Die Aprilhexe - Majgull Axelsson - E-Book
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Beschreibung

Desirée ist eines der vielen behinderten Kinder, die in den fünfziger Jahren in ein Heim gegeben wurden, und eines der wenigen, das bis in die neunziger Jahre überlebt hat. Sie kann weder gehen noch sprechen, aber sie besitzt andere Fähigkeiten. Ihre drei Schwestern wissen nichts von ihrer Existenz. Doch eines Tages bekommt jede von ihnen einen Brief, der sie zwingt, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Margareta, die Physikerin, Christina, die Ärztin, und Birgitta, die Alkoholikerin. Mit ihren anonymen Briefen legt Desirée den Finger auf Wunden, die noch längst nicht verheilt sind.

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Das Buch

Christina, Margareta, Brigitta und Desirée: vier Töchter, von denen eine verstoßen wurde. Denn die schwerbehinderte Desirée wurde als Baby von ihrer Mutter in eine Anstalt abgeschoben; ein Schicksal, das viele schwedische Kinder in den fünfziger Jahren ereilt hat.

Desirée ist eine hochintelligente Frau. Sie kann weder gehen noch sprechen, doch weiß sie die Welt auf ihre eigene Art zu erkunden. Ihre drei Schwestern wissen nichts von ihrer Existenz, und als sie beginnt, ihnen Briefe zu schreiben und ihren Anteil der Geschichte einzufordern, rührt sie damit an deren Grundfesten. Denn Desirée will Antworten. Antworten auf die eine Frage, die ihr keine Ruhe lässt: Welche ihrer Schwestern hat das Schicksal erhalten, das ihr zugedacht war?

Die Autorin

Majgull Axelsson gehört zu den derzeit erfolgreichsten Autorinnen Schwedens. Ihren Durchbruch hatte sie 1997 mit Die Aprilhexe, wofür ihr der renommierte August-Preis der schwedischen Verlegervereinigung verliehen wurde. Als ausgebildete Journalistin hat sich Majgull Axelsson schon immer für gesellschaftliche Randgruppen interessiert und ihnen in ihren Büchern eine Stimme verliehen.

Von Majgull Axelsson ist in unserem Hause außerdem erschienen:

Ich heiße nicht Miriam

MAJGULLAXELSSON

DieAprilhexe

Roman

Aus dem Schwedischenvon Christel Hildebrandt

List Taschenbuch

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Neuausgabe im List TaschenbuchList ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin.1. Auflage März 2017Die Rechte an der Nutzung der deutschen Übersetzung von Christel Hildebrandt liegen beim C. Bertelsmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH© für die deutsche Ausgabe Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2017© 1997 by Majgull AxelssonDie Originalausgabe erschien 1997 unter dem Titel Aprilhäxan bei Rabén Prisma, Stockholm.Umschlaggestaltung: Büro Jorge Schmidt, MünchenTitelabbildung: © Bridgeman Images / gemalt von Edward Donovan (1768–1837)Satz: Uhl + Massopust, AalenE-Book-Konvertierung: CPI books GmbH, LeckeBook ISBN 978-3-8437-1421-1

Dieser Roman ist reine Fiktion. Natürlich gibt es in Vadstena ein Pflegeheim und eine Ambulanz, wie es auch in Kiruna ein Institut für Weltraumphysik gibt, aber keine dieser Institutionen ist mit denen identisch, die in diesem Buch geschildert werden. Menschen und Handlungen entstammen meinem eigenen Kopf – wenn auch mit einer gewissen Hilfe von Ray Bradbury, der mich bereits vor vielen Jahrzehnten über die Aprilhexen hat nachsinnen lassen.

DIE AUTORIN

Wellen und Teilchen

»Neutrinos they are very small

They have no charge and have no mass

And do not interact at all

The earth is just a silly ball

To them, through which they simply pass

Like dustmaids down a drafty hall

Or photons through a sheet of glass…«

JOHN UPDIKE

Wer bist du?« fragt meine Schwester.

Sie ist empfindsamer als die anderen, nur sie erspürt meine Anwesenheit. Jetzt sieht sie aus wie ein Vogel, wie sie dasteht, mit gerecktem Hals, und in den Garten späht. Sie trägt nur einen grauen Morgenmantel über dem weißen Nachthemd, und anscheinend spürt sie nicht, daß der Nachtfrost noch anhält. Der Morgenmantel ist offen, der Gürtel hängt nur noch in einer Schlaufe. Er liegt wie eine dünne Schwanzfeder hinter ihr auf der Küchentreppe.

Sie wendet den Kopf in einer ruckartigen Bewegung, lauscht in den Garten und wartet auf eine Antwort. Als die nicht kommt, wiederholt sie, jetzt ängstlich und mit schriller Stimme:

»Wer bist du?«

Ihr Atem bildet kleine weiße Federbüschel. Das steht ihr. Sie ist ein ätherischer Typ. Wie Nebel, dachte ich bereits beim ersten Mal, als ich sie sah. Das war an einem heißen Augusttag vor vielen Sommern, lange Zeit bevor ich ins Wohnheim gezogen bin. Hubertsson hatte dafür gesorgt, daß ich ins Freie gebracht und unter den Schatten eines großen Ahorns gestellt wurde, kurz bevor die Ärztekonferenz im Versammlungsraum des Krankenhauses beginnen sollte. Wie zufällig stieß er auf dem Parkplatz mit Christina Wulf zusammen, und wie ganz zufällig überredete er sie, die große Rasenfläche zu überqueren, auf der ich saß. Ihre Pumps sanken tief in das weiche Gras, und als sie auf den Kiesweg gelangte, blieb sie stehen, um zu kontrollieren, ob sich auch keine Erde unter den Sohlen festgesetzt hatte. Erst da bemerkte ich, daß sie Strümpfe trug, trotz der Hitze. Eine nette Bluse, einen halblangen Rock und eine Strumpfhose. Alles in verschiedenen Weiß- und Grautönen.

»Deine große Schwester ist so eine Dame, die sich die Hände in Chloramin wäscht«, sagte Hubertsson, bevor er sie mir gezeigt hatte. Oberflächlich betrachtet war das eine gute Beschreibung. Aber nicht ausreichend. Als ich sie das erste Mal sah, erschien sie mir so verschwommen, was Farbe und Form betraf, daß es aussah, als würden die Gesetze der Materie nicht für sie gelten, als könne sie wie Rauch durch geschlossene Fenster und verschlossene Türen gleiten. Einen Augenblick glaubte ich, Hubertssons Hand würde direkt durch ihren Arm greifen, als er ihr sie entgegenstreckte, um sie zu stützen.

Was an und für sich gar nicht so außergewöhnlich wäre. Wir vergessen immer wieder, daß das, was wir Naturgesetz nennen, nur unsere einfältigen Ansichten von der Wirklichkeit sind, die doch viel zu kompliziert ist, als daß wir sie verstehen könnten. Wie beispielsweise die Tatsache, daß wir in einer Wolke von Teilchen leben, denen die Masse fehlt, von Photonen und Neutronen. Und daß die gesamte Materie – auch die im menschlichen Körper – zum größten Teil aus einem Vakuum besteht. Der Abstand zwischen den Teilchen der Atome ist ebenso groß wie der Abstand zwischen einem Stern und seinen Planeten. Eine Oberfläche und Festigkeit entstehen also nicht durch die Teilchen an sich, sondern durch das elektromagnetische Feld, das sie zusammenhält. Die Quantenphysik hat uns außerdem gelehrt, daß das allerkleinste Element der Materie nicht nur ein Teilchen ist. Es ist außerdem eine Welle. Gleichzeitig. Und darüber hinaus haben einige davon die Fähigkeit, sich zur gleichen Zeit an verschiedenen Stellen zu befinden. In einer Mikrosekunde probiert das Elektron seine möglichen Positionen aus, und während dieses einen Augenblicks sind alle diese Möglichkeiten wirklich.

Das heißt: Alles fließt. Wie bekannt.

Vor diesem Hintergrund gesehen, ist es nicht weiter erstaunlich, daß einige von uns die Gesetze der Physik durchbrechen können.

Aber als Hubertssons Hand Christina erreichte, während sie auf einem Bein stand und ihre Sohle begutachtete, zeigte es sich, daß sie feste Konturen hatte, wie alle anderen Menschen auch. Seine Hand ergriff ihren Arm und blieb dort.

Sie ist im Laufe der Jahre nicht weniger durchsichtig geworden; immer noch sieht sie aus, als könnte sie sich jeden Augenblick auflösen und in einer einzigen Bewegung von Wellen und Partikeln davontreiben.

Aber das ist natürlich nur eine Illusion, Christina ist und bleibt ein fest zusammenhängender Klumpen menschlicher Materie. Sogar ein ziemlich fester.

