Die Alchemie der Nacht - Heike Koschyk - E-Book

Die Alchemie der Nacht E-Book

Heike Koschyk

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Beschreibung

Der junge Medizinstudent Christoph Wilhelm Hufeland wird Zeuge, wie ein Kommilitone von einem Degenstoß niedergestreckt wird. Als die Leiche unter mysteriösen Umständen verschwindet, versucht er gemeinsam mit Helene, der Schwester des Toten, dieses Rätsel zu ergründen. Sie kommen einer blutigen Verschwörung auf die Spur - es geht um ein allmächtiges Heilmittel, skrupellose Menschenversuche an jungen Mädchen und die düsteren Machenschaften einer Freimaurerloge. Begleitet von Samuel Hahnemann, der seine Heilkunst der Homöopathie erst vollendet sieht, wenn er Gewissheit über eine letzte Frage gewinnt, begeben sie sich auf die Fährte einer geheimnisvollen Rezeptur, die ewiges Leben verheißt.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 686




Heike Koschyk

Die Alchemie der Nacht

Roman

Impressum

ISBN E-Pub 978-3-8412-0334-2

ISBN PDF 978-3-8412-2334-0

ISBN Printausgabe 978-3-352-00811-5

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, November 2011

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2011 bei Rütten & Loening, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über dasInternet.

Umschlaggestaltung capa, Anke Fesel

unter Verwendung des Gemäldes »Der Arzt« von G. Dou

© sotheby’s/akg-images

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital - die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

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Innentitel

Inhaltsübersicht

Informationen zur Autorin

Impressum

Inhaltsübersicht

PROLOG

JENA IM JANUAR 1780

DAS DUNKEL

1 JENA 15. BIS 16. SEPTEMBER 1780

2 KÖNIGSBERG 27. BIS 28. SEPTEMBER 1780

3 HETTSTEDT 29. SEPTEMBER 1780

4 KÖNIGSBERG 29. SEPTEMBER 1780

5 JENA 3. OKTOBER 1780

6 HETTSTEDT 20. OKTOBER 1780

7 BERLIN 21. BIS 28. OKTOBER 1780

8 JENA 30. BIS 31. OKTOBER 1780

9 HETTSTEDT 30. OKTOBER 1780

10 JENA 31. OKTOBER 1780

11 BERLIN 31. OKTOBER 1780

12 JENA ALLERHEILIGEN, 1. NOVEMBER 1780

13 KÖNIGSBERG 3. NOVEMBER 1780

14 JENA 9. NOVEMBER 1780

15 WEIMAR 10. NOVEMBER 1780

16 JENA 13. BIS 23. NOVEMBER 1780

DIE SPUR DER SCHLANGE

1 STÖTTERITZ 15. NOVEMBER BIS 8. DEZEMBER 1791

2 JENA 10. JUNI 1792

3 JENA OSTERN 1793

4 GEORGENTHAL APRIL 1793

5 JENA 5. MAI 1793

6 JENA 8. MAI 1793

7 JENA 9. MAI 1793

8 LEIPZIG 10. MAI 1793

9 JENA 11. MAI 1793

10 JENA, VOR DEN TOREN DER STADT 11. MAI 1793

11 JENA 12. MAI 1793

11 JENA 13. MAI 1793

12 JENA 1 4. MAI 1793

13 JENA 15. MAI 1793

INS LICHT

1 TORGAU 3. MÄRZ 1806

2 BERLIN 1 4. BIS 18. OKTOBER 1806

2 KÖNIGSBERG NOVEMBER 1806

EPILOG

ANHANG

REALITÄT VS. FIKTION

GLOSSAR

WAR HAHNEMANN EIN ALCHEMIST? – ÜBER DIE ANFÄNGE DER HOMÖOPATHIE

QUELLENHINWEISE

DANK

Leseprobe aus »Pergamentum - Im Banne der Prophetin«

|6|

|7|

Stadtplan Jena von Matthäus Seutter, 1758, mit freundlicher Genehmigung von JenaKultur – Stadtmuseum & Kunstsammlung

|9|PROLOG

Im Jahre 1764 gelingt es einer kleinen Gruppe besonnener Ordensbrüder, die Macht eines Mannes zu brechen, der es mit seinem dämonischen Charisma vermocht hatte, die größten deutschen Freimaurerlogen unter seiner Leitung zu vereinen: der Jenaer Großprior Friedrich von Johnssen. Er stirbt im Kerker der Wartburg, ohne dass ihm ein alchemistisches Geheimnis entlockt werden kann, das die Medizin revolutionieren könnte: die Rezeptur des allheilenden Lebenselixiers.

Es scheint, als sei sein kostbares Wissen für immer verloren. Bis sich im Jahre 1780 eine geheime Verbindung aufmacht, Johnssens Geheimnis und die Alchemie der Nacht zu entschlüsseln …

|11|JENA IM JANUAR 1780

Leiser Gesang drang an ihr Ohr, eine sich wiederholende Melodie, die anschwoll, sich verdichtete.

Eine Weile lag sie mit geschlossenen Augen und fühlte, wie die Betäubung langsam aus Geist und Körper wich, spürte den bitteren, Übelkeit erregenden Geschmack, der ihr bereits vertraut war, den brennenden Schmerz, der durch ihren Körper zog.

Anfangs hatte sie sich gefürchtet, wenn man sie ins Laboratorium rief, doch irgendwann gewöhnte sie sich daran. Ebenso wie an die Anfälle von Schwindel, die sie seitdem immer öfter überkamen, an das Pochen in Armen und Handgelenken, den Schmerz, der oft tagelang anhielt.

Dieses Mal aber war irgendetwas anders, wenngleich sie nicht sagen konnte, woran sie es festmachen sollte. Etwas hatte sie vorhin aus der Betäubung geweckt, eine heftige, stoßende Bewegung, eine neue Qual. Doch nun schien sie allein.

Irritiert sog sie die Luft ein. Es roch nach Säure, wie sonst auch, vermischt mit einem rauchigen, tannig-süßen Duft, der meist noch lange nach dem Erwachen in unsichtbaren Schwaden durch den dunklen Raum zog.

Es war immer derselbe Student gewesen, der ihr den betäubenden Trank eingeflößt hatte, so auch dieses Mal. Das sei notwendig, zur Wahrung eines der größten Geheimnisse der Wissenschaft, hatte er gesagt und dabei gelächelt. Aber das war ihr gleich, sie wollte gar nichts davon wissen. Wichtig war nur die Aufmerksamkeit, mit der ihr Vater sie bedachte, wenn sie ihm das Geld hinzählte.

Während die Schwere ihrer Augenlider langsam nachließ, wünschte sie sich die Zeit zurück, von der ihre Mutter immer |12|erzählte. Eine Zeit weit vor ihrer Geburt, die wundervoll gewesen sein musste, in der ihre Familie stets eine üppig gefüllte Geldtasche und einen reich gedeckten Tisch hatte. Damals, so seufzte Mutter immer, wenn sich wieder ein Student abmeldete, hätten sich die Jenaer Burschen darum gerissen, ein Zimmer in ihrem Haus zu bekommen. Sie hätten sogar zu dritt in einem Bett geschlafen, auf engstem Raum, und ein kleines Vermögen dafür bezahlt. Damals, bevor man den Großprior Johnssen als Hochstapler in der Wartburg einkerkerte und Ehrenbürger wie auch Studenten die Stadt in Scharen verließen, um den Untersuchungen der Behörden aus dem Weg zu gehen.

Ein plötzliches Knarren riss sie aus ihren Gedanken, der Gesang wurde lauter und nahm mit dem Geräusch der zufallenden Tür wieder ab. Sie vernahm leise Schritte, ein Rascheln von Stoff, ein Atmen, das sich stetig beschleunigte.

