Die Autobiografie von Gucci Mane - Gucci Mane - E-Book

Die Autobiografie von Gucci Mane E-Book

Gucci Mane

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Beschreibung

Die lang erwartete Autobiografie von Gucci Mane, einem der erfolgreichsten und beliebtesten Hiphop- Künstler. Radric Delantic Davis, besser bekannt als Gucci Mane, ist einer der erfolgreichsten und kontroversesten Rapper der letzten Jahre. Seine einflussreichen Mixtapes und Straßenhits haben den Weg von Trap geebnet und eine ganze Generation von Künstlern wie Migos, Young Thug, Nicki Minaj, Zaytoven und Mike WiLL Made it maßgeblich beeinflusst. Die Kooperationen mit u.a. Selena Gomez, Mariah Carey, Rae Sremmurd, Kendrick Lamar und The Weekend haben wesentlich dazu beigetragen, Trap- Musik im Popgeschäft zu etablieren. Kurz: Gucci Manes Musik hat HipHop entscheidend geprägt. In seiner Autobiografie nimmt Gucci Mane uns mit zu seinen Wurzeln im ländlichen Alabama, auf die Straßen von East Atlanta, wo er aufwuchs, in Drogenküchen und Crackhäuser und in das Studio, in dem er seine Stimme als Rapper gefunden hat. Er reflektiert seine einzigartige Karriere, konfrontiert sich mit den Dämonen seiner Vergangenheit – der Mordanklage, den Jahren hinter Gittern, der Sucht – und erzählt uns die ganze Geschichte der Entstehung des Trap God. Eine der größten Comebackstories der Musikgeschichte und schon jetzt ein Klassiker.

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Die lang erwartete Autobiografie von Gucci Mane, einem der erfolgreichsten und beliebtesten Hiphop-Künstler.

Radric Delantic Davis, besser bekannt als Gucci Mane, ist einer der erfolgreichsten und kontroversesten Rapper der letzten Jahre. Seine einflussreichen Mixtapes und Straßenhits haben den Weg von Trap geebnet und eine ganze Generation von Künstlern wie Migos, Young Thug, Nicki Minaj, Zaytoven und Mike WiLL Made it maßgeblich beeinflusst. Die Kooperationen mit u.a. Selena Gomez, Mariah Carey, Rae Sremmurd, Kendrick Lamar und The Weekend haben wesentlich dazu beigetragen, Trap-Musik im Popgeschäft zu etablieren. Kurz: Gucci Manes Musik hat HipHop entscheidend geprägt.

In seiner Autobiografie nimmt Gucci Mane uns mit zu seinen Wurzeln im ländlichen Alabama, auf die Straßen von East Atlanta, wo er aufwuchs, in Drogenküchen und Crackhäuser und in das Studio, in dem er seine Stimme als Rapper gefunden hat. Er reflektiert seine einzigartige Karriere, konfrontiert sich mit den Dämonen seiner Vergangenheit – der Mordanklage, den Jahren hinter Gittern, der Sucht – und erzählt uns die ganze Geschichte der Entstehung des Trap God. Eine der größten Comebackstories der Musikgeschichte und schon jetzt ein Klassiker.

»Ein umfassender Einblick in die Geschichte eines der kontroversesten Rapper der letzten Jahre.«

VICE

»Wild, unvorhersehbar und faszinierend!«

Complex

Die Autoren

Gucci Mane wurde als Radric Delantic Davis 1980 in Birmingham, Alabama, geboren und ist einer der einflussreichsten und erfolgreichsten Rapper der letzten Jahre. Er lebt mit seiner Frau Keyshia Ka’oir in Atlanta, Georgia.

Neil Martinez-Belkin ist Journalist und Autor, u.a. für XXL Magazine und Noisey. Er lebt in Boston.

GUCCI MANE

DIE AUTOBIOGRAFIE

 

MIT NEIL MARTINEZ-BELKIN

AUS DEM ENGLISCHEN VON BERNHARD SCHMID

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

VERLAG ANTJE KUNSTMANN

 

 

 

Für Walter Davis sen., meinen Großvater mütterlicherseits&Olivia Dudley, meine Großmutter väterlicherseits

INHALT

• • • • •

Prolog

ERSTER TEIL

I Der Gucci Man – Das Original

II 1017

III Willkommen in Atlanta

IV Tief im Dope-Game

V Texaco

VI LaFlare

VII Die Zone 6 Clique

VIII Fluch & Segen

IX Sackgasse Springside Run

X Was heißt hier Mord?

ZWEITER TEIL

XI DeKalb to Fulton – Von Knast zu Knast

XII The Trap – zurück auf »los«

XIII Die So Icey Boyz

XIV Die Mixtape-Maschine

XV Das Gelbe vom Ei

XVI Bis zum Umfallen

XVII Voll im Tran

DRITTER TEIL

XVIII Alles im Lot

XIX Die Brick Factory

XX Böses Erwachen

XXI United States of America Vs. Radric Davis

XXII Ich geh meinen Weg

XXIII Con Air – Abflug zu den schweren Jungs

XXIV El Chapos Flucht

 

Dank

Bildnachweise

Index

PROLOG

13. September 2013

Die Polizei hatte mir am Tag zuvor die Pistole abgenommen, aber so ganz ohne Artillerie war ich nicht. Ich hatte ein ganzes Arsenal im Studio: Glocks, mehrere MAC-10, AR-15 mit Zielfernrohr und 100-Schuss-Doppeltrommelmagazin. Alles ganz offen und griffbereit. Ich war im Tony-Montana-Modus, bereit für den großen Showdown. Ich wusste nicht, wann er kommen würde oder mit wem oder warum, ich wusste nur, es würde was Schlimmes passieren und das bald.

Ich sah mich in meinem Studio um. The Brick Factory. Erst gestern noch schien das der angesagte Laden zu sein. Alle Welt kam vorbei. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Die Leute blieben oft tagelang. Jetzt nahm die Brick Factory sich eher aus wie eine Waffenkammer als ein Ort, an dem Musik gemacht wurde. Ich sah die Blicke der Leute, die vorbeikamen. Man hatte keinen Spaß mehr bei mir. Selbst Leute, die früher ständig vorbeischauten, blieben weg. Bis ich ganz allein dasaß.

Alle hatten sie wieder Angst. Nicht nur vor dem, was da mit mir passierte, nein, sie hatten Angst vor mir. Angst davor, mich anzurufen. Angst vor der Begegnung mit mir. Keyshia hatte versucht, vernünftig mit mir zureden. Nichts werde so heiß gegessen, wie’s gekocht würde, meinte sie. Dass meine Probleme zu bewältigen seien. Ich mache mir da nur unnötig Stress. Zusammen würden wir schon eine Lösung finden. Aber mir war nicht mehr zu helfen, und selbst Keyshia hatte ihre Grenzen. Einige Tage zuvor hatte ich sie angeblafft und sie hatte aufgelegt. Sie hatte die Nase voll.

Paranoides Wrack, das ich war, checkte ich den Monitor der Überwachungsanlage nach Aktivitäten draußen. Nichts. Der Parkplatz war leer. Das Tor war zu. Falls mich das beruhigt haben sollte, war’s damit vorbei, kaum dass ich den Blick vom Monitor nahm und mir meinen Knöchel ansah.

Die elektronische Fußfessel. Mit dem Teil saß ich wie auf dem Präsentierteller. Alle wussten, dass ich hier war. Und sie wussten auch, ich kam hier nicht weg.

