Die Behandlung - Mo Hayder - E-Book

Die Behandlung E-Book

Mo Hayder

4,4
8,99 €

oder
Beschreibung

Ein schockierendes Verbrechen stellt die Londoner Polizei vor ein Rätsel: Ein Fremder hat die Familie Peach in ihrem eigenen Haus überfallen. Unaussprechliches muss sich zugetragen haben, bevor er wieder verschwand, nicht ohne den kleinen Sohn der Peaches mit sich genommen zu haben. Doch die schwer verletzten Eltern können der Polizei keine Angaben zu den Geschehnissen machen. Oder wollen es nicht. Und schon bald macht in der Gegend das Wort von einem unheimlichen "Troll" die Runde, der kleine Kinder töten soll.

Bei Detective Inspector Jack Caffery ruft der Fall Erinnerungen an das Verschwinden seines eigenen Bruders wach, der als Kind möglicherweise ebenfalls einem Verbrechen zum Opfer fiel. Nie vernarbte Wunden reißen wieder auf, als immer mehr Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart sichtbar werden. Die Ermittlungen werden für Caffery zunehmend zu einem emotionalen Kraftakt - und dabei hat der Albtraum gerade erst begonnen...


Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 744

Bewertungen
4,4 (98 Bewertungen)
63
16
19
0
0



Inhaltsverzeichnis
 
1. KAPITEL
2. KAPITEL
3. KAPITEL
 
Copyright
Die Originalausgabe erschien 2001 unter dem Titel »The Treatment« bei Bantam Press, London, a division of Transworld Publishers Ltd
1. KAPITEL
(17. Juli)
Als alles vorbei war, musste sich Detective Inspector Jack Caffery von der Mordkommission Südlondon eingestehen, dass ihn an jenem wolkenverhangenen Juliabend in Brixton am meisten die Krähen aus der Fassung gebracht hatten.
Sie waren schon da, als er aus dem Haus der Familie Peach trat - gut zwanzig Vögel, die ihn vom Rasen des Nachbargartens aus zu beobachten schienen und sich weder um die Polizeiabsperrung scherten noch um die Neugierigen oder die Beamten von der Spurensicherung. Einige der Krähen hatten den Schnabel geöffnet, während andere nach Luft zu schnappen schienen. Sie starrten ihn an, als wüssten sie, was in dem Haus passiert war. Als machten sie sich insgeheim darüber lustig, wie sehr ihn der Anblick schockiert hatte, der sich ihm am Tatort geboten hatte, und als spotteten sie über seine unprofessionelle Reaktion, darüber, dass er die ganze Geschichte viel zu persönlich nahm.
Erst später gestand er sich ein, dass das Verhalten der Krähen völlig normal gewesen war, dass sie keinesfalls seine Gedanken gelesen oder gewusst haben konnten, was der Familie Peach Schreckliches zugestoßen war. Doch in diesem Moment ließ ihn bereits der Anblick der schwarzen Vögel erschaudern. Am Ende des Gartenweges blieb er stehen, streifte den Schutzanzug ab und reichte ihn einem Kriminaltechniker. Dann schlüpfte er in die Schuhe, die er jenseits des Absperrbands aus Plastik hatte stehen lassen, und ging auf die Vögel zu. Sie schlugen mit ihren blauschwarzen Flügeln, flatterten hoch und setzten sich ein Stück entfernt in einen Baum.
Der Brockwell Park im Süden Londons ist ein aus Baumgruppen und Wiesenflächen bestehendes, riesiges Dreieck, dessen Spitze bis zum Bahnhof Herne Hill reicht. Wie ein Riegel schiebt sich die knapp zwei Kilometer lange Grünfläche durch die Stadtlandschaft. Westlich des Parks liegt Brixton, wo die Gemeindearbeiter am frühen Morgen manchmal Sand auf die Straße streuen, um das nachts vergossene Blut zu bedecken. Im Osten grenzt der Park an den Stadtteil Dulwich mit seinen blumengeschmückten Altenresidenzen und neoklassizistischen gläsernen Kuppeldächern. Donegal Crescent, wie die Adresse des Tatorts lautete, lag umittelbar am Rand dieses Parks. Am Anfang der ruhigen, kleinen Straße lag eine mit Brettern vernagelte Kneipe, an ihrem Ende ein indischer Lebensmittelladen. Ansonsten war sie von Reihenhäusern des sozialen Wohnungsbaus aus den Fünfzigerjahren gesäumt. In den Vorgärten wuchsen weder Bäume noch Blumen, und die Fenster und Türen waren braun gestrichen. Nach vorne gingen die Häuser auf eine ungepflegte, hufeisenförmige Grasfläche hinaus, wo sich gegen Abend Kinder auf ihren Fahrrädern austobten. Caffery konnte sich gut vorstellen, dass sich die Peaches hier ziemlich sicher gefühlt hatten.
Er stand mit hochgekrempelten Ärmeln vor dem Haus und war froh, endlich wieder an der frischen Luft zu sein. Er drehte sich eine Zigarette und schlenderte dann zu einigen Beamten hinüber, die neben dem Einsatzwagen der Spurensicherung standen. Als er näher kam, brachen die Männer ihr Gespräch ab. Er wusste genau, was sie dachten. Obwohl Caffery erst Mitte drei ßig und durchaus kein hohes Tier war, eilte ihm in Südlondon ein gewisser Ruf voraus. Ja, die Police Review hatte ihn sogar einmal als einen »unserer jung-dynamischen Aufsteiger« bezeichnet. Er wusste also, dass er in Polizeikreisen hohes Ansehen genoss, und fand diese Vorstellung eher komisch. Wenn die wüssten, dachte er nur und hoffte, dass keiner der Beamten seine zitternden Hände bemerken würde.
»Und?« Er zündete die Zigarette an und starrte auf eine versiegelte Plastiktüte, die ein junger Kriminaltechniker in der Hand hielt. »Was gefunden?«
»Wir haben das hier drüben im Park entdeckt, vielleicht zwanzig Meter hinter dem Haus der Familie Peach.«
Caffery betrachtete den Inhalt der Tüte, einen Kinderturnschuh von Nike, der kaum größer war als seine Handfläche. »Wer hat den gefunden?«
»Die Hunde, Sir.«
»Und?«
»Kurz darauf haben sie leider die Spur verloren. Zuerst waren sie ganz wild, kaum zu halten.« Ein Sergeant, der das blaue Hemd der Hundeführerstaffel trug, stand auf den Zehenspitzen und wies über die Dächer zu der Stelle, wo in der Ferne die Bäume des Parks dunkel in den Himmel ragten. »Zuerst sind sie die ganze Zeit dem Weg am westlichen Rand des Parks gefolgt, aber nach ungefähr einem Kilometer war plötzlich Schluss.« Er blickte skeptisch zum Abendhimmel auf. »Und jetzt wird es auch noch dunkel.«
»Ja, leider. Am besten, wir fordern Suchhubschrauber an.« Caffery gab dem jungen Mann den Turnschuh zurück. »Verwahren Sie das Ding in einer luftdichten, sterilen Tüte.«
»Wie bitte?«
»Haben Sie etwa nicht gesehen, dass Blut daran klebt?«
 