Jemand beobachtet mich, dachte sie plötzlich. Sie versuchte, die Augen zu öffnen, doch es wollte ihr noch nicht gelingen. Nur mit größter Anstrengung konnte sie das ungute Gefühl niederringen, das sich in ihr regte. Sie verabscheute diesen Zustand, in dem sie noch keine Kontrolle über ihren Körper hatte, hatte ihn immer nur widerwillig ertragen. Doch noch nie war jemand im selben Raum gewesen, während sie erwacht war, noch nie hatte der Gesang diese Intensität erreicht.

Ein furchtbares Bild schlich sich in ihre Gedanken, sie sah einen Mann mit blutverschmierten Händen und ebensolcher Schürze, sich windende Leiber in orgastischem Rausch. Sie dachte, den Namen Johnssen gehört zu haben, ehrfürchtig geflüstert. Woher kam diese Erinnerung, war sie nur ein Traum gewesen oder gar Wirklichkeit?

Das Gefühl der Bedrohung nahm zu. Nun wurde auch das fremde Atmen lauter, es kam näher.

Bodenlose Angst stieg in ihr empor und versetzte ihren Körper in Aufruhr. Dann, endlich, ließ das taube Gefühl nach, erst in den Beinen, dann in Händen und Rumpf. Sie vermochte die Lider zu heben und erkannte im Halbdunkel zwei Augen, die sie überrascht anstarrten.

|13|Er war halb entkleidet, das offene Hemd entblößte eine sehnige, nur wenig behaarte Brust, die Hose hing auf Höhe der Knie, das Geschlecht war deutlich erregt. Als sie an sich hinuntersah, fand sie ihr Kleid weit geöffnet. Mit fahrigen Händen versuchte sie, es zu schließen, sofort sprang er vor, um sie daran zu hindern. Sie schlug um sich und traf ihn am Kopf. Er fluchte leise, packte sie bei den Handgelenken und drückte dort zu, wo man sie frisch verbunden hatte, bis das Blut den Verband durchtränkte und sie begann, um Gnade zu wimmern.

»Still! Alles ist gut«, zischte er. »Wenn du dich ruhig verhältst, wird dir nichts geschehen.« Mit diesen Worten setzte er sich zu ihr und beugte sich herab. Sein Atem streifte ihre Wange, kam näher, bis zu den Lippen. Ihre Übelkeit nahm zu.

Sie erbrach auf seinen entblößten Schoß. Angewidert schnellte er zurück, schaute fassungslos auf das Malheur, das nun auf den Boden tropfte.

Der kurze Moment der Unaufmerksamkeit genügte. Sofort sprang sie auf und riss dabei einen gläsernen Kolben um, der neben ihr auf dem Tischchen stand. Sie ignorierte das Klirren, die kleinen Splitter, die über den Steinboden schossen und sich in ihre bloßen Füße bohrten, und eilte zur Tür. Den dunklen Korridor entlang, am kühlen Gemäuer tastend, hinaus auf den weiß bedeckten Weg. Ein eisiger Wind schlug ihr entgegen, stob Schnee vom dichten Geäst der Bäume, ließ die roten Früchte der Heckenrose auf dürren Zweigen tanzen.

Während sie den Pfad entlangstürzte, spürte sie, wie etwas an ihren nackten Beinen hinablief, etwas schien aus ihr herauszufließen, doch sie ignorierte es, rannte weiter ins Gehölz, dessen Tannen den Himmel fast verschluckten. Dichtes Astwerk schlug gegen ihren Körper, Zweige griffen nach ihrem Gesicht. Schließlich erreichte sie den Weg und überquerte die Brücke über die Saale.

Von weitem hörte sie ein wütendes Brüllen. Sie blickte um sich und sah keine Verfolger, doch es würde nicht lange dauern, bis sie ihre Spur aufnahmen. Einen kurzen Augenblick blieb sie stehen, heftig atmend, mit stechender Brust, und rang um Luft. Die aufgerissenen |14|Füße brannten im Schnee, als triebe man tausend kleine Nadeln in ihr Fleisch. Es schien ihr unmöglich, noch einen Schritt zu gehen. Doch sie musste weiter, niemand würde ihr hier zu Hilfe kommen können. War das Stadttor schon verschlossen?

Endlich gelangte sie zu den kleinen Gärten vor den Mauern der Stadt, in der Ferne sah sie die ersten Häuser. Sie überquerte den Mühlgraben, erreichte das offene Stadttor, lief am Hospital entlang zur Saalgasse. Eine Gruppe Studenten kam ihr entgegen, johlend und feixend, auf dem Weg zum nahe gelegenen Gasthaus. Einer hielt sie am Arm, doch sie riss sich los und lief weiter. Vorbei an den nachtgrauen Fassaden der Bürgerhäuser, hinter deren Fenstern die ersten Lichter entzündet wurden.

Der Weg war glatt, sie rutschte aus, fiel auf das steinige Pflaster und erhob sich strauchelnd. Dabei blickte sie zurück und sah, dass er ihr nun folgte und sich mit schnellen Schritten näherte. Dann war er bei ihr und riss sie herum. Sein Keuchen vermischte sich mit ihrem. »Mit Leib und Leben, Gut und Blut!«, zischte er und stieß warme Atemwölkchen in ihr Gesicht. »Vergiss das nie, hörst du? Niemals!« Seine Finger krallten sich schmerzhaft in ihren Nacken. Sie nickte. Er bohrte die Finger tiefer, bis der Schmerz in kleinen Blitzen durch ihren Rücken fuhr. Dann, kurz bevor ihre Beine zu versagen drohten, löste er den Griff und ließ sie stehen.

|15|I. TEIL

DAS DUNKEL

In Jena ist es Mode so: Da kann der Bruder Studio Bei seinem eifrigen Studieren Zugleich ein freies Leben führen. Kommt nun ein Jenscher Renommist Der Galle zeigt und Eisen frißtSo kann sein hohlgeschliffner Degen Die halbe Welt zusammenfegen.

Burschenfreiheit, altdeutsches Liedgut, Jena 1763

|17|1

JENA

15. BIS 16. SEPTEMBER 1780

An jenem schwülwarmen Septembermorgen, an dem das Unglück seinen Anfang nahm, erwachte Christoph Wilhelm Hufeland mit einem hämmernden Kopfschmerz. Noch während er sich aufsetzte und in das gleißende Sonnenlicht blinzelte, begriff er, dass er verschlafen hatte.

Rasch sprang er auf, taumelte kurz, fing sich wieder und stürzte zum Waschtisch. Mit geschlossenen Augen beugte er sich über die Schüssel und goss unerträglich warmes Wasser aus der bereitstehenden Kanne über seinen Kopf. Dann betrachtete er sich im kleinen Spiegel. Tropfen rannen über seine hohe Stirn, die gefällig gebogene Nase hinab, bis zu den herzförmig geschwungenen Lippen.

Das war also aus ihm geworden. Aus dem Sohn des angesehenen Leibarztes zu Weimar, hergeschickt, um nach dem Studium der Medizin die ehrwürdige Familientradition fortzuführen. Es hatte nur zwei Wochen gebraucht, um aus ihm einen jener Burschen zu machen, die sich in Gasthäusern herumtrieben und ihr Studiengeld versoffen. Ihm wurde übel.

Es war das letzte Mal, schwor er sich. Ab jetzt würde er sich wieder gewissenhaft seinen Studien widmen.

Hastig trocknete er sein Gesicht, band das dunkle Haar zu einem Zopf, stieg in die gelbe Hose und zog die Weste über. Es wäre schon die dritte Vorlesung von Professor Loder, die er verpasste, und diesmal würde er gewiss Meldung an den Vater machen.

