Die Alkoholikerin - Carmen Reiter - E-Book

Die Alkoholikerin E-Book

Carmen Reiter

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Beschreibung

Gott, was bin ich froh, dass die Putzfrau kommt, wenn auch erst am Mittwoch. Noch froher bin ich über den Umstand, dass ich mich durchgesetzt habe, denn mein Mann duldet keine Putzfrau in unserem Haus. Aber es ist mir egal, sie kommt jetzt und Schluss, denn ich bin in letzter Zeit aufmüpfig geworden. Mein Mann mag wohl durch den Krempel waten, der im Hause herumliegt, es macht ihm offensichtlich nichts aus, mir aber schon, und ich habe nicht mehr die Kraft, weiterhin alles selbst zu machen. Ich habe ebenfalls nicht mehr die Kraft und vor allem nicht mehr die Lust, Mittel zum Zweck für wen auch immer zu sein. Denn so sah mein ganzes Eheleben aus: Ich wurde selbstverständlich wie die Atemluft in Anspruch genommen.

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Seitenzahl: 156

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Carmen Reiter

Die Alkoholikerin

von Carmen Reiter

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

2. Das liebe Geld

7.Der Auserwählte

14. Ein Tag aus meinem Leben

21. Klartext II

Impressum neobooks

2. Das liebe Geld

Carmen Reiter

DIE ALKOHOLIKERIN

All den Frauen, die sich in meinen Aufzeichnungen selbst erkennen

Inhaltsverzeichnis

1. Die Putzfrau 25. Gruß und Schlusswort

2. Das liebe Geld

3. Das Ändern

4. Das Tabuthema

5. Mein Leben in Bildern

6. Die Notizen

7. Der Auserwählte

8. Der Alkohol und der Alkoholismus

9. Unsere Hobbys

10. Das platte Land

11. Lebenslauf oder „Lebenslauf“?

12. Mein Berufsleben

13. Jene, die man sich nicht aussuchen kann

14. Ein Tag aus meinem Leben

15. Mein Weg in die Sucht

16. Die Therapie I

17. Die Therapie II

18. Das AA-Programm

19. Die Früchte meines Lebens

20. Klartext I

21. Klartext II

22. Die Stürme meines Lebens

23. Das Loch in der Seele

24. Das Sparbuch

1. Die Putzfrau

Die Putzfrau kommt am Mittwoch.

Gott, was bin ich froh, dass die Putzfrau kommt, wenn auch erst am Mittwoch. Noch froher bin ich über den Umstand, dass ich mich durchgesetzt habe, denn mein Mann duldet keine Putzfrau in unserem Haus. Aber es ist mir egal, sie kommt jetzt und Schluss, denn ich bin in letzter Zeit aufmüpfig geworden. Mein Mann mag wohl durch den Krempel waten, der im Hause herumliegt, es macht ihm offensichtlich nichts aus, mir aber schon, und ich habe nicht mehr die Kraft, weiterhin alles selbst zu machen. Ich habe ebenfalls nicht mehr die Kraft und vor allem nicht mehr die Lust, Mittel zum Zweck für wen auch immer zu sein. Denn so sah mein ganzes Eheleben aus: Ich wurde selbstverständlich wie die Atemluft in Anspruch genommen. Ich war die selbstverständlich vorhandene, gottgegebene Energie, die dafür da war, um sie in Anspruch zu nehmen, damit andere ihre Träume leben konnten. Freilich, ich trage für diesen Sachverhalt zumindest einen Teil der Verantwortung, denn ich habe es zugelassen, aber ich tat es im guten Glauben. Denn ich dachte, so gehört sich das, so ist das irdische Glück, oder zumindest die Zufriedenheit, zu erhaschen. Dem war aber nicht so, und ich fing an, dem Entspannungsmittel Alkohol zuzusprechen. Da ich in mir aber auch alle anderen Voraussetzungen vereine, die der Sucht die Bahn brechen, wurde ich zur Alkoholikerin. Aber ich möchte nicht mehr trinken, ich möchte nicht mehr in das seelische und körperliche Elend zurück, so schaue ich in mich und um mich, und mein Schmerz und meine Unzufriedenheit sprudeln nur so aus mir heraus, als ob ich eine leckgeschlagene Wasserleitung wäre oder ein mit Überdruck wasserspeiender Springbrunnen.

