18,99 €
Examensarbeit aus dem Jahr 1974 im Fachbereich Psychologie - Beratung und Therapie, Note: Sehr gut, Technische Universität Darmstadt (FB Psychologie), Veranstaltung: 1. Staatsexamen, Sprache: Deutsch, Abstract: Eines der größten Probleme, mit dem Sigmund Freud während seiner gesamten Forschungstätigkeit konfrontiert wurde, war das der Angst. Immer wieder stellte er sich dieser Problematik, und schon deshalb erweist es sich als schwierig, all die Spuren, die sie in seinen Werken hinterlassen hat, mit ihren vielen Verästelungen und gelegentlichen scharfen Kehren aufzuzeigen. Eine weitere Schwierigkeit liegt in der Art und Weise, wie Freud sich um die Klärung des Wesens der Angst bemühte. Da er versuchte, sich von den verschiedenen Seiten in immer neuen oder korrigierten Ansätzen dem Angstproblem zu nähern, fällt es schwer eine systematische Darstellung seiner Gedankengänge zu geben. So taucht ein Gedankengang, der abgeschlossen scheint, an anderer Stelle erneut wieder auf, um nun, eventuell in abgewandelter Form, einen anderen Verlauf zu nehmen. Oder er bestreitet in einem Absatz eine These, die er im nächsten Satz wieder aufnimmt, als hätte er sie nie verworfen. Ein Grund für diese Haltung dürfte wohl die Tatsache sein, daß er sich über die Probleme klar werden wollte. Wegen dieser Eigenart Freuds sah ich mich berechtigt, kritische Anmerkungen an Ort und Stelle einzufügen. Ich bin mir bewußt, daß der Ablauf dadurch manchmal gehemmt wird, dies erscheint mir jedoch weniger gravierend als eine am Ende angefügte, nicht mehr im direkten Zusammenhang stehende Kritik. Um den Umfang der vorliegenden Arbeit einzugrenzen, wird bewußt auf die Darstellung der Freudschen Abhandlungen über die hysterischen und phobischen Ängste verzichtet. Jedoch werden die Erkenntnisse, die er aus diesen Studien gewonnen hat, soweit erforderlich, berücksichtigt. Aus demselben Grunde werden auch die psychoanalytischen Grundbegriffe wie „Es“, „Ich“, „Über-Ich“, „Verdrängung“ u.a. als bekannt vorausgesetzt und im Hinblick auf ihre Aussagen im Zusammenhang mit dem Begriff der Angst abgegrenzt. So kann die vorliegende Arbeit nur ein Versuch sein, „die Angst bei Freud“ umfassend darzustellen und zu würdigen. Unter Berücksichtigung der systematischen Zusammenhänge wurde versucht, in chronologischer Folge, die einzelnen Stationen, Ansätze und Einflüsse Freuds, auf dem Wege, eine einheitliche Angsttheorie zu gewinnen, aufzuzeigen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2002
Page 1
Die Angst bei Fr eud
Wissenschaftliche Hausarbeit
zur ersten Staatsprüfung für das Lehramt an beruflichen Schulen
Technische Hochschule Darmstadt
vorgelegt im
Fachbereich Psychologie
von
Bernd Kagerhuber
Darmstadt, den 15.April 1974
Reprint Mai 2002
Page 3
Page 4
Einleitung
Eines der größten Probleme, mit dem Sigmund Freud während seiner gesamten Forschungstätigkeit konfrontiert wurde, war das der Angst.
Immer wieder stellte er sich dieser Problematik, und schon deshalb erweist es sich als schwierig, all die Spuren, die sie in seinen Werken hinterlassen hat, mit ihren vielen Verästelungen und gelegentlichen scharfen Kehren aufzuzeigen.
Eine weitere Schwierigkeit liegt in der Art und Weise, wie Freud sich um die Klärung des Wesens der Angst bemühte. Da er versuchte, sich von den verschiedenen Seiten in immer neuen oder korrigierten Ansätzen dem Angstproblem zu nähern, fällt es schwer eine systematische Darstellung seiner Gedankengänge zu geben.
