Die Bergklinik 5 – Arztroman - Hans-Peter Lehnert - E-Book

Die Bergklinik 5 – Arztroman E-Book

Hans-Peter Lehnert

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Beschreibung

Die Arztromane der Reihe Die Bergklinik schlagen eine Brücke vom gängigen Arzt- zum Heimatroman und bescheren dem Leser spannende, romantische, oft anrührende Lese-Erlebnisse. Die bestens ausgestattete Bergklinik im Werdenfelser Land ist so etwas wie ein Geheimtipp: sogar aus Garmisch und den Kliniken anderer großer Städte kommen Anfragen, ob dieser oder jener Patient überstellt werden dürfe. "Herrschaftseiten, wie schauen denn Sie aus?" Schwester Almut sah den Fremden mit großen Augen erschrocken an. Sie hatte ihren Dienst beendet und war auf dem Weg zu ihrem Wagen, als plötzlich der Fremde vor ihr stand. Der war etwa Ende Dreißig, groß und schmal gewachsen, sein Gesicht war blutverschmiert, die Hände waren zerkratzt und sein teurer Anzug war völlig zerrissen. "Kommen S' doch herein, was ist denn passiert?" Schwester Almut war erschüttert, derart demoliert sah er aus. Ganz vorsichtig griff sie nach dem Arm des Mannes und führte ihn in den Aufnahmebereich der Bergklinik, wo sie ihn in einem Sessel niedersitzen ließ. Dann winkte sie der Aufnahmeschwester und rief ihr zu, sie solle rasch einen Arzt in die Aufnahme kommen lassen. Wenige Minuten später war Dr. Schröder zur Stelle. Er sah sich den Fremden nur ganz kurz an, dann bestellte er telefonisch eine Krankentrage und ließ den total apathisch dasitzenden Fremden in den kleinen OP bringen, wo er ihm ganz vorsichtig die Jacke ausziehen ließ, ebenso Hemd und Hose, um sich dann um die Versorgung der vielen kleinen und größeren Verletzungen des Fremden zu kümmern.

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Inhalt

Was mir fehlt, bis du

Der Feind auf dem OP-Tisch

Die Bergklinik – 5–

Die Bergklinik

Hans-Peter Lehnert

Was mir fehlt, bis du

Roman von Hans-Peter Lehnert

»Herrschaftseiten, wie schauen denn Sie aus?« Schwester Almut sah den Fremden mit großen Augen erschrocken an. Sie hatte ihren Dienst beendet und war auf dem Weg zu ihrem Wagen, als plötzlich der Fremde vor ihr stand.

Der war etwa Ende Dreißig, groß und schmal gewachsen, sein Gesicht war blutverschmiert, die Hände waren zerkratzt und sein teurer Anzug war völlig zerrissen.

»Kommen S’ doch herein, was ist denn passiert?« Schwester Almut war erschüttert, derart demoliert sah er aus. Ganz vorsichtig griff sie nach dem Arm des Mannes und führte ihn in den Aufnahmebereich der Bergklinik, wo sie ihn in einem Sessel niedersitzen ließ. Dann winkte sie der Aufnahmeschwester und rief ihr zu, sie solle rasch einen Arzt in die Aufnahme kommen lassen.

Wenige Minuten später war Dr. Schröder zur Stelle.

Er sah sich den Fremden nur ganz kurz an, dann bestellte er telefonisch eine Krankentrage und ließ den total apathisch dasitzenden Fremden in den kleinen OP bringen, wo er ihm ganz vorsichtig die Jacke ausziehen ließ, ebenso Hemd und Hose, um sich dann um die Versorgung der vielen kleinen und größeren Verletzungen des Fremden zu kümmern.

Der hatte bisher noch keinen Ton gesagt, ließ alles, was Schröder tat, mit einer gleichgültigen, ja fast stoischen Ruhe über sich ergehen und starrte immerzu auf einen Punkt im OP, als ob er Mühe habe, bei Bewußtsein zu bleiben.

Der Assistent Professor Stolzenbachs hatte den Eindruck, als wenn der an und für sich sehr gepflegt wirkende Fremde neben seinen Verletzungen, die wahrscheinlich von einem Sturz herrührten, einen Schock erlitten habe.

Als kurz darauf Professor Stolzenbach in den OP kam, sah er den Fremden kurz an, dann seinen Assistenten. Der zuckte nur mit den Schultern, sagte jedoch nichts.

Stolzenbach ging daraufhin in die Aufnahme, wo er den Chef der Bergklinik traf.

»Wer ist denn der Zersauste im OP?« fragte er.

Vinzenz Trautner zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Er ist Schwester Almut draußen auf dem Hof geradewegs in die Arme gelaufen.«

»Und er hat noch keine Angaben zu seiner Person gemacht? Wo er herkommt, wieso er so lädiert ausschaut?« Stolzenbach sah Vinzenz Trautner fragend an.

»Wenn er dem Kollegen Schröder nichts gesagt hat, hat er noch keinen Piepser von sich gegeben«, antwortete der. »Wir wissen also gar nichts.«

»Er hat offensichtlich einen Schock, jedenfalls macht er auf mich diesen Eindruck.« Stolzenbach zog die Augenbrauen in die Höhe. »Die chirurgische Station ist bis aufs letzte Bett belegt. Er kann also nicht dableiben. Für Unfälle ist eh die Unfallklinik in Garmisch zuständig. Wäre es nicht gescheit, ihn dorthin bringen zu lassen?«

»Jetzt wird er erst einmal hier versorgt«, murmelte Trautner, »dann sehen wir weiter.«

»Dann müssen Sie ihn aber auf eine andere Station bringen«, entgegnete Stolzenbach. »Wir sind belegt, heute kommen noch zwei angemeldete Patienten.«

»Machen S’ sich keine Gedanken. Wir werden ihn schon menschenwürdig unterbringen.« Vinzenz Trautner zog die Augenbrauen zusammen. Er hatte schon öfter den Eindruck gehabt, als ob sein Chefchirurg mit derartigen Fällen nichts zu tun haben wollte.

»Die Landesklinik in München ist verpflichtet, Patienten aufzunehmen, deren Identität nicht feststeht«, haftete sich Stolzenbach an dem Thema fest, so als wollte er unbedingt Dr. Trautners Meinung bestätigen.

»Er bleibt vorerst bei uns«, entgegnete der daraufhin, und seine Stimme klang so, daß Stolzenbach wußte, weiterer Widerspruch wäre zwecklos.

Deshalb verließ er die Aufnahme, ohne weitere Kommentare abzugeben, ging dann noch mal in den kleinen OP, zog, als er sah, daß sein Assistent immer noch mit dem Fremden beschäftigt war, abermals die Augenbrauen in die Höhe, und ging dann schließlich ins Ärztezimmer, um sich Röntgenbilder von Patienten anzusehen, die in den nächsten Tagen operiert werden würden.

Schwester Almut hatte inzwischen in der Wäscherei einen Schlafanzug herausgesucht und bereitgelegt.

»Ich hab’ alles erstversorgt«, sagte Schröder zu ihr, »ob er innere Verletzungen hat, wird sich erst bei der röntgenologischen Untersuchung zeigen. Aber ich glaube es nicht, es sind mehr oder weniger nur Hautabschürfungen, so als wenn er einen Felsen heruntergerutscht wär’. Die verunglückten Bergsteiger letztens hatten ganz ähnliche Läsionen.«

»Was passiert denn jetzt mit ihm? Wissen S’ schon, wen man benachrichtigen muß?« Almut sah Dr. Schröder fragend an.

Der schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht mal seinen Namen. Er ist immer noch vollkommen apathisch, hat noch keinen Ton von sich gegeben.«

»Aber er bleibt doch da?« Die Frage der hübschen Schwester klang ein wenig ängstlich.

»Davon geh’ ich aus«, antwortete Dr. Schröder.

»Wohin soll ich ihn denn bringen?« wollte Almut wissen. »Die Chirurgie ist total belegt.«

»Warten S’ einen Moment«, sagte Wolfgang Schröder, dann verließ er den kleinen OP.

Schwester Almut ging derweil zu dem Fremden und lächelte ihn zuversichtlich an.

»Es wird schon wieder werden«, sagte sie. »Haben S’ noch arge Schmerzen?«

Der Fremde reagierte nicht, starrte, da er auf dem Rücken lag, immer nur auf einen Punkt an der Decke.

Kurz darauf kam Dr. Schröder zurück und sagte, man werde den Verunglückten zuerst einmal auf der Inneren Station unterbringen. Dann lächelte er. »Und zwar privat, der Chef persönlich hat das angeordnet.«

Schwester Almut nickte aufatmend. »Dr. Trautner ist bekannt dafür, ein großes Herz zu haben.«

*

Dr. Vinzenz Trautner kam aus jenem Trakt der Inneren Abteilung, in dem die Privatzimmer untergebracht waren. Er hatte den Fremden, der sich allmählich zu erholen schien, besucht, aber wieder keine Antwort auf seine Fragen nach dessen Identität bekommen.

Vinzenz Trautner wirkte sehr nachdenklich, als Professor Stolzenbach ihm über den Weg

lief.

»Na?« fragte der mit spöttisch untermalter Stimme. »Wer ist denn nun Ihr Ziehsohn?«

»Ich weiß es nicht«, gab Trautner zu, »aber je weniger entstellt sein Gesicht ausschaut, desto mehr kommt er mir bekannt vor. Ich bin mir inzwischen sicher, daß ich ihn irgendwoher kenne.«

»Da schau her.« Nun schien Stolzenbach erstaunt zu sein. »Aus Ihrem Bekanntenkreis oder wo bringen S’ ihn unter?«

Vinzenz Trautner schüttelte den Kopf. »Nein, nein. Persönlich bin ich ihm sehr wahrscheinlich noch nicht begegnet. Ich hab’ sein Gesicht schon irgendwo in der Presse oder im Fernsehen gesehen.«

»Ein Prominenter also?«

»Fragen S’ nicht weiter, Professor«, antwortete Dr. Trautner, »ich weiß es nämlich nicht.«

»Liegt er immer noch auf Ihrer Pflegestation?« Clemens Stolzenbach sah den Chef der Bergklinik fragend an.

Der nickte, während ein amüsiertes Lächeln um seine Mundwinkel spielte. »Da bekomm’ ich am wenigsten Schwierigkeiten mit den Ansprüchen der Kollegen.«

Clemens Stolzenbach verstand den kleinen Seitenhieb sehr wohl und fragte in der Richtung nicht weiter. Dann wollte er wissen, ob die Polizei schon verständigt sei.

Dr. Trautner bestätigte das. »Es waren sogar schon Vertreter der Garmischen Kripo da. Einer hat Fotos gemacht, der andere hat den Fremden nach seinen persönlichen Daten gefragt, aber der hat nichts gesagt, außer ›Guten Tag‹ und ›Auf Wiedersehen‹.«

»Er redet also…?«

»Das tut er. Hauptsächlich mit Schwester Almut. Zu der scheint er Vertrauen zu haben. Ich hab’ das Gefühl, als wenn der Mann nicht nur unter einem Schock stünde, sondern vor allem total verängstigt ist. Er schaut einen an, als wenn er zuerst abschätzen müßte, ob man ihm auch wohlgesonnen ist.«

»Ohne Ihre Entscheidung, ihn dabehalten zu haben, kritisieren zu wollen«, sagte Clemens Stolzenbach daraufhin, »meinen Sie nicht, daß er in der Garmischer Unfallklinik besser aufgehoben wäre? Noch besser wäre das Landeskrankenhaus in München. Die verