihre Landtitel schwarz auf weiß, dafür hatte er gesorgt.

Dann entdeckte Ulrich endlich den nie fertiggestellten Unterstand am Straßenrand, der einmal ein Wachposten hatte werden sollen. Daneben war noch immer die improvisierte Autowerkstatt, vor der ein paar Schweine ihre Nasen durch den Boden pflügten. Auch die drei einfachen Holzkreuze waren noch da, die an die Opfer eines Erschießungskommandos im Jahr 2014 erinnerten. Die Brache gegenüber, auf der die Täter sie mit Kugeln durchsiebt hatten, war jetzt von einem Bauzaun umschlossen. Die bekannten Wegmarken machten Ulrich Mut, dass er in zehn Minuten vor Yessicas Haus halten und sie dort bei irgendeiner Beschäftigung im Garten antreffen würde. »Yessica«, flüsterte er, fast ehrfürchtig, testete den Klang des vertrauten Namens. Sie würde aufschauen und möglicherweise würde ihr bei seinem Anblick irgendein Werkzeug aus der Hand fallen. Doch was dann? Nur nicht nachdenken, so kurz vor dem Ziel.

Ihm kam ein Pärchen auf einem Fahrrad entgegen, ein Junge mit einem Mädchen im Damensitz auf der Stange, das wiederum in einem Arm ein Baby an sich presste. Aus dem Fenster des um die Ecke biegenden Taxis wummerten die Bässe einer Cumbia. Ulrich hatte das Zentrum von Triunfo erreicht. Absurderweise war die eigentliche Hauptstraße noch immer unbefestigt und eine einzige Aneinanderreihung von Schlaglöchern.

Im Schatten des Kiosks an der Ecke saßen die üblichen Nichtstuer. Ihre Blicke folgten seinem Wagen. Ein Mann mit Dreadlocks hob die Hand zum Gruß und rief etwas, was Ulrich durch die geschlossene Scheibe nicht verstehen konnte. Er drückte kurz auf die Hupe und hoffte, dass die Männer das als freundlichen Gruß auffassen würden.

Er vermisste die Pepsi-blaue Mauer der Schule, bis er merkte, dass er schon daran vorbei war. Sie war weiß überstrichen worden, weder die Worte Pepsi noch Centro Escolar waren mehr darauf zu lesen. Ebenso fehlten dahinter die Wegweiser zu den Cabañas Marí und zur Pizzeria. Ulrich trommelte auf das Lenkrad. Er war aufgeregt wie ein kleines Kind vor seinem Geburtstag. Nein, anders. Bei seinen Geburtstagen hatte er immer gewusst, dass sie stattfinden würden. Aber die Begegnung mit Yessica? Was, wenn sie nicht zu Hause war? Würde er auf der Straße herumlungern und auf sie warten? Unerkannt den Ort verlassen und es später noch einmal versuchen? Ein Getränk an einem Kiosk bestellen und nach ihr fragen? So würde die Kunde, dass ein Gringo auf sie wartete, wahrscheinlich schnell zu ihr durchdringen und die Überraschung wäre verpatzt.

Jetzt fehlten nur noch etwa hundert Meter. Sein Herz war so laut, dass es die Bässe jedes vorbeifahrenden Taxis übertönt hätte. Das Haus lag ein Stück von der Straße zurückgesetzt hinter Bananenstauden. Das Tor war geschlossen. Ulrichs Hoffnung sank. Yessica ließ es normalerweise offen, um den Nachbarinnen zu zeigen, dass sie jederzeit willkommen waren. »Als ich klein war, hatte hier niemand Zäune«, hatte sie ihm einmal erklärt. Jetzt war es anders, auch hier vertrauten sich die Nachbarn nicht mehr uneingeschränkt. Zögernd legte Ulrich die Hand auf die Klinke. Dabei bemerkte er die alte Frau im Nachbargarten, die ihn anscheinend schon eine Weile beobachtete.

»Buiti Binafi!«, rief er ihr zu.

»Buiti Baravello«, antwortete sie, wie eine Lehrerin, die einen Schüler korrigiert. Ach ja, es war schon Nachmittag. Ulrich kannte die Alte nicht. Entweder hatte sie vor einem Jahr nicht dort gewohnt oder sie hatte sich stets im Haus versteckt.

»Ist Yessica zu Hause?«

»In dem Haus ist niemand.«

Ulrich drückte die Klinke herunter. Das Tor war verschlossen.

»Wann kommt Yessica wieder?«

»Keine Ahnung. Ich kenne keine Yessica. Aber weg gehen sie alle.«

»Was meinen Sie, sie gehen alle? Ziehen sie weg?«

»Wegziehen, ja, wer weiß das schon? Plötzlich sind sie nicht mehr da.«

Etwas kryptisch, die Alte. Aber warum kannte sie Yessica nicht? Vielleicht hatte sie ihren Namen vergessen?

»Na, wann haben Sie Ihre Nachbarin denn das letzte Mal gesehen?«

»Ach, das ist schon eine ganze Weile her. Aber das war ein Mann, bestimmt keine Yessica. Und Sie, warum stellen Sie mir diese ganzen Fragen? Sind Sie von der Polizei?«

»Ich suche einfach nur Yessica. Sie ist eine alte Freundin.«

»Mh.« Die alte Frau wirkte nicht überzeugt. Sie musterte Ulrich von Kopf bis Fuß und wieder zurück. Abschätzig. »Ich glaube, das Mädchen ist mit einem anderen durchgebrannt«, sagte sie nach einer Weile. ›Mädchen‹ war eine seltsame Bezeichnung für eine Frau wie Yessica.

»Ist das wahr?«, fragte Ulrich zweifelnd.

»Ich habe doch schon gesagt, ich kenne keine Yessica.«

Es war zum Verzweifeln. Er würde keine sinnvolle Antwort aus der Alten herausbekommen. Wahrscheinlich war sie geistig verwirrt.

»Vielleicht hat Yessica hier gewohnt, bevor Sie hierhergezogen sind?«, versuchte Ulrich es trotzdem erneut.

Sie schüttelte bestimmt den Kopf und presste dabei die Lippen aufeinander. »Ich wohne hier schon mein ganzes Leben, mein Junge.«

»Aber wer hat denn dann zuletzt in Ihrem Nachbarhaus gewohnt?«

»Ich sage doch, niemand, die Leute sind schon lange weg.«

Die Alte war einfach verrückt, sagte Ulrich sich, er durfte sie nicht ernst nehmen. Vielleicht würde Yessica schon heute Abend nach Hause zurückkehren.

»Danke«, stieß er hervor und setzte sich wieder in den Wagen. Welche normale Person konnte er jetzt am besten nach Yessica fragen? Die naheliegendste wäre ihre Mutter gewesen, aber die war schon vor einem Jahr gestorben, das hatte ihm Yessica in einer ihrer seltenen Nachrichten geschrieben.

Er versuchte, sich Mut zuzusprechen. Yessicas Haus war in gutem Zustand, sein malvenfarbiger Anstrich noch immer frisch. Es hing kein Zu-verkaufen-Schild am Zaun. Der Garten war einigermaßen gepflegt, auch wenn länger kein Laub mehr geharkt worden war. Aber manchmal kam Yessica nur zum Nötigsten, wenn sie von einer Versammlung zur nächsten reiste und nur ab und an vorbeikam, um zu prüfen, dass die ältere Tochter gut für die jüngere sorgte. Vielleicht war gerade wieder so eine Phase. Wo war dann Yessicas jüngere Tochter, Paty? Die ältere – Wie war der Name doch gleich? Silvia, nein Diana! – studierte seit einem halben Jahr in Tegucigalpa, das stand in der letzten Nachricht, die er von Yessica bekommen hatte. Darin hatte sie nicht angedeutet, dass sie selbst fortgehen wollte.