So taucht ein Gedankengang, der abgeschlossen scheint, an anderer Stelle erneut wieder auf, um nun, eventuell in abgewandelter Form, einen anderen Verlauf zu nehmen. Oder er bestreitet in einem Absatz eine These, die er im nächsten Satz wieder aufnimmt, als hätte er sie nie verworfen.
Ein Grund für diese Haltung dürfte wohl die Tatsache sein, daß er sich über die Probleme klar werden wollte. Wegen dieser Eigenart Freuds sah ich mich berechtigt, kritische Anmerkungen an Ort und Stelle einzufügen. Ich bin mir bewußt, daß der Ablauf dadurch manchmal gehemmt wird, dies erscheint mir jedoch weniger gravierend als eine am Ende angefügte, nicht mehr im direkten Zusammenhang stehende Kritik. Um den Umfang der vorliegenden Arbeit einzugrenzen, wird bewußt auf die Darstellung der Freudschen Abhandlungen über die hysterischen und phobischen Ängste verzichtet. Jedoch werden die Erkenntnisse, die er aus diesen Studien gewonnen hat, soweit erforderlich, berücksichtigt. Aus demselben Grunde werden auch die psychoanalytischen Grundbegriffe wie „Es“, „Ich“, „Über-Ich“, „Verdrängung“ u.a. als bekannt vorausgesetzt und im Hinblick auf ihre Aussagen im Zusammenhang mit dem Begriff der Angst abgegrenzt.
So kann die vorliegende Arbeit nur ein Versuch sein, „die Angst bei Freud“ umfassend darzustellen und zu würdigen.
Unter Berücksichtigung der systematischen Zusammenhänge wurde versucht, in chronologischer Folge, die einzelnen Stationen, Ansätze und Einflüsse Freuds, auf dem Wege, eine einheitliche Angsttheorie zu gewinnen, aufzuzeigen.
Page 5
Die Psychoanalyse beruft sich auf naturwissenschaftliche Prämissen. Erst nachdem sich etwas im Lebenskampf bewährt hat und funktionell wichtig geworden ist, wird es den psychischen Zielen dienstbar gemacht.1)
„Auf diese Weise sieht Freud den Menschen biologisch oder wissenschaftlich determiniert. Und auch die Angst, die für die menschliche Reifung von so immenser Bedeutung ist, ist nach seinen Worten in der biologischen Natur des Menschen begründet.“2)Nach Freuds Auffassung sind also die Erfahrungsweisen und die seelische Struktur des Menschen durch seine Natur festgelegt. Dieses Menschenbild entspricht seiner biologischen Anthropologie. Auf Grund dieser Vorentscheidung stellt er auch nie die Frage, wieso dieser Mensch sich überhaupt ängstigen kann. Dagegen beantwortet er mit einleuchtenden Erklärungen eine ungestellte Frage, nach der Art der Beschaffenheit des Menschen, aus der seine Ängste und deren Entstehung zu erklären seien. Seine Orientierungspunkte, unter welchen er „die psychische Entwicklung des Menschen und seinen Energiehaushalt beschreibt“3), liegen im Bereich des naturwissenschaftlichen und biologischen.4)
Sein Interesse für das Phänomen der Angst gliedert sich in eine psychologische und eine physiologische Betrachtungsweise auf, und ebenso zweigleisig verfährt er bei seiner Arbeitsweise.5)
Die Natur des Menschen wird für ihn in den Artcharakteristika Bewußtsein und Affektivität faßbar. „Die Angst selbst ist ihm ererbte Konstante, im seelischen Strukturverhältnis.“6)Sie ist „Ausdruck einer generellen, zur Erbschaft gewordenen Hysterie.“7)Obwohl der Mensch für Freud letztlich generisch bestimmt ist, wehrt er sich dagegen, als Norm gültige Grenzen anzugeben.