Die Scheinwerfer des Helikopters flammten auf und tauchten das Haus der Familie Peach und die Bäume unten im Park in gleißendes Licht. Im Vorgarten untersuchten Beamte der Spurensicherung in blauen Gummianzügen Zentimeter für Zentimeter den Rasen auf Spuren. Und jenseits des Absperrbandes standen die schockierten Nachbarn in kleinen Gruppen rauchend und flüsternd beisammen und umdrängten sogleich neugierig jeden Kripobeamten, der ihnen zu nahe kam. Auch die Presse war schon da und wartete ungeduldig auf Neuigkeiten.
Caffery stand neben dem Wagen der Einsatzleitung und blickte nachdenklich auf das Haus, ein zweistöckiges Reihenhaus mit grobem Kieselputz. Die Fensterrahmen waren aus Aluminium, über der Haustür sah man einen feuchten Fleck, und oben auf dem Dach war eine Satellitenschüssel installiert. In den Fenstern hingen weiße Gardinen, dahinter zugezogene dunkle Vorhänge.
Caffery hatte die Familie Peach - beziehungsweise das, was von ihr noch übrig war - zwar erst hinterher zu Gesicht bekommen, aber die Leute kamen ihm dennoch bekannt vor. Beziehungsweise nicht sie selbst, sondern der Typ, den sie verkörperten. Die Eltern, Alek und Carmel, gehörten nicht unbedingt zu jenen Opfern, die automatisch das Mitgefühl der Ermittler weckten: Beide waren Alkoholiker, beide waren arbeitslos, und Carmel Peach hatte sogar die Sanitäter beschimpft, als man sie zum Rettungswagen gebracht hatte. Den neunjährigen Rory, den einzigen Sohn des Paares, hatte Caffery allerdings nicht gesehen. Als er am Tatort eingetroffen war, hatten die Beamten des zuständigen Reviers schon das halbe Haus auseinander genommen und bereits in sämtlichen Schränken, auf dem Dachboden, ja sogar hinter der Wandvertäfelung nach dem Jungen gesucht. In der Küche hatte man einen Blutspritzer auf der Fußleiste entdeckt und in der Tür, die nach hinten in den Garten hinausführte, eine zertrümmerte Scheibe. Gemeinsam mit einem anderen Beamten war Caffery zu einem mit Brettern vernagelten Nachbarhaus gegangen, hatte sich die Taschenlampe zwischen die Zähne geklemmt und war dann auf dem Bauch durch ein Loch in der Hintertür in das Haus hineingekrochen. Entdeckt hatten die beiden allerdings nur die üblichen Obdachlosen-Hinterlassenschaften. Ansonsten kein Lebenszeichen. Auch von Rory Peach keine Spur. Alles in allem sprachen die Fakten eine sehr deutliche Sprache, und für Caffery beschworen sie zudem Ereignisse aus seiner Vergangenheit herauf, Erinnerungen, gegen die er sich nicht wehren konnte. Hör endlich auf mit dem Schwachsinn, Jack. Pass auf, dass du nicht noch mal völlig ausrastest.
»Jack?« Wie aus heiterem Himmel stand plötzlich seine Chefin, Chief Inspector Danniella Souness, neben ihm. »Alles in Ordnung?«
Er sah sie an. »Danni, mein Gott, gut, dass Sie da sind.«
»Was ist hier eigentlich los? Sie sehen ja verboten aus.«
»Danke, Danni.« Er rieb sich mit den Händen über das Gesicht und streckte seine Glieder. »Ich bin ja auch schon seit Mitternacht in Bereitschaft.«
»Und was genau ist hier los?« Sie zeigte auf das Haus. »Hab ich recht verstanden - ein kleiner Junge wird vermisst? Rory?«
»Ja. Eine ganz üble Geschichte. Der Junge ist erst neun Jahre alt.«
Souness atmete hörbar aus und schüttelte den Kopf. Sie war stämmig gebaut und nur eins sechzig groß, doch in ihrem Männeranzug und den schweren Stiefeln brachte sie glatt siebzig Kilo auf die Waage. In diesem Aufzug, mit ihrem kurz geschorenen Haar und ihrer blassen Haut sah sie eher wie ein jugendlicher Straftäter bei seinem ersten Gerichtstermin aus als eine vierzigjährige Chefinspektorin. Doch das täuschte. Sie nahm ihren Job ausgesprochen ernst. »Und was sagen die Kollegen von der Kripo?«
»Die haben sich hier noch nicht blicken lassen.«
»Typisch - die faulen Säcke.«
»Die Jungs vom zuständigen Revier haben schon die ganze Bude auseinander genommen, aber bisher nichts gefunden. Ich hab Suchtrupps und Hundestaffeln in den Park geschickt und Suchhubschrauber angefordert.«
»Und woher wissen Sie, dass der Kleine sich im Park befindet?«
»Die Häuser hier stehen alle direkt am Rand des Parks.« Er wies auf die Bäume, die hinter den Dächern aufragten. »Außerdem gibt es einen Zeugen, der gesehen hat, wie irgendetwas das Haus Nummer dreißig durch die Hintertür verlassen hat und dann zwischen den Bäumen verschwunden ist. Im Übrigen war die Hintertür nicht abgeschlossen, und dann gibt es noch ein Loch im Zaun. Außerdem haben unsere Jungs am Rand des Parks einen Schuh gefunden.«
»Okay, okay. Klingt plausibel.« Souness verschränkte die Arme vor der Brust und beobachtete aufmerksam die Kriminaltechniker, die Fotografen und die Beamten des zuständigen Reviers, die geschäftig herumliefen. Im Eingang des Hauses überprüfte gerade ein Kameramann seinen Batteriegürtel und verstaute dann seine schwere Betacam vorsichtig in einer Kiste. »Sieht fast so aus, als würde hier irgendein verdammter Film gedreht.«
»Die Kollegen von der Spurensicherung wollen die ganze Nacht durcharbeiten.«
»Und was ist mit dem Rettungswagen? Die Idioten hätten mich vorhin fast über den Haufen gefahren.«
»Ach so, das war die Mutter. Man hat sie zusammen mit dem Vater ins King’s Hospital verfrachtet. Sie kommt auf jeden Fall durch, aber den Mann hat’s böse erwischt. Hat offenbar einen Schlag auf den Hinterkopf bekommen, der arme Kerl«, sagte Caffery und legte sich die Hand in den Nacken. Dann sah er sich um, neigte sich ein wenig zu ihr vor und sagte leise: »Danni, es gibt da ein paar Fakten, von denen die Schmierblätter auf keinen Fall Wind bekommen dürfen.«
»Zum Beispiel?«
»Wir haben es hier nicht mit einem Streit um das Sorgerecht zu tun. Der entführte Junge ist das Kind beider Eltern, es gibt also sonst niemanden, der Anspruch auf den kleinen Rory erheben würde.«
»Also Erpressung?«
»Nein, auch das nicht.« Die finanziellen Verhältnisse der Familie Peach waren nun wahrlich nicht dazu angetan, einem potenziellen Erpresser Hoffnungen zu machen. »Wenn ich Ihnen erzähle, was in dem Haus sonst noch so alles passiert ist, werden Sie sofort kapieren, wieso wir die Schmuddelpresse da raushalten müssen.«
»Also, was ist denn nun wirklich passiert?«
Caffery wies mit dem Kopf auf die Journalisten und die Nachbarn. »Am besten, wir verziehen uns in den Wagen dort drüben.« Er legte Souness die Hand auf den Rücken. »Ich möchte auf keinen Fall, dass uns jemand belauscht.«
»Also gut.« Souness kroch in den Wagen der Spurensicherung, und Caffery schob sich hinterher. Innen hingen Spaten, Schneidewerkzeuge und sonstige Hilfsmittel an den Wänden, und in der Ecke summte ein Kühlschrank, der offenbar zur Aufbewahrung verderblicher Beweisstücke diente. Er schloss die Tür und schob Souness mit dem Fuß einen Hocker zu. Als sie sich gesetzt hatte, nahm er ihr gegenüber Platz, stützte die Hände auf die Knie und sah sie aufmerksam an.
»Ja, und?«
»Ziemlich beunruhigend, die ganze Geschichte.«
»Was heißt das?«
»Der Täter muss sich längere Zeit in dem Haus aufgehalten haben.«
Souness legte die Stirn in Falten und schüttelte konsterniert den Kopf. Offenbar hatte sie das Gefühl, dass er sich über sie lustig machte. »Er hat sich längere Zeit in dem Haus aufgehalten?«
»Genau. Und zwar rund drei Tage. Er hat die Leute gefesselt und ihnen weder etwas zu essen noch zu trinken gegeben. Detective Sergeant Quinn behauptet sogar, dass spätestens innerhalb der nächsten zwölf Stunden einer von ihnen gestorben wäre.« Er hob die Augenbrauen. »Das Schlimmste ist allerdings der Gestank.«
Souness verdrehte die Augen. »Klingt verlockend.«
»Und dann ist da noch dieses Geschmiere an der Wand.«
»Herrgott.« Souness lehnte sich zurück und fuhr sich mit der Hand durch ihr Borstenhaar. »Klingt ganz schön pervers.«
Er nickte. »Ja. Aber der Kerl kann noch nicht weit sein. Wir haben den ganzen Park abgeriegelt, den kriegen wir.«
Er wollte schon wieder aus dem Wagen steigen. »Jack?«, hielt Souness ihn zurück. »Da ist doch noch etwas.«
Er stand einen Augenblick schweigend da und rieb sich mit der Hand den Nacken. Fast kam es ihm vor, als ob sie mit ihren wachen Augen direkt in seinen Kopf geschaut hätte. Sie mochten einander, ohne genau sagen zu können, worauf ihre wechselseitige Sympathie beruhte. Jedenfalls arbeiteten sie gerne zusammen. Trotzdem gab es da ein paar Dinge, über die er auch mit ihr lieber nicht sprach.
»Nein, nein, Danni«, murmelte er schließlich und brachte umständlich seinen Schlips in Ordnung. Er wollte lieber gar nicht wissen, wie weit sie ahnte, was in ihm vorging. »Am besten, wir gehen jetzt los und schauen uns mal etwas im Park um.«
Draußen war inzwischen die Nacht hereingebrochen. Über dem Brockwell Park stand tief und rot der Mond am Himmel.
 
Vom hinteren Ende des Donegal Crescent aus schien es, als würde sich der Brockwell Park kilometerweit erstrecken und den gesamten Horizont ausfüllen. Seine Hügel waren fast kahl, bis auf ein paar schäbige, unbelaubte Bäume auf der Kammlinie und eine Gruppe immergrüner Exoten auf dem höchsten Punkt. Am Westhang hingegen drängten sich auf einer mehrere Fußballfelder großen Fläche zahllose Bäume dicht aneinander: Bambus, Silberbirken und Kastanien. Die Bäume gruppierten sich um vier stinkende Weiher und sogen sogar die Feuchtigkeit aus dem Boden ringsum. Man konnte sich hier beinahe wie im Dschungel fühlen, und im Sommer schien es manchmal, als ob die Weiher dampften.
Nur ein paar Minuten, bevor die Polizei gegen 20 Uhr 30 den Park abriegelte, ging an diesem Abend unweit der Tümpel ein einzelner Mann spazieren, dessen Miene seine innere Anspannung verriet. Roland Klare war ein einsamer Mann, der fast das Leben eines Einsiedlers führte, mit merkwürdigen Gewohnheiten und Phasen völliger Lethargie. Nur hier und da überkam ihn plötzlich eine unbegreifliche Sammelwut. Klare war gewissermaßen das menschliche Gegenstück eines Aaskäfers und konnte einfach alles gebrauchen. Den Park kannte er wie seine Westentasche, und er kam des Öfteren hierher, um Abfalleimer zu durchstöbern oder unter Parkbänken nach interessanten Fundstücken Ausschau zu halten. Die Menschen mieden ihn. Schon der penetrante Gestank, den er verströmte - eine Mischung aus ranzigem Schweiß und Urin -, hielt die Leute von ihm fern.
Jetzt stand er, die Hände in den Taschen, unter den Bäumen und starrte auf einen Gegenstand vor seinen Füßen. Er hob das Objekt auf, betrachtete es aufmerksam und hielt es ganz nahe vor sein Gesicht, da es inzwischen fast völlig dunkel geworden war. Eine Pentax-Kamera - gute Marke, auch wenn das Gerät schon reichlich mitgenommen aussah. Roland Klare interessierte sich für Kameras. Zwischen all dem Müll, den er zusammengetragen hatte, verwahrte er irgendwo in seiner Wohnung drei kaputte Kameras und sogar diverse Bestandteile einer Dunkelkammer. Er steckte die Pentax rasch in die Tasche. Dann wühlte er in der Hoffnung auf weitere Fundstücke noch ein wenig mit den Füßen im Laub. Erst am Morgen hatte es kräftig geregnet, doch die gnadenlose Nachmittagssonne hatte das lange Gras bereits wieder getrocknet. Knapp einen Meter entfernt lag ein Paar rosa Gummihandschuhe, die Klare zusammen mit der Kamera in seiner Tasche verschwinden ließ. Als er nichts mehr fand, setzte er schließlich seinen Weg in der Dämmerung fort. Unter einer Straßenlaterne inspizierte er die Gummihandschuhe und fand, dass es sich nicht lohnte, sie zu behalten. Zu abgetragen. Also warf er sie in der Railton Road in einen Mülleimer. Aber die Kamera? Nein, eine solche Kamera, von der trennte man sich nicht so leicht wieder.
 
