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Auf dem Höhepunkt seiner Macht wird Papst Innozenz XIV. von einem dunklen Geheimnis aus seiner Vergangenheit eingeholt, das auf keinen Fall an die Öffentlichkeit dringen darf. Doch die Feinde des Heiligen Vaters wollen genau das und scheuen keine Mittel, ihren Plan umzusetzen. Ein erbitterter Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Die junge Journalistin Erika von Weiland gerät zwischen die Fronten der beiden Lager und wird schließlich vor die Entscheidung ihres Lebens gestellt …
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Seitenzahl: 466
Veröffentlichungsjahr: 2011
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Die Wahl des neuen Papstes steht an. Unter den Kardinälen haben sich schon im Vorfeld zwei bitter verfeindete Lager gebildet. Schließlich setzt sich der Italiener Ettore Castracane durch und gibt sich fortan den Namen Innozenz XIV. Sein amerikanischer Widersacher, der Kardinal Dave Walker, entwirft einen finsteren Plan, um ihn zu stürzen: Er sichert sich die Unterstützung der jungen deutschen Journalistin Erika von Weiland, die er in eine Audienz einschleusen will, um den Papst mit einer Jugendsünde zu konfrontieren und vor laufenden Fernsehkameras bloßzustellen. Doch die Anhänger von Innozenz XIV. haben längst erkannt, dass Walker Verheerendes im Schilde führt und versuchen Erika von Weiland in ihre Gewalt zu bringen. Ein erbitterter Wettlauf beginnt …
Gabor Laczko, 1941 in Budapest geboren, floh nach dem Ungarischen Volksaufstand und dessen Niederschlagung durch die Rote Armee in die Schweiz. Er trat in den Jesuitenorden ein, wo er neben Philosophie und Mathematik auch Kybernetik studierte. Während des anschließenden Theologiestudiums geriet er mit dem Glauben in Konflikt und verließ den Orden. Er absolvierte eine Ausbildung im Finanzwesen und arbeitete als Bankdirektor und selbstständiger Finanzberater.
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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.ddb.de› abrufbar.
April 2009
Allitera Verlag
Ein Verlag der Buch&media GmbH, München
© 2009 Buch&media GmbH, München
Umschlaggestaltung: Kay Fretwurst, Spreeau
Herstellung: Books on Demand GmbH, Norderstedt
Printed in Germany
ISBN 978-3-86906-020-0
Gott bleibt verborgen. So werfen wir uns vor dem Bild nieder, das wir von ihm machen.
Meiner Frau Catherine
Die Menge auf dem Petersplatz starrte gebannt auf den Schornstein der Sixtinischen Kapelle. Anfänglich war nicht eindeutig auszumachen, ob der Rauch, der dem Kamin entstieg, hell oder dunkel war. Wegen der unzähligen Enttäuschungen während der vergangenen Wochen war niemand bereit, den Spott der Umstehenden durch verfrühten Jubel auf sich zu ziehen. Nach zaghaften, halb ausgesprochenen Vermutungen schwoll das Getuschel zu einem erregten Raunen an. Denn als der verbliebene Ruß aus dem Kamin entwichen war, konnte man zweifelsfrei erkennen: Diesmal war der Rauch hell. Flink und verspielt stiegen die Schwaden in den wolkenlosen Himmel und erinnerten an einen Schwarm weißer Tauben, die ihrem Käfig entwichen waren, um Frieden zu verkünden.
Es war also endlich so weit! Ein neuer Papst war im Amt. Nach einunddreißig erfolglosen Wahlgängen hatte sich der Heilige Geist entschieden, wer Nachfolger Petri werden sollte.
Die Menge, die an diesem Tag auf dem Petersplatz jubelte, wusste nicht, dass die einunddreißig gescheiterten Wahlgänge auf erbitterte Kämpfe um die Rolle des Leithammels im Kardinalskollegium zurückzuführen waren. Zwei Blöcke standen einander gegenüber und stritten sich mit großer Heftigkeit im Namen des Heiligen Geistes.
Auf der einen Seite stand die erzkonservative, sektenähnliche Prälatur Opus Dei an der Front, die zu immer größerer Macht gelangte und den letzten Päpsten Daumenschrauben angelegt hatte. Was hatte man nicht alles vor der Papstwahl über diese Organisation lesen können! Sie wurde als »Falange von Fanatikern« bezeichnet, die Kirche und Welt ins Mittelalter zurückführen wollte und sich nicht scheute, die Unmündigkeit der Menschen im Sinne der guten alten Zeiten anzustreben. Aufgeschlossene Katholiken warnten vor ihrem Einfluss, der nach ihrer Sicht in einem solchen Maß angewachsen war, dass die letzten Päpste vor ihr den Kotau machten. Nun sei es an der Zeit – so die lautstarke Forderung vom Opus Dei –, den Papst aus ihren eigenen Reihen zu stellen.
Als ebenso anrüchig und geheimnisumwittert verschrien war eine andere Partei, die sich einen Italiener als Papst wünschte. Dieser Kampftrupp schielte nach Sizilien, wo sich die Kirche mit örtlichen Interessengruppen bestens arrangiert hatte und von diesen weiterhin Unterstützung erwarten durfte. Einige witzelten schon, diese Gruppe wolle in Rom den »Mafikanstaat« errichten.
Alles begann nach Brauch und Tradition.
Nach der Beisetzung des verstorbenen Bischofs von Rom wurden die wahlberechtigten Kardinäle aus aller Herren Länder im »Domus Sanctae Marthae«, dem Gästehaus des Vatikans, einquartiert.
Entgegen der zur Schau gestellten Demut sind die Purpurträger als eitle Divas bekannt. Jeder fühlt sich dem anderen überlegen, dies ganz besonders bei einer Papstwahl, die einen aus ihrer Reihe zum Chef erkoren sollte. Damit ihre Zänkereien nicht schon bei der Zimmerwahl begannen, wurden den Kardinälen die Zimmer durch das Los zugeteilt. Gerne erblickten jene, die ein bequemeres und vornehmeres Logis erhielten, in dieser Fügung ein Versprechen des Heiligen Geistes auf weiter reichende Vorzugsbehandlung. Hatten sich dann alle Wahlmänner für den hehren Anlass hübsch herausgeputzt, zogen sie in feierlicher Prozession in die Sixtinische Kapelle und luden den Heiligen Geist zur Wahl ein. »Veni Creator Spiritus«, komm Schöpfer Geist, kehr bei uns ein, sangen sie unentwegt, bis sie an ihre Plätze gelangt waren.
Die Kardinäle wurden auf Geheimhaltung vereidigt. Nichts sollte nach dem Willen der Prälaten das gute Image der Kirche schmälern, die in der Vergangenheit dokumentierten kruden Machenschaften während der Papstwahl sollten nicht an die große Glocke gehängt werden.
Selbst der Heilige Geist hat einen Anspruch auf Privacy.
Dann begann die Wahl. Zwei Drittel der Stimmen waren nötig, um den Willen Gottes offenbar werden zu lassen.
Klappte es nicht, so wurden die Wahlzettel im Ofen verbrannt. Man mischte Chemikalien zu den Papierfetzen, damit der Rauch schwarz wurde und so den Außenstehenden die Nachricht übermittelte: »Die Wahl ist gescheitert.« Andere Wege der Kommunikation gab es nicht, denn keiner der Wahlmänner durfte den abgeschlossenen Bereich verlassen, bevor der Name des neuen Papstes feststand.
Bei diesem Konklave stieg der schwarze Rauch einunddreißig Mal gen Himmel. Die Medien überboten sich mit Deutungen. Manch ein Berichterstatter schuf in dieser Gerüchteküche sein eigenes Szenario und schilderte lebensnah, was sich hinter den Kulissen abspielen musste. Es hätten sich zwei Lager gebildet, die zu keinem Kompromiss bereit seien. Namen und Ereignisse wurden von den Kommentatoren herumgereicht, als hätten diese heimlich dem Heiligen Geist in die Karten geblickt. Die seriösesten gaben nur Vermutungen von sich.
Die Geschehnisse, die eine solche Verzögerung der Papstwahl bewirkt hatten, wären wohl für immer ein Geheimnis geblieben, hätte nicht ein verräterischer Kardinal, der sich trotz seines Eides auf Geheimhaltung für die Nachwelt bemerkbar machen wollte, in der Folge ausführliche Aufzeichnungen angefertigt und diese dann, um dem Neugewählten zu schaden, durch Indiskretion an die Öffentlichkeit gelangen lassen. Erst Jahre nach den geschilderten Ereignissen gelang es, den Schuldigen ausfindig zu machen.
Die Nachricht vom hellen Rauch verbreitete sich in Rom in Windeseile und während der neue Papst für seinen ersten öffentlichen Auftritt eingekleidet wurde, füllte sich der Petersplatz mit Tausenden von Neugierigen.