Und jetzt haben ihre Elektronen sich für eine neue Position entschieden. Sie blinzelt und vergißt mich, zieht sich den Morgenmantel fester um den Körper und geht mit klappernden Schuhen über den letzten Schnee auf dem Gartenweg zum Briefkasten und damit zur Morgenzeitung.

Der Brief liegt ganz unten im Kasten. Als sie ihn entdeckt, durchfährt sie ein leichter Schauer wie ein schwacher Wind, der den Garten durchweht. Astrid, denkt sie, erinnert sich aber sofort daran, daß Astrid ja tot ist, daß sie bereits seit drei Jahren tot ist. Das tröstet sie. Sie schiebt sich die Zeitung unter den Arm und geht zurück zum Haus, während sie den Umschlag von allen Seiten betrachtet. Sie sieht sich nicht vor.

Deshalb stolpert sie über die tote Möwe.

Im gleichen Augenblick schlägt meine andere Schwester die Augen in einem Hotelzimmer in Göteborg auf und holt mühsam Luft. So wacht sie immer auf; eine Sekunde lang ist sie voller Panik, bevor sie sich daran erinnert, wer sie ist und wo sie sich befindet. Aber die Morgenangst vergeht, und sie fällt fast wieder in den Schlaf, als sie zusammenzuckt und die Arme in die Luft reckt. Mein Gott! Sie hat doch keine Zeit, hier herumzuliegen und sich zu strecken! Sie will doch diesen ganz normalen Donnerstag heute dazu benutzen, in den eigenen Fußspuren zu wandeln: A walk down Memory Lane! Sie ist diesen Weg bereits früher gegangen, aber jetzt ist es schon eine ganze Weile her. Margareta setzt sich in ihrem Bett auf und sucht die Zigaretten. Der erste Zug läßt sie erschauern, er gibt ihr das Gefühl, als löse sich die Haut und würde einige Millimeter vom Fleisch entfernt schweben. Sie schaut ihre Arme an. Sie sind nackt, bleich und faltig. Sie hat ihr einziges Nachthemd bei Claes vergessen…

Für eine überzeugte Raucherin ist Margareta ungewöhnlich bedacht auf frische Luft. Sie verbirgt ihre Nacktheit in der Decke, geht zum Fenster und öffnet es weit. Dann bleibt sie in der Kälte stehen und schaut hinaus auf den blaugrauen Spätwinter.

Nirgendwo in Schweden ist das Licht so häßlich wie in Göteborg, denkt sie. Das ist ein üblicher, vertrauter Gedanke. Damit tröstet sie sich immer, wenn sie von der Dunkelheit daheim in Kiruna zu Boden gedrückt wird. Sie hatte Glück, trotz allem. Sie hätte ihr ganzes Leben genausogut unter Göteborgs metallischem Himmel verbringen können, wenn es da nicht einen Zufall gegeben hätte. Einen Zufall in Tanum…

Margareta nimmt noch einen Zug und stößt den Rauch mit einem zufriedenen Lachen wieder aus. Heute will sie ja nach Tanum. Zum ersten Mal seit mehr als zwanzig Jahren will sie an den Ort zurück, der über ihr Erwachsenenleben entschieden hat.

Damals war sie gerade dreiundzwanzig und angehende Archäologin. Den ganzen heißen Sommer über hatte sie den Heidesand umgegraben, gesiebt und gebürstet, um eine weitere alte Höhlenmalerei freizulegen, und die ganze Zeit hatte eine Saite in ihr vor Erwartung gezittert. Diese Saite klang für Fleming, einen dänischen Gastprofessor mit dunkler Stimme und schmalen Augen. Bereits damals hatte Margareta – um es freundlich auszudrücken – eine gewisse Erfahrung mit Männern mittleren Alters, und jetzt nutzte sie alle Tricks und Künste aus, die sie erlernt hatte. Sie schlug den Blick zu Boden und fuhr sich hastig mit der Hand durchs Haar, sobald er sie ansah, sie schob die Brust vor und wackelte mit den Hüften, wenn sie ging, sie lachte laut und gurrend über seine Späße in den Kaffeepausen.

Anfangs hatte er eher Angst, als daß er geschmeichelt war. Zwar suchte er ziemlich oft ihre Nähe, lächelte, wenn sie lächelte, und lachte, wenn sie lachte, ergriff jedoch nie von sich aus die Initiative. Statt dessen erwähnte er immer häufiger – apropos irgendwas – seine Frau und seine Kinder, sein Alter und seine Verpflichtungen. Aber Margareta ließ nicht locker. Sie war von fanatischem Wesen, damals wie heute, und je offensichtlicher er seine Ausflüchte zur Schau trug, um so intensiver saugte sich ihr Blick an ihm fest. Sie wollte ihn haben! Das Problem war nur, daß sie nicht so recht wußte, wozu sie ihn eigentlich haben wollte.

Sie sollten miteinander schlafen. Natürlich. Abends in ihrem Zelt stellte sie sich oft vor, wie er sie mit einer Hand um die Taille packte, während er gleichzeitig mit der anderen seinen Reißverschluß öffnete. Er sollte ruhig zittern und herumfummeln, sie würde ihm nicht helfen, ganz im Gegenteil, sie würde ihn daran hindern, indem sie ihren Unterleib an den seinen preßte und ihn vorsichtig kreisen ließ. Aber wenn der Reißverschluß endlich offen war, dann würde ihre Hand sich vortasten, sie würde sich um sein Geschlecht schließen, das unter dem weißen Baumwollstoff der Unterhose wie ein formloser Klumpen beulen und spannen würde, und dann würden ihre Finger weiterwandern, leicht wie Schmetterlingsflügel.

Aber mit ihm zu schlafen, das war nur der Weg. Nicht das Ziel. Margareta ahnte bereits, daß sie sich damit begnügen müßte, ihre Lust in Flemings zu spiegeln, aber das war ihr eigentlich ganz gleich. Es gab ein anderes Vakuum in ihr, das gefüllt werden mußte und das gefüllt werden würde, das wußte sie, wenn sie von der Sommernacht eng umschlungen in der Heide lagen. Dann würde Fleming etwas sagen oder tun – was, das wußte sie nicht –, und dieses Etwas würde für alle Zeiten jede Höhle in ihrem Körper ausfüllen. Danach würde sie zufrieden weiterleben. Für ewig erfüllt.

Und schließlich geschah es. Eines Abends schlang Fleming seinen Arm um ihre Taille und fummelte an seinem Reißverschluß herum. Margaretas Hand schloß sich um sein Glied, und ihre Lust explodierte bereits vor lauter Erwartung, als sie unter ihm in die Heide sank. Kurz darauf explodierte Fleming. Dann war es vorbei, denn nachdem Flemings Glied erschlafft war, hatte er nichts anderes mehr, um sie auszufüllen. Sein Gewicht, das gerade noch ein Trost und ein Versprechen war, wurde erstickend und bedrohlich. Sie stieß ihn zur Seite und rang nach Atem. Er reagierte nicht, grunzte nur und änderte seine Stellung. Er schlief tief und fest in der blühenden Heide.

Noch heute kann Margareta nicht sagen, wieso sie einfach aufstand und ging. Es hätte ihr ähnlicher gesehen, wenn sie geblieben wäre, sich in seinem Arm gelangweilt und für ein paar Monate mit den Krümeln zufriedengegeben hätte, die sie bekam, und dabei nicht einmal davon geträumt hätte, größere Krümel bekommen zu können. Aber die Enttäuschung schmeckte bitter in ihrem Mund und brachte sie dazu, ihre Shorts anzuziehen und ihres Wegs zu gehen. Sie ging absichtlich in die falsche Richtung, weg von der Ausgrabung und dem Zeltplatz der Archäologen, auf etwas anderes zu.

»Ach, Kleines!« sagt Margareta tröstend, als sie fünfundzwanzig Jahre später am offenen Fenster steht. Vorsichtig tastend schiebt sie eine Hand aus der Decke, als wollte sie sich durch die Zeit strecken und das innerlich leere Mädchen erreichen, das über Tanums Heide streift. Aber im gleichen Augenblick sieht sie ein, was diese Geste über ihren Realitätssinn aussagt; sie hält mitten in der Bewegung inne und läßt die Hand die Richtung ändern. Sie ergreift statt dessen eine Zigarette und zündet sie an. Margareta ist Physikerin, und als solche hat sie ein wenig Angst vor der modernen Physik. Ab und zu hat sie den Eindruck, daß Begriffe wie Zeit, Raum und Materie sich vor ihren Augen auflösen, und da muß sie sich selbst bremsen, da muß sie ihrer durchgehenden Phantasie Zügel anlegen und sich selbst einreden, daß sich vom menschlichen Blickwinkel aus nichts verändert hat. Hier auf der Erde ist die Materie immer noch fest und die Zeit ein Fluß, der durch die Welt rinnt vom Anbeginn des Lebens bis zu seinem Schluß. Allein in der Theorie ist die Zeit eine Illusion. Für die Menschen ist sie wirklich, und deshalb ist es ein Zeichen für menschlichen Wahnsinn, zu versuchen, sie zu überwinden. Zum Beispiel, um sich selbst in einer zwanzig Jahre jüngeren Ausgabe zu trösten.