Ich will die Dinge benennen, die mir Schmerz bereiten, ich will aussprechen, was nicht in Ordnung war und immer noch nicht ist. Ich hoffe so wahrgenommen zu werden, als eigenständige Person wahrgenommen zu werden, zur Partnerin zu avancieren, mir den nötigen und lange vermissten Respekt zu verschaffen und das Recht, mein eigenes, autarkes Leben führen zu dürfen. Ich möchte nicht mehr das Leben eines Subjekts führen, das sein selbstauferlegtes Pensum ohne zu trinken nicht schafft, weswegen ich als Schwächling wahrgenommen und behandelt werde.

Ich bin keine gute Rednerin, keine gute Erzählerin, aber ich muss mich entäußern, wenn auch ungeordnet und chaotisch, für die Ordnung in dem, was ich zu sagen habe , sorge ich später.

Mein Mann ist ein herzensguter Mensch, aber er begreift meine spät erwachten Ansprüche nicht. Die Emanzipationsversuche einer grauen Maus; es war doch alles gut bis jetzt, alles funktionierte bestens in seinem Sinne. Na ja, es war schon peinlich, eine trinkende Ehefrau zu haben, welcher Umstand freilich in dem kleinen Ort, in dem wir wohnen, vor keinem lange zu verbergen war. Und diese Ehefrau, die Jahrzehnte lang nie aufmuckte und immer alles tat, damit er seinen Traum leben konnte, will jetzt plötzlich eine gleichberechtigte Partnerin sein, fordert Mitspracherecht, meldet den Anspruch auf die Erfüllung ihrer Wünsche an. Ich verstehe seine Irritation, aber sie ist kein Grund mehr für mich, den ungestümen Schrei meines eigenen Lebens nach Erblühen, nach Erfüllung und nach Sättigung zu überhören.

Das gleiche gilt für meine Tochter, meinen Schwiegersohn und meinen Enkel. Ich helfe gerne, wie jede Großmutter, aber ich habe Schwierigkeiten mit ihrer Lebensart. Auch ist der Schwiegersohn nicht nach meinem Geschmack, da er Eigenschaften an den Tag legt, die mir irrational erscheinen. Nun, ich weiß, die wenigsten Schwiegermütter kriegen Schwiegersöhne nach ihrem Geschmack und umgekehrt. Und doch lastet es auf meinem Gemüt.

Mit meiner eigenen Schwiegermutter komme ich inzwischen klar, wenn auch anfangs ihre beginnende Demenz mich überforderte. Heute, wenn sie nach ihrer längst verstorbenen Mutter sucht, gehe ich mit ihr einfach zum Friedhof an deren Grab. Es überrascht mich, wie ruhig sie bleibt, hatte sie doch ganz offensichtlich nicht zu einem Grab geführt werden wollen, sondern zu der noch lebenden Mutter. Ob wohl auch mein Mann mit der Zeit mit der Demenz seiner Mutter zurecht kommen wird? Denn meine Kraft reicht bestimmt nicht aus, um neben meinen sonstigen Pflichten auch noch ganz alleine die Pflege eines dementen Menschen zu schultern.

Durch welchen Anlass auch immer, kommen mir mein Vater und mein Schwiegervater in den Sinn, die, für mich auf unbegreifliche Weise, die russische Gefangenschaft überlebt haben. Dazu jedoch später mehr, denn ich habe ohnehin viel über die Verwandtschaft zu sagen, über die erfreuliche wie auch weniger erfreuliche, um nicht zu sagen über die leidvollen, ja, teilweise kaputten Verbindungen zwischen ihr und mir.