Die Vorbereitungen für die Verkündigung der frohen Kunde zogen sich in die Länge. Erst nach etwa zwei Stunden trat der lang erwartete Moment ein. Die schwere Türe der Benediktionsloggia, die über dem Hauptportal des Petersdomes lag, öffnete sich langsam und eine stattliche Gruppe von Kirchenmännern tauchte aus dem Hintergrund auf. Zuerst konnte man von unten nur eine Anzahl von Bischofshüten erblicken, die sich von innen der Balustrade näherten, dann kamen auch die dazugehörigen Köpfe zum Vorschein und schließlich war eine Schar von Kardinälen aufgetaucht, die schützend, wie Bodyguards, eine in ein rot-goldenes Gewand gekleidete Gestalt umgaben. Der Kardinalsdiakon trat an die Brüstung und verkündete mit froher Stimme: »Annuntio vobis gaudium magnum; habemus Papam: Eminentissimum ac Reverendissimum Dominum, Dominum Hector Sanctae Romanae Ecclesiae Cardinalem Castracane qui sibi nomen imposuit Innocentem quartum decimum. Große Freude verkünde ich euch: Wir haben einen Papst! Den herausragendsten und hochwürdigsten Herrn, Herrn Hektor, der Heiligen Römischen Kirche, Kardinal Castracane, welcher sich den Namen Innozenz XIV. gegeben hat.«
Ein begeisterter Schrei aus tausend Kehlen hieß den neuen Oberhirten willkommen. »Papa, Papa, Papa« wurde skandiert, viele schwenkten Rosenkränze, wie Lassos über den Köpfen, andere trockneten ihre Tränen, Kinder wurden auf die Schultern gehoben, damit der erwartete päpstliche Segen ihnen direkt das Gesicht streicheln konnte, Fotoapparate wurden in die Höhe gehalten. Der Petersplatz verfiel in einen Freudentaumel.
Als dann aber der neue Papst an das Geländer der Loggia trat, schwoll das Grölen rasch ab. Verdutzt blickten die Gläubigen nach oben. Sie sahen dort einen kleinen, etwas rundlichen Mann, knapp 1,60 Meter groß, dem selbst das kleinste der für den Anlass vorbereiteten Gewänder noch zu luftig war. Dem Familiennamen nach war er ein Italiener, dem Aussehen nach Napoleon. Man wäre nicht überrascht gewesen, wenn er die Mitra auf seinem Kopf um neunzig Grad gedreht und die beiden Zipfel hinuntergezogen hätte, um so den Hut des Imperators nachzuahmen. Dass er sich den Namen »Innozenz« ausgesucht hatte, empfand man als gutes Zeichen. Einen »Unschuldigen« konnte man in dieser verdorbenen Welt, wo auch die Kirche stark in Verruf geraten war, ohne Zweifel gut brauchen.
Zunächst ging es den Anwesenden darum, seinen ersten Segen »urbi et orbi« direkt aufzufangen. Nach dem Grundsatz »Neue Besen kehren gut« waren die Gläubigen der Meinung, der allererste Segen des Papstes müsse besonders kräftig ausfallen.
Alle Augen richteten sich auf Innozenz. Ein Blitzlichtgewitter aus Tausenden von Fotoapparaten entlud sich über die Loggia. Ein Kameramann des italienischen Fernsehens schwenkte langsam an der Fassade des Petersdomes entlang und zoomte die Männer auf dem Balkon heran. Der Kommentator fütterte die Zuschauer seines Senders mit Daten, die, wie für jeden Kardinal, auch für Ettore Castracane vorbereitet waren. Er tat dies mit einer Nonchalance, als würde er alle Details auswendig kennen. Dann machte er eine kurze Bemerkung, die bei vielen Zuschauern Stirnrunzeln hervorrief.
»Wer ist der Kardinal rechts hinter dem Papst? Das muss Dave Walker, der Erzbischof von Boston, sein. Warum nur schaut er so finster und grimmig in die Welt? Seine Lippen scheinen blutlos. Und beachten Sie doch seine Augen. Die funkeln ja vor Grimm und Zorn. Es macht ganz den Anschein, als wäre dieser Kardinal mit der Entscheidung des Heiligen Geistes überhaupt nicht einverstanden.«
Dann wurde die Stimme des Kommentators leiser, denn der neue Papst erhob seine Rechte. Als er den Segen über die Welt sprach, überschlug sich seine Stimme. Er musste sich wiederholt räuspern, um dann leise und bebend weiterzusprechen. Seine Gemütsbewegung war jedermann ersichtlich. Die neue Rolle war ihm anscheinend noch nicht ganz geheuer. Die große Würde musste allmählich in die Alltäglichkeit eingeordnet werden.
Nach dem kirchenüblichen liturgischen Marathon neigte sich der anstrengende Tag dem Ende zu. Innozenz XIV. zog sich in seine neuen Gemächer zurück. Er sammelte sich. Er kniete auf den Gebetsschemel nieder, um mit seinem Herrn zu sprechen. Das Beten fiel ihm aber schwer. Seine Gedanken sprangen von einem Ort zum anderen und er brachte es einfach nicht fertig, sich auf einen Punkt zu konzentrieren. Nach mehr als zwei Wochen tumultuöser Ereignisse war er nun am Ziel: Er war Chef der mächtigsten Religionsgemeinschaft der Welt. Er war Papst.
Er blickte auf sein Leben zurück. Auf seine Kindheit in einer bedeutungslosen bürgerlichen Familie in Palermo, auf seine Schulzeit, die so langweilig und profillos gewesen war, dass ihm beinahe keine Erinnerungen davon zurückgeblieben waren, auf die Enttäuschung wegen einer heimlichen Jugendliebe, die ihn ins Priesterseminar getrieben hatte, auf den beschwerlichen Weg, den er gehen musste, um Diener des Herrn zu werden, auf die Priesterweihe, auf die Auszeichnung, seine Studien später an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom mit einem glänzenden Doktorat abschließen zu können, auf die Arbeit als Seelsorger, als Bischof, als Apostolischer Nuntius in Deutschland, wozu ihm das Amt des Titularerzbischofs von Cesariane erteilt wurde. Sein letztes Amt war der eines Kardinals an der Kurie im Vatikan gewesen.
Dann gab es noch jene unerfreuliche Begebenheit, den einzigen Makel in seiner Erinnerung, den er so gerne getilgt hätte, der aber unauslöschlich seine Vergangenheit prägte. Sein Gewissen plagte ihn unbarmherzig beim Gedanken an diesen Vorfall. Niemand kannte diesen kleinen Schandfleck in seinem Leben – oder fast niemand. Sein damaliger Beichtvater, der aber vom Beichtgeheimnis zum Schweigen gezwungen war, wusste davon. Die andere Person, die den Makel kannte, die Frau nämlich, die damals seine Fleischeslust geteilt hatte, die lebte nicht mehr. Die Erinnerung schmerzte. Er hatte Gott oft um Vergebung gebeten, vertraute auf seine Güte, doch das schlechte Gewissen konnte er nicht abschütteln.
An diesem Abend verspürte er eine gewisse Erleichterung. Anscheinend hatte ihm Gott vergeben, sonst hätte er ihn nicht zu seinem Stellvertreter ernannt.
Das Konklave war zermürbend gewesen. Der Kampf mit seinem einstigen Busenfreund, dem Amerikaner Dave Walker, hatte ihm viele Kräfte geraubt. Einst waren sie wie Brüder gewesen, hatten zusammen studiert, sich gegenseitig die Beichte abgenommen, sich getröstet, wenn dunkle Stunden über einen hereinbrachen, sich gemeinsam auf ihre Mission gefreut. Die Freundschaft war jedoch durch die vergangenen zwei Wochen zerstört worden. Das Konklave hatte ihre Herzen mit Bitterkeit erfüllt. Nie hätte er gedacht, dass sich sein Freund auf diese arrogante Art benehmen könnte. Er hatte es so weit getrieben, dass ein italienischer Kardinal ausgerastet war und die Meinung geäußert hatte, dieser Nachkomme der Indianer wolle wohl als Papst Winnetou I. in die Geschichte eingehen. Dave Walker argumentierte, dass sein Land in wirtschaftlicher, politischer und militärischer Hinsicht Beherrscher dieser Welt sei, sodass es auch ein Anrecht darauf habe, die religiöse Führung zu übernehmen. Er vermied es wissentlich, auf das Opus Dei hinzuweisen. Er verlas eine sorgfältig formulierte Botschaft der amerikanischen Bischofskonferenz, worin ausdrücklich die Weiterführung der bedeutenden finanziellen Unterstützung an den Vatikan durch die Katholiken der Vereinigten Staaten vom Umstand abhängig gemacht wurde, dass »die Verkörperung unserer Ideale auch durch das Oberhaupt der katholischen und universellen Kirche« zum Ausdruck käme. Natürlich gab es Kardinäle, die unverzüglich darauf hinwiesen, diese »Ideale« würden nicht nationalistischen, sondern universellen Charakter aufweisen, doch der in Kirchengeschichte bewanderte Dave Walker entgegnete, in der Vergangenheit seien die »universellen« Eigenschaften der Kirche oft durch Kämpfe zwischen Spanien, Frankreich und Österreich zur Geltung gebracht worden.