Sie schließt das Fenster mit einem Knall, zieht die Gardinen vor und läßt die Decke auf den Boden fallen. Sie streckt sich. Jetzt will sie duschen und sich hübsch machen, dann will sie in Claes’ schrottreifem altem Auto davontuckern, zuerst nach Tanum, dann nach Motala und schließlich nach Stockholm. Diese langweilige Konferenz, die sie gerade in Göteborg durchlitten hat, liegt bereits hinter ihr. Sie kann Kiruna und ihrer verfluchten Dissertation eine ganze Woche lang entfliehen. Unter der Dusche kommt die Erinnerung zurück. Plötzlich sieht sie Fleming vor sich, erinnert sich an sein sehnsuchtsvolles Lächeln am nächsten Tag und sein eindringliches Flüstern. Es war doch wunderbar gewesen? Und kommende Nacht würde es wieder wunderbar werden? Und zum Herbst hin wollte er zusehen, daß er ihr Mentor wurde…

Die ältere Margareta hält ihr Gesicht dem Wasserstrahl entgegen und schließt die Augen. Drinnen sieht sie die junge Margareta still lächeln und sich tiefer über ihre Arbeit beugen.

»Leider«, sagt sie. »Leider, Fleming, wird das nicht gehen…«

»Warum nicht?«

Sie wendet den Kopf und sieht zu ihm auf.

»Weil ich fertig bin mit der Archäologie. Im Herbst werde ich mit Physik anfangen. Ich habe mich letzte Nacht dazu entschlossen.«

Die ältere Margareta lacht trocken bei der Erinnerung an sein Gesicht.

Meine dritte Schwester liegt auf einer Matratze und blinzelt. Ansonsten liegt sie vollkommen regungslos da.

Birgitta hat kein Bett. Sie hat nicht einmal ein Laken auf ihrer Matratze, sie liegt direkt auf dem schmutziggelben Schaumgummi. Ihre Arme sind ausgebreitet, aus dem linken Mundwinkel rinnt ein kleiner Speichelfluß…

Sie sieht erbärmlich aus. Wie ein gekreuzigter Hefeteig.

Dennoch denkt sie an Schönheit. Sie erinnert sich an die Zeit, als sie fünfzehn und Motalas milchweiße Antwort auf Marilyn Monroe war. Auf dem Boden neben ihr liegt Roger, ein magerer kleiner Hering mit fettigem Haar und graumelierten Bartstoppeln. Seinetwegen kann Birgitta nicht schlafen, seinetwegen muß sie sich an die Zeit erinnern, als sie noch schön war. Und jetzt ist es ihr fast geglückt. Sie sieht die Dogge aus seinem Auto steigen, die Tür zuwerfen und sich umschauen. Auf dem Parkplatz ist es ganz still, nur Cliff Richards Stimme ist zu hören, die von einem tragbaren Plattenspieler ertönt. Alle Blicke sind auf die Dogge gerichtet, die Sehnsucht der Mädchen flattert wie Schmetterlinge auf ihn zu, die Ohnmacht der Jungs wird zu eisigem Schweigen. Birgitta weiß, daß er auf dem Weg zu ihr ist. Noch bevor er überhaupt einen Schritt macht, weiß sie, daß er auf dem Weg zu ihr ist. Und da kommt er, reißt die Autotür auf und packt sie beim Handgelenk.

»Du bist jetzt mein Mädchen«, sagt er. Nicht mehr. Nur das.

Wie in einem Film, denkt Birgitta zum tausendsten Mal in ihrem Leben. Das war genau wie in einem Film. Und der Film geht weiter, Chorgesang und Streicher erfüllen den Raum, wenn sie sich daran erinnert, wie er sie über die Motorhaube gelegt hat und sich vorbeugte, um ihr einen ersten Kuß zu geben…

Aber Roger bewegt sich im Schlaf, und deshalb reißt der Film, das Bild verschwindet. Sie dreht den Kopf und sieht ihn an, ein schwacher Ammoniakgeruch sticht ihr in die Nase. Seine verwaschenen Jeans weisen einen dunklen Fleck auf, der sich vom Reißverschluß über seinen linken Oberschenkel breitet…

Birgitta ist erschöpft, aber wenn sie genügend Kraft hätte, würde sie sich über dieses Würstchen rollen und es mit dem Gewicht ihres eigenen Fleisches erdrücken. Aber sie hat keine Kraft mehr. Es gelingt ihr nicht einmal mehr, die Hände an die Ohren zu pressen, um seine Stimme auszuschließen. Und was würde es schon nützen? Die Worte sind bereits gesagt, seine Sätze haben sich für ewig in ihrer Gehirnrinde eingebrannt.

»O Scheiße«, sagt er in der Erinnerung und legt eine Hand auf ihr Gesicht. »O Scheiße. Du bist ja so sauhäßlich, daß mein Pimmel schlappmacht…«

Birgitta blinzelt und ringt nach Luft, sucht in ihrer Erinnerung nach Chorgesang und Streichern, nach den breiten Händen der Dogge und Motalas milchweißer Antwort auf Marilyn Monroe. Aber der Film ist gerissen, die Spule dreht sich nutzlos herum, das Filmende flattert, und alle Bilder sind fort.

Sie preßt die Augen fest zusammen und versucht, die tröstenden Erinnerungen hervorzuzwingen. Als das nicht gelingt, hebt sie leicht die Augenlider und schaut auf Roger hinunter. Heute wird sie den Widerling endlich hinausschmeißen.

Ein Stück Treibholz

»Es ist Frühling, dachte Cecy. Heute nacht kann ich in jedem Lebewesen der Welt sein.«

RAY BRADBURY

Kurz vor der Dämmerung verändern sich die Geräusche auf dem Flur, das Flüstern des Nachtpersonals und ihre verhaltenen Schritte werden eingetauscht gegen knallende Hacken und glasklare Stimmen. Die Morgenschicht ist dran. Heute ist es außerdem noch Kerstin Eins’ Morgenschicht. Das ist bereits in der Luft zu spüren, sie vibriert vor Geschäftigkeit, bevor Kerstin Eins überhaupt da ist. Wenn Kerstin Zwei die Morgenschicht hat, ist die Luft ruhig, und es duftet nach Kaffee.

Heute ist Mittwoch. Vielleicht kann ich ja duschen. Seit letztem Mal ist es schon eine ganze Woche her, und der süß-saure Geruch meines Körpers erzeugt bei mir langsam Übelkeit. Er stört meine Konzentration. Mit meinem Geruchssinn ist nämlich alles in Ordnung. Leider.

Ich puste einen langen, zielbewußten Atemzug ins Mundstück, und der Bildschirm über meinem Bett flackert auf.

»Wollen Sie den Text speichern? Ja/Nein?«

Ein kurzer Stoß. Ja, ich will den Text speichern. Der Computer surrt und erlischt.

Erst jetzt merke ich, wie müde meine Augen sind. Es brennt unter den Lidern. Ich sollte eine Weile im Dunkeln ausruhen. Außerdem ist es das sicherste, so zu tun, als schliefe ich, wenn Kerstin Eins sich entschließt, ihre Morgenrunde zu drehen. Wenn sie merkt, daß ich die ganze Nacht wach war, wird sie eine kleine Rede darüber halten, wie wichtig doch ein normaler Tagesrhythmus sei. Vielleicht kommt sie auch noch auf die Idee, ihre Erziehungspatrouille zu beordern, mich auf einen Rollstuhl zu binden und zu einem der ewig stattfindenden Idiotenwettbewerbe in den Aufenthaltsraum zu rollen. Memory für Vierjährige. Oder Bilder-Bingo. Erster Preis ist immer eine Apfelsine, und von dem Gewinner wird erwartet, daß er sich freut oder zumindest bei der Preisüberreichung aufhört zu sabbern – je nach den Fähigkeiten. Und deshalb bin ich nie Siegerin, ganz gleich, wie recht ich auch habe. Kerstin Eins mogelt mit den Ergebnissen. Patienten mit Einstellungsproblemen – wie sie es in ihrer amerikanischen Sozialprosa nennt – gewinnen nämlich nichts. Dann würde der therapeutische Wert der Wettbewerbe ja verlorengehen. Mein Einstellungsproblem besteht darin, daß ich so tue, als könnte ich nicht lächeln. Ich sabbere, verziehe mein Gesicht und tue so, als wäre ich verzweifelt, weil meine Mundwinkel sich nicht lenken lassen, wenn die Erziehungspatrouille mich mit der Siegerapfelsine lockt, aber ich lächle nicht. Nie. Und Kerstin Eins – die weiß, daß es eine Lüge und Theater ist – wird jedesmal gleich wütend. Aber sie kann mich nicht öffentlich anklagen, sie kann den Hilfsschwestern nicht erzählen, daß ich einmal gelacht habe.