Es war ein ruhiger Abend für India 99, den zweimotorigen Squirrel-Hubschrauber vom Luftstützpunkt Lippits Hill. Die Sonne war bereits untergegangen, und die Hitze und die niedrig hängende Wolkendecke machten der Mannschaft zu schaffen, also flogen die Männer möglichst rasch die zwölf Standardziele ab, die zu ihrer Runde gehörten - Heathrow, den Millennium Dome, Canary Wharf, etliche Kraftwerke, darunter auch das in Battersea. Sie wollten gerade einen weiter gehenden Kontrollflug unternehmen, als sich die Zentrale meldete. »Hallo, India Lima an India neun neun.«
Der Kommandant hielt sich das Mikrofon vor den Mund. »Was ist los, India Lima?«
»Wo sind Sie?«
»Wir sind gerade über - hm, ja wo denn?« Er beugte sich ein wenig vor und blickte auf die erleuchtete Stadt hinunter. »Wandsworth.«
»Gut. Eigentlich wollten wir ja India neun acht mit der Sache beauftragen, aber denen geht langsam der Sprit aus. Der Einsatzort liegt im Bereich TQ3427445.«
Der Kommandant sah auf die Karte. »Ist das nicht der Brockwell Park?«
»Richtig. Ein vermisstes Kind. Die Polizei hat das Gebiet zwar großräumig abgesperrt, aber dieser Inspector hat gesagt, dass ihr seine letzte Hoffnung seid. Er weiß nicht mal genau, ob das Kind sich überhaupt in dem Park befindet - nur eine Vermutung. Liegt ganz bei euch, ob ihr das übernehmen wollt.«
Der Kommandant schob das Mikrofon zur Seite, sah auf die Uhr und blickte dann nach vorne ins Cockpit. Der Luftbeobachter und der Pilot hatten den Wortwechsel verfolgt und hielten die Daumen nach oben. »Also gut.« Er notierte die Zeit und die Auftragsnummer und brachte das Mikro dann wieder in Position.
»Na, dann schießen Sie mal los, India Lima. Ruhiger Abend heute - wir schauen mal nach. Und mit wem haben wir es dort zu tun?«
»Mit einem gewissen Inspector Caffery. Von der Mordkommission«
»Mordkommission?«
»Genau.«
2. KAPITEL
Das Gehäuse der Kamera war an einigen Stellen beschädigt. Als Roland Klare das Gerät später in seiner Sozialwohnung im obersten Stock des Arkaig Tower, eines Hochhauses an der Nordspitze des Brockwell Parks, näher inspizierte, entdeckte er, dass die Pentax noch weitere, allerdings weniger offenkundige Schäden aufwies. Nachdem er das Gehäuse gründlich mit einem Geschirrtuch gereinigt hatte, versuchte er den Film im Innern des Apparates weiterzudrehen, stellte aber fest, dass der Transportmechanismus klemmte. Sosehr er sich auch bemühte, das Gerät schüttelte und an der Kurbel herumdrehte, die Spule ließ sich einfach nicht bewegen. Schließlich legte er die Kamera im Wohnzimmer auf die Fensterbank, stand eine Weile nachdenklich da und blickte aus dem großen Fenster.
Der Himmel über dem Park war jetzt in glühendes Orange getaucht, und nicht sehr weit entfernt konnte er die Rotoren eines Helikopters hören. Er kratzte sich mechanisch an den Armen und überlegte verzweifelt, was er tun sollte. Die einzige funktionstüchtige Kamera, die er besaß, war eine Polaroid. Auch diesen Apparat hatte er nicht ganz korrekt in seinen Besitz gebracht. Aber Polaroidfilme waren schließlich ziemlich teuer, deshalb fand er es sinnvoll, die Pentax aufzubewahren. Er seufzte, nahm das Gerät wieder in die Hand und versuchte abermals, den Mechanismus zu bewegen. Dabei setzte er sich auf einen Stuhl, klemmte die Kamera zwischen die Beine und machte sich hingebungsvoll daran zu schaffen. Nach zwanzig Minuten fruchtloser Bemühungen gab er schließlich entnervt auf.
Frustriert und schwitzend machte er einen kurzen Eintrag in ein Buch, das er in einem Schreibtisch neben dem Fenster verwahrte. Dann legte er die Kamera mitsamt Film in eine violette Blechdose auf der Fensterbank, wo sie während der folgenden fünf Tage blieb, und zwar zusammen mit einem Schraubenzieher, drei Medikamentenfläschchen und einer Plastikbrieftasche mit Union-Jack-Aufdruck, die er in der vergangenen Woche in einem Bus gefunden hatte.
 
Sämtliche Londoner Gefängnisse bestehen darauf, über jeden vorbeifliegenden Helikopter informiert zu werden, um nicht unnötig in Unruhe zu geraten. Als die Besatzung des India 99 rechts vor sich die vertraute Sporthalle mit dem Glasdach und das achteckige Überwachungszentrum auftauchen sah, schaltete der Kommandant auf Kanal acht und gab dem Königlichen Gefängnis Brixton ihre Identität durch. Dann flogen sie weiter Richtung Brockwell Park. Außerhalb des Helikopters regte sich kein Lüftchen, und der orangefarbene Lichterglanz der Stadt brach sich an der niedrigen Wolkendecke und wurde von dort auf das Dächermeer zurückgeworfen. Man hätte fast meinen können, dass der Helikopter sich durch eine rote Glutschicht vorwärts schob. Inzwischen hatten die Männer die Acre Lane erreicht, deren Häuser wie eine lange Kette locker aneinander gereihter, glitzernder Perlen unter ihnen lag. Danach flogen sie über die verstopften Straßen jenseits der Brixtoner Water Lane, unter sich ein Häuser- und Kneipengewirr, bis die Maschine plötzlich - flack, flack, flack - nach oben gerissen wurde und die Männer unter sich den dunklen Brockwell Park sahen.
In dem nur schwach beleuchteten Cockpit sagte eine Stimme: »Ist größer, als ich gedacht hatte.«
Die drei Männer beäugten skeptisch die riesige dunkle Grünfläche unter sich. Der von einem Lichtermeer umgebene, unbeleuchtete Park dort unten schien gar nicht mehr enden zu wollen, fast so, als hätten sie London bereits hinter sich gelassen und schwebten über den Weiten des Ozeans dahin. Nur in der Ferne markierten die funkelnden Lichter von Tulse Hill die äußerste Grenze der riesigen Grünanlage.
»Himmel.« In dem dunklen kleinen Cockpit rutschte der Luftbeobachter im fahlen Licht der Armaturenbeleuchtung unruhig auf seinem Sitz hin und her. »Wie sollen wir hier denn was finden?«
»Wird schon irgendwie gehen.« Der Kommandant zog die Funkfrequenztabelle aus der Seitentasche seiner Hose und warf einen Blick darauf. Dann rückte er die Kopfhörer und das Mikrofon zurecht und nahm mit der Bodenkontrolle in Brixton Kontakt auf. »India neun neun an Lima Delta.«
»Guten Abend, India neun neun. Wir haben einen Helikopter über uns - sind Sie das?«
»Richtig. Wir würden gerne auf Frequenz fünfundzwanzig mit den Einsatzkräften sprechen.«
»Geht in Ordnung, India neun neun.«
Dann hörte der Kommandant plötzlich Inspector Cafferys Stimme. »Hallo, neun neun. Wir können Sie sehen. Danke, dass Sie gekommen sind.«
Der Luftbeobachter beugte sich über den Wärmebildmonitor. Ein schlechter Abend für diese Technik - die von unten aufsteigende Hitze stellte die Infrarotkamera auf eine harte Probe und ließ alles auf dem Bildschirm in demselben milchigen Einheitsgrau erscheinen. Dann sah er in der linken oberen Ecke des Monitors eine leuchtend weiße Gestalt, die mit den Armen in der Luft herumfuchtelte. »Okay, ich hab ihn.«
»Keine Ursache«, sagte der Kommandant in sein Mikrofon. »Ist doch selbstverständlich. Wir haben jetzt Blickkontakt mit Ihnen da unten.«
Der Beobachter justierte die Kamera, bis die Einsatzkräfte unten am Boden deutlich zu erkennen waren: hell leuchtende Gestalten, die sich von den Bäumen ringsum abhoben. Ja, das mussten insgesamt wenigstens vierzig Beamte sein. »Himmel, die haben den Park echt gründlich abgeriegelt.«
»Sie haben Ihre Leute ganz ausgezeichnet positioniert«, sagte der Kommandant zu Caffery.
»Ich weiß. Heute Abend geht uns hier unten niemand durch die Lappen.«
»Ziemlich großes Gebiet, und Tiere gibt es dort unten auch, aber wir werden unser Bestes tun.«
»Danke.«
Der Kommandant beugte sich vor und sagte zu den Männern vorne im Cockpit: »Also, dann fangen wir mal an.«
Der Pilot flog zunächst über dem südlichen Teil des Parks eine Rechtskurve. Knapp einen Kilometer weiter westlich sahen sie jetzt unter sich den ausgetrockneten Bootsweiher, der sich von der Umgebung hell abhob. Zwischen den Bäumen funkelten die vier Seen dunkel zu ihnen herauf. Die Männer teilten den Park in Zonen ein und flogen in rund hundertfünfzig Metern Höhe konzentrische Kreise, während der Luftbeobachter vor seinem Monitor hockte. Er trug Ohrenschützer gegen den Lärm der Rotorblätter. Ständig tippte er neue Befehle in seinen Laptop ein, konnte aber nirgends Wärmeflecken erkennen. Die schwitzenden Einsatzkräfte auszumachen, die zudem noch im Freien gestanden hatten, war kein Problem gewesen, doch ansonsten waren wegen der Hitze kaum Wärmeunterschiede festzustellen, und natürlich konnte sich unter dem sommerlichen Laubdach alles Mögliche verbergen. Die Instrumente waren buchstäblich mit Blindheit geschlagen. Als sie wieder eine Kurve flogen, sagte der Luftbeobachter zu seinem Kommandanten: »Wir könnten genauso gut in den Wind pinkeln.« Das Wort »pinkeln« wählte er ganz bewusst und verzichtete auf einen derberen Ausdruck, denn schließlich wurde alles, was er hier oben von sich gab, elektronisch aufgezeichnet. »Ja, das ist richtig: Genauso gut könnten wir in den Wind pinkeln.«
 