Hufeland eilte die Stiege hinab und trat auf die Gasse. Beinahe wäre er über eine erbärmliche Gestalt gestürzt, die zusammengerollt auf dem Pflaster lag, wohl um ihren Rausch auszuschlafen. Von irgendwoher erklang ein helles Lachen.

|18|Plötzlich erinnerte er sich an den vergangenen Abend. Mit heißen Wangen entsann er sich, aus der Bibel rezitiert zu haben, als sich eine namenlose Schöne auf seinen Schoß setzte und die Arme um ihn schlang. Er hatte getrunken. Weit mehr als er vertrug. Er, der sich insgeheim darin rühmte, sich vortrefflich im Griff zu haben, war außer Kontrolle geraten. Und was noch weit schlimmer war: Es hatte ihm einen höllischen Spaß bereitet.

Die Welt hinter den Butzenscheiben der Wirtshäuser war eine, die ihm bislang verborgen geblieben war, laut und zügellos. Alles dort schien einem absonderlichen Rausch verfallen zu sein. Einem Rausch, der ihn nun wieder einholte, als er spürte, dass die Welt um ihn schwankte.

Hufeland stützte sich an die Wand eines eleganten Bürgerhauses und wartete, bis der Schwindel sich legte. Ein harter, prasselnder Regen setzte ein und ließ das von der Sonne erhitzte Kopfsteinpflaster dampfen. Er eilte voran, durch lange Gassen stolpernd, vorbei an hohen, farbig verputzten Häusern, denen man den Wohlstand der Bewohner ansah.

Alles nur Fassade, dachte er. Machte man nur einen Schritt abseits, gelangte man in ein Gässchen, direkt hinter dem Rathaus, durch das ein Bach floss, in dem sich die Kloaken der Hinterhöfe vereinigten. Dem Gestank war jetzt, in der Schwüle des Spätsommers, auch mit wöchentlichen Spülungen mit dem Wasser des Leutrabaches nicht beizukommen. Und doch gab es nicht wenige, die sich von dem weithin bekannten Rosmaringässchen angezogen fühlten, barg es doch neben dem tatsächlichen Schmutz auch den der käuflichen Vergnügungen.

Der Regen lief an Hufeland hinab, durchnässte seine Kleidung, als er den Weg in Richtung Stadtgraben einschlug. Er erinnerte sich an den Tag seiner Ankunft, an das Gefühl der Freiheit, als er das erste Mal allein mit der Postkutsche fuhr, aufrecht sitzend, den Koffer fest an seine Seite gepresst.

Der Ruf Jenas war zu ihm vorgedrungen, noch ehe er Kötschau passiert hatte, und das Gehörte hatte ihn mit einer eigentümlichen Spannung erfüllt. Roh seien die Sitten, studiert würde nur nebenher. |19|Man trachte danach, sich mit Bier und Weib zu vergnügen und sich bei jeder Gelegenheit zu duellieren.

Ob sein Vater davon gewusst hatte?

Hufeland dachte an ihn mit dem Respekt eines Jungen, der den Fleiß und die Frömmigkeit des Vaters ehrte. Nur selten hatte er es sich erlaubt, darüber zu grollen, dass ihn täglich die Wucht der Knute traf.

Nein, er hatte nicht vor, dem Laster zu verfallen. Er, Christoph Wilhelm Hufeland, würde sich gegen die Versuchungen dieser verteufelten Stadt stemmen.

Das Accouchierhaus lag auf einer kleinen Anhöhe, so dass es über die Häuser der Stadt emporragte. Ein baufälliges dreistöckiges Gebäude aus dem 16. Jahrhundert, das man mit geringen Mitteln instand gesetzt hatte, um es für jene Frauen zu öffnen, die ihre meist unehelichen Kinder entbinden wollten, ohne dafür in Haft zu kommen. Gleichzeitig sollte es als Lehranstalt dienen, für Hebammen und auch für angehende Ärzte. Eine ungeheuerliche Neuerung, gab es doch nur wenige Gebärende, die sich von Männern untersuchen lassen wollten.

Das große Haus mit dem Treppentürmchen lag direkt neben dem Pulverturm und den Rosensälen. Man hatte einen dieser neuartigen Gewitterableiter angebracht, um es vor einem Blitzeinschlag zu schützen, doch weit nötiger wäre es gewesen, es vor den Philistern zu bewahren, Spießbürgern, die die Einrichtung im Vorbeigehen als Sündenpfuhl verfluchten und Steine gegen die Mauern warfen.

Als Hufeland sich näherte, sah er Dürrbaum, den Hausvogt des Accouchierhauses, der die Stufen vor dem Eingang fegte. Sorgfältig, als wolle er damit den Vorbeieilenden beweisen, wie sauber es hier zugehe. Er blickte auf, als er ihn bemerkte, und winkte ihm freundlich zu, bevor er mit seiner Arbeit fortfuhr.

Noch während Christoph Hufeland die Brücke des Stadtgrabens überquerte und über den kleinen Platz zum Haus ging, drang ein gellender Schrei aus einem der Fenster. Hufeland hielt inne. Er zögerte, dachte an das neue Leben, das in ebendiesem Moment |20|begann, inmitten eines Schwalls von Blut und Wasser, und verspürte wenig Lust weiterzugehen.

»Los jetzt, geh schon«, flüsterte er, während er auf der Stelle wippte. »Du wirst es schon überstehen.«

Dann sah er an sich hinunter, das regennasse Hemd klebte an seinem Körper. Rasch strich er es glatt und ging mit einem knappen Gruß an Dürrbaum vorbei, langsam die Treppe hinauf in den ersten Stock, wo sich die Ausbildungsräume für angehende Ärzte und Hebammen und die Betten der Gebärenden befanden.

Die Luft im Saal war stickig und warm. An der Längsseite standen sechs Betten, alle unbenutzt mit blanker Matratze, bis auf eines.

Professor Loder hielt, umringt von einer kleinen Gruppe Medizinstudenten und zwei Hebammenschülerinnen, ein zart gebautes blondes Mädchen an den Schultern, das erbärmlich schluchzte und wild mit den Armen um sich schlug.

»Nein, gehen Sie weg, starren Sie mich nicht so an!«

»Sie redet im Fieber«, rief ein Kommilitone und trat einen Schritt zurück. »Wir sollten sie zur Ader lassen!«

»Zur Ader lassen?« Professor Loder schüttelte entrüstet den Kopf. »Wie viel Blut soll sie noch verlieren?«

»So viel, wie es Not tut, die Hure zum Schweigen zu bringen«, zischte der Student und lächelte blasiert, als Loder ihn streng ansah.

»Raus mit Ihnen, auf der Stelle!«

Der Student presste finster die Lippen aufeinander, statt zu gehen, rückte er einen Schritt vom Bett ab.

Als das Mädchen begann, die Umstehenden anzuspucken, brach Unruhe aus. Hufeland bemerkte einen Studenten, der sich an die Wand neben der Tür presste, den knabenhaften Ludwig Gerstel. Schweißperlen standen auf seiner bleichen Stirn.

»Ihnen behagt der Anblick Gebärender wohl auch nicht?«, flüsterte Hufeland und nickte dem Kommilitonen aufmunternd zu.

Dieser erschrak. Mit weit aufgerissenen Augen sah er ihn an, dann stürzte er an ihm vorbei, die Treppe hinab ins Freie.

Das Mädchen begann wieder zu schreien, es bäumte sich auf und |21|sah mit ängstlichem Blick in Richtung Tür, erblickte Hufeland und verstummte. Hufeland trat näher an es heran. Zu seiner Überraschung sah er, dass das Mädchen beinahe noch ein Kind war. Das offene Haar klebte am Gesicht, es fiel in regelmäßigen Wirbeln, als wäre es zuvor zu Zöpfen geflochten gewesen.

Eine neue Welle des Schmerzes ließ sie aufstöhnen. Sie keuchte, eine der Hebammenschülerinnen tupfte ihr mit unbeholfenen Bewegungen den Schweiß von der Stirn. Tiefe Röte überzog das Gesicht des Mädchens, breitete sich aus bis zum Hals, bis sich ihre Züge wieder entspannten und ihr Atem ruhiger wurde.