Was nicht ganz stimmte. Ich sollte nicht weg. Aber ich war schon weg gewesen, am Tag zuvor, als ich bei Drew gewesen war, meinem Anwalt. Man hatte auf der Stelle die Bullen gerufen. So hatten die mich ja auch gefunden, die geladene 45er bei meinen Sachen. Sie hatten mich laufen lassen, aber die Knarre behalten wegen der Fingerabdrücke, von wegen Beweismaterial und so. Ich wusste also, dass meine Tage gezählt waren. Ich hatte mich nicht an meinen Hausarrest gehalten und mich obendrein noch mit den Bullen angelegt.

Scheiß drauf.

Wenn ich sowieso einfahren würde, könnte ich mich auch gleich noch um die Nigga* kümmern, mit denen ich Stress hatte, meine alten Partner, mit denen ich mich nicht mehr verstand. Sie hatten mir mehrmals gedroht. Ich wollte nicht warten, bis ich wieder raus war, um dahinterzukommen, ob es denen ernst war mit all dem Scheiß. Wir regelten das am besten gleich. Ich griff mir eine Glock .40 und was zu rauchen, dann zog ich los.

Auf dem Weg zu ihrer Bude fiel ich in eine Art Trance. Die ganze Moreland Avenue lang brabbelte ich wirres Zeug. Wie ein Zombie lief ich vor mich hin, bis mich das rot-blaue Blinken eines Streifenwagens in die Realität zurückriss. Bei mir herrschte sofort Alarmstufe Rot.

»Hi Gucci«, hörte ich. »Ich bin Officer Ivy, Atlanta PD. Was ist denn los?«

Bei mir bimmelten die Alarmglocken. Kein Polizist hatte mich je mit »Hi Gucci!« begrüßt.

»Alles in Ordnung? Ihre Freunde haben angerufen. Die machen sich Sorgen um Sie.«

Alarmsignal Nummer zwei. Meine Jungs sind alle verbriefte Zone-6-Nigga. Von denen ruft keiner die Bullen.

Da stimmte was nicht. Trotz all des Sirups in mir, der mich ausbremste, tat mein Herz einen Satz, als mir klar wurde, was da los war. Oder was ich dachte, was da los war. Der Typ war kein Cop.

Ich kannte Nigga, die so was abzogen. Warfen sich eine Uniform über, schraubten einen Lichtbalken auf ihren Dodge Charger und winkten einen rechts ran. Sie gaben sich als Polizisten aus, quatschten was von wegen Routinekontrolle, und bevor die Leute wussten, was da abging, lagen sie auch schon verschnürt im Kofferraum ihres eigenen Wagens.

»Gucci, haben Sie irgendeine Art Waffe bei sich?«

»Allerdings hab ich ’ne Waffe«, bellte ich und wies auf die Beule in meiner Jeans. »Lassen Sie Ihre lieber stecken. Ich ergeb mich erst, wenn Sie mir beweisen, dass Sie echt sind. Rufen Sie Verstärkung.«

Es tauchten weitere Beamte auf, was mich aber nicht beruhigte. Das Patt hielt an. Als ich ihnen sagte, ich würde sie über den Haufen schießen, wenn mich einer anfasste, gingen sie auf mich los, rangen mich zu Boden und nahmen mich fest. Ordnungswidriges Verhalten. Dann waren da noch die Glock und das Weed. Da machten sie später noch zwei weitere Anzeigen draus.

Handschellen oder nicht, ich gab nicht auf. Ich schrie, spuckte, trat um mich, als die Beamten ihr Bestes taten, um meiner Herr zu werden. Sanitäter kamen dazu und verpassten mir eine Spritze. Wollten die mich etwa vergiften? Als eine nicht reichte, drückten sie mir noch eine rein. Erst dann ließ meine Gegenwehr nach. Noch während ich auf eine Trage sank, machte das Zeug aus den Spritzen meinem Albtraum ein Ende.

14. August 2014

Ein knappes Jahr später saß ich in der Anhörung zum Strafmaß vor dem Bundesbe zirks gericht Georgia Nord und folgte einer Unterhaltung zwischen Bundesstaatsanwältin Kim Dammers und Richter Steve Jones:

»… Nichtsdestoweniger hält der Staat das Strafmaß für durchaus angemessen. Mr. Davis ist in Sachen Gewalt kein unbeschriebenes Blatt. Eine Klage wegen gefährlicher Körperverletzung 2005, wie sie Paragraf 29 des Fallberichts entnehmen können, darüber hinaus kam es zu einer Tätlichkeit, die einen Verstoß gegen Bewährungs …«

»Ich hab’s gesehen«, sagte Richter Jones.

»… auflagen darstellt. Paragraf 33. Ein derzeit noch schwebendes Verfahren wegen schwerer Körperverletzung. Paragraf 38.«

»Ich hab’s gesehen.«

»Und dann war da selbstverständlich noch der Mord im De-Kalb County, den man ihm zur Last gelegt hat, auch wenn es nie zu einer Anklage kam. Und schließlich war da noch eine Tätlichkeit im Henry County, bei der die Opfer sich nicht melden wollten. Liest man zwischen den Zeilen, so kann man mit einiger Berechtigung sagen …«

»Gewalt.«

»Angesichts der der Staat nicht bereit war, mit seiner Forderung im unteren Bereich des Strafrahmens zu bleiben. Die Differenz beträgt ohnehin nur zwei Monate. Es ist mehr eine Frage des Prinzips, aber ich halte eine Freiheitsstrafe von 39 Monaten für erheblich genug, um Mr. Davis den Ernst seiner Straftat vor Augen zu führen.«

Einige Minuten später war Richter Jones so weit, offiziell zu werden. Aber vor der Verkündigung des Strafmaßes hatte er noch ein paar Worte für mich.

»Mr. Davis, ich möchte Ihnen noch erklären, warum ich der von der Staatsanwaltschaft geforderten Haftstrafe von 39 Monaten ohne Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung entspreche. Wir haben es hier mit einem schwerwiegenden Vorwurf zu tun: unrechtmäßiger Schusswaffenbesitz. Sie sind vorbestraft. Laut Urteilsrichtlinien nach Paragraf 3553(a) habe ich über Vergangenheit und Charakter des Angeklagten hinaus auch die abschreckende Wirkung zu berücksichtigen. Sie sollten keine Schusswaffe besitzen. Außerdem habe ich die Gesamtsituation in Betracht zu ziehen, und nach Berücksichtigung von Urteilsrichtlinien und Fallbericht halte ich das Strafmaß unter den gegebenen Umständen für angemessen und vertretbar. Aber noch eines, bevor wir zum Urteil und seinen Einzelheiten kommen …

Sie sind noch ein junger Mann. Sie haben noch ein ganzes Leben vor sich. Nach allem, was ich von meinen Nichten und Neffen so höre, sind Sie ausgesprochen berühmt. Aber ich bin ein alter Mann, und ich habe im Lauf der Jahre eine Menge gesehen, darunter auch viele Prominente, die ihr Leben weggeworfen haben. Ich möchte hier keine Namen nennen. Ich bin sicher, Ihre Anwälte können das. Es sind viele berühmte Sportler darunter, eine Menge Prominenz aus Musik und Film. Wenn so jemand – also, wenn Sie den von Ihnen eingeschlagenen Weg weitergehen, dann werden Sie enden wie so einige von denen. Sie werden eines Morgens pleite aufwachen. Sie werden eines Morgens wieder im Gefängnis aufwachen. Oder schlimmer noch, Sie wachen eines Morgens überhaupt nicht mehr auf.

