Die Ältesten - The Elders - Dima Zales - E-Book

Die Ältesten - The Elders E-Book

Dima Zales

4,8

Beschreibung

"Von dem New York Times und USA Today Bestseller Autoren Dima Zales erscheint die mit Spannung erwartete Fortsetzung der Serie Gedankendimensionen. In die 2. Ebene gelangen zu können, macht mich unglaublich mächtig. Jetzt stecken alle, die mir wichtig sind, in Schwierigkeiten, aber ich kann die 2. Ebene nicht mehr erreichen. Die Ältesten können es, aber werden sie es mir beibringen? Und falls ja, welchen Preis werde ich dafür zahlen müssen? Letztendlich werde ich eine Entscheidung treffen müssen. Wie viel bin ich bereit für diejenigen zu opfern, die ich liebe?"

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Die Ältesten - The Elders

Gedankendimensionen: Buch 4

Dima Zales

Aus dem Amerikanischen von Grit Schellenberg

♠ Mozaika Publications ♠

Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Geschäftseinrichtungen, Ereignissen oder Schauplätzen wären zufällig und nicht beabsichtigt.

Copyright © 2014 Dima Zales

www.dimazales.com/deutsch.html

Alle Rechte vorbehalten

Kein Teil dieses Buches darf reproduziert, gescannt oder in gedruckter oder elektronischer Form ohne vorherige Erlaubnis verbreitet werden. Ausnahme ist die Benutzung von Auszügen in einer Buchbesprechung.

Veröffentlicht von Mozaika Publications, einer Druckmarke von Mozaika LLC.

www.mozaikallc.com

Lektorin: Kerstin Frashier

Cover von Najla Qamber Designs

www.najlaqamberdesigns.com

e-ISBN: 978-1-63142-148-8

Print ISBN: 978-1-63142-149-5

Beschreibung

In die 2. Ebene zu gelangen zu können, macht mich unglaublich mächtig. Jetzt stecken alle, die mir wichtig sind, in Schwierigkeiten, aber ich kann die 2. Ebene nicht mehr erreichen.

Die Ältesten können es, aber werden sie es mir beibringen? Und falls ja, welchen Preis werde ich dafür zahlen müssen?

Letztendlich werde ich eine Entscheidung treffen müssen.

Wie viel bin ich bereit für diejenigen zu opfern, die ich liebe?

1

Beerdigungen sind eigenartige Veranstaltungen. Besonders, wenn man die Person, die zu Grabe getragen wird, selbst umgebracht hat. Und ganz besonders dann, wenn man sie erneut töten würde, bekäme man die Gelegenheit.

Ich habe zwar kein schlechtes Gewissen, aber irgendein anderes unterschwelliges Gefühl.

Hunderte, wenn nicht tausende Polizisten haben vor der Beerdigungen an der Totenwache zu Ehren Kyles teilgenommen. Ihre düsteren Gesichter waren überall. Vielleicht war es ihr Respekt und ihre Loyalität zu einem Kollegen oder ihre Solidaritätsbezeugung, die mich heruntergezogen hat. Es war berührend, aber fehl am Platz.

Für sie und die Medien ist Kyle als Held gestorben — als ein Kriminalbeamter der während seiner Arbeit von der russischen Mafia erschossen wurde. Ein mutiger Mann, der viel zu früh aus seinem Leben gerissen wurde.

In anderen Worten: sie kannten den wahren Kyle Grant überhaupt nicht.

Das ist aber in Ordnung. Ich verstehe, dass die Menschen ab und an einen Helden brauchen und werde ihnen ihre Illusionen nicht zerstören. Es ist einfach hart einer der wenigen zu sein, die die Wahrheit kennen.

Allerdings war es nicht nur die Trauer der Polizisten, die mich getroffen hat. Es war das unglaubliche Ausmaß dieses Ereignisses: die motorisierte Eskorte durch die Stadt, die den ganzen Verkehr blockiert hat, der Sarg, der feierlich mit einer Fahne abgedeckt war, die Ansprache des Bürgermeisters — und als Höhepunkt einige Hubschrauber, die über uns flogen.

Das Ganze wurde durch die Anwesenheit all dieser Gedankenführer verschlimmert. Wenn man bedenkt, dass die Gemeinschaft in New York ziemlich klein ist, müssen einige von ihnen auch von außerhalb gekommen sein, um an Kyles Beerdigung teilzunehmen. Zumindest nehme ich an, dass die Menschenmasse die ich gesehen habe, aus Gedankenführern bestand. Einige der Gesichter kannte ich aus dem Nachtklub, in den mich Liz mitgenommen hatte, um andere „Strippenzieher“ kennenzulernen — wie Bill, alias William Pierce, meinen Chef. Wir hatten keine Gelegenheit uns auf der Totenwache zu unterhalten; wir haben uns nur zugenickt. Ich nehme an, dass er und die anderen hier waren, um einem Gedankenführer ihren Respekt zu erweisen. Fast alle von ihnen sahen wirklich betroffen aus, was bedeutet, dass auch sie den echten Kyle nicht kannten.