»Ich kenne sie«, stammelte Hufeland plötzlich.

»Bitte«, flehte das Mädchen und sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an, »bitte verraten Sie mich nicht!« Tränen liefen über die rotfleckigen Wangen. »Ich habe nichts Unrechtes getan.«

Erschöpft sank sie nach hinten. Das Laken verrutschte und offenbarte eine Blutlache, die die herbeigeholten Tücher nicht hatten halten können. Woher kam all das Blut? War das Kind bereits entbunden? Er hatte nicht einmal ihre Schwangerschaft bemerkt.

Professor Loder hatte die Szene aufmerksam verfolgt. Nun blickte er Hufeland streng an. »Kommen Sie«, sagte er.

Das Zimmer, in das der Professor ihn führte, lag abseits der Ausbildungsräume. Es war karg eingerichtet, nur ein Tisch und ein Stuhl standen darin. Der Regen hatte inzwischen aufgehört, nun schien die Sonne und trug eine dampfende Schwüle durch das geöffnete Fenster.

Professor Loder setzte sich auf die Kante des Tisches, wartete, bis er auf dem knarrenden Stuhl Platz genommen hatte, sah ihn dann auffordernd an. Ob er erzählen mochte, was er von dem Mädchen wisse.

Hufeland senkte den Kopf, wurde sich der Anstößigkeit seines wieder eng am Körper klebenden Hemdes bewusst, zog es mit zitternden Händen nach vorn und blickte dem Professor fest in die Augen. »Ich kenne sie nicht gut. Zumindest nicht auf diese … Weise.« Er errötete heftig.

Professor Loder nickte, seine Stirn lag in Falten.

|22|»Das Mädchen heißt Minchen«, fuhr Hufeland fort. »Es ist die jüngste Tochter der Familie Trautmann, die einige Studenten beherbergt.«

Und auch den Kommilitonen Johann Vogt, fügte er im Stillen hinzu. Ein leiser Verdacht keimte in ihm auf. Doch er schwieg, würde ihn nicht äußern, bevor er sich dessen sicher war.

»Ich möchte, dass Sie mir genau zuhören«, sagte Loder in die Stille hinein. »Mir ist nicht verborgen geblieben, dass Sie sich in jenes Jenaer Studentenleben stürzen, bei dem man sich nicht nur mit den Büchern vergnügt, und zu einem gewissen Teil ist das auch natürlich.«

Hufelands Wangen brannten.

Das gehe auch anderen so, erklärte Loder, doch man solle sich nicht davon mitreißen lassen, es gäbe reichlich Studierende, die den Abschluss aus genau diesem Grund nie erreichten.

Seine Stirn glättete sich, und er lächelte väterlich. »Sollten also Ihre Studien darunter leiden, müsste ich Maßnahmen ergreifen, die das verhindern. Sie sind ein kluger Kopf, Christoph, zudem hat Ihr Vater als Leibarzt am Weimarer Hof weitreichenden Einfluss. Aus Ihnen könnte etwas werden. Wenn Sie es denn aus tiefster Seele wollen, denn so ist es doch, nicht wahr? Dieser Beruf ist nicht wie die anderen. Er ist eine Berufung. Es wird keinen Feierabend geben, denn die Krankheit gibt auch des Nachts keine Ruhe. Sie werden Menschen gesunden sehen und sterben, doch Sie sollten nicht aufgeben, bevor Sie nicht das Beste getan haben, was Sie zu leisten vermögen.« Loder beugte sich vor und sah ihm in die Augen. »Da mag es begabte Studenten geben wie Sie, die das Talent zu einem Leibarzt haben. Doch nur aus einem Schüler, der fleißig und immerzu an seiner Vervollkommnung arbeitet, kann auch ein guter Arzt werden. Verderben Sie es sich nicht!«

Hufelands Wangen brannten noch immer, als er sich auf den Weg zur Vorlesung über die Geschichte der Medizin machte, die im Hause des Professor Gruner stattfand. Sie brannten sowohl vor Scham als auch vor Stolz.

|23|Er sei ein kluger Kopf, hatte der von ihm so verehrte Professor gesagt, und Hufeland wiederholte es flüsternd, immer und immer wieder.

Bis zum heutigen Tag hatte er die Bibel vier Mal gelesen, er konnte die Sprüche auswendig, war des Lateinischen mächtig, ebenso des Griechischen, war bewandert in Geschichte, Geographie und Naturkunde. Er wusste Gott zu fürchten, genauso wie seinen Vater, und eine Art Dankbarkeit für all die Jahre zu empfinden, die ihn so hart geschliffen hatten. Und dennoch war ihm von seinem gestrengen Hauslehrer und Theologen Restel, einem ernsten, harten Mann mit einer Habichtsnase, immer wieder vor Augen geführt worden, was aus ihm werde – nämlich nichts, dumm, wie er sei, bis er es am Ende selbst glaubte.

Nun aber ging er aufrecht durch die Gassen, voll Sehnsucht nach dem Leben, erfüllt von Glück. Frei von der Übelkeit, die ihn noch am Morgen fest im Griff gehabt hatte.

Doch als er in die Johannisgasse bog, in der auch die Unterkunft des Kommilitonen Vogt lag, musste er an das junge Mädchen denken, das er im Accouchierhaus erkannt hatte. Bei Gott, sie war noch so jung! Gewiss, es gab ein Alter, bei dem man nicht damit rechnete, dass ein solch junges Ding in der Lage war zu empfangen. Er hatte ihren Beteuerungen geglaubt, dass sie nichts getan hatte, es herbeizuführen. Nein, das hatte sie sicher nicht. Aber was wusste man in diesem Alter schon von den geschlechtlichen Dingen? Professor Loder hatte angedeutet, dass er bei der Untersuchung der Schwangeren kein Jungfernhäutchen mehr vorgefunden hatte. Vielleicht hatte sie nicht gewusst, was sie tat und welche Konsequenzen es haben könnte?

Hufeland schüttelte den Kopf. Im Grunde ging es ihn nichts an. Hier in Jena war jedes siebte Kind ein Balg. Die Studenten trieben es bunt, und viele Mädchen hofften auf das eheliche Glück mit einem Mann, dessen Zukunft vielversprechend war. Aber selbst wenn Minchen schuld an ihrem Schicksal war, so würde er sie nicht verraten, auch wenn er sie kaum kannte. Mehr könnte er für sie ohnehin nicht tun. Doch es reizte ihn herauszufinden, ob ein |24|gewisser Johann Vogt etwas zu ihrem Unglück beigetragen hatte, der bei der Familie Trautmann sein Zimmer hatte.

Die Gassen wurden voller, waren bevölkert von Menschen, die Körbe mit Obst und Kartoffeln davontrugen und Säcke voller Kohlen. Es war Markttag. Händler hatten ihre Stände aufgebaut und boten Essbares feil, Wolle und Holzarbeiten, Seife und Zinngeschirr. Ein kleiner, runzeliger Perückenmacher pries lauthals Allonge-Perücken an, die keiner mehr wollte. Studenten standen feixend vor seiner Auslage und bewarfen sich gegenseitig mit einem seiner Modelle, während der Mann den Preis seufzend auf fünf Groschen senkte. Ein Mann mit einem Handkarren bahnte sich laut schimpfend seinen Weg durch die Menge und verhinderte gerade noch, dass ihm ein kleiner Junge einen Kohlkopf von der Ladefläche stahl.

Es roch nach Äpfeln und Duftwässern, Verdorbenem und Schweiß. Das Getöse und Lärmen schmerzte in Hufelands Ohren, als er in die Menge eintauchte. Er hätte den Marktplatz umgehen können, doch er hatte es eilig. Der Duft gebratener Würste zog in seine Nase und erinnerte ihn daran, dass er noch nicht gefrühstückt hatte. Er konnte den köstlichen Geschmack, den Rauch, die salzige Würze beinahe auf seiner Zunge fühlen, doch er hatte keine Zeit, sich kulinarischen Genüssen zu ergeben, er musste zur nächsten Vorlesung, wenn aus ihm etwas werden sollte.