Das war vor einem Monat, an meinem ersten Tag auf der Abteilung. Mehrere Stunden lang hatte ich ihre Stimme bereits auf dem Flur gehört – mal munter plaudernd, mal süßlich lärmend –, was bei mir eine Gänsehaut erzeugte. Es erinnerte mich nur zu gut an andere Stimmen. Sie ließ sie in meinen Ohren zu einer schnatternden Kakophonie anwachsen: Da war Karin aus der Anstalt für Körperbehinderte, die ach so muntere Rut, die Pflegemutter werden wollte (aber nicht für die da!), die Deutsche Trudi beim Neurologen und ihre Nachfolgerinnen Berit, Anna und Veronica. Alle hatten sie diese aufmunternden Vogelstimmen, und alle benahmen sich wie Straßenmädchen. Sie lachten, zwitscherten und tätschelten gegen Bezahlung. Aber ihre Hände waren eiskalt, und der Preis, den sie forderten, stand in keinem Verhältnis. Ein Heiligenschein.

Im Wohnheim war ich von angenehm gleichgültigen Pflegerinnen mit warmen Händen und Stimmen umgeben gewesen, die nicht zuviel versprachen, und vor einigen Jahren bekam ich sogar eine richtige Wohnung und eigene Pflegekräfte. Das waren ganz unterschiedliche Leute, junge Männer und ältere Frauen auf der Flucht vor der Arbeitslosigkeit, müde Kleinkindmütter ohne Ausbildung und Künstler mittleren Alters, deren Träume vom großen Durchbruch zu vertrocknen drohten. Sie fütterten mich, machten mich sauber und zogen mich an, ohne zu erwarten, daß ich sie dafür zum Dank lieben würde. Ihre Ruhe war unerschütterlich, und sie waren aufmerksam. Wenn ich aufstöhnte oder schnell vor Schmerz einen Muskel anspannte, ließen sie sofort los und suchten einen neuen, erträglicheren Griff. Aber jetzt war es damit zu Ende. Meine Anfälle kamen immer häufiger und wurden immer heftiger, jedesmal lief ich Gefahr, in den status epilepticus zu fallen, einen ununterbrochenen epileptischen Anfall. Und eines Tages stand Hubertsson an meinem Bett und erklärte mir mit gesenktem Blick, als würde er sich schämen, daß es so nicht mehr weiterginge. Meine Pfleger reichten nicht mehr aus, ich bräuchte die ständige Überwachung durch medizinisch ausgebildetes Personal, wenigstens für ein paar Monate, wenigstens so lange, wie es notwendig war, um ein neues Medikament auszuprobieren und mich darauf einzustellen. Also mußte ich zurück ins Pflegeheim, aus dem er mich einst befreit hatte. Und die Stimme auf dem Flur verriet mir, daß hier eine Person herrschte, die bereit war, in ihrem Kampf um das Gute über Leichen zu gehen.

Trotzdem versuchte ich sogar, mich höflich zu benehmen. Ein netter Gruß flimmerte über den Bildschirm, als Kerstin Eins in mein Zimmer trampelte, und ich wollte mich gerade pustend vorstellen, als sie sich über mein Bett beugte und den Schirm beiseite schob.

»Du arme Kleine…«, sagte sie und streckte eine Hand aus, um mir die Wange zu streicheln.

Ich kann meine Krämpfe nicht kontrollieren, aber diesmal hatte ich Glück. Mein Kopf zuckte verdreht zur Seite, wie er das immer tut, und ich kam genau in den richtigen Winkel, um ihren Daumen zu erreichen. Ich schnappte ihn mir. Und biß zu. Ich biß so fest, daß ich fühlte, wie meine Vorderzähne sich durch ihre weiße Haut preßten und den Knochen streiften, bevor der nächste Krampf meinen Kopf zur Seite warf und mich zwang loszulassen. Und da lachte ich. Ein warmes, breites Lachen aus tiefstem Herzen. Das einzige Lachen, das Kerstin Eins je von mir hören wird.

Beim nächsten Krampf konnte ich das Mundstück wieder erwischen und begann zu pusten. Ich konnte den Bildschirm nicht sehen – sie hatte ihn zu weit nach rechts geschoben –, aber ich bekam das heraus, was ich sagen wollte:

»Niemand nennt mich arme Kleine!«

Sie stieß gegen den Monitor und rannte trocken schluchzend aus dem Zimmer, die linke Hand in einer äußerst vorwurfsvollen Geste um ihren rechten Daumen geschlossen. Eine Sekunde lang wollte ich über meinen Sieg jubeln, aber einen Augenblick später entdeckte ich den Text, der über meinem Kopf flimmerte.

Niemand nennt mich arme Kleine. Nicht schlecht. Arnold Schwarzenegger hätte es nicht besser ausdrücken können. Und schließlich mußte das mal gesagt werden. Denn es gibt keinen Zustand, der so viele Namen verschlissen hat wie dieser; jedes Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts hat das alte, häßliche Wort verworfen und ein neues, freundlicheres gesucht. So wurde aus dem Krüppel ein Schwerbeschädigter und aus dem Schwerbeschädigten ein Behinderter, aus dem Behinderten ein Invalide und aus dem Invaliden wurde schließlich eine Person mit Funktionsstörungen.

Hinter jedem dieser Worte liegt eine wahnsinnige Hoffnung. Und ich teile sie – daran gibt es gar keinen Zweifel. Niemand wünscht sich sehnlicher als ich, daß es eines Tages das Zauberwort geben wird, das endgültige Wort, das vernarbte Gehirne heilt, das dem Rückenmark die Kraft gibt, sich selbst zu heilen, und das verkümmerte Nervenzellen wieder auferstehen läßt. Aber bis jetzt haben wir es noch nicht gefunden. Und wenn man die Worte, die bis heute ausprobiert wurden, addiert, ergeben sie dann nicht genau das Wort, das Kerstin Eins mir an den Kopf warf?

In Erwartung des endgültigen Wortes entscheide ich mich lieber dafür, außerhalb der landläufigen Beschreibungen zu stehen. Ich weiß, was ich bin. Ein Stück Treibholz. Ein leckes Wrackteil aus einer anderen Zeit.

»Verflucht, es scheint wirklich, als hätte unser Jahrhundert selbst deinen Körper zerquetscht«, sagte Hubertsson in einer Silvesternacht in meiner Wohnung, als er betrunken war. Das war eine Aussage, die meine Wangen zum Erröten brachte, doch meinen Bildschirm ließ ich dunkel. Denn was hätte ich antworten sollen? Ach, laß mich doch ein Mensch sein für dich, mein Geliebter, und kein Monument? So etwas sagt man nicht. Und schon gar nicht, wenn sich die Beine in einer ewigen Fötusstellung festgekrampft haben, während Kopf und Arme sich in einer ständigen spastischen Bewegung befinden, das Gesicht Fratzen schneidet und die Hände wie Scheibenwischer wedeln. Da hütet man sich vor Liebesbeichten und tut so, als hätte man nichts gehört.

Aber ich höre. Ich sehe. Und ich fühle.

Ich sehe, höre und fühle, obwohl das, was bei anderen Menschen einen harmonischen, ununterbrochenen Zusammenhang darstellt, bei mir zerrissen und zerstört ist. Nur wenige dünne Fäden verbinden jetzt das, was ich wirklich bin, mit dem, was mein Körper ist. Meine Stimme besteht aus drei Geräuschen: Ich seufze vor Wohlbehagen, ich stöhne, wenn etwas unangenehm ist, und ich brülle wie ein Tier beim Schlachten, wenn ich leide. Das kann ich steuern. Ich kann auch kurze und lange Atemstöße in ein Mundstück pusten, Stöße, die sich auf dem Computerbildschirm in Text verwandeln. Außerdem kann ich – wenn auch nur mit unendlich viel Mühe – immer noch mit meiner linken Hand einen Löffel greifen, ihn in einen Teller führen und an meinen Mund. Ich kann kauen und schlucken. Das ist alles.

