Die Alchemie der Unsterblichkeit - Kerstin Wetzel - E-Book

Die Alchemie der Unsterblichkeit E-Book

Kerstin Wetzel

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Beschreibung

Wenn Sie lebend ankommen wollen, tun Sie was ich sage

Den jungen Gelehrten Icherios Ceihn packt die Angst. Niemals zuvor ist er durch diese finsteren Lande gefahren, noch nie hat er ein Irrlicht gesehen. Es ist das Jahr 1777 und Icherios auf dem Weg in den tiefsten Schwarzwald, um eine brutale Mordserie aufzuklären. Im Dorf erwartet ihn schon eine seltsame Ansammlung aus Vampiren, Werwölfen und Menschen, die alles andere als friedfertig ist. Und ein Mord folgt auf den nächsten ...

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KERSTIN PFLIEGER

Die Alchemie der Unsterblichkeit

Buch

Das gelbe Mondlicht spiegelt sich auf dem See, seltsame Geräusche dringen durch die Nacht, und ein weißer Nebel nähert sich über die Wiesen. Es sind Irrlichter, seltsam schimmernde Lichtwesen, die Icherios Ceihn – der noch niemals in seinem Leben so etwas gesehen hat – eine ungeheure Angst einflößen. Schon bald fragt er sich, warum er diesen Auftrag überhaupt angenommen hat, warum er sich auf diesen Weg in die beängstigende Abgeschiedenheit gemacht hat? Doch die Antwort liegt auf der Hand: nur des Geldes wegen. Aus eigener finanzieller Kraft kann er sein Medizinstudium nicht bewältigen, da kam ihm dieses Angebot des Ordens der Rosenkreuzer ganz recht. Man schreibt das Jahr 1771, und in den Tiefen des nördlichen Schwarzwalds hat es eine Serie von brutalen Morden gegeben, die Icherios aufklären soll. Niemand würde freiwillig hierherkommen wollen. Irrlichter warten vor den Toren schon auf frisches Fleisch, und seltsame Wesen schreien in der Nacht. Auf was hat sich der junge Gelehrte da eingelassen?

Autorin

Kerstin Pflieger wurde 1980 in eine Surferfamilie hineingeboren. Durch Reisen an die Küsten Europas, Afrikas und Asiens lernte sie unterschiedliche Kulturen und Denkweisen kennen. Nach dem Abitur studierte sie Biologie in Heidelberg und arbeitet unter anderem für ein Institut zur biologischen Stechmückenbekämpfung. Kerstin Pflieger lebt mit ihren Hunden im Landkreis Heilbronn.

Kerstin Pflieger

Die Alchemieder Unsterblichkeit

Roman

1. AuflageOriginalausgabe Juli 2011Copyright © 2011 Kerstin PfliegerCopyright © dieser Ausgabe 2011Wilhelm Goldmann Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbHDieses Werk wurde vermittelt durch dieLiterarische Agentur Thomas Schlück GmbH,30827 Garbsen.Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, MünchenUmschlagillustration: FinePic / Jürgen GawronNG · Herstellung: Str.Satz: DTP Service Apel, HannoverISBN: 978-3-641-05820-3www.goldmann-verlag.de

Das Schönste, was wir erleben können,ist das Geheimnisvolle.

Albert Einstein

1

Die Kanzelley

Karlsruhe, 4. SeptembrisAnno Domini 1771

Darum werden ihre Plagen auf einen Tag kommen: Tod, Leid und Hunger; mit Feuer wird sie verbrannt werden; denn stark ist Gott der Herr, der sie richten wird.« Der Prediger, dessen gramgebeugter Körper an einen krummen Weinstock erinnerte, schrie die Worte geradezu mit Inbrunst hinaus.

Gott wird euch nicht retten! Niemand wird uns retten. Icherios stand, geschützt vom Regen, dicht an eine Hauswand gepresst und beobachtete eine kleine Gruppe halbverhungerter Menschen, die den selbsternannten Verkünder umringten. Sie saßen zusammengekauert auf dem nassen Pflaster. Unter ihren Lumpen sah man die Knochen hervorstehen. In ihren Augen leuchtete fanatischer Wahnsinn auf, hervorgerufen durch viele Monate des Leidens. Auf der anderen Straßenseite, im Windschatten des großen Regierungsgebäudes, wühlte eine Schar magerer Kinder auf der Suche nach einer Münze im Schlamm. Der tagelange Regen hatte die Erde von den unbefestigten Nebenstraßen auf die Schlossgasse gespült. Immer wieder spähten die Kleinen zu einem großen dunkel gekleideten Mann hinüber, dessen Haut in schlaffen Falten herunterhing. Sie wussten, wo er auftauchte, gab es Ärger. Schon jetzt hatte sich seine Anhängerschaft um ihn geschart. Wütende Schreie gellten in Richtung des Predigers. Icherios presste sich dichter an die Mauer. Zweifelnd blickte er auf den Fetzen Pergament in seinen Händen. Darauf befand sich in krakeligen Lettern die Anschrift der Kanzelley zur Inspektion unnatürlicher Begebenheiten. Die Adresse führte zu dem schlichten Haus vor dessen Tür der Prediger von der ewigen Verdammnis sprach. Kein Schild deutete auf die Existenz der Kanzlei hin. Das Gebäude war unscheinbar mit Ausnahme der großen Bleiglasfenster, die sowohl von innen als auch von außen durch dicke Gitterstäbe geschützt wurden.