Die Gemeinschaft der Gedankenführer glaubt wahrscheinlich das Gleiche wie die Medien. Ich frage mich ob sie vorhaben, den Mord an Kyle zu untersuchen. Ich hoffe nicht. Es ist eher zu erwarten, dass einer der Polizisten Victor — denjenigen der Kyle erschossen hat — umbringen wird, und ausgehend von dem, was ich in den Medien gesehen habe, wird es bald geschehen. Wenn die Behörden denken, dass man ein Polizistenmörder ist, hat man eine ungewisse Zukunft. Sobald Victor verschwunden sein wird, befinde ich mich in Sicherheit, außer Liz oder Thomas verraten mich. Sie wissen zwar nicht mit Sicherheit, dass ich für Kyles Tod verantwortlich bin, aber sie wären dumm, wenn sie es nicht vermuten würden. Außerdem habe ich Thomas fast alles erzählt bevor er mich gebeten hat, meinen Mund zu halten. Sollte ich eine Therapiestunde besuchen, würde Liz mit Sicherheit alles besprechen wollen. Ich habe allerdings nicht vor zu ihr zu gehen, hauptsächlich deshalb nicht, weil ich sie nicht sagen hören möchte: »Ich habe dir ja gleich gesagt, dass du eine Therapie brauchen würdest, solltest du deinen Onkel umbringen.«

Wenigstens ist keiner der Führer zur Beerdigung gekommen. Auf dem Cypress Hills Cemetery läuft alles viel schlichter ab. Nur die Menschen, die Kyle am nächsten standen, sind hier. Hauptsächlich handelt es sich dabei um einige Dutzend Polizisten, die mit Kyle zusammengearbeitet haben oder ihn gut kannten, sowie meine Mütter und mich in der Rolle der „Familie“. Mira ist auch hier um mich moralisch zu unterstützen. Und nicht zu vergessen, Thomas.

Warum ist Thomas eigentlich hier? Diese Frage, beziehungsweise die möglichen Antworten auf sie, machen mich nervös. Mit Sicherheit gibt es für ihn keinen offiziellen Grund hier zu sein. Ich nehme an, dass er für Lucy gekommen sein könnte, da er ihr biologischer Sohn ist und weil er Schuldgefühle haben könnte, eine so kritische Rolle bei den Ereignissen gespielt zu haben.

Er könnte natürlich auch hier sein, um seinem biologischen Vater, Kyle, die letzte Ehre zu erweisen. Das ist die Möglichkeit, die mir Sorgen macht. Könnte er wütend auf mich sein, weil ich ihm Kyle weggenommen habe bevor er die Möglichkeit hatte diesen Bastard kennenzulernen?

Nein, wahrscheinlich interpretiere ich gerade zu viel in seine Anwesenheit hinein. Da Thomas alles über Kyle, Mutter und das, was zwischen ihnen passiert ist weiß, könnte er aus dem gleichen Grund auf der Beerdigung sein wie Mira — als moralische Unterstützung für mich oder vielleicht Lucy.

Ich weiß nicht, was Thomas gerade denkt, da sein Gesicht genauso unleserlich ist wie immer. Sollte er unbewusst doch wütend auf mich sein? Steht er deshalb ein wenig abseits, so als würde er nicht wirklich Teil unserer Gruppe sein? Ich hoffe, das ist nicht der Fall. Für mich ist er eine Art neuentdeckter Adoptivbruder und ein guter Freund. Ich will nicht, dass Kyle das nach seinem Tod noch zerstört.

Ich schaue mir die Pflanzen auf dem Cypress Hills Cemetery an, um etwas Positives zu sehen. Durch das Gras und die vielen Eichenbäume wirkt dieser Ort sehr beschaulich, vorausgesetzt man ignoriert die Grabsteine. Obwohl es ein Friedhof ist, ist die Atmosphäre fast beruhigend.

Angestrengt konzentriere ich mich auf etwas weniger Bedrückendes. Kyles Eltern haben ihn erst in einem recht hohen Alter bekommen, weshalb ich zum Glück nicht dabei zusehen muss, wie eine Mutter und ein Vater über den Verlust ihres Sohnes trauern. Auch wenn Kyle ein Hurensohn war, wäre das wirklich übel gewesen — es ist schlimm genug, dass meine Mutter, Lucy, seinetwegen weint. Sie weint fast nie. Natürlich weiß sie nicht, dass diese Beerdigung eigentlich ein großer Segen für sie ist. Wenn sie wüsste, was er ihr alles angetan hat, würde sie wahrscheinlich auf sein Grab spucken und feiern gehen. Leider ist Kyle erst seit zehn Tagen tot und Liz hatte noch nicht die Möglichkeit meine Mutter zu einem Punkt zu führen, an dem sie sich gefahrlos an alles erinnern darf, was passiert ist.

Okay, mein Versuch positiv zu denken ist fehlgeschlagen. Aber ich ziehe diese Gedanken jederzeit der langen Rede des Priesters vor, zumal sie mich außerdem vom Bestatter ablenken, der gerade den Sarg in den Boden gleiten lässt.

Als ich bemerke, dass die Zeremonie fast vorbei ist, kommt dieses komische unterschwellige Gefühl mit aller Macht zurück. Vielleicht deshalb, weil meine andere Mutter, Sara, jetzt auch weint. Nachdem Kyle versucht hatte, mich mit seinem Gürtel zu verprügeln, mochte Sara ihn genauso gerne wie ich meine Ballettstunden — die ich, falls das nicht klar sein sollte, gehasst habe.