Lange Zeit versuchte ich mir einzureden, daß das Chaos, das mein Körper ist, dennoch den Kern, ein Mensch zu sein, beinhaltet. Ich habe einen Willen und Verstand, ich habe ein Herz, das schlägt, eine Lunge, die atmet und – nicht zuletzt – ein menschliches Herz mit so vielen sonderbaren Fähigkeiten, daß es mich selbst mit einem Beben erfüllt. Aber die kecken Phrasen halfen nichts. Schließlich mußte ich zugeben, daß ich in einem Spinnennetz der Willkür gefangen bin, das der Große Schöpfer über die Welt gespannt hat. Diese Einsicht hat sich in den letzten Monaten noch verstärkt. Manchmal glaube ich sogar, daß Kerstin Eins einer seiner Sendboten ist, daß sie eine der kleinen Spinnen Gottes ist, die irgendwann des Nachts herangekrochen kommen werden, um mein Inneres mit ihrem Säurespeichel aufzulösen und mich dann auszusaugen.

Doch. Das wäre logisch. Aber alles zu seiner Zeit. Zwei Aufgaben sind noch zu bewältigen.

Erstens will ich wissen, wer meine Schwestern sind, die das Leben gestohlen haben, das für mich bestimmt war.

Und danach will ich meinem Geliebten bis ins Grab folgen. Erst danach bin ich bereit, mich aussaugen zu lassen.

Jetzt höre ich ihn. Niemand öffnet die Abteilungstür so langsam wie er, niemand schlurft so verschlafen über den Flur. Er zögert heute etwas, vielleicht fürchtet er, Kerstin Eins könnte plötzlich auftauchen und ihm lächelnd den Weg versperren.

KaEins nennt er sie. Zur Unterscheidung von KaZwei.

»Sie ist unmöglich«, sagt er. »Diese ganze Stromlinienform und all das weiße Äußere… Ich wette, sie ist aus Vanilleeis gepreßt. Setz sie aufs Feuer, und sie verliert Form und Farbe!«

Er hat heutzutage nicht viel übrig für Seidenhaut und stramme Sehnen. Was vielleicht in einem gewissen Zusammenhang mit seinem eigenen Älterwerden steht. Sein Gesicht ist in den letzten Jahren müde und lang geworden, die Augenbrauen sind grau und buschig gewachsen, das Doppelkinn ist angeschwollen, und die Ringe unter seinen Augen sind zu Säcken geworden. Einige der Hilfsschwestern in Kerstin Eins’ Erziehungspatrouille bezeichnen ihn als eklig. Sie selbst begnügt sich damit, daß sie Distanz wahrt. Wenn er ihr zu nahe kommt, zieht sie sich schnell zurück und fährt sich mit der Hand durch ihr langes Haar, um es ja zu keiner Berührung kommen zu lassen.

Das würde ich nie tun. Wenn ich einen vanilleweißen Körper mit festen Sehnen hätte und die Möglichkeit, sie zu bewegen, würde ich ihn oft damit ganz zufällig berühren. Er ist der einzige Mensch, dessen Berührung ich mag. Vielleicht liegt das daran, daß er mich so selten berührt. Ein- oder zweimal im Monat untersucht er mich offiziell, aber dann ist immer eine Krankenschwester dabei, und seine Hände bleiben sachlich und unpersönlich. Ein einziges Mal hat er eine Untersuchung mit einem Streicheln beendet. Das war, als ich meine vierte Lungenentzündung in einem Jahr hatte. Da nahm er meinen Kopf in beide Hände und zog mich zu sich, drückte meine Wange an seine Brust.

»Paß auf«, sagte er. »Auch diesmal wirst du nicht sterben…«

Der Baumwollpullover unter dem weißen Kittel kratzte ein wenig an meiner Wange. Und sein Körper duftete nach Mandeln…

Nun ja, das ist elf Jahre her und seitdem nie wieder vorgekommen.

Manchmal – wenn wir allein sind – setzt er sich auf die Bettkante und streicht mit der Hand über meine Decke, aber meistens sitzt er etwas entfernt und sieht mich nicht einmal an. Er verkriecht sich im Schatten des Fenstersimses und faltet die Hände um seine Knie, guckt aus dem Fenster, während er redet, und schaut intensiv auf den Bildschirm, wenn ich antworte. Ihm bin ich in meinen Worten näher als in meinem Körper.

Er war es auch, der mir die Worte gegeben hat. Und nicht nur das. Den Geruch und den Geschmack hat er mir gegeben, die Erinnerung an Kälte und Hitze, den Namen meiner Mutter und die Fotos meiner Schwestern. Er hat dafür gesorgt, daß der Kunstgewerbeverein für mein Bett handgewebte Leinenlaken gestiftet hat, und als Dank hat er einen Vortrag im Verein darüber gehalten, wie die rohrförmigen Leinenfasern Liegewunden verhindern. Er hat Rotary dazu gebracht, mir einen Computer zu stiften und Lions einen Fernsehapparat, und einmal im Jahr bugsiert er mich in ein spezialangefertigtes Behindertenfahrzeug und verfrachtet mich ins Technische Museum in Stockholm, damit ich eine Nebelkammer sehen kann. Und wenn wir dort sind, läßt er mich stundenlang in dem schwarzen Raum sitzen und den Tanz der Materie betrachten.

Alles habe ich von Hubertsson bekommen. Alles.

Ich war müde und kaputtuntersucht, als die Neurochirurgen in Linköping mich vor fünfzehn Jahren endlich aufgaben und mich ins Pflegeheim nach Vadstena ziehen ließen. Hier lag ich die ersten Wochen am Tropf, um überhaupt am Leben zu bleiben. Ich öffnete nur selten meine Augen und bewegte mich nicht freiwillig. Schon nach ein paar Tagen konnte ich fühlen, wie die wundgelegenen Stellen an meinen Hüften aufbrachen, obwohl man mich jede Stunde umdrehte. Zu der Zeit gab es reichlich Personal. Engagiertes Personal sogar. Eine der Krankenschwestern besorgte einen Ausschnitt aus einer alten Ausgabe des Ostgöta-Correspondenten und hängte ihn an meine Wand. Es war ein Foto von mir, in einen Rollstuhl geschnallt und mit der Abiturientenmütze auf meinem teilweise kahlen Schädel. Die Prachtstudentin des Jahres!

»Guck mal«, sagten die Hilfen jedesmal, wenn sie mich zur Wand drehten, »erinnerst du dich? Du bist doch so tüchtig, hast sogar das Abitur gemacht…«

Zu der Zeit konnte ich noch einige Laute hervorbringen, die einer gewöhnlichen Sprache ähnlich kamen, aber allein der Gedanke daran, eine Antwort hervorzwingen zu sollen, erschöpfte mich bereits. Nichts wünschte ich sehnlicher, als daß sie das schreckliche Bild wegnehmen sollten, doch es gelang mir nicht, es ihnen zu sagen.

Hubertsson kam am Donnerstag der dritten Woche, weil er bis dahin Urlaub gehabt hatte. Er trottete in mein Zimmer und gab eine Reihe leiser, brummender Geräusche von sich, während eine Schwester ihm meine Anamnese vortrug. Ich öffnete gar nicht erst meine Augen, um ihn anzusehen. Ein Arzt ist ein Arzt, was sollte es da schon zu sehen geben?

Während er mich untersuchte, beugte er sich übers Bett und beäugte den Zeitungsausschnitt an der Wand, sagte aber nichts dazu. Statt dessen strich er mit rauhen Händen über meinen Körper, drückte und fühlte an mir herum, wie es hundert andere Ärzte schon vor ihm getan hatten. Erst als er rausgehen wollte, merkte ich, daß er anders war. Er blieb in der Tür stehen und sagte:

»Ich glaube, wir sollten den Zeitungsausschnitt woanders hinhängen. Klebt ihn irgendwohin, wo ihr ihn sehen könnt, aber erspart ihr den Anblick…«

Am gleichen Nachmittag kam eine Hilfsschwester mit einer Rolle Klebeband und tat, was er gesagt hatte. Als sie damit fertig war, reichte sie mir zur Probe ein Glas Saft, und zum ersten Mal seit drei Wochen gelang es mir, meinen Mund zu öffnen und zu trinken.

Ein paar Tage danach kam er mit einer zentimeterdicken Mappe unterm Arm in mein Zimmer. Er ging zielstrebig auf mein Bett zu und ergriff meine linke Hand.

»Willst du heute antworten, wenn ich dich etwas frage?«

Ich sah ihn teilnahmslos an, antwortete jedoch nicht.

»Was soll’s«, sagte er und umfaßte meine Hand noch fester. »Einmal drücken bedeutet ja. Zweimal bedeutet nein.«

Das war ein Signalsystem, an das ich mich noch sehr gut erinnerte. Das allererste. Aus dem Behindertenheim.