»Mein Sohn starb gestern wimmernd vor Hunger!« Ein Mann, dessen einziger Zahnstummel aus dem Mund hervorstach, packte den Prediger an der Schulter und riss ihn herum. »Wie kann Gott zulassen, dass Kinder sterben?«

»Gottes Wille ist unergründlich. Die Nachkommen büßen für die Sünden ihrer Eltern. Bettel um seine Gnade!«

Dann brach der Tumult los. Ein Jüngling warf sich auf einen Greis und schlug ihm die Fäuste ins Gesicht. Immer mehr Menschen strömten herbei, feuerten die Kämpfenden an oder stürzten sich ins Getümmel, um ihrer Frustration in blanker Gewalt Ausdruck zu verleihen. Icherios versuchte sich unbemerkt zum Eingang der Kanzlei zu schieben. Er stieg über zwei Männer hinweg, die bewusstlos an der Hauswand lehnten. Dann musste er innehalten, da sich die Schlägerei vor die Tür verlagerte. Wenige Minuten später eilte die Stadtwache heran und trennte die ineinander verschlungenen Leiber mit geübten Griffen. Zu oft waren sie in letzter Zeit schon ausgerückt, um Ausschreitungen zu unterbinden. Die Stadtverwaltung zwang sie, Exempel zu statuieren, obwohl die Soldaten unter den meuternden Menschen immer wieder ihre hungernden Nachbarn und Familien wiederfanden. Dieses Mal ließ sich der Mob allerdings nicht so leicht unter Kontrolle bringen. Schnell verbündeten sich die ehemals aufeinander einschlagenden Männer gegen die Vertreter der verhassten Obrigkeit. Der Aufruhr verlagerte sich zur nahegelegenen Kreuzung, sodass Icherios sich aus seiner Ecke heraustraute. Ein unbehagliches Gefühl beschlich ihn, als er den mächtigen Türklopfer in Form eines Basiliskenschädels betrachtete. Was verbarg sich im Inneren des Gebäudes, dass es mit schweren Eisenstangen gesichert werden musste? Er sammelte sich, dann klopfte er an. Kurze Zeit später schwang die Tür geräuschlos auf. Es dauerte einige Sekunden bis Icherios im Halbdunkeln einen alten, gebeugten Mann erkannte, den die massive Tür zur Hälfte verdeckte. Seine weiß gelockte Perücke saß schief auf dem kahlen Schädel. Puderflecken hatten ein Muster auf die Schultern seiner dunklen Weste gesprenkelt. Aus blassblauen, nahezu glasigen Augen starrte er Icherios stumm an.

»Raban von Helmstatt schickt mich, Herr.« Icherios verlagerte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen.

Unvermittelt hellten sich die Gesichtszüge des Alten auf. »Anselm von Freyberg, Chronist der Kanzlei.«

Icherios verbeugte sich, wobei sein fast drei Fuß hoher, zylinderförmiger Kastorhut vom Kopf rutschte. Im Versuch den Hut aufzufangen, bevor er auf das dreckige Pflaster fiel, stolperte Icherios und stürzte beinahe auf den alten Mann. »Icherios Ceihn, Gelehrter und Assistent der Stadtwache«, stellte er sich stammelnd vor. Er hoffte, dass Freyberg die Übertreibung nicht auffiel. Seine Arbeiten als Gelehrter beschränkten sich auf gelegentliche Aufträge zur Herstellung von Rattengift und Mottenkugeln, und für die Stadtwache war er kaum mehr als ein Maskottchen.

Freyberg rückte grummelnd seine Perücke zurecht. Was dachte sich Raban dabei, ihm diesen Tollpatsch zu schicken? »Komm herein, mein Junge.« Blinzelnd spähte er zu Icherios hinauf, der sich mittlerweile gefangen hatte. Der Bursche überragte ihn um ein gutes Stück. »Kein Grund dich im Regen stehen zu lassen, wachsen musst du wahrlich nicht.« Freyberg drehte sich um und marschierte zügigen Schrittes einen breiten Gang hinunter.

Es blieb Icherios überlassen, die Tür zu schließen. Den Flur schmückte eine prächtige Holzvertäfelung. Öllampen spendeten schummeriges Licht. In den Ecken und auf den Lampenhalterungen hatte sich der Staub unzähliger Jahre gesammelt. Icherios fühlte sich sofort zuhause.

Die Decke schien neueren Ursprungs zu sein. Ebenfalls aus Holz getäfelt zogen sich rote Linien in undurchschaubaren Mustern über die gesamte Länge. Trotz ihrer scheinbar willkürlichen Anordnung, vermeinte Icherios ein System zu erkennen. Er war so in seine Betrachtungen vertieft, dass er erst bemerkte, dass Freyberg durch eine Tür verschwand, als er bereits an ihm vorbeigegangen war. Der alte Mann schüttelte ungeduldig den Kopf, enthielt sich aber eines Kommentars. Icherios musste sich ducken, um unter der niedrigen Tür hindurch zu passen. Als er aufblickte, schreckte er zurück, sodass sein Hinterkopf hart gegen den Türrahmen prallte. Schmerzerfüllt jaulte er auf. Vor ihm ragte das Antlitz einer riesigen Bestie in die Höhe. Beschämt stellte er fest, dass das Ungeheuer lediglich das gewaltige Skelett eines urtümlichen Monsters war. Er hatte Derartiges bereits gesehen, doch noch nie ein solch großes Exemplar. Icherios rückte seine Brille mit den gelb getönten Gläsern zurecht. Seine Sehschärfe war ausgezeichnet, aber er gefiel sich dabei, seine Andersartigkeit zu betonen. Staunend umrundete er das Gerippe, während er sein schmerzendes Haupt rieb. Freyberg packte Icherios am Arm, um ihn um einen Stuhl herumzuführen, auf dem sich die Abhandlungen Dreyers über den Ursprung der Welt stapelten. Dabei rutschte der überlange Ärmel von Icherios’ weißem Hemd hoch und entblößte eine Reihe von Narben quer über die Handgelenke.