Und was ist das? Zieht sich bei dieser Erinnerung gerade mein Brustkorb zusammen? Denke ich liebevoll an die Zeit zurück, als Kyle versucht hat mich zu schlagen? Das kann nicht sein. Aber meine Augen fühlen sich ganz feucht an. Ich muss Staub hineinbekommen haben oder aber ich reagiere allergisch auf die verdammten Ambrosia, die im Herbst blühen.

Ich bekomme keine Gelegenheit mich über das zu ärgern, was ich fühle, weil die Welt um mich herum plötzlich einfriert.

Das Schluchzen meiner Mütter verstummt, genauso wie das Rascheln der Blätter in der warmen Herbstbrise.

Diese Abwesenheit von Geräuschen ist das vertraute, verräterische Zeichen der Stille, nur dass ich nichts getan habe.

Ich schaue mich um.

Alle sind an ihrem Platz eingefroren, nur Mira nicht. Eine Version von ihr bewegt sich und sieht besorgt aus, was sehr ungewöhnlich für sie ist. Genervt, mit Sicherheit. Wütend, zu oft für meinen Geschmack. Sarkastisch, immer. Aber besorgt ist keine Beschreibung die häufig auf sie zutrifft. Sie steht neben einer ruhiger aussehenden, eingefrorenen Version von sich selbst.

»Verlasse die Stille, splitte sofort wieder und hole mich zu dir«, sagt sie mit eindringlicher, angespannter Stimme. »Meine Tiefe könnte nicht ausreichend sein.«

»Aber was —«

»Versprich mir, dass du es tun wirst«, besteht sie.

»Okay, ich mache es«, erwidere ich. Jetzt fange ich an mir wirklich Sorgen zu machen.

Ohne ein Wort zu sagen berührt sie ihr eingefrorenes Ich und ich bin in der realen Welt zurück.

Sofort begebe ich mich in die Stille und hole Mira zu mir, genauso wie sie es wollte.

»Was ist los?«, frage ich als sie auftaucht. »Warum hast du mich eben hineingezogen? Ich kann jetzt nicht wirklich in Ruhe mit dir —«

»Sei doch mal eine Sekunde lang ruhig«, unterbricht sie mich, »und schau dir diese Polizisten an.«

Sie zeigt auf finster blickende Männer in Uniform. Sie stehen links von uns, in etwa drei Metern Entfernung genau neben Thomas.

»Was ist mit ihnen?«, frage ich und gehe zu ihnen.

»Schau dir ihre Hände an.«

Als ich bei den Männern ankomme, sehe ich genauer hin. Das ist schräg. Jeder Beamte greift nach seiner oder ihrer Waffe und sie alle blicken auf mein eingefrorenes Ich.

»Das sieht nicht gut aus«, sage ich.

»Ach?«

»Vielleicht gibt es dafür eine gute Erklärung? Vielleicht wollen sie einen Salut abgeben, wie bei den militärischen Beerdigungen? Machen sie das nicht auch bei Polizisten?«

»Sollte das der Fall sein, warum sind dann diese Idioten hier?« Sie zeigt auf einige Typen mit Gewehren die seit einer ganzen Weile am Rand stehen. Sie geht zu dem nächsten Polizisten und nimmt seine Waffe. »Außerdem werden Salutschüsse mit Platzpatronen abgegeben.«

Sie schießt dem Beamten in den Fuß. Das Loch im Schuh des Opfers beweist, dass die Waffe mit Sicherheit nicht mit Platzpatronen geladen ist.

»Scheiße«, sage ich.

»Das kannst du laut sagen.«

»Und warum schauen sie mich so an? Hast du sie gelesen?«

»Nur oberflächlich, aber sie werden gleich auf dich schießen.« Sie hält inne. »Ihre Strippen werden gezogen.«

Ein Strippenzieher. Damit hatte ich nicht gerechnet, aber es ist die einzige Erklärung dafür, warum Polizisten, die ich niemals zuvor getroffen habe, mich erschießen wollen würden. Allerdings wird der Mann, der hinter ähnlichen Inszenierungen steckte, der Mann, der in der Vergangenheit Menschen dazu gebracht hat mich umbringen zu wollen, gerade beerdigt. Außer natürlich—

»Bist du noch bei mir?«, fragt Mira und reißt mich damit aus meinen Überlegungen.

»Ja. Ich versuche gerade diese Entwicklung zu verdauen.«

»Verdaue sie später. Du musst etwas unternehmen.«

»Wenn sie geführt werden, kann ich die Anweisungen überschreiben«, sage ich.

»Vorausgesetzt du bist mächtiger als derjenige, der ihre Strippen gezogen hat«, wirft sie ruhig ein. Mira hat in der letzten Zeit aufgehört, meine Führungsfähigkeiten zu kritisieren. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass sich generell ihre Gefühle Gedankenführern gegenüber erwärmt haben. Ich mag den Gedanken, dass ich der Auslöser für diese Veränderung sein könnte.