Warum hatte er ihr nicht geschrieben, dass er kommen wollte? Aus Angst, dass sie es ihm ausreden würde? Er war sich bis zum Schluss nicht sicher gewesen, ob er es tun würde. Ein Satz von ihr, dass es nicht gut war, dass sie es vergessen sollten, hätte bestimmt gereicht, um ihn von seinem Vorhaben abzuhalten. Er hatte auch nicht versucht, sie anzurufen. Er hatte Angst vor dem schlichten Wort ›Nein‹. Für Yessica gab es nach diesem Wort nichts mehr zu diskutieren, es war endgültig. Auch wenn viele Männer das anders sahen. Aber jetzt, wo er quasi schon vor ihrer Haustür stand? Sie konnte ihm sagen, sie sei auf Reisen, in der Hauptstadt, im Nachbarland, sie käme erst in zwei Wochen zurück. Wie lange er denn bliebe? Nur drei Wochen? Das sei schlecht, sie käme zwar in zwei Wochen zurück, aber …

Er startete den Wagen und fuhr die Hauptstraße zurück zum Kiosk der alten Männer. Auf der Betonbank saßen zwei in gräulich verwaschenen T-Shirts, einer in langen, einer in kurzen Hosen, beide in Flipflops. Am Pfosten des Vordachs lehnte ein Mountainbike. Einer der beiden Alten blätterte in einer Zeitung – sie kamen alle hierher, um sich die Zeitung auszuleihen –, der andere nuckelte an einer Pepsi. Am Verkaufstresen hing ein kleiner Junge, der gerade mal so hinüberschauen konnte. Ulrich grüßte die Männer und stellte sich neben das Kind, das mit einem Zweilempiraschein wedelte, für den es sich ein Aluminiumtütchen voll mit Luft und fünf glutamatgetränkten Chips kaufte, wertlose Churros, an deren Verkauf mal wieder einer der reichsten Männer des Landes verdiente.

Der Pulpería-Besitzer schlurfte langsam durch den Raum, riss die Churros von einem Haken, schlurfte zurück, um sie auf die Theke zu legen, und verschwand dann mit den zwei Lempiras wieder im hintersten Teil des Raumes, wo die Kasse stand. Man konnte nur hoffen, dass sich in der Zwischenzeit keine Kinder an der Seite vorbeidrängelten, denn das taten sie gerne. Weder der alte Herr noch seine Frau mit den verächtlich herabgezogenen Mundwinkeln taten jemals zwei Sachen gleichzeitig, noch ließen sie sich von einer Schlange von Kunden beeindrucken.

»Sie sind zurück«, bemerkte der Verkäufer gleichmütig. »Was bekommen Sie?«

»Ja, mal wieder auf Besuch. Eine Pepsi bitte.« Nur nicht mit der Tür ins Haus fallen.

»Bitte. Noch etwas?«

»Nein danke. Und wie läuft es hier?«

Der Alte zuckte mit den Schultern. »Fünfundzwanzig Lempiras.«

Ulrich gab ihm einen Fünfziger. Der Mann schlurfte zur Kasse in der hinteren Ecke und kam dann mit dem Wechselgeld zurück. »Schlecht läuft es«, sagte er, als hätte er den ganzen Weg gebraucht, um über die Antwort nachzudenken.

»Das Geschäft?«

»Das Geschäft ist wie immer. Aber früher oder später werden sie Triunfo abreißen. Vor zwei Monaten haben sie die Schule geschlossen. Doña Mari ist auch nicht mehr da. Also, wenn Sie ein Hotel suchen, gibt es nur noch den Ami.«

»Wieso wurde denn die Schule geschlossen?«

»Kein Geld mehr. Ist alles in den Taschen der da oben gelandet.« Der Alte schnaubte. »Es hat sich viel verändert im letzten Jahr. Waren Sie schon am Strand? Der ist nämlich immer noch so schön wie früher.«

»Nein, noch nicht, ich wollte mir erst eine Unterkunft suchen.«

»Wie gesagt, der Ami hinten. Aber gehen Sie an den Strand, Mann, solange es gratis ist.«

»Werde ich gleich machen, danke für den Tipp mit dem Hotel.«

Der Kioskbesitzer hatte ihn wiedererkannt, konnte ihn aber nicht wirklich einordnen. Oder er wollte nicht darüber reden. Ulrich setzte sich neben die beiden älteren Männer auf die Bank.

»Wie läuft’s?«, fragte ihn der, der nicht in der Zeitung blätterte. »Zum ersten Mal in Triunfo?«

»Ich war vor über einem Jahr schon mal hier. Sehr schön«, entgegnete Ulrich, der sich noch nicht auf eine Geschichte festlegen wollte. »Aber leer ist es. Sind Ferien?«

»Du bist ja lustig. Permanente Ferien, wenn du so willst. Die paar Kinder, die noch hier leben, müssen im Zentrum zur Schule gehen. Und weißt du was? Ihre Eltern lassen sie mit dem Taxi hinfahren, weil es keinen Schulbus gibt. Oder die Kinder bleiben halt zu Hause und sehen fern.«

»Sag mal, kennst du eine Yessica? Sie hat auch ein kleines Mädchen, Paty, glaube ich. Sie haben in Delicias gewohnt.«

»Yessica, eine schöne Frau, was?« Der Alte blinzelte verschwörerisch. »Ich habe sie selten gesehen in letzter Zeit und das Mädchen hat sie, glaube ich, zu einer Verwandten auf den Inseln geschickt. Aber sie wohnt noch hier, du wirst sie bestimmt treffen, falls du ein paar Tage bleibst.«

»Das hatte ich vor. Danke. Ich habe sie letztes Jahr zufällig kennengelernt, ich würde gerne wissen, wie es ihr und ihren Mädchen ergangen ist.«

»Die Große ist schon aus dem Haus. Will Lehrerin werden. Jetzt, wo wir keine Schule mehr haben.«

»Nein, nicht Lehrerin. Irgendetwas mit Tieren«, meldete sich der andere zu Wort.

»Sie wird schon einen Job finden. Manchmal müssen die Kinder auch woanders ihr Glück suchen«, beschwichtigte Ulrich.

»Ja, manchmal. Bei uns immer. Egal ob es um Kinder oder um Tiere geht.«

Ulrich überlegte, wie er einen harmlosen Ausgang aus diesem Gespräch fand. Immerhin, Yessica war angeblich noch da. Die Alten vom Kiosk waren in der Regel gut informiert. Obwohl er natürlich gerne gewusst hätte, ob sie noch heute oder erst in ein paar Tagen zurückkehrte. Eins war sicher, sie würde erfahren, dass ein Gringo nach ihr gefragt hatte, sobald sie im Ort auftauchte.

»Das tut mir leid, Mann. Ich werde mal gucken, ob der Ami ein Zimmer für mich hat, und dann muss ich endlich in dieses herrliche Meer springen«, läutete Ulrich seine Verabschiedung ein.

In dem Moment hielt ein zerbeulter Geländewagen vor dem Kiosk, der ihm nur zu gut bekannt war. Juancito. Es war zu spät, die Flucht anzutreten, das wandelnde Gemeindegewissen vergaß nichts. Schon hörte Ulrich, wie die Fahrertür zugeschlagen wurde, und der alte Herr trat hinter seinem Vehikel hervor. Er kniff die Augen zusammen, die ohnehin schon in einem tiefen Gewirr von Falten lagen. Es dauerte keine zwei Sekunden, bis sein Blick sich wieder erhellte.