Die Kardinäle teilten sich in zwei Lager, in jenes, das das amerikanische Geld im Vatikan nicht missen wollte und mit dem Opus Dei Inquisition und Scheiterhaufen herbeiwünschte, und jenes, das um jeden Preis vermeiden wollte, dass auf der Kuppel der Peterskirche, wie auf dem Kapitol, das Sternenbanner gehisst würde. Die Wahlberechtigten aus Asien und Afrika hätten zwar gerne einen Vertreter aus der Dritten Welt zum Papst erhoben, hatten aber bald schon eingesehen, dass die Zeit für eine solche Neuerung noch nicht reif war. Sie ließen sich wie Kork auf dem Wasser von Wind und Wellen treiben und zögerten so die Entscheidung hinaus.
Eine Pattsituation entstand und die Abstimmungen wiederholten sich unverändert. Zwar lag der Italiener stets voraus, doch da zur Wahl eine Zweidrittelmehrheit erforderlich war, konnte er sich nicht durchsetzen. Eine einzige Stimme fehlte ihm, doch dies genügte, um die Lähmung aufrechtzuerhalten.
Da der Heilige Geist sich nicht durchsetzen konnte, griff Gottvater ein. Er holte einen der amerikafreundlichen Kardinäle aus dem Konklave ins Paradies und brach dadurch die festgefahrene Front. Castracane kam durch. Er wählte den Namen »Innozenz«, um seinen tiefen Wunsch nach Unschuld zum Ausdruck zu bringen.
Nun kniete er vor dem Kreuz und suchte Hilfe. Er hatte Macht erlangt, viel Macht, aber er wusste, dass diese vielleicht nicht ausreichen würde, seinen Widersacher zu bändigen. Er entschloss sich, diesen mit einem der höchsten Kirchenämter zu besänftigen. Er betete auch für seinen einstigen Freund.
Zur gleichen Zeit saß Dave Walker mit finsterer Miene in seinem Zimmer und grübelte. Die Niederlage schmerzte ihn. Seit Wochen träumte er von dem feierlichen Augenblick, in dem er zum Papst ausgerufen würde. Er hegte große Pläne für die Kirche, er wollte ihr zu einstiger Macht verhelfen, ihre Rolle als Wegweiserin in dieser zerrütteten Welt wieder herstellen. Er beanspruchte einen Platz in der Geschichte. Und nun diese Enttäuschung! Er sah in der Wahl seines Kontrahenten nur Intrigenspiele und nicht den Willen Gottes. Diesen Fehlentscheid konnte er nicht tatenlos akzeptieren.
Erika griff nach der Fernbedienung. Verdrossen schaltete sie den Fernsehapparat aus. »Habemus papam, habemus papam«, ahmte sie missmutig den Kardinalsdiakon nach und machte eine Handbewegung, als wollte sie ein lästiges Insekt verscheuchen. »Heiliger Vater! Warum nur diese Floskel? Das klingt fast so glaubwürdig wie ›Heiliges Kanonenrohr‹. Dazu noch ›Vater‹. ›Präsident‹ wäre mir lieber oder ›Vorsteher‹. Aber ›Heiliger Vater‹ ist ein Hohn.«
Sie blieb sitzen und starrte lange auf den grauspiegelnden Bildschirm. Melancholie lag auf ihren Gesichtszügen; die Traurigkeit ihrer Seele ließ sich erahnen. Nach einer Weile stand sie auf und öffnete einen Aktenschrank. Wo hatte sie nur ihre Aufzeichnungen aus der Studienzeit? Sie wühlte in einem Stapel von Aktenordnern, Heften und Kartonmappen. Schließlich fand sie es, das dicke Heft mit schwarzem Einband und einer aufgeklebten Etikette. »Mein Michaelsevangelium« war mit sorgfältiger Schrift darauf geschrieben. Sie hielt das Heft lange ungeöffnet in der Hand. Wie hatte schon ihr damaliger Professor gesagt, als sie ihm von ihren Aufzeichnungen erzählt hatte?
»Hüten Sie sich vor der Macht der Kirche«, hörte sie noch deutlich seine Warnung.
»Auf den Scheiterhaufen kann man mich wohl nicht mehr schicken«, hatte sie lächelnd gemeint.
»Es reicht schon eine Kerze, um ihre Finger gehörig zu verbrennen.«
»Ich bin zwar kein Mutius Scaevola, halte dennoch einiges aus. Dazu kommt, dass meine Kommentare in vielen Geschichtsbüchern stehen.«
»Die Berichte, ja. Ihre Kommentare nicht. Sie sind hart und provokatorisch, in den Augen der Kirchenfürsten sogar häretisch.«
»Die Kirchenfürsten werden sich kaum mit mir herumschlagen«, entgegnete Erika lächelnd.
»Ich hoffe es für Sie.«
»Ich werde mich einfach auf Sie berufen.«
»Eine süße Rache für langweilige Vorlesungen.«
Erika hatte seine Warnung ernst genommen. Ihr »Michaelsevangelium«, wie sie ihre Geschichten nannte, hatte sie niemandem gezeigt. Und sie hatte auch nicht vor, dies zu tun. Diese Gedanken waren nicht für fremde Augen bestimmt. »Ein Nachdenkbuch«, schrieb sie unter den Titel. »Nachdem der Erzengel Michael die ersten Menschen Adam und Eva auf Gottes Geheiß mit dem Feuerschwert aus dem Paradies getrieben hatte, blickte er ihnen lange nach«, stand auf dem Einband des Heftes. »Er hatte Bedauern mit diesem weinenden Menschenpaar und hätte ihnen gerne geholfen. Da er dies aber nicht tun durfte, entschloss er sich, für die Menschen ein Evangelium zu schreiben.«
Sie schlug das Heft auf und suchte einige Seiten ab. Dann begann sie zu lesen.
Die Theologen bestehen seit eh und je darauf, dass der Papst zwar von den Kardinälen gewählt wird, dass aber dieser Akt nicht etwa eine demokratische Abweichung von der gewohnten Führungspraxis der katholischen Kirche, sondern das Machtwort des Heiligen Geistes ist. Nun zählen aber Theologen die Einsicht nicht zu ihren Verbündeten und so konnte es kommen, dass sie diese Respektlosigkeit dem Heiligen Geist gegenüber trotz offensichtlicher Gegenbeweise stur aufrechterhielten. Nach ihrer Theorie bediente sich der Geist Gottes im Laufe der Jahrhunderte recht seltsamer Methoden, um seine Kandidaten durchzusetzen.
Lehrt nicht die Geschichte, dass Bestechung, Intrigen und Verstoße gegen die Zehn Gebote im Kampf der römischen Adelshäuser Colonna, Orsini oder Barberini jeweils einen aus diesen Familien auf den Stuhl Petri hissten? Oder etwa, dass Kaiser Otto der Große bestimmt hatte, fortan höchstpersönlich den Papst zu ernennen? Ferner, dass die Bewohner Roms den Kardinälen bei Tumulten und unter schweren Morddrohungen nahegelegt hatten, einen Römer zum Oberhirten der katholischen Kirche zu wählen. Papst Sergius III. wurde im Jahre 904 durch Protektion von Theophilakt, einem mächtigen römischen Adeligen, gegen seine Konkurrenten durchgesetzt. Das Pikante daran war, dass der neue Papst Liebhaber von Marioza, der Tochter seines Gönners, war. Mit dieser Wahl begann die Periode, die von den Historikern als »Pornokratie« bezeichnet wird. Es ist die Zeit, in der die Kirche von Frauen mit anrüchigem Leumund gelenkt wurde. Doch warum sollte – den Theologen gemäß – der Geist die Familientradition nicht respektieren? Der Sohn des Sergius verhalf den Nachfolgern seines Vaters auf dem Thron der Kirche mit Gift zu baldiger Glückseligkeit im Paradies und bestieg selber diesen Thron als Johannes XI. Und ein späterer Johannes war angeblich sogar eine in Männerkleider gehüllte Johanna. Deswegen wurde es anschließend notwendig, vor der Bestätigung eines neu gewählten Papstes zuerst sein Geschlecht zu kontrollieren. »Testiculos habet et bene pendentes«, erklärte der inspizierende Bischof, »er besitzt schön baumelnde Hoden.« Johannes XII. war minderjährig, als er mit sechzehn Jahren die Schlüssel zum Himmelsreich übernahm. Die Wahl des geistesgestörten Urban VI. lässt die Verfechter der Heiligen-Geist-Theorie ebenfalls im Regen stehen. Als aber der Geist bald schon seinen Fehler einsah und den Papst durch einen anderen ersetzen wollte, gelang dies nicht. So wiesen plötzlich zwei Päpste den Gläubigen die Richtung zum Heil. Dieses System schien sich so gut zu bewähren, dass während längerer Zeit zwei Päpste um die Weihe durch Gott feilschten. Ja, für kurze Zeit waren es deren drei, einmal sogar fünf, was verständlicherweise nicht nur sehr komplexe Situationen schuf, sondern beim luxuriösen Lebenswandel der Päpste auch an den Geldbeutel ging.
Die Annalen weisen während der vergangenen zweitausend Jahre Kirchengeschichte vierzig Gegenpäpste aus. Ihre Heere prallten im Kampf um die Macht aufeinander, ihre Giftmischer übertrafen sich mit listigen Mixturen, ihre Protektoren protegierten sie.