»Ja, allerdings habe ich bis jetzt noch niemanden getroffen der stärker ist als ich«, erwidere ich ohne falsche Bescheidenheit. »Aber sollten wir nicht Thomas zu uns holen und ihm die Lage erklären?«

»Ein Strippenzieher kontrolliert diese Polizisten«, erinnert sie mich. »Möchtest du nicht sicherstellen, dass es nicht er ist bevor du ihn hineinziehst?«

Okay, vielleicht sehe ich auch nur das, was ich sehen möchte was Miras bessere Meinung über die Gedankenführer betrifft — ein Wort, dass sie immer noch nicht besonders mag. In diesem Fall spielt auch ihr generelles Misstrauen Fremden gegenüber eine Rolle. Sie hatte mit Thomas noch nicht so viel zu tun wie mit meiner Tante Hillary, mit der sie am Flughafen in Miami festhing. Miras Einstellung meiner Lieblingsminiaturverwandten gegenüber macht mir Hoffnung. Auch wenn ich nicht so weit gehen würde zu behaupten, dass Mira und Hillary durch diese Feuertaufe allerbeste Freundinnen geworden sind, behandelt Mira meine Tante mit zurückhaltendem Vertrauen und, noch wichtiger, mit ungewolltem Respekt.

»Du kannst doch nicht ernsthaft denken, dass Thomas so etwas tun würde?«, frage ich Mira und blicke zu ihr. Trotz meiner Worte füllt sich mein Magen bei dem Gedanken daran, dass Thomas mich umbringen wollen könnte, mit flüssigem Stickstoff. Plötzlich spielt sich vor meinem inneren Auge wieder der Moment ab, an dem Kyle vor seinen Augen erschossen wird. Gleichzeitig erinnere ich mich an das, was ich gefühlt habe als ich erfuhr, dass Kyle meine biologische Familie umgebracht hat. Ich wollte — nein, ich musste — Kyle daraufhin umbringen. Fühlt Thomas das Gleiche bei mir?

Nein. Diese Möglichkeit möchte ich nicht akzeptieren. Das ist die Angst, die spricht. Kyle war nicht nur Schuld am Mord meiner biologischen Eltern. Wäre das seine einzige Schuld gewesen, hätte ich ihn vielleicht gar nicht umgebracht.

Oder vielleicht doch.

»Du bist auf der Beerdigung seines Vaters.« Miras Worte hallen in meinem Kopf wieder. »Du weißt, wie sein Vater gestorben ist. Muss ich noch deutlicher werden?«

Anstatt ihr zu antworten, gehe ich zu Thomas und denke die ganze Zeit: Das kann nicht stimmen. Könnte Thomas so etwas tun?

Thomas war gerade dabei zu meinem eingefrorenen Ich zu kommen, als die Zeit angehalten hat. Das ist eigenartig. Die Beerdigung ist noch nicht vorüber und die Zeremonie ist kein guter Zeitpunkt für einen kleinen Spaziergang.

Dann sehe ich sein Gesicht. Seine glasigen Augen starren auf etwas, das sich vor ihm befindet.

Ich folge seinem Blick. Er starrt auf mein unbewegliches Ich.

»Ja«, sagt Mira. »Ich habe das nicht grundlos gesagt. Er wirft dir einen bösen Blick zu.«

»Es muss eine andere Erklärung dafür geben.« Ich frage mich, ob sie die Hoffnung aus meiner Stimme heraushört.

»Naja, du kannst doch beim Lesen den „Ton der Stimme“ herausbekommen, mit der die Anweisungen gegeben wurden. Warum überprüfst du nicht, ob du deinen Kumpel Thomas wiedererkennst?« Sie klopft auf den Kopf des Polizisten, den sie angeschossen hat.

»Er ist außerdem mein Adoptivbruder«, erwidere ich. »Und warum kannst du das nicht tun?«

»Das habe ich versucht, aber ich konnte nicht sagen, ob er es war. Ich muss es eigentlich auch gar nicht überprüfen. Nach dem was wir wissen, ist er die logischste Wahl.«

»Er ist die unlogischste Wahl«, sage ich stur und wünsche mir, dass ich mich so zuversichtlich fühlen würde wie ich mich anhöre. »Ich werde es dir beweisen.«

Ich gehe zu einem großen Polizisten und berühre die Hand, mit der er gerade nach seiner Waffe greift.

Wir sehen der Beerdigung Kyle Grants zu. Es ist mehr als nur ein wenig egoistisch gerade an das bevorstehende Spiel zu denken, aber als der Priester die Predigt hält, erinnern wir uns daran, wie unsere Gedanken schon beim Kindergottesdienst immer abgeschweift sind, genau wie jetzt. Wir denken über die Mannschaft nach, die wir zusammengestellt haben. Als Quarterback des Reviers kennen wir die Stärken und Schwächen aller Spieler. Wir wissen, dass Kyle einer unserer besten Männer war. Ohne ihn werden die Typen des dreiunddreißigsten den Boden mit uns wischen …

Ich, Darren, trenne mich. Ich muss mich einige Sekunden vor dem Zeitpunkt des Führens befinden.

Ich lasse die Erinnerung ablaufen. Sie besteht aus weiteren Plänen und Sorgen über das Footballteam des Bezirks. Einige Menschen bleiben ewig in der „ich bin der Quarterback der Mannschaft“-Phase ihres Lebens, eine Phase die ich in der Schule verpasst habe, da ich jünger als alle anderen war. Ich wollte es trotzdem ausprobieren, da ich weiß die Stille würde mir bei den Ablenkungsmanövern helfen, aber der Trainer hat mich ausgelacht, als ich es angesprochen habe.