Er hatte den Marktplatz beinahe überquert, da zog ein stattlicher Kaufmann seine Aufmerksamkeit auf sich, der Kleidung nach vermögend. Die hüftlange Weste war aus golddurchwirktem Brokat, und er trug eine seidig schimmernde Cravate. Um ihn herum hatte sich eine Traube Neugieriger gebildet, seinen Worten lauschend, die von unantastbarer Gesundheit kündeten und von ewiger Jugend. Er hielt ein kleines Fläschchen in die Luft und pries es als Wunderelixier nach geheimen Rezepten des Orients.

Hufeland blieb stehen. Der Mann zog den Korken, trat dicht an die Umstehenden heran und wedelte einen Duft hinüber, der von fernen Ländern kündete. »Ich habe einige davon erstehen können, allesamt aus dem Besitz eines mächtigen Königs«, sagte er und |25|klopfte auf eine große Tasche, die fest an seinen Körper geschnallt war.

Hufeland versuchte, den Duft einzusaugen, glaubte, Zimt ausmachen zu können, doch er hatte dieses kostbare Gewürz nur einmal gerochen, und das war schon lange her. Zu gern hätte er sich eines dieser Fläschchen gekauft, und sei es nur, der sagenhaften Heilkraft auf den Grund zu gehen. Er dachte an die vielen kranken Menschen, denen selbst der Vater nicht hatte helfen können, an all die furchtbaren Krankheiten, die sich immer wieder wie ein giftiger Schleier über die Städte legten und zahllose Leben erstickten. Wenn es ihm nur gelänge, eine Arznei zu erschaffen, die jegliches Leiden zu lindern vermochte!

Noch einmal atmete er den blumig-würzigen Duft ein, bevor der Händler den Korken wieder in den Flaschenhals schob.

»Was verlangen Sie dafür?«

»Dreißig Groschen, Bursche, für dich zwanzig. Und das ist nicht viel, wenn man bedenkt, wie viel ein Kurpfuscher erhält, wenn er dir einmal in den Rachen schaut!« Er lachte.

»Ich werde es mir überlegen.« Hufeland nickte höflich und drehte sich weg. Der Preis überstieg sein deutlich geschrumpftes Kapital. Und, ach, es war wohl töricht zu glauben, ein einziges Heilmittel könne alle Menschen vom Übel befreien.

Während er weiter zum Haus des Professor Gruner eilte, rief er sich noch einmal das Gespräch mit Professor Loder ins Gedächtnis.

Ja, er wollte Arzt werden mit jeder Faser seiner Seele, nicht nur, weil sein Vater es bestimmt hatte. Und er würde den Versuchungen dieser verrohten Stadt widerstehen. Sich an jene halten, die weniger an Vergnügungen interessiert waren als an der Erforschung der menschlichen Krankheiten und deren Heilung.

Er blieb stehen, blickte zum bedeckten Himmel und atmete die schwüle Luft ein, füllte seine Lungen, als wäre es die eines kristallklaren Tages. Er, Christoph Hufeland, trat nun an, sich den Erneuerern anzuschließen, die sich aufmachten, der Welt zu beweisen, dass weder die Pocken noch das Scharlachfieber oder die |26|Arthritis ihren Ursprung in der Willkür Gottes nahmen, sondern einzig in der mangelnden Kenntnis um deren Beseitigung.

Hufeland hatte gerade mit seiner Gastfamilie zu Abend gegessen, Krautsuppe und etwas Brot, und wollte sich in seiner Stube auf die Vorlesungen des nächsten Tages vorbereiten, als es an der Tür klopfte.

Marie, die Dienstmagd, steckte ihren Kopf ins Zimmer und kündigte mit hochroten Wangen einen Herrn Studioso an.

Johann Vogt, Medizinstudent im dritten Semester, schob sich mit einem anzüglichen Grinsen eng an ihr vorbei in die Kammer und schloss hinter dem davoneilenden Mädchen die Tür.

»Die ist nicht spröde«, raunte er ihm zu. »Aber man sollte sie nicht anlangen. Das ist die Scharmante vom Hans Kaltschmied. Der ist bei den Mosellanern, mit denen ist nicht zu spaßen!« Er schritt zum Fenster und spähte nach draußen.

Hufeland stand still, mit herabhängenden Armen. »Mosellaner?«

Vogt sah sich um. Ein kurzer Blick auf das Tischchen, an dem Hufeland soeben gearbeitet hatte, genügte, um ihm ein hämisches Lächeln zu entlocken.

Er nahm eine Tabakpfeife aus seiner Hosentasche und paffte kalten Rauch. »Mit den Mosellanern werden Sie schon noch Bekanntschaft machen, da geht kein Weg dran vorbei! Sie tragen grüne Hosen mit weißem Rock und machen sich mit überheblichem Gang lächerlich.« Er musterte Hufelands gelbe Hose, die saubere gleichfarbige Weste, den straff zusammengedrehten Zopf und seufzte. »Wird Zeit, dass Sie das wahre Leben kennenlernen.«

Hufeland sah starr auf die Blätter, die auf seinem Studiertisch lagen und die er mit Notizen zur vergangenen Vorlesung zu füllen suchte. »Nein, heute werde ich mich meinen Studien widmen«, sagte er und straffte die Schultern, stolz auf seine Standhaftigkeit.

Vogt grinste ungläubig. »Glauben Sie ernsthaft, mit dem Doktortitel in der Tasche die Menschheit zu retten? Vielleicht sollten Sie besser Theologe werden, damit hat man hier mehr Erfolg.«

Als Hufeland nicht reagierte, packte er ihn energisch am Arm |27|und zog ihn die Stiegen hinab. Es sei unhöflich, sich dem Ruf der Landsleute zu verwehren, sagte er. Heute sei der Tag, an dem er wichtigen Studenten begegnen solle, die ebenfalls aus der Weimarer Gegend stammten. Auch sei es an der Zeit, einer Loge beizutreten, anders könne man gesellschaftlich nicht überleben. Hier ebenso wenig wie anderswo in deutschen Landen und dafür müsse man Kontakte knüpfen, sonst würde einem der Einlass zu den wichtigen Zirkeln verwehrt.

»Sie werden sehen«, sagte er lachend, »diese Stadt ist ein Dorf, in dem jeder jeden kennt.«

An der Tür zur Gasse blieb Hufeland zögernd stehen. Das wahre Leben, wie Vogt es nannte, war eines derjenigen Dinge, die er in den vergangenen Tagen weiß Gott zur Genüge kennengelernt hatte. Das wahre Leben aber, dachte er, findet woanders statt, in den Bürgerhäusern hinter zugezogenen Gardinen und auf dem Lande, wo die Bauern mit den Tieren in einem Raum leben, bei ungenügender Hygiene, die noch immer Krankheit und Tod bringt.

Nur widerwillig ließ er sich nach draußen drängen. Vielleicht, so dachte er beschwichtigend, wäre es eine gute Gelegenheit, seinem Verdacht gegen Vogt nachzugehen, der sich als ein übler Renommist erwiesen hatte. Dieser eine Abend nur, bloß um sich zu vergewissern.

Mit gesenktem Kopf versuchte Hufeland, den Blicken der Frauen auszuweichen, die sich an die Mauern der Bürgerhäuser drückten und ungeniert lachten, wenn ihnen einer der jungen Herren in die Wange kniff. Die Gassen waren, obgleich noch früh am Abend, vom Lärmen und Singen erfüllt. Einer der Studenten spielte mit einer Violine zum Tanz auf.