»Du bist gründlich untersucht und diagnostiziert worden. Das weißt du vielleicht. Aber weißt du sonst noch etwas über dich?«

Ich entzog ihm meine Hand. Das ging ihn nichts an.

»Nun sei nicht gleich beleidigt«, sagte er. »Weißt du, wo du geboren worden bist? Und von wem? Ja oder nein?«

Er hatte mich wieder gepackt, diesmal noch fester.

»Nun? Ja oder nein?«

Ich gab auf, schloß die Augen und drückte seine Hand zweimal.

Er ließ sofort los und ging zum Fenster, setzte sich auf die tiefe Fensterbank und schlang seine Hände um ein Knie.

»Das ist ja phantastisch«, sagte er. »Da liegst du also hier und grübelst bis zum Wahnsinnigwerden über Astronomie, Elementarteilchenphysik und andere abstrakte Dinge – ich habe deine Aufsätze gelesen! –, ohne auch nur das geringste über dich selbst zu wissen…«

Er schwieg und blätterte in seiner Mappe. Ich schaute zu ihm, ohne ihn richtig zu sehen. Es war Spätherbst, und die Dämmerung hatte bereits eingesetzt, er war nur eine Kontur für mich. Nach einer Weile stand er auf und kam zurück an mein Bett.

»Es gibt einen Grund, daß es dir so geht, wie es dir geht«, sagte er. »Eine Erklärung. Es gibt immer einen Grund und eine Erklärung. Ich kann sie dir geben. Aber die Frage ist natürlich, ob du sie wissen willst?«

Es gelang mir, tastend seine Hand zu umfassen und sie so fest ich nur konnte zu drücken. Zweimal.

»Ja, ja«, sagte er ruhig. »Mach nur, was du willst. Aber ich komme morgen wieder…«

Er hätte noch hinzufügen können: … und jeden weiteren Morgen bis ans Ende der Zeit.

Jetzt schiebt er die Tür auf und läßt eine kleine Sonnenfeder vom Flur her auf den Boden fallen.

»Guten Morgen, Gnädigste«, sagt er, wie jeden Morgen seit fünfzehn Jahren. »Wie ist das Befinden?«

Ich antworte mit einem Zitat:

»O captain, my captain…«

Er grinst und schlurft zur Fensterbank.

»Ich bin noch nicht tot. Und wie geht es den Schwestern?«

Als er sich zurechtgesetzt hat, puste ich meine Antwort, sie leuchtet ihm auf dem Schirm entgegen.

»Denen geht es ungefähr so, wie sie es verdienen…«

Er lacht:

»Das glaube ich gern. Jetzt, wo die armen Teufel in deine Klauen geraten sind…«

Es gab eine Zeit, da glaubte ich, er wäre es, der meine Wachträume verursachte. So nannte ich sie damals. Das andere Wort – Halluzinationen – war zu beunruhigend.

Eines Abends, kurz nach unserer ersten Begegnung, landete eine Möwe auf meiner Fensterbank. Es war eine ganz gewöhnliche Sturmmöwe mit grauen Flügeln und gelben Beinen. Aber das war an einem trüben, kalten Novemberabend, und die Möwe sollte eigentlich gar nicht hier sein, sie sollte über dem Wasser kurz vor Gibraltar schweben. Außerdem sollte es mir auch nicht möglich sein, meinen eigenen Körper zu verlassen und mich in ihr Federkleid zu bohren. Aber plötzlich war ich da, tief hineingesunken und umhüllt von weißen Seidendaunen.

Zuerst verstand ich nicht, was geschah, ich war nur atemlos und begeistert, als ich in dieses Wunder, das sie darstellte, hineinsank. Die Häute ihres Inneren schimmerten wie Perlmutt, die Leber glänzte feucht braunrot, und die Knochen ihres Skeletts waren hohl und spröde, als hätte Der Große Spaßmacher geplant, eine Flöte daraus zu schnitzen, wäre dann aber seiner eigenen Idee müde geworden und hätte schmunzelnd seine Schöpfung in den kreischendsten und übelklingendsten aller Vögel verwandelt. Erst als ich auf die Erde unter mir schaute, wurde mir klar, wo ich mich befand. Ich saß im schwarzen Auge der Möwe.

Niemals werde ich den Schreck vergessen, den das bei mir auslöste, dieses zitternde Dröhnen, das mich im nächsten Augenblick zurück in meinen Körper versetzte. Ich schrie. Mein Mund war weit aufgerissen und spuckte eine gutturale Grütze hysterischer Vokale aus. Jemand kam auf dem Flur angelaufen, Absätze schlugen gegen den Boden und wurden Sekunden später von weiteren eiligen Schritten eingeholt. Drei weißgekleidete Frauen drängten sich an meiner Tür, aber in dem Moment, als sie aufschlug, flog die Möwe davon.

Diesem Abend folgten weitere. Anfangs hatte ich schreckliche Angst. Wenn eine Fliege an der Decke entlangspazierte, schloß ich schnell die Augen und redete mir ein, daß ich meinen Verstand schützen müsse, denn mein Verstand war das einzige, was ich besaß, das zu besitzen es wert war. Manchmal half es, manchmal nicht. Plötzlich konnte ich kopfüber an meiner eigenen Decke hängen und durch die Prismaaugen der Fliege hundert Bilder des Wesens im Bett unter mir betrachten. Dann ließ ich sofort los und schrie, während ich zurück in mich selbst sank.

»Sie hat Alpträume«, klagten die Schwestern bei der Visite. »Sie wacht jede Nacht schreiend auf…«

»Aha«, sagte Hubertsson. »Gut. Ausgezeichnet.«

Aber als er ihre Gesichter sah, änderte er seine Ansicht und verordnete ein leichtes Schlafmittel.

Zu der Zeit war er immer noch ein flotter Bursche, freilich nicht mit der verwitterten Schönheit, die er heute besitzt, sondern einfach nur flott. Und das nutzte er aus. Jeden Donnerstag fuhr er zum Standard Hotell in Norrköping, und jeden Freitagmorgen kam er erheblich verspätet in mein Zimmer, die Erschöpfung sprach aus seinem Blick. Die jungen Frauen in der Abteilung blieben nur selten unberührt, immer gab es eine, die ihren Blick eine Minute zu lang in den seinen versenkte. Wenn sie mich badeten oder mein Bett machten, handelten die leisesten Gespräche fast immer von ihm und den Frauen, mit denen er geschlafen hatte. Zumindest anfangs. Als ihnen klarwurde, daß er fast jeden Morgen in mein Zimmer ging, breitete sich ein kleiner Kreis des Schweigens um mich herum. Ein verwundertes und ziemlich beleidigtes Schweigen.

Ich selbst war genauso verwundert, ich begriff nicht, was er von mir wollte. Zwar hatte ich schon früher interessierte Ärzte getroffen, besonders in den Jahren, als ich ein tüchtiger Idiot war, der Abitur machen sollte, aber keiner war wie er gewesen. Er kam einfach nur. Tag für Tag, jeden Morgen. Manchmal sagte er kein Wort, manchmal redete er ununterbrochen eine Stunde lang oder länger. Ich erfuhr seine Meinung über die Weltlage und die Politik. Seine Ansichten über den Verfall der Forschergemeinschaft und den Elfenbeinturm des Spezialistentums plus das eine oder andere pikante Detail über seine Kommilitonen und Kollegen. Nichts davon interessierte mich.

Manchmal erschreckte er mich. Wenn er sehr früh kam, bevor es hell und bevor ich richtig wach geworden war, dann geschah es, daß bestimmte Kindheitserinnerungen in meinem Kopf explodierten und daß ich von Panik ergriffen wurde. Der Schatten! Aber mein Herz hörte auf zu jagen, wenn er zur Fensternische ging. Der Schatten meiner Kindheit ging nie so weit weg vom Bett, er wollte der Machtlosigkeit ganz nahe sein, die sein Glied zum Anschwellen brachte. Aber Hubertsson war nie auf mein Unvermögen aus. Er wollte etwas anderes, etwas, das noch niemand vor ihm begehrt hatte. Als der Winter vorbei war, hatte ich mich an ihn gewöhnt, ich hatte seinen allerersten Besuch und die Fragen, die er damals gestellt hatte, vergessen. Aber eines Morgens im April hatte er wieder die dicke Mappe dabei. Er legte sie ans Fußende meines Betts und ergriff meine linke Hand.

»Deine Mutter heißt Ellen Johansson«, sagte er.

Ich versuchte so heftig ich nur konnte, ihm meine Hand zu entziehen, aber er ließ nicht los.

»Du bist in der Motala-Frauenklinik am 31. Dezember 1949 geboren worden. Eine Minute vor zwölf.«

Meine Spasmen nahmen zu, das tun sie immer, wenn ich mich aufrege. Ich versuchte, die Augen zu schließen, um mich so von ihm abzuschotten.

