Die Bäume weinen um Regen - Elfriede Eckle - E-Book

Die Bäume weinen um Regen E-Book

Elfriede Eckle

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Beschreibung

In dieser packend erzählten Geschichte zeichnet die Autorin ein Sittenbild dörflichen Lebens vor allem während der NS-Zeit, vor dessen Hintergrund sich das Schicksal der weiblichen Hauptfigur Doreth erfüllt. Sie, die sich während des Ersten Weltkrieges zu selbst verantwortlichem Handeln emanzipiert hat, entscheidet sich zeitlebens für die Schwächeren. Darum zögert sie auch nicht, Existenz und Leben aufs Spiel zu setzen, als es gilt, ihre sefardischen Verwandten vor der Verfolgung durch das NS-Regime zu retten.

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Seitenzahl: 478

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Elfriede Eckle

Die Bäume weinen um Regen

Roman

Bucheinband.de

Das Buch

In dieser packend erzählten Geschichte zeichnet die Autorin ein Sittenbild dörflichen Lebens vor allem während der NS-Zeit, vor dessen Hintergrund sich das Schicksal der weiblichen Hauptfigur Doreth erfüllt. 

Sie, die sich während des Ersten Weltkrieges zu selbst verantwortlichem Handeln emanzipiert hat, entscheidet sich zeitlebens für die Schwächeren. Darum zögert sie auch nicht, Existenz und Leben aufs Spiel zu setzen, als es gilt, ihre sefardischen Verwandten vor der Verfolgung durch das NS-Regime zu retten.

Die Autorin

Elfriede Eckle, 1939 in Nürnberg geboren, verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Oberfranken in der Nähe der Zonengrenze zur damaligen DDR.

1959 Abitur in Weißenburg/Bay., anschließend Studium der Anglistik und Romanistik (Spanisch und Italienisch) in Erlangen und Tübingen, Bayrische Staatsprüfung als Dolmetscher und Übersetzer in Englisch und Spanisch, wissenschaftlicher Abschluß als Magister Artium (M.A.).

Wegen des familiären Hintergrunds Schwerpunkt beim Romanistikstudium Sprache und Literatur der spanischen Sefarden.

Lehrtätigkeit im Schuldienst von Baden-Württemberg; danach und bis heute Tätigkeit als freie Übersetzerin und in der Erwachsenenbildung.

Bisherige Buchveröffentlichung:

»Die poetische Darstellung veränderter visueller Wahrnehmung im Zeitalter der Technik« - Eine komparatistische Analyse von Bildern aus Gedichten des englischen Lyrikers Craig Raine, Berlin 1999 (Logos Verlag).

Das Buch war auf seinem Gebiet bis heute sehr erfolgreich. Es steht in vielen wissenschaftlichen Büchereien im deutschsprachigen Raum und auch in der British Library in London, was für Veröffentlichungen deutscher Anglisten selten ist.

Titelbild: Foto des zerbrochenen Armreifs zum Kapitel »Der zerbrochene Armreif«. Der herausgebrochene mittlere Stein wurde später in eine Brosche eingearbeit.

2. unveränderte Auflage 2010

© Bucheinband.de, Ines Neumann, Heidenau

Umschlaggestaltung/Layout: Ines Neumann unter Verwendung eines Fotos von Judith Eckle-Kohler

Gesamtherstellung: Bucheinband.de, Heidenau

www.bucheinband.de

ISBN 978-3-938293-25-6

Teil 1

Das Haus muss verkauft werden

Schon seit zwei Tagen lag der Brief auf meinem Schreibtisch, ungeöffnet. Ein amtliches Schreiben der Gemeinde Sendelbach-Gräfenholz, adressiert an mich als Rechtsnachfolgerin der verstorbenen Dorothea Andres geb. Horn. Etwas in mir sträubte sich, ihn aufzumachen und zu lesen. Wieder die alte Geschichte. Endlich am dritten Tag überwand ich mich. Sein Inhalt betraf die Flurbereinigung wie auch die Dorfentwicklung, die in jener Gegend südlich der Grenze zur DDR Ende der siebziger Jahre mit Verspätung durchgeführt werden sollte. Die Verspätung rührte daher, dass die in jener Gegend noch rein agrarisch strukturierte Landschaft, deren Bauern fast durchweg auf stattlichen Höfen ansässig waren, sich lange Zeit gegen diese Modernisierung gewehrt hatten. Denn in diesem Anerbengebiet waren die Felder großflächig und zusammenhängend, so dass eine Neueinteilung oder Zusammenlegung der Flächen ohnehin nicht nötig war. Dringend erforderlich war in der Zwischenzeit lediglich der Ausbau der Feldwege geworden, und das noch größere Problem war das Wasser. In diesen noch weitgehend homogenen fränkischen Dörfern, wo die Landwirtschaft nahezu einzige Erwerbsquelle war, hatte jedes Gehöft sein eigenes Wasser aus dem eigenen Brunnen, von dem eine eigens konstruierte Wasserleitung ins Haus führte, und man war stolz auf das eigene Wasser. Das Abwasser floss in die eigene Senkgrube und zum Teil auch in das Flüsschen Baunach. Dieser Zustand war nun laut Gesetz endgültig zu beenden. Eine zentrale Wasserleitung und Kanalisation wie auch befestigte Feldwege und Dorfstraßen mussten gebaut werden. Jede hier ansässige Familie hatte ihren Teil zu leisten, entweder in bar oder durch eigene Arbeit beim Ausbau. Da für mich weder das eine noch das andere in Frage kam, blieb als einzige Lösung der Verkauf des mitten im Dorf liegenden Hauses mit Nebengebäuden und Gärten an einen Interessenten, der bereit wäre, auch den Anteil am Dorfausbau zu übernehmen.

Nach Großmutters Tod war das Haus vermietet worden. Eine achtköpfige Familie, Eltern und sechs Kinder, die niemand hatte haben wollen, waren froh gewesen, hier ein Zuhause zu finden. Aus Dankbarkeit hielten sie es in Ordnung, nach ihrem Geschmack. Doch es war seither nie wieder dasselbe Haus gewesen. Wirtschaftsgebäude und Nebenräume standen leer, auf den Dächern fehlte hin und wieder ein Ziegel, die Gärten waren einzeln an verschiedene Familien im Dorf verpachtet und hatten sich je nach Nutzung verändert, waren aber hinlänglich in Ordnung. Nur der Vorgarten an der Giebelseite des Hauses war mitvermietet. Doch offensichtlich hatte die Mieterfamilie nichts damit anzufangen gewusst, so dass er mittlerweile von Gras völlig überwachsen war. Nur die weißen Nelken, die das Rondell überwucherten, erinnerten noch an früher, und auch der Farn hatte im Vollschatten hinter der Säule rechts neben der Gartentür überdauert. Einer der quadratischen, an den Kanten leicht abgerundeten Köpfe, welche auf den Sandsteinsäulen saßen, war abgebrochen und lag am Rande des Rondells. Auf diese Köpfe hatten wir uns als Kinder mit Vergnügen gesetzt, nachdem wir die Säulen, vor allem an den Ecken des Zaunes, hinaufgeklettert waren. Sehr zum Mißvergnügen unserer Großmutter.

Bei meinen alljährlichen Besuchen im Dorf hatten sich diese Veränderungen auf mich gelegt wie eine Bedrückung, und das Haus war mir jedes Mal wie ein entseelter Leichnam erschienen. Lediglich ein Zimmer im Parterre gleich rechts neben dem Eingang, das nicht mit vermietet worden war, atmete noch Erinnerung. In ihm befanden sich Möbel und andere Erinnerungsstücke; es war immer verschlossen gewesen. Der Familie war seit zwei Jahren gekündigt, und sie hatten das Haus vor einem Monat endlich geräumt. Trotzdem hatte ich mich nicht zu einer Reise dorthin aufraffen können und jegliche Entscheidung vor mir hergeschoben. Mitten in meine Arbeit und in den stillen, etwas müden Spätsommer war nun dieser Brief mit dem Aufdruck des Bürgermeisters eingedrungen. Sein Ton war halb amtlich, halb privat, zu privat, wie es mir schien, mit einem Anflug eines befriedigten Lustgefühls, wie es die Ausübung von Macht allemal verschafft. Denn ich zappelte ja in ihren Fängen wie eine Maus in der Falle, nachdem sie seit zwei Jahren alle meine Versuche, das Haus zu einigermaßen annehmbaren Bedingungen zu verkaufen, mit allen Finessen hintertrieben hatten. Dem Brief des Bürgermeisters beigeschlossen war ein zweiter Brief, in dem einer aus dem Dorf ein Kaufangebot machte, ein Spottpreis, und ausgerechnet von einem Nachfahren jenes Mannes, der in der Geschichte unserer Familien eine Schlüsselrolle gespielt hatte.

Am Abend vor meiner Abreise ging ich noch einmal auf dem Hausberg der Stadt spazieren, in der ich jetzt lebte. Von einer Telegraphenleitung flog ein Schwarm Tauben auf. In strenger, parallel verlaufender Formation bewegten sie sich am tiefblauen Himmel, wendeten jäh im spitzen Winkel und flogen wieder zurück. Beim Hinflug hoben sich ihre dunklen Rücken in scharfem Kontrast vom Himmel ab, während bei der jähen Wendung zum Rückflug ihre hellen Unterseiten aufblitzten wie gezückter Stahl. Dieses Flugmuster wiederholten sie, bis sie, immer kleiner werdend, in der Ferne verschwanden. Hell – dunkel, auf – nieder, ohne Ende. So musste ich also den langen Weg, auf dem ich hierher gekommen war, in entgegengesetzter Richtung noch einmal zurücklegen.