Jemand dringt in den Kopf des Polizisten ein und ich vergesse das ganze Footballthema.

Du wirst in Gedanken bis einhundert zählen und dann nimmst du deine Waffe zur Hand. Du wirst zielen und auf den jungen Mann schießen, der zwischen Kommissarin Wang und ihrer lesbischen Lebenspartnerin steht. Du schießt um zu töten. Er ist einer der meistgesuchten gefährlichen Verdächtigen der Fahndungsliste des FBIs.

Ich versuche diese „Stimme“ wiederzuerkennen. Abgesehen von Kyle kann ich nur zwei weitere Menschen auf diese Weise heraushören. Hillary und Liz. Hillarys Stimme habe ich kennengelernt, als ich in Berts Kopf eingedrungen bin. Liz' Stimme, weil ich wissen wollte, was sie während ihrer Therapiestunden mit Lucys Kopf macht. Diese Stimme hört sich nach keiner von beiden an und auch nicht nach Kyle — was ja sowieso nicht möglich wäre. Abgesehen von der Stimme ist die Umschreibung „lesbische Lebenspartnerin“ statt „Ehefrau“ allerdings etwas, das auch Kyle gesagt haben könnte.

Obwohl ich anhand der Stimme nicht sagen kann, wer der Strippenzieher ist, weiß ich eine Sache mit Sicherheit: diese Person hat sich mich gerade zum Feind gemacht, und nicht nur weil sie mich umbringen möchte. Dieser mysteriöse Strippenzieher hat die Polizisten dahin geführt, auf mich zu schießen, während ich neben meinen Müttern und Mira stehe.

Dieses schwachsinnige Arschloch hat damit alle in Gefahr gebracht, die mir etwas bedeuten.

Ich bin außer mir vor Wut. Ich bin mir nicht sicher, ob mein Ärger so riesig ist weil ich Angst habe, aber ich bin so wütend, dass ich kaum nachdenken kann. Trotzdem kommt mir etwas am Ton des Strippenziehers bekannt vor, auch wenn ich nicht genau sagen kann, was. Könnte es doch Thomas sein?

Wenn ja, müssen wir miteinander reden.

Ich verlasse den Kopf des Polizisten.

»Ich weiß nicht, wer es ist«, erkläre ich und schaue dabei auf Thomas. »Irgendetwas stimmt hier allerdings nicht. Ich denke aber nicht, dass er es ist.«

»Warum bist du dir da so sicher?«, will Mira wissen.

»Erstens, weil ich neben Lucy, seiner biologischen Mutter, stehe.« Als ich das ausspreche wird mir klar, dass das ein hervorragendes Argument ist, also füge ich hinzu: »Muss ich das noch weiter ausführen?«

Mira sieht nachdenklich aus. »Daran hatte ich nicht gedacht. Kannst du das mit ihm machen, von dem wir beschlossen haben, dass du es nie mit mir machen wirst?«

»Du meinst in die 2. Ebene hinübergleiten und ihn lesen?«

Wenn Mädchen sagen „wie wir beschlossen haben“, und besonders wenn Mira es sagt, bedeutet es eigentlich „wie ich dir befohlen habe“. Ich habe nie eingewilligt sie nicht zu lesen, sollte ich die Gelegenheit dazu bekommen. Die letzten zehn Tage lang habe ich allerdings erfolglos versucht, erneut in die 2. Ebene hinüberzugleiten, also ist es sinnlos sich darüber zu streiten, ob ich sie oder ihn lese.

Ich versuche trotzdem zum millionsten Mal in die 2. Ebene zu gelangen. Ich mache das, was ich normalerweise tue, um von der realen Welt in die Stille zu gelangen. Ich versuche zu vergessen, dass ich mich bereits in der Stille befinde und versuche es mit meinem ganzen Willen zu erzwingen, aber wieder einmal passiert nichts — ich treffe nicht einmal auf die mentale Mauer, wie es die anderen Male der Fall war.

»Ich kann nicht«, erkläre ich ihr. »Ich habe immer noch nicht herausbekommen wie es funktioniert. Aber du hast recht, das wäre die beste Art, damit umzugehen.«

»Alles klar. Dann ist das einzige, was wir jetzt noch tun können, eine kleine Unterhaltung zu führen —«

»Das ist eine hervorragende Idee«, erwidere ich und gehe zu Thomas. Er wird uns sagen, was los ist.

Ich höre noch wie Mira sagt: »Warte«, aber in diesem Moment berühre ich bereits Thomas’ Nacken.

Sofort erscheint eine zweite Version von ihm in der Stille.

Er schaut sich ohne die normale Orientierungslosigkeit um, die Menschen verspüren, die plötzlich in die Gedankendimension gezogen werden, und als sein Blick auf Mira fällt, reagiert er überhaupt nicht. Das ist schräg.

Danach erblickt er mich.

Seine Augen sehen aus, als seien sie auf ihr Ziel ausgerichtet, ganz wie bei Terminator.

Ohne zu blinzeln kommt er schweigend auf mich zu.