»Herr Geissenberg, was für eine Überraschung! Ich hätte gedacht, nachdem wir an die Koreaner verkauft worden sind, wärt ihr hier arbeitslos geworden.«

»Juancito, ich freue mich auch, Sie zu sehen«, erwiderte Ulrich spöttisch, »aber um ehrlich zu sein, bin ich privat hier. Wie ich diesen Herren schon erzählt habe: Ich bin im Urlaub, ich bin gekommen, um einmal mehr in dieses unvergleichliche Meer zu springen.«

»Das können Sie Ihrem Großvater erzählen. Sie wären in eines dieser neuen Resort-Hotels gefahren. Na ja, wahrscheinlich sind Sie das auch, damit Sie abends Ihre Ruhe haben. Aber irgendetwas führen Sie eben doch im Schilde.«

»Juancito, Sie haben unrecht. Ich wollte gerade losgehen und gucken, ob der Ami noch ein Zimmer frei hat. Im Schilde führe ich gar nichts, das habe ich noch nie getan. Und sonst so, wie geht es Ihrer Familie?«

»Was soll mit der sein? So wie immer, die Jungs fangen zu wenig Fisch, Adriana hat ihr drittes Kind bekommen und die anderen sind alle weg.«

»Haben Sie etwas von Yessica gehört?«

»Ich glaube, sie hat einen neuen Freund in La Ceiba oder San Pedro. Ich habe sie schon lange nicht mehr gesehen.«

»Ah ja. Macht sie ihre Beratung nicht mehr?«

»Sie machen sich über mich lustig, oder? Das Geld kam doch von euch.«

»Schon, aber ich dachte …«

»Ja, sehen Sie sich ruhig an, was aus uns geworden ist. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Urlaub.«

Damit bewegte sich Juancito auf den Verkaufstresen zu. Ulrich betrachtete einen Moment seine Gestalt von hinten. Er schien geschrumpft zu sein, sein Rücken ein wenig krummer. Er sah noch immer drahtig aus, aber sein Gang wirkte schlapp. Juancito war das, was man auf Englisch pain in the ass nannte, weder in der deutschen noch in der spanischen Sprache fiel ihm ein besserer Ausdruck ein. Juancito hatte stets die Arbeit der Deutschen Gesellschaft schlechtgemacht. Zum Glück hörten weniger Menschen auf das wandelnde Gemeindegewissen, als es Juancito wahrhaben wollte. Auch wenn sich niemand traute, ihm öffentlich zu widersprechen. Aber da waren die anderen, die ihre Meinung einfach für sich behielten. Yessica hatte natürlich nie etwas auf Juancito kommen lassen. Fast nie. Einmal hatte sie angemerkt, dass er in seinem ganzen Leben nie einen Handschlag in seinem eigenen Haushalt getan habe. Nach dem Tod seiner Frau seien alle Haushaltsaufgaben an die älteste Tochter Adriana gefallen. Ulrich solle jetzt seine Klappe halten. Yessica dürfe so etwas sagen, weil sie Frau und Garífuna sei. Ulrich hatte nur verständnisvoll genickt, wie er es im Vorbereitungsseminar gelernt hatte.

»Juancito, eine Frage noch.«

Der Alte schien ihn nicht zu hören. Oder er wollte ihn nicht hören. Erst als Ulrich erneut ansetzen wollte, drehte Juancito sich um.

»Dann fragen Sie doch.«

»An welche Koreaner wurde Triunfo verkauft?«

Der Alte schüttelte ungläubig den Kopf. »Lesen Sie gar keine Zeitung? Hyunwoo. Hierzulande Victoria S.A., Rohstoffförderung, Stahlindustrie, Maschinenbau, Elektrogeräte. Vielleicht brauchten sie einen Ort, um ihren Stahl zu verbauen, gucken Sie sich nur die ganzen Hochhäuser an, die sie in Tela hochziehen. Wegen eines Deals mit Hyunwoo haben die Leute auf Madagaskar übrigens ihren Präsidenten verjagt.«

»Was will ein Stahlkonzern hier an der Küste?«, fragte Ulrich.

»Wie gesagt, keine Ahnung. Wenn Sie es herausfinden, sagen Sie mir Bescheid.«

Ulrich war einerseits froh, dass keiner von Juancitos politisch-moralischen Vorträgen kam. Andererseits ergab die Geschichte keinen Sinn. Tourismusindustrie hätte er erwartet oder eine Expansion der Ölpalmenplantagen. Aber Rohstoffindustrie? An den schönsten Stränden von Honduras?

»Danke. Ich melde mich die Tage noch mal.«

Er stieg in den erhitzten Mietwagen. Die Ausdünstungen von neuem Plastik riefen eine Übelkeit hervor, die er nur mühsam herunterschlucken konnte. Er stellte die Klimaanlage so kalt es ging und fuhr im Schritttempo die Dorfstraße entlang in Richtung Osten.

Das kleine Hotel des Amis hätte einen frischen Anstrich vertragen können. In dem verblichenen Namensschild Gran Surf Hotel hatte ein Scherzbold ein m eingefügt, sodass nunmehr Gran Smurf Hotel zu lesen war. Das Anwesen erweckte nicht den Eindruck, dass überhaupt noch Zimmer vermietet wurden. Ein großer Mann mit langem, in der Mitte des Schädels dünn werdendem Haar war über die Motorhaube eines Jeeps gebeugt. Er trug knielange Shorts mit aufgedruckten Palmen, sodass man ihm den alternden und seit mindestens zwanzig Jahre aus der Mode gekommenen Surfer ansah. Für einen Surfer war die Bucht von Tela ein denkbar ungünstiger Ort, denn die Wellen blieben meist seicht und wenn das Meer wütend wurde, brachen sie sich zu dicht am Ufer, um sie auf einem Brett reiten zu können. Ulrich hatte den Ami in seiner Zeit hier nur wenige Male gesehen. Der Mann betrieb neben dem Hotel die Garífuna Adventure Tours, die aber schon lange nicht mehr richtig liefen. Ganz selten hatten sie noch Ausflüge zur Punta Izopo gemacht, einer Landzunge, auf der sich mit etwas Glück Krokodile beobachten ließen, aber auch Menschen mit Gewehren, die nicht ins Naturschutzgebiet gehörten.

Ulrich stieg aus dem Auto und ging ein paar Schritte auf den Ami zu. »Hallo, haben Sie noch Zimmer frei?«, rief er über den Zaun.

Der andere sah ihn beinahe perplex an, als müsste er sich erst an die Bedeutung der Frage erinnern. »Ja, klar. Sie können sich sogar das schönste aussuchen. Ich muss es allerdings erst herrichten lassen. Fahren Sie Ihr Auto herein. Ich rufe Janet, damit sie Ihnen alles zeigt.«

Der Ami konnte sich offenbar nicht an Ulrich erinnern. Gut so, das gab ihm Zeit, sich eine Geschichte auszudenken und eine Strategie, um nach Yessica zu suchen.

Statt Janet kam ein etwa vierzehnjähriges Mädchen mit einem Gewirr von Zöpfen auf dem Kopf wie ein kleines Kind und Hüften, die den Ansatz zeigten, in die Breite zu gehen.

»Kommen Sie mit«, sagte es. »Sie wollen ein Zimmer im oberen Stock, mit Blick auf den Strand, stimmt’s? Wie lange bleiben Sie?«

»Das habe ich mir noch gar nicht so genau überlegt. Eine Woche vielleicht.«

»So lange!« Das Mädchen sah erschrocken aus. »Ich glaube, am Wochenende kommt eine Reisegruppe, da ist vielleicht alles voll. Ich muss den Chef noch mal fragen.«

»Ist nicht so schlimm. Zeig mir erst mal das Zimmer. Wir können uns später eine Lösung überlegen.«

Im Treppenhaus lag abgebröckelter Putz in den Ecken. Ein Sack Mörtel sprach von der Absicht, die Wände wieder in einen ansehnlichen Zustand zu bringen.

»Kommen Sie«, rief das Mädchen, wohl damit er nicht allzu genau in die Ecken sah. Auf dem Gang im oberen Stock gab es sechs Türen.

Das Mädchen steuerte auf die hinterste zu. Das Zimmer wirkte, als wäre es längere Zeit unbewohnt gewesen. Das Bett war nicht bezogen und die Matratze etwas angegilbt. Die Türen eines in die Wand eingelassenen Schrankes standen offen und gaben den Blick auf ein Sammelsurium von Kleiderbügeln frei. Das Mädchen zog die Vorhänge vom Fenster zur Seite. Das Fliegengitter sah intakt aus, ein wesentliches Detail, auf das Ulrich immer achtete. Draußen standen ein kleiner Tisch und ein Klappstuhl, auf dem Tisch hatten Vögel ihre weißen Spuren hinterlassen.