Es rennt ein Haufen Prominenter durch die Weltgeschichte, die über ihre besoffenen, prügelnden Väter berichten. Sie wurden missbraucht oder sogar erst als Erwachsene vergewaltigt, die sich zum Drogenmissbrauch bekennen. All diese Leute verstärken damit das Interesse an sich selbst und ihren Werken, und der Namenlose, dessen Leben womöglich viel tragischer ist, leidet im Schweigen und hat kein Forum. So entschloss ich mich, meine mich bewegenden Angelegenheiten zu Papier zu bringen, denn dieses ist bekannterweise geduldig. Ich muss mich äußern, denn sonst ersticke ich, und zwar durch den Alkohol, und das möchte ich nicht. Ich möchte raus aus dem viel zu engen Käfig, raus aus der Unmündigkeit, weg von meinem Status als willenloses Mädchen für Alles. Ich möchte leben und ich möchte spüren, dass ich mein Leben lebe.

Habe ich anfangs von einer Putzfrau gesprochen? Ja, das habe ich, und zwar obwohl ich im Hinterkopf weiß, dass dieser Beruf „Reinigungskraft“ heißt. Nun, die politische Korrektheit ist mir momentan so was von egal, mir steht der Sinn wirklich nicht danach, ihr gerecht zu werden. Außerdem sprechen die Menschen, die ihr Geld damit verdienen, anderer Leute Dreck zu beseitigen, von sich so, und die ganze Welt nennt sie so, bis auf die offiziellen Statements natürlich, also was soll das. Lächerliche Spitzfindigkeiten sind mir im Moment herzlich egal, denn ich ringe nach Luft. Unser Haus sieht wie eine Rumpelkammer aus, in jedem Zimmer steht etwas von allem, es läuft bald über. Manchmal ist mir danach, einfach einen Container zu bestellen, und tabula rasa zu machen. Aber wir alle trennen uns so schwer von unseren Sachen. So ist der Gedanke an den Müllcontainer nur ein gefühlsmäßiges Aufbäumen einer überforderten Hausfrau, und die Einstellung einer Hilfskraft ein rationales Vorgehen. Meine Teilzeitangestellte ist eine lebenserfahrene Frau aus einem Nachbardorf. Sie ist auch meine Vertraute in so mancher Angelegenheit und weiß um mein Alkoholproblem. Wir sind auch per „Du“ und sie hat mein Vertrauen noch nie missbraucht. Bei anderen meiner Bekannten, auch denen, die unter die Spalte „Freunde“ fallen, dürfte das nicht immer der Fall sein. Da habe ich nämlich manchmal den Verdacht, dass sie sich an meinen Problemen weiden.

Was mich jedoch bei der Angelegenheit „Putzfrau“ am meisten aufbaut, ist der Fakt, dass ich endlich und ohne länger auf die Einsicht meines Mannes zu warten, mir Hilfe in Sachen Ordnung und Sauberkeit in unserem Haushalt geholt habe.

Geld haben wir, ich und mein Mann, genug, Gott sei Dank. Auch unsere beiden Kinder können wir gut versorgen. Wir sind so gut situiert, das man uns, freilich nicht ohne Häme, „Milliardäre“ nennt. Das ist maßlos übertrieben, denn zu Milliardären fehlen uns weit über 99 Prozent von den 1000 Millionen, die dazu nötig sind.