Die Gläubigen hatten während der Jahrhunderte gelernt, dass in den Konklaven nicht nur mit frommen Gebeten, sondern auch mit harten Bandagen um die Macht gekämpft wurde. Aber die Glaubenshüter ließen sich durch die Tatsachen nicht zu einer Revision ihrer Lehrmeinung zwingen. Wie auch immer ein Papst die steile Leiter der Hierarchie erklommen hatte, nach seiner Wahl war er stets darum bemüht, darauf hinzuweisen, dass der Heilige Geist ihn persönlich zum Oberhirten der Kirche bestimmt hatte.
Die Menschen behängen ihren Stammbaum stets voll Stolz mit glitzerndem Weihnachtsschmuck.
»Nun, Heiliger Vater, von einem, der Hektor heißt, erwartet man große Dinge. Wir werden sehen«, murmelte Erika und legte ihr schwarzes Heft wieder in den Aktenschrank.
Allerseelen fiel auf einen Sonntag. München war in einen klebrigen Nebel gehüllt, als wolle das Wetter das düstere Gedenken an die Verstorbenen besonders in Erinnerung rufen. Der feuchte graue Schleier ließ die Menschen frösteln, als sie nach dem Aufstehen die Vorhänge zurückzogen. Die Welt lag in Lethargie. Der sichtlich gealterte Herbst stimmte wehmütig. Die Landschaft erinnerte an eine vor Kurzem verklungene Melodie, von der lediglich einige im Ohr verhangene Sequenzen übrig geblieben waren. Das einst Farbige an ihr war zu grauer Eintönigkeit erblasst, die bloß durch vereinzelte gelbe Flecken hie und da belebt wurde. Die frischen Winde der letzten Tage hatten beinahe alle Blätter gepflückt. Die kärglichen Überreste des Laubs hüllten die Bäume in ein arg zerfetztes Gewand. Die verschlafene Welt erinnerte am Fest der Toten an die Vergänglichkeit verblichener Fotos. Nichts regte sich. Der Herbst schien in seiner todbringenden Arbeit einen Augenblick innezuhalten, als hätte er erkannt, dass seine Freude, alles kahl zu scheren, nunmehr von wenigen Resten sterbenden Lebens abhing. Der Englische Garten, der bei schönem Wetter selbst zu dieser Jahres- und Tageszeit von Spaziergängern und Joggern bevölkert war, wirkte verlassen. Gelbrötliches Laub bedeckte die Rasenflächen und die Spazierwege. Nur die heimischen, großen Raben, die hier jahraus, jahrein ihre Herrschaft mit Gekrächze geltend machten, und einige Hundebesitzer ließen sich im Park sehen. Die letzteren schienen sich alle zu kennen, denn sie winkten sich ebenso freundlich zu, wie ihre Tiere einander wohlwollend beschnupperten.
Hausmeister Gerhard Rothen war ebenfalls mit seinem Hund unterwegs. Er wohnte am Rande des Englischen Gartens und führte jeden Morgen, selbst bei garstiger Witterung, seinen Hund Gypsy zum Spaziergang. »Ein Hund hat Rechte und Pflichten wie wir«, pflegte er zu sagen und gab nicht nur seinem Pinscher zu Bewegung an der frischen Luft Gelegenheit, sondern trug auch zur Erhaltung seiner eigenen Gesundheit bei. Mit forschen Schritten verließ er das Haus in der Martiusstraße 8, in dem er sowohl wohnte als auch als Hausmeister tätig war, ging am Chinesischen Turm vorbei, kehrte am Hirschanger um und wieder zurück nach Hause. Auf der kleinen Brücke an der Thiemestraße begegnete er dem pensionierten Postbeamten, mit dem er wie gewöhnlich einige Worte wechselte, während ihre Hunde einander fröhlich nachjagten. Diese kleine Szene war allmählich zu einer zeremoniellen Gewohnheit im Alltag der beiden Männer geworden. Sie tauschten, wie immer, kurz ihre Gedanken zum Wetter und zum Samstagsspiel von Bayern München aus, um danach ihren Weg fortzusetzen. Doch plötzlich stockte Gerhard Rothen. Verwundert blickte er zu seinem Haus. Aus dem imposanten Portal traten zwei Männer, die eine schwere Reisekiste trugen. Wer wird wohl heute verreisen? fragte Rothen sich mit dem Eifer eines Mannes, der glaubt, alles über seinem Herrschaftsbereich zu wissen. Er verabschiedete sich kurz von dem pensionierten Postbeamten, rief nach seinem Hund und wollte schnell die etwa zweihundert Meter zurücklegen, um Genaueres über diese Unbekannten zu erfahren. Es war doch zweifellos ungewöhnlich, dass am Sonntagmorgen aus einem gepflegten Wohnhaus Waren abtransportiert wurden. Doch Gypsy dachte nicht daran, seinen Hundefreund stehen zu lassen, und erst einige energische Wörter der beiden Herrchen konnten die Tiere voneinander trennen. Inzwischen hatten die unbekannten Männer die Kiste in einen grauen, geschlossenen Lieferwagen verladen, waren ruhig eingestiegen, ließen den Motor anspringen und fuhren davon. Rothen hätte gerne das Kennzeichen aufgeschrieben, wenn er die Leute schon nicht zur Rede stellen konnte, doch die Distanz war zu groß, um das Nummerschild ablesen zu können. Im Wohngebäude angekommen, ging er gleich durch alle Stockwerke, um zu sehen, welcher der Bewohner die Sonntagsruhe auf diese sakrilegische Art gestört hatte. Er horchte an allen Wohnungstüren, um verdächtige Geräusche wahrnehmen zu können. Zu seiner Enttäuschung war aber nirgends etwas zu hören, das auf die soeben erlebte Gegebenheit hätte schließen lassen. Grollend zog er sich in seine kleine Hausmeisterwohnung im Erdgeschoss zurück. Er war entschlossen, dieser Sache baldmöglichst auf den Grund zu gehen. Er lauschte an seiner Tür. Hörte er den Aufzug oder Schritte im Treppenhaus, schoss er, wie ein Tier auf der Jagd nach Beute, aus seinem Versteck, stemmte seine Fäuste in die Hüften, versperrte den Weg wie der Erzengel vor der Paradiespforte und fragte: »Haben Sie heute diesen Umzug veranstaltet?«
Alle vorbeiziehenden Mieter verneinten. Einer der Letzten, die er zur Rechenschaft zog, war Thomas Lohe. Er wohnte im zweiten Stock in der schönsten Wohnung, die als einzige neben dem Erker noch einen kleinen Balkon mit kunstvoller Brüstung besaß. Rothen grollte diesem Lohe, weil er ihn schon des Öfteren gebeten hatte, bei besonderen Anlässen, wie etwa der Fußballweltmeisterschaft, eine Fahne hinauszuhängen, doch Lohe wollte davon nichts wissen.
»Heute ist Sonntag, Herr Lohe, da sollte man keine Umzüge machen«, sagte Rothen vorwurfsvoll.
»Von welchem Umzug sprechen Sie, Herr Rothen?«
»Na, Sie wissen schon, diese große Kiste, die Sie abtransportieren haben lassen.«
»Ich weiß von keiner Kiste, Herr Rothen. Wäre es denn verboten, eine Kiste wegzubringen?«
»Natürlich nicht, Herr Lohe. Aber heute ist doch Sonntag. Noch dazu Allerseelen!«
»Jetzt übertreiben Sie aber, Herr Rothen. Wer immer die erwähnte Kiste abtransportieren ließ – er wird seinen guten Grund gehabt haben, es am Sonntag und dazu noch an Allerseelen zu tun. Ich war es jedenfalls nicht.«
Doch Rothen glaubte ihm nicht. Lohes Frage, ob es verboten sei, am Sonntag Kisten zu transportieren, war für ihn Beweis genug, dass er log. Verärgert drehte der Hausmeister sich um und ging zurück in seine Wohnung.
Das Haus in der Martiusstraße 8 war ein elegantes Gebäude. Es beherrschte mit seiner imposanten Größe und den vier Obergeschossen die Kreuzung. Die Fassade wurde durch Erkersäulen unterbrochen, die Fenster waren mit Blumendekorationen aus Stein umrandet. Das große Tor erinnerte an die Portale von Kathedralen, wobei hier die Bögen nicht mit Heiligenfiguren, sondern mit gemeißelten Rosen geschmückt waren.
Thomas Lohe war in diesem Haus aufgewachsen. Seine Eltern hatten die Wohnung im zweiten Stock erworben, nachdem sie von Potsdam nach München gezogen waren. Seine Freundin Erika lebte seit gut einem Jahr bei ihm.
Obwohl also das Gebäude einen ansprechenden Eindruck erweckte, sollte es sich in den Augen der Nachbarn zum Spukschloss wandeln. Einige Bewohner der benachbarten Häuser würden es später vorziehen, die Straßenseite zu wechseln, andere würden sich unauffällig bekreuzigen, wenn sie hier vorbeigingen. Niemand der Eingeweihten würde davor parken, nur ab und zu ein Fremder, der nicht rechtzeitig gewarnt wurde. Gerne erzählte man sich, dass solchen Unvorsichtigen später immer etwas zugestoßen sei. Nichts allzu Schlimmes. Eine Reifenpanne etwa oder eine Parkbeule. Eine erste Warnung des Schicksals immerhin. Einmal hatten Kinder mit Farbspraydosen die Hausmauer bespritzt, doch als einer dieser Lausbuben einen hässlichen, juckenden Ausschlag im Gesicht bekam, der erst nach wochenlanger Behandlung zum Verschwinden gebracht werden konnte, hörten diese Unflätigkeiten auf. Die Kirchgänger sprachen kurze Stoßgebete, wenn sie hier am Tag des Herrn zur Messe vorbeigingen.