»Wenn es Ihnen gefällt, mach ich das Zimmer gleich fertig«, versicherte das Mädchen. Es zog an der Schnur des Deckenventilators, um zu demonstrieren, dass er funktionierte. Sofern es keinen Stromausfall gab, erinnerte sich Ulrich, denn die waren häufig.

»Und das Bad?«, fragte er.

»Entschuldigung, das habe ich fast vergessen.« Das Mädchen öffnete die Tür zu einer Kammer. Mit Toilette, Miniaturwaschbecken und Dusche – das hieß einer Armatur an der Wand und einem Bodenabfluss. In der Duschecke stand außerdem eine große blaue Plastiktonne. »Wir bekommen leider erst heute Abend Wasser. Dann mach ich Ihnen die Tonne voll.«

»Ist schon in Ordnung, ich nehme das Zimmer«, sagte Ulrich, der sich zwar insgeheim auf eine ausgiebige Dusche gefreut hatte, aber wusste, dass es auch in den besten Hotels von Tela nicht immer mit dem Wasser aus der Leitung klappte.

»In einer halben Stunde ist alles fertig«, erklärte das Mädchen.

Ulrich ließ den Koffer stehen und ging die paar Schritte bis zum Strand. Auf einem umgedrehten Boot im Schatten eines Meertraubenbaumes saß ein älterer Mann und entwirrte ein Fischernetz. Sie grüßten sich mit einem Kopfnicken. Zwei Hunde, die im Schatten gedöst hatten, kamen auf Ulrich zu und schnüffelten an seinen Beinen, befanden ihn dann aber für uninteressant. Er lief ins Wasser, erst kam eine tiefere Rinne, dann wurde es wieder so flach, dass das Wasser nur bis zu den Knien reichte. Erst danach lohnte es sich, kopfüber in die Wellen einzutauchen. Plötzlich war er wieder in einer anderen Zeit. Yessica drängte sich fast körperlich in seine Gedanken. Er spürte beinahe, wie sie sich ihm unterhalb der Wasseroberfläche näherte, die Beine, die sich um seine schlangen und ihn dann in strampelnden Schwimmbewegungen wieder losließen. Die Vorstellung war so lebhaft, dass er eine Erektion bekam. Er zwang sich, mindestens hundert Meter am Ufer entlangzukraulen. Dabei trieben ihm die Wellen beim Einatmen das Salzwasser in Mund und Nase. Das half hervorragend gegen erotische Fantasien.

Noch von Meerwasser triefend, stand er wieder vor dem Ami im Garten. »Haben Sie eigentlich Internet?«

Der Ami setzte ein künstliches Grinsen auf. »Wir haben so lange für einen vernünftigen Internetanschluss gekämpft, aber es gibt einfach keine Antenne in der Gegend, die stark genug ist. Auch der GSM-Empfang klappt nur selten. Es tut mir leid. Wenn Sie wirklich Internet brauchen, müssen Sie nach Tela fahren.«

»Aber Sie hatten doch mal Internet?«

»Wie kommen Sie denn darauf? Waren Sie schon hier?«

»Nur auf Durchreise. Ich muss das verwechselt haben.«

»Ja, bestimmt haben Sie das. Ihr Zimmer ist fertig, nur mit der Dusche müssen Sie wohl leider bis heute Abend warten.«

»Hat mir das Mädchen schon gesagt. Haben Sie vielleicht ein kühles Bier für mich?«

»Ja klar. Fanny, hol dem Gast ein kaltes Bier!«, rief er ins Haus.

Sogleich erschien das Mädchen mit einer Flasche Salvavida, auf der sich Kondenswassertropfen bildeten.

Der Blick auf das Meer, der noch vom Schwimmen erfrischte Körper, das kühle Bier in der Hand, fast fühlte sich Ulrich entspannt. Wenn er sich nicht in den Kopf gesetzt hätte, unbedingt eine Frau aus seiner Vergangenheit zu finden. Hinzu kam das vage Gefühl, dass an diesem Ort noch mehr nicht stimmte, als offensichtlich war.

2

30.05.2019

Kokosbrot von der Straße zu einer Tasse löslichem Kaffee auf dem Balkon schmeckte, zusammen mit der Meeresluft, ein wenig nach Urlaub. Ulrich hatte ohne Abendessen ins Bett gehen müssen. Das einzige Restaurant am Ort hatte Ruhetag und im Haus des Amis ließ sich nichts zubereiten, weil die Gasflasche leer war.

Schon vor Yessicas Haus, das er unverändert fand, verflog die Urlaubsstimmung wieder. Ulrich stieg gar nicht erst aus dem Auto, sondern setzte seinen Weg nach Tela fort. Dort parkte er am Beginn der Strandpromenade, um ein paar Meter zu Fuß zu gehen. Die Promenade war früher schon nicht ansehnlich gewesen, nun fand Ulrich sie komplett verschandelt. Man hatte die Palmen gefällt und den Sandstreifen verkleinert. Anstelle der Palmen standen nun riesige Kübel mit unangemessen mickerigen Pflanzen darin. In das Pflaster war in Mosaiksteinen www.victoria-sa.com eingelassen. Links von der gepflasterten Fläche standen säuberlich aufgereiht Korbstühle auf frisch gezimmerten Mahagoniterrassen. Die Disziplin der Stühle war nur durch ein paar vereinzelte Anzugträger gestört, die sich zu einer Besprechung zusammengesetzt hatten. Hinter den Terrassen warfen verspiegelte Fensterfronten das Abbild von Stuhlformationen vor Meerwasser zurück. Daneben parkte ebenso pedantisch in Reih und Glied wie die Korbstühle eine kleine Flotte mausgrauer Segways. Die Strandpromenade, so wie Ulrich sie kannte, war nicht länger als fünfhundert Meter, der Gebrauch elektrischer Fortbewegungshilfen wirkte daher einigermaßen lächerlich.

Was hier gebaut worden war, hatte nichts mit Ulrichs Vorstellung eines Karibikstrandes zu tun, sah eher aus wie eine kleine Version des Frankfurter Bankenviertels am Meer. Er drehte der neuen Gleichförmigkeit den Rücken zu und setzte seine Füße in das, was vom Strand übrig geblieben war. In der Mitte der Bucht war ein ziemlich großes Schiff zu sehen. Neben dem Schiffsschornstein glaubte Ulrich eine Art Kran zu erkennen. Hochseefischerei? Er beobachtete den entfernten Koloss eine Weile, versuchte auszumachen, ob er näher kam oder sich in irgendeine andere Richtung bewegte. Aber das Schiff schien vor Anker zu liegen.

Ulrich wandte sich wieder der Strandpromenade zu und versuchte sich für eines der Etablissements zu entscheiden. Alles, was er brauchte, war Internet, das Ambiente spielte keine besondere Rolle. Doch die strengen Stuhlformationen wirkten dermaßen feindselig, dass er weiterlief. Und tatsächlich, das Hotel, in dem er schon früher gerne seine Korrespondenz erledigt hatte, war noch da. Mit seiner weiß getünchten Fassade und der vergleichsweise kleinen Terrasse wirkte es nun deplatziert wie eine Gartenlaube mitten auf der Einkaufsstraße. Ulrichs Füße trugen ihn von selbst in den sicheren Hafen des Bekannten. Geradezu erleichtert war er, als er in der Lobby den Besitzer, einen dunkelhäutigen Mann mit grauem Haar und schwarz umrandeter Brille, herumlaufen sah. Ulrich hatte seinen Namen vergessen. Der Mann war Garífuna und treuer Anhänger der Nationalen Partei, jedenfalls damals. Er verachtete all jene, die den sozialen Bewegungen nahestanden, also auch Menschen wie Yessica. Der Mann würde ihn bestimmt gleich mit einem warmen Lächeln begrüßen. Ein guter Hotelier kannte die Gesichter seiner Gäste auch noch nach Jahren.