„Wir haben erkannt, daß die Abgrenzung der psychischen Norm von der Abnormalität wissenschaftlich nicht durchführbar ist, so daß diese Unterscheidung trotz ihrer praktischen Wichtigkeit nur ein konventioneller Wert zukommt.“8)
1) Vgl. Freud, Sigmund: Gesammelte Werke Band XIV, Reprint 1955 by Imago Publishing CO., Ltd., London, S. 379In allen folgenden Literaturangaben werden Freuds Gesammelte Werke abgekürzt: z.B.: G.W. I, S. 10; dabei beziehen sich die römischen Ziffern auf die Bandzahl, die arabischen auf die Seitenzahl. (genaue Bezeichnung siehe Literaturverzeichnis)
2) Adler-Vonessen, Hildegard: Angst in der Sicht von S.Kierkegaard, S.Freud und M.Heidegger, in: Psyche, XXV.Jg. 1971, Heft9, Ernst Klett Verlag, Stuttgart, S. 708 3) ebenda, S. 709 4) vgl. G.W. XI, S. 420 5) vgl. GW. XIV, S. 186 6) Adler-Vonessen, a.a.O., S. 710 7) G.W. XI, S. 411 8) G.W. XVII, S.125
Page 6
Als seine Aufgabe sieht er es an, Gesetzmäßigkeiten, die Auskunft über das Typische geben, aus den Störungen des Natürlichen abzuleiten. Denn als Arzt kommt er ohne die Vorstellung von dem, was als gesund und damit als normal zu gelten hat, nicht aus. Damit erkennt er als Wesenszug des Menschen von dem, was als gesund und damit als normal zu gelten hat, nicht aus. Damit erkennt er als Wesenszug des Menschen die Abweichung vom Normalen, die Möglichkeit zur Krankheit an.9)Aus seiner Erkenntnis heraus, daß der Mensch nicht durch meßbare Normen festlegbar ist, beurteilt er ihn zwar nicht nach vorgegebenen traditionellen oder wissenschaftlichen Maßstäben, dennoch beansprucht er das „Apparate“-Bild, um das Seelenleben des Menschen zu erklären.10)
Seinen widersprüchlichen Aussagen betreffen auch sein Bild vom Menschen. So sieht er ihn einerseits als zusammengesetzt „wie ein Fernrohr, eine Mikroskop u. dgl.“11), „andererseits arbeitet er auf das Ziel der Bewußtseinserweiterung hin, der Überführung von Es-Anteilen in die Ichorganisation, was nur möglich ist, wenn der Mensch eine substantielle Einheit bildet.“12),13)
Der Ausgangspunkt zum Verständnis des Phänomens der Angst im menschlichen Dasein muß das Erleben der Angst sein, und dieses bleibt identisch, selbst wenn die unterschiedlichsten Vorgänge zur Auslösung der Angst führen. Der Mensch leidet - so Freud„unter den Drohungen von dreierlei Gefahren, von der Außenwelt her, von der Libido des Es und von der Strenge des Über-Ichs. Dreierlei Arten von Angst entsprechen diesen drei Gefahren, denn Angst ist der Ausdruck eines Rückzugs vor der Gefahr.“14)Erstaunlicherweise gibt Freud hier anstatt der Unterschiede die Gemeinsamkeiten der Angstarten an.
Als wesentliches Moment stellt er heraus, daß der Mensch etwas als beängstigend erfährt.
Das eigentlich anthropologisch Bedeutsame ist, daß er sich selbst und die Dinge seiner Umwelt als Angst erregend erfahren kann.
9) vgl. Adler-Vonessen, a.a.O., S. 710
10) vgl. G.W. XVII, S. 67 11) G.W. XVII, S. 67 12) Adler-Vonessen, a.a.O., S. 711 13) vgl. G.W. XIV, S. 124 14) G.W. XIII, S. 286