Unten standen Caffery und Souness neben dem Wagen der Spurensicherung und starrten zu den Lichtern des Helikopters hinauf. Caffery hoffte inständig, dass die Männer dort oben den Fall für ihn lösen und Rory Peach finden würden. Inzwischen war es eine Stunde her, seit der Besitzer des indischen Lebensmittelladens die Nummer 999 gewählt und damit den Alarm ausgelöst hatte.
Ein Großteil des Arbeitslosengeldes der Peaches ging für Carmels Superking-Zigaretten drauf, sodass die Leute am Wochenende meist pleite waren und in dem Laden an der Ecke anschreiben ließen. Als bis Montagabend niemand die Rechnung vom vergangenen Wochenende beglichen hatte, hatte sich der indische Ladenbesitzer auf den Weg zum Haus Nummer dreißig gemacht, um sein Geld einzutreiben. War nicht das erste Mal gewesen, wie er Caffery erzählte, und Angst vor Alek Peach hatte er angeblich auch keine. Trotzdem begleitete ihn sein Schäferhund, als er um 19 Uhr bei den Peaches klingelte.
Keine Reaktion. Er klopfte laut an die Tür. Wieder nichts. Widerwillig setzte er seinen Weg fort und ging mit dem Hund in den Park.
Sie spazierten zunächst an den Gärten auf der Rückseite der Reihenhauszeile vorbei und wollten gerade in den Park einbiegen, als sich der Schäferhund plötzlich umdrehte und laut anschlug. Der Ladenbesitzer blickte sich ebenfalls um. Auch wenn er es später nicht beschwören konnte, hatte der Mann den Eindruck, dass dort drüben unter den Bäumen etwas vorbeihuschte. Ja, ein dunkler Schatten, der sich rasch von der Rückseite des Peach-Hauses entfernte. Zunächst dachte er an ein Tier, weil der Schäferhund wie wahnsinnig bellte und an der Leine zerrte, doch dann war der Schatten rasch zwischen den Bäumen verschwunden. Neugierig zog er den widerstrebenden Hund zum Haus Nummer dreißig zurück und spähte durch den Briefschlitz.
Diesmal begriff er sofort, dass in dem Haus etwas nicht stimmte. Auf der Innenseite der Tür lagen mehrere Briefe auf dem Boden, und die Treppenwand war mit großen Buchstaben besprüht.
»Jack?«, rief Souness in den Lärm des über ihnen kreisenden Helikopters hinein. »Woran denken Sie gerade?«
»Ich bin mir ganz sicher, dass der Junge irgendwo in diesem Park sein muss«, brüllte er zurück und wies mit dem Finger auf die Bäume. »Irgendwo dort drüben.«
»Und woher wollen Sie wissen, dass er nicht längst wieder draußen ist?«
»Glaube ich nicht.« Er bildete mit den Händen einen Trichter und beugte sich zu ihr vor. »Wenn er den Park inzwischen wieder verlassen hätte, müsste ihn jemand gesehen haben. Schließlich führen sämtliche Parkausgänge auf große Straßen hinaus. Der kleine Junge ist nackt, er blutet …«
»WAS?«
»ER IST NACKT, UND ER BLUTET. DAS DÜRFTE SELBST IN BRIXTON DEN EINEN ODER ANDEREN PASSANTEN DAZU VERANLASSEN, DIE POLIZEI ZU INFORMIEREN, MEINEN SIE NICHT?«
Er ließ die Hände wieder sinken und beobachtete den Hubschrauber. Allerdings hatte er noch weitere gute Gründe für die Annahme, dass Rory sich noch in dem Park aufhielt. Schließlich wusste er, wie eine solche Kindesentführung normalerweise ablief: Sollte Rory nicht mehr am Leben sein, dann bestand statistisch eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass man ihn innerhalb eines acht Kilometer großen Radius um den Ort der Entführung auffinden würde, und zwar weniger als vierzig Meter von einem befestigten Weg entfernt. Weitere internationale statistische Erhebungen sprachen eine noch grausamere Sprache: Nach diesen Erkenntnissen würde der Entführer den kleinen Rory nicht gleich umbringen, sondern ihn noch etwa vierundzwanzig Stunden am Leben lassen. Außerdem sprachen die Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen dafür, dass bei der Entführung eines Jungen in Rorys Alter fast immer sexuelle Motive eine Rolle spielten. Und zusätzlich war unter solchen Umständen zu vermuten, dass es sich bei dem Täter um einen Sadisten handelte.
Dass Caffery sich mit den Vorlieben und Gewohnheiten pädophiler Männer so gut auskannte, war kein Zufall: Er hatte es in der Vergangenheit schon einmal mit einem ganz ähnlichen Verbrechen zu tun gehabt. Allerdings lag die Geschichte schon siebenundzwanzig Jahre zurück. Damals war sein Bruder Ewan - im gleichen Alter wie heute Rory - am helllichten Tag verschleppt worden. Eigentlich hätte Caffery Souness beiseite nehmen und ihr vorschlagen müssen: Vielleicht wäre es besser, wenn Sergeant Logan die Ermittlungen leitet. Ich weiß nämlich nicht, ob ich nicht völlig ausraste, wenn wir diesen Dreckskerl kriegen.
»UND WAS MACHEN WIR, WENN DIE MÄNNER DORT OBEN NICHTS FINDEN?«, brüllte Souness.
»KEINE SORGE. DIE WERDEN SCHON WAS FINDEN.« Er hob das Funkgerät zum Mund und schaltete auf den Kanal des Helikopterkommandanten. »Neun neun, irgendwas Neues da oben?«
 