Ulrich setzte sich an den Tisch, der am nächsten an der WLAN-Antenne stand. Dann starrte er auf das leere Feld der Suchmaschine und fragte sich, wonach er eigentlich suchte. Klar, nach Yessica. Aber wie? Er tippte: Yessica López García.

Leider hatten ihre Eltern die Namensgebung nicht suchmaschinenoptimiert.

Yessica López García ist auf Facebook. Um dich mit Yessica López García zu verbinden … Nicht die Yessica López García, die du meinst?

Allein zwanzig Yessica López Garcías gab es bei Facebook, keine davon dem Foto nach die richtige. Manche hatten kein Foto von sich selbst als Profilbild, sondern Katzen, Blumen oder kleine Kinder und teilten noch dazu ihre Inhalte nur mit Freunden. Aber wenn Yessica bei Facebook wäre, hätte sie sich doch vor langer Zeit mit ihm angefreundet.

Auch die Trefferliste außerhalb des sozialen Netzwerks war hoffnungslos. Das Einzige, was Ulrich per Zufall weiterbringen konnte, war die Bildersuche. Vielleicht war Yessica bei irgendeinem Termin oder irgendeiner Demo fotografiert worden. Immerhin kannte er ihr Gesicht gut genug, um sie auch auf schlechten Fotos wiederzuerkennen. Stark geschminkte Yessica Garcías präsentierten ihr gefrorenes Lächeln, leicht bis gar nicht bekleidete räkelten sich im Nebel der Weichzeichnung, Mädchen posierten in verschiedenen Sportuniformen. Ach ja, auch Hunde und Katzen und selbst Polizistinnen durften nicht fehlen.

Ulrich konzentrierte sich auf Fotos von Versammlungen. Wenn man Yessica suchte, war es am wahrscheinlichsten, sie auf irgendeiner Art von Versammlung zu treffen. Sei es eine ihrer Aufklärungsstunden für Teenager oder eine politische Dorfversammlung. Yessica war in Menschenmengen ganz in ihrem Element. Ihre Reden hielt sie nicht, um selbst im Mittelpunkt zu stehen, sondern um zu überzeugen. Sie war selbstbewusst, aber nicht eitel.

Einen wie mich braucht sie nicht, ging es Ulrich wieder durch den Kopf. Ich war immer nur der Klotz am Bein. Und dann war da diese arrogante Angst gewesen, dass Yessica eine Ausfahrt nach Europa suchte.

Nein, Yessica war vielleicht empfänglich für ein Urlaubswochenende, ein schönes Kleid und ein gutes Abendessen, auch für Geld, um ihren Kindern eine bessere Ausbildung zukommen zu lassen. Der Gedanke, dass sie mehr von der Affäre gewollt haben konnte, war Unsinn, eigene Eitelkeit.

Ulrich blieb an einem recht unscharfen Foto hängen. Die stehende Person neben dem Flipchart konnte Yessica sein. Sie trug eine helle Jeans, ein gelbes T-Shirt und ein malvenfarbenes Kopftuch. Er klickte auf das Foto, in der Hoffnung, auf der dazugehörigen Seite mehr Informationen darüber zu erhalten, bei welcher Gelegenheit es gemacht worden war. Vielleicht war es ja noch nicht allzu lange her oder es gab sogar einen Hinweis auf Yessicas jetzige Tätigkeit. Das Foto ließ sich nur wenig vergrößern.

Das war eindeutig Yessica, die dort stand und redete. Allerdings erkannte Ulrich auch die Person, die in schlechter Haltung zur Linken der Rednerin saß. Es war er selbst in Jeans, blauem Poloshirt und mit einer etwas herausgewachsenen Frisur. Ulrich war enttäuscht, versuchte sich aber dennoch zu erinnern, wo sie gewesen waren und worüber sie geredet hatten. Er war nicht immer geistig anwesend gewesen. Manchmal hatte er nur seinen Part heruntergeleiert und danach kaum noch zugehört. In der Nachmittagshitze brach seine Konzentration oft zusammen.

Er gab auf. Die Spuren, die Yessica im Internet hinterlassen hatte und die ein Laie wie er in einer Stunde nachvollziehen konnte, waren unwesentlich und veraltet. Wenn er wirklich mehr über ihren Verbleib herausfinden wollte, sollte er sich weiter im Dorf umtun. Vielleicht nicht gerade bei den alten Männern.

Was hatte Juancito gestern gesagt, wie diese koreanische Firma hieß? Hyunwai? Und der honduranische Ableger, klar, Victoria S.A., die hatten sich ja gleich in der neuen Strandpromenade verewigt. Also: Hyunwai Victoria S.A. Tela Honduras.

Sie meinten: Hyunwoo Victoria S.A.?

Ulrich klickte auf den Link.

Am 21.12.2016 hat der Vorstandsvorsitzende der Victoria S.A. Huay Sooden Vertrag über die Entwicklung von Cuero Ulúa Victoria S.A. an der Atlantikküste unterschrieben. Er versprach, gemeinsam mit dem Komitee für die Beste Praxis die Sonderzone für Entwicklung und Beschäftigung schnellstmöglich zu verwirklichen und damit Wachstum und Wohlstand in die Region zu bringen. Auch könne der bereits ernannte Technische Sekretär Mauricio Bustillo nun bald offiziell sein Amt antreten.

Ulrich verstand kein Wort. Von der Sonderzone mit dem seltsamen Namen hatte gestern schon der Soldat an der Straße gefaselt. Aber was für ein Komitee und was für ein Sekretär? Waren diese Sonderzonen nicht längst vom Tisch gewesen? Und warum hatte er seinerzeit nichts von diesem Vertrag mitbekommen? Im Dezember 2016 war er noch in Honduras gewesen.

Er wusste, dass Yessica sich über die Sonderzonen ereifert hatte. Die Regierung wollte Teile des Staatsgebietes an Firmen vergeben, die dort sogenannte Modellstädte bauen sollten. Die Firmen wären gleichzeitig auch für die ganze Verwaltung zuständig und könnten Gesetze erlassen. Yessica hatte das Ganze mit den Konzessionen an die Bananengesellschaften Anfang des 20. Jahrhunderts verglichen. »Sie haben damals schon die Garífuna von ihrem Land vertrieben. Dann durften wir zurückkehren, weil die Panamakrankheit die Plantagen zerstört hatte. Und jetzt denkt man erneut, unser Land profitabel vermarkten zu können, also sollen wir wieder verschwinden.«

Zur Zeit des Bananenbooms hatte das Gebiet rund um Tela der United Fruit Company gehört. Aber was die Modellstädte anging, hatte Ulrich gedacht, dass das Projekt vom Verfassungsgericht abgelehnt worden war. Es half nichts, er musste wohl später Juancito danach fragen. Lag es an dieser Sonderzone, dass Triunfo halb verwaist erschien?

Er hatte noch eine Idee, wie er nach Yessica googeln konnte: Yessica López Gesundheitsberatung Frauen Mädchen Triunfo de la Cruz.

Sie nötigten die Frauen zur Abtreibung und vernachlässigten ihre eigenen Kinder.

Was war das? Ulrich folgte dem Link, landete auf einer Seite mit dem Namen Nomasmentiras – keine Lügen mehr. Unter der Überschrift prangten Passfotos von Yessica und ihrer Kollegin Laura.

Yessica López und Laura Benítez aus Triunfo de la Cruz haben jahrelang Frauen ihren Kinderwunsch ausgeredet, schwangere Frauen sogar zur Abtreibung genötigt, und das alles mit deutschen Entwicklungshilfemitteln. Um ihre eigenen Kinder kümmern sich die zweifache Mutter López wie auch Benítez, Mutter eines vierjährigen Sohnes, nicht. Sie haben ihre Kinder zu Verwandten abgeschoben, um besser andere Frauen agitieren zu können.

Benítez’ Nachbarn berichten, dass sie den Jungen im letzten halben Jahr nicht ein einziges Mal besucht habe. López und Benítez schimpfen sich Feministinnen, in Wirklichkeit sind sie nur Egoistinnen, die Entwicklungshilfegelder, die unsere arme Bevölkerung dringend braucht, in die eigene Tasche stecken und sich ein schönes Leben machen.