»Sie hat nie weitere Kinder gekriegt. Aber trotzdem hast du drei Schwestern.«

Ich schlug meine Augen auf, er sah das und wußte, daß er mich an der Angel hatte.

»Ellen entschied, daß du Desirée heißen solltest. Das bedeutet die Ersehnte…«

Ich starrte ihn an. Es war Jahre her, daß ich die Ironie meines Namens begriffen hatte.

»Alles deutet darauf hin, daß du als Fötus gesund warst.«

Vielen Dank. Das war ja immerhin ein Trost.

»Aber als Neugeborenes hattest du Gelbsucht. Schwere Gelbsucht. Und zu der Zeit war man noch nicht in der Lage, bei Neugeborenen das Blut auszutauschen. Daher hast du deine zerebralen Schädigungen…«

Er kaute einen Moment lang auf seiner Unterlippe, während er das Blatt Papier umdrehte. »Außerdem hast du bei der Entbindung selbst eine Reihe Hirnschäden abbekommen. Daher die Epilepsie und einige der Lähmungen. Außerdem ist es möglich, daß du als Neugeborenes eine leichte Hirnblutung hattest… Ellens Becken war von einer Rachitis mißgebildet, und sie haben sie dreißig Stunden liegenlassen. Das war so zu der Zeit, damals haben sie fast nie einen Kaiserschnitt gemacht…«

Starb sie bei der Geburt? Wurde ich deshalb allein gelassen?

Plötzlich war mein Interesse geweckt. Ich drückte Hubertssons Hand, um ihm zu zeigen, daß ich Fragen hatte. Aber es war viele Monate her, seit ich etwas zu sagen gehabt hatte, und es dauerte seine Zeit, bis ich die Stimme wiedergefunden hatte, die nun zu Stöhnen und Brummen geworden war. Hubertsson glaubte, meine Geräusche und nichtspastischen Bewegungen sollten bedeuten, daß ich protestieren wollte. Er faßte meine Hand nur um so fester und drückte sie aufs Kissen, den Blick immer noch auf seine Papiere gerichtet.

»Dein Kopf war übel zugerichtet, aber du bist ganz offensichtlich mit der Fruchtblase auf dem Kopf, der Glückshaube, geboren worden…«

Ja und? Das wollte ich gar nicht wissen. Ich wurde wütend, so wütend und verzweifelt, daß ich versuchte, ihm ins Gesicht zu spucken. Aber das gelang mir nicht, ich berechnete den Rhythmus meiner Zuckungen falsch, und der Rotz landete an der Wand. Aber das genügte, daß er meine Hand losließ. Er streckte sich, ging einen Schritt zurück und sah mich an.

»Ich bin auch mit der Fruchtblase auf dem Kopf geboren worden«, sagte er. »Das bedeutet Glück, das weißt du doch, oder?«

Er verzog schnell sein Gesicht, ließ seine Grimasse aber sogleich in ein Lachen übergehen.

»Wir sind was ganz Besonderes, weißt du. Eine ganz besonders glückliche Sorte.«

Er verstummte und wandte seinen Blick ab, schaute aus dem Fenster und sagte dann in dem gleichen lockeren Ton:

»Eigentlich darf ich es dir gar nicht sagen, aber ich kenne deine Mutter sogar. Ellen meine ich. Sie war einmal meine Vermieterin, und jetzt ist sie meine Patientin. Oder das, was noch von ihr übrig ist…«

»Hallo, ist da jemand?« fragt er jetzt. »Du warst ganz abwesend. Wie geht es dir?«

Ich zwinkere und bin wieder bei dem Hubertsson von heute. Er steht am Fußende meines Betts, eine Schattenfigur, umhüllt von der Spätwinterdämmerung. Das Licht schmeichelt ihm nicht, es saugt alle Farbe aus seinem Gesicht und läßt ihn wie aus Pergament aussehen. Ich puste schnell eine Antwort.

»Ich bin okay. Und du?«

Er läßt die Frage eine Weile auf dem Schirm stehen, ohne zu antworten. Weshalb ich nachhake:

»Du! Wie sind deine Werte?«

Er zuckt mit den Achseln:

»Nun mecker nur nicht…«

Aber ich bleibe beharrlich, ich bin unruhig und puste so schnell, daß es Tippfehler gibt:

»Nun mal ehrlich. Hast du kontrolliert?«

Er holt tief Luft.

»Ja, ich habe meine Werte kontrolliert. Sie sind ungefähr so, wie es zu erwarten war. Deshalb habe ich Anstalten getroffen…«

»Zusätzlich Insulin? Heute schon wieder?«

»Mmmh…«

»Du solltest etwas vorsichtiger sein!«

Er wischt sich mit einer heftigen Bewegung mit der Hand übers Gesicht, guckt mich dann direkt an.

»Nun hör aber auf.«

Aber ich denke gar nicht daran aufzuhören. Ich schnappe mir mein Mundstück und puste schnell eine Erwiderung.

»Deine Werte wären vielleicht besser, wenn du weniger saufen würdest!«

Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Kein einziges Mal während all dieser Jahre – nicht einmal nach der Silvesternacht, als er sich bei mir in der Wohnung besinnungslos besoff – habe ich ihm gezeigt, daß ich sein Verlangen nach der Ruhe des Rausches erkannt habe. Das war eine Grundbedingung, der erste Paragraph in dem unausgesprochenen Abkommen, das unsere Beziehung regelt. Ich habe das Recht, sowohl ironisch als auch unverschämt zu sein, aber nicht aufdringlich. Niemals. Deshalb flattert jetzt eine Angst in meinem Bauch: Ich habe gegen die Regeln verstoßen, er wird mich verlassen! Aber er geht nicht. Er erstarrt nur vor Erstaunen, bevor er als Antwort faucht:

»Meine Güte! Das wird ja verflucht noch mal wie bei einem alten Ehepaar…«

Er geht zurück zur Fensternische und kriecht hinein. Mir rutscht das Mundstück von den Lippen. Ein altes Ehepaar? Das hat er noch nie gesagt. Nicht einmal angedeutet. Ich muß zwar zugeben, daß ich selbst Phantasien in dieser Richtung gehabt habe, daß ich geträumt habe, Der Große Spaßmacher würde den Flur entlanggeschritten kommen, verkleidet wie ein Theater-Zeus in dunkelblauem Mantel und mit Sterndiadem, um mich zu Hubertssons Braut zu erklären. Er würde seine heilende Hand auf meinen Körper legen, und augenblicklich würden sich meine Beine strecken und Muskeln bekommen – formvollendete, gut durchblutete Muskeln –, meine Hände würden ruhig werden und mein Gesicht sich glätten. Die dünnen Tüten, die jetzt meine Brüste darstellen, würden zu richtigen Lilienknospen anschwellen und mit auserlesenen kleinen Brustwarzen geschmückt werden, rosa Walderdbeeren auf einem Teller Sahne. Und die spärlichen Fransen auf meinem Kopf würden gleichzeitig in eine wogende Haarpracht verwandelt. Kastanienbraun vielleicht. Eine blonde Perücke auf die ganze Pracht zu setzen, das wäre doch zuviel, vielleicht würde das Hubertsson überwältigen und ihn noch vor der Hochzeitsnacht in die Flucht schlagen. Und ich will ihn ja nicht erschrecken, ich will nur auf der Bettkante sitzen, strahlend im Brautkleid, wenn er zu seinem letzten Morgenbesuch kommt. Wie ein richtiges Aschenputtel.

»Worüber lachst du?«

Ich hole mir das Mundstück und lüge wie eine richtige Ehefrau:

»Ich lache nicht.«

Er schnaubt und dreht mir wieder den Rücken zu. Draußen wird es jetzt richtig hell, die graue Dämmerungsstunde ist vorüber. Es scheint ein schöner Tag zu werden. Der Zipfel Himmel, der hinter Hubertsson zu sehen ist, ist eisblau. Aber das neue Licht nützt nichts. Sein Gesicht ist immer noch gelbgrau, und die Spuren in seiner Haut sind dunkler als je zuvor. Es brennt in mir, als ich ihn ansehe. Mein Mann? Ja. Vielleicht. In gewisser Weise. Nicht daß ich viel über die Ehe wüßte – ich habe nur einige tausend Romane und eine unbekannte Anzahl von Fernsehserien, auf die ich mich beziehen kann –, aber was ich gelesen und gesehen habe, ähnelt doch in vielerlei Hinsicht dem, was zwischen uns abläuft. Seit eineinhalb Jahrzehnten kreisen wir nun schon umeinander, immer in den gleichen Bahnen, wie ein paar verirrte Elektronen mit der gleichen Ladung, nicht in der Lage, wirklich miteinander zu verschmelzen, und ebensowenig in der Lage, sich zu trennen. Wir haben Tage und Wochen, Monate und Jahre miteinander geredet, und doch haben wir über das, was uns am tiefsten bewegte, geschwiegen. Deshalb bin ich oft tief in meine Kindheit getaucht, habe seine aber nur am Rande gestreift. Und deshalb weiß ich mehr über seine Arbeit und seine Patienten als über die kurze Ehe, die er schon lange hinter sich gelassen hatte, als wir uns kennenlernten. Und in gleicher Art haben wir weite Kreise um das Wichtigste in meiner Wirklichkeit gezogen. Sein Blick warnte mich schon früh davor, von meinen Fähigkeiten zu erzählen. Deshalb muß ich so tun, als wäre es nur ein Spiel. Ich spiele Scheherazade, während er so tut, als wäre er ein Arzt, der sich von einer einzelnen Patientin mit Erzähltalent beruhigen läßt. So verstecken wir uns voreinander in den chinesischen Schachteln angeblicher Vernunft.