Sie haben ein Talent. Ich entschuldige mich noch mal, ich halte es noch mit den Four Tops. Man kommt da ja nicht mehr mit. Aber ich habe mehr über Sie in Erfahrung zu bringen versucht. Laut meinen Nichten und Neffen haben Sie eine große Karriere vor sich. Sie haben jetzt eine Haftstrafe abzusitzen, aber Sie sind danach noch immer ein junger Mann. Sie können eine Menge schaffen, wenn sie dem Gesetz folgen und sich daran halten.

Das Gesetz gilt für alle. Egal, wer Sie sind, was Sie machen, das Gesetz gilt auch für Sie. Es gilt für mich. Es gilt für Ms. Dammers. Es gilt für die Polizei. Für Ihre Anwälte Mr. Findling, Mr. Singer-Capek. Für alle hier im Saal. Halten Sie sich daran, und nach allem, was ich so gehört habe, können Sie noch eine ganze Menge schaffen.«

Neununddreißig Monate. Nicht dass ich überrascht war. Das war’s ja, worauf ich mich im Mai im Rahmen meines Deals mit der Staatsanwaltschaft eingelassen hatte.

Während der Richter, Ms. Dammers und meine Anwälte im Einzelnen die Bedingungen meiner Inhaftierung und der folgenden Bewährungsfrist durchgingen, begann ich zu rechnen. Wie schon tausend Mal zuvor, seit man mir den Deal angeboten hatte.

Neununddreißig Monate. Elf hatte ich bereits abgesessen, was bedeutete, mir standen noch achtundzwanzig bevor. Mit achtundzwanzig kam ich klar. Vielleicht würden es auch nur vierundzwanzig, wenn man mich den Rest als Hausarrest abbrummen ließ. Drew schien sich sicher zu sein, dass das drin war. Vierundzwanzig Monate. Noch zwei Jahre. Drei insgesamt.

Neununddreißig Monate. In etwa dieselbe Zeit hatte ich bis dahin in meinem Leben bereits hinter Gittern verbracht. Nur nicht auf einen Schlag. Neununddreißig Monate am Stück würde ich nicht auf einer Backe absitzen. Aber es war zu schaffen. Und wenn ich rauskam, hätte ich immer noch Zeit, mein Leben wieder auf die Reihe zu bringen.

Wenn ich wieder nach Hause kam, musste sich was ändern. Ich hatte noch eine Chance, aber es war meine letzte. Diesmal statuierten die ein Exempel mit mir. Das nächste Mal würden sie den Schlüssel wegschmeißen. Da war kein Platz für weitere Fehler.

Gut. Musste es diesmal eben anders gehen. Das eine oder andere hatte ich ja bereits geändert. Aber es gab noch zu tun. Wenn ich wirklich einen Neuanfang wollte, musste ich auch mental einen Schlussstrich ziehen unter alles, was mich an diesen Punkt gebracht hatte. Vielleicht schaffte ich das ja in zwei Jahren.

Über mein Leben zu sprechen ist mir nicht leichtgefallen. Das geht schon lange so, genauer gesagt, seit ich mir, genau in dem Augenblick, in dem ich im Rap-Game durchstartete, die Mordan klage eingefangen hatte. Ich weiß noch, wie ich aus dem DeKalb County Jail kam, nachdem man meine Kaution gestellt hatte, und die Reihe der Journalisten vor mir sah. Ich fragte mich, wie lange die mir wohl folgen würden. Ich fragte mich, wie lange mich die Ereig nisse jenes Abends verfolgen würden. Es war wirklich eine merkwürdige Zeit.

Ich hasste Interviews. Ich versuchte, Haltung zu bewahren, aber in mir gärte es, es stieß mir gewaltig auf, über Sachen reden zu müssen, über die ich nun wirklich nicht reden wollte. Ich sagte mir immer wieder, vielleicht sind die ja gar nicht so, diese Journalisten machten ja nur ihren Job. Womöglich wussten die ja nicht, wie daneben es war, mir bestimmte Fragen zu stellen. Dass sie gar nicht despektierlich sein wollen. Aber so empfand ich das eben, ein ums andere Mal.

Im Lauf der Jahre habe ich versucht, mir ein dickes Fell wachsen zu lassen, die Leute zu vergessen, so zu tun, als mache mir das alles nichts aus. Aber es ging nicht. Es gibt eben Dinge im Leben, unter die man nie ganz einen Schlussstrich ziehen kann, sosehr man das auch möchte.

Aber ich konnte versuchen, meinen Frieden mit all dem zu machen, was passiert war. Und es war viel passiert. Höhen und Tiefen und alles, was zu diesen Höhen und Tiefen geführt hatte.

»Mr. Davis, wollen Sie noch etwas sagen, bevor das Urteil ergeht?« Richter Jones’ Stimme holte mich in die Realität seines Gerichtssaals zurück. »Wollen Sie noch etwas vorbringen?«

»Ich möchte nur sagen, dass …«

»Stehen Sie bitte auf«, unterbrach er mich.

Ich stand auf.

»Ich möchte mich nur bei Ihnen bedanken und Ihnen sagen, dass ich auf jeden Fall bei meiner Erklärung bleiben möchte. Und ich danke Ihnen für Ihre Zeit.«

»Okay. Ich danke Ihnen, Mr. Davis.«

• • • • •

 

 

 

*Eine kurze Anmerkung zur Verwendung des Wortes »Nigga« in diesem Buch: Da es sich um die Autobiografie von Gucci Mane handelt, er seine Geschichte also selber erzählt, wird auch in der deutschen Ausgabe der Begriff »Nigga« verwendet. Allerdings mit einem »a« am Ende, welches die Differenz zu dem rassistischen Begriff »Nigger« darstellt und signifikant ist für die Verwendung des Begriffs durch schwarze Menschen. Als Weißer oder Weiße sollte man den Begriff aber auch in dieser Form nicht benutzen, da er auch dann noch seine verletzende und diskriminierte Bedeutung behält.

ERSTER TEIL

I

• • • • •

DER GUCCI MAN – DAS ORIGINAL

Meiner starken Bindung zu Atlanta wegen vergessen die Leute gern, dass ich erst mit neun Jahren nach Georgia gekommen bin.

Meine Wurzeln liegen in Bessemer, Alabama, einer ländlichen Grubenstadt circa zwanzig Meilen südwestlich von Birmingham. Meine Urgroßeltern väterlicherseits, George Dudley sen. und Amanda Lee Parker, waren 1915 aus dem noch rustikaleren Greensboro, Alabama, dorthin gezogen, wo der Stammbaum der Dudleys bis in die 1850er zurückgeht.

George sen. und Amanda waren auf der Suche nach einem besseren Leben nach Bessemer gekommen. Die Gegend ist reich an Bodenschätzen wie Kohle, Kalkstein, Eisenerz – also an allem, was die damals boomende Stahlindustrie brauchte. George sen. bekam dort einen sicheren Job in einer Erzgrube der alten Red Ore Mining Company in Muscoda gleich nebenan.

Damals kümmerten sich Stahlkonzerne noch um ihre Arbeiter. So bekamen sie etwa billige Wohnungen, sodass die schwarzen Bergleute der kleinen Grubengemeinde Muscoda überwiegend in werkseigenen Häusern lebten. Der Betrieb sorgte darüber hinaus für Schulen, eine Kirche, eine Apotheke und einen werkseigenen Laden, wo Arbeiter Lebensmittel und Sonstiges auf Kredit bekamen.