Natürlich hatte das moderne Leben auch in Gräfenholz Einzug gehalten, mit Maschinen, Fahrzeugen und Medien. Es gab auch das eine oder andere neuere Einfamilienhaus am Ortsrand. Diese Häuser gehörten Leuten, die aus ortsansässigen Familien stammten, auf hofeigenem Grund gebaut hatten und in der nahegelegenen Kreisstadt einer Arbeit nachgingen, zumeist in der ›Fabrik‹, der einzigen im Umkreis. Ansonsten war die industrielle und wirtschaftliche Entwicklung in dieser Gegend, rund dreißig Kilometer südlich der Grenze zur DDR, weitgehend zum Erliegen gekommen. Bahnlinie und Straßen waren wie abgeschnitten. Das und die vorherrschend bäuerlichen Strukturen waren wohl der Hauptgrund, warum Fremde hier kaum Aufnahme fanden. Denn dieses Abgeschnittensein hatte in eine bestimmte Richtung des Denkens geführt. Es rechtsgerichtet zu nennen, wäre zu einfach. Es war eine viel subtilere Form, die man ablesen konnte am Unbehagen, das man gegenüber Fremden empfand und das in diesem Ort stärker ausgeprägt war, als in den anderen Dörfern zu beiden Seiten des Tales. Man konnte es auf ihren Gesichtern lesen, in ihrer Körperhaltung, in ihren Gesten. Überhaupt schien es mir eine Frage der Sprache. Etwas Spöttisches, ja geradezu Hintersinniges in der Stimme, das natürlich im Dialekt begründet lag, der in diesem Dorf ebenfalls stärker ausgeprägt war als in den umliegenden, in denen neben landwirtschaftlichen Anwesen auch der eine oder andere Handwerksbetrieb und auch vereinzelt ein Geschäft existierten. Besonders die Frauen beherrschten meisterhaft die Kunst des ›Hin-Sagens‹, der spitzen, verletzenden Bemerkungen, denen der so Angeredete nichts entgegenhalten konnte, während die Männer durch schroffe Körperhaltung und oft allzu deutliche Gesten Ablehnung zeigten. Diese bodenständige Geschlossenheit war auch der Grund, warum das stattliche Anwesen, für das ich nun Anliegerkosten aufbringen sollte, nach dem Tod meiner Großmutter keinen Käufer gefunden hatte und auch nur schwer zu vermieten gewesen war.

Außenstehende empfanden den Sprachgebrauch hier oft als »anpöbeln«. Doch es wäre übertrieben, dies so zu nennen. Die Subtilität und Schärfe des Codes, gepaart mit einer unauslotbaren Farbigkeit der Vokalisierung, hatte für mich immer etwas Poetisches gehabt, und gleichzeitig etwas Bedrohliches. Für die Eingeweihten war er beinahe ebenso lustvoll wie das Gefühl, das sie empfanden, wenn sie auf dem eigenen Grund und Boden stehend gen Himmel blickten. Zugezogene hatten hier nur dann eine Chance, in die Dorfgemeinschaft aufgenommen zu werden, wenn sie sich benutzen ließen, entweder gegen die vom nächsten Dorf oder für Auseinandersetzungen innerhalb des Ortes, was ihnen bei den Einheimischen jedoch nicht unbedingt Achtung einbrachte, sie waren lediglich ›gut zu gebrauchen‹. Manchmal wurden sie in diesen ›Spielen‹ auch aufgerieben. So war es schon immer gewesen, auch in der Zeit, in der unsere Geschichte spielt.

Ich fuhr schnell, denn ich wollte ankommen, wollte endlich mit einem Menschen sprechen. Auf der Höhe von Nürnberg verließ ich die Autobahn und fuhr auf Bundesstraßen weiter in Richtung Bamberg. Ich wollte die Landschaft sehen, durch die Städte und Dörfer fahren, die ein Teil meiner Jugend waren. In meiner Handtasche auf dem Beifahrersitz war als Talisman der zerbrochene Armreif, völlig verbogen, das Scharnier zerbrochen, die beiden Hälften nur noch durch das Sicherheitskettchen zusammengehalten, zwei der insgesamt drei Steine aus ihren Fassungen herausgebrochen und verloren. Damals auf jenem Kirchweihtanz im Mai 1933 war er meiner Mutter vom Arm geglitten, während sie von vier jungen Nazis angegriffen wurde, weil sie mit einem Juden tanzte. Die vier hatten dann den Reif mit ihren Stiefeln zertrampelt. Sie hatten ihn so zerstört, dass kein Silberschmied in der Lage war, ihn wieder zu reparieren, so oft es meine Mutter und später auch ich versuchten. Mordechai, so hieß der Tänzer meiner Mutter, hatte ihn noch aufheben können, und sein Vater, einer der Reckendorfer Fuhrleute, hatte ihn meiner Großmutter gebracht. Der zerbrochene Silberreif war für unsere Familie ein Symbol für alles, was dann geschah.

Ich freute mich auf Alma Schneider, bei der ich bei meinen Besuchen in Gräfenholz jedes Mal wohnte, seit das Haus vermietet war. Eigentlich Tante Alma, doch trotz des großen Altersunterschieds bestand sie darauf, Alma genannt zu werden. »Sag einfach Alma.« Sie war eine Nichte meiner Großmutter, neben Tante Hermine ihre Lieblingsnichte. Inzwischen hatte ich Bamberg umfahren und die Geschäftsdörfer, die an der Strecke nach Ebern lagen und die mittlerweile zu Städten geworden waren, hinter mich gebracht. Ich näherte mich Reckendorf, dem letzten großen Dorf auf dem Weg nach Gräfenholz; es war vorherrschend von kleinen Geschäften und Handwerksbetrieben geprägt, alles Bäuerliche längst zurückgedrängt. Doch das war schon in Großmutters Jugend so gewesen. Von Reckendorf kamen die Viehhändler auf den Hof und all die anderen Händler, auch ›Höken‹ genannt, welche die landwirtschaftlichen Erzeugnisse aufkauften. Etliche der Viehhändler, Höken und Fuhrunternehmer waren Juden gewesen.

Von der kastanienumstandenen, schiefergedeckten Kirche in der Mitte des Dorfes drang das Abendläuten. Die Geschäfte waren bereits geschlossen und nur noch wenige Menschen unterwegs. Wahrscheinlich waren die meisten in den Häusern zum Abendessen. In mir jedoch kam nicht dieses Gefühl von Verheißung und Erfüllung auf, das man nach einem arbeitsreichen Tag bei der Rückkehr nach Hause empfindet, und auch nicht das Gefühl des Angekommenseins, wenn man am Abend einer Reise, das Tagesziel erreichend, in einen Ort einbiegt, über den sich bereits die Ruhe des Feierabends gebreitet hat. In mir war alles zwiespältig, denn ich kam mit einer Geschichte, die hier ihren Anfang hatte.

Der Baunachgrund zu meiner Rechten lag bereits im Schatten. Im Osten lagen die bewaldeten Haßberge wie dunkle schlafende Tiere, und nach einer letzten Biegung der Straße hinter der Ziegelei rückte Gräfenholz ins Bild, am anderen Ufer der Baunach ansteigend gelegen in Richtung auf die Haßberge. Das Dorf leuchtete im Abendlicht, helle Mauern, klar hervortretendes Fachwerk, eng zusammenstehende Häuser, geschlossen und nach außen wie umgürtet. Kein modernes Element störte diese Geschlossenheit, die nur überragt war von der Mühle. Sie steht an der Stelle, an der die Baunach sich in zwei Arme teilt, deren einer durch ein Wehr gestaut ist, und ist erhöht und ins Wasser vorkragend gebaut. Unter den übrigen Häusern, die in diesem Moment sämtlich anonym und gesichtslos wirkten, fiel lediglich das Haus der Weberschen, jetzt das größte im Dorf und am Rande des Wiesengrundes gelegen, auf und daneben in perspektivischer Verkürzung der Abstände und schräg nach hinten versetzt unser Haus. In den Fenstern des der Baunach zugekehrten Westgiebels – dahinter war der Kornspeicher gewesen – spiegelte sich der blutunterlaufene Abendhimmel von jenseits des Flusses, ein hellrotes, fahles Licht, vergleichbar mit wässrig zerfließendem, von Aspirin verdünnten Blut. Mein Blick suchte den Fußweg, der von unserem hinteren Garten, dem »Baunachgarten«, durch die Wiesen nach Sendelbach auf der anderen Seite der Baunach führt. Diesen Weg war Marija in jener Septembernacht des Jahres 1943 in Angst und Schrecken gelaufen. In Gedanken versunken trat ich fester aufs Gaspedal, überholte riskant, bis ich durch ein zorniges Hupen jäh in die Gegenwart zurückgerissen wurde. Langsamer fuhr ich nun nach dem Buchholz das letzte Stück der Allee entlang, bog in die Straße nach Treinfeld ein, ohne einen Blick nach rechts auf die Treinfeldsmühle zu werfen, dann vor dem Bahnhof nach links zu dem weißen Giebelhaus. Alma stand am Zaun, an dem die Dahlien herbstlich leuchteten. Aus ihrer Haltung sprach gespannte Erwartung, ein Ausdruck des Körpers, wie ich ihn auch von meiner Großmutter kannte, und trotz ihres Alters die gleichen schnellen Bewegungen, als sie auf mich zuging, während ich den Wagen rechts neben dem kleinen Anger parkte. Zärtlichkeit stieg in mir auf, und schon lagen wir uns in den Armen. »Komm ins Haus«, sagte sie mit ihrer im Laufe der Jahre mürbe gewordenen Stimme, die in seltsamem Kontrast zu ihren klaren, fast überzeichneten Gesichtszügen stand. Synchron zu den Akzenten der einzelnen Worte blitzten noch immer ihre Augen.