Einwohnerinnen von Triunfo fordern von den Entwicklungsorganisationen, sofort den Vertrag mit den Betrügerinnen zu kündigen und stattdessen Hebammen von dem Geld zu bezahlen. (25.11.2018)

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Kommunistische Indoktrination: Garífuna-Organisation will Nordküste an Kuba anschließen.

Ulrich klickte wahllos auf den zweiten Titel.

Die Garífuna-Organisation OCGH plant, die von der Regierung geplante Modellstadt zu sabotieren. Führende Mitglieder der Organisation, darunter Juan Pablo Murillo und Yessica López, wurden bei einem Treffen mit Vertretern der kubanischen Regierung beobachtet. Murillo und López leisten seit Jahren schädliche Propaganda gegen die Entwicklungspläne der Regierung. Mit dem jetzigen Treffen wurde offenbar, dass sie Agenten des kommunistischen Kubas sind. Denn während sie die Investitionen ablehnen, die die Regierung unseres Präsidenten ins Land geholt hat, nehmen sie bereitwillig Gelder der kubanischen Regierung entgegen. Die Garífuna-Organisation erkennt die Sonderentwicklungszone nicht an, es würde uns nicht wundern, wenn sie die Gebiete als Nächstes für zu Kuba zugehörig erklärt.« (13.8.2018)

Die OCGH, was für die Organisation der Garífuna-Gemeinden von Honduras stand, war seit ihrer Gründung vor fast dreißig Jahren nie eine Freundin der Regierung gewesen. Die Organisation forderte mehr Selbstbestimmungsrechte für die afroindigenen Garífuna. Zentrale Forderung war dabei von jeher, den kollektiven Landbesitz der Gemeinden zu respektieren. Dass die Mitglieder der OCGH diffamiert wurden, hatte schon fast Tradition.

Ulrichs Blick rutschte in Richtung der Kommentare unter dem Artikel.

Stellt diese Vaterlandsverräter an die Wand! Seit Jahren lassen wir uns das Gezeter dieser Nichtsnutze gefallen. Jetzt sehen wir auch noch zu, wie sie unsere schönen Strände Kuba in den Rachen werfen. Es reicht!

Kulturlose Halbwilde, alles Inzest, das Pack.

Deportiert sie nach Guantanamo!

Ulrich wollte gar nicht weiterlesen. Es war egal, ob die Kommentare echt waren oder Teil der Propagandashow. Leider folgten auf derartige Verleumdungen und Beleidigungen oft tätliche Angriffe.

Am beunruhigendsten war, dass der erste Artikel mit Fotos von Yessica und Laura versehen war. Aber wenn Yessica etwas passiert wäre, hätte ihm das wohl schon jemand gesagt.

Der Knall ließ das Geschirr auf den Tischen klappern und die Gäste kurzzeitig in ihren Posen gefrieren. Der Knall war nicht ohrenbetäubend, aber so dumpf, dass eine geballte Kraft dahinterstecken musste. Es war nicht der helle Klang eines Schusses. Nach der Erstarrung drehten sich die Leute auf ihren Stühlen um, fanden in den Gesichtern der anderen Gäste auch keine Erklärung und rannten aufgeregt zur Balustrade der Terrasse.

Der Eigentümer des Hotels eilte mit besorgtem Gesicht heraus, an einem Ohr sein Handy. Er nahm das Handy herunter, wischte die gröbste Besorgnis von seinem Gesicht und sprach mit lauter Stimme zu den aufgesprungenen Gästen: »Meine Herrschaften, bitte setzen Sie sich doch wieder. Wir werden mit Sicherheit bald herausfinden, dass dieser Knall harmlos war. Aber so lange bleiben Sie doch bitte hier und bewahren Sie Ruhe. Vielleicht ist auf einer der Baustellen etwas heruntergefallen, wir haben sehr viele Baustellen, da passieren manchmal Unfälle.«

Ulrich fand die Erklärung nicht gerade beruhigend. Sollte das heißen, dass den Bauarbeitern regelmäßig Betonplatten auf den Kopf fielen? Nach seinem unglücklichen Erklärungsversuch entdeckte der Hotelier Ulrich, der mit dem Rücken zur Balustrade stand, die Hände nach hinten aufgestützt. Der Eigentümer setzte ein breites Willkommenslächeln auf und kam mit ausgestreckter Hand näher.

»Welch eine Ehre! Seit wann sind Sie denn wieder im Land? Haben sich einfach so an mir vorbeigeschlichen, gibt es denn so was!«

»Das kann man so nicht sagen. Sie waren beschäftigt. Natürlich hätte ich Sie noch begrüßt. Wie geht es Ihnen? Wie läuft das Geschäft?«

»Bestens, mein Lieber, ich meine, mir geht es bestens, der Familie auch.« Er hielt noch immer Ulrichs Hand fest, die er geschüttelt hatte, und sah sich nun etwas nervös nach den Umstehenden um. »Lassen Sie uns später weiterplaudern, ich glaube, ich bekomme endlich jemanden ans Telefon.«

Seine letzten Worte wurden vom Lärm eines Hubschraubers zerhackt, der aus der Richtung des Meers kam und direkt über ihnen immer tiefer sank. Der Hubschrauber war olivgrün. Bald war er über das Hotel hinweg und schien im Zentrum von Tela zur Landung anzusetzen. In das Geräusch der Rotorblätter mischte sich Sirenengeheul. Die Gäste blickten verstört von einem zum anderen, tippten auf ihren Handys herum, schrien in ihre Telefone und hielten sich dabei das andere Ohr zu. Ulrich hatte ebenfalls instinktiv sein Handy gezückt, wusste aber nicht, wen er anrufen sollte. Seine alte Dienststelle? Vorsichtshalber die deutsche Botschaft in Tegucigalpa? Da kam auch schon wieder der Hotelier auf die Terrasse.

»Achtung! Darf ich kurz um Ihre Aufmerksamkeit bitten?«

Ein Mann mit Handy am Ohr und eine Dame, die sogar bis zum Strand hinuntergelaufen war, schenkten ihm keine Beachtung.

»Sie müssen mir jetzt zuhören! Das ist eine offizielle Ansage.«

Die beiden entlaufenen Gäste nahmen ihn immer noch nicht wahr. Er rannte die Stufen zum Strand hinunter, packte die Dame am Arm und zog sie hinter sich her. Das war immerhin so außergewöhnlich für einen Hotelier, dass der telefonierende Gast ihn jetzt neugierig anstarrte. Zurück zwischen den anderen Gästen ließ der Hotelbesitzer die empörte Dame wieder los, ohne sich auch nur bei ihr zu entschuldigen.

»Ich habe mit dem Polizeichef telefoniert. Es hat ein Attentat gegeben. Mehr wollte er mir nicht sagen. Es wurde eine sofortige Ausgangssperre in Cuero Ulúa Victoria verhängt. Ich muss Sie daher bitten, bis auf Weiteres hierzubleiben. Außerdem sollten Sie sich zu Ihrer Sicherheit in den Innenbereich des Hotels begeben. Wir werden Sie selbstverständlich informieren, sobald wir mehr wissen.«

Es folgte ein ziemlicher Tumult. Die einen sprangen auf, scharrten mit den Stühlen über den Boden und rafften ihre Teller zusammen. Die anderen warfen lauthals Fragen in den Raum.

»Und wie lange soll das Ganze dauern?«

»Kommen wir hier heute überhaupt noch weg?«

»Was fällt denen ein, ich habe Arbeit zu erledigen!« Wobei nicht klar war, wer mit ›denen‹ gemeint war, die Polizei oder die Attentäter.

»Können wir das bitte drinnen weiterdiskutieren?«, rief der Hotelier in die Runde. »Die Polizei patrouilliert schon durch die Stadt und fordert alle Menschen auf, Innenräume aufzusuchen. Wir wollen hier keinen Ärger mit der Polizei und möchten sie lieber bei ihrer Arbeit unterstützen. Seien Sie also bitte vernünftig und gehen Sie zügig hinein!«

Der Hotelier hatte recht, es machte sowieso keinen Sinn, auf der Terrasse herumzuhängen. Besser war es, sich drinnen schnell einen Platz vor dem Fernseher zu sichern.