»Hast du das von dem Minchen gehört«, fragte er Vogt, als sie stehen blieben, um eine Meute laut singender Burschen an sich vorüberziehen zu lassen. Noch im selben Moment ärgerte er sich über den ungeschickten Vorstoß.

Vogt sah ihn verdutzt an. »Du weißt von dem Minchen? Ihr Vater ist beinahe wahnsinnig vor Sorge. Seit drei Tagen ist sie verschwunden!«

|28|Hufeland sog die Luft ein. »Na, das meinte ich doch. Dass sie verschwunden ist.« Froh, dass die grölende Meute jede Nachfrage verhinderte, wandte er den Blick ab. Wartete, bis sie vorüber war und die Menge sie weiter gen Rosenkeller schob.

Mit gesenktem Kopf lief er voran, die Beine des vor ihm gehenden Kommilitonen fest im Blick. Dabei stieß er an einen jungen Mann in Lederhosen und derben Kanonenstiefeln, der einen Degen am Gürtel trug. Als Hufeland aufsah und in sein finsteres Gesicht blickte, wünschte er sich, er wäre in seinem Kämmerlein geblieben und hätte Vogts Drängen widerstanden.

»He, Füchslein! Was hast du für eine schicke Uniform. Willst wohl die Mädels beeindrucken, was? Stinker, dich kann man ja schon von weitem riechen!« Der Mann baute sich vor ihm auf und ballte die Fäuste.

Hufeland betrachtete das gerötete Gesicht, die geplatzten Äderchen, die vorquellenden Augen. Er dachte an die neue Theorie, von der er gerade gelesen hatte und die sich anschickte, die Medizingeschichte zu revolutionieren. Überrascht stellte er fest, wie recht John Brown doch hatte, wenn er behauptete, die Gesundheit sei abhängig von der Erregbarkeit des Menschen. Und ja, hier sah man ein Paradebeispiel für die Richtigkeit seiner Überlegung: Dieser Mensch, der vor ihm stand und seine Gesichtszüge nur schwer unter Kontrolle hatte, war in höchstem Maße sthenisch. Wahrscheinlich förderte er diesen Zustand nur noch, indem er dem Branntwein zusprach, einem üblen Reizverstärker. Es war dringend notwendig, diese Überreizung zu vermindern, durch Blutentzug beispielsweise oder durch Gaben von Abführ- oder Brechmitteln.

»Zum Teufel, willst nicht reagieren? Bist wohl ein Schisser, was?«

Ein unerträglich saurer Geruch wehte zu ihm herüber.

»Sie sollten nicht zu viel trinken, mein Freund. In Ihrem Zustand dürfte das …«

Der erste Schlag traf ihn am Kinn. Hufeland ballte die Fäuste, während er zu Boden fiel. Sofort war eine wilde Rauferei im Gange, in die sich nun auch Vogt und drei weitere Studenten einmischten.

Hufeland schien vergessen. Er blieb liegen, bemühte sich darum, |29|das harte Pochen am Kinn zu ignorieren. Er versuchte sich vorzustellen, dass das schmerzende Kinn nicht zu seinem Körper gehörte, dass er es von seinem Ich absondern könne, bis das Innere über das Übel triumphierte. Es gelang rasch, darin hatte er Übung. In diesem Zustand fand ihn Vogt, der eine Weile brauchte, um sich ihm bemerkbar zu machen.

»Johann«, flüsterte Hufeland, »ich möchte heim.«

»Kommen Sie«, sagte sein Kommilitone kopfschüttelnd, aber nicht unfreundlich. »Sie werden doch jetzt nicht schlappmachen wollen.«

Das Gasthaus, zu dem Johann Vogt so zielsicher strebte, erreichten sie an diesem Abend nicht. Über ihren Köpfen braute sich ein Gewitter zusammen, und es war nicht natürlichen Ursprungs. Noch Jahre später erinnerte sich Hufeland an den scharfen Wind, der plötzlich aufkam, Mützen und Tücher durch die Gassen wirbelte, und an den knabenhaften Ludwig Gerstel, den er erst entdeckte, als das Unglück bereits geschehen war.

Zunächst war nur ein Aufschrei zu hören, der sich jedoch nicht wesentlich von dem übrigen Trubel abhob. Dann aber kam Bewegung in die Menge, sie stob kreischend auseinander vor zwei jungen Burschen, die sich gegenseitig durch die Gasse trieben. Der eine, ein kräftiger Kerl mit dunklen Haaren, der die rote Jacke der Holsteiner trug, drohte mit dem Degen und rief mit wutverzerrtem Gesicht: »Stell dich, Scheißkerl, zeig, dass du ein Mann bist!«

Der andere, ein junger blonder Mann mit ausgeprägten Wangenknochen, nicht minder groß als der Angreifer, sah nicht so aus, als wollte er diesen Kampf. Mit großen Schritten wich er rückwärts aus, während er versuchte, den Stoß seines Gegners mit einem Stock abzuwehren. Hufeland erkannte in ihm einen Kommilitonen und engen Freund Johann Vogts, Albert Steinhäuser.

Duelle waren in Jena beinahe an der Tagesordnung, wurden bei der geringsten Beleidigung eingefordert. In der Stadt und den Vororten, in Wirtshäusern, Mühlen und Privathäusern, trotz Androhung von Geldbußen und Karzerhaft. Von diesem jungen Holsteiner Landsmann aber, der nun stehen blieb und Albert mit |30|funkelnden Augen maß, ging eine Bedrohung aus, die Hufeland unwillkürlich zurückweichen ließ. Bange suchte er Zuflucht in einem der Hauseingänge, neben zwei Studenten, die die Mädchen, die sie begleiteten, schützend in den Arm nahmen. Schlagartig war es still in der Gasse geworden.

»Lass mich in Ruhe«, schrie nun Albert Steinhäuser, und seine Stimme überschlug sich. Er trat einen Schritt zurück und wäre beinahe gestolpert.

»Narr, feiger, wie könnte ich dich gehen lassen!«

Der Holsteiner reckte den Kopf, und die glänzende Klinge in seiner Hand spiegelte die Sonnenstrahlen auf sein Gegenüber. Er schwang den Degen und ließ ihn mit einem gezielten Hieb auf den Stock niederfahren, der krachend zerbarst. Der Dunkelhaarige grinste angesichts seiner offensichtlichen Überlegenheit, beobachtete belustigt den vor Schreck erstarrten Albert, kitzelte ihn mit der Degenspitze am Hals. Dann schien sein Zorn wieder überhandzunehmen. »Du Kanaille, wirst du wohl um deine Ehre kämpfen!«

Mit einer schnellen Bewegung zog der Holsteiner einem überraschten Schaulustigen den Degen aus dem Gürtel und warf ihn seinem Gegner zu. »Hier, oder hat dich dein Fechtmeister nicht gelehrt, damit umzugehen?«

Klirrend fiel die Klinge zu Boden. Albert schien zu erkennen, dass er keine Wahl hatte, als sich dem Rencontre zu stellen. Er bückte sich, ohne den Blick von seinem Gegner zu wenden, und hob die Waffe langsam auf.

Hufeland meinte, einen Ruck durch Alberts Körper gehen zu sehen, als dieser begann, die erneut einsetzenden Hiebe zu parieren.

Der junge Mann stellte sich geschickt an, bewies sogar eine gewisse Leichtigkeit in der Führung des Stoßdegens. Ja, eine Zeitlang schien sich sogar ein ausgeglichener Wettkampf zu entwickeln, und die Umstehenden begannen, mal den einen, mal den anderen anzufeuern.

Doch Alberts Kraft schwand merklich, und schon bald zitterten seine Hände unter der Wucht der Stöße. Die Hiebe des Angreifers |31|wurden härter, mehr als einmal erwischte dessen Klinge Alberts Arm und Hand. Das Blut rann aus den offenen Wunden, einige riefen, der Kampf solle abgebrochen werden, der Sieger stehe ohnehin fest. Die Menge aber tobte, verlangte johlend nach mehr.