»Thomas, du wirst nicht glauben was gerade passiert —«

Meine Worte werden grob von Thomas’ Faust unterbrochen, die auf meinem Mund aufschlägt. Ich bemerke den metallischen Geschmack von Blut und alles, an das ich denken kann ist, was Mira in ihrem vorwurfsvollsten Ton sagen wird: »Ich habe es dir verdammt nochmal gesagt.«

2

»Thomas!« Ich wehre seinen Versuch ab, mir mit seiner Faust auf meinen Adamsapfel zu schlagen. »Was soll das?«

Als Antwort tritt mir Thomas gegen mein Schienbein. Durch mein Reden und meine Irritation hatte ich den Tritt nicht kommen sehen, und er tut verdammt weh. Die Mischung aus Verrat, Ungläubigkeit und aufsteigendem Ärger verstärkt den Schmerz.

Als Thomas mich erneut angreifen möchte, weiche ich dem Schlag zwar aus, aber irgendetwas Anderes lenkt mich ab, etwas, das mit diesem Kampf zu tun hat. Ein Teil von mir — der Teil, der in Kampfsituationen erwacht seit ich mich mit Caleb in dem Kopf des israelischen Kampfsportgurus vereinigt habe — bemerkt, dass Thomas „interessanter“ Kampfstil Hapkido-inspiriert ist.

Als würde er meine Vermutung bestätigen wollen, ergreift Thomas meinen Arm als ich ihn in den Magen schlagen will und biegt meinen Ellenbogen nach hinten. Sofort überkommen mich unglaubliche Schmerzen. Danach wirft er mich über seine Schulter. Zwei Hapkido Klassiker, denke ich, während ich durch die Luft fliege.

Als ich dabei bin auf dem Boden aufzuschlagen, verlangsamt sich die Welt ein wenig, weshalb ich die Hoffnung bekomme, vielleicht doch wieder in die 2. Ebene hinübergleiten zu können. Mein Kampf gegen Thomas gleicht haargenau der Situation, in der ich das letzte Mal in der Stille gesplittet habe: Sollte ich mit meinem Kopf aufkommen, werde ich mir mein Genick brechen und sterben.

Ich komme auf. Die Luft verlässt meine Lungen, als ich eher auf meinem Rücken als auf meinem Kopf lande. Es ist offensichtlich nichts passiert, was das Hinübergleiten in die 2. Ebene betrifft. Das einzige Ergebnis meines Falls ist ein quälender Schmerz in meinem Steißbein.

»Du wirst damit aufhören, Strippenzieher.« Miras Stimme ist kalt und hat einen Befehlston. »Jetzt.«

Würde sie sich damit an mich wenden, würde ich es mir gut überlegen nicht auf sie zu hören.

Während ich versuche mich auf meinen Bauch zu rollen, will ich ihm sagen: »Hör auf sie«, aber ich kann nur aufstöhnen, da Thomas mir im gleichen Moment in meine ungeschützte Seite tritt.

Ich höre einen Schuss.

Thomas’ Körper fällt auf mich.

Ist er tot? Ich bin hin- und hergerissen zwischen der Hoffnung, dass sie ihn erschossen hat, was diesen Kampf beenden würde, und meinem Wunsch, dass er nicht verletzt ist, weil es sich um Thomas handelt. Ich habe immer noch nicht akzeptiert, dass er wirklich versucht mich umzubringen; ich könnte eine andere Erklärung suchen, wenn ich nicht andauernd in den Arsch getreten werden würde.

Als er mich in den Schwitzkasten nimmt wird mir klar, dass ich unrecht hatte — unrecht, was seinen Tod betrifft und unrecht mit seinem Kampfstil. Das hier ist eher ein Schwitzkasten aus dem Aikido. Was ich außerdem über diesen Griff weiß, ist, dass man ihm in der Regel nicht entweichen kann.

»Darren, lieg still«, sagt Mira.

Alles was ich tun kann ist zustimmend zu grunzen. Danach gebe ich vor, mich nicht bewegen zu wollen um ihrer Aufforderung Folge zu leisten.

Sie gibt einen weiteren Schuss ab.

Warme Flüssigkeit verteilt sich auf meinem Körper und Thomas Griff erschlafft.

Ich versuche mich zu bewegen, aber das kann ich noch nicht.

Mira sichert die Waffe bevor sie Thomas Körper bewegt, um ihn von mir runterzurollen. Sofort fühle ich mich leichter.

»Bist du in Ordnung?« Sie berührt sanft mein Gesicht.

»Wie sehe ich aus?«, frage ich und spucke Blut. Ich wackle mit meiner Zunge an einem Zahn. Das ist nicht gut. Zähne sind normalerweise stabile, unbewegliche Objekte.

»Du siehst … entsetzlich aus. Wir müssen von hier verschwinden.«

Unter Schmerzen bewege ich mich mit einer Mischung aus kriechen und drehen zu Thomas und fühle seinen Puls.

Sein Herzschlag ist noch zu spüren, wenn auch nur schwach. Er atmet abgehackt und ich bin mir nicht sicher, wie viel Zeit er noch hat.