Es ist wahr: Seit vielen Jahren schon geben wir monatlich für unseen Lebens – Haus – und Hofunterhalt monatlich eine Summe aus, von der eine schwer arbeitende Verkäuferin, in welcher Supermarktkette auch immer, nur träumen kann. Es kommt nicht daher, weil wir irgendwelche überdurchschnittlich gut dotierten Stellen bekleiden, Unmengen geerbt, übertrieben gespart hätten oder sonst etwas. Nein, wir hatten einfach kein Bedürfnis danach, ein Leben auf hohem Fuß zu führen. Dies führte nicht dazu, uns auf dem einem oder anderen Dorffest ein Getränk mehr nur deswegen nicht zu gönnen, weil man für das gleiche Geld im Supermarkt gleich einige Flaschen davon bekommen könnte. Ein ganzes Leben lang fuhren wir auch nur Mittelklassewagen, denn es gelüstete uns nicht danach, mit teuren Autos zu protzen. Allerdings eine verschrobene Pfennigfuchserin war ich nie. Ich mag auch schöne Kleidung und habe davon nach meinem Ermessen genug. Dass mein Leben mir aber einen Überfluss an Gelegenheiten geboten hätte, mich äußerlich hübsch zu machen, kann ich nicht behaupten. Ich habe diesbezüglich jedoch keinen Nachholbedarf. Ich werde auch weiterhin weder die Pferde im kniefreien Kleid füttern noch in Pumps meine Hausarbeit verrichten. Mich sauber und adrett zu kleiden – die Gelegenheiten dazu werde ich allerdings in Zukunft noch öfters nutzen.

Das mit unserem Wohlstand kam, weil wir von Haus aus so gestrickt waren, dass man Geld zusammen hält, denn die Not der Nachkriegszeit saß noch tief in den Knochen. So legten wir alles, was nicht verbraucht wurde, auf die Seite, und sobald genug da war, investierten wir es in Miethäuser.

Vielleicht würde der eine oder der andere im Dorf es zutreffend finden, wenn auf meinem künftigen Grabstein der unmögliche Spruch „Arbeit war ihr Leben“ stehen würde. Da wäre ich aber nicht ganz zufrieden, denn ich möchte schon mein restliches Leben noch mit anderen Inhalten füllen. Denn ich lebe noch und ich möchte nicht mehr nur noch dafür leben, dass das Geld immer mehr wird. Es wird sowieso, aus sich heraus, noch mehr, denn soweit haben wir es materiell durchaus gebracht. Jedoch ich habe dafür einen viel zu hohen Preis bezahlt, weil ich es nicht anders wusste. Oder soll ich sagen: Weil ich mir nicht zutraute, anders zu leben? Jetzt, Hier und Heute, traue ich mich und nur das zählt.

Mich hat inzwischen die banale Redensart „Das letzte Hemd hat keine Taschen“ erreicht, aber nicht oberflächlich, wie sie einem jeden Menschen bekannt ist, sondern sie ist bis in das Tabernakel meiner Seele gedrungen.

Heißt das, ich will jetzt mein Leben damit verbringen, unser Geld zu verbraten? Keineswegs. Ja, ich möchte schon in Urlaub fahren und klar, das kostet was. Allerdings es ist mir ebenfalls klar, dass ich mir für das ganze Hab und Gut, das wir unser eigen nennen dürfen, die ersehnte Zufriedenheit und Sättigung nicht kaufen kann. Doch eines möchte ich bestimmt nicht: Wie ein seelenloser Roboter in meinem restlichen Leben noch mehr Geld anhäufen. Ich möchte nicht so enden, wie die über achtzigjährigen Frauen, denen man zuweilen in den Banken und Sparkassen begegnet, die ihr Geld, das sie sich vielleicht vom Munde abgespart haben, noch auf viele Jahre anlegen, weil sie weder mit diesem noch mit ihrem Leben etwas anderes anzufangen wissen. Und wir, ich und mein Mann, sind in der glücklichen Lage, des Geldes wegen nicht mehr arbeiten zu müssen. Das heißt nicht, dass wir es nicht machen wollen oder sollen. Aber wir müssen es nicht, um unsere Töpfe voll zu kriegen, die Zimmer warm und erleuchtet zu halten, uns angemessen kleiden und unsere finanziellen Verpflichtungen vom Guthaben bezahlen zu können

Ich möchte, das die Geringschätzung aus meinem Leben verschwindet. Ich möchte über alles, was meine Angelegenheiten und meine Person anbetrifft, konsultiert werden. Ich möchte nicht ungefragt in Anspruch genommen werden. Ich möchte, das man hört, was ich sage und sich darüber nicht einfach hinwegsetzt als wäre ich ein Nichts.