So dauerte es denn auch nicht lange, bis die Weißen aus der Gegend neidisch wurden auf die Häuser der Schwarzen und deren werkseigene Sozialleistungen. Sie kamen zu dem Schluss, dass sie ihnen zustanden, und drängten die Schwarzen raus. Viele von denen standen damit auf der Straße. Nicht so mein Urgroßvater. Mit einer Frau an seiner Seite, die auf den Cent sah, kaufte er in Bessemer das Häuschen mit der Nummer 723 an der Hyde Avenue, das der Familie noch heute gehört.

George und Amanda hatten zwölf Kinder miteinander, von denen zehn das Erwachsenenalter erreichten; in der Nummer 723 ging es entsprechend lebhaft zu. Aber die beiden waren liebe Leute mit großen Herzen, deren Haus neben der Familie stets auch Freunden eine warme Mahlzeit und ein Nachtlager bot.

Wenn George sen. seine Lohntüte abholte, war die nicht selten leer, da er dem Firmenladen Geld für Lebensmittel schuldete. Nicht dass ihn das gestört hätte.

George sen. aß für sein Leben gern – wie überhaupt alle Dudleys – und er achtete darauf, dass auch die Familie ordentlich aß. Er kam nach einem langen Tag in der Grube völlig fertig nach Hause und brachte trotzdem noch die Energie auf, sich für seine Familie an den Herd zu stellen. Und auch den Kindern brachte er immer was mit: Kekse, Lutscher, Obst. Und immer wurde gerecht geteilt.

Eines dieser zwölf Kinder war mein Großvater James Dudley sen., der am 5. April 1920 auf die Welt kam. James sen. war zwölf Jahre Koch beim Militär und diente im Zweiten Weltkrieg. Nach dem Militärdienst unterrichtete er Radio- und Fernsehtechnik an der Berufsfachschule von Wenonah; später ging er dann zur Post.

James sen. heiratete am 20. September 1941 Olivia Freeman. Sie hatten elf Kinder, von denen das sechste, mein Vater Ralph Everett Dudley, am 23. August 1955 zur Welt kam.

Mein Vater hatte in seinem Leben mehrere Namen: Slim Daddy, Ralph Witherspoon, Ricardo Love. Für unsere Geschichte hier ist aber nur einer wichtig, und den hatte man ihm bereits als junger Kerl gegeben: Gucci Mane. Genau. Er ist das Original.

Die Sache ist die: James sen. legte zeitlebens Wert auf seine Kleidung. Er stand einfach auf schicke Klamotten und teure Treter. Und Gucci? Nun, er hatte beim Militär einige Jahre in Italien zugebracht und sich dort in die Marke verknallt.

Ursprünglich hatte James sen. den Spitznamen Gucci einem seiner Neffen gegeben, einem älteren Cousin meines Vaters, dem mein Vater nicht von den Hacken wich. Genervt von dem kleinen Cousin mit seinem ständigen »Komm schon, Mann«, begann er meinen Vater als den »Gucci Man« zu bezeichnen. Dass aus dem »Man« dann »Mane« wurde, liegt mit Sicherheit nur an Alabamas nöligem Dialekt. So ist etwa einer meiner Onkels mütterlicherseits für alle nur Big Mane.

Von Tante Kaye weiß ich, dass mein Vater als Junge ziemlich fix im Kopf, aber still und sensibel war. In der Schule war er immer der Beste. Er hatte einen Sprachfehler und musste immer wieder mal was buchstabieren, damit man ihn verstand. James sen. konnte als alter Soldat mit Vaters sanfter Art im Großen und Ganzen nichts anfangen. Immer wieder blaffte er ihn an, sich doch endlich gegen die Jungs im Viertel zu wehren.

Als junger Mann dann zeigte mein Vater jedoch, was in ihm steckte. Nachdem der Sprachfehler überwunden war, redete er plötzlich mit Engelszungen und wurde richtig leutselig. Er trug Levis, spielte Gitarre und hörte Jimi Hendrix, Peter Frampton, Mick Jagger und die anderen Rockstars der 70er-Jahre. In seinem Zimmer hingen Gitarren an der Wand und Dekorstoffe von der Decke. Er fuhr ein kleines Cabrio, einen zweisitzigen MG Midget. Er war supercool und für einen jungen Schwarzen in Alabama war er seiner Zeit weit voraus.

Nach seinem Abschluss an der Jess Lanier High School 1973 verpflichtete mein Vater sich bei der Army. Mit der war er zwei Jahre in Südkorea. Als er 1976 nach Alabama zurückkam, ging er kurz aufs College, bevor er zu Hercules Powder, einem Dynamithersteller in Bessemer, ging. Schließlich wechselte er zum Chemieriesen Cargill, Inc. Mein Vater nutzte nach Kräften die Veteranenförderung und machte mehrere technische Lehren. Er war wirklich ein verdammt cleverer Typ.

Aber als arbeitenden Menschen sollte ich meinen Vater nie kennenlernen. Ehrlich, ich habe den mein Lebtag keiner geregelten Arbeit nachgehen sehen. Das war alles vor meiner Zeit. Nach allem, was ich mitbekam, war mein Vater ein Hustler, ein kleiner Gauner, ein Rumtreiber, mehr als jeder andere, den ich je gekannt habe, von der Straße geprägt. Aber ich greife vor. Mehr dazu später.

Meine Mom ist auch aus Bessemer. Vicky Jean Davis ist die Tochter von Walter Lee Davis. Walter und seine Geschwister wuchsen im Autauga County, Alabama, unweit von Montgomery auf.

Walter war während des Zweiten Weltkriegs im Pazifik stationiert, wo er auf der USS South Dakota diente, einem Schlachtschiff mit dem Spitznamen »Old Nameless«. Er war Koch auf der Old Nameless, sprang aber bei der Schlacht von Santa Cruz im Oktober 1942 hinter eines der Bordgeschütze und ballerte los. Er schoss mehrere Maschinen ab, bevor ihn ein japanischer Tiefflieger in Fetzen schoss. Es erwischte ihn so schlimm, dass er damit in den Zeitungen landete.

»Er sah aus wie eines der Siebe aus seiner Küche«, sagte sein Kapitän, Vizeadmiral Tom Gatch. »Aber Unkraut vergeht nicht.« Es grenzte an ein Wunder, dass er die Schlacht überlebte.

Als er wieder nach Hause kam, zog Walter nach Bessemer, wo er Arbeit bei Zeigler’s, einer Fleisch- und Wurstfabrik, fand. Er brachte es da zu einem der ersten schwarzen Vorarbeiter.

Außerdem lernte er dort seine Frau Bettie kennen. Die beiden hatten sieben Kinder miteinander – Jean, Jacqueline, Ricky, Patricia, Walter jun., Debra und Vicky. Außerdem hatte Bettie noch zwei Söhne – Henry und Ronnie – aus zwei früheren Ehen.

Meine Mutter hatte es in ihrer Kindheit nicht leicht. So um die Zeit ihrer Geburt begannen Walter und Bettie zu trinken. Kurz dar auf gehörte Gewalt bei der Familie Davis zum Alltag. Bis auf den heutigen Tag erzählt man sich in meiner Familie, wie bitterböse meine Oma Bettie Davis werden konnte, wenn sie betrunken war. Wenn die kleine Frau sich beim Abendessen mit jemandem in die Haare kriegte, fuhr sie mit der Gabel über den Tisch und stach zu. Nach allem, was ich gehört habe, hat sie sogar mal auf meinen Opa geschossen, Herrgott noch mal.