Manchmal tut es mir leid, daß Hubertsson trotz seiner Ungewöhnlichkeit doch ein ganz normaler Mensch ist. Er leidet an Theophobie, allein der Gedanke an alles, was er nicht kann, macht ihm angst. Deshalb muß er sich weigern, sich mit Fragen zu befassen, die die Natur der Materie und des Universums berühren, deshalb gähnt er, wenn ich ihm eifrig über die Fortschritte der Elementarteilchenphysik während der letzten Jahre referiere, und deshalb wird er nervös, wenn ich mich über den Gedanken amüsiere, daß die Zeit rückwärts laufen wird, wenn das Universum nicht weiter expandiert und sich statt dessen zusammenzieht. Er findet das gar nicht lustig. Dagegen findet er es äußerst lustig, daß ich so viele wirklich glaubwürdige Geschichten über meine Helfer und das Personal im Krankenhaus zusammenphantasieren kann, die auch noch nach und nach von der Wirklichkeit bestätigt werden. Ich habe ein gut entwickeltes Beobachtungsvermögen, sagt er. Manchmal geht er sogar so weit, daß er es Intuition nennt.

Jetzt ist er endlich nicht mehr beleidigt.

»Ist heute nacht was daraus geworden?« fragt er.

Es gibt die Hoffnung, daß er vergibt. Ich schnappe mir einschmeichelnd mein Mundstück.

»Ja. Ich habe die Möwe getötet.«

Er sieht mich überrascht an.

»Warum das?«

Ich wünschte, ich könnte die Wahrheit sagen, daß ich die Möwe getötet habe, weil ich Christinas Träume sah. Während ich meine verlogene Antwort puste, flattert die wahre Erinnerung vorbei: Ich sehe, wie die Fenster in Christinas Haus schwarz glänzten, wie die Möwe auf dem Fensterbrett vor ihrem Schlafzimmer saß und wie ich selbst mich im Auge der Möwe befand. Christinas Träume wogten wie blasse Nebel über das Bett dort drinnen. Zuerst waren sie vage und unbegreiflich, aber nach einer Weile nahmen sie eine deutliche Form an: drei Mädchen in einem Kirschbaum. Und dann kam Ellen mit einem Tablett mit Saft über den Rasen, ihre Brille saß weit unten auf der Nase, und sie schaute mit belustigtem Blick über den Rand.

Das war alles. Aber es genügte.

Meine Wut breitete sich aus wie eine Meeresanemone, ich sah sie, eine dunkelrote, giftige Gestalt, die ihre Tentakel in alle Richtungen streckte, auf Ellen zu, die Verräterin, auf Christina, Margareta und Birgitta, diese teuflischen Diebinnen! Und plötzlich galt meine Wut der ganzen Welt, auch der Möwe, und ich trieb sie hoch in die Luft und zwang sie, in weiten Kreisen laut kreischend gegen den Wind zu fliegen, bis ihre Flügel keine Kraft mehr hatten und sie zu zittern begann. Da kehrte ich um und zwang sie aus hoher Höhe auf die Sånggatan, direkt auf den roten Kiesweg vor dem Haus meiner Schwester.

Aber die Wahrheit würde Hubertsson als Wahnsinn interpretieren. Deshalb antworte ich mit einem einzigen Satz.

»Die Möwe hat einfach die Sachen durcheinandergebracht…«

Hubertsson runzelt die Stirn:

»Hast du wieder das starke Zittern?«

Ich antworte nicht. Mein schwarzer Bildschirm bringt ihn dazu aufzustehen und an mein Bett zurückzukommen. Er stellt sich ans Fußende und betrachtet mich mit schmalen Augen.

»Hast du? Hast du Angst gekriegt? Nur weil es sich um die drei handelt?«

Meine Hand schlägt in einem ungewöhnlich heftigen Krampf gegen das Bettgitter. Er sieht es, ohne zu reagieren.

»Ich begreife das nicht«, sagt er. »All die anderen Geschichten gibst du so locker von dir, aber für die hier brauchst du Jahre. Warum hast du solche Angst, gerade über sie Lügengeschichten zu verbreiten? Begreifst du nicht, daß du es gerade deshalb tun solltest?«

Ich schnappe mir das Mundstück.

»Bist du jetzt auch noch Seelendoktor?«

Er schnaubt zur Antwort. Dann geht er zum Tisch und streicht mit der Hand über das schwarze Deckblatt.

»Brauchst du mehr Material?«

Ich gebe einen Laut von mir, den man als Nein interpretieren könnte. Ich brauche nicht mehr Material. Er hat mich bereits vor mehreren Jahren mit der Mappe versorgt. Sie ist voller Berichte, Fotos und Zeitungsausschnitte über meine Mutter und meine Schwestern. Das meiste kann ich auswendig.

»Was sagst du?«

Ich schnappe wieder nach dem Mundstück und puste.

»Nein. Ich brauche nicht mehr. Es läuft diesmal, es wird schon funken…«

»Darf ich’s lesen?«

»Nein. Noch nicht. Erst wenn es fertig ist.«

Er dreht mir wieder den Rücken zu, tut so, als betrachte er schweigend ein Bild an meiner Wand – einen bedeutungslosen Dutzenddruck von Ikea –, die Hände in den Taschen vergraben. Seine Abgewandtheit macht mich ängstlich und bringt mich zum Betteln. Ich puste so schnell, daß das Mundstück voll Speichel läuft.

»Du! Diesmal gebe ich nicht auf. Das verspreche ich.«

Er hört, daß ich fertig gepustet habe und dreht sich um, liest und lacht.

Er hat mir vergeben.

»Gut.«

Wir schweigen beide, unsere Augen treffen sich. Und erst jetzt sehe ich, daß etwas fehlt: das kleine Blitzen, das immer auf dem Grund seines Blickes zu finden war. Ich weiß, was das bedeutet, das weiß jeder, der sein Leben im Krankenhaus verbracht hat. Es eilt.

Meine Kiefer schließen sich, sie beißen fest aufs Mundstück. Gleichzeitig wird mein Kopf so heftig zur Seite geworfen, daß die Gummischlange wie ein schmutziggelber Strich in der Luft gespannt wird. Hubertsson tritt an mein Bett und windet vorsichtig das Mundstück aus meinem Mund. Seine Haut duftet immer noch nach Mandeln. Und der Duft hat eine Farbe. Das ganze Zimmer schimmert plötzlich morgenrot.

Jetzt nützen keine Ausflüchte mehr. Es ist an der Zeit, meine Schwestern in Bewegung zu setzen. Aber nicht sofort. Zuerst will ich meine Augen schließen und eine Minute in dem Mandelduft ausruhen.

Anderswo

»Die Lichtkegel der Vergangenheit und der Zukunft für ein Geschehen P teilen die Raumzeit in drei Regionen (…) Anderswo ist die Region der Raumzeit, die weder im Lichtkegel der Zukunft noch in dem der Vergangenheit für P liegt.«

STEPHEN W. HAWKING

Der Brief sieht merkwürdig aus, nicht wie ein üblicher Brief. Der Umschlag ist schon einmal benutzt worden, aufgerissen und wieder zugeklebt, die alte Adresse ist mit spitzen, akkuraten Kugelschreiberstrichen durchgestrichen worden und Christinas eigener Name daneben geschrieben. Die Handschrift sieht unnatürlich aus, einiges wirkt schnell dahingekritzelt, anderes zierlich verschlungen. Die alte Briefmarke in der rechten Ecke des Umschlags ist abgerissen, drei neue mit viel zu hohen Werten sind in einer ungleichmäßigen Reihe in die linke geklebt worden. Aber sie sind nicht abgestempelt, es war nicht die Post, die dafür gesorgt hat, daß der Brief in Christinas Briefkasten landete.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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