Oft dachte Thomas Lohe an jenen nebelnassen Sonntag im Oktober vor Jahren zurück, als jene Geschichte begann, die dieses Haus in Verruf bringen und sein Leben grundlegend verändern sollte. Er erwachte an diesem Sonntagmorgen mit einem leeren, platt gedrückten Herzen. Schlaftrunken öffnete er seine Augen und sogleich befiel ihn der Eindruck, dieser Tag sei aus einem unerklärlichen Versehen aufgegangen. Thomas hatte keine Lust, diesen faden, wertlosen Morgen hinzunehmen. Am liebsten hätte er ihn ausgelassen, mit einer Handbewegung zurückgewiesen, gar nicht erst erlebt. Ein fremdartiges Gefühl warnte ihn vor etwas Unbestimmten, wobei er gleichzeitig fühlte, dass es zwecklos war, sich dem Lauf der Dinge entgegenzustemmen. Obwohl er für sein Unbehagen keine Erklärung zu finden vermochte, konnte er seinen Missmut nicht loswerden.
Er räkelte sich und stand widerwillig auf.
Das Absurde an diesem Tag war das plötzliche, sinnwidrige, ja irreale Verschwinden von Erika.
Dass sie beim Aufstehen nicht in der Wohnung gewesen war, hatte ihn nicht besonders besorgt. Sie war Frühaufsteherin und ging gerne am Morgen an die frische Luft. Sie spazierte dann zu einem Straßencafé in der Leopoldstraße, trank einen Cappuccino und aß ein Croissant, besorgte sich eine Zeitung und kam dann nach Hause. Thomas machte sich für den Tag bereit und beschloss, an einem Kiosk eine Fachzeitschrift zu kaufen. Er war nicht besonders guter Laune und die Begegnung mit dem wichtigtuerischen Hauswart hatte ihn auch leicht geärgert. Als er nach zwei Stunden zurückkam, war Erika immer noch nicht zu Hause. Das machte ihn stutzig. Eine dunkle Vorahnung stieg in ihm auf.
»Sie hat mich verlassen«, hämmerte es in seinem Kopf. »Sie hat mich verlassen«, wiederholte er beharrlich.
Er begann die Wohnung zu durchsuchen. Zuerst nach einer Nachricht von Erika, dann kontrollierte er, ob sie ihre Sachen eingepackt hatte. Er fand keinen Abschiedsbrief, und all ihre Kleider, außer denen, die sie auf dem Körper tragen musste, hingen im Schrank. Ihre Tasche fehlte, doch es war ja normal, dass eine Frau nicht ohne Handtasche auf die Straße ging. Eigentlich hatte Erika keine Veranlassung, grundlos zu verschwinden, dennoch war Thomas beunruhigt und bedrückt. Er rannte auf die Straße, suchte ziellos, ohne zu wissen, was er eigentlich wollte, schaute in die wenigen Straßencafés, die am Sonntagmorgen offen waren, hielt fremde Menschen an, um sie zu befragen, ob sie einer Frau mit dem Aussehen von Erika begegnet seien. Insgeheim kam er sich bei alledem furchtbar lächerlich vor. Er kehrte in die Wohnung zurück, hörte den Anrufbeantworter ab und begann alles wieder von vorne zu durchsuchen. Wenn ihm jemand gesagt hätte, er solle sich nicht so aufführen, wahrscheinlich hätte Erika nur den Wunsch verspürt, einige Stunden allein zu sein und werde bald schon zurückkommen, hätte Thomas ihn nur verständnislos angeschaut. Er spürte deutlich, dass hier etwas Ungewöhnliches vorgegangen sein musste. Es dauerte nicht lange, bis sich seine Vorahnung zu Sicherheit erhärtete.
Erika meldete sich den ganzen Tag nicht, auch nicht an den darauffolgenden Tagen. Thomas erstattete am zweiten Tag nach ihrem Verschwinden eine Vermisstenanzeige. Die Umstände ihres Entkommens waren dermaßen verwirrend, dass die Polizei ein Verbrechen vermutete. Ein Kleid, ein Mantel und ihre Handtasche, das war alles, was sie mit sich genommen hatte. Ihre übrigen Habseligkeiten hatte sie in der Wohnung zurückgelassen.
Thomas wurde stundenlang verhört. Man ließ durchblicken, dass sich die Verdachtsmomente hinsichtlich eines zwar nicht erwiesenen doch möglichen Verbrechens in erster Linie auf ihn konzentrierten.
Die Suche nach seiner Freundin blieb vergebens.
Thomas befasste sich zunächst nicht ernsthaft mit der Möglichkeit, Erika nie mehr um sich zu haben. Zunächst war er nur verblüfft, verstehen konnte er die neue Situation nicht. Ähnlich muss es dem ergehen, der durch einen Unfall plötzlich sein Augenlicht verliert: Anfänglich vermag er kaum zu erfassen, was es heißt, immer im Dunkeln zu leben. Er wird ein Gemisch von Empfindungen wahrnehmen: mitleidbedürftig vielleicht, aber erfüllt vom Märtyrerstolz des Christusdarstellers in einem Passionsspiel: er weiß, dass er am Ostersonntag wieder in seinem guten Anzug zur Kirche gehen wird und die Leute ihn seiner hehren Rolle wegen mit Ehrfurcht grüßen werden. Er wird auferstanden sein, wieder leben. Ein Erblindeter wird erst nach der Ernüchterung einer endlos langen Nacht erkennen, dass immer Resignation bedeutet. Je länger seine Partnerin unauffindbar blieb, umso stärker verdichtete sich der Verdacht von Thomas, dass sie für immer verschwunden war.
Thomas verfiel in eine Depression. Ohne Erika schien ihm das Leben unmöglich. Er wusste, dass er sie unbedingt brauchte. Dies zuzugeben wäre ihm leicht gefallen. Sie musste doch auch wissen, dass jeder Tag ihres Fernseins Betrug war, etwas wie Ehebruch und noch dazu Diebstahl, denn sie raubte damit ihr gemeinsames Leben.
Thomas’ Leben änderte sich in der Folge. Im Umgang mit anderen war er gereizt und schroff, bei vielen Bekannten hatte er die Sympathie verspielt. In seiner Wohnung herrschte ein heilloses Durcheinander. Die Gewissheit, dass Erika nicht mehr mit ihm war, raubte ihm die Kraft, seinen Alltag in Ordnung zu halten. Gegenstände haben einen Willen, eine Eigengesetzlichkeit. Dagegen anzukämpfen erfordert eine ständige Anstrengung. Über einen Mann tragen sie gewöhnlich den Sieg davon. Thomas sah wohl das Tohuwabohu, doch es störte ihn zu wenig, als dass er sich dadurch zu einer Reaktion hätte aufraffen können. In selbstquälerischer Manier holte er ab und zu die Habseligkeiten Erikas hervor und schwelgte nostalgisch in Erinnerungen. Er nahm ihren Schuh in die Hand.
Der Kinderschuh, blitzte es ihm durch den Kopf.
Er hatte ihn immer nur »Kinderschuh« genannt, weil er mit seinen flachen Absätzen jenen Modellen glich, die von Erstkommunikantinnen getragen werden. Erika hatte schöne, schlanke Beine und Thomas fand sie in diesen Schuhen formvollendet. Vielleicht bedeuteten ihm diese Schuhe deshalb so viel, weil Erika sie an jenem Abend getragen hatte, als sie zum ersten Mal allein zu ihm gekommen war.
Thomas war ein Mittdreißiger. Er hatte etliche kürzere und längere Liebesbeziehungen hinter sich. Er hatte sich bisher standhaft gegen allzu feste Verhältnisse gewehrt. Gegen den Zauber einer Frau wie Erika war er allerdings nicht gefeit.
Jener Abend begann als verspielter Flirt, führte aber bald dazu, dass er sich bis über beide Ohren verliebte. Die sonst sachliche Erika spielte ein wenig kokett. Thomas verfing sich rettungslos im Charme dieser reizenden Frau. Seine Gefühle überbordeten.
Erika quittierte seine Erklärungen mit einem skeptischen Lächeln. Sie vermutete Absichten.
»Wenn du mich magst, erzähl mir eine Geschichte, die du für mich erfindest. Nur für mich«, sagte sie mit der Einfachheit eines Kindes.
Diese Bitte machte Thomas verlegen. Die Nähe Erikas nahm seine Sinne gefangen. Einfach etwas zu erzählen erschien ihm unmöglich.