Während die Leute noch diskutierten, schlängelte sich Ulrich in den innen liegenden Teil des Restaurants und fand sogar einen Stuhl unterhalb des Fernsehers, wo er auf Dauer Nackenstarre bekommen würde. Eine Serviererin zielte mit der Fernbedienung auf das Gerät. Auf HRN lief eine Telenovela, als wäre nichts geschehen. Sie schaltete weiter auf den Sender aus La Ceiba, auf dem ein Moderator fröhlich über einen bevorstehenden Festumzug quatschte. Nachdem sie sich durch vier oder fünf Kanäle gezappt hatte, landete sie beim oppositionellen Fernsehsender. Der Bildschirm war in der Mitte geteilt, links sah man den Moderator im Studio, rechts einen Korrespondenten, der aufgeregt von einem Bein auf das andere hüpfte und bei genauerem Hinsehen auf der Plaza von Tela stand. Im Hintergrund flackerte blaues Licht.

»Carlos, was ist passiert in Tela? Weiß man schon Genaueres?«, fragte der Moderator.

»Leider kann ich zurzeit nicht viel mehr als spekulieren. Es hat ein Treffen des Komitees für die Beste Praxis stattgefunden, es sollte gerade eine Pressekonferenz des Komitees, des Technischen Sekretärs und der Investoren starten, als es diese Explosion gegeben hat. Ich selbst war nicht dabei, sie haben mir den Zutritt verweigert.«

Er wurde fast von Sirenen übertönt, dann vernahm man laute Stimmen im Kommandoton. »Räumen Sie sofort den Platz!«

»Ich bin vom Fernsehen, hier ist mein Presseausweis!«

»Wer hat Ihnen erlaubt, hier zu drehen? Es herrscht Ausgangssperre.«

»Carlos, gibt es ein Problem?«, quatschte der Moderator dazwischen, obwohl das Problem offenkundig war.

»Es sind zehn Uniformierte, die gerade auf mich zukommen, soweit ich es erkennen kann, tragen sie die Uniformen der Militärpolizei.« Das rechte Bild wurde schwarz.

»Carlos, kannst du mich hören? Wir können dich nicht mehr sehen.«

»Sie haben den Kameramann mit dem Gesicht auf den Boden gedrückt und seine Arme auf den Rücken gedreht. Lassen Sie mich los!« Es folgte ein lang gezogener Schmerzensschrei, dann knackte und raschelte es, schließlich war die Leitung tot.

»Carlos? Wir können dich auch nicht mehr hören! Carlos? Meine Damen und Herren, es ist äußerst beunruhigend, was wir derzeit aus Tela vernehmen. Einmal mehr tritt dieser Unrechtsstaat das Recht auf Informationsfreiheit mit Füßen. Wir tun alles, um so schnell wie möglich wieder eine Verbindung mit unseren Kollegen in Tela herzustellen, um die wir nach dem Übergriff, den wir gerade live gesehen haben, sehr besorgt sind. Carlos konnte uns nicht mehr berichten, ob bei der Explosion in Tela Menschen zu Schaden gekommen sind. Wenn Sie uns gerade aus Tela zuhören oder mit Verwandten und Freunden dort gesprochen haben, rufen Sie uns bitte an und erzählen Sie uns, was Sie wissen. In diesem Moment hält das ganze Land den Atem an.«

Der Moderator wusste nichts und versuchte, die Zeit zu füllen, bis auf wundersame Weise eine Information bei ihm ankommen würde. Ulrich musste daran denken, wie am 11. September 2001 ein um Fassung ringender Ulrich Wickert über eine Stunde lang wirres Zeug geredet hatte, während im Hintergrund in Endlosschleife lief, wie erst in den einen, dann in den anderen Zwillingsturm ein Flugzeug hineinflog und eine riesige Rauchwolke herausquoll. Mehr noch als die qualmenden Hochhäuser hatte Ulrich damals das entgleiste Gesicht des sonst stets eloquenten Fernsehsprechers beeindruckt.

Ulrich sah sich im Raum um. Die Leute waren inzwischen hereingekommen, die Kellner trugen Teller und Getränke hinterher und räumten das nicht mehr gebrauchte Geschirr draußen ab. Für sie schien die Anweisung der Polizei nicht zu gelten. Rechts an der Wand lehnte der Hotelbesitzer und starrte ebenfalls auf den Fernseher, ohne gegen die Programmwahl zu protestieren. Ulrich war sich sicher, dass er diesen Sender im Normalfall nicht duldete. Nur folgte auf den Blackout leider nichts Informatives mehr.

»Jetzt suchen Sie schon einen anderen Sender«, rief Ulrich der mit der Fernbedienung fuchtelnden Serviererin zu. »Versuchen Sie es mal mit CNN,Al Jazeera oder Telesur! Von den honduranischen Sendern ist doch nichts zu erwarten.«

Die Serviererin folgte tatsächlich seinem Rat. Doch nichts. CNN zeigte eine Dokumentation über die höchsten Wolkenkratzer der Welt, Al Jazeera war nicht zu empfangen und Telesur berichtete über eine Korruptionsaffäre in Paraguay.

Ich muss hier weg, dachte Ulrich, und zwar sofort. Er wollte entweder zurück nach Triunfo oder direkt ins Zentrum des Geschehens, wo die Militärpolizei gerade den Fernsehreporter von der Straße gefegt hatte. Hauptsache, nicht in diesem Hotel mit diesen in Geld gepuderten und gleichzeitig etwas angestaubten Leuten sitzen. Es war seltsam, er war eigentlich kein ungeduldiger Mensch. War auf seinen Reisen ein Bus im Schlamm stecken geblieben oder der Reifen irgendeines Vehikels geplatzt, konnte er stundenlang am Straßenrand stehen und warten, bis die Panne behoben war. Wenn bei einem Gewitter der Strom ausfiel, konnte er einfach im trüben Zimmer sitzen bleiben und in den Regen starren. Wenn die Leute zu einer Dorfversammlung erst zwei Stunden später eintrudelten, war das auch kein Problem.

Das hier war neu. Es gab keine Bombenattentate in Honduras. Es gab Raubüberfälle, gezielte Hinrichtungen, Verschwindenlassen, Folter. Von Bombenattentaten hatte er noch nie gehört. Hier war irgendetwas anderes aus dem Ruder gelaufen und die Polizei wollte keine Zeugen am Tatort haben.

Umso seltsamer, dass es Ulrich so sehr nach draußen zog, raus aus seinem temporären Oberschichtengefängnis, dahin, wo man die Ereignisse auf der Haut spüren konnte – und sei es in Form von Schlagstöcken.

Ihm fiel nur ein Mensch ein, den er anrufen konnte, damit er ihn rausholte: seinen ehemaligen Chef. Allerdings wusste Ingo nichts davon, dass Ulrich sich in Honduras aufhielt. Wie viel weniger konnte er also ahnen, dass sein ehemaliger Mitarbeiter gerade wegen eines mutmaßlichen Bombenattentats in einem Restaurant in Tela festsaß?

Ulrich hatte sein altes Mobiltelefon aktiviert, in dem alle seine honduranischen Kontakte gespeichert waren. Es tutete fünfmal, schon erwartete Ulrich, dass die Mailbox antworten würde.

»Díga?«, sagte Ingos durch das Telefon entfernt klingende Stimme.