»Schneid das nächste Mal längs in den Arm, nur so trennst du die Adern erfolgreich auf.«

Icherios kehrte sofort auf den Boden der Tatsachen zurück. Hastig verdeckte er die Male. »So war es nicht.« Seine Miene verfinsterte sich. »Zumindest glaube ich das.«

Freyberg besaß genug Erfahrung, um das Thema vorerst fallen zu lassen. Mit einer weitläufigen Bewegung deutete er in den Raum. »Die Bibliothek der Kanzlei.«

Icherios erfasste erst jetzt ihre unglaubliche Größe. Das kuppelförmige Dach ließ vermuten, dass es sich ursprünglich um einen Ballsaal gehandelt hatte, der nun unzählige hohe Bücherregale beherbergte. An der Decke hingen die Skelette verschiedenster Kreaturen. Auf Tischen und Stühlen stapelten sich Bücher und Pergamente. Unter einem Bleiglasfenster, durch das fahles Tageslicht fiel, ruhte ein massiver Eichenholztisch, auf dem ein komplizierter alchemistischer Versuch dampfte und zischte. In den Kolben blubberten verschiedenfarbige Flüssigkeiten. Ein strenger, süßlicher Geruch wehte herüber und überlagerte den Duft von alten Knochen und modrigem Papier. Wo kein Buch lag, fanden sich Sezierbestecke und eiserne Apparate, deren Verwendungszweck Icherios nicht zu ergründen vermochte. Ausgestopfte Tiere verstellten die Gänge. Manche von ihnen schienen der Fantasie eines wahnsinnigen Präparators entsprungen zu sein. Der Raum war warm, obwohl Icherios keinen Kamin entdecken konnte. Stattdessen verliefen dicke, metallene Rohre an der Decke, aus denen zischender Dampf entwich – eine Erklärung für die hohe Luftfeuchtigkeit in der Bibliothek.

Freyberg gab dem Gelehrten ausreichend Zeit, die Eindrücke in sich aufzunehmen. Er erinnerte sich daran, wie er selbst vor Jahren staunend hier gestanden hatte. Er vergewisserte sich, dass Icherios ihn nicht beachtete. Dann sprang er ungewöhnlich schnell und mit nur vier Sätzen zum anderen Ende des Saales, ergriff eine Obstplatte und eilte zurück. »Etwas Obst, mein Junge?«

Icherios kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Er wusste nicht, wann er seinen letzten Apfel gegessen hatte. Durch die Hungersnot waren die Preise für frische Lebensmittel ins Unermessliche gestiegen. Hastig griff er nach einem rotwangigen Apfel und biss herzhaft hinein. Verlegen musterte er den alten Mann, während er kaute. Seine Kleidung war schlicht, aber gut geschnitten. Um seinen Hals hing an einer langen Kette ein Kreuz, dessen Enden jeweils von drei Halbkreisen umrahmt wurden. Die Mitte zierte eine Rose. Die Frucht blieb Icherios beinahe im Halse stecken. Er hatte das Kreuz zuvor gesehen, in einem Buch über die Rosenkreuzer, einem uralten Geheimbund. Als er Freybergs Hände einer genaueren Betrachtung unterzog, erschreckte er noch mehr. Sie waren riesig! Mit einer dieser Pranken könnte man Icherios’ Kopf vollständig umfassen. Am Ringfinger der linken Hand prangte ein goldener Ring, auf dem die Monas-Glyphe, ein Symbol der geheimen Gesellschaft der Rosenkreuzer, eingeprägt war.

Freyberg blieb Icherios’ Reaktion nicht unbemerkt. Er war daran gewöhnt. Immerhin fing der Junge nicht an zu schreien, wie manch anderer. »Jetzo. Du bist also der Neue? Raban hat von dir berichtet.«

In Icherios’ Blick spiegelte sich seine Verwirrung wider, bis er sich seines Auftrags entsann. »Ich bin Assistent der Karlsruher Stadtwache.«

»Das sagtest du bereits, Jungchen, mir wurdest du jedoch als frischer Rekrut gemeldet. Die Kanzlei steht über der Wache, und seit Inspektor Filiskus in Ungarn verschollen ist, fehlen uns fähige Leute.«

Icherios drehte seinen Hut nervös in der Hand. Dies entwickelte sich nicht, wie er erwartet hatte. »Was für eine Bewandtnis hat es mit dieser Einrichtung?«

Freybergs Gesichtszüge entgleisten. »Jetzo! Sag nicht, dass dich Raban nicht aufgeklärt hat?«

Icherios schüttelte den Kopf. »Er gab mir nur diesen Zettel mit Anschrift und Uhrzeit.«

»Dieser alte Narr, ich sollte ihm den Kopf abreißen!«

Icherios erblasste bei den Worten.