»Ich kann die Sachen nicht aus dem Ärmel schütteln«, sagte er. » Erzählen ist eine mühselige Angelegenheit. Man muss die Augen weit offen halten und viel nachdenken.«
Sie ließ sich nicht abweisen. »Du hast viele Ideen. Etwas Einfaches wird dir sicher einfallen.«
Dieses etwas Einfaches kam rührend anspruchslos, unerwartet zärtlich und gab ihm einen Stich ins Herz. Erika war eine reife Frau, die bisher eine Menge durchzustehen hatte. Aus den wenigen Andeutungen, die sie an jenem Abend gemacht hatte, erfuhr er, dass sie in einem Waisenhaus aufgewachsen war, ihre Eltern nie gekannt hatte, dank eines unbekannten Wohltäters das Gymnasium besuchen konnte, danach aber durch Aushilfearbeiten selber die Mittel für ihr Hochschulstudium verdienen musste. Ihre schöne Erscheinung und ein nicht ungeschickter Umgang mit Männern eröffneten ihr die Möglichkeit, als Mannequin und Fotomodell zu bescheidenen Ersparnissen zu kommen.
Seit einigen Jahren war sie Journalistin. Sie betreute die Feuilletonredaktion einer örtlichen Wochenschrift. Sie kämpfte sich mit bewundernswerter Souveränität durch die »Welt der Männer«, wie sie sich auszudrücken pflegte. Sie wusste, dass sie von diesen Männern, die sie oft als feige Spießer bezeichnete, begehrt wurde. Sie verstand es gut, ihrer Kutsche den Charme vorzuspannen und den Willen auf den Bock zu setzen. Dabei besaß sie genügend Freiheit, dem Leben trotz mancher Enttäuschung einige Freuden abzugewinnen.
In jenem Augenblick kam sie Thomas schutzlos ausgeliefert vor. Er fühlte, dass er sie enttäuschen würde, wenn er ihr nichts erzählte.
»Ich könnte dir allenfalls ein Märchen erfinden«, sagte er.
»Märchen sind die ehrlichsten Geschichten«, meinte sie. »Sie sind zeitlos. In ihnen siegt stets das Gute. Sie sind von Hoffnung geschrieben.«
Erika verstummte. Sie fixierte lange einen unbestimmten Punkt im Zimmer und lächelte beinahe verklärt. Thomas ahnte, dass sie Bilder aus ihrem Leben vor ihren Augen vorbeiziehen ließ. Möglicherweise von einem anderen Mann, der ihr besonders ergreifende Märchen erzählt hatte?
Es war lächerlich, doch er wurde eifersüchtig. Er wollte sie von jenem Unbekannten losreißen, der ihr jetzt ins Ohr flüsterte, ihr Märchen erfand, an die selbst er nicht glaubte.
Thomas holte sie aus ihren Träumen zurück. Er begann zu erzählen. Seine Geschichte war ziemlich einfältig, über die Liebe zwischen einer Rose und einem Schmetterling oder dergleichen. Er schämte sich, denn seine Erzählung war eher vierschrötig als reizend geraten.
Sie hörte ihm aufmerksam zu.
Als er zu Ende war, küsste sie ihn sanft auf die Lippen. Es war der erste Kuss, den er von ihr erhielt, der Lohn für die Geschichte, die nur für sie ausgedacht worden war. Eine schmerzliche Wehmut ergriff sein Herz, wenn er heute an jenen Abend dachte.
In der Folge hatte er ihr öfter erzählt oder vorgelesen. Mit der Zeit legte er ihr alles vor, was er verfasst hatte. Jene unbeholfene Geschichte aber blieb etwas Einmaliges in seiner Erinnerung.
Als sie sich am späten Abend liebten, war ihm, als hätten sie nach langem Suchen, durch einen unerklärlichen, aber gerechten Beschluss einer höheren Macht zueinander gefunden.
Die Frische ihres Körpers erstaunte ihn.
»Überrascht dich das?«, fragte sie leicht ironisch, als er eine diesbezügliche Anspielung machte. Sie musste sein Kompliment mit ihren dreißig Jahren in Zusammenhang gebracht haben. Nachträglich kam ihm sein spontanes Erstaunen beinahe unhöflich vor.
Bevor Erika an jenem Abend nach Hause ging, zog ihr Thomas die Schuhe an.
»Das kleine Mädchen hat reizende Kinderschuhe«, flirtete er.
»Ich bin eine Frau«, gab sie ihm abwehrend, fast traurig zur Antwort.
Thomas wollte dies nie wahrhaben. Er hätte Erika gerne schon als Mädchen gekannt und mit ihr Ausgelassenheit, Leichtsinn und Übermut geteilt, die man nur einmal im Leben verantworten kann.
Eigenartigerweise war er jetzt, nach ihrem Verschwinden, der Meinung, sie müsse, sollte sie je wieder zu ihm zurückkehren, jünger sein als vor ihrer Begegnung.
Wie alle seltenen Ereignisse beschäftigte auch die Papstwahl tagelang die internationalen Medien. Die italienische Presse strotzte vor Stolz, weil nach einigen Ausländern wieder einmal ein Landsmann auf den Stuhl Petri gehisst worden war. Viele Italiener waren ohnehin der Meinung, dass das Oberhaupt der katholischen Kirche naturgemäß aus ihrem Land gewählt werden müsste und ihre Nation ein Vorrecht darauf hatte, das Amt des Vatikanchefs zu besetzen. Die Franzosen waren in der Bewertung des neuen Oberhirten wie stets kühl und distanziert. Die Feindschaft der Transalpinen Rom gegenüber war in den Medien unüberhörbar, denn zu der vermeintlichen »Gloire« der »Grande Nation« hätte der Papst immer noch in Avignon hausen müssen. Die Amerikaner bewerteten die Entscheidung der Kardinäle als Affront der Europäer gegen ihre berechtigten Ansprüche, den Papst zu stellen. Die deutschen Kommentare standen der Wahl am sachlichsten gegenüber und fanden sogar Grund zum Stolz, als die »Süddeutsche Zeitung« berichtete, ihre Reporter hätten aufgespürt, der neue Papst Innozenz hätte eine kurze Zeit in München verbracht und würde deshalb auch einige Brocken Deutsch sprechen.
Als Erika an jenem Sonntag aus der Wohnung ging, wollte sie nur kurz um den Häuserblock spazieren und die Sonntagszeitung kaufen. Sie hielt es nicht für notwendig, Thomas eine Nachricht zu hinterlassen. Sie war überzeugt, wieder zu Hause zu sein, bevor er aufwachte.
Die Straße war menschenleer. In Gedanken versunken schlenderte sie an den Häusermauern entlang. Ihr Herz war von einem tiefen Frieden erfüllt. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie wirklich glücklich. Zum ersten Mal erfuhr sie, was es heißt, ein Heim zu haben. Thomas hatte ihr diese neue Dimension eröffnet, die für sie bisher nur in ihrer Sehnsucht existiert hatte.
In ihrer Jugend bedeutete das Waisenhaus für sie ein Dach über dem Kopf und einen Teller auf dem Tisch, doch ein Zuhause war das nicht. Heute noch verspürte sie beim Gedanken an diese Zeit jenes bittere Gefühl, das sie jeweils empfunden hatte, wenn sie damals ihr Leben mit jenem anderer Kinder verglich. Sie war sehr betrübt, wenn diese nach dem Unterricht von ihren Eltern abgeholt wurden oder vom Sommerurlaub berichteten, die sie mit ihren Familien verbracht hatten, ja selbst dann, wenn sie jemanden »Vater« oder »Mutter« nannten. Die Ordensschwestern, die das wohltätige Institut leiteten, hatten sich zwar redlich Mühe gegeben, ihr und den anderen Waisen ein möglichst sorgenfreies Leben zu sichern, doch die Eltern konnten sie ihnen nicht ersetzen. An Festtagen wurde sie besonders stark von Melancholie befallen. So etwa an Weihnachten, an dem alljährlich der Bischof das Heim besuchte und allen süße Worte mitbrachte und mit dem Daumen kleine Kreuze auf die Stirn zeichnete. Einmal kam er sogar mit einem hohen Würdenträger aus Rom, den alle mit »Exzellenz« angesprochen hatten und der den Waisen persönliche Geschenke überreichte. Zu ihr zeigte er sich besonders freundlich und aufmerksam, wollte von ihr wissen, wie es ihr in der Schule erging, und schenkte ihr eine kleine Halskette mit einem Marienbild. Doch was war schon ein Bischof oder eine »Exzellenz« im Vergleich zu einem Vater?
Erst das Leben mit Thomas schenkte ihr jene Geborgenheit, die sie als Zuhause bezeichnen konnte. Ja, sie war wirklich glücklich. Sie liebte Thomas.
Sie war in ihren Gedanken derart versunken, dass sie nicht merkte, wie sie von zwei Männern aus einem vor dem Haus geparkten Lieferwagen beobachtet wurde. Doch selbst wenn sie auf diese geachtet hätte, hätte sie keinen Verdacht geschöpft, denn sie konnte sich nicht vorstellen, dass jemand ihr besondere Beachtung schenkte. Sie hatte weder Feinde noch Neider, sie war nicht wohlhabend, sie kannte keine gefährlichen Geheimnisse, sie war bloß Durchschnitt.
Erika besorgte sich die Sonntagszeitung und begab sich auf den Rückweg. Der Lieferwagen stand immer noch vor dem Haus, doch die Männer saßen nicht mehr auf den Vordersitzen. Sie betrat das Haus und schloss das große Tor. Plötzlich packte sie jemand von hinten um den Hals und presste ihr ein ätzend stinkendes Tuch auf Mund und Nase. Erika versuchte sich zu befreien, wollte schreien und rang nach Atem. Sie spürte einen scharfen Geruch in der Nase. Ein beißender Geschmack erfüllte ihren Gaumen. Dann verlor sie das Bewusstsein.