Auf der Kommode im Hausflur standen etliche Gläser mit Eingemachtem, die Arbeit des heutigen Tages. Alma hatte sie so gestellt, dass man den in die Decke mit rotem Plattstich eingestickten Spruch ›Der Engel des Herrn wacht über diesem Hause Tag und Nacht‹ lesen konnte. Das tat sie immer so.

»Ich habe Senfgurken eingekocht. Die hast du immer so gemocht. Aber du wirst dich zuerst frisch machen wollen. Dein Zimmer ist gerichtet. Die Briefe liegen auch oben.«

»Dein Zimmer« hatte sie gesagt. Mit einem Mal war Barcelona weit weg. Es war, als wäre ich heimgekommen. Es war das Zimmer von Almas jüngster Tochter Hanne, das ich bewohnte, wenn ich auf Besuch kam. Hanne und ich waren gleichaltrig. Die Einrichtung war über Jahrzehnte dieselbe geblieben: weiße Schleiflackmöbel, ein Korbsofa, an dem ich schon manchmal meine Strümpfe zerrissen hatte, der Waschtisch mit Jugenstilspiegel, die Vorhänge aus weißem Käseleinen mit feinen blauen Fäden durchzogen. Auf dem Nachttisch stand ein Glasväschen mit Kapuzinerblüten in verschiedenen Gelb-, Rot- und Brauntönen. Im elektrischen Licht wirkten die Farben matt. »Blumen leuchten nur im Freien, selbst wenn düsteres Licht auf sie fällt,« hatte Großmutter immer gesagt. »Abgeschnitten und im geschlossenen Raum sind sie bereits wie tot.« Neben den Blumen lagen mehrere Kuverts, die Offerten zu Almas Inserat über den Verkauf des Hauses.

Nach dem Abendessen blätterten wir in Almas Fotoalben, betrachteten die neuesten Farbbilder von ihren vier Töchtern und deren Familien und auch die Bilder der Erinnerung in Schwarz-Weiß, manche mit bräunlichem oder bronzefarbenem Schleier überhaucht, vom Fotografen gestellte, gravitätisch wirkende Bilder oder später mit einer Box geknipste kleine Bildchen. Sie alle waren nicht weniger ausdrucksstark als die modernen Farbbilder. Almas Eltern, Geschwister, ihr verstorbener Mann und natürlich Alma selbst. An ihrer Konfirmation, über ihre Jahre hinaus erwachsen wirkend, mit siebzehn, kurz vor ihrer Hochzeit, en face fotografiert, in einer Seidenbluse, die an Ärmeln und Kragen gesmokt war, das blonde Haar schlicht zurückgekämmt und zu einem Knoten geschlungen, die Stirn hoch und rund, unter den ebenmäßigen Brauen blitzende dunkle Augen, Almas Hochzeitsbild, Alma als glückliche Mutter und dann als letztes der älteren Bilder Alma mit der drei Monate alten Hanne auf dem Arm, schwarz gekleidet, vor ihrem neuen Haus in Treinfeld. Damals im Jahr von Hannes Geburt war sie Witwe geworden. Die Lage des Hauses am Rand des Dorfes war charakteristisch für Alma. Bis heute war es das einzige neue Haus auf dieser Seite des Dorfes geblieben, und wie Alma ließ es sich nicht einfügen. Hatte sie doch als junges Mädchen diesem ganzen Dorf die Stirn geboten, als sie mit siebzehn Jahren den um fünfundzwanzig Jahre älteren, kinderlosen Witwer Franz Schneider, Bahnhofsvorstand in der nahegelegenen Kreisstadt Ebern, heiratete, der zudem katholisch war. Durch das damals rein protestantische Dorf war ein Aufschrei gegangen. Gerüchte hatten sich gebildet, die Alma eine Beziehung schon seit ihrer Konfirmation zu dem ›Katholen‹, wie sie ihn nannten, andichteten. Doch dies alles war an ihr abgeperlt wie Wassertropfen an einer imprägnierten Glasscheibe, und als Alma nach dem Tode ihres Vaters, des Metzgermeisters und Viehhändlers Friedrich Horn, das zu Beginn der Dreißiger Jahre erbaute Haus geerbt hatte, war sie mit ihrer Familie wieder zurück in das Dorf gezogen, da ihr Mann bereits pensioniert war. Die Zeiten waren inzwischen auch anders geworden, und Religion hatte kaum mehr einen Stellenwert, war beinahe vergessen.

Wir schwelgten in Erinnerungen, denn Almas vier Töchter und ich hatten ein gemeinsames Urgroßelternpaar. Dann gingen wir noch hastig die Offerten durch. Alle Interessenten waren in der letzten Woche schon einmal da gewesen, und Alma hatte ihnen das Anwesen gezeigt. Nach Kenntnis der örtlichen Situation, die ihnen nicht verborgen bleiben konnte und über die noch ausführlich berichtet werden wird, da sie in unserer Geschichte eine wichtige Rolle spielt, hatten alle bis auf einen ihr Interesse zurückgenommen. Dieser eine war ein gewisser Friedrich Krüger. »Ein Deutsch-Russe. Er ist 1945 mit der zurückweichenden Wehrmacht als Flüchtling gekommen. Er war Witwer und ist in zweiter Ehe mit einer ehemaligen russischen Zwangsarbeiterin verheiratet. Ist das nicht ein seltsamer Zufall? Ich habe mit den beiden für Übermorgen einen Termin vereinbart. Gute Nacht, und schlaf gut.«

Almas letzte Sätze hatten eine Sogwirkung. Die Stille hier südlich der Grenze, wo alle Verkehrswege abgeschnitten waren, schmerzte, die Nacht war wie ein großes schwarzes Loch, aus dem sich wie aus einem strudelnden Schlund Bilder in endloser Folge lösten und auf mich zustürzten, Bilder auf verschiedenen Realitätsebenen, Marija in ukrainischer Tracht, wie sie sich mit Tintenblei und Malstiften selbst gezeichnet hatte, Marija auf einem Schwarz-Weiß-Foto, Garben bindend, Marija inmitten der anderen russischen und polnischen Zwangsarbeiter, Lieder singend, wie sie es bei ihren sonntäglichen Zusammenkünften taten, Bilder von Marija, wie sie meine Großmutter in ihren Erzählungen immer wieder beschworen hatte und nicht zuletzt Bilder meiner eigenen Erinnerung an sie. Das letzte Bild: Marija mit den anderen Zwangsarbeitern aus der Gegend unter der Dorflinde, wo sich die Wege nach Manndorf und Treinfeld gabeln. Sie hatten sich dort einzufinden, um zurück in ihre Heimatländer transportiert zu werden. Marija stand da mit einem Bündel unter dem Arm. Sie trug denselben roten Leibrock, in dem sie gekommen war, und er leuchtete noch lange, während der Lastwagen sich entfernte. Ich konnte lange nicht einschlafen, und als es mir mit äußerster Willensanstrengung endlich gelang, setzte sich die Flut der Bilder und Szenen in meine Träume hinein fort.

Gegenwart und Vergangenheit

Wie der fahlrote Sonnenuntergang am Vorabend bereits angekündigt hatte, war das Wetter in der Nacht umgeschlagen. Ein leichter Regen hatte eingesetzt, der bis zum Morgen andauerte. Alles ringsum war nebelverhangen und am dunstverschlossenen Himmel stand die Sonne milchig wie behauchtes Glas. Alma stieß mit kräftiger Bewegung das Eisentor des Friedhofs auf, und wir standen im unteren, ältesten Teil des Friedhofs. Rechts lag der ›Baronsfriedhof‹, die mit wappentragenden Sandsteinplatten abgedeckten Gräber der Patronatsfamilie. Zu unserer Linken waren die ältesten Gräber all jener Dörfer oder Weiler, die zum Kirchdorf Rentweinsdorf gehörten, weil sie selbst weder Kirche, Schule noch Friedhof hatten, unter ihnen auch Gräfenholz. Alma ging schnellen Schrittes zu einem Grab mit Sandsteineinfassung und einem Grabstein aus Sandstein, dessen Sockel an beiden Seiten und vorn in abgerundeten Stufen kunstvoll gemeißelt war. Die Konturen waren jedoch leicht verwittert wie auch die auf der Vorderseite eingemeißelte Schrift, ein Spruch aus dem Prediger. Sehr kunstvoll und für einen Dorffriedhof nicht alltäglich war der zierlichere Aufsatz, der das Steinkreuz trug, bearbeitet. In ihn eingelassen war eine schwarze Marmorplatte mit den Namen Friedrich und Elisabeth Horn: Großmutters Eltern, Almas Großeltern und meine Urgroßeltern. Nachdem sie mit ihren kleinen Gerätschaften die Erde gelockert und das Unkraut entfernt hatte, ging sie wie immer zu der Steinbank in der unteren Mitte des Friedhofs neben dem Kriegerdenkmal für die Gefallenen beider Weltkriege. Es trug auch den Namen von Großmutters jüngstem Bruder ­Georg, der am Pruth gefallen war. Dies war das Stichwort für die Familiengeschichte.