Hundertfünfzig Meter weiter oben neigte sich der Kommandant in dem dunklen Cockpit so weit nach vorne, wie die Leitungen es zuließen, die ihn wie eine Nabelschnur mit dem Dach des Helikopters verbanden. »Hey, Howie? Die wollen wissen, was hier los ist - Howie.« Er konnte das Gesicht des Luftbeobachters nicht erkennen, der vornübergebeugt auf den Bildschirm starrte und dessen Augen hinter seinem Helm verborgen waren.
»Ich tue, was ich kann. Sieht aus wie ein beschissenes Schneefeld, wie weiße Sauce. Ich kann nur Sachen erkennen, die sich deutlich bewegen.« Er betätigte einen Schalter, sodass sich die Hitze auf seinem Monitor plötzlich schwarz abbildete. Dann versuchte er es zunächst mit Rot und dann mit Blau. In manchen Fällen war es hilfreich, wenn man eine andere Farbe aktivierte, doch an diesem Abend verhinderte die diffuse Hitze, die von unten aufstieg, jedes klare Bild. »Können wir vielleicht noch mal ein paar Rechtskurven fliegen?«
»Okay.« Der Pilot schwenkte nach rechts und flog wieder ein paar Kreise. Unter dem Hubschrauber zog jetzt ein dichtes Waldgebiet vorbei. Der Luftbeobachter starrte auf den Monitor. Dann machte er sich am Joystick des Laptops zu schaffen, und die Infrarotkamera, die unter dem Cockpit am Boden des Helikopters befestigt war, ließ ihr Auge über den Park schweifen.
»Und - was Neues?«
»Weiß nicht. Ich sehe da irgendwas im Bereich zehn Uhr, allerdings …« Da es an der nötigen Tiefenschärfe fehlte, war es schwierig, etwas Genaues zu erkennen, und sobald sie in die Nähe des Objektes kamen, versetzte der Luftwirbel der Rotorblätter die Baumkronen in Aufruhr. Der Mann glaubte, ein merkwürdig rundes Objekt von der Größe eines Autoreifens ausgemacht zu haben. Aber dann peitschten die Äste wieder wie vom Sturm geschüttelt hin und her, und er hatte das Gefühl, sich alles nur eingebildet zu haben. »Scheiße.« Wieder beugte er sich über den Monitor und veränderte mehrmals den Bildausschnitt. »Vielleicht sollten die sich das mal näher ansehen.« Er tippte auf den Monitor. »Sehen Sie das?«
Der Kommandant neigte sich vor und starrte ebenfalls auf den Bildschirm. Obwohl er nicht genau erkennen konnte, was sein Kollege meinte, lehnte er sich auf seinem Sitz wieder nach hinten und ging auf Cafferys Frequenz. »Neun neun an Einsatzkräfte.«
»Ja - haben Sie was gefunden?«
»Könnte sein, dass wir eine Wärmequelle entdeckt haben, aber wir sind uns nicht ganz sicher. Möchten Sie sich das mal näher ansehen?«
»Natürlich.«
»Okay. Ganz in der Nähe ist ein See oder ein Bootsweiher oder so was …«
»Der Bootsweiher?«
»Ja, der Bootsweiher - und ungefähr zweihundert Meter davon entfernt fängt der Wald an.«
»Ja, ich kann Ihnen folgen.«
Der Kommandant beugte sich vor und blickte auf den Punkt auf dem Monitor, den der Luftbeobachter mit dem Finger markiert hatte. »Sie müssen ungefähr hundert Meter in den Wald hinein …«
»Okay. Verstanden.«
Der Kommandant signalisierte dem Piloten mit der flachen Hand, die Maschine auf der Stelle schweben zu lassen, und dann starrten die drei Besatzungmitglieder schweigend auf den Bildschirm. In den Kopfhörern war nur ihr Atem zu hören, während sie zusahen, wie die Beamten als weiß glühende Flecken auf dem Monitor langsam näher kamen.
»Gut so«, murmelte der Kommandant. »Vielleicht können wir Ihnen die Suche noch etwas erleichtern.« Er betätigte einen Hebel, und auf der Unterseite des Helikopters flammte plötzlich ein gewaltiger Scheinwerfer auf. Das Licht war so stark, dass es aus nächster Nähe sogar Beton durchbrennen konnte. Die Einsatzkräfte unten am Boden ließen sich von diesem Licht wie von einem Stern leiten und hasteten unter den Bäumen dem leuchtenden Strahl entgegen. Inzwischen hatte der Luftbeobachter die ringförmige Wärmequelle auf dem Monitor wieder verloren und war plötzlich unsicher, ob er sich die Erscheinung nur eingebildet hatte oder nicht.
»Howie?«, fragte der Kommandant von hinten. »Befinden wir uns überhaupt an der richtigen Stelle?«
Der Luftbeobachter schwieg. Er saß nach vorne gebeugt da und versuchte, die Wärmequelle wieder auf dem Monitor sichtbar zu machen.
»Howie?«
»Ja - ich glaube, aber …«
»Bodeneinheiten an neun neun«, meldete sich Caffery über Funk. »Wir sind ziemlich ratlos hier unten. Können Sie uns vielleicht helfen?«
»Howie?«
»Ich weiß nicht, ich blicke nicht mehr durch. Aber ich habe etwas gesehen.« Er verkleinerte den Bildausschnitt und schüttelte den Kopf. Der Lärm der Motoren und der Rotorblätter, die Hitze und die Gerüche, dies alles setzte ihm so zu, dass er sich nur schwer konzentrieren konnte. Unten standen die Polizeibeamten und starrten ratlos zu dem Helikopter hinauf. »Scheiße«, murmelte der Kommandant. »Howie, verdammt noch mal.« Er konnte Caffery nicht länger warten lassen, deshalb sagte er: »Also … ich weiß nicht …«
»Hm, ärgerlich.«
Der Kommandant verlor allmählich die Geduld. »Und was ist mit dem Treibstoff?«
Der Pilot schüttelte den Kopf. »Noch ungefähr ein Viertel.«
Der Kommandant stieß einen Pfiff aus. »Also müssen wir bald tanken. Zwanzig Minuten, Howie, reicht das?«
»Also, ich sehe nichts. Scheint so, als hätte ich mich getäuscht.«
Der Kommandant seufzte. »Okay, verstanden.« Er ging auf die Frequenz der Bodenkontrolle. »India Lima, uns geht allmählich der Saft aus, wir fliegen jetzt nach Fairoaks rüber, um nachzubunkern. Sieht ganz so aus, als hätten wir hier nichts erreicht. Sehe ich das richtig, Howie?«
»Ja.« Howie strich sich unbehaglich mit dem Finger über den Kinnriemen. »Ja, war offenbar blinder Alarm. Ja.«
»Neun neun an Einsatzkräfte. Wir sind genauso ratlos wie Sie.«
»Sind Sie sicher?«, fragte Caffery mit brüchiger Stimme. »Sind Sie sicher, dass wir uns an der richtigen Stelle befinden?«
»Ja, Sie schon, aber wir haben leider die Wärmequelle aus den Augen verloren. Verdammt heißer Abend, wir haben hier oben mächtig mit Interferenzen zu kämpfen.«
»Verstanden. Na ja, trotzdem besten Dank für Ihre Bemühungen.«
»Tut mir aufrichtig Leid.«
»Schon in Ordnung. Einen schönen Abend Ihnen dort oben.«
Der Kommandant konnte den winkenden Caffery auf dem Monitor erkennen. Er rückte seinen Helm zurecht und schaltete wieder auf die Frequenz der Bodenkontrolle. »Höchst bedauerlich, aber wir haben im Bereich TQ3427445 leider nichts gefunden. Wir fliegen jetzt Richtung India Foxtrot.« Er trug den Zeitpunkt und die Dauer der Mission in das Logbuch ein, dann verschwand der Helikopter in der dunklen Nacht.
Unten am Boden beobachtete Caffery, wie sich der Hubschrauber langsam entfernte, bis sein Licht kaum mehr größer war als der Widerschein eines Satelliten.
 
»Sind Sie sich darüber im Klaren, was das bedeutet?«
»Nein«, erwiderte Souness. »Nein, was denn?«
Es war schon spät. Die Polizeikräfte hatten inzwischen das Gebiet abgesperrt, in dem der Hubschrauber die Wärmequelle gesehen haben wollte. Dann begannen die Beamten auf allen vieren den Bereich Zentimeter für Zentimeter zu durchsuchen. Wieder keine Spur von Rory Peach. Schließlich wurde die Aktion abgeblasen, und Caffery und Souness forderten eine Spezialeinheit an, die das Gelände am folgenden Tag gleich in der Morgendämmerung durchkämmen sollte.
Zum Abschluss noch eine Lagebesprechung, bevor die beiden um 23 Uhr schließlich in die Zentrale in Thornton Heath zurückfuhren. Caffery parkte den Wagen direkt vor dem Gebäude und schob die Schlüssel in die Tasche. »Sollte der Junge noch irgendwo in dem Park sein, dann strahlt er vermutlich keine Wärme mehr ab, andernfalls müsste es doch möglich sein, ihn mit der Infrarotkamera sichtbar zu machen.« Auch wenn er es kaum zu denken wagte, hoffte er insgeheim, dass der Junge bereits tot war. Schließlich wusste er, dass es Erfahrungen gab, die so grauenhafte Spuren hinterließen, dass ein menschenwürdiges Leben kaum noch möglich war. Jedenfalls seiner Überzeugung nach. »Kann gut sein, dass wir schon zu spät dran sind.«
»Es sei denn« - Souness stieg nachdenklich aus dem Wagen, und die beiden überquerten gemeinsam die Straße -, »es sei denn, der Junge ist gar nicht in dem Park.«
»Ach, sicher ist er in dem Park. Hundertprozentig.« Caffery öffnete mit Hilfe seiner Magnetkarte die Tür und ließ Souness den Vortritt. »Die Frage ist nur: Wo?«
Das alte Backsteingebäude, in dem die Mordkommission untergebracht war, lag in der unscheinbaren Shrivemoor Street. Die meisten Beamten bezeichneten ihren Arbeitsplatz deshalb einfach als »Shrivemoor«. Die Büros der Mordkommission befanden sich im zweiten Stock, wo sämtliche Fenster hell erleuchtet waren. Inzwischen hatten sich dort oben bereits die meisten Mitarbeiter eingefunden, die man von überall her zusammengetrommelt hatte, vor allem die Experten, die den Zentralcomputer bedienten, aber auch fünf verdeckte und sieben offizielle Ermittler. Sie wanderten zwischen den Schreibtischen hin und her, tranken Kaffee und sprachen leise miteinander. In der Küche standen drei Sanitäter in weißen Schutzanzügen verlegen herum, ließen sich von einem Beamten die Stiefelsohlen fotokopieren und mit einem Klebeband Fussel und Haare von der Kleidung entfernen.
Während Souness damit beschäftigt war, einen starken Kaffee zu kochen, spritzte sich Caffery zur Erfrischung kaltes Wasser ins Gesicht und sah rasch die »Eingänge« auf seinem Schreibtisch durch. Dabei entdeckte er zwischen diversen Rundschreiben, Berichten und Obduktionsbefunden auch ein Exemplar von Time Out. Das Blatt war so gefaltet, dass ihm sofort die Schlagzeile »Künstler, die Verbrechen künstlerisch verarbeiten« ins Auge fiel. Daneben ein Foto von Rebecca mit geschlossenen Augen und zurückgeworfenem Kopf. Mitten auf der Stirn trug sie eine Gefangenennummer.
Rebecca Morant - Flittchen der Schmuddelpresse oder seriöse Künstlerin? Nur Leute, die hinter dem Mond leben, haben noch nichts von dem Vergewaltigungsopfer Morant gehört, einer jungen Dame, die inzwischen zum Liebling der Kunstwelt avanciert ist. Wegen ihrer auffallenden Schönheit ist die luchsäugige Rebecca Morant bei der Kritik anfangs auf Skepsis gestoßen, bis sie für den ultra-coolen Vincent-Preis nominiert wurde …
Caffery klappte das Magazin zu und legte es mit der Titelseite nach unten in die Ablage. Musst du denn unentwegt mit dieser Geschichte hausieren gehen, Becky?
»Also Leute, passt mal auf.« Er klopfte mit einer leeren Sprite-Dose gegen die Wand. »Hört mal zu, Leute. Wir mussten Sie leider etwas überstürzt hierher bitten, deshalb bringen wir es am besten rasch hinter uns. Kommen Sie doch bitte mal mit.« Er hielt das Video in die Höhe und ging in das Dienstzimmer, das er sich mit Souness teilte. Dabei signalisierte er den übrigen Beamten, ihm zu folgen. »Los, kommt schon, Leute, dauert ja nur zehn Minuten. Falls jemand aufs Klo muss, bleibt dafür hinterher noch genug Zeit.«
Das Büro war so klein, dass nur bei geöffneter Tür alle Beamten in dem Raum Platz fanden. Souness stand vor dem Fenster und hielt einen Becher Kaffee, während Caffery das Video in das Gerät schob und wartete, bis sich alle in dem Zimmer versammelt hatten.
»Okay. Sie alle wissen, worum es hier geht. Chief Inspector Souness koordiniert die Befragungen der Anwohner. Wer dafür eingeteilt ist, sollte sich also nach der Besprechung mit ihr kurzschließen. Sobald es hell wird, werden wir auch den Brockwell Park nochmals absuchen. Wer zum Suchtrupp gehört, sollte dort pünktlich erscheinen. Im Übrigen ist höchste Diskretion geboten. Sonst noch was? Ach ja. Auch wenn wir für den Fall zuständig sind, müssen wir uns mit dem Sittendezernat abstimmen, und mit dem Jugendschutz in Belvedere sollten wir auch sprechen, um sicher zu gehen, dass Rory dort nicht bereits aktenkundig ist. Also« - er zeigte auf den flimmernden Bildschirm und holte tief Luft - »wenn Sie gleich die Bilder sehen, werden Sie vermutlich sofort an Maudsley denken.« Er hielt inne. Der Name Maudsley, eine psychiatrische Klinik in Denmark Hill, ließ bei einigen der Beamten sichtlich die Alarmglocken schrillen. Genau das wollte er eigentlich verhindern: Er hoffte, dass sich die Beamten bei ihren Nachforschungen völlig rational verhielten und sich durch die Art des Verbrechens nicht zu Überreaktionen hinreißen ließen.
»Und schreiben Sie den Mann auf keinen Fall von vornherein als Psychopathen ab«, sagte er. »Auch wenn vielleicht einiges dafür spricht.« Er blickte in die Gesichter der anderen. »Kann nämlich durchaus sein, dass genau das beabsichtigt ist. Ist vielleicht eine Art Tarnung. Durchaus möglich, dass wir es mit einem Wald-und-Wiesen-Pädophilen zu tun haben, der ganz bewusst eine falsche Spur gelegt hat, um gegebenenfalls auf Unzurechnungsfähigkeit zu plädieren. Und denken Sie daran, dass er sich ganze drei Tage in dem Haus aufgehalten hat. Drei Tage. Klingt nicht gerade wie ein Psychopath. Und denken Sie auch darüber nach, was diese drei Tage bedeuten könnten. Hat er sich vielleicht deshalb so viel Zeit gelassen, weil er keine Angst gehabt hat, gestört zu werden?«
Oder bedeuten die drei Tage womöglich, dass ihm seine miesen Spiele mit Rory so viel Spaß gemacht haben, dass er gleich das ganze Wochenende dageblieben ist?
Dann richtete er die Fernbedienung auf das Videogerät. Auf dem Bildschirm erschien Donegal Crescent in der Abenddämmerung. Unterhalb der Zeitanzeige war eine Gruppe Schaulustiger zu sehen, die sich vor der Absperrung zusammendrängten, um einen Blick auf das kleine Reihenhaus zu erhaschen. Auf den Gesichtern der Leute war der Widerschein des lautlos zuckenden Blaulichts der Einsatzfahrzeuge zu erkennen. Caffery stand mit verschränkten Armen an der Wand und beobachtete aus den Augenwinkeln seine Kollegen. Die Bilder, die gerade über den Monitor liefen, waren der erste Eindruck, den sie von dem Schauplatz des Verbrechens erhielten. Er wusste, dass ihnen das Haus der Familie Peach gerade wegen seiner Normalität ganz besonders gespenstisch erscheinen würde.
»Das Haus liegt am Rand des Brockwell Parks«, sagte er ruhig. »Damit Sie eine Vorstellung davon haben, wo das ist - der Turm, den Sie dort im Hintergrund sehen, ist der Arkaig Tower an der Railton Road. Die Kollegen, zu deren Revier die Gegend gehört, bezeichnen das Viertel bisweilen auch als Crack-Mekka.«
Die Kamera zeigte jetzt den Weg, der zur Eingangstür des Hauses führte, und machte dann einen Schwenk, sodass plötzlich die kleine Grasfläche gegenüber dem Eingang zu sehen war und die schockierten Gesichter der Nachbarn sich vor dem Abendhimmel bleich abzeichneten. Jeder Punkt, den man von dem Haus aus sehen konnte, bot umgekehrt auch die Möglichkeit, dass jemand von dort aus die Vorgänge auf dem Grundstück beobachtet hatte. Aus diesem Grund hielt die Kamera sämtliche Details der Umgebung fest und machte dann abermals einen 180-Grad-Schwenk auf die Frontseite des Hauses. Schließlich erschien im Bild eine 30, die in goldenen Ziffern an die Wand geschraubt war.
»Sämtliche Türen und Fenster waren geschlossen.« Die Kamera zeigte jetzt die von der Polizei aufgesprengte Eingangstür und präsentierte dann in Großaufnahme das intakte Schloss. »Die Kollegen mussten die Tür aufbrechen. Allerdings war die Hintertür nicht abgeschlossen, auf diesem Weg dürfte der Täter ins Haus gelangt sein. Passen Sie mal auf.«
Sie befanden sich jetzt in dem Haus, und der Eingangsbereich wurde von dem Halogenlicht der Kamera überflutet. Nicht mehr ganz frische Tapeten, ein grauer Teppichboden samt abgewetztem Plastikläufer. Zwei schlecht gerahmte Drucke warfen an der Wand lang gezogene, wackelige Schatten, und auf der untersten Treppenstufe lag eine riesige, grellbunte Wasserpistole. Am Ende des Gangs sah man wieder eine Tür. Das Bild wurde plötzlich undeutlich und fing an zu flackern. Dann war auf dem Monitor eine kleine Küche zu sehen. Neben einer Brotdose stand ein lasiertes Terracotta-Huhn, das in die Kamera starrte. Hinter einem im Luftzug flatternden Vorhang eine zerbrochene Scheibe und dahinter ein Ausschnitt des dunklen Hofes und der Bäume im Park weiter hinten.
»Also, das hier ist sehr wichtig.« Caffery stützte sich mit dem Ellbogen auf den Monitor, beugte sich ein wenig vor und zeigte mit dem Finger auf den Bildschirm. »Glas auf dem Boden, die Tür nicht abgeschlossen. Durch diese Tür ist der Täter nicht nur hereingekommen, sondern auch wieder verschwunden. Der Eindringling zerschlägt die Scheibe und öffnet die Tür. Das müsste nach unserer Einschätzung etwa Freitagabend gegen 19 Uhr gewesen sein.« Die Kamera zoomte jetzt durch die zertrümmerte Scheibe und zeigte in Großaufnahme den kleinen Hof hinter dem Haus. Eine ziemlich große Wäschespinne, ein Kinderfahrrad, ein paar Spielsachen und vier mit einer ranzig-gelblichen Flüssigkeit gefüllte, umgestürzte Milchflaschen. »Der Eindringling bleibt dann zusammen mit der Familie Peach bis Montagnachmittag in dem Haus. Dann erst wird er gestört, schnappt sich Rory Peach und verschwindet durch dieselbe Tür.« Auf dem Monitor erschien jetzt wieder die Küche, dann machte die Kamera einen Schwenk und zeigte einige Blutspuren am Türrahmen. Caffery drückte auf die Fernbedienung und blickte erwartungsvoll in die Gesichter seiner schweigenden Kollegen. Doch niemand sagte etwas oder stellte eine Frage. Alle starrten nur auf das Blut auf dem Bildschirm.
»Unsere medizinischen Experten gehen davon aus, dass die Verletzungen des Jungen zum derzeitigen Zeitpunkt noch nicht tödlich sind. Vermutlich ist der Eindringling mit dem Kleinen durch diesen kaputten Zaun dort drüben in den Park geflüchtet. Vielleicht hat er auch eine Möglichkeit gefunden, die Blutungen zu stillen - vielleicht mit einem Handtuch oder so etwas, da die Hunde die Spur rasch verloren haben. Okay.« Das Bild kam jetzt wieder in Bewegung. »Also gut, als Nächstes möchte ich Ihnen zeigen, wo man die Familie gefunden hat.«
Auf dem Bildschirm tauchte kurz das Gesicht einer Frau auf und verschwand dann wieder: Detective Sergeant Quinn, die für die erkennungsdienstliche Erfassung des Tatorts zuständig war. Sie hatte gemeinsam mit Caffery zunächst die Videoaufnahmen überwacht und anschließend dafür gesorgt, dass die Scherben auf dem Küchenboden genau fotografiert und dann entfernt wurden. Dann hatte sie einige Polizeibiologen zum Tatort beordert. Während Caffery mit der Helikopterbesatzung gesprochen hatte, waren die Wissenschaftler in ihren Schutzanzügen durch das Haus gegangen und hatten Spezialchemikalien wie Ninhydrin und Silbernitrat auf diverse Objekte und Flächen aufgetragen, um mögliche Spuren sichtbar zu machen.
»Den Vater, Alek Peach, hat man hier gefunden. Er war mit den Handgelenken und den Füßen an diese beiden Heizkörper gefesselt. Seine genaue Lage lässt sich von dem Abdruck ablesen, den sein Körper hinterlassen hat.« Caffery zeigte seinen Kollegen den großen dunklen Fleck, der sich im Wohnzimmer zwischen den beiden Heizkörpern auf dem Flokati-Teppich abzeichnete. »Der Mann hat eine schwere Verletzung am Hinterkopf. Er ist deshalb im Augenblick nicht vernehmungsfähig. Sieht nicht gut aus für ihn. Die Stelle, wo wir Carmel gefunden haben, werden Sie sehen, wenn wir jetzt mit der Kamera nach oben gehen.«
Carmel lag inzwischen mit Beruhigungsmitteln voll gepumpt im Krankenhaus. Doch auf dem Weg dorthin hatte sie im Rettungswagen eine erste Aussage gemacht. Obwohl eine oberflächliche Untersuchung keine Kopfwunden ergeben hatte, sprach einiges dafür, dass sie während ihrer dreitägigen Tortur irgendwann das Bewusstsein verloren hatte: Das Letzte, woran sie sich erinnern konnte, war, dass sie am Freitagabend gegen 18 Uhr das Abendessen gemacht hatte. Später war sie dann geknebelt und an ein Wasserrohr gefesselt in dem begehbaren Kleiderschrank im ersten Stock wieder aufgewacht. Und dort hatte sie gelegen, bis drei Tage später der Ladenbesitzer durch den Briefschlitz hereingeschaut hatte. Den Eindringling hatte sie weder gesehen noch mit ihm gesprochen. Auch gab es angeblich niemanden, der einen Grund gehabt hätte, der Familie so etwas anzutun. Beim Abtransport hatten die Sanitäter die Trage so gedreht, dass Carmel Richtung Treppe schaute. So versuchten die Männer zu verhindern, dass sie sehen konnte, was der Eindringling hinter ihr an die Wand gesprayt hatte.
»Nachdem Sie das gesehen haben«, sagte Caffery und sah seine Kollegen an, »werden Sie sicher verstehen, dass wir nicht möchten, dass die Öffentlichkeit etwas von dem Geschmiere erfährt.«
Dann blickte er wieder auf den Bildschirm. Die Kamera bewegte sich jetzt die Treppe hinauf, und im ersten Stock waren ein paar Schatten zu erkennen. In dem Augenblick, als Caffery das Geschmiere gesehen hatte, war ihm klar gewesen, dass er damit etwas in der Hand hatte, um falsche von echten Geständnissen zu unterscheiden.
Die Kamera wackelte. Irgendjemand stieß einen Fluch aus und fragte dann laut: »Habt ihr das hier gesehen?« Dunkelheit. Plötzlich gleißendes Licht, die Blende der Kamera schloss sich augenblicklich und fing dann wie eine Iris an zu flattern. Als das Bild schließlich wieder scharf war, kniffen die Polizisten die Augen zusammen, um besser lesen zu können, was der Täter an die Wand gesprayt hatte:
Caffery stoppte das Video, damit die Kollegen den Text genau studieren konnten. »Weibliche Gefahr!« Dann schaltete er das Gerät aus und machte das Licht wieder an. »Ich möchte, dass wir den Fall bis morgen lösen - wieso, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen.«
 