Als kurze Zeit danach zwei Männer eine große, offensichtlich schwere Reisekiste in den Lieferwagen schoben, wurden sie von niemandem außer Rothen aus der Ferne beobachtet. Der allerdings konnte nicht ahnen, dass er Zeuge einer Entführung war.
Erika wusste nicht, was mit ihr geschehen war, als sie zu sich kam. Sie fühlte sich sehr schlecht. Ihr Kopf war schwer, ein starker Brechreiz schnürte ihren Magen zu, die Welt schaukelte mit ihr, wie in einem Rausch. Behutsam öffnete sie ihre Augen. Sie befand sich in einem Keller. Zumindest meinte sie, dass der Raum, wo sie auf einer Pritsche lag, ein Keller sein müsse.
Fenster gab es hier keine, einige Kerzen warfen ein schwaches Licht auf die Wände. Erika erblickte über sich einen Steinbogen, der auf Säulen ruhte. Trotz dieser unwirtlichen Stätte fror sie nicht. Sie war mit einer Wolldecke zugedeckt, die sie vor der feuchten Kälte schützte. Sie hob den Kopf leicht an und erschrak. Der Raum war kein Keller, sondern eine Krypta. Rundherum standen Sarkophage. Beim Bogeneingang waren zwei Statuen in leidender Pose auszumachen. Das flackernde Licht warf Schattenspiele an die Wände.
Erika spürte einen unangenehmen Geschmack im Gaumen und versuchte sich zu erinnern. Es wollte ihr nicht gelingen, ihre Situation einzuordnen. Unsicher stemmte sie sich hoch. Die Eindrücke, die in ihrem Bewusstsein auftauchten, waren verwirrend. Sie sah die Türe des Aufzugs in ihrem Wohnhaus, erinnerte sich an leise Stimmen, die ihr beruhigend zusprachen. Dann konnte sie sich nur an Fetzen entsinnen, Fetzen von Geräuschen und Lichtstrahlen und Stimmen. Alles war zusammenhangslos auf sie eingestürmt. All dies wollte ihr keinen Sinn ergeben.
Allmählich begann es ihr zu dämmern: Sie war wohl gekidnappt worden.
Überraschenderweise beruhigte sie dieser Gedanke mehr, als er sie verängstigte. Da sie sich überhaupt keinen Grund für ihre Entführung vorstellen konnte, war sie der festen Überzeugung, Opfer eines Missverständnisses zu sein. Alles würde sich gewiss leicht aufklären lassen. Sie würde wieder freikommen. Sie schloss die Augen und versuchte sich zu entspannen.
Nach langer Zeit waren aus der Entfernung Schritte zu vernehmen. Beklommen lauschte Erika dem Geräusch sich nähernder Absätze. Es waren mehrere Personen, die kamen. Sie konnte nicht ausmachen, wie viele, doch drei oder vier mussten es mindestens sein. Erika schien, ihr Herz würde in der Gurgel pochen. Der Bogeneingang wurde von einem Licht erhellt, drei Männer betraten den Raum.
Die örtliche Klatschpresse hatte etwas zu berichten, die Schlagzeilen überschlugen sich:
»Mysteriöses Verschwinden einer Kollegin«, »Wer hat diese Frau gesehen?« oder »Ist dieser Mann ein Mörder?«
Die Paparazzi lauerten Thomas auf und knipsten ihn wie einen Filmstar. Reporter waren auf der Jagd nach Details aus seinem und Erikas Privatleben. Die Berichte der Zeitungsmänner wurden mit jedem Tag verwegener, obwohl die Polizei keine Ergebnisse der Untersuchungen mitgeteilt hatte. Die meisten Storys wurden mit einer leichten Vermutung eingeleitet, blähten sich aber schon nach wenigen Zeilen zu knallharten Reportagen auf und boten sich auf großen Aushängern zum Kauf an.
Thomas schäumte vor Wut. Über Erika und ihn wurden die absurdesten Geschichten erfunden und Schwarz auf Weiß feilgeboten. Anfänglich hatte er versucht, bei der Redaktion der Boulevardblätter telefonisch zu protestieren. Man forderte ihn dort auf, Beweise vorzulegen, dass die Wirklichkeit anders aussähe, wohl nur in der Hoffnung, neues Material für perfide Schlagzeilen zu erhalten. Er drohte mit Gerichtsklagen, beriet sich mit Anwälten, verschickte eingeschriebene Briefe, auf die er natürlich keine Antwort erhielt, und bewarf einmal sogar die am Hauseingang wartenden Fotografen mit Kartoffeln. Er hatte dadurch natürlich seine Lage nur verschlimmert, denn auf der Frontseite der Zeitungen sah man nun ein Bild von ihm, wie er mit wutverzerrtem Gesicht sein Geschoss auf einen knipsenden Reporter abfeuerte.
Eines Tages ereignete sich etwas Merkwürdiges.
Thomas saß um die Mittagszeit in einem Selbstbedienungsrestaurant, als sich ihm ein Mann mit einem Tablett näherte. Er tat, als ob er einen freien Tisch suchen würde, und fragte ihn, ob er sich zu ihm setzen dürfe. Thomas wunderte sich, denn es gab noch viele freie Tische, er konnte ihn jedoch nicht abweisen. Der graue Anzug und das Kreuz am Revers ließen ihn vermuten, dass der Mann ein Priester war.
»Herr Lohe, nicht wahr?«, fragte ihn sein Gegenüber.
Ich bin bekannt, wie ein bunter Hund, dachte Thomas und nickte kaum merklich. Ich kann nicht mehr inkognito in der Öffentlichkeit auftreten.
Der Mann trank seinen Kaffee, erhob sich und legte beim Weggehen einen Briefumschlag vor Thomas hin. Verdutzt schaute er dem Priester nach, wie dieser ruhig die Gaststätte verließ.
Thomas öffnete den Umschlag und entnahm ihm ein Blatt.
»Seien Sie unbesorgt. Ihrer Freundin geht es gut, sie ist in sicherer Obhut und wird sich nächstens bei Ihnen melden. Es ist ratsam, diese Botschaft niemandem zu zeigen.«
Wie ein Stromschlag durchfuhr diese Mitteilung Thomas. Er sprang auf und rannte mit dem Brief in der Hand dem Unbekannten nach. Aufgeregt suchte er auf der überfüllten Straße nach dem Priester, doch dieser war inzwischen in der Menge verschwunden. Thomas lief ziellos auf und ab. Er konnte ihn nicht finden. Verwundert blickten ihn die Passanten an. Er ließ die Arme fallen und kehrte ins Restaurant zurück, um seinen Mantel zu holen.
Er überlegte lange, was er tun sollte. Die plötzliche Erkenntnis, die er aus diesen Zeilen gewonnen hatte, terrorisierte ihn. Erika hatte ihn nicht verlassen. Sie war entführt worden!
Wut und Ohnmacht spiegelten sich auf seinem Gesicht. Eine bedrückende Frage tauchte in seiner Seele auf. Gab es in Erikas Vergangenheit etwas, das vor ihm verborgen bleiben musste? War sie vielleicht gar nicht jene harmlose Person, die er in ihr sah? War sie aus Rache entführt worden, oder um jemanden zu erpressen oder aus ganz anderen Gründen?
Seine erste Eingebung war, zur Polizei zu gehen. Doch die Warnung im Brief machte ihn skeptisch. Warum sollte er die Mitteilung niemandem zeigen? Könnte er dadurch etwa Erika einer Gefahr aussetzen? Würde sein Eingreifen ihre Situation verschlimmern? Die Aufforderung zum Schweigen war im Brief zwar wohlwollend abgefasst, konnte aber auch als Drohung gelesen werden. Es dürfte für die Polizei wohl nicht so schwierig sein, diesen Priester auszumachen. Doch war er wirklich ein Priester? Konnte sein Äußeres nicht nur eine Tarnung sein, um bei der Kontaktnahme sein Vertrauen zu erwecken? War es nicht eine bewusst falsch angelegte Fährte, um seine Spur zu verwischen? Während Thomas den Weg zur U-Bahn einschlug, um nach Hause zu gehen, hämmerten Hunderte Gedanken in seinem Kopf.
Er kehrte plötzlich um.
Was Erika auch immer angestellt haben mochte, konnte auf irgendeine Art in Ordnung gebracht werden. Doch sie musste so bald wie möglich befreit werden.
Er schlug den Weg zur Ettstraße ein. Er ging zur Polizeiwache.
Er betrat die Station. Auf dem langen Gang saß eine Person auf einer Bank. Thomas erstarrte. Der Priester, der ihm den Brief überreicht hatte, grüßte ihn lächelnd.
»Sie auch hier, Herr Lohe?«, fragte er mit einem hämischen Lächeln. »Sie wurden doch nicht etwa auch bestohlen?«
Thomas verschlug es kurz die Stimme. »Ich möchte unbedingt mit Ihnen sprechen«, sagte er dann. » Können wir uns an einem ruhigen Ort treffen?«
»Was wollen Sie denn mit mir besprechen? Sie kennen mich doch gar nicht.«
»Ich möchte Sie wegen des Briefes einiges fragen.«
»Brief? Welchen Brief meinen Sie?«, fragte der Priester.