Als sie mit vierundvierzig, also ziemlich jung noch, an einem Schlaganfall starb, mussten die Schwestern meiner Mutter die Elternrolle für ihre jüngeren Geschwister übernehmen. Sie sorgten dafür, dass alle ein Dach über dem Kopf und was zu essen auf dem Tisch hatten, aber die Situation ließ einiges zu wünschen übrig. Meine Tanten waren schließlich nur wenige Jahre älter als Mom, und die besten Vorbilder hatte keine von ihnen gehabt.

Aber hart im Nehmen, wie meine Mom nun mal ist, passte sie sich an und stand das durch. Vicky Davis war damals schon die ausgesprochen gescheite, fleißige und findige Frau, die sie heute noch ist. Und tough. 1975 machte sie ihren Abschluss an der Jess Lanier High School und dann einen am Lawson State Community College. Danach ging sie ans Miles College, einer historisch schwarzen Schule in Fairfeld, Alabama, und studierte Sozialarbeit.

Und während dieser Zeit, so um 1978, lernte sie Ralph Dudley kennen. Mein Vater kannte die Familie Davis schon lange. Er war mit meiner Tante Pat auf der Highschool in dieselbe Klasse gegangen. Meine Mutter hatte er aber noch nicht gekannt. Als die beiden sich dann kennenlernten, fühlten sie sich sofort voneinander angezogen. Im Handumdrehen hatten sie sich ineinander verliebt.

Meine Mom hatte bereits einen Sohn, meinen älteren Bruder Victor, den aber alle Duke nennen. Dukes Vater kümmerte sich nicht um ihn. Außerdem hat er einen Halbbruder, Carlos, der im selben Jahr, ja sogar im selben Monat zur Welt kam wie er. Womit klar war, was sein Daddy seinerzeit trieb.

Während meine Mutter schwanger war, kam mein Vater mit dem Gesetz in Konflikt. Man hatte ihn mit Drogen erwischt – was in den Siebzigern keine Kleinigkeit war. Er würde einfahren, so viel stand fest. James sen. war erst kürzlich unerwartet gestorben, und meine Großmutter Olivia – die wir Madear nennen – hatte noch immer Kinder im Haus. Anstatt sich also der Verantwortung zu stellen und ins Gefängnis zu gehen, was Madear nur Stress gemacht hätte, machte mein Vater sich aus dem Staub.

Er ging in den Norden, genauer gesagt nach Detroit, wo er denn auch am 12. Februar 1980 war, am Tag meiner Geburt.

Da mein Vater die Geburtsurkunde nicht unterschreiben konnte, gab man mir den Nachnamen meiner Mutter, und so erblickte ich als Radric Delantic Davis das Licht der Welt. Wie meine Zeugung neun Monate zuvor war mein Vorname Radric ein Produkt der Verbindung meiner Eltern, halb Ralph, halb Vicky.

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II

• • • • •

1017

Aufgewachsen bin ich bei meinem Opa in der First Avenue 1017, einem olivgrünen Häuschen in Bessemer einen Block von der Bahnlinie parallel zur Alabama Avenue. Gewohnt haben dort mein Opa, meine Mom, Duke und ich. Nicht dass wir je alleine gewesen wären.

Die Nummer 1017 beherbergte im fliegenden Wechsel eine Reihe von Angehörigen, die jederzeit hereinschneien konnten. Mein Onkel Walter jun. zum Beispiel; Goat, wie er bei uns heißt, wohnte dort, wenn er mal grade nicht saß. Oder es zog für ein Weilchen eine meiner vielen Tanten mit ihren Kindern ein.

Das Haus war klein, 62 Quadratmeter, um genau zu sein; da konnte es schon mal eng werden. Manchmal bekamen Duke und ich das Stockbett, manchmal schlief ich auf der Couch; manchmal reichte es nur für den Boden. Mein Opa hatte immer ein Extraklappbett in seinem Zimmer. Einmal stand im Wohnzimmer sogar ein richtiges Bett. Das ging mal so, mal so.

Als Kind war für mich Walter sen. mein »Daddy«, so nahe standen wir uns. Hochgewachsen und schlank wie er war, wirkte Opa wie so ein richtiger Gentleman. Er trug auch werktags Anzug und Schlips. Samstags ging einer meiner Cousins rüber zur Reinigung, um die frisch geplätteten Sachen für die nächste Woche zu holen. Er brachte ihm auch gleich Zigaretten mit. Camels ohne Filter. Damals verkaufte man noch anstandslos Zigaretten an Kids.

Mein Opa und ich hatten eine ganz spezielle Routine. Wenn ich ihn einen Block weiter von der Kirche – der First Baptist an der Ninth Street – zurück- und die First Avenue raufkommen sah, ließ ich die anderen allein weiterspielen, Kickball, Football, was immer, und zischte los. Ich nahm ihn bei der Hand und half ihm den Rest des Wegs zurück zum Haus.

»Ihr Enkel hängt aber schon sehr an Ihnen, Mr. Walter«, riefen ihm die alten Damen von der einen oder anderen Veranda aus zu.

Der Witz dran war, dass mein Opa niemanden brauchte, der ihm beim Gehen half. Sein Stock tat es durchaus. Schon gar zur Kirche. Aber er spielte mit und begann zu hinken, als käme er ohne mich nicht aus. Das war etwas, was wir beide für uns alleine hatten, und ich war irre stolz darauf, so neben ihm herzugehen.

Wie so einige in meiner Familie hatte er aber auch seine Dämonen. Ich weiß nicht, ob Opa zur Flasche griff, um mit den seelischen Kriegsfolgen fertig zu werden oder den physischen. Er hatte am ganzen Körper die übelsten Narben. Aber vielleicht war’s auch was ganz anderes. Was immer es gewesen sein mochte, Walter sen. trank.

In Bessemer tranken die Leute größtenteils Pennerweine, aufgespritetes Zeug wie Wild Irish Rose oder Thunderbird. Mein Opa hielt es dagegen mit den harten Sachen. Er trank Bourbon. Er und seine Freundin Miss Louise gingen in einen der Läden im Viertel, wo man das Zeug – illegal – Glas für Glas ausschenkte, und soffen sich zu. Dann kamen sie mit ziemlicher Schlagseite und blutunterlaufenen Augen die First Avenue rauf nach Haus.

Aber ich liebte meinen Opa. Jeden Abend saß ich auf seinem Knie vor dem Fernseher. Wenn ich mal frech war, scheuchte er mich durchs Haus und drohte, mir den Hintern zu versohlen. Ich warf mich dann lachend unter sein Bett, weil ich wusste, dass ich da für ihn außer Reichweite war.

Nicht weniger nah als ihm stand ich Madear, meiner Großmutter väterlicherseits. Sie spielte eine große Rolle in meinem Leben, als Mom noch am College war.

Madear wohnte auf der anderen Seite der Bahn in Jonesboro Heights, einem noch ruhigeren, noch ländlicheren Teil von Bessemer auf einer Anhöhe direkt vor der Stadtgrenze. Es war eine verschworene Gemeinschaft aus drei Straßen – Second Avenue, Third Avenue und Main Street – und zwei Kirchen, der New Salem Baptist und der First Baptist. Die Leute dort nannten ihr Viertel liebevoll Happy Hollow.