Der Holsteiner schien wie von Sinnen, einem Blutrausch erlegen, stieß ohne Unterlass in Richtung Brust. Albert schlug sich mit der Verzweiflung eines Todgeweihten, die Augen starr auf die tanzende Klinge des Gegners gerichtet. Noch einmal stieß Albert mit einem verzweifelten Aufschrei nach vorn und zog mit seiner Waffe eine blutige Spur im Gesicht des Angreifers. Dieser schrie auf, doch plötzlich erscholl von der gegenüberliegenden Seite ein Ruf: »Verschwindet, Polizei!«

Dann ging alles ganz schnell. Obwohl noch kein Deut einer Uniform zu sehen war, stoben die Schaulustigen auseinander und rannten die Gassen entlang. Dort, wo ein Karren den Weg versperrte, entstand Aufruhr, eine Frau fiel hin und wurde erst überrannt, dann aufgehoben und mit der fliehenden Menge weitergeschoben.

Den Moment der Ablenkung nutzend, warf Albert den Degen von sich, drängte fliehend in die Menge, und für einen Moment schien es, als nähme der Kampf einen glücklichen Ausgang. Doch nur einen kurzen Moment später brach Albert nach vorn gekrümmt zusammen.

Hufeland sank in die Knie, als wäre er selbst das Opfer. Hatte der Holsteiner die Verfolgung aufgenommen, ihn rücklings niedergestreckt? Angestrengt starrte er in Richtung des Gefallenen. Noch verhinderte die kopflos auseinanderlaufende Menge den Blick, dann aber leerte sich die Gasse. Der Holsteiner stand mit breiten Beinen über dem am Boden liegenden Albert und blickte hektisch um sich. Als auch jetzt noch kein Polizist zu sehen war, trat er gegen den leblosen Körper, beugte sich herunter und begann, die Taschen zu durchsuchen.

Hufeland drückte sich in den Hauseingang, wagte kaum zu atmen. Die warme Mauer im Rücken, beobachtete er den Holsteiner in seinem unwürdigen Tun. Dieser schüttelte bald unwillig den Kopf und erhob sich. Dann streifte er die blutige Degenspitze am |32|Hemd des Liegenden ab, spuckte ihm geräuschvoll auf den Kopf und lief davon.

Von der gegenüberliegenden Häuserzeile löste sich ein Schatten, lief auf Albert zu. Hufeland erkannte Ludwig Gerstel, schmächtiger als zuvor, mit blutleerem Gesicht, gespenstergleich.

»Es ist meine Schuld!«, flüsterte Gerstel tonlos und legte seinen Kopf auf den Rücken des Regungslosen. Dann richtete er sich auf, schrie es in die beginnende Nacht hinein: »Meine Schuld!«

Hufeland barg sein Gesicht in den Händen. Dann war es still.

Der Braune trabte voran, zog die Kutsche den holprigen Weg entlang, vorbei an dichten Bäumen, Moos und Farn. In der Nacht hatte es geregnet, bis die Morgensonne die Wolken vertrieb. Die Luft war nun kühl und klar, alles versprach einen wunderbaren Spätsommertag.

Hufeland betrachtete das strahlende Gesicht seiner älteren Schwester, die in diesem Moment die Hand ihres Mannes, Ernst Adolph Weber, drückte, der, noch nicht einmal dreißig, im letzten Jahr zum dritten Theologieprofessor berufen worden war. Hannchen war sicher einer der Gründe, warum ihn sein Vater zum Studium nach Jena hatte gehen lassen, sie war Aufsicht und Gewissen zugleich. Doch hatte auch ihre Anwesenheit nicht verhindern können, dass die Dinge ihren furchtbaren Lauf genommen hatten.

Ihre Blicke begegneten sich. »Geht es dir gut, Christoph?«, fragte sie sanft. Dann stutzte sie. »Was hast du mit deinem Kinn gemacht?«

Hufeland strich sich über das verfärbte Kinn, zuckte die Schultern und wandte den Blick ab. Starrte auf die vorbeiziehenden Bäume, das Spiel von Licht und Schatten, die Sonnenstrahlen, die ihr gleißendes Licht ins Dunkle trieben. Sein Kinn schmerzte noch immer, aber was war das schon gegen das, was nur wenige Augenblicke nach dem Schlag gefolgt war?

Noch spät in der Nacht, als er in seinem Zimmer gelegen hatte und an Schlaf nicht zu denken war, hatte er die Bilder des leblosen Körpers nicht vergessen können, das Blut, das das staubige Pflaster |33|färbte. Wer tat so etwas, wer ließ sich in seinem Blutrausch derart treiben, dass er jemanden rücklings erstach? Das war nicht die unbeabsichtigte Folge eines hitzigen Duells gewesen, nein, das war heimtückischer, brutaler Mord!

Ach, sollten die anderen doch so tun, als wäre es Teil des unbequemen Lebens, als wäre Albert Steinhäuser ohnehin nur ein Fremder, dessen Schicksal niemanden ernsthaft berührte. Die Pocken, so hatte einer seiner Kommilitonen resümiert, rafften in wenigen Tagen mehr Menschen dahin, als man zählen konnte, und Kriege taten ihr Übriges, was zählte schon ein einzelner Mensch? Alles und nichts. Hufeland seufzte.

In Leipzig studierten die Höfisch-Galanten, in Halle die Frommen und Fleißigen, in Wittenberg wurde die Freundschaft über alles gestellt, er aber studierte mit den Jenaer Renommisten, die sich um die Ehre und akademische Freiheit schlugen, Professoren keinen Respekt zollten und Kommilitonen mordeten. Und es gab niemanden, der sich an diesen Zuständen zu stören schien.

Das Plätschern eines Baches holte ihn aus seinen Gedanken. Sie hatten eine große Lichtung erreicht, die an den Wochenenden von Ausflüglern gern aufgesucht wurde. Und auch heute saßen bereits drei verstreute Grüppchen auf ausgebreiteten Decken. Eines, aus mehreren Damen und Herren in feinstem Sonntagsstaat bestehend, hatte seine Dienerschaft dabei und ließ sich Pasteten und Wein aus silbernen Bechern servieren.

»Wo ist der Korb?«, fragte Hannchen und spannte ihren eleganten Sonnenschirm. »Wir haben ihn doch nicht vergessen?« Sie sah so glücklich aus, hatte die Nachricht von dem furchtbaren Todesfall sie nicht erreicht?

»Nein, meine Liebe.« Weber sprang vom Kutschbock und reichte Hannchen die Hand, während Hufeland den Korb aus der rückwärtigen Ablage hob.

Sie suchten sich einen schattigen Platz nahe dem Bach und breiteten eine grobe Decke über das Gras.

Hufeland setzte sich ein wenig abseits und beobachtete die versteckten Berührungen, die das noch nicht lange vermählte Paar |34|austauschte, während sie Essbrettchen und allerlei Speisen aus dem Korb packten und auf der Decke verteilten: Wurst und fetten Schinken, Käse, Trauben und würziges Brot. Ihm fiel auf, dass sich Hannchens Bauch leicht wölbte. Nun erkannte er auch den Grund für ihr Strahlen.

Weber bemerkte seinen Blick. »Was macht das Studium?«, fragte er und schnitt eine dicke Scheibe vom Laib.

»Oh, die Vorlesungen sind sehr interessant.«

»Vor allem die des Professor Loder, nicht wahr?« Er zwinkerte ihm zu.