»Hier ist Ulrich, dein alter Kollege. Ich habe euch vor anderthalb Jahren verlassen.«

»Ulrich! Ja klar, ich weiß. Aber sag, was gibt es so Dringendes, was rufst du mich auf meinem honduranischen Movil an?«

»Ich bin in Honduras.«

»Nein! Du klingst eigentlich so, als würdest du vom Mars aus anrufen. Was machst du hier? Und warum hast du mir nicht vorher Bescheid gesagt? Mensch, das musst du mir alles in Ruhe erzählen. Aber jetzt ist gerade schlecht, ich bin inmitten einer Besprechung.«

»Entschuldige die Störung, aber es ist wirklich dringend. Ich sitze in Tela fest und muss hier weg.«

»Du bist in Tela?«

»Ja, und ich sitze unter einer verdammten Ausgangssperre in einem Restaurant. Ich komme nicht einmal an mein Auto, das steht am anderen Ende der Stadt.«

»Na, ich würde sagen, du bist auf jeden Fall sicherer, wenn du da sitzen bleibst. Wir haben gerade in den Nachrichten gehört, was passiert ist. Das kann doch nicht wahr sein. Als wenn nicht sowieso schon alles schlimm genug wäre.«

»Meinst du, dass du mir helfen kannst, oder nicht? Ich kann hier nicht sitzen bleiben, Ingo. Ich kann dir das jetzt nicht am Telefon erklären.«

Ingo stieß unwillig die Luft aus. »Es hat sich alles geändert. Wir haben in der Zone quasi keine Rechte, weil wir keinen Kooperationsvertrag mit dem Technischen Sekretariat haben. Ich muss jetzt auflegen. Ich rufe dich zurück, wenn ich aus der Sitzung raus bin, okay?«

»Wann …« setzte Ulrich an, aber sein Ex-Chef hatte ihn schon weggedrückt. Wahrscheinlich hatte er das Telefon gleich komplett ausgeschaltet. Ob er wirklich zurückrufen würde? Ulrich hatte keine Ahnung. Eigentlich war Ingo zuverlässig, kollegial und ließ auch in verfahrenen Situationen niemanden im Stich. Aber Ulrich war nicht mehr sein Mitarbeiter und sie hatten seit seiner Verabschiedung vor anderthalb Jahren keinen Kontakt mehr gehabt.

Ulrich ließ sein Handy aus zehn Zentimeter Höhe mit der Rückseite auf die Tischplatte plumpsen. Als wenn das Gerät etwas dafür könnte. Wenn er doch wenigstens rauchen würde. Die Raucher unter den Gästen durften trotz Ausgangssperre auf die Terrasse.

Zwei Stunden später stand Ingo plötzlich im Raum, streckte ganz nach deutscher Manier die Hand aus, um Ulrichs beinahe zu zerdrücken, eine Praxis, die er sich nach über fünf Jahren in Zentralamerika nicht abgewöhnt hatte. Er war ein auch für mitteleuropäische Verhältnisse großer Mann, in Honduras fiel er zwangsläufig auf und stieß sich auch nicht selten den Kopf an zu niedrigen Türrahmen. Trotzdem war nicht zu übersehen, dass sein Bauch sich zu einer ansehnlichen Kugel entwickelt hatte. Das weiße Poloshirt der Gesellschaft trug nicht gerade dazu bei, ihn schlanker erscheinen zu lassen. Die Poloshirts waren so Achtzigerjahre. Glaubten die deutschen Entwicklungshelfer wirklich, sie wären hier auf einem gemütlichen Golfausflug mit einem föngewellten Don Johnson? Konnte Ingo als Chef nicht etwas gegen diese unappetitliche Dienstkleidung tun?

Ingo interpretierte seinen gequälten Gesichtsausdruck falsch. »Habe ich dir wehgetan? Das tut mir leid, ich dachte, du wärst inzwischen wieder in deinem alten Kulturkreis angekommen.«

»Ja, und ich darf dir mitteilen, dass in meinem und deinem alten Kulturkreis seit mindestens zwanzig Jahren niemand mehr Poloshirts trägt. Wirklich, du solltest etwas unternehmen. Und sag jetzt nicht, dass ihr euch im Land der Maquilas keine neue Kleidung leisten könnt.«

Ingo lachte. »Ulrich, ganz der Alte, immer mit dem Blick fürs Wesentliche.« Einen gewissen Sinn für Humor konnte man ihm nicht absprechen. »So, und jetzt lass uns hier verschwinden, bevor irgendjemand anfängt, Fragen zu stellen. Das Auto steht vor der Tür. Ich fahre dich ganz schnell aus der Stadt raus und dann vergessen wir beide, dass wir uns heute überhaupt getroffen haben.«

Ulrich nickte, warf sich seinen Rucksack über die Schulter und klemmte den Laptop unter den Arm. Er sah sich nach dem Hotelbesitzer um, konnte ihn aber nicht entdecken, was seine Flucht vereinfachte.

»Don Camilo ist vorhin mit einem Polizisten weggefahren«, interpretierte Ingo seinen Rundumblick. »Ich konnte auf gar keinen Fall vor seinen Augen hier hereinlaufen. Das Auto ist schon auffällig genug.«

Eigentlich war es nur die Plakette der Deutschen Gesellschaft, die den Wagen auffällig machte. Ein silbergrauer Pick-up mit Doppelkabine und Allradantrieb, relativ neu, aber funktional. Auch die dunkel getönten, von außen kaum einsehbaren Scheiben waren üblich und galten als Sicherheitsmaßnahme für die Mitarbeiter. Allerdings hatte Ulrich gleich zu Beginn gelernt, dass es überlebenswichtig war, diese Scheiben in bestimmten Orten und Stadtteilen herunterzukurbeln, weil die jeweils herrschenden Banden nicht tolerierten, dass nicht identifizierbare Personen in ihren Hoheitsbereich eindrangen.

»Wieso tust du das für mich?«, fragte Ulrich, als sie im Wagen saßen und die Türen hinter sich zugeschlagen hatten.

»Weil du mich darum gebeten hast. Und weil ich nicht einschätzen kann, was hier als Nächstes passiert. Ich bin tatsächlich etwas besorgt um deine Sicherheit. Ich weiß nicht, ob du schon irgendwelche Nachrichten gehört hast. Die Explosion soll ein Attentat auf das Komitee gewesen sein, auch wenn die Komiteemitglieder anscheinend alle mit einem blauen Auge davongekommen sind. Aber es hat wohl den Technischen Sekretär und ein paar Journalisten erwischt. Offiziell bestätigt ist davon natürlich gar nichts.«

»Was meinst du mit ›erwischt‹? Tot?«

»Tot oder in akuter Lebensgefahr. Zwei Lokalreporter und eine ausländische Journalistin, heißt es, wobei die einen behaupten, sie sei US-Amerikanerin, die anderen, sie sei Argentinierin.«

»Mann, das ist heftig. Hat sich jemand zu dem Anschlag bekannt?«

»Viel mehr als du weiß ich auch nicht. Vielleicht sind die Reporter nicht tot, sondern nur schwer verletzt. Das Komitee und der Technische Sekretär hatten zu einer Pressekonferenz eingeladen. Ich glaube, es gab nichts wirklich Neues, das war eher eine Promotion-Veranstaltung.«

»Ich habe ehrlich gesagt keinen blassen Schimmer, was es mit diesem Komitee und dem Technischen Sekretär auf sich hat.«

»Du hast dich nicht so viel mit Honduras beschäftigt, seit du das Land verlassen hast, oder?«

»Geht so. Du weißt ja, wie viel bei uns in den Nachrichten über Honduras kommt.«

»Du hast mitbekommen, dass hier eine dieser Sonderentwicklungszonen eingerichtet wurde?«

»Ja, so weit bin ich. Sie sollten eine Art Freihandelszonen sein, die von Unternehmen regiert werden, oder? Soweit ich weiß, sollten sie selbst über ihre Steuern bestimmen dürfen und sogar ihre eigene Polizei einsetzen können. Aber ich dachte, das Verfassungsgericht hätte die Zonen kassiert.«

»Es wurde ein neues Gesetz verabschiedet, das im Prinzip den gleichen Inhalt hat. Für die Zonen gibt es ein internationales Komitee, das quasi die Regeln erarbeitet. Es wurde von der honduranischen Regierung eingesetzt. Aber inwieweit es noch Rücksprache mit ihr hält, weiß kein Mensch.«

»Aha. Und was verspricht sich die Regierung davon?«