»Dein Urgroßvater Friedrich Horn stammte aus einem Seitental des Rheins bei Aßmannshausen. Er hatte nach seiner Rückkehr aus dem Siebzigerkrieg die älteste Tochter eines jüdischen Viehhändlers geheiratet, der naturalisiert und getauft war. Nach dem Tod des Schwiegervaters übernahm Friedrich dessen Viehhandel. Das war in Goddelau, dort wo das Hessische allmählich ins Fränkische übergeht. Seine Frau starb nach nur kurzer Ehe am Kindbettfieber, so dass er mit dem neugeborenen Sohn und seiner jüdischen Schwiegermutter allein zurückblieb. Nach anfänglicher Schwermut fand Friedrich zu seinem gewohnten tatkräftigen Leben zurück, führte den Viehhandel noch eine Zeitlang fort, verkaufte dann alles und zog mit dem Knaben und der alten Frau südostwärts ins Fränkische. In Rentweinsdorf bekam er in den herrschaftlichen Ställen eine Stelle als Oberschweizer.«

Alma erzählte so, wie sie sich einen Stammbaum vorstellte, und so folgte die andere Seite des Baumes. »Dort lernte er das Zimmermädchen Elisabeth Bickel kennen. Sie diente im Schloss, stammte aus Königshofen im Grabfeld und war mutterseelenallein auf dieser Welt, nachdem ihre Familie während der Reaktion, die auf den Vormärz gefolgt war, ihre gesamte Habe verkauft und nach Amerika ausgewandert war. Einzig Elisabeth war in Deutschland zurückgeblieben, da sie einem jungen Bäckermeister versprochen war und einer baldigen Heirat entgegensah. Im darauffolgenden Winter jedoch starb der Bräutigam am Fieber. Elisabeth, nun völlig allein und mittellos, musste sich verdingen und kam so nach Rentweinsdorf. Einmal schickte die Familie, mit der Elisabeth in regelmäßiger Korrespondenz stand, aus dem fernen Pennsylvanien einen Freund, der Elisabeth zur Auswanderung bewegen und nach Amerika begleiten sollte. Als Zeichen seiner Loyalität brachte er einen Brief des Vaters – die Mutter war im ersten Jahr nach der Ankunft an den Strapazen der Überfahrt gestorben – sowie eine Brosche der Mutter: eine quadratische Platte aus schimmerndem Perlmutt mit dem in Silber gegossenen Kopf Gustav Adolfs. Elisabeth nahm das Erbstück mit Wehmut entgegen, doch sie wollte nicht mit dem Fremden in die neue Welt.

Nach angemessener Verlobungszeit heirateten Friedrich und Elisabeth. Von seinem Ersparten und einem Teil des Erlöses aus dem Verkauf des Viehhandels – den anderen Teil legte er für den kleinen Jakob als Erbe an – kaufte Friedrich in Gräfenholz das Anwesen einer Familie Dill, die infolge Überschuldung den stattlichen Besitz nicht mehr halten konnte. 1880 zog er mit Elisabeth, dem kleinen Jakob und dem ›Fraule‹, der Mutter seiner ersten Frau, in das stattliche Haus mit den Sandsteineinfassungen an Fenstern und Türen, in dem 1881 deine Großmutter als ältestes von fünf Geschwistern geboren wurde. Nach ihr kam mein Vater Friedrich, dann Hans, Kuni und zuletzt Georg. Das ›Fraule‹ oder ›Frääla‹, wie die Kinder sie auf Fränkisch nannten, ging der Großmutter im Haushalt zur Hand, solange sie dies bei ihrem schwächer werdenden Augenlicht noch konnte. Sie wurde von allen mit großer Ehrerbietung behandelt.«

Alma sinnierte vor sich hin. Der Dunst hatte sich aufgelöst, es war windstill und warm in der Sonne. »Das Tragische an der Sache war, dass Friedrich nicht alles kaufen konnte. Das unterhalb stehende Gesindehaus mit einer Scheune und einem kleineren Teil der Felder kaufte ein aus dem Coburgischen stammendes Paar, das zuvor ebenfalls in Rentweinsdorf gedient hatte. Sie erhielten als Grunddienstbarkeit das Durchfahrtsrecht durch den Hof der Großeltern, die dadurch das Tor des bis dahin geschlossenen fränkischen Gehöfts entfernen mussten. Das war der Anfang von allem. Aber das weißt du ja.«

Alma sah wehmütig vor sich hin.

»Ich hab die ganze Nacht von Marija geträumt,« sagte ich plötzlich.

Alma blickte jäh auf.

»Die letzte Szene vor dem Aufwachen war, wie ich mit ­Marija auf dem Feldweg nach Treinfeld am Bahndamm stand, an der Stelle, von der man über den Baunachgrund zur Landstraße sieht. Marija hob mich auf einen der Böschungssteine, damit ich besser sehen konnte, und wir blickten dem Trauerzug nach, bis er am Buchholz in der Biegung der Straße verschwand.«

Obwohl ich Alma während meiner Erzählung nicht ansah, wusste ich, dass sie heimlich eine Träne zerdrückte.

Der Bürgermeister führte sich als Amtsperson auf, als ich ihm in seinem Haus gegenüberstand. Noch immer war das Amt, wie zu Zeiten meines Großvaters, im Wohnhaus des jeweiligen Inhabers untergebracht. Wie weggeblasen war die schadenfrohe Vertraulichkeit seiner Briefe. Er stand unsicher auf, versteckte sich hinter der Erläuterung von Formalien, die jetzt keine Rolle mehr spielten, da ich ja bei meinem Eintreten bereits mitgeteilt hatte, dass das Anwesen nun endlich verkauft und der neue Besitzer die Verpflichtungen übernehmen würde. Ein paar kurze private Bemerkungen seinerseits schnitt ich ab und verabschiedete mich schnell. Alles an dem Mann war mir zuwider, sein rotes, fleischiges Gesicht mit dem zusammengekniffenen Blick, die rotblonden, geringelten Haare, die sich an beiden Schläfen wie kleine Hörner um die Stirn legten, und vor allem das, was ich von Großmutter über ihn wusste.

Alma hatte draußen im Wagen gewartet. Als wir bei der Dorflinde um die Kurve bogen und geradewegs auf das Anwesen zu fuhren, sah ich als erstes, dass auf dem nur uns gehörigen Platz seitlich unterhalb der Scheune, der frei von jeder Grunddienstbarkeit war, zwei Eggen und ein Pflug abgestellt waren: ein Vorgeschmack für alles Kommende und eine Erinnerung an das Gewesene. Trotz dieser Provokation und des verlassenen Zustandes der Gebäude erfüllte mich der vertraute Anblick mit Freude. Die im Rechteck zueinander gestellten Wirtschaftsgebäude mit ihrer Fachwerkkonstruktion und den rundbogigen Türeinfassungen aus Sandstein gefielen mir auch jetzt noch. Die Gesamtkonzeption des Hofes strahlte eine Harmonie aus, die in seltsamem Gegensatz zu seiner Geschichte stand. »Stell dich neben den Brunnentrog, Alma, für ein letztes Foto.«

Ich schloss die Gattertür zum Holzstadel auf. Alma blieb unten stehen, während ich die leiterartige Treppe zum Oberboden hinaufstieg, um die landwirtschaftlichen Geräte, die hier unter dicken Staubschichten unnütz herumlagen, zu inspizieren. Es war noch nicht geklärt, ob der Interessent die Nebengebäude und Gärten ebenfalls kaufen würde oder ob diese getrennt verkauft werden bzw. in Verpachtung bleiben sollten. Durch die hintere Tür des Holzstadels gingen wir in den Apfelgarten, eine eingezäunte Streuobstwiese. Mein Blick fiel sogleich auf den Baum mit den »Zitronenäpfeln«, einer alten Sorte, die gerade erntereif, gelb wie Zitronen leuchteten. Ich machte ein Foto, auch eines vom Beerengarten hinter der Scheune. Durch den an der Grenze zum Apfelgarten vorgebauten Hühnerstall, die an der Nordseite längs stehende Scheune und die im Westen vorgebaute Scheune des unteren Nachbaranwesens war dieser Garten nur nach Süden offen: ein gegen alle Unbilden der Witterung geschütztes kleines Paradies, wo im Frühjahr die Rasenbänke schon sehr zeitig blau waren mit duftenden Veilchen. Großmutter hatte hier ihre Spargelbeete. An der Scheunenwand, einer wärmedurchfluteten Südmauer, war ein Weinstock in symmetrischem Spalier nach oben gezogen, und vor der geschützten Wand des Hühnerstalls standen auch jetzt noch die drei Bäume mit Weinbergpfirsichen. Nur wenige Früchte mit hektisch geröteten Wangen hingen daran. Zu Großmutters Zeit wurden im September von diesen Bäumen ganze Körbe mit Pfirsichen geerntet, die dann noch einige Tage im kühlen Hausflur standen, bis an den Herbstabenden aus den duftenden Früchten Marmelade bereitet und Kompott eingekocht wurde.