Kaum konnte ich mit einem Rad umgehen, fuhr ich alleine da rüber. Wofür ich jedes Mal Ärger bekam. Happy Hollow lag ja nicht grade um die Ecke. Es war ein ziemliches Stück entfernt. Außerdem musste ich dazu über den Highway. Für einen kleinen Jungen waren die anderthalb Meilen ein richtiger Trek. Aber ich war nun mal gern bei Madear. Sie verwöhnte mich.

Immer wenn ich zu ihr kam, hatte sie was für mich – Spielsachen, Malbücher, einen GI Joe. Stundenlang guckten wir zusammen fern. Manchmal Wrestling, manchmal Wheel of Fortune, manchmal Jeopardy!.

»Was hab ich nur für ein gescheites Enkelkind«, sagte sie, wenn ich die Antwort auf eine der Fragen wusste. »Ich brauch noch nicht mal mehr zu überlegen, weil ich mich drauf verlassen kann, dass mein Radric die Antworten weiß.«

Wenn ich nicht bei meinen Großeltern war, hatte mich mein Bruder am Hacken. Duke ist sechs Jahre älter, ihr könnt euch also vorstellen, was da lief. Für mich war er supercool, und ich wich ihm nicht von der Pelle. Ich ging ihm wirklich auf den Geist. Ständig zog ich seine Klamotten an und versuchte mit ihm und seinen Jungs abzuhängen.

Duke war da alles andere als scharf drauf, aber auch wenn er sich bloß Sorgen um mich machte, es war mir egal. Ich verfolgte ihn und seine kleine Crew auf dem Rad, wenn auch in gehörigem Abstand, weil er mir die Hucke vollhaute, wenn er merkte, dass ich hinter ihnen her war. Er wollte nicht, dass ich mitbekam, was er und seine Freunde so trieben. Ich beobachtete sie dabei, wie sie im Laden an der Ecke Bier stahlen oder Steine in Autofenster schmissen und davonliefen. Alles halb so wild; Scheiß, wie ihn Teenager am Land eben so bauen. Aber ich war nun mal ein neugieriges Kerlchen. Ich musste immer wissen, was jeder um mich rum so trieb.

Duke war der volle Musikfreak. Er hat mich auf all die großen Hiphop-Sachen der 80er-Jahre gebracht. Jede Woche ging er in Bessemer auf den Flohmarkt und brachte das grade angesagte Album mit. Er schob die Kassette in seine Boombox, und dann hörten wir sie uns an. Endlos. Wir konzentrierten uns auf die Texte und lernten sie auswendig. Dann rappten wir miteinander, abwechselnd, Vers für Vers.

Selbst wenn Duke nicht dabei war, hörte ich mir seine Tapes an. Aktiv, sorgfältig, eifrig. Ich studierte sie praktisch, Herrgott noch mal.

Duke nahm mich auch mit auf meine ersten Konzerte im Birmingham Civic Center. Im Sommer 1986 sah ich dort Run-DMC, die Beastie Boys, Whodini und LL Cool J auf der Raising Hell Tour. Ich war sechs Jahre alt. Ich war total weg. Zwei Sommer darauf sah ich Kool Moe Dee, Eric B. & Rakim, Doug E. Fresh, Boogie Down Productions, Biz Markie und Ice-T auf der Dope Jam Tour. Was für ein Line-up! Als Kool Moe Dee seinen Diss auf LL Cool J »Let’s Go« brachte, drehten die Leute ab. 1989 sah ich dort NWA Das war das Konzert, nach dem man MC Ren beschuldigte, im Tourbus ein Mädchen vergewaltigt zu haben.

Unser Zimmer in der Nummer 1017 war voller Poster von all den Leuten. Vom Boden bis zur Decke. Die gab’s in jedem Heft von Word Up!. Sein Lieblingsposter war eines mit LL Cool J und Mike Tyson. Man sah im ganzen Zimmer nicht ein Fitzchen Wand, so viele Poster waren da.

Von Zeit zu Zeit tauchte mein Vater klammheimlich bei uns in Alabama auf. Wir freuten uns auf diese Besuche. Er fuhr immer in einem blitzblanken weißen Cadillac vor, einem Fleetwood Brougham mit weißem Lederinterieur. Er war groß – über eins neunzig – und schlank. Er stieg aus dem Wagen mit Spielzeug für mich und Duke und einem Bündel Scheine für Mom. Für uns war damals völlig klar, dass Vater immer Geld auf Tasche hatte. Für mich war der Typ stinkreich.

In meiner Kindheit hieß es immer, mein Vater sei Labortechniker, was irgendwann auch mal gestimmt hat. Aber als ich geboren wurde, war das lange vorbei.

»Ach, Labortechniker ist der?« Madear lachte, als ich ihr das erzählte. »Na, dann sag mir doch mal, was der bei der Arbeit anhat?«

Woher sollte ich wissen, was er bei der Arbeit anhatte? Ich kannte den Mann doch kaum.

Wenn ich überhaupt so was wie einen Vater hatte, dann war das mein Großvater. Ich war sieben, als er starb. Duke und ich waren zu Hause, als mein Onkel Goat mit Walter sen. auf den Armen hereingewankt kam. Er war auf der Straße zusammengeklappt.

Nicht dass das das erste Mal gewesen wäre. Wie gesagt, hatte mein Opa keine Probleme mit der Fortbewegung, solange er nüchtern war. Betrunken hatte ich ihn auch schon mal in den Abflussgraben der First Avenue kippen sehen. Mein Onkel oder einer der Nachbarn sammelte ihn dann auf und brachte ihn ins Haus. Ehrlich gesagt, war das ziemlich normal.

Aber diesmal war das anders. Diesmal war es ein Herzanfall. Es war das letzte Mal, dass ich Walter sen. sah. Goat brachte ihn ins Schlafzimmer und zog die Tür hinter sich zu. Als die Sanitäter kamen, war er schon tot.

Am nächsten Tag kam alles vorbei, was mit Nachnamen Davis hieß. Es war ein Riesenaufriss. Komplett mit Hysterie. Bei der Beerdigung führten Mom und meine Tanten sich auf wie die Irren, sprangen rum, heulten, schrien, als wären sie am liebsten zu ihm in den Sarg gestiegen. Man musste es gesehen haben.

»Warum, lieber Gott, warum?«

Der Tod meines Großvaters markierte den Anfang vom Ende meines Lebens in Bessemer. Wenige Stunden nach der Beerdigung lag sich die Familie auch schon in den Haaren. Das sollte noch jahrelang so gehen, vor allem unter den Frauen. Nach außen hin ging es um Walter seniors Haus, aber letztlich saß das tiefer. Es war ein Machtkampf um die Rolle der Matriarchin. Und das hieß, dass meine Mutter gegen ihre beiden älteren Schwestern antrat, meine Tanten Jean und Pat.

Wenn ich sage, dass Mom und meine Tanten sich stritten, dann floss da Blut, und das nicht nur einmal. Die keilten sich wie im Saloon und das bis raus auf den Rasen vorm Haus, wo die Nachbarn sie sahen.

Eines Abends stieß Mom Tante Jean durchs Wohnzimmerfenster. Ein andermal kam Tante Pat mit einem Kanister Benzin vorbei und schrie, sie würde das Haus abbrennen. Es wurde so schlimm, dass Mom mich und Duke zu einer Freundin mitnahm, nur um uns aus dem Chaos rauszuschaffen.

Inmitten all des Gezankes und der Prügeleien begann Mom sich in der Kirche zu engagieren. Vor ihrer Erleuchtung rauchte Vicky Davis Zigaretten, ab und an auch mal einen Joint. Nach allem, was ich gehört habe, vertickte sie sogar etwas Weed. Aber mit alledem war in dem Augenblick Schluss, in dem sie ihr Heil in der Kirche fand. Sie hörte sogar zu fluchen auf.