»Das hättest du nicht tun sollen.« Ich durchsuche Thomas um Waffen oder einen Hinweis darauf zu finden, warum er mich angegriffen hat. Nichts. »Wenn ich die Stille nicht verlasse, wird Thomas inert werden.«

»Du machst Witze«, erwidert Mira. »Wäre es dir lieber, wenn er dich inert machen würde?«

»Nein, aber —« Ich krieche von ihm weg auf meinen eingefrorenen Körper zu.

»Er hat versucht dich umzubringen, wahrscheinlich um dich davon abzuhalten, die Gedanken deiner Mörder in spe zu überschreiben.« Sie macht eine Kopfbewegung in Richtung der Polizisten. »Etwas, das du nebenbei gesagt auch so schnell wie möglich tun solltest.«

Sie hat recht. Hätte Thomas mich inert gemacht, hätten mich diese Polizisten in der echten Welt erschossen, was mich daran erinnert, dass sie in diesem zweiten Punkt auch recht hatte.

Ich muss die Kriminalbeamten davon abbringen, mich zu erschießen. Mir bleiben nur wenige Augenblicke um die Stille zu verlassen und sofort wieder in sie hinüberzugleiten. Wenige Augenblicke, die meine Verletzungen genauso verschwinden lassen würden wie die von Thomas. Die Hände der Polizisten sind noch weit genug von ihren Waffen entfernt, um mir diesen Luxus zu ermöglichen.

Ich komme zu dem Entschluss, dass das Kriechen zu langsam ist und stehe auf, auch wenn ich mich augenblicklich so fühle, als sei ich um dreihundert Jahre gealtert.

Mira dreht sich zu Thomas um, hockt sich hin und fühlt seinen Puls. Mit dem Ergebnis scheint sie nicht glücklich zu sein.

Mein Mut sinkt. Ich habe es nicht geschafft. Er ist bereits tot und somit inert.

Ein Teil von mir sagt: Naja, vielleicht ist es besser so.

Dann steht Mira auf und zielt mit ihrer Waffe auf ihn.

Ich habe mich geirrt. Sie muss seinen Puls gefühlt und entschieden haben, dass er verschwinden soll. Sie möchte, dass er inert ist.

Ich weiß nicht genau, warum ich das tue, was ich als nächstes tue.

Mit meinem Körper, der vor Schmerzen schreit, werfe ich mich auf mein eingefrorenes Ich.

Ich komme etwa dreißig Zentimeter neben mir/ihm auf und bin mir sicher, mir gerade noch etwas gebrochen zu haben — der Schmerz ist kaum auszuhalten. Das Gute daran ist, dass ich kurz davor bin zu splitten, dann allerdings wieder auf die Mauer pralle. Wenn ich sie überwinden könnte, wäre ich in der 2. Ebene. Allerdings bin ich schon einige Male ergebnislos gegen diese Mauer gestoßen.

Mira hört, dass ich mich bewege und reißt ihre großen Augen zu einem „Bist du verrückt?“-Blick auf. Als sie versteht was ich vorhabe, verengen sie sich zu Schlitzen.

»Idiot«, sagt sie und entsichert die Waffe.

Keine 2. Ebene dieses Mal, denke ich und strecke meine zitternde rechte Hand aus, um sie unter das Hosenbein meines eingefrorenen Ichs zu schieben. Ich fühle das haarige Bein unter meinen Fingern und alle meine Schmerzen verschwinden.

Als die Geräusche der richtigen Welt zurückkehren, gleite ich erneut in die Gedankendimension und alles ist wieder still.

Die Verletzungen, die Thomas mir zugefügt hatte sind verschwunden, genauso wie Thomas’ angeschossener Körper und Mira.

Ich denke darüber nach, dass ich keinen Schuss gehört habe, was bedeutet, dass Thomas nicht inert ist. Ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen kann.

Ich wäge ab, ob ich Mira zu mir holen sollte, aber entscheide mich dagegen. Wahrscheinlich ist sie wütend auf mich, weil ich ihren Plan durchkreuzt habe. Bis ich das Gebiet nicht gesichert habe, möchte ich mich allerdings nicht damit auseinandersetzen.

Ich gehe zu meinen Müttern. Auch wenn ich die Polizisten, die gerade eine Gefahr darstellen, gleich neutralisieren werde, führe ich meine Mütter trotzdem dahin, sich auf den Boden zu legen. Falls mein anderes Führen nicht nach Plan verläuft oder falls Thomas eine versteckte Waffe hat, die ich nicht gefunden habe, ist es besser so. Ich bin mir sicher, dass das nicht der Fall ist, da er sie benutzt hätte als er mich angegriffen hat, aber wenn es um meine Familie geht, will ich auf Nummer sicher gehen. Außerdem sorge ich dafür, dass sie nichts bemerken werden, falls eine Schießerei losgeht. Sie werden jegliche Gewalt ignorieren, die in den nächsten Minuten stattfinden wird. Mir ist es egal, ob meine Mütter dadurch einen leichten Gedächtnisverlust erleiden könnten; ihre Sicherheit steht an erster Stelle. Wenn ich Glück habe, werden sie denken, dass sie wegen der monotonen Stimme des Priesters ihre Gedanken schweifen lassen haben.

Als ich mir sicher bin, dass meine Mütter auf dem Boden liegen werden, gehe ich zu den uniformierten Polizeibeamten.

