Die Apokalypse ist nicht das Ende der Welt - Marie-Christin Spitznagel - E-Book
Beschreibung

Die Apokalypse, das Ende der Welt und der endgültige Kampf „Gut gegen Böse“. Ausgerechnet das beschauliche Kassel in Nordhessen haben sich zwei Erzengel und eine Dämonin in außergewöhnlicher Kooperationsgemeinschaft dafür ausgesucht. Von hier entführen sie  den Propheten Jürgen und vier wirklich ungewöhnliche Frauen in den Himmel, um ihnen die Offenbarung zu verkünden und als apokalyptische Reiter einzusetzen. Dass diese dabei dummerweise ihr Leben verlieren sollen, findet das Quartett überhaupt nicht prickelnd. Zusammen mit einer wahrsagenden Drag Queen und ihrem dämonischen Lebensgefährten schmieden sie einen Plan, um das drohende Ende der Welt aufzuhalten …

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EPUB

Seitenzahl:224


Vorwort und Widmung
1 Jürgen
2 Michael
3 Gabriel
7 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt: Wer siegt, dem werde ich zu essen geben vom Baum des Lebens, der im Paradies Gottes steht.
4 Alex
5 Karla
6 Sofia
7 Maya
8 Madame Destiny
Michael
10 Karla
11 Michael
12 Henning
13 Gabriel
Vor dem Thron Gottes
14 Henning
15 Alex
16 Maya
17 Sofia
18 Aurora
19 Sofia
20 Die Hexe
21 Lilith
22 Alex
23 Madame Destiny
24 Vor dem Haus
25 Maya
26 Gabriel
27 Karla
28 Alex
29 Sofia
30 Jürgen
31 Am nächsten Morgen
32 Karla
33 Maya
34 Jürgen
35 Madame Destiny
36 Maya
Zum Schluss

Impressum neobooks

Vorwort und Widmung

Lieber Leser, danke, dass Du mit mir auf diese Reise gehen möchtest. Sei dir sicher, dass ich dieses Buch nicht geschrieben habe, um religiöse Gefühle zu verletzen, sondern nur um des Quatsches Willen.

Dieses Buch ist allen gewidmet, die Freude an Albernheiten und gepflegten Schwachsinn haben. Auf dass ich euch etwas unterhalten mag, mit diesem Buch!

Besonderer Dank gilt meiner tapferen Lektoren Edit, meinen fleißigen Testlesern Chrischi und Mara, Jenny, Kirsten, Jens und Susanne, meinem wunderbaren Ehemann, der mich immer unterstützt und gestärkt hat, meinen Freunden, die mich aufgebaut haben, wenn ich wegen Sachen rumheulte, die wahrscheinlich für normale Menschen keinen Sinn ergaben und meinen Eltern, weil sie einfach gut sind.

Danke auch an meine Kinder, dass sie mir Motivation und Willen gegeben haben, meine Träume zu verfolgen, um ihnen ein angemessenes Vorbild zu sein.

Danke, fertig, los jetzt!

12 Da wandte ich mich um, weil ich sehen wollte, wer zu mir sprach. Als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter

13 und mitten unter den Leuchtern einen, der wie ein Mensch aussah; er war bekleidet mit einem Gewand, das bis auf die Füße reichte, und um die Brust trug er einen Gürtel aus Gold.

14 Sein Haupt und seine Haare waren weiß wie weiße Wolle, leuchtend weiß wie Schnee, und seine Augen wie Feuerflammen;

15 seine Beine glänzten wie Golderz, das im Schmelzofen glüht, und seine Stimme war wie das Rauschen von Wassermassen.

16 In seiner Rechten hielt er sieben Sterne und aus seinem Mund kam ein scharfes, zweischneidiges Schwert und sein Gesicht leuchtete wie die machtvoll strahlende Sonne.

17 Als ich ihn sah, fiel ich wie tot vor seinen Füßen nieder. Er aber legte seine rechte Hand auf mich und sagte: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte

18 und der Lebendige. Ich war tot, doch nun lebe ich in alle Ewigkeit, und ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt.

19 Schreib auf, was du gesehen hast: was ist und was danach geschehen wird. Die Offenbarung des Johannes, Die Beauftragung des Johannes, Vers 12 – 19

1 Jürgen

Jürgen Hinze bewegte sich durch die Welt wie ein Käfer auf dem Wasser. Immer darauf gefasst beim nächsten Tritt unterzugehen. Er schlich durch die Turbulenzen seines Lebens, überdachte jeden seiner Schritte lange und bewegte sich im Zweifelsfall lieber gar nicht. Es war ihm lieber, sich nicht gegen eine Entscheidung, die jemand für ihn traf, zu wehren, als eine Entscheidung selbst zu treffen. So war er 29 Jahre gut durchs Leben gekommen. Na ja, vielleicht nicht immer gut, aber wenigstens ‹okay›. Na ja, vielleicht nicht ‹okay›, aber wenigstens ‹nicht schlecht›. Na ja, möglicherweise nicht nur ‹nicht schlecht›, sondern sogar ziemlich schlecht und vollkommen genervt von seinem Dasein.

Aber er war noch da.

Noch.

Da.

Als er langsam wieder zu sich kam und verwirrt fragte, wo er denn da war, als er zu sich kam, aber sich ganz außer sich fühlte, nahm er den metallischen Geschmack von Blut in seinem Mund wahr. Seine Finger ertasteten den staubigen Untergrund, auf dem er lag und, ohne zu wissen warum, war er sich schlagartig bewusst, dass er um eine Entscheidung nicht herum kommen würde. Heute war alles anders. Sein Leben konnte jede Sekunde vorbei sein. Es galt, noch etwas heraus zu holen. Die Frage ‹Warum nicht früher?›, tauchte in seinem Kopf auf und wurde schnell und vehement zur Seite geschoben. Nicht jetzt.

Dieses Mal würde er sich wehren müssen. Er schluckte und begann sich aufzurichten. Bis auf eine zerrissene Jeans war er nackt, er blutete an der Lippe und an den Händen. Sein Rücken brannte wie Feuer, und es dauerte, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnten. Er stand in den rauchenden Überresten einer Waldlichtung, die vor wenigen Stunden im Tageslicht so idyllisch gewirkt hatte. Es musste Nacht sein, aber weder Mond noch Sterne standen am Himmel. Nur das rote Flackern mehrerer kleiner Brände um ihn herum erhellte den Ort.

Als er versuchte, sich zu orientieren, hörte er einen Schrei hinter einem umgestürzten Baum. Dort musste er hin.

2 Michael

Die himmlischen Engelschöre unterlagen einer strikten Ordnung. So war es vom Anbeginn der Zeiten. Es gab eine klare Hierarchie, in der die Unteren den Oberen antworten mussten. In der die Unteren nie wussten, was die Oberen taten. Pyramidenförmig gab es eine Menge Fußvolk und eine kleine Spitze. An höchster Stelle dieser Pyramide, direkt nach dem Chef, standen die Seraphim, Kerubim und Thronoi. Sie waren die mächtigsten Wesen der Schöpfung. Unter ihnen rangierten die Kyriotetes, Dynameis und Exusiai.

Alles ein Haufen Papierschieber, wenn man Michael fragte.

Aber niemand fragte ihn. Die Erzengel standen in der Himmelsordnung zwar unter den Seraphim und Exusiai, aber sie waren Sprachrohr und Boten der Chefetage. Eine Matrixstruktur sozusagen. Sie hatten die Spezialaufträge auf Erden erledigt und waren somit auch die Bekanntesten aller Engel geworden. Unter ihnen kamen Angeloi, die gemeinen Engel. Sie waren nur Fußvolk.

Es waren die Erzengel, die ausführten, was die Schreibtischstuhlpupser sich ausdachten. Michael war einst DER Star unter den Erzengeln gewesen. Ein Krieger und eines der ältesten Wesen göttlicher Schöpfung. Nun saß er trotzig wie in Kind in einer Ecke des Himmels und schmollte. Ihm war langweilig. Unbeschreiblich langweilig. Es war nicht etwa diese gemütliche ‹Was-fange-ich-heute-nur-mit-mir-an› Langeweile. Es war auch nicht die ‹Ich-bin-zu-müde-für-Sachen-aber-zu-fit-zum-Schlafen› oder die

‹Mir-fällt-nicht-ein-was-ich-gerade-machen-könnte› Langeweile. Nein, seine Form der Langeweile war allumfassend und verzehrend. Sie lähmte ihn und trieb ihn zugleich fast in den Wahnsinn.

Die Erzengel sollten dem Erdenpfuhl fernbleiben, hatte man ausrichten lassen. ‹Auf unbestimmte Zeit›, hieß es. Seit 2000 Jahren. Schließlich hätte man nun einen neuen Status quo, ein Zeitalter der Liebe und des Friedens, und somit wären Krieger vollkommen unnötig. Michael war unnötig.

Die Angeloi hingegen waren heute noch auf der Erde eingesetzt. Als Schutzengel. Sie mussten die haarlosen Affen vor sich selbst schützen. Den Job hätte Michael nicht übernommen, wenn man ihn darum gebeten hätte.

Nicht, dass ihn jemand gebeten hätte.

Er wünschte sich, jemand hätte ihn gebeten, nur damit er abfällig ‹Nein› hätte sagen können. Aber es bat ihn niemand.

Waren die Schutzengel nicht im Dienst, hingen sie in ihrem Teil des Himmels herum und erzählten sich, wie sie Kinder vor Bussen oder Hunden retteten. Manchmal ging Michael an diesem Himmelsteil vorbei, um laut verächtlich zu schnauben. Mitunter musste er sogar mehrmals daran vorbei laufen und schnauben, damit man ihn bemerkte. Aber er hatte ja auch sonst nichts zu tun.

Die Engel der ersten und zweiten Stufe, wie Kerubim und Seraphim, hatte er schon seit geraumer Zeit nicht mehr gesehen. Dabei sahen die Kerubim mit ihren Tierkörpern und die Seraphim mit ihren sechs Flügeln wirklichlustig aus. Nur lachen durfte man in ihrer Gegenwart nicht. Humor hatten sie nicht sonderlich und konnten ganz schnell schon einmal einen Körper in Staub verwandeln. Sie waren machtvolle Krieger und wussten das. Leider waren sie sich schon früher zu fein gewesen, an Schlachten teilzunehmen, außer die Kacke war richtig am Dampfen.

Unruhig und frustriert erhob sich Michael, griff nach einer Handvoll Blitzen, die an der Kante seines knallroten Sofas lehnten. Ohne zu zielen, warf er sie alle zusammen mit Wucht durch die dicke Wolkendecke Richtung Erde. Den Trick hatte ihm einer der alten Götter gezeigt, der schon lange in Rente war. Ein großer Typ mit Bart und einer fatalen Schwäche für Frauen, der mit seiner Familie auf einer Bergspitze lebte.

Ohne Bedauern betrachtete er den Gewittersturm, den er beinahe über ganz Mitteleuropa entfacht hatte. Ein heller Blitz durchzuckte den Nachthimmel und schlug krachend in das Dach des Kölner Doms ein. Michael lauschte dem Donnergrollen mit Genugtuung. Eigentlich hatte er nichts gegen Dome oder gar gegen Mitteleuropäer. Im Gegenteil: Er bewunderte sie für ihre grausame Konsequenz, die sie in den letzten Jahrtausenden gezeigt hatten. Folter, Inquisition, Hexenverbrennung, das Konzept der Christianisierung an sich. All das zeugte von einer beeindruckenden Verachtung für Menschen, die Michael durchaus teilte. Er hatte ihnen einfach schon zu lange dabei zugesehen, mit welcher Arroganz sie das Geschenk seines Vaters als selbstverständlich betrachteten. Sie waren zwar auf dem komplett falschen Dampfer, was ihre Grundidee von ‹Gottes Werk› betraf, - denn ‹macht Euch die Erde untertan› beruhte lediglich auf einem Übersetzungsfehler - aber darin waren sie wenigstens konsequent, fleißig und zielstrebig.

Er selbst sah sich keineswegs als ‹Fan› des neuen, reformierten Kurses, des sogenannten Neuen Testaments. Diese Meinung behielt er allerdings tunlichst für sich. Leider wurden die Werte der alten Herren mit Füßen getreten, wenn die jüngere Generation das Ruder übernahm. Was war nur aus ‹Auge um Auge› geworden?

Michael schüttelte den Kopf, als er die Geschichte der Menschheit Revue passieren ließ. Nach fast 1500 Jahren permanenten Massakrierens waren selbst die Europäer in den letzten paar Jahrhunderten verachtenswert weich geworden. Was waren es einst für Kerle gewesen, was konnten die massakrieren! Sie waren sogar über die Meere gefahren, um neue Menschen zum Massakrieren zu finden. Aber damit war es leider auch seit ein paar Jahrhunderten vorbei. Jetzt wurde nur noch missioniert. Und das nicht mehr wie früher, mit Schwertern und Zwang. Nun predigte man Liebe. Auch wenn sich natürlich nicht alle daran hielten. Für Michael und die anderen Erzengel gab es nichts mehr zu tun.

Nachdem die letzten Blitze verklungen und die Wolken im nachtschwarzen Himmel versunken waren, ließ sich Michael wieder auf sein Sofa fallen, streckte sich lang aus, die nackten Füße baumelten über die Lehne.

Er hatte sich seinen Platz als gefürchtetster Krieger des Herren hart erarbeitet, hatte Luzifer bezwungen, Städte in Schutt und Asche gelegt und war seinem Herren blind und treu gefolgt. Ein Erzengel alter Schule, ein Soldat. Es war auch nicht nur die Langeweile, die an ihm nagte. Das grausame Gefühl, überflüssig zu sein, ein Anachronismus, quälte ihn mehr, als er sich eingestehen wollte. Er schloss die Augen und versuchte seine dunklen Gedanken in andere Bahnen zu lenken, da hörte er plötzlich eine Stimme hinter sich, die dort nicht hätte sein dürfen.

«Hallo, Engelchen!»

Er fuhr auf. «Schlange! Was tust du hier und wie kommst du überhaupt herein?»

3 Gabriel

In einer riesigen Halle von überirdischer Perfektion und Schönheit saß Gabriel in einem schneeweißen Ledersessel und dachte nach. Wände und Boden der Halle waren so unglaublich weiß, dass man nicht sehen konnte, wo das eine begann und das andere endete. Keine Fuge oder Kante zerstörte das perfekte Weiß. Er saß in seinem Sessel mit geschlossenen Augen und probierte etwas aus, das ihm ein Neuzugang beigebracht hatte. Me-di-ta-tion hieß es.

Jeder Engel hatte im Himmel seinen eigenen Raum, der seiner Natur entsprach. Michael machte sich immer darüber lustig, dass Gabriels Bereich so weiß und leer war. Sein Vorstellungsvermögen gäbe wahrscheinlich nicht mehr her, sagte Michael. Gabriel hingegen war sich sicher, dass das Weiß der Reinheit und Klarheit seines Geistes entsprach. Er war kein Krieger wie seine Brüder, sondern ein Verkünder, ein Sprachrohr und die Kontaktperson für die Propheten.

Gewesen.

Früher.

Vielleicht war das auch der Grund, warum Gabriel so harmlos aussah. Sein Äußeres war der Aufgabe angepasst, mit Propheten, Heiligen oder anderweitig wichtigen Menschen zu kommunizieren. Seine langen, blonden Haare fielen in weichen Locken über seine Schultern. Sein Gesicht war markant und schön, auf eine unaufdringliche Weise. Bei seinen letzten Besuchen auf der Erde, war er mit 1,90 Meter größer gewesen als die meisten Menschen. Jetzt würde ihn niemand mehr automatisch als überirdisch erkennen. Gabriel behauptete, dass ihn das überhaupt nicht störe. Aber es störte ihn doch ein bisschen.

Michael war schon vor geraumer Zeit in das Zimmer gekommen, was sowohl Jahre als auch nur wenige Minuten her gewesen sein konnte. Zeit war im Himmel ein eher fließendes Konzept. Wortlos hatte er einen Köcher mit Blitzen neben den weißen Sessel geworfen, der Gabriel gegenüber stand, und sich in selbigen fallen lassen, um dann wortlos vor sich hinzustarren. Michael kam häufig in sein Zimmer gepoltert, schmollend wegen eingebildeter Kränkungen und gähnender Langeweile. Mal laut schimpfend, mal still grollend, bis Gabriel ihn endlich ansprach und fragte, was denn los sei. Allmählich war dieser das Spiel leid. Aber für seinen Lieblingsbruder spielte er mit. Und weil auch er nichts Besseres zu tun hatte. Doch heute war sein Bruder anders. Eine Unruhe umgab ihn. Mehr als sonst. Er war aufgewühlter.

Drängender. Forscher.

Diese Unruhe brodelte unter seiner, nach außen zu Schau gestellten, ruhigen Oberfläche und drängte hinaus. Gabriel konnte fast die Luft um seinen Bruder herum vibrieren sehen.

«Michael, was grummelst du schon wieder?», milde lächelnd blickte Gabriel ihn an. Die Unruhe verunsicherte ihn. Noch immer fläzte sich Michael in den Sessel. Seine Beine hatte er über die linke Armlehne geschwungen, seinen Rücken an die Rechte gelehnt und seinen Ellenbogen gegen die Rückenlehne gestützt, um sein Kinn auf der Handfläche ablegen zu können. Er blickte angestrengt von seinem Bruder weg und prustete, betont gelangweilt, Luft durch die Lippen.

«Michael!», Gabriel legte etwas Strenge in seine Stimme. Seiner Meinung nach stand ihm diese Haltung ganz ausgezeichnet. «Solch ein Verhalten schickt sich nicht für Engel! Ich frage mich, wieso es ausgerechnet mir seit Abertausenden von Jahren auferlegt ist, deine Jammermiene ertragen zu müssen.»

Gabriel hatte sich eine Reaktion erhofft, eine kleine wenigstens. Oder besser, einen klärenden Streit, eine epische Schlacht der Worte. Er mochte epische Schlachten der Worte. Er mochte den Ausspruch ‹Eine epische Schlacht der Worte› - schließlich war er der Verkünder.

‹Ich bin der Verkünder, das Sprachrohr Gottes. Meine Worte können Speerspitzen sein, die Heere in die Knie zwingen, oder sanfte Wellen, auf denen Menschen getragen werden›, formulierte er lautlos in seinem Kopf vor. Das war ein solider und unaufdringlicher Einstieg, befand Gabriel. Doch sein Bruder schwieg und starrte wütend vor sich hin.

«Bruder! Ich bin der Verkünder, das Sprachrohr Gottes. Meine Worte können Speerspitzen sein, die Heere in die Knie zwingen, oder sanfte Wellen, auf denen Menschen getragen werden!» - Seine Worte hatten nicht den gewünschten Effekt. Michael schien unbeeindruckt.

«Lass ab von deinen Zorn, beende dein kindisches Treiben! Sei endlich deiner selbst würdig, verdammte Hacke!» Manchmal entglitt ihm die Zunge. Gabriel tröstete sich damit, dass es, außer Michael, keiner gehört hatte, und diesem hatte er schon schlimmere verbale Ausfälle um die Ohren gehauen.

«Seit von oberster Etage eine neue Richtung vorgegeben wurde und die guten Tage des Alten Testaments abgelöst wurden von Vergebung, Nächstenliebe und Toleranz, hast du schlechte Laune und benimmst dich wie ein Kleinkind. Das ist eines Engels unwürdig! Schäme dich und besinne dich neu.» Gabriel hatte sich in Fahrt gebracht. «Du wurdest erschaffen, um Gottes Armee anzuführen», fuhr er fort. «Du hast gegen unseren gefallenen Bruder Luzifer und seine Folgschaft abtrünniger Engel gekämpft. Du hast Städte voller Sünder in einem Flammenmeer versenkt, die Plagen erschaffen und über die Ägypter gebracht, riesige Heere mit einem einzigen Schlag deines Feuerschwerts in die Knie gezwungen. Die Menschen haben in Ehrfurcht ihre Gesichter abgewandt und dich angebettelt, verschont zu werden. Jetzt sitzt du hier herum und lässt kleine Fluten und Unwetter auf die Erde niederprasseln. Es ist beschämend.» Oh ja, epische Worte. Jetzt fehlte nur noch die Schlacht.

Michael hob seinen Kopf, blitzte seinen Bruder mit stechenden Augen an. Er konnte wirklich furchteinflößend aussehen.

«Weißt du, was wirklich beschämend ist?», fuhr er auf, «Wir! - Wir sind in die Belanglosigkeit abgerutscht und alle tun so, als ob dem nicht so wäre. Wir sind Kitschfiguren in den Augen der Menschen. Putzige Glücksbringer. Sie stellen kleine, nackte, dicke Figuren mit Flügelchen auf ihre Fensterbretter. Das sollen wir sein!» Er erhob sich aus dem weißen Sessel und ging energisch auf seinen Bruder zu.

«Wir sind bedeutungslos, bestenfalls ein Witz, ein Kindermärchen. Kein Mensch achtet oder fürchtet uns mehr. Warum auch? Wir hatten seit Jahrtausenden keinen Einsatz mehr auf der Erde, es gibt nichts zu tun, nichts zu rächen, nichts zu verkünden. Wir sitzen herum und warten auf was-weiß-ich-was!»

Das war ein neuer Ton. Normalerweise quengelte Michael lediglich, dieser Zorn war neu. Wo kam der denn her? Gabriel ließ sich nicht aus dem Konzept bringen, schüttelte kurz den Kopf und antwortete auf Michaels Tirade lediglich mit einer abwehrenden Geste. Langsam erhob er sich aus seinem Sessel. Auf diesen neuen Ton musste er sich erst einstellen. Betont langsam spazierte er um den Schreibtisch herum, nahm den Köcher mit den restlichen Blitzen, bevor Michael die Chance hatte, etwas damit anzustellen und öffnete die Tür zum Wandschrank. Während er sie aufräumte, musste er nicht reden und konnte sich seine nächsten Worte gut überlegen. Er entschied sich fürs Beschwichtigen.

«Sei doch nicht so eine Dramaqueen. Und vor allen Dingen, wirf nicht wieder von diesen Blitzen nicht, dass du wieder ‹ganz aus Versehen› Erdbeben und Feuersbrünste in Gang setzt. Such dir lieber eine vernünftige Beschäftigung. Dann ist dir auch nicht mehr langweilig.» Mit einem kräftigen Schwung knallte er den Schrank zu, so dass darin ein kleines Gewitter losbrach. Michael schlurfte aus dem endlos weißen Raum zum Sessel zurück und ließ sich kraftlos in das Polster sinken.

«Ewig ist eine furchtbar lange Zeit, wenn man nichts tun kann, außer zusehen, wie diese haarlosen Affen, auf die Vater so stolz ist, sich gegenseitig abschlachten», sagte Michael leise. «Und das Schlimmste ist:. Wir dürfen nicht einmal mitmachen!»

Gabriel lehnte seinen Kopf gegen die Tür des Blitzschranks. Es war ja nicht so, dass er nicht verstehen würde, warum Michael so frustriert war. Es ging ihm ja genauso. Und wenn Michael in der Nähe war, musste er sich richtig zusammenreißen, dass dieser nicht merkte, dass er an demselben Überdruss litt. Sein Bruder hatte ja Recht. Was blieb ihnen denn groß übrig, außer manchmal – heimlich, damit es keiner merkt, dass sie es sind - in kleinen Schutzengeljobs ein paar Idioten vor sich selbst zu retten, um nicht vor Langeweile wahnsinnig zu werden? Gabriel war sich ziemlich sicher, dass sein Bruder dies auch tat. Ebenso heimlich, damit niemand merkte, dass er es war, der sich sonst so laut darüber lustig machte.

Michael flüsterte: «Was bleibt uns denn übrig außer, heimlich, damit es keiner merkt, dass wir es sind, ein paar Idioten vor sich selbst zu retten und kleinere Schutzengeljobs zu übernehme, um nicht wahnsinnig zu werden?» Gabriel stockte kurz. Hatte er eben laut gedacht oder waren sein Bruder und er tatsächlich einer Meinung? Er räusperte sich und ging wieder zurück zum Sessel, um sich seinem Bruder gegenüber nieder zu setzen.

«Die anderen Engel sind der neuen Marschrichtung mit Begeisterung gefolgt. Warum kannst du das nicht?»

«Die folgen doch der Chefetage immer mit Begeisterung wie ein Haufen degenerierter Labradore.» Michael seufzte. «Aber die anderen Engel sind ja nicht das Hauptproblem! Die Menschen sind es. Sie halten sich für so einzigartig. Sie werden immer arroganter und dreister. Es ist erst wenige Jahrhunderte her, da haben sie sich ehrfürchtig, vor den Reliquien vermeintlicher Heiliger, in den Staub geworfen und ähnlich possierliche Dinge getan. Sie halten sich für schrecklich zivilisiert, weil sie verfaulte Dinosaurierreste als Energiequelle nutzen können.» Er rappelte sich hoch, sprang wieder aus dem Sessel und warf aufgebracht die Hände in die Luft. «Einige von ihnen sind paradoxerweise zudem davon überzeugt, dass es Dinosaurier nie gegeben hat. Ganze Gruppen glauben unbeirrt, während sie in riesigen, dinosaurierflüssigkeitsbetriebene Fortbewegungsmitteln unterwegs sind, dass es Dinosaurier nie gegeben hätte und Vater die Menschheit mit einem Fingerschnipsen - Puff- aus einem humanoid geformten Lehmklumpen zum Leben erweckt hat. Das sind die Allerschlimmsten! Die sind arrogant und noch dümmer als der Rest. Erinnerst du dich daran, wie Vater die Evolution in Gang gebracht hat. Wie wunderbar das gewesen ist? Wieviel Hoffnung er für diese Menschen hatte! Nun sieh, was sie machen. Und wir dürfen nicht mal eingreifen. Und Vater? Vater ist gegangen. Von wegen ‹kleiner Urlaub›. Der dauert schon 2000 Jahre, und wir sitzen hier fest.»

Gabriel erinnerte sich genau an den Moment, an dem die Erde begann. Er hatte neben seinem Vater und all den anderen Göttern gestanden, als die Evolution ihren Anfang nahm, er hatte das Wunder der Weiterentwicklung vom ersten Einzeller miterleben dürfen. Immer wieder jagte ihm der Gedanke an diese erste, einfache Zeit voller Hoffnungen für diese junge Welt Schauer über den Rücken. Nachdem Gott die Engel geschaffen hatte, war er auf der Suche nach einer Herausforderung gewesen. Freier Wille. Engeln war er nur teilweise vergönnt. Die Erzengel waren in der Lage, auch selbst zu denken, anders als das gemeine Fußvolk. Trotzdem mussten sie in allem folgen, hatten keinen freien Willen. Das hatte Vater ausschließlich diesen haarlosen Affen zugestanden. Weil er sehen wollte, was sie damit machten, hatte er gesagt.

Michael war seinerzeit damit beauftragt, die Plagen vorzusortieren, und war in dieser Aufgabe vollkommen aufgegangen. Er hatte sich keine Gedanken gemacht über die Entwicklung auf der Erde. Zwar wunderte er sich, was sein Vater mit den Plagen wollte, aber zu diesem Zeitpunkt war das Hinterfragen von Anweisungen noch nicht bei den Erzengeln angekommen. Gabriel erinnerte sich an die Unterhaltungen, die er mit ihm geführt hatte, als wären sie gestern gewesen. Seit Jahrhunderten regte dieser sich auf und schimpfte auf die Menschen. Der Ärger seines Bruders war für Gabriel auch immer nachvollziehbar gewesen, aber heute schwang zusätzlich etwas Anderes in seinen Worten mit. Etwas, das Gabriel einen kalten Schauer über den Rücken jagte. Etwas Neues.

«Gabriel», im Flüsterton riss Michael seinen Bruder aus den Gedanken.

«Ja?», fragte Gabriel leise.

«Mir ist langweilig!», Michaels Stimme war ein Flüstern. «Ich will nicht mehr hier festsitzen! Wie lange ist es her, dass ich eine Stadt verwüsten durfte, oder Feuer regnen lassen? Ich will einfach nicht mehr herum sitzen und nichts tun!»

Gabriel nickte augenrollend und blickte aufwärts, als gäbe es einen weiteren Himmel über ihnen.

«Michael», erwiderte er gebetsmühlenartig, während er sich Mühe gab, die zuckenden Lichter, die noch immer aus dem Blitzeschrank stoben, zu ignorieren, «Wir sind Diener Gottes. Uns ist nicht langweilig, und wir sitzen nicht herum und meckern. Wir sind weise, würdevoll und tun, was unser Vater uns gesagt hat, bevor er ging! Ohne zu mäkeln und ohne zu motzen.» Er machte eine kurze Pause. «Du weißt, was passiert, wenn einer von uns anfängt, mit derlei … derlei ... Sachen!», sagte er schließlich, als ihm das richtige Wort nicht einfallen wollte. Verweise auf ihren gefallenen Bruder Luzifer halfen immer, Michael in seine Schranken zu weisen. Diese beiden waren sich so unglaublich ähnlich. Lediglich war Luzifer dickköpfiger und impulsiver. Schließlich waren Luzifers Trotzanfälle legendär und hatten es in das Buch der Bücher geschafft.

«Trotzdem. Ich will nicht mehr eingesperrt sein, Gabriel!», wiederholte Michael ganz leise, ohne seinen Bruder dabei anzusehen. «Wir hängen fest, ich habe sogar Hausarrest, nur weil ich ein einziges blödes Memo nicht gelesen habe…»

«Ein blödes Memo? Du hast zwei komplette Städte ausgelöscht, Tausende Menschen verbrannt und das Meer überkochen lassen. Obwohl in dem Memo stand, dass wir ab der Geburt des Sohnes einen neuen Kurs einschlagen. Wir haben vier Propheten verschlissen, bis wir die Verweise darauf aus allen Geschichtsbüchern getilgt hatten!»

«Ich habe das Memo auf meinem Schreibtisch nicht gesehen. Es lag unter dem Feuerschwerterkatalog!» Michael unterbrach Gabriel mit lauter Stimme. Etwas leiser fügte er hinzu: «Ich liebe Feuerschwerter.»

Als Gabriel seinen Bruder ansah, konnte er dessen schmerzverzerrtes Gesicht sehen. Seine Wut verrauchte augenblicklich, er fühlte sich schlecht, dass er seinen kleinen Bruder so angefahren hatte. Schnell stand er auf, ging zu ihm hinüber und legte Michael beruhigend die Hand auf die Schulter. «Ist schon gut.»

Michael schüttelte den Kopf. «Nein. Nein, Gabriel. Gar nichts ist gut. Vater ist weg, keiner weiß, wo er ist, wir sitzen hier fest, ohne echte Aufgabe. Der Sohn spielt Poker mit seinen Kumpels oder sitzt mit diesem fetten Kerl mit den großen Ohrlöchern seit Jahren unter einem Feigenbaum und meditiert. Neulich erzählte er stundenlang, dass er fast das Nirwana erreicht hätte! Er ist schon im Himmel, wozu braucht er ein Nirwana? Gabriel, es passiert nichts, und der Sohn, den wir anbeten sollen, ist ein verfluchter Hippie! Ich dreh‘ noch durch!»

Gabriel fiel nichts ein, was er als Trost hätte sagen können. Er konnte seinen Bruder viel zu gut verstehen.

«Ich wünschte auch, ich wüsste, wo er ist! Das wünschte ich wirklich. Er soll doch zurückkommen.» Mit diesen Worten lehnte Michael seinen Kopf an die Brust des Bruders, der ihm sanft über den Rücken strich. Trotz aller Streitereien, trotz ihrer Unterschiede, Michael war sein Lieblingsbruder und es brach ihm das Herz, ihn unglücklich zu sehen.

«Ja, das wünschte ich auch», sagte Gabriel leise. «Aber du weißt, dass wir ihn nicht finden können, wenn er nicht gefunden werden will.»

«Vielleicht sollten wir dafür sorgen, dass er zu uns kommt.»

«Hm, das wäre natürlich super. Aber wie?»

Michael machte eine Pause. Er wusste wie. Ihm wurde gesagt, wie. Im Moment musste er allerdings seinen Bruder davon überzeugen, dass sein Plan auch sinnvoll war. Der richtige Weg. Auch wenn es nicht sein eigener Plan war.

7 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt: Wer siegt, dem werde ich zu essen geben vom Baum des Lebens, der im Paradies Gottes steht.

Die Offenbarung des Johannes 2.9

4 Alex

Es war ein kalter Sonntagnachmittag im Januar. Alexandra Ewald schlenderte gedankenverloren durch die Kasseler Innenstadt. Der am Vormittag gefallene Schnee war von aufmerksamen Schneeschiebermaschinenfahrern am Rande des großen Parkplatzes, den sie gerade überquerte, zu kleinen Schneematschbergen aufgetürmt worden. Die Abgase der vorbeifahrenden Autos hatten sie schon grau gefärbt. Traurige graue Berge in einem traurigen grauen Winter. Aber Alexandra mochte den Schnee trotzdem. Das Geräusch des Schnees, der unter den Sohlen ihrer Stiefel knarzte, machte sie auf eine unerklärliche Weise glücklich. Sie lächelte, als ihr eine Schneeflocke auf der Nase landete. Sie liebte den Schnee und sie liebte Kassel. Aus verschiedenen Gründen, aber besonders weil sich die Schönheit dieser Stadt nicht sofort jedermann erschloss. Daniel hatte einmal gesagt, es sei kein Wunder, dass sie sich in Kassel so wohl fühle.

«Ihr seid beide langweilig und habt eure besten Zeiten hinter euch.», hatte er ihr eines Morgens gesagt, als sie versuchte, ihn zu einem Spaziergang durch ihre Lieblingsgegend zu motivieren. Schade, dass ihr da noch nicht aufgefallen war, dass Daniel ein Idiot war.