»Wurdest du wenigstens den Einweihungsriten unterzogen?«

»Nein, tut mir leid.«

»Hast du denn das Handbuch erhalten?«

»Nein, Herr.«

»Hat man dein Blut getestet?«

»Nein.«

Freyberg fluchte verhalten. »Man könnte meinen, Raban wolle dich loswerden.« Auf seiner Stirn bildete sich eine nicht zu übersehende Falte. »Setz dich hin und kremple deinen Ärmel hoch.«

Zögernd gehorchte Icherios. Beim Anblick der Narben hielt der Alte inne. »Bist du sicher, dass du dir das nicht mit Absicht zugefügt hast? Selbstmordversuche machen die Seele anfällig.«

Als Icherios’ Züge sich daraufhin verhärteten, glaubte der Chronist erkennen zu können, was Raban von Helmstatt in ihm sah. Vielleicht hatte der Junge doch eine Chance.

»Ich erinnere mich nicht, wie ich an die Wunden gekommen bin. Ich weiß nur, dass mir an diesem Abend nichts ferner lag, als mich umzubringen.«

»Dann hoffen wir das Beste für dich, Jungchen.«

Der alte Mann wackelte zu einem Tisch und kam mit einer Spritze zurück, deren Größe Icherios etwas Angst machte. Mit geübtem Griff suchte er eine Ader in der Armbeuge und stach mit der Nadel zu. »Werd mir bloß nicht ohnmächtig!«

Die Warnung kam zu spät. Sobald das erste Blut in die Glasröhre sprudelte, dämmerte Icherios hinweg. Freyberg Zweifel keimten erneut auf. Kritisch musterte er den schlaksigen Jüngling. Seine Züge verrieten ausgeprägte Sturheit. Hinter der albernen Brille hatten seine Augen allerdings vor Intelligenz gefunkelt. Dennoch schien er zu verhaftet in der wissenschaftlichen Aufgeklärtheit zu sein, die keinen Raum für die übernatürlichen Phänomene bot, mit denen sich die Angehörigen der Kanzlei beschäftigten. Anselm schaute nach draußen in den verregneten Himmel. Der Lärm des Tumultes verklang, doch das schien erst der Anfang zu sein. Es war das zweite Jahr in Folge, in dem es bis in den Juli hinein schneite. Etwas Ungeheuerliches ging vor, und die Rosenkreuzer hatten nicht den geringsten Anhaltspunkt dafür, was es war. Es war eine Schande, das Leben eines neuen Rekruten derart leichtsinnig aufs Spiel zu setzen, aber was blieb ihnen in diesen Zeiten anderes übrig?

Sobald die Spritze gefüllt war, zog er die Nadel heraus und hielt Icherios Riechsalz unter die Nase. Langsam kehrten die Lebensgeister des jungen Gelehrten zurück. Freyberg nutzte die Zeit, um das Blut in einen gläsernen Kolben zu füllen und ein weißes Pulver hinzuzufügen. Sofort färbte sich die Lösung tiefschwarz. Mit einem Satz sprang Freyberg zurück. Icherios blinzelte. Hatte er das richtig gesehen? War der alte Mann regelrecht durch den Raum geflogen? Benommen schüttelte er den Kopf.

»Gute Nachricht, Jungchen! Deinem Blut fehlt die spezielle Anziehungskraft, die den Auftrag zu gefährlich für dich gestalten würde.«

»Anziehungskraft?«

»Jetzo, mach dir keine Gedanken. Du wirst es verstehen, wenn die Zeit gekommen ist. Lass uns nach deiner Order schauen.« Freyberg wandte sich einem dicken Stapel Papieren zu, die durch die Feuchtigkeit wie weiche Lappen nach unten hingen.

Fasziniert beobachtete Icherios, wie der alte Mann mühelos mit einer Hand einen Packen hochnahm, den er selbst mit beiden Armen nur mühsam hätte tragen können.

»Wo ist nur dieses dumme Ding?« Dann stieß Freyberg ein triumphierendes »Da haben wir es!« aus. Er hielt das Pergament gegen das Licht. »Meine Augen sind nicht mehr die besten«, grummelte er entschuldigend. »Jetzo! Dein Auftrag führt dich nach Dornfelde, einem Ort im nördlichen Schwarzwald. Fürst Calan von Sohon hat um unsere Hilfe bei der Aufklärung zweier bestialischer Morde gebeten.« Freyberg zögerte kurz. »Die besonderen Umstände der Taten, die Lage dieser Ortschaft und die Eigenschaften der Opfer machen ein Eingreifen der Kanzlei unumgänglich. Der Ordo Occulto, ein geheimer Orden der Rosenkreuzer, dem die Kanzlei angehör, und der über Außenstellen in allen wichtigen Städte verfügt, misst diesem Fall höchste Wichtigkeit zu.«

Icherios traute sich nicht, genauer nach den genannten Eigenarten zu fragen. Dieser Tag brachte bereits mehr zu verarbeiten mit sich, als er glaubte, bewältigen zu können. Verwundert bemerkte er die Abwesenheit seines sonst so unbändigen Wissensdurstes.