Ich finde zwei Polizistinnen und führe sie dahin zu uns zu kommen und sich auf den Boden zu legen, um mit ihren Körpern meine Mütter zu bedecken. Das mag ein wenig übertrieben sein, aber Vorsicht ist besser als Nachsicht.

Danach gehe ich zu allen Beamten und gebe ihnen folgende Anweisungen: Du wirst nicht nach deiner Waffe greifen. Du wirst dich nicht von diesem Fleck bewegen. Du bist mit dem Gefühl des Verlustes beschäftigt und wirst auf nichts Anderes als die Zeremonie achten. Du betrachtest feierlich die Schweigeminuten für den gefallenen Helden.

Ich gebe den restlichen Polizisten in Zivil, dem Priester und den Typen mit den Gewehren ähnliche „ignoriere die Welt und bewege dich nicht“-Anweisungen.

Dem Quarterback und einigen anderen größeren Kerlen gebe ich zusätzliche Befehle.

Ich bin mit meinem Fortschritt zufrieden und gehe zu meinem Körper zurück, um die Stille zu verlassen.

Sobald die Welt um mich herum wieder lebendig ist, springe ich zwischen ihr und der Gedankendimension im Sekundentakt hin und her, weil ich sicherstellen möchte, dass die Polizisten nicht mehr nach ihren Waffen greifen.

Zu meiner großen Erleichterung stelle ich bei meiner fünften Überprüfung fest, dass sie das nicht tun.

Ich verlasse die Stille wieder.

»Bereich abgesichert«, flüstere ich Mira zu sobald die Geräusche der Welt zurück sind. »Aber du solltest trotzdem auf alles gefasst sein.«

Sie antwortet nicht. Ich nehme an, dass ich durch mein Verhalten in der Stille mit Schweigen bestraft werde. Anstatt mir Gedanken über Miras Laune zu machen, konzentriere ich mich auf meine Umgebung. Nachdem ich zweimal in Gedanken Mississippi gesagt habe, bemerke ich eine Bewegung aus der Richtung der Polizisten.

Ich sehe außerdem, dass Thomas auf mich zukommt und zu rennen beginnt.

Ich kehre in die Gedankendimension zurück und versichere mich, dass mein Führen erfolgreich war. Das war es. Die Bewegung, die ich aus meinem Augenwinkel wahrgenommen hatte, ist auf mein Eingreifen zurückzuführen. Ich verlasse die Stille und konzentriere mich auf Thomas.

Er läuft entschlossen.

Blitzschnell nähert sich die Gruppe der Polizisten.

Thomas ist schon fast bei uns, als der Quarterback sich mit der ganzen Anmut eines geilen Rhinozerosses auf ihn wirft. Ich weiß nicht viel über Football, aber das wirkt auf mich wie eine brillante Ausführung. Thomas fliegt durch die Luft — weit durch die Luft — und landet in der Erde, die eigentlich für Kyles Sargdeckel bestimmt ist. Ich hoffe, dass diese Erde seine Landung abdämpft und versuche mich nicht allzu schuldig für das zu fühlen, was der Quarterback ihm meinetwegen angetan hat.

Meine Schuldgefühle verstärken sich allerdings, als der Quarterback auf Thomas landet. Er hält meinen Freund unten und es dauert einen Moment bis ich herausfinden kann, was zum Teufel hier gerade vor sich geht. Die anderen großen Beamten formen eine improvisierte menschliche Pyramide auf ihnen. Wie ich aus eigener Erfahrung weiß, tut das der Person auf dem Boden nicht allzu weh.

Zugegeben, meine Erfahrungen damit stammen aus Kindergartenzeiten.

Plötzlich verspüre ich einen so starken Schmerz, dass meine Augen tränen. Die Luft verlässt hörbar meine Lunge.

Als ich versuche zu verstehen, was mit mir geschieht, bemerke ich zu meinem Entsetzen, dass der Schmerz von meiner wertvollsten und intimsten Stelle ausgeht.

Ich konzentriere mich darauf einzuatmen und nicht hinzufallen, während ich gleichzeitig in die Stille hinübergleite.

Was für eine Erleichterung. Der Schmerz ist sofort verschwunden. Seine Abwesenheit macht nur deutlicher, wie schlimm er wirklich war und ich fühle mich wie nach einer Morphiumspritze.

Aus meiner neuen Perspektive sehe ich, was passiert ist und schrecke ungläubig zurück.

Mira ist eingefroren worden, als sie mir gerade in die Eier tritt.

3

Ist sie so wütend weil ich verhindert habe, dass sie Thomas inert macht? Wir müssen reden, beschließe ich und hole sie zu mir.

»Was zum Teufel soll das, Mira?«, sage ich, sobald sie in der Stille erscheint. »Wenn du wütend auf mich bist, kannst du mir das auch einfach sagen. Hast du eine Ahnung, wie weh das tut?«

Ihre Augen erblicken mich und machen das gleiche, wie Thomas’.

Bevor sie einen Schritt geht, erinnere ich mich an die Theorie, die mir vorhin schon auf der Zunge lag, bevor sie meine Zweifel an Thomas geweckt hat. Diese Theorie würde diese ganzen eigenartigen Dinge erklären, die gerade passieren.

Nur um sicherzugehen frage ich trotzdem: »Hat das hier etwas damit zu tun, dass Thomas nicht inert ist?«

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