In Sachen Geld ist das bei uns aber so. mein Mann kauft ein Grundstück und informiert mich erst im nach hinein darüber. Er steckt Geld in einen Hallenbau, den er mit etlichen Treckern und einer Unmenge an Zubehör, Werkzeug und Spezialwerkzeug füllt, ohne mich gefragt zu haben, ob ich meine 50% Anteil am Vermögen in ein solches Vorhaben anlegen will oder nicht.

In sein Hobby, dass weitgehend sein Leben ausfüllt, steckt mein Mann also einen Haufen Geld rein, und zwar nach eigener Lust und Laune. Für ein neues Ehebett nach 35 Jahren aber musste ich einen zweijährigen Kampf führen, um es endlich bestellen zu dürfen. Hallo? Wo sind wir denn? Darf ich denn über meine 50 Prozent nicht frei verfügen?

Ich will konsultiert werden! Ich bin keine Wohlstands- und Machtbeschafferin für andere! Ich will nicht behandelt werden wie der Mohr, der seine Schuldigkeit getan hat, wonach er sich in die Unmündigkeit zu verdrücken und weiter zu ackern hat, auf dass andere wohlhabend und wichtig tun können! Der Argument „Im Lichte der Rechtslage gehört sowieso alles zu 50% Dir!“ zieht nicht, denn ich will auch an Entscheidungen über meine 50 % beteiligt werden, mitreden dürfen, ich brauche keinen Vormund, der für mein Wohl sorgt. Ich habe über 40 Jahre lang für das Wohl dreier anderer Menschen gesorgt, damit sie sich ihren Dingen zuwenden können. Somit habe ich hinreichend bewiesen, dass ich auch für mich persönlich sorgen kann. Der Luft zum Atmen mag es egal sein, ob man ihr Vorhandensein stets wahrnimmt, mir ist es nicht egal, denn ich bin ein Mensch, der ohne wahrgenommen zu werden verdorrt wie die Pflanze, der man Wasser entzieht.

Es ist beileibe nicht so, dass ich meinem Mann sein Hobby nicht gönne, im Gegenteil, ich sehe doch, wie viel Freude er daran hat, und ich hätte sowieso eingewilligt, wenn er gefragt hätte; aber ich wäre mir als ernst genommene Partnerin vorgekommen, als gleichberechtigt. Was muss das für ein himmlisches Gefühl sein!

Die Einstellung der Putzfrau habe ich aber auf meine Kappe genommen. Habe mich endlich getraut, etwas, was ich für nötig halte, auch ohne Segen meines Mannes durchzusetzen.

3. Das Ändern

Ich will die Welt nicht ändern. Nicht mal Immanuel Kant oder Nikolaus Kopernikus wollten die Welt ändern. Sie haben nur in sich hineingehorcht und um sich geschaut und niedergeschrieben was sie fanden, und als der König dem Immanuel den Mund verbot, hat dieser ihn auch gehalten. Sobald sich aber die Lage änderte, hat er weiter geschrieben und seine Arbeit hat die Welt verändert. Auch viele andere, die die Welt zum Positiven veränderten, haben gar nicht daran gedacht, genau das zu erreichen, sondern einfach nur gemacht, was sie meinten, machen zu müssen. Meine Lage ist da schon anders. Ich möchte mich ändern, damit die Welt um mich herum sich ändert, denn nur wer sich selber ändert, kann auch andere, somit seine Umwelt, verändern. Am liebsten würde ich alles belassen wie es ist, aber dann verschwindet nicht der Druck von meiner Seele. So bleibt mir nichts anderes übrig, als mich zu verändern. Ich möchte mich nicht ändern, um die Welt zu verbessern, sondern nur deshalb, dass endlich auch Helle und zufriedene Gelassenheit in mein Leben eintreten. Das bin ich mir wert.