Bei alldem, was in der Familie so abging, setzte Mom es sich in den Kopf, uns aus Alabama rauszuschaffen. Das Leben in Bessemer wurde nicht viel besser, als sie einen Job bei Pullman-Standard – dem Hersteller von Eisenbahnwagen – fand, wo man mehr bezahlte als irgendwo sonst. Mehr konnte man damals nicht wollen; es war so ziemlich alles, was drin war. Aber sie wollte mehr. Für sich selbst, für mich, für Duke.

Mom hatte damals einen Freund, der beruflich zwischen Birmingham und Atlanta unterwegs war. Er hatte uns einmal in den Freizeitpark dort mitgenommen. Six Flags. Eines Tages sagte Mom dann Duke und mir, wir würden mit ihm nach Atlanta ziehen. Wir hatten alles gepackt und standen mit unseren Sachen reisebereit am Straßenrand. Aber der Typ kreuzte nicht auf.

Es sollte noch fast ein Jahr dauern, bevor wir dann tatsächlich umzogen. Über die Kirche lernte Mom einen anderen Mann kennen. Donald schien mir immer ein netter Kerl, Kirchgänger und so. Beruflich fuhr er einen Truck. Nach allem, was ich mitbekam, waren er und Mom bloß Freunde. Er hatte vor, wieder nach Georgia zurückzuziehen, und da er unsere turbulente Familiensituation kannte, wollte er uns mitnehmen. Wir sollten bei ihm unterkommen, während Mom sich Arbeit suchte und finanziell auf die Beine kam.

Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte, als Mom uns ein zweites Mal sagte, dass wir umziehen würden. Duke war es so peinlich gewesen, als man uns das erste Mal stehen ließ, dass er es noch nicht mal zur Kenntnis nahm. Er sagte weder seinem Footballtrainer noch seinen Freunden, dass er wegging. Er packte noch nicht mal. Also packte ich auch nicht. Aber siehe da, Donald tauchte tatsächlich auf.

Duke war gar nicht glücklich darüber. Alles, was meinem Bruder etwas bedeutete, war in Alabama. Und er hatte dort Pläne. Er träumte davon, für die University of Alabama Football zu spielen und dann Profi zu werden. Er wollte in Bo Jacksons Fußstapfen treten und der nächste Spitzensportler aus Bessemer werden. Er wollte nicht weg und konnte nicht verstehen, warum das sein musste.

Ich verstand sehr gut. Sosehr ich meine Tanten und meine Cousins mochte, das ständige Gezanke machte mir zu schaffen. Das war doch kein Leben. Selbst mit neun Jahren dachte ich, wie blöd das doch war, sich derart zu zanken. Um das baufällige kleine Haus? Die hatten sie doch nicht mehr alle.

An dem Tag, an dem wir nach Georgia abreisten, stand die ganze Straße vor der Tür, um sich von uns zu verabschieden. Aus Bessemer wegzugehen, das war was ganz Großes. Man ging dort nicht einfach so her und zog weg. Die Familien dort gehörten seit Generationen zusammen.

Als der U-Haul-Truck losfuhr, liefen die Leute hinter uns her. Ich winkte meiner Familie und meinen Freunden zum Abschied zu.

Wow. Ich werd wahrscheinlich keinen von denen je wiedersehen.

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III

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WILLKOMMEN IN ATLANTA

Im August 1989 trafen wir in Ellenwood, Georgia, ein.

Ellenwood ist eine Vorstadt einige Meilen außerhalb von Atlanta. Der Unterschied zu Bessemer schien nicht allzu groß. Die Leute flohen vor der Hitze im Haus auf die Veranda; Hasen und Eichhörnchen liefen durch die Gärten; die Kinder spielten draußen und fuhren Rad, ohne Angst haben zu müssen, dass was passiert Alles wie gehabt. Nur sollten wir nicht allzu lange in Ellenwood bleiben.

Ein paar Monate nach unserem Umzug versöhnte Donald sich mit seiner Ex, worauf sie mit ihrem Sohn bei uns einzog. Donald war ein anständiger Kerl, und soweit ich das beurteilen kann, hat er Mom nie gesagt, dass sie ausziehen soll. Aber von dem Tag an, an dem seine Frau bei uns einzog, war klar, dass die uns nicht im Haus haben wollte. Eines Tages riss sie Dukes Poster ab, die er aus Bessemer mitgebracht hatte, und schmiss sie in den Müll. Mein Bruder war am Boden zerstört.

Völlig unmöglich, dass Mom und diese Frau sich das Haus teilten. Aus jeder Meinungsverschiedenheit wurde ein Riesenkrach. Es dauerte nicht lange, und Mom wollte da raus.

Nur wo sollten wir hin? Mom hatte keine Ahnung, wo sie mit uns hinziehen sollte, geschweige denn dass sie die Mittel hatte, um uns dort hinzubekommen. Wir waren ja neu in Georgia. Wir hatten dort keine Familie, keine Freunde, niemanden, sodass wir völlig auf uns gestellt waren.

Wir wussten, dass mein Vater irgendwo in der Gegend war. Nachdem er aus Alabama nach Detroit ausgerückt war, hatte er sich schließlich in Atlanta niedergelassen, weil da sein älterer Bruder wohnte, mein Onkel James jun., bei dem er unterkam, bis er was Eigenes gefunden hatte. Nur hatten er und Mom seit einer Ewigkeit nicht mehr miteinander geredet. Ein, zwei Jahre zuvor hatte sie gehört, dass er eine andere Frau kennengelernt und zwei Söhne mit ihr hatte – meine Halbbrüder Ralph und Courtney Walker. Damit war es mit seinen Besuchen in Bessemer aus.

Aber unsere Situation war verzweifelt. Und so rief Mom schließlich Madear an, die meinen Vater nach Ellenwood schickte, um uns zu holen. Er kam auf der Stelle. Er konnte es kaum erwarten, uns wiederzusehen – es war Mom gewesen, die ihn nicht hatte sehen wollen. Wir schafften unseren Kram in ein Zeitlager, und mein Vater quartierte uns in einem Knights Inn Motel an der Bouldercrest Road an Atlantas Eastside ein. Hier begann ich mit der Stadt vertraut zu werden, die mich prägen sollte.

Atlantas Drogengeschäft ist eng verknüpft mit seinen Wurzeln als Eisenbahnknotenpunkt. Der Gedanke hinter der Gründung Atlantas war die Verbindung der Bahnlinien aus allen Himmelsrichtungen, was die Stadt zur wesentlichen Verkehrsdrehscheibe des amerikanischen Südwestens machte. Selbst die Zerstörung der Bahnlinien im Bürgerkrieg konnte nicht an Atlantas Stellung als Mekka des Transports rühren. Man ersetzte die Schienen durch ein Netz von Highways, das die Stadt mit dem Rest der Vereinigten Staaten verband. Ein Spaghettiknoten eben. Kurzum, Atlanta hat eine lange Geschichte in Sachen Transport von Mensch und Ware; der Drogenhandel ist ein organischer Teil davon.