Auf dem Flugplatz Fairoaks nahm der Luftbeobachter in der Küche den Helm ab und rieb sich die Ohren. Noch immer war er sich nicht wirklich darüber im Klaren, was er gesehen hatte. »Eigentlich hätte ich mir das gerne noch etwas näher angesehen, weißt du.«
Der Kommandant verpasste ihm einen Klaps auf den Rücken. »Ach, die Polizei ist sich ja nicht mal sicher, ob der Junge sich überhaupt noch in dem Park befindet.«
»Trotzdem - ein kleines Kind.«
»Vielleicht können wir ja später noch mal hinfliegen.«
Doch während der Helikopter aufgetankt wurde, kam die Meldung, dass in Purley ein Verkehrspolizist von einem Auto überfahren worden war. Der Autofahrer war aus dem Wagen gesprungen und Richtung Flugplatz Croydon geflüchtet. Die Sache hatte Vorrang, und India 99 wurde sofort nach Croydon beordert. Als seine Schicht um 2 Uhr früh zu Ende war, fiel es dem Luftbeobachter schon etwas leichter, den rundlichen wei ßen Flecken zu verdrängen, den er im Brockwell Park oben in den Bäumen gesehen zu haben glaubte.
3. KAPITEL
Auf der Jack-Steinberg-Intensivstation im King’s Hospital erhielten sämtliche Hirnverletzte ein interkraniales Druckentlastungsventil und wurden während der ersten vierundzwanzig Stunden künstlich beatmet - ganz gleich, ob der Patient noch selbstständig atmen konnte oder nicht. Aber auch ohne die hohe Dosis Medazolam, die man ihm verpasst hatte, wäre Alek Peach, der wichtigste Zeuge der Polizei, kaum in der Lage gewesen, zu sprechen, da er intubiert war. Seine Frau Carmel stand noch immer unter Beruhigungsmitteln. Trotzdem wäre Caffery augenblicklich ins Krankenhaus gefahren und dort wie ein werdender Vater vor Alek Peachs Zimmer auf und ab gegangen, hätte Chief Inspector Souness ihn nicht zurückgehalten.
»Man lässt Sie doch ohnehin nicht zu ihm, solange er an dieser Maschine hängt, Jack.« Auch wenn sie Cafferys ungestüme Entschlossenheit zu schätzen wusste, verfügte sie über ausreichend Erfahrungen mit dem Krankenhauspersonal. Und sie wusste, dass es überhaupt keinen Sinn hatte, etwas erzwingen zu wollen. »Die Ärzte haben uns versprochen, ihm vorher Blut zu entnehmen, falls eine Transfusion nötig sein sollte. Dieser Oberarzt hat uns sogar sein Wort gegeben, und mehr können wir im Augenblick leider nicht machen.«
Inzwischen war es 1 Uhr nachts, und die Beamten der Abteilung wussten genau, was sie am nächsten Tag zu tun hatten. Auch der Brockwell Park war völlig abgeriegelt. Deshalb fuhren Souness und die anderen Beamten erst mal nach Hause, um vor Sonnenaufgang noch ein oder zwei Stunden zu schlafen. Caffery war bereits vierundzwanzig Stunden auf den Beinen, doch seine Nervosität ließ ihn einfach nicht zur Ruhe kommen. Er trat an seinen Schreibtisch, goss sich einen Schluck Bell’s in ein Glas und trommelte mit den Fingern gegen das Gehäuse des Telefons. Schließlich hielt er es einfach nicht mehr aus, schnappte sich den Hörer und wählte die Nummer der Intensivstation.
Der zuständige Oberarzt, ein gewisser Dr. Friendship, reagierte ungehalten. »Nein heißt nein, und damit basta«, sagte er und hängte ein.
Caffery starrte den stummen Hörer an. Natürlich konnte er noch mal anrufen und zwanzig Minuten auf das Krankenhauspersonal einreden, aber er wusste genau, dass man ihn nur abwimmeln würde. Er seufzte, legte den Hörer auf und goss sich einen weiteren Whisky ein. Dann legte er die Füße auf den Schreibtisch, saß mit gelockerter Krawatte da und starrte durch das Fenster auf die Hochhäuser von Croydon, die glitzernd in den nächtlichen Himmel aufragten.
Gut möglich, dass er auf diesen Fall fast ein halbes Leben gewartet hatte. Ja, im Grunde genommen wusste er bereits, dass er es mit seinem wichtigsten Fall zu tun hatte. Der Grund dafür war das Verbrechen, dem sein Bruder vor mehr als einem Vierteljahrhundert zum Opfer gefallen war.
Ein Vierteljahrhundert? Ist das wirklich schon so lange her, Ewan? Wahrscheinlich ist es sogar schon zu spät, um noch intakte DNS zu finden. Ja, wie lange dauert es eigentlich, bis eine Leiche eins wird mit dem Erdreich, sich vollkommen in ihre Bestandteile auflöst?
Er wusste, dass diese neue Geschichte ihn psychisch völlig überforderte. Wann immer er ein paar Minuten allein war, spürte er nur zu deutlich: Statt zu verblassen, nahmen seine Probleme von Tag zu Tag sogar noch zu - vermehrten sich geradezu epidemisch.
Ewan war neun Jahre alt gewesen. Genauso alt wie der kleine Rory. Sie hatten damals gestritten - zwei Brüder in einem Baumhaus, die sich wegen irgendeiner Lapalie in die Haare geraten waren. Dann war Ewan, der Ältere von beiden, von dem Baum heruntergeklettert und schmollend Richtung Bahndamm gegangen. Er hatte an jenem Tag braune Clark’s-Sandalen, eine kurze braune Hose und ein senfgelbes T-Shirt getragen. (Caffery wusste das ganz genau. Diese Angaben hatten sich seinem Gedächtnis eingebrannt, weil er es damals mit eigenen Augen gesehen und weil er es später x-fach auf Polizeiplakaten gelesen hatte.) Niemand hatte Ewan je wieder gesehen.
Jack hatte damals zugeschaut, wie die Polizei die Böschungen am Bahndamm abgesucht hatte, und in jenem Augenblick war in ihm der Entschluss gereift, später selbst einmal Polizist zu werden. Eines Tages finde ich dich, Ewan, eines Tages … Deshalb wohnte er bis heute in demselben Reihenhaus im Süden Londons wie in seiner Kindheit und starrte beinahe täglich über den Garten hinter dem Haus und den Bahndamm hinweg auf das Haus, in dem bis heute jener alternde Pädophile lebte, den alle - auch die Polizei - mit Ewans Verschwinden in Verbindung gebracht hatten: Ivan Penderecki. Zwar hatte die Polizei Pendereckis Haus damals durchsucht, dort allerdings keine Spur von Ewan entdeckt. Und seither hatten sich Penderecki und Caffery wie ein verfeindetes Ehepaar fortwährend stumm beobachtet. Jede Frau, mit der Caffery zusammen gewesen war, hatte versucht, ihn von dort fortzulocken, die Kette zu sprengen, die ihn an den groß gewachsenen Polen schmiedete. Allerdings hatte Caffery diese Möglichkeit nicht einmal für eine Sekunde in Betracht gezogen. Dieser Penderecki war seine fixe Idee. Nicht einmal Rebecca hatte so viel Einfluss auf ihn wie der alte Widerling jenseits der Gleise. Ja, auch Rebecca verlangte von ihm immer wieder, seinen Bruder Ewan endlich zu vergessen. Kann denn selbst Rebecca mit dem Kerl nicht konkurrieren?, fragte er sich.
Er trank den Scotch aus, goss sich sofort einen neuen ein und zog das Time-Out-Heft aus dem Papierstapel, der sich inzwischen in seinem Ablagekästchen gesammelt hatte. Natürlich hätte er sie auch anrufen können, schließlich wusste er genau, wo sie sich jetzt aufhielt, denn in ihrer Wohnung in Greenwich übernachtete sie fast nie: »Ich muss dort nur immer wieder an diese schreckliche Geschichte denken.« Deshalb ging sie fast jeden Abend zu ihm nach Hause, legte sich sofort ins Bett und presste ein Kopfkissen an sich, während in dem Aschenbecher neben dem Bett ein Dannemann-Zigarillo vor sich hin glomm. Er sah auf die Uhr. Schon ziemlich spät, selbst für Rebeccas Verhältnisse. Wenn er sie jetzt anrief, musste er ihr von der Peach-Geschichte erzählen und von den frappierenden Parallelen zwischen Rorys und Ewans Entführung. Und wie sie dann reagieren würde, das konnte er sich nur zu gut ausmalen. Er machte es sich also auf dem Stuhl bequem und blätterte in dem Time-Out-Exemplar.
Über die inzwischen berüchtigte Vergewaltigung, der Morant im vergangenen Sommer zum Opfer gefallen ist, sagt die junge Künstlerin: »Ja, diese Erfahrung hat meine Arbeit zutiefst beeinflusst. Erst danach ist mir wirklich klar geworden, wie einfach es ist, sich in einem Film eine fiktive Vergewaltigung anzuschauen oder darüber zu lesen und sich einzubilden, dass man etwas begriffen hat. Doch in Wahrheit handelt es sich bei derart sekundären Erfahrungen lediglich um Bilder, mit denen man sich vor der wirklichen Brutalität eines solchen Verbrechens schützt. Deshalb ist es meiner Ansicht nach herablassend, von solchen Erlebnissen nur verlogene Abbilder zu liefern.« Mit dieser Haltung hat sie im Februar in den Medien für eine heftige Kontroverse gesorgt. Damals ist nämlich (vielleicht nicht ganz zufällig?) bekannt geworden, dass es sich bei den plastischen Abbildungen verstümmelter Genitalien (s. Abb.), die sie in ihrer »Exzesse«-Ausstellung gezeigt hat, um Abgüsse handelt, für die sie echte Opfer von Vergewaltigungen und sexuellem Missbrauch als »Modelle« verwendet hat.
Privat sprach Rebecca nie darüber, was ihr vor einem Jahr widerfahren war. Caffery war selbst am Tatort gewesen und hatte aus nächster Nähe gesehen, wie sie bewusstlos und völlig hilflos an einem Haken an der Decke gehangen hatte: das blutüberströmte Exponat, das ein eiskalter Mörder zum Abschied zurückgelassen hatte. Er hatte sich in einem winzigen Krankenhauszimmer in Lewisham geduldig angehört, was sie ihm über die Ermordung ihrer Mitbewohnerin Joni Marsh zu sagen hatte. Es hatte geregnet an jenem Tag, und während der gesamten Vernehmung waren draußen vor dem Fenster die Tropfen auf die Blätter des Ahornbaums niedergeprasselt.
»Also, wenn Sie diese Frage lieber nicht …«
»Nein, nein, ist schon in Ordnung.«
Zu dem Zeitpunkt war er in Rebecca schon halb verliebt gewesen. Sie hatte mit gesenktem Kopf vor ihm gesessen, nervös mit ihren schlanken Händen gespielt und versucht, ihre Erniedrigung, ihre Entwürdigung in Worte zu fassen. Und er hatte Mitleid mit ihr gehabt, ihr die Vernehmung so leicht wie möglich gemacht und dabei gegen sämtliche Vorschriften verstoßen, um die Tortur für sie ein wenig erträglicher zu machen. Ja, er hatte ihr mehr oder weniger alles gesagt, was er selbst wusste, damit sie bei seinen Fragen bloß noch nicken musste. In der Verhandlung war sie dann mitten in ihrer Aussage plötzlich verstummt und hatte kein Wort mehr gesprochen, bis der Polizeiarzt ihr gestattet hatte, den Zeugenstand zu verlassen. Selbst heute noch war das Gespräch augenblicklich zu Ende, sobald er mit ihr über damals reden wollte. Oder schlimmer noch: Sie fing an zu lachen und schwor, dass die ganze Geschichte sie völlig kalt gelassen hätte. In der Öffentlichkeit dagegen ging sie mit ihrem damaligen Leid fast hausieren und stellte ihre Traumatisierung so ungeniert zur Schau wie die Kleider, die sie trug:
Das Ergebnis: empörte Frauenrechtlerinnen, eine geifernde Regenbogenpresse und eine Rebecca Morant, die mit den Medien Katz und Maus spielt. Und welche Zukunftspläne hat die Dame? »Ich fände es zum Beispiel irre witzig, wenn dieser Giuliani in New York meine Arbeiten verbieten würde.« Und die am häufigsten gestellte Journalistenfrage: »Wann hören Sie endlich mit der Kunst auf und tun das, was Ihnen am meisten Spaß macht, nämlich modeln?« Exzesse 2 ist vom 26. August bis zum 20. September in der Zinc Gallery in Clerkenwell zu sehen.
Solange ihr die Öffentlichkeit diesen Schwachsinn abnimmt, wird sie natürlich weitermachen. Er klappte das Magazin zu, stützte das Kinn in die Hand und versuchte, nicht an sie zu denken. Draußen vor dem Fenster funkelten die Londoner Straßen wie ein glitzerndes Labyrinth. Er dachte kurz darüber nach, ob der arme Rory Peach wohl noch einmal die Chance haben würde, diese Lichter zu sehen.
 
»Kaffee?«
Er zuckte leicht zusammen und öffnete die Augen. »Marilyn?«
Marilyn Kryotos, die Büroleiterin und Betreuerin der Datenbank, stand in der Tür und starrte ihn an. Sie hatte einen rosa Lippenstift aufgelegt, trug ein marineblaues Kleid und hatte sich eine Häschenbrosche aus Perlmutt an die Brust gesteckt. »Haben Sie hier etwa geschlafen?« Ihre Stimme klang halb beeindruckt und halb entsetzt. »Hier im Büro?«
»Was soll’s.« Er richtete sich auf seinem Stuhl auf und rieb sich die Augen. Draußen wurde es gerade hell, und hinter den Croydoner Hochhäusern hatte sich der Himmel bereits rosa verfärbt. In dem Whiskyglas schwamm eine tote Fliege. Er sah auf die Uhr. »Ganz schön früh dran heute Morgen, was?«
»Bei Tagesanbruch - war doch vereinbart. Die halbe Belegschaft ist schon hier. Und Danni ist schon auf dem Weg nach Brixton.«
»Mist.« Er rückte sich seine Krawatte zurecht.
»Brauchen Sie vielleicht einen Kamm?«
»Nein, nein.«
»Würde aber nicht schaden.«
»Ich weiß.«
Er ging zu der Tankstelle auf der anderen Straßenseite hinüber, die rund um die Uhr geöffnet hatte, kaufte sich ein Sandwich, einen Kamm und eine Zahnbürste und hastete dann zurück. Unterwegs schnappte er sich im Umkleideraum schnell ein frisches Hemd aus dem Spind. Dann ging er in die Herrentoilette, zog sich das Hemd aus, wusch sich die Achselhöhlen und hielt zum Schluss den ganzen Kopf unter den Wasserhahn. Schließlich trat er an das Heißluftgerät und trocknete im warmen Luftstrom seine Haare. Er wusste, dass er sich im Auge des Taifuns befand. Er wusste, dass schon bald alle Drähte heiß laufen würden, dass die Presse und das Fernsehen die Nachricht schon bald in Windeseile im ganzen Land verbreiten würden. Doch bis dahin musste er noch jede Menge Papierkram erledigen, das weitere Vorgehen mit dem Gemeindedirektor abstimmen und sich so etwas wie eine Presseerklärung aus den Fingern saugen. Die Uhr lief, und er musste auf alles gefasst sein.
»Haben Sie den Artikel über Rebecca schon gelesen?« Kryotos stand plötzlich mit einem Becher Kaffee und einer Keksdose vor ihm.
»Sie meinen die Time-Out-Geschichte?« Er nahm den Kaffee entgegen, und sie gingen gemeinsam in das Dienstzimmer hinüber, das er sich mit Souness teilte.
»Super Fotos, was?«
»Ja.« Er stellte den Kaffee auf den Schreibtisch und schnappte sich das neue Fahndungshandbuch, eine blau-weiße Lose-Blatt-Sammlung, die seit den Ermittlungen im Fall Lawrence in sämtlichen Polizeirevieren auslag. Er blätterte darin herum und überlegte gleichzeitig, was er an dem vor ihm liegenden Tag alles zu erledigen hatte.
»Ich hab schon im Krankenhaus angerufen«, sagte Kryotos. »Alek Peach hat die Nacht überstanden.«