Der alte Mann räusperte sich vernehmlich. »Hör mir gut zu. Ich kenne Jungs wie dich. Aufgeklärt und nüchtern und doch den Kopf im Dreck. Ich gebe dir einige Ratschläge, die du beachten solltest, wenn dir dein Leben lieb ist. Gründe werde ich keine nennen, da du meinen Rat andernfalls in den Wind schlagen würdest. Nimm dir einfach zu Herzen, was ich nun sage.« Freyberg musterte Icherios prüfend. »Trage niemals ein Kreuz, egal in welcher Form, solange du dich im Bannkreis Dornfeldes befindest. Gehe niemals allein hinaus in die Nacht. Führe keine Bibel mit dir. Vermeide alle offenen Wunden und sei es nur ein Kratzer von der morgendlichen Rasur. Am besten lässt du das mit dem Rasieren ganz.«

Icherios verzog verächtlich das Gesicht. »Keine Kreuze? Alter Mann, ich bin doch nicht abergläubig!«

»Glaub, was du willst, Jungchen«, schnappte Freyberg zurück. »Aber wenn du nicht abergläubig bist, kann es dir ja egal sein, ob du ein Kreuz trägst oder nicht.«

Widerstrebend nickte Icherios. Alle Arten von Glaube und Aberglaube erschienen ihm äußerst suspekt. Sein Kreuz trug er nur als Andenken an seine Mutter. Fakten waren die einzige Wahrheit, nach der er sein Leben ausrichtete. Bei dem Gedanken an die Reise beschlich ihn ein mulmiges Gefühl. Er war noch nie weiter als eine Wegstunde von Karlsruhe entfernt gewesen. Raban von Helmstatt, sein Mentor, hatte immer daran gelegen, dass sich das änderte. Offensichtlich war er der Ansicht, lange genug gewartet zu haben, und ihn nun einfach ins kalte Wasser werfen zu können. Die Entscheidung, ob er dafür dankbar oder wütend darüber sein sollte, schob er bis zu seiner Rückkehr auf. Freyberg war mittlerweile zu einem der Bücherregale gegangen und sprang behände die Leiter hinauf. Der junge Gelehrte starrte ihn schaudernd an. Wenige Augenblicke später spürte er schon wieder Freybergs lederne Pranken auf seiner Schulter. »Dieses Buch gehört dir.« Er drückte Icherios einen ledergebundenen Folianten in die Hand. Auf dem rostroten Einband prangte ein Leitsatz. Die höchste Tugend ist die Freiheit von Emotionen. Icherios’ Augen leuchteten auf.

»Ich dachte mir, dass dir dieser Spruch gefällt«, bemerkte Freyberg.

Auf der Innenseite des Buches befand sich eine farbige Darstellung der Tabula Smaragdina, dem einzigen erhaltenen Text aus dem Geheimbuch der Schöpfung und somit Grundlage der modernen Alchemie. Die restlichen Seiten glänzten schneeweiß.

»Nutze es, um deine Untersuchungen zu dokumentieren und fertige eine Aufstellung über deine Reisekosten an. Ich erwarte von dir, dass du es nach Erledigung deines Auftrages zusammen mit einem Bericht bei mir abgibst.«

Noch immer in die Betrachtung des unverhofft in seine Hände gelangten Schatzes vertieft, nickte Icherios abwesend. Der Beutel, den der Chronist ihm zuwarf, prallte an seiner Schulter ab und fiel klimpernd zu Boden. Erschrocken hob Icherios ihn auf.

»Mit dem Geld kannst du deine Ausgaben bestreiten. Bei deiner Rückkehr gibst du den Rest zurück und erhältst einen angemessenen Lohn.«

Icherios öffnete den Beutel und warf einen vorsichtigen Blick hinein. Goldgulden und silberne Kreuzer funkelten ihm entgegen. Es war genug, um ein kleines Dorf zu kaufen.

Dann drückte ihm Freyberg zwei Briefe in die Hand. »Der eine ist von Raban, der andere trägt das kaiserliche Siegel und weist dich als Inspektor im Dienste Joseph II. aus. Zudem gewährt er dir freies Geleit durch seine Länder.«

Icherios verschlug es den Atem. Unzählige Geschichten rankten sich um diese Geleitbriefe. Von den Meisten wurden sie als reiner Mythos abgetan. Er konnte gar nicht glauben, dass es nicht so war. Mit diesem Schriftstück stand ihm das gesamte Heilige Römische Reich offen.

»Jetzo, Jungchen. Schließ den Mund, sonst fliegt eine Mücke hinein. Deine Kutsche fährt zur dreizehnten Stunde am Marktplatz ab.«

»In drei Stunden?«, rief Icherios. »Ich brauche mehrere Tage, um meine Angelegenheiten zu regeln.«

»Ein Mörder wartet nicht auf den Ermittler.«

»Natürlich nicht.« Icherios funkelte den alten Mann an. »Aber heute Morgen konnte ich noch nicht ahnen, dass mich ein Auftrag erwartet. Ich kann nicht einfach kurzerhand verschwinden.«

Ein unmenschlicher Schrei, der das ganze Gebäude erzittern ließ, unterbrach ihre Diskussion. Freyberg erbleichte, packte Icherios am Arm und zog ihn wie eine Stoffpuppe auf den Gang hinaus. »Jetzo, Jungchen. Solange du für uns arbeitest, solltest du dich an kurzfristige Planänderungen gewöhnen.« Er riss die Tür auf und stieß ihn auf die Straße. »Viel Erfolg, du wirst das schon schaffen.«

Bevor die Tür vollends ins Schloss gefallen war, konnte Icherios einen letzten Blick auf Freybergs Gesicht werfen. Er hoffte, dass die Zweifel darin dem Geschrei galten und nicht ihm. »Ich wurde nie gefragt, ob ich für euch arbeiten möchte«, grollte Icherios. Die Tür, sein einziger Zuhörer, ersparte ihm eine Antwort.