Als Mitte der Achtziger Crack aufkam, schlug es in Atlanta ein wie eine Bombe. Hinter dem größten Teil der Drogenflut, die über Atlantas Sozialsiedlungen hinwegschwappte, steckte eine Crew aus dem Süden von Florida, die Miami Boys. Aber als wir nach Georgia zogen, waren die Jungs bereits auf dem Weg ins Aus. Die Stadt riss sich sämtliche Beine aus, um für 1996 die Olympischen Spiele zu kriegen und mehr Touristen anzuziehen. Dazu musste man etwas gegen den Ruf Atlantas als gefährlicher Drogensumpf tun. Mit anderen Worten: Die Miami Boys mussten gehen. Das FBI rückte an und schmiss sie raus.

Nicht dass es groß was gebracht hätte. Das Ausschalten einer großen Gang machte nur Platz für eine Menge kleinerer Crews. Und als die dann antraten, knallte es. Die Gewalt ging weiter. Drogen gab es wie eh und je. Selbe Scheiße, nur in Grün.

Für die Leute im Rathaus konnte das nicht angehen. Atlanta brauchte die Olympiade. Im Rahmen der Bemühungen, die Schattenseiten der Stadt herunterzuspielen, begann die Polizei an der Kriminalstatistik zu drehen. Gewaltverbrechen wurden als bloße Vergehen deklariert, viele andere Polizeiberichte wanderten in den Müll. Das ging Jahre so.

Aber ich will mich hier nicht zum Historiker des Dope-Games aufspielen, schließlich hatte ich von all dem Scheiß damals keine Ahnung. Ich war zehn Jahre alt, Herrgott noch mal. Ich wusste nur, dass mein Viertel eine verdammte Drogenzone war. Zone 6, um genau zu sein.

Unser Knights Inn war so drogenverseucht wie die ganze Eastside. Die Deals liefen mitten auf der Straße am helllichten Tag. Prostituierte an jeder Ecke. Die International Robbing Crew lauerte ständig auf eine Gelegenheit, einen abzuziehen. Es war wirklich ein hartes Pflaster.

Es waren eine Menge Gerüchte im Umlauf, dass Kinder entführt, belästigt oder gar umgebracht wurden. Die Kindermorde von Atlanta – denen fast dreißig schwarze Jungs und Erwachsene zum Opfer fielen – waren schon zehn Jahre her, aber die Geschichte hing immer noch wie eine finstere Wolke über den Familien der Stadt. Eine Menge Leute schienen der Ansicht, dass Wayne Williams die nicht allein auf dem Gewissen hatte, wenn überhaupt.

Für ein kleines Kerlchen vom Land war das alles zum Fürchten. Ein Kulturschock. Meine neue Umgebung war so was von aggressiv. Die Leute hier schienen so fies, ja grausam.

Wir lebten fast ein Jahr lang im Knights Inn, bevor wir alle vier nach Mountain Park zogen, eine Siedlung aus flachen roten Ziegelbauten an der Custer Avenue. Es war etwas netter als das Motel, aber letztlich derselbe Scheiß.

Damit wohnten wir zwar in East Atlanta, aber zur Schule gingen Duke und ich, als hätten wir noch in Ellenwood gewohnt: ich in die Cedar Grove Elementary und Duke in die Cedar Grove High. Cedar Grove hatte ein gutes Football-Programm, und wie gesagt, mein Bruder war ein verdammt guter Spieler. Meistens setzte man ihn als Linebacker ein, aber letztlich konnte man den überall hinstellen. Er beherrschte sogar den Punt, zur Hölle noch mal. Er bekam schließlich ein Football-Stipendium an der Wesleyan University in Tennessee. Ich denke mal, er hätte auf eine andere Highschool gehen sollen nach unserem Umzug nach East Atlanta, aber irgendwie ließ man ihn in Cedar Grove, damit er weiter Football spielen konnte. Und so konnte auch ich an meiner Schule bleiben.

Mit dem Lernen hatte ich mich bereits in Alabama leichtgetan, schon im Kindergarten. Als Lehrerin hatte Mom mir früh schon das Lesen beigebracht, und ich lernte es spielend. Die Lehrer in der Sonntagsschule staunten, dass ich schon lesen und Bibelverse aufsagen konnte. Entsprechend hatte ich im Kindergarten der Jonesboro Elementary School meinen Altersgenossen etwas voraus. Meine Aufgaben hatte ich immer als Erster fertig. Ich bekam viel Lob für meine schulischen Leistungen, aber ich wusste, den Vorsprung verdankte ich meiner Mom. In meiner neuen Schule in Atlanta trat ich mit diesem Vorteil an.

Wie mein Bruder bin ich von Natur aus sportlich, war aber nie so motiviert und ehrgeizig auf dem Gebiet wie er. Ich hatte nie Interesse am Sport. Die Sportlerjacke mit dem Buchstaben drauf ließ mich kalt. Ich sah mich mehr als der Typ, der mit einem flotten Wagen an der Schule vorfuhr. Der Typ mit den schärfsten Klamotten. Der Typ mit dem Bündel Scheine in der Tasche. So weit ich zurückdenken kann, wollte ich eigentlich immer nur Geld.

Seit unserem Umzug nach Atlanta hatte ich, was Geld angeht, eine heillose Angst. Nicht ein Monat, in dem Mom sich nicht Sorgen um die Miete zu machen schien. Und waren wir mal nicht mit der Miete im Verzug, fehlte das Geld für den Strom. Ich lauschte heimlich, wenn sie am Telefon meinen Tanten in Bessemer sagte, wie schlecht es um uns in Atlanta stand. Ich sah, wie man bei uns im Viertel Leute auf die Straße setzte – was es in Alabama schlicht nicht gegeben hatte –, und ich war überzeugt davon, uns würde es auch so gehen.

Und da ich noch in Ellenwood zur Schule ging, kam ich mir noch ärmer vor. Die Kids in Cedar Grove waren nun wirklich nicht reich, aber sie kamen aus Arbeiterfamilien und wohnten definitiv schöner als wir in Mountain Park oder im Knights Inn Motel.

Ich war mit der Vorstellung aufgewachsen, dass mein Vater Geld hatte, aber als wir erst mal bei ihm in Georgia waren, sah ich, dass dem nicht so war. Oder wenigstens nicht mehr. Wie ich rausfand, hatte mein Vater früher mit Heroin und Koks gedealt, aber als er in mein Leben trat, war er ein ausgebuffter Trickbetrüger. Für jeden Cent, den er verdiente, haute er jemanden übers Ohr.

Kurz nachdem er aus Alabama verschwunden war, hatte mein Vater sich mit einem Typen namens Tony aus Philadelphia angefreundet. Diesem Tony brachte er das Dealen bei, wofür Tony ihn in die Feinheiten des Betrugs einführte: Kümmelblättchen, Umschlagtrick, Hütchenspiel – alle Arten von Maschen und krummen Touren.

Für meinen Vater war jeder ein potenzielles Opfer. Er konnte nicht anders. Er musste einen einfach abziehen. So fuhren wir zum Beispiel auf Cheeseburger zu Hardee’s an der Bouldercrest Road in Atlanta, wo er der Kassiererin einen Fuffziger gab. Wenn die ihm dann rausgab, vertauschte er das Wechselgeld rasch mit einem kleineren Betrag, den er eigens für diesen Augenblick bereit hatte:

»Entschuldigen Sie, Ma’am?«

Wenn mein Vater förmlich wurde, wusste man, dass er im nächsten Augenblick jemandem das Fell über die Ohren zog.

»Ma’am, Sie müssen sich da verzählt haben. Ich habe Ihnen einen Fünfziger gegeben.«

Es funktionierte ausnahmslos. Er mochte mit so was nicht mehr als ein paar Dollar verdienen, aber es funktionierte. Ausnahmslos.