Vor mir liegt eine dicke Mappe voll beschriebener Blätter. Das älteste ist schon mehrere Jahre alt. So lange schon schreibe ich meine Angelegenheiten nieder, um Dampf abzulassen, um nach Luft schnappen zu können, um nicht die Rettung im neuerlichen Suff suchen zu müssen. Die Notizen sind nichts weiter, als das Gestöhne einer gemarterten Seele. Man kann ihnen jedoch noch eine andere Gemeinsamkeit entnehmen, und zwar den Schrei danach, die Umwelt möge doch bitte meinen Durst nach Zuwendung und Anerkennung erkennen und stillen.

Ja, ich habe immer erwartet, dass die Rettung von Außen kommt, dass andere Menschen meinen Anspruch nach Anerkennung, Geborgenheit und allem anderen nicht nur erkennen, sondern auch stillen. Ich habe danach gelechzt bis zum körperlichen Schmerz. Ich hatte eine Vorstellung davon, was mir fehlt, was mir helfen kann, und habe danach einen Anspruch und ein Verlangen entwickelt, die mir den Verstand raubten. Darüber hinaus raubten mir mein Anspruch und mein Verlangen auch den Genuss an den aneinander folgenden Tagen mit ihren mal mehr und mal weniger guten Vorkommnissen, weil sie nicht so waren, wie ich sie gerne gelebt hätte. Auch empfand ich keinerlei Freude und Genugtuung an meinem Tun und Lassen. Trotz dieses katastrophalen Seelenzustands hörte ich aber nicht auf das zu tun, von dem ich meinte, das man es von mir erwarte und das ich für meine Pflicht hielt. Die meiste Energie steckte ich aber in meinen Anspruch und die Erwartung, dass meine Umwelt endlich anfinge, meinen seelischen Durst zu stillen und mein subjektiv heftig empfundenes Manko an Anerkennung auszugleichen. Solches tut die Umwelt aber von sich aus nicht. Sie muss dazu gebracht werden. Und das geht nur, wenn ich anfange, in ihr anders zu agieren, und auf sie anders zu reagieren.

Auf einem der vor mir liegenden Zettel sehe ich die Frage: „Wie ich es mir gut gehen lassen kann?“ Darunter die Antwort: „Pferde besuchen.“ Ein wenig dürftig, nicht wahr? Bei einem Ehemann, zwei Kindern, großer Verwandtschaft nebst Nachbarschaft, letztlich robuster Gesundheit, einem nie angezweifelten festen Glauben an Gott und einem ansehnlichen Besitz nur ein einziges Lichtlein am Horizont: Die Pferde...

Mir ist bekannt, das ausgerechnet Bier den Durst am besten stillen kann. Ebenfalls ist mir bekannt, dass Alkohol ein gutes, dabei einfach anzuwendendes Entspannungsmittel ist. Aber: Habe ich je wegen des Durstes Alkohol getrunken? Nein, und in Wirklichkeit auch nicht um zu entspannen. Ich trank, weil ich verdrängen, vergessen wollte, ich wollte mich betäuben, die Marter meiner Seele nicht spüren. Diese erschienen unter dem Einfluss vom Alkohol in der Tat erträglicher, verschwand aber nie ganz und wehe, wenn die Wirkung meines „Heilmittels“ nachließ: Es potenzierte mein Leiden.

Da fällt mir noch ein Zettel ins Auge, voller emotionalen Elends, voller in Worte gefasster Tränen. Am Schluss steht der Satz. „Ich kann nicht mehr, und hoffe doch noch immer...“ Die Seele schrie wie am Spieß und ich schrieb: „Hoffnung“. Wahrscheinlich ist es die nie verloren gegangene Hoffnung, warum ich jetzt die Kraft verspüre, weiter zu machen und mein leben zu verändern.