Hufeland ahnte, worauf sein Schwager hinauswollte. Für einen Theologieprofessor, selbst für einen fortschrittlichen wie Weber, musste die Errichtung eines von Ärzten betreuten Geburtshauses einer Sünde gleichkommen. Er ignorierte die Anspielung. »Professor Loder ist ein fabelhafter Lehrmeister. Gerade lernen wir die Grundlagen der Osteologie anhand einer beeindruckenden Sammlung anatomischer Präparate.«

»Ein eher trockenes Vergnügen …«

»Für den Winter versprach er uns die Unterweisung anhand einer Leiche.«

Beinahe unmerklich verzog Weber den Mund, während Hannchen den Verlauf des Gesprächs zum Anlass nahm, ihr halbvolles Brettchen beiseitezulegen, sich zu erheben und am Rande des Bachlaufs ein paar Wiesenblumen zu pflücken.

Weber sah ihr nach, griff dann nach einem Stück Käse, das sie hatte liegen lassen. »Sie interessieren sich für das Sezieren?«, fragte er kauend. »Wie nur sollen die armen Seelen mit zerschnittenem Fleisch wiederauferstehen?« Es klang streng, doch seine Augen zeigten, dass ihn dieser Gedanke amüsierte.

Hufeland schmunzelte. Er mochte Weber, seine ruhige Gesellschaft, und verspürte eine plötzliche Verbundenheit. »Danke, dass Sie mich zu diesem Ausflug eingeladen haben«, flüsterte er.

Weber reichte ihm einen Becher mit Wasser, wohl, um die seltsam vertrauliche Stimmung dieses Augenblicks zu übergehen. »Das ist doch selbstverständlich. Als Mann Ihrer Schwester.«

|35|»Meiner Lieblingsschwester!« Hufeland lächelte und leerte den Becher in einem Zug.

Sie aßen und sprachen über das von England kommende Gerücht, dass James Cook bei seiner letzten Expedition von Wilden ermordet und in hundert Teile zerstückelt worden sei. Eine freundschaftliche Diskussion entbrannte, ob der Mensch sich von den Tieren nur durch das Denken unterscheide und unzivilisierte Wilde eher zu den Tieren gerechnet werden müssten. Zeigten sie doch ähnlich enthemmt und unreflektiert jegliche Emotionen, wollte man den Reiseberichten Rousseaus Glauben schenken. Als sie schließlich übereinkamen, dass Gott alle Menschen, auch die wilden, den Tieren voranstelle, man aber einen Unterschied innerhalb des Menschengeschlechts in Erwägung ziehen müsse, war auch die letzte Traube gegessen und man lehnte sich zurück, um die Vorzüge der Zivilisation zu genießen.

Hufeland spürte die feuchte Wärme des Bodens. Er verschränkte die Arme unter seinem Kopf, beobachtete einen Vogelschwarm, der über den Baumwipfeln Kreise zog, und dachte an den vergangenen Abend. An die johlende Menge, an das Entsetzen. Wenn aber selbst in einer Universitätsstadt, im Herzen der Zivilisation also, Menschen zu Wilden werden konnten, bedeutete es dann nicht sogar, dass sich die wilden und die fortschrittlicheren Menschenrassen nicht unähnlich waren? Lag der eigentliche Unterschied gar nur in den geschliffenen Worten und in der Wahl der Kleidung?

Er seufzte, schloss die Augen und versuchte, seine Gedanken auf die schönen Dinge zu lenken. Er lauschte dem Rauschen der Blätter, die sich im sanften Wind bewegten, dem leisen Plätschern des Baches, dem Singen der Vögel. Die Luft roch nach Wildblumen und mulchigem Gras.

Seine Gedanken begannen abzuschweifen. Szenen johlender Studenten, die Wilden gleich barfuß durch Jena zogen, ihre Degen schwingend, trudelten durch sein Hirn. Verdichteten sich zu einem grauenhaften Bild archaischer Tötungsriten. Er rannte, doch er kam nicht voran. Er wollte schreien, doch ihm entfuhr nur ein Wimmern.

|36|»Christoph?«

Hufeland schrak auf. Sein Herz raste, er rang nach Luft. Er musste eingeschlafen sein.

Weber hatte sich neben ihn gesetzt und blickte ihn besorgt an. Hannchen war nicht zu sehen, erst später entdeckte er sie bei einem entfernten Grüppchen, gestikulierend, lachend.

»Ich muss geträumt haben.«

»Christoph, waren Sie gestern Nacht Zeuge des Unglücks?«

Die Frage kam so unvermittelt, dass er erschrak. »Woher …«

»Ich sehe es Ihnen an.«

Hufeland kaute an seiner Unterlippe, bis er Blut schmeckte. »Ja«, flüsterte er und merkte plötzlich, wie wohl es ihm täte, mit jemandem darüber zu sprechen. »Ich stand nicht weit davon entfernt. Wissen Sie, Ernst, ich habe schon des Öfteren großes Leid gesehen, sah Menschen sterben in Krankheit und Kampf. Aber niemals war ich Zeuge einer solch rohen Gewalt.« Er atmete tief ein. »Waren Sie auch anwesend?«

Sein Schwager schüttelte den Kopf. »Ich hörte davon, als ich vom Abendspaziergang heimkehrte. Eine furchtbare Geschichte. Ich kannte Albert Steinhäuser als einen sehr aufgeweckten jungen Burschen.«

»Und der andere? Wer war dieser Mann, der Albert getötet hat?«

»Es war einer meiner Schützlinge. Carl Lohenkamp, Student der Theologie.« Weber sah ihn unverwandt an.

»Ich …« Hufeland stockte. »Das hatte ich nicht erwartet.«

»Ein Heißsporn. Da sehen Sie den Unterschied zwischen braven Bürgern, die an Gott und seine Weisungen glauben, und Studenten der Theologie, die vom Vater geschickt wurden, um eine gute Stellung zu ergattern.«

»Ein Heißsporn …«

»Ja, Christoph. Lassen Sie es gut sein. Es gibt Dinge, denen sollten wir nicht nachgehen.« Er zögerte, schien noch etwas sagen zu wollen, besann sich dann aber eines Besseren.

Weber wandte sich ab, schob die Reste des Essens zusammen und legte Brettchen und Becher zurück in den Korb. Dann stand er |37|auf, die Hände in die Hüften gestemmt, mühsam gefasst, und sah nach seiner Frau. Hufeland fragte sich, ob er sich persönlich für die Moral seiner Studenten verantwortlich fühlte. Ein Student der Theologie, was bedeutete es schon, dachte er, um eine Erklärung bemüht, nicht jeder, der Gott anrief, hörte auch, was er sagte. Beispiele gab es zuhauf.

Er beobachtete, wie Weber Hannchen zu sich winkte und ihr den gewaltigen Strauß Wiesenblumen abnahm, den sie gepflückt hatte. Dann half er seiner Frau auf die schmale Bank des Einspänners, schüttelte das Gras aus der Decke und legte sie über ihre Beine.

Die Sonne sank langsam hinter die Wipfel der Bäume und hinterließ eine dunstige Kühle. Hufeland drehte sich noch einmal um, starrte auf die länger werdenden Schatten und schlug fröstelnd die Arme um seinen Körper. Dann hob er den Korb und stemmte ihn in die Ablage. Der Sommer, mit all seiner Hitze und Schwüle, schien nun endgültig vorbei.

|38|2

KÖNIGSBERG

27. BIS 28. SEPTEMBER 1780

Helene Steinhäuser raffte den mehrlagigen Unterrock ihres Kleides und ließ die Beine baumeln. Um sie herum schleppten breitschultrige Männer Kisten und Säcke, in der Nähe ertönte ein Poltern, dann ein Fluchen. Irgendjemand gab lautstark Anweisungen. Niemand schien von der jungen Frau Notiz zu nehmen.

Mit zusammengekniffenen Brauen sah Helene die Pregel hinauf, dorthin, wo der Fluss hinter der Windung in das Frische Haff floss, das eine schmale Landzunge vom Baltischen Meer trennte. Und obwohl der Duft von Fisch und Tang zu ihr herüberzog, meinte sie, dass die Luft an diesem Ort frischer war, klarer als im Innern der Stadt, deren vielfältige Gerüche ihr zuweilen den Atem nahmen.

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