Die freudige Erinnerung an diese Zeit verflog schnell, als wir aus der Scheune wieder in den Hof traten. Auf dem Platz, den sich die Weberschen immer wieder zu Unrecht anzueignen versucht hatten, rangierte ›Karli‹, der Enkel des Alten, mit dem Traktor hin und her, um eine der Eggen anzukoppeln. Es schien, als habe er damit gewartet, bis wir aus der Scheune kamen, um vor unseren Augen umständlich und viel zu lang für diesen Vorgang hin- und herzukurven. Er fuhr sodann in die Mitte unseres Hofes, hielt nochmals an, zündete sich langsam eine Zigarette an, startete dann wieder und fuhr zum Hof hinaus auf die Dorfstraße und in Richtung der Felder. Diese Manöver hatte er jedes Mal aufgeführt, wenn wir mit einem Kaufinteressenten gekommen waren, eigentlich noch schlimmer als diesmal. Mir graute vor dem Termin am nächsten Morgen, und ich ging mit Alma schnell über den Hof zum Haus. Wir vergaßen dabei, dass wir auch den Gewölbekeller unter der oberen Scheune hatten ansehen wollen. Soweit ich erinnern konnte, mussten die Regale darin noch vollgestellt sein mit leeren Einmachgläsern und Flaschen. Sicher war auch noch das eine oder andere Glas vorhanden, gefüllt mit einer der Spezialmarmeladen aus Großmutters letzten Jahren, sein Inhalt mittlerweile eingetrocknet und mumifiziert. Ich hatte eigens eine Taschenlampe mitgebracht. Doch nun standen wir bereits vor der alten zweiflügeligen Haustür mit den geschnitzten sternförmigen Blumen in der Mitte eines jeden Flügels und dem rechteckigen Oberlicht. Ich bewegte den Schlüssel knarrend in dem leicht eingerosteten Schloss.

Es war seltsam. In allen meinen Erinnerungen und Träumen, weit weg von Gräfenholz, war das Haus immer ein Zufluchtsort gewesen, ein Hort der Geborgenheit und des Wohlgefühls. Ging es mir einmal nicht besonders, stellte ich mir vor, ich lebte in diesem Haus, und schon fühlte ich mich besser. Jetzt, da wir in dem kühlen, leeren Hausflur standen, spürte ich nichts als Ernüchterung. Langsam stieg ich mit Alma die Treppe hinauf. Vom Fenster des Vorplatzes blickten wir hinunter auf den Hof, der nun wieder friedlich da lag.

»Um diese Zeit waren immer die Birnen reif an dem Baum vor dem Keller, weißt du noch?« sagte Alma.

»Sie waren nur schwer zu ernten, weil der Baum so hoch war,« erwiderte ich. »Aber es waren die besten Birnen weit und breit.«

Im ersten Winter nach Großmutters Tod teilte mir der Bürgermeister, der nämliche, bei dem wir vor ungefähr einer Stunde waren, mit, ein Blitz sei in den Baum gefahren und habe ihn entzweigerissen, so dass ich schriftlich einen Waldarbeiter beauftragte, den Baum zu fällen. Doch ich hatte stets das Gefühl, dass der untere Nachbar die Hand im Spiel gehabt hatte.

Von den Fenstern des Kornspeichers sahen wir auf unseren Baunachgarten und über die Wiesen nach Sendelbach. Dann ein kurzer Blick in die kleinen Kammern der Dienstboten zu beiden Seiten des schmalen Ganges, an dessen Ende das Erkerzimmer mit Fenster nach Süden lag, Marijas und mein Zimmer. Der weite Blick nach Süden die Baunach entlang, der wetterleuchtende Himmel an schwülen Sommerabenden, die heraufziehenden Gewitter, Marijas Heimweh, ihre vielen Bleistiftzeichnungen, das alles war mit diesem Zimmer verbunden.

Wieder unten angekommen, schloss ich mit zitternder Hand das Zimmer auf, das noch am meisten Schicksal atmete. An den Fenstern hingen noch immer die weißen Gardinen mit den geblümten Einfassungen und waagrecht wie senkrecht aufgenähten Borten. An der Innenwand stand der Sekretär mit dem Geheimfach, an der Wand des Ostgiebels vor den beiden Fenstern der alte Schreibtisch. Dies war die Bürgermeisterei gewesen. Auf dem Schreibtisch waren noch immer die altmodische Messingbriefwaage, der Briefbeschwerer, ein leeres Stempelkarussell, alle Arten von Schreibutensilien und die Lupe, mit deren Hilfe Großmutter in ihren letzten Jahren nur noch lesen konnte. »Ich habe schon mit Jakob gesprochen, dass er uns beim Ausräumen hilft,« sagte Alma. Jakob war der Schwiegersohn von Großmutters Bruder Hans.

Der Raum, der ebenfalls noch geräumt werden musste, war die Schnapsbrennerei am unteren Ende des an das Wohnhaus längsseitig angeschlossenen Wirtschaftsgebäudes. Von der Halle des Wohnhauses gelangte man über den Raum, in dem sich das Pumpwerk für die Wasserleitung mit daneben liegender Waschküche und Bad befand, in die Futterküche, dann über die Milchküche, die große Stallung und anschließende Futterkammer in die Schnapsbrennerei. Alle diese Räume waren aber auch durch Türen von außen zugänglich. In der Schnapsbrennerei war unter einer dicken Staubschicht ein Vanitas-Stilleben von besonderer Art. Vorn eine Sammlung von Glasbehältern, Flaschen und Ballonen aller Größen und Formen, Glaskolben und -gewinde. Auf einem Haufen lagen alle Arten von Korken, Werg und Sonstiges. Eine Probierkelle, alte blau glasierte Steingutflaschen mit Patentverschluss, ausgediente verrostete Fassreifen, Fassspunde aus Holz, auch ein Holzhammer und Holzhähne konnte man im trüben Schein der elektrischen Lampe erkennen. Da hier am Westgiebel außen das Backhaus angeschlossen war, hatte die Schnapsbrennerei keine Fenster. Ganz hinten befand sich die Brennanlage, daneben Zuber, Fässer und Bottiche. Wie festgenagelt blieb mein Blick an der Stelle haften, wo der größte Bottich stand. Zufall oder Absicht, dass er hier platziert war? Das musste die Stelle sein. Dachte man sich unterhalb des Bottichs eine zur Außenwand führende gerade Linie, so musste jenseits der Mauer der von keiner Seite einsehbare Winkel hinter dem Backhaus liegen.

Am Abend war ich müde und aufgeregt zugleich. Ich konnte nicht einschlafen. Immer wieder stand ich auf in Hannes weißlackiertem Zimmer, trat ans Fenster, um die frische Nachtluft einzuatmen und dann wieder an den Tisch, auf dem die paar Sachen lagen, die ich aus Großmutters Zimmer, der ›Bürgermeisterei‹ mitgenommen hatte. Obenauf lag ein Wehrmachtsbrief aus Paris. Er trug das Datum vom 25. September 1943: Der Rentweinsdorfer Pfarrer kondolierte zu Großvaters Tod. Der Text, kühl und ohne jede Anteilnahme, drängte sich in meine Gedanken. Noch im Einschlafen. Gleichzeitig stieg ein Bild vor mir auf: der Pfarrhof in Rentweinsdorf, der neben dem Pfarrhaus lag. Beides, die Schrift auf der Karte und das stattliche Gebäude, wie ich es als Kind gekannt hatte, waren gleichsam unter meinen Augenlidern, als ich endlich einschlief. Dies und die Bilder des Tages ließen mir auch im Schlaf keine Ruhe. Sie vermengten sich mit Bildern aus meiner Kindheit und vor allem mit Bildern und Szenen aus Großmutters Erzählungen und führten mich zurück in die Vergangenheit.

Das Fraule

Ich träumte, ich war ungefähr zehn Jahre alt und spielte mit anderen Kindern des Dorfes Verstecken. Die anderen waren bereits nach allen Seiten davongerannt und hatten das von ihnen ins Auge gefasste Versteck aufgesucht. Ich jedoch war unschlüssig, wohin ich mich wenden sollte. Da tauchte plötzlich Ludwig Schleicher vor mir auf, mein Cousin zweiten Grades und Klassenkamerad. Er war mit neun Jahren im elterlichen Hof vom Heubarn auf die Tenne gestürzt. Er war sofort tot. Am nächsten Morgen nahm unsere Schulklasse in Begleitung des Lehrers von ihm Abschied. So wie er herabgestürzt war, lag er auf dem Ehebett im ersten Stock des Pfarrhofs, nur als ob er schliefe, jedoch sehr bleich, und auf der rechten Wange sah man einen kleinen Bluterguss. In dieser selben Gestalt lief Ludwig nun vor mir her in die Schnapsbrennerei, deren Tür offen stand. Ludwig lief direkt auf die Stelle zu, an der sonst immer der große Bottich gestanden hatte, jetzt aber zur Seite gerückt war, ich hinter drein, erreichte die Stelle, wollte nach dem bleichen Trugbild haschen, bemerkte die Öffnung zu spät und stürzte hinab - in eine andere Welt.