2

Aufbruch

Icherios hastete, das Buch mit den Briefen unter den Arm geklemmt, nach Hause. Die fahle Sonne kämpfte sich nur schwer durch die Wolkendecke hindurch. Wo ein Sonnenstrahl auf den Boden traf, stieg die Feuchtigkeit in Nebelschwaden auf. Er fand sich in der Stadt mit geschlossenen Augen zurecht. Seit seiner Jugend hatte er ihre Gassen durchstreift. Früher hatten unzählige Händler und Schausteller die Straßen bevölkert, doch der Mangel an Nahrungsmitteln raffte die Gaukler nun als Erste hinweg, und den Straßenständen blieb nichts mehr, was sie verkaufen konnten. Vor wenigen Jahren noch galt Karlsruhe als Schmuckstück, geplant und erbaut von Markgraf Karl Wilhelm von Baden-Durlach. Wie der Rest des Reiches war sie von der Armut nicht verschont geblieben, und die einst so prachtvolle Stadt litt nun zusammen mit ihrer Bevölkerung unter der allgemeinen Not und Hoffnungslosigkeit. Icherios bemühte sich, nicht zu genau in die Ecken und Winkel zu blicken. Überall lagen regungslose Menschen. Viele von ihnen waren geschwächt vom Hunger, vor den Augen der teilnahmslosen Passanten zusammengebrochen. Die meisten würden sich nicht wieder erheben und am Abend mit den Leichenkarren aus der Stadt gebracht werden.

Ein Windstoß erfasste Icherios’ Hut und stieß ihn von seinem Kopf. Er versuchte ihn zu fassen. Dabei stolperte er über seine eigenen Füße und fiel beinahe hin. Mit einem satten Platschen landete sein geliebter, abgewetzter Hut in einer Pfütze. Icherios schüttelte ihn angewidert und hoffte, dass der Anteil an Wasser in der Pfütze höher war als der an Urin. Der Geruch, der vom Hut ausging, besagte allerdings eher, dass diese Hoffnung ebenso realistisch war wie der Glaube an fliegende Schweine. Während er seinen Hut säuberte, sah er aus dem Augenwinkel eine ausgezehrte Frau mit einem Baby auf dem Arm, das bereits zu schwach zum Schreien schien. Ihr Alter war durch die eingefallenen Wangen und Augen, in denen keine Hoffnung mehr schimmerte, schwer einzuschätzen. Icherios vermutete, dass sie nicht mehr als fünfundzwanzig Jahre zählte und früher vermutlich eine Schönheit gewesen war. Zaghaft, voller Scham und Furcht, näherte sie sich einer prunkvoll verzierten Kutsche. Ihre Worte gingen im Lärm der Stadt unter; ihre Arme streckten sich flehend empor. Die Geste erregte bei dem grobschlächtigen Kutscher kein Mitleid. Drohend hob er die Peitsche. Sie fiel auf die Knie und brach in Tränen aus. Der Kutscher holte aus und knallte mit der Peitsche dicht über ihrem Kopf. Erschrocken stürzte die Frau in eine Pfütze, die Arme schützend um das Kind gelegt. Ein gut gekleideter Mann eilte, ohne sie eines Blickes zu würdigen, an ihr vorbei und stieg in das Gefährt. Der Fahrer spuckte neben der Frau aus, bevor er die Pferde anspornte. Ein Schwall Wasser ergoss sich über Mutter und Kind, als die Kutsche vorbeirollte. Icherios tastete in seiner Tasche nach seinem letzten Gulden. Sein Vermieter wartete zwar ungeduldig auf seine Miete, und Icherios knurrender Magen erinnerte ihn daran, dass er seit Tagen schon keine warme Mahlzeit mehr zu sich genommen hatte. Doch ein Blick auf die am Boden liegende, schluchzende Frau vertrieb jegliche Zweifel. Mit wenigen Schritten war er bei ihr und half ihr auf die Beine. Sobald sie stand, drückte er ihr die Münze in die Hand. Ihre Augen weiteten sich, und das Leuchten in ihren grauen Tiefen ließ ihre einstige Schönheit erahnen. Dankbar fiel sie vor ihm auf die Knie und küsste seine Füße. Verlegen löste sich Icherios, nickte ihr zu und entfernte sich hastig. Sein knurrender Magen und Meister Irgrim, sein Vermieter, würden ihn die Tat noch früh genug bereuen lassen. Wenigstens besaß er den Beutel Gold von der Kanzlei, mit dem er die nächsten Tage seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte.

Icherios wohnte in einem der äußeren Ringe, die um das Karlsruher Schloss führten. In einer Gasse, die von der Amalienstraße abzweigte, stand das Haus des übellaunigen Schreiners Irgrim. Dort nannte Icherios eine Kellerwohnung sein Eigen, zumindest solange er die Miete bezahlte. Die Haustür aus dünnem Birkenholz öffnete sich unter lautem Knarren. Für sein Heim und seine Familie war der Schreiner nicht bereit viel auszugeben. Deshalb trugen seine Töchter die abgelegten Kleider ihrer älteren Schwestern auf, während er selbst sich in edles Tuch hüllte. Icherios zuckte zusammen. Von oben dröhnte die polternde Stimme seines Vermieters. »Ceihn, meine Miete!«

Hastig stürzte Icherios in sein Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Es würde eine Weile dauern, bis Meister Irgrim seinen feisten Leib die Treppe hinuntergewuchtet hatte. Icherios’ Finger tasteten nach dem Beutel mit den Münzen. Die Gulden verführten ihn. Wem würde ein weiterer Posten auf seiner Abrechnung schon auffallen? Dann besann er sich. Seine Ehrlichkeit würde er nicht aufgeben.