Thomas kam sich plötzlich fürchterlich naiv und hinters Licht geführt vor. Dieser Fremde konnte alles leugnen. Damit hätte die Polizei erneut Grund, Verdacht gegen ihn zu schöpfen. Der Mann in Grau kam nur hierher, um ihn zu kontrollieren. Und das Schlimmste war, dass seine anonymen Gegner nun wussten, dass er sich nicht an ihre Weisung gehalten hatte.
Er wollte diesem Feigling an die Gurgel springen und ihn so lange würgen, bis er ausgespuckt hätte, wo man Erika gefangen hielt. Doch die Polizeiwache war der unpassendste Ort für eine solche Aktion. Er sank auf die Bank nieder und blickte den Priester hilflos an.
»Na, na, Herr Lohe, Sie werden doch nicht wegen einer kleinen Unannehmlichkeit die Nerven verlieren, nicht wahr?«
Thomas erhob sich und ging ohne Gruß aus der Polizeiwache. Doch er gab noch nicht auf. Er trat in geringer Entfernung in einen Hauseingang und beobachtete die Wache. Diesmal durfte ihm der Priester nicht entkommen. Er würde ihm folgen und so zumindest eine Spur zu Erika finden. Es hatte sich also doch gelohnt, auf die Wache zu gehen. Er hatte eine Fährte zu ihren Entführern entdeckt. Er war nun voller Zuversicht. Seine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Die Zeit wollte nicht vergehen. Der Priester blieb mehr als eine halbe Stunde bei der Polizei. Dann fuhr ein Taxi vor. Der Unbekannte trat aus dem Gebäude und war im Nu im Wagen. Thomas war so verblüfft und frustriert, dass er es unterließ, das Kennzeichen des Taxis zu notieren. Er begann zu schreien und ohrfeigte sich in blinder Wut. Ein Passant trat mit besorgter Miene zu ihm und erkundigte sich nach seinem Wohlbefinden.
»Verzeihung, es ist nichts«, stotterte Thomas und ging davon. Seine ohnmächtige Ratlosigkeit erdrückte ihn. Eine verzehrende Wut und eine grenzenlose Verzweiflung trieben ihm Tränen in die Augen. Er begab sich auf den Heimweg.
Die enge Wendeltreppe führte von der Krypta in eine Kirche hinauf. Der muffige Geruch in der Gruft wurde vom leichten Duft der Kerzen und des Weihrauchs abgelöst. Die Treppe mündete neben einem Altar in den Chor der Kirche.
Neugierig schaute sich Erika um. Sie war nicht sehr groß, diese Kirche, in gotischem Stil erbaut, harmonisch in den Proportionen und in der Ausstattung, mit wunderschönen Kirchenfenstern. Die Kanzel war aus Holz und fein gearbeitet, geschnitzte Misericordien, kleine Gesäßstützen, die den Mönchen bei ihren langen Gebeten Erleichterung beim Stehen bieten sollten, schmückten die Chorstühle. Erika vermutete, dass sie sich in einer Klosterkirche befand. Ihre Ahnung wurde schon bald zur Überzeugung. Sie wurde durch das Querschiff der Kirche ins Freie geführt und befand sich in einem Kreuzgang.
Dem Stil nach war dieses Monasterium etwa im 15., spätestens im 16. Jahrhundert erbaut worden. Der gepflegte Patio ließ annehmen, dass das Kloster bewohnt war.
Die Gruppe bog in das Hauptgebäude ein. Erika wurde durch verwinkelte Gänge geführt. Voran ging ein Mann im grauen Anzug, mit einem Kreuz auf dem Revers. Hinter ihr folgten zwei stämmige Burschen wie Bodyguards. Es wurde nicht gesprochen. Die Schritte der kleinen Gruppe hallten auf den Fliesen wider. Auf den Gängen befanden sich in regelmäßigen Abständen rechts und links kleine Nischen mit Holztüren, dahinter wohl die Zellen der Klosterinsassen. Dann ging es wieder durch eine enge Treppe aufwärts. Der viereckige Rundgang auf dem oberen Stock war zum Innenhof hin offen. Erika konnte jetzt die Kirche sehen, aus der sie gekommen waren. Sie versuchte, sich möglichst viele Einzelheiten des Ortes einzuprägen. Sollte sie hier je lebendig hinauskommen, könnte jedes Detail für eine polizeiliche Untersuchung von Bedeutung sein.
Sie wurde in einen Raum geführt. Die Bücherregale an den Wänden und ein großer Holztisch mit mehreren Stühlen ließen vermuten, dass dies eine kleine Bibliothek oder ein Studierzimmer war. Zur rechten Hand war eine etwa mannshohe spanische Wand zu sehen, darüber der obere Rahmen einer zweiten Türe. Die beiden Fenster, die den Raum hätten erleuchten sollen, waren mit schweren Stoffen verhängt.
Man will verhindern, dass ich sehe, was in der Umgebung des Klosters liegt, dachte Erika.
Eine schwache Deckenlampe erhellte den Raum. Der Mann mit dem Kreuz am Revers bot ihr einen Stuhl an und nahm ihr gegenüber Platz. Sie saß nun mit dem Rücken zur Tür, die zum Nebenzimmer führte. Zuerst geschah nichts. Ihr Gegenüber fasste sie scharf ins Auge.
»Sie werden bald von einer Person Besuch erhalten, die nicht erkannt werden möchte. Schauen Sie also bitte immer in meine Richtung und drehen Sie sich nicht um.«
Erika warf den Kopf nach hinten und blickte den Mann zornig an. »Ich bin nicht gewohnt, Befehle entgegenzunehmen, besonders nicht von Leuten, die mich so behandeln wie Sie.«
Der Mann blickte sie nachdenklich an, und machte den Anschein, als möchte er etwas entgegnen. Doch dann zuckte er leicht mit den Achseln und schwieg. Man stellte ihr eine Karaffe mit Wasser und ein Glas hin. Dankbar goss sie sich ein, denn ihre Kehle war immer noch von der Betäubung gereizt. Im Übrigen spielte sie die Unbeteiligte. Sie versuchte, sich ihre Aufregung möglichst nicht anmerken zu lassen.
Nach einigen Minuten hörte sie, wie die Türe hinter ihr geöffnet wurde. Spontan wollte sie sich umdrehen, doch ihr Gegenüber erhob gebieterisch die Hand.
»Bitte schauen Sie nicht hinter sich. Diese Begegnung sollte sehr diskret verlaufen«, wiederholte er seine Anweisung.
Erika hatte ihre anfängliche Angst abgelegt, war sich aber sicher, dass ihre Entführer nicht zum Scherzen aufgelegt waren. Sie wollte diese Leute deshalb nicht unnötig provozieren. Sie hatte den Eindruck, dass sie sich nicht in akuter Gefahr befand. Hätte man ihr ein Leid antun wollen, hätten sich dazu vorher bessere Gelegenheiten geboten. Sie zuckte leicht mit den Achseln als Zeichen der Unterwerfung.
»Verzeihen Sie, dass wir Sie auf diese unfreundliche Art in unsere Gewalt gebracht haben«, ertönte hinter ihr eine Männerstimme mit einem fremden Akzent. »Wir haben das zu Ihrer eigenen Sicherheit getan.«
»Wie gütig von Ihnen«, sagte Erika bissig und strich ihre Haare aus der Stirn. »Sie sind wohl wie der Lebensretter, der jemanden mit roher Gewalt von der Bahnschiene bugsiert, um ihn vor dem nahenden Zug zu retten.«
Erika versuchte den Unbekannten einzuordnen. Er sprach zwar ein perfektes Deutsch, doch dem Akzent nach musste er ein Engländer oder Amerikaner sein.
»Ich möchte Ihnen ausdrücklich versichern, dass Ihnen von unserer Seite keine Gefahr droht«, tönte es hinter ihrem Rücken. »Sie brauchen sich also nicht zu ängstigen. Wir möchten uns nur mit Ihnen unterhalten. Danach dürfen Sie selbst entscheiden, was Sie tun wollen.«
»Wer ›wir‹?«, fragte Erika entschlossen. »Würden Sie sich bitte vorstellen?«
»Wir sind Menschen, die Sie besser kennen, als Sie sich vorstellen können.«
Erika huschte ein ungläubiges Lächeln über die Lippen. Für wen hielten sie diese Leute?
»Sie irren sich gewiss in meiner Person«, entgegnete sie dem Unbekannten.
»Nein, Frau von Weiland, das tun wir wirklich nicht«, kam die bestimmte Antwort.
Erika erschrak. Man nannte sie bei ihrem Namen. Das war befremdend. Was mochte der Grund dafür sein, dass diese oder andere Leute sie für so wichtig erachteten, dass sie sie entführten?
Der Mann in ihrem Rücken schien ihre Gedanken erraten zu haben.
»Sie fragen sich wohl, warum wir Sie hierher geholt haben. Haben Sie etwa eine Erklärung?«
»Ich vermute ein kolossales Missverständnis«, antwortete Erika.