»Kuni, mach doch! Mör nit so rum! Du weißt doch, dass ich heut noch zum Manndorfer Schmied muss. Ach, du bist`s, Sina. Lauf doch geschwind in den Baunachgarten. Die Kuni soll sich beeilen.«

Doreth stand zu voller Größe aufgerichtet am blank gescheuerten Küchentisch, die Wangen gerötet, den kleinen Mund fest zusammengepresst, auf der offenen Stirn zwei kurze, steile Falten, wie immer, wenn sie ungeduldig war. Auf dem Herd stand das wieder glühend gemachte Bügeleisen. Auf der Ofenbank lag zum Stoß aufgeschichtet die bereits gebügelte Wäsche. Daneben saß das Fraule und las im Talmud, wobei sie den Oberkörper in rituellen Bewegungen vor und zurück wiegte. Sie las nicht eigentlich, obwohl sie die Lupe über die Textstellen hielt, vielmehr sagte sie sich die einzelnen Verse auswendig vor; denn sie war zu jener Zeit schon fast blind.

»Bist du heut wieder möret,« Doreths blaue Augen blitzten vorwurfsvoll.

Kuni war nur ein Jahr jünger als die neunzehnjährige Doreth, eigentlich Dorothea, und von gleicher mittelgroßer Statur, doch ansonsten ihrer Schwester sehr unähnlich, langsamer in ihren Bewegungen, ausgeglichen und gutmütig in den Gesichtszügen, eher spannungslos in ihrer gesamten Körperhaltung. Es war leicht, mit Kuni umzugehen. Doreth hingegen drückte in allen Einzelheiten ihrer äußeren Erscheinung stets eine gewisse Unruhe und Gespanntheit auf ein für ihre Umwelt unsichtbares Ziel aus. Das rief bei der Familie zuweilen Unverständnis hervor. So war auch Kuni erstaunt ob dieses Ausbruchs von Ungeduld.

»Ich hab im Garten noch ein bisschen aufgeräumt, die Aststützen an der Mauer zusammengestellt, weil ich warten wollt, bis der Adl wieder ins Haus ist.«

Doreth wusste um die Belästigungen, doch sie, die sich allem stets offen stellte, hätte sich dadurch nicht aufhalten lassen.

»Er hat hinter der Stalltür gelauert, als wir zurück sind,« warf Sina keck ein. »Warum müsst ihr nur so nah an ihrem Stall vorbei, wenn ihr in den Garten wollt.«

Sina, die aus Sonneberg zu Besuch war, konnte nicht verstehen, dass zwei Anwesen so ineinander verschachtelt sein konnten, dass der eine nur durch den Hof des anderen herausfahren konnte, während dieser letztere auf einem schmalen Weg, auf dem beide Anwesen wie Schwalbenschwänze an einem Möbelstück ineinander verzahnt waren, seinen Garten erreichte. Horns nannten dieses kleine gemeinsame Stück den »Handbreit«.

»Nicht wahr, Sina, du hilfst Kuni beim Bügeln,« sagte Doreth statt einer Antwort. »Ich muss weg.«

Draußen stand der Handwagen, beladen mit den Pflugscharen, die der Schmied schärfen sollte. Doreth zog den Wagen den Hang hinauf, rechter Hand am Gemeindehaus vorbei, ließ die Dorflinde links liegen und war schon beim letzten Gehöft am Ortsausgang nach Manndorf. Der Weg war anstrengend. Die von den bäuerlichen Fuhrwerken tief eingegrabenen Fahrspuren waren hart gefroren, so dass der an sich schon unbequeme, stetig ansteigende Weg an jenem Tage besonders holprig war. Als weitere Beschwernis kam hinzu, dass die scharfen Kämme aus hart gefrorenem Dreck zu beiden Seiten der Spurrillen ab und an mit Eis überzogen waren. Dazwischen lagen von spiegelglattem Eis bedeckte Pfützen. Während des langgezogenen Abstiegs nach Erreichen der Anhöhe, von wo man bereits nach Manndorf hinuntersah, musste Doreth ihren Körper mit ganzer Kraft nach hinten gegen die Deichsel pressen, um so als Bremse zu wirken.

»Tag, Schorsch, hier bring ich dir eine ganze Fuhre Arbeit.«

Doreth musste nah an den Amboss heran gehen, um sich bemerkbar zu machen. Denn das Dengeln, das Zurechtklopfen der Schneidefläche auf dem Amboss, nachdem das Eisen zuvor im Feuer weißglühend gemacht war, klang laut wie Schlachtengetöse, und der kleine, rundliche Schmied war geradezu versonnen in seine Arbeit. Doreth kam gern hierher, denn die Schmiede hatte, seit sie denken konnte, einen geheimnisvollen Zauber auf sie ausgeübt: das Halbdunkel des Raumes, das Feuer in der Esse, das nie erlosch und hoch aufloderte, wenn der Blasebalg betätigt wurde, der Schmied in seiner rußgeschwärzten Lederschürze, und dann seine Tätigkeit, das Weichmachen der eisernen Gerätschaften im Feuer, das Zurechtklopfen der Formen, Dengeln, wie sie es nannten, auf dem Amboss, und das zischende Abkühlen im Wasser. Um dieses Erlebnis auf sich wirken zu lassen, nahm Doreth die Strapaze eines schwer beladenen Handwagens gerne auf sich. Doch neuerdings gab es noch einen zweiten Grund hierherzukommen, und dieser war weit wichtiger. Es war das große weiße Haus jenseits des Bahndamms, am Rande von Untermanndorf, mit dem daran angeschlossenen rechteckigen Hof. Es war das erste Gehöft, wenn man von Obermanndorf herkam, wo die Schmiede lag.

Während Schorsch an den Pflugscharen behende seine Arbeit tat, ging Doreth das kurze Stück am Bahndamm entlang, überquerte an der Aufschüttung, die in Übertreibung »Bahnhof« genannt wurde, weil die Züge je nach Bedarf dort hielten, die Gleise und stand nach wenigen Metern schon am Vorgarten des Andres`schen Gehöfts. Im Hof stand ein Einspänner, vor dem Pferd war gebückt ein junger Bursche, den linken Vorderhuf behutsam in den Händen haltend. Das Pferd, das bis dahin still gewesen war, wieherte, worauf der Mann in die Richtung blickte, aus der Doreth kam. Ein kaum verhohlenes Zucken lief über sein dunkles Gesicht, er richtete sich auf und strich sich verlegen das volle, tiefschwarze Haar aus der Stirn. Auch Doreth konnte ihre Verlegenheit kaum verbergen. Sie kam sich vor wie überführt. Denn dies war die Szene, die sie sich in Gedanken immer wieder zurechtgelegt und die sie herbeigesehnt hatte mit der ganzen Kraft ihres Willens, von der sie aber nie geglaubt hatte, dass sie sich in Wirklichkeit je so zutragen würde. Nun war sie Wirklichkeit geworden, hatte Sekunden zu Ewigkeit werden lassen.

»Ich bin beim Schmied und da hab ich gedacht, ich mach deiner Schwester einen Besuch,« stieß Doreth nach einer von ihr endlos lange empfundenen Zeit hervor.

»Zum Schmied muss ich auch, der Braune da lahmt,« nahm Johann den ihm zugespielten Ball dankbar auf. In seiner Körperhaltung war etwas scheu Zurückweichendes. Doreth war zweifellos kecker.

»Da oben steht meine Schwester, sie hat dich schon gesehen.« Er machte mit dem Kopf nur eine halbe, diesmal noch scheuere Bewegung zum Haus hin, wo seine Schwester Doreth, die Namensdoppelgängerin, auf dem obersten Treppenabsatz stand. Sie war hochgewachsen und von kräftigen Gliedmaßen, doch das Außergewöhnliche an ihr war die gelockte, leuchtend rote Haarmähne, die im Nacken mit einem Band nur mühsam zusammengehalten war. Beide Mädchen waren Klassenkameradinnen in der Volksschule in Rentweinsdorf gewesen. Doch näher gekommen waren sie sich erst im letzten Winter, als sie beide die Frauenarbeitsschule der Diakonissen in der Heiliggrabstraße in Bamberg besuchten. Zum ersten Mal von zu Hause weg, hatten sich die beiden so grundverschiedenen Mädchen einander angeschlossen, und seit ihrer Heimkehr war Doreth regelmäßig Gast im Andres`schen Haus, wenn sie beim Schmied zu tun hatte, und ihre Namensschwester kehrte sonntags auf dem Rückweg von der Kirche hin und wieder bei Horns in Gräfenholz ein.

Inzwischen war Doreth schon wieder auf dem Heimweg. Über den vom Dauerfrost weiß überzuckerten Wiesen zu ihrer Linken, wohin sie unablässig den Kopf wandte, stieg Dunst auf. Sie zog den schwarzen Schal enger um den Kopf. Während sich über der Erde bereits Dunkelheit ausbreitete, leuchtete der Himmel noch stählern blau, an dem der schmale Faden des zunehmenden Mondes sich scharf abzeichnete. Doreth hatte die ›Kreusa‹ erreicht, die Kreuze. Der topographische Name, den der Volksmund dieser Stelle gegeben hatte, bedeutete zunächst, dass hier der Weg die Bahngeleise kreuzte, angezeigt durch zwei schräge, aus rot-weißen Warnbaken bestehende Kreuze. Der tiefere Sinn dieser Bezeichnung jedoch ging auf eine Erzählung zurück, nach der hier vor langer Zeit ein Mord geschehen war und die Stelle früher mit einem Kreuz markiert gewesen sei. Doreth blickte ängstlich nach rechts, in Richtung auf den Wald. Ob die Ihren noch unterwegs waren? Sie waren nach dem Mittagessen zum Ausputzen in den Wald gefahren, hatten auch Holz zum Heizen und einen Christbaum mitbringen wollen. Es war drei Tage vor Weihnachten. Sicher waren sie längst daheim. Doreth hatte sich verspätet, was sonst nicht ihre Art war. Es gab so viel zu erzählen, und dann war noch dieser Brief, der ihr nach der aufregenden und wie sie glaubte, auch bestimmenden Begegnung mit Johann, einen nicht geringen Schrecken eingejagt hatte. Doreth hatte ihr den Gestellungsbefehl gezeigt, der vor einigen Tagen gekommen war. Johann, der Älteste, musste am 2. Januar 1901 nach Metz einrücken, um dort seinen Dienst zu leisten. »Metz!« Die Familie war in heller Aufregung, in Angst. Man hörte so viel. Diese Angst teilte sich auch Doreth mit, mischte einen Wermutstropfen in die Freude über den heutigen Tag.

Es war dunkel geworden, ohne dass Doreth dessen gewahr geworden wäre. Vor ihr lag bereits Gräfenholz. Sie hatte die hohen, schwarzen Reisighaufen erreicht, die außerhalb des Dorfes neben dem Weg aufgeschichtet waren. Doreth hielt einen Augenblick inne. Es war ihr, als habe sie ein Knistern gehört und einen Schatten huschen sehen. Gerade hatte sie den zweiten Reisighaufen passiert, als der Wagen mit einem Ruck stehen blieb. Eine schwere Last war von hinten aufgesprungen.

»A Katz, a Katz!«

Doreth wandte sich um, zu Tode erschrocken. Es war der älteste Sohn des unteren Nachbarn, der ihr schon seit geraumer Zeit nachstellte, wenn sie über den schmalen, zu beiden Gehöften gehörenden Handbreit am Backhaus vorbei in den Baunachgarten ging. Immer wieder lauerte er ihr hinter der Stalltür auf. Doch woher wusste er, dass sie gerade jetzt hier des Weges kommen würde?

»Adl, geh du runter! Ich muss haam, meine Leut warten.«

Er sprang vom Wagen herunter, ging langsam auf sie zu und blieb so nahe vor ihr stehen, dass sich ihre Gesichter beinahe berührten. Dann packte er sie an beiden Schultern, warf sie rücklings auf den Wagen und presste sie mit beiden Händen fest gegen die Pflugscharen. Die scharfen Kanten der obersten Pflugscharen schmerzten so stark in Doreths Rücken, dass sie einen Moment glaubte, das Bewusstsein verlieren zu müssen. Der Unhold hielt sie für willenlos und lockerte den Griff seiner Hände an ihren Schultern, schickte sich aber an, sich auf sie zu legen. Da durchzuckte es Doreth, es ging alles viel schneller, als sie je zu denken vermocht hätte. Sie fasste mit ihrer Linken, sie war Linkshänderin, leicht, aber bestimmt, ohne Gegenwehr ahnen zu lassen, seine rechte Hand, führte sie zum Munde und biss mit aller Kraft in einen seiner Finger. Adl stieß einen Schmerzensschrei aus und verschwand blitzschnell in der Dunkelheit, wohl fürchtend, man habe es hören können, denn das erste Gehöft war nicht mehr weit. Doreth richtete sich mühsam auf und drehte sich langsam vom Wagen herunter, so sehr schmerzte der Rücken. Sie spürte den Geschmack von Blut auf den Lippen und empfand grenzenlosen Ekel. Zu Hause angekommen, würde sie als erstes den Mund mit Wasser ausspülen, immer wieder…

Es begann leicht zu schneien. Trotz ihrer Schmerzen zog Doreth den Wagen mit aller Kraft, aber schleppenden Schrittes zum Dorf, durchs Dorf und zum Haus ihrer Eltern. Als sie die warme Küche betrat, saß die Familie bereits beim Nachtmahl. Am oberen Ende des Tisches der Vater, zu seiner Linken die Söhne Friedrich, Hans und Georg, rechts von ihm die Mutter, neben ihr das Fraule. Auf dem leeren Platz neben dem Fraule nahm Doreth Platz, neben ihr saß Kuni, dann Sina und die Magd Lena, dieser gegenüber der leicht debile Knecht Lorenz, Lenzer genannt. Jeder hatte einen tiefen Teller mit gestockter Milch vor sich. In einer Schüssel in der Mitte des Tisches dampften die gekochten Kartoffeln, von denen jeder sich bediente, um sie nach dem Schälen in die gestockte Milch zu tunken.

»Der Adl hat mich aufgehalten. Er hat mich bei den Reisighaufen fürchet gemacht,« erklärte Doreth ihre Verspätung. Das andere behielt sie für sich.

Sina, das vife Stadtkind, hob den Kopf. »Das macht er mit mir auch immer. Wenn ich in den Garten gehe, springt er plötzlich hinter der Stalltür hervor. Neulich hat er sogar gerufen ´Jüdla! Jüdla!`«

Sina war eine Enkelin vom Fraule, das einzige Kind ihres jüngsten Sohnes, eines Bruders von Friedrichs erster Frau.

In ihrer Unbefangenheit fuhr Sina fort: »Aber weißt du, Doreth, ich glaube, der macht nur Spaß. Vielleicht möchte er dich sogar heiraten. Das wäre doch praktisch. Dann könnten wir auch immer in den hinteren Garten.«

Was Sina als Scherz mit erotischem Anhauch auffasste, machte den anderen Angst. Sie war betroffen. Anscheinend war hier nicht alles so unkompliziert, wie sie gedacht hatte.

»Das können wir sowieso,« warf Friedrich ein. »Das ist ein verbrieftes Recht, dass wir über den Handbreit in unseren Garten dürfen. Fährt er doch sogar durch unseren ganzen Hof.«

Das Fraule wurde unruhig.

»Halt dich von dem fern, Doreth. Der ist nichts für dich. Du hast was Besseres verdient. Und du, Sina, nimm dich in acht. Hier auf dem Dorf ist alles nicht so einfach wie bei euch in der Stadt.« Doreth blieb außergewöhnlich schweigsam an diesem Abend, was die Eltern auf den zu schweren Wagen zurückführten. Lenzer sollte das in Zukunft besorgen…

Doch Doreth zog auch in Zukunft den schweren Wagen nach Manndorf. War doch der gelegentliche Besuch im Andres`schen Hause neben dem sonntäglichen Kirchgang die einzige Abwechslung in Doreths eintönigem und arbeitsreichen Leben. Doreth bewunderte die Freundin gleichen Namens, von der eine seltsame Faszination ausging, wenn sie, das rote Haar zurückwerfend, allerlei Neues und Unbekanntes ausbreitete, das sie gelesen hatte. Sie las viel, und in jenem Winter war Johanns Schwester unter den Mädchen in der Heiliggrabstraße der Mittelpunkt gewesen. Alle scharten sich um sie. Nicht etwa, weil sie als Schülerin besonders interessant, weil ihre Arbeiten besonders schön gewesen wären. Sie hatte es nicht nötig, sich besonders anzustrengen; denn im Gegensatz zu Elisabeth und Friedrich Horn, die sich das Schulgeld für ihre Älteste praktisch vom Munde absparten – es kam kaum mehr ein Ei auf den Tisch, geschweige denn ein Stück Rauchfleisch, diese und andere Köstlichkeiten holte der Reckendorfer Hök regelmäßig ab – spürten die Eltern Andres diesen Betrag kaum. Interessant an Doreth Andres war ihre Erscheinung, die hohe, beinahe männlich wirkende Gestalt, das kaum zu bändigende Haar, die Sorglosigkeit und Kühnheit, die sie ausstrahlte, und vor allem ihre Stimme. Doreth Horn nannte sie im Stillen die Andres-Stimme, denn sie war allen Mitgliedern dieser Familie gemeinsam. Sie hatte sie zuerst an Johann wieder erkannt und sich in sie verliebt. Ihre Liebe galt einer Stimme, dieser dunklen, brüchigen Stimme mit dem verborgenen Lächeln und der spitzlippigen Artikulation, die es in der Gegend sonst nicht gab, wo die Leute eher breit sprachen. Mit dieser Stimme erzählte ­Doreth die Geschichte ihrer Familie, wenn die Mädchen über ihren Stickrahmen saßen, oder an den Abenden, wenn sie vor Heimweh nicht einschlafen konnten. Von diesen Erzählungen ging ein gewisser Glanz aus. In ihnen bebte noch nach, wie die Vorfahren, gutsituierte Weinbauern, Tuchhändler und Handschuhmacher, vor der französischen Revolution über den Rhein nach Deutschland geflohen waren und sich schließlich im Fränkischen sesshaft gemacht hatten, im Maintal die meisten, andere in Erlangen, ­Doreths Ururgroßvater zunächst an der Itz, dem anderen Nebenfluß des Mains in jener Gegend, dann an der Baunach in Manndorf. Ihre Namen waren zwar französisch, wurden aber mit der Zeit deutsch ausgesprochen. Das Glanzstück ihrer Erzählung war die Begegnung ihrer Urgroßmutter mit Napoleon, als dieser nach der Schlacht von Leipzig mit seinem geschlagenen Heer auf dem Rückzug durch jene Gegend kam. Müde und abgerissen, dreckbespritzt neben seinem Pferd gehend, hielt dieser Mann plötzlich vor ihr inne, als sie am Rande eines Flachsfeldes unweit von Manndorf stand: »Très belle, très belle,« habe er gemurmelt und sei dann weitergezogen. Diese Geschichte schmückte Doreth jedes Mal anders aus, und die Mädchen hingen an ihren Lippen. Dazu kamen die vielen städtischen Verwandten, Handschuhfabrikanten, Ärzte, Ingenieure. Die interessanteste Figur unter ihnen war jedoch eine Tante, die als junge Frau in verschiedenen vornehmen Familien als Fräulein gedient und mit einer dieser Familien sogar längere Zeit in Rußland gelebt hatte. Nach ihrer Rückkehr von dort hatte sie einen verwitweten Lehrer geheiratet, mit dem sie nun in Ebelsbach lebte und Bücher schrieb. Sie war Doreths Vorbild. Über all diesen Erzählungen konnte sie ihre Arbeitsstücke, Häkelarbeiten, Stickerein und Gestricke nicht so schnell zu Ende bringen wie die anderen, so dass Doreth Horn, die sehr flink und akkurat bei der Arbeit war, ihr jeweils half. Sie tat dies gern, denn die Wärme und der Glanz, den die Freundin verbreitete, war durch nichts aufzuwiegen, und keines der Mädchen, auch Doreth Horn nicht, hatte jemals so etwas Interessantes gehört. Horns hatten auch städtische Verwandte, die regelmäßig zu Besuch kamen, alles Verwandte vom Fraule, mittelständische Juden, Viehhändler und Metzger, Matzenbäcker und Händler. Die interessantesten unter ihnen waren die Dornburgs in Sonneberg, die eine kleine Manufaktur für Kinderspielzeug hatten und bei jedem Besuch ein besonders schönes Stück mitbrachten. Doch sie alle verbreiteten keinen Glanz, eher eine gewisse Ängstlichkeit und Bedrücktheit. Blieben noch die Verwandten in Pittsburgh, die regelmäßig schrieben, jedoch nie zu Besuch kamen. Doch beinahe jedes der Mädchen hatte Verwandte, die nach Amerika ausgewandert waren.