Bei Icherios’ Wohnung handelte es sich um einen großen Raum, in dem es nach Schwefel und verrottendem Papier roch. Draußen regnete es wieder. Wasser lief durch das einzige Kellerfenster. Auf Tischen und Stühlen stapelten sich Bücher und alchemistische Geräte. Ein Athanor, ein spezieller Ofen für Alchemisten, stand in einer Ecke. Der Holzstapel neben der Feuerstelle war erbärmlich niedrig. Wann immer Icherios auszog, um Holz zu kaufen, endete er mit einem Buch in der Hand. In dem ramponierten Sessel vor dem Kamin wartete die nächste unangenehme Überraschung auf ihn: sein Vater. Donak Ceihn hatte, um sich Platz zu schaffen, Bücher und Aufzeichnungen achtlos auf den Boden geworfen, wo sie sich mit Wasser vollsogen. Icherios sah seinem Erzeuger so unähnlich, dass er in seiner Kindheit ständig als Kuckuckskind gehänselt worden war. Von kleiner, stämmiger Statur mit fleischigen Wangen, donnerte Donak Ceihn unbeherrscht und unaufhaltsam wie eine Walze durchs Leben. Icherios’ Sturheit veranlasste ihn aufzubegehren und die Flucht zu ergreifen. Er wollte nicht wie seine Brüder ohne eigene Meinung und Willen enden. Mit einem hämischen Grinsen wedelte sein Vater mit einem Brief. »Hoffst du immer noch auf einen Studienplatz für Medizin?«

Zornig entriss Icherios ihm das Papier und schluckte eine böse Bemerkung hinunter. Das Siegel war geöffnet.

»Sie haben dich natürlich nicht genommen.«

Die ersten Zeilen bestätigten diese Behauptung. Beherrscht legte Icherios den Brief auf einen Tisch. Es wäre ein Fehler, seinem Vater seine Enttäuschung zu zeigen. Dieser verstand sich nämlich darauf, jede Art von Gefühl als Waffe zu verwenden. Icherios musste schlucken. Seit Jahren bewarb er sich um ein Stipendium für ein Medizinstudium. Immer wieder hatten sie ihn abgelehnt. Seine Familie war bekannt und galt als reich. Man erwartete von Icherios, sein Studium selbst finanzieren zu können.

Der Beutel in seiner Brusttasche wog schwer. Der Gedanke, Karlsruhe im Auftrag dieser seltsamen Kanzlei zu verlassen, verursachte in ihm ein ungutes Bauchkribbeln, aber eventuell konnte er mit seiner neuen Arbeit genug Gold ansparen, um seinen Traum eines Tages wahr werden zu lassen. Icherios zog einen stabilen Koffer unter dem Bett hervor. Die Unterseite leuchtete grünlich. Ein dicker schimmeliger Belag verbreitete einen üblen Geruch. Angewidert rümpfte sein Vater die Nase. »Es wird Zeit, dass du nach Hause kommst. Ernest möchte den Handel ausbauen, und du solltest dich nicht länger vor der Verantwortung drücken.«

Icherios fuhr fort, Bücher, alchemistische Geräte, Fläschchen und Pulver einzupacken und gab ihm so zu verstehen, dass er ihn ignoriert.

Das Gesicht seines Vaters lief rot an, die Adern an seiner Schläfe wurden immer dicker. »Schau mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede!«

In diesem Augenblick stolperte Meister Irgrim herein. Sein Atem ging schwer. Es kostete ihn unendliche Mühe, die Treppen hinunterzusteigen. Der einzige Grund, warum er Icherios noch nicht hinausgeworfen hatte. »Ich verlange meine Miete, auf der Stelle!«

Donak Ceihn kniff die Augen zusammen. »So weit ist es mit dir also schon gekommen?« Mit flinken Fingern griff er in seine Tasche und zog einen Beutel hervor. Zielsicher warf er ihn dem Schreiner ins Gesicht. »Hier ist Ihr Gold, und nun verschwindet!«

Die Augen des Vermieters leuchteten auf, als er das Klimpern der Münzen vernahm. »Selbstverständlich, mein Herr.« Mit einer angedeuteten Verbeugung verließ er den Raum. Man hörte das gemeinsame Ächzen von Treppe und Meister, während dieser sich nach oben schleppte.

»So steht es also um dich? Du bist eine Schande für die Familie.«

Icherios hielt keine Minute inne. Er hatte das Gespräch schon zu oft durchgespielt. »Wenn du das sagst, Vater.«

»Was machst du da eigentlich? Kommst du etwa endlich nach Hause?«

»Ein Auftrag führt mich für einige Tage in den Schwarzwald.«

Sein Vater lachte auf. Manche verglichen sein Lachen mit dem Quietschen eines Schweines auf der Schlachtbank. »Du und ein Auftrag? Ist es so schlecht um die Regierung bestellt?«

»Vermutlich.« Icherios ging zu einem kleinen Käfig, aus dem ihm ein leises Piepsen entgegenkam. Maleficium war sein einziger Freund. Eine dicke, schwarze Ratte, die ihn überallhin begleitete.

Beim Anblick des Tieres verlor Donak Ceihn endgültig die Beherrschung. »Hast du das dreckige Vieh etwa immer noch? Ich befehle dir, sofort nach Hause zu kommen und einer ehrwürdigen Arbeit nachzugehen!«

»Ehrwürdig?« Icherios fuhr herum. »Was ist daran ehrwürdig, armen Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen?«

»Ich schaffe das Korn heran! Ohne mich würden sie verhungern!«

»Und gleichzeitig beutest du sie aus!«

»Von irgendetwas muss ich ja leben.«

Icherios Blick glitt verächtlich über den wohlgenährten Körper seines Vaters. »Das sieht man.«

Mit einem entschiedenen Handgriff stopfte er Maleficium in seine Jackentasche, dann warf er seine wenigen Kleidungsstücke in seinen Koffer und schloss ihn mit einem vehementen Ruck. Seinen größten Schatz, verschiedene Destillierkolben und alchemistische Geräte, packte er in die dazugehörige gepolsterte Kiste. Die beiden Gepäckstücke zusammen waren unhandlich und der Weg zur Postkutsche weit, aber er konnte einfach nicht noch mehr zurücklassen. Bereits beim Gedanken an all die Bücher, die er nicht mitnehmen konnte, fühlte er sich unwohl. Mit unbeholfenen Gesten öffnete er die Tür. »Schließ die Tür hinter dir, Vater. Und leb wohl!«

»Icherios, bitte.« Es war seiner Stimme anzuhören, wie schwer es ihm fiel, diese Worte auszusprechen. Es lag das erste Mal Gefühl in ihnen. »Bitte, komm zurück! Deine Mutter ist krank vor Sorge. Sie braucht dich.«

Icherios zögerte kurz, dann verließ er wortlos den Raum.

3

Nebelgestalten

Angetrieben vom Klang der Kirchenglocken, die ihn daran erinnerten, wie schnell die Zeit verrinnt, hetzte Icherios durch die Straßen. Maleficium quiekte ab und an empört, wenn eine Erschütterung ihn in der Tasche umherschleuderte. Der Regen legte zum Glück gerade eine Pause ein. Der graue Himmel, dessen dicke Wolken nichts Gutes verhießen, trieb die Menschen dazu, ihre Geschäfte im Freien eilig zu verrichten. Dampf stieg vom Lehmboden empor und verstärkte den unangenehmen Geruch von Fäkalien. Je mehr sich Icherios dem Stadtzentrum näherte, desto schwerer fiel ihm das Atmen. An einer Straßenecke kämpften zwei magere, räudige Hunde um die Überreste einer toten Ratte. Einem rotfelligen Rüden mit eingerissenem Ohr gelang es, ein Stück abzureißen und sich damit in eine schmale Gasse zu verkriechen. Icherios hoffte für ihn, dass er seine Beute schnell verschlang, bevor ein hungriger Mensch das Fleisch für sich beanspruchen konnte. Der junge Gelehrte keuchte unter der Last seines Gepäcks, aber er konnte es sich nicht leisten, langsamer zu werden. Schon jetzt erregte er die Aufmerksamkeit der Bettler. Gier spiegelte sich in ihren eingefallenen Gesichtern wider. Icherios blickte über seine Schulter. Bildete er sich das nur ein oder folgte ihm ein großer, schwarzbärtiger Mann? Dunkle Augen aus tief liegenden Höhlen fixierten ihn. Es gab keinen Zweifel: Er hatte einen Verfolger. Der ständige Hunger hatte seine Kräfte geschwächt, sodass seine Arme zitterten. Trotzdem gab er nicht auf. Verbissen legte er an Geschwindigkeit zu. Da ertönte ein panisches Wiehern, gefolgt von einem metallischen Kreischen. Ein Karren geriet ins Schleudern. Eines der Räder hatte sich von der morschen Achse gelöst und rollte die Straße hinunter. Der Schwung des Gefährtes riss die Pferde mit, sodass sie sich auf dem rutschigen Untergrund kaum aufrecht halten konnten. Ein Schrei ging durch die Menschenmenge. Der Wagen donnerte auf eine Hauswand zu. Ein Mann, der dort entkräftet auf dem Boden lag, versuchte sich noch aufzurappeln, doch es war schon zu spät: Der Unterleib des Unglücklichen wurde zwischen Karren und der Wand eingequetscht. Mit aufgerissenen Augen starrte der ausgezehrte Mann an sich hinab. Icherios konnte nicht fassen, dass er noch lebte. Sein Körper musste vom Bauchnabel abwärts zermalmt sein. Dann brach der Mann in lautes Geschrei aus und bemühte sich, den Wagen fortzuschieben. Anstatt ihm zu helfen, stürmten die umstehenden Menschen zum Karren und zerrten die Kisten und Pakete von ihm herunter, während der Wagenlenker sie zitternd davon abzuhalten versuchte. Icherios beobachtete den bärtigen Mann, der ihn verfolgt hatte, wie er eine große Holzkiste schulterte und sich rücksichtslos einen Weg durch die Menschenmasse bahnte. Mit einem Schaudern wandte er sich ab. Dem unglückseligen Mann, der unbeachtet seine Not hinausschrie, konnte er nicht helfen.

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