Doreth Andres saß in der Wohnstube an dem runden Tisch mit der fast weißen Ahornplatte, vor sich eine Weißstickerei für ihre Aussteuer. Doch es wollte nicht recht vorwärts gehen mit der feinen Nadelarbeit. Der Grund hierfür waren das Buch, das vor ihr auf dem Tisch lag, und ein Brief. Doreth blickte immer wieder aus dem Fenster auf den im Regen schwarz glänzenden Eisenbahnstrang, dessen Schienen sich mit zunehmender Entfernung vom Haus einander annäherten, bis sie sich an einem Punkt in der Ferne, den man mit dem Auge kaum noch ausmachen konnte, miteinander vereinigten. Dieser Punkt war Doreths Sehnsuchtspunkt, ein Schnittpunkt wie in der Ewigkeit, um den ihre Gedanken an diesem Tag unablässig kreisten. Zweimal am Tage fuhr ein Zug am Haus vorbei, jeweils in die eine oder die andere Richtung. Er hielt nur, wenn auf der befestigten Rampe jemand stand und heftig gestikulierend kundtat, dass er mitfahren wollte, worauf dieser dann mühsam die Trittbretter erklimmen musste. Die Fahrkarte gab es im Zug. Oder ein Reisender im Inneren des Zuges begehrte hier auszusteigen. Beides war nur sehr selten. Doch Doreths Träume hingen an diesem Schauspiel des vorbeifahrenden, hin und wieder anhaltenden Zuges, das für sie ein Sinnbild des noch vor ihr liegenden Lebens war, ihrer Sehnsucht nach Aufbruch und nach Ankunft irgendwo weit weg und über dem Leben, das sie jetzt führte. Genährt wurde diese Sehnsucht von den Büchern, die Tante Elise, das ehemalige Fräulein, ihr auslieh.

Heute, an diesem nasskalten Februartag, war ihre Sehnsucht gepaart mit Ungeduld. Schon seit Tagen spähte sie den Fußweg entlang, der neben den Gleisen verlief, ob nicht eine zierliche Mädchengestalt mit eiligen Schritten aufs Haus zu käme. Es konnte doch nicht sein, dass die Horns so lange keine Arbeit für den Schmied hatten. Und tatsächlich, aus dem diesigen Grau tauchte eine dunkel gekleidete Gestalt auf, die Binde in der gewohnten Weise um den Kopf geschlungen. Doreth riss das Fenster auf und winkte mit dem Brief. Die andere Doreth beschleunigte ihren Schritt und lief auf das Haus zu.

»Hier! Ein Brief vom Johann.«

Die Freundin hielt ihr das eng beschriebene Blatt hin.

»Lies! Es stehen auch Grüße an dich drin.«

Dorothea Horn zögerte, dann nahm sie den Brief und begann bedächtig zu lesen. Sie war verlegen, da der Brief nicht an sie gerichtet war, als dränge sie sich in ein Geheimnis. Doch ihre Freundin bestand darauf, dies alles mit ihr zu teilen.

Johann erzählte von der endlos langen Fahrt bis Metz, von den vielen Landschaften und Städten, die vorübergezogen waren, von der Ankunft in der Garnison. Er beschrieb die Stadt und ihre Menschen. Alles war so völlig anders, als man es gewohnt war. Und die Bevölkerung war nicht sehr erfreut über die deutschen Soldaten in der Festung in der Stadt, die im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 von Frankreich zurückerobert worden war. Es gab auch Feindseligkeiten. Letzteres war in einem Brief an die Eltern, der gleichzeitig angekommen war, weggelassen. Sie sollten sich keine Sorgen machen. Doreth, Johanns Schwester, sah dies anders. Sie schwärmte bereits von dem Leben in dieser fremden Stadt, malte es sich in allen Einzelheiten aus, fand die Feindseligkeit der Menschen nicht bedrückend, wie Johann andeutete, sondern eher aufregend. Versprachen sie doch Abenteuer. Doreth, die Freundin jedoch, blickte sorgenvoll vor sich hin. Ihr Realitätssinn ließ nichts anderes zu. Ihr Blick fiel auf die Handarbeit, von deren Muster gerade eine einzige Blume halb fertiggestickt war.

»Gib her, Doreth, ich stick dir, bis der Schmied fertig ist.«

Fortan kam regelmäßig Post von Johann. Er erkundigte sich nach dem Wohlergehen der Familie, fragte nach jedem einzelnen. Wie erging es den Eltern, der jüngeren Schwester Marie, den kleinen Brüdern Otto und Fritz? Er fragte auch nach den Horns. Selbst das Fraule ließ er nicht aus, was seine Schwester etwas befremdete, die Freundin jedoch umso mehr freute. Mit zunehmender zeitlicher Distanz berichtete er weniger von seiner neuen Umgebung, die den Reiz des Neuen bereits abgelegt hatte, und verweilte des langen und breiten in Erinnerungen an zu Hause, stellte sich den Wechsel der Jahreszeiten vor und schrieb voll Sehnsucht von der Arbeit auf den heimischen Feldern. Seine Schwester schrieb regelmäßig zurück, und mit der Zeit lagen immer auch ein paar Zeilen von Doreth Horn dabei. Die Schwester hatte das klug eingefädelt. Von da an wandte sich Johann in seinen Briefen an beide. Einmal, das Jahr war schon weit fortgeschritten und auf den Feldern die Rübenernte als Abschluss des Einfahrens in vollem Gange, schrieb Johann:

»…Seit zwei Wochen bin ich auf der Kommandantur in der Schreibstube. Ihr könnt Euch nicht denken, wie froh ich bin. Der Dienst mit der Waffe ist meine Sache nicht. Ich glaube, mit dem Federkiel in der Hand oder hinter dem Pflug kann man fürs Vaterland ebensoviel tun.«

Seine Schwester, die einen Zug zum Heroischen hatte, ließ an dieser Stelle ein enttäuschtes »ach!« vernehmen, während Doreth große Erleichterung verspürte. Die Enttäuschung der Schwester verwandelte sich jedoch schnell in Begeisterung, als Johann fortfuhr zu berichten, wie er auf die Schreibstube gekommen war: Ein junger Leutnant namens Roche-Foucault, der erst kürzlich von Berlin nach Metz versetzt worden war, hatte in der Poststelle einen von Johanns Briefen gelesen – alle Post wurde vor dem Ausgang und auch nach dem Eingang durchgesehen – und Johann zu einem Gespräch kommen lassen. Er war voll des Lobes über die saubere Schrift und die Genauigkeit der Beschreibung, so dass Johann beinahe verlegen wurde. Doch was den jungen Leutnant am meisten beeindruckte, war der Tonfall, in dem Johann sich an seine Leute zu Hause wandte und in dem er seine Erinnerungen an zu Hause niederschrieb. Ein gewisses Heimweh sprach daraus, was den Vorgesetzten, der offenbar ähnliche Empfindungen hatte, sympathisch berührte. Aber auch die Fürsorge und das Verantwortungsgefühl weckten seine Anteilnahme. Auf der Schreibstube war eine Stelle vakant geworden. Er setzte sich dafür ein, dass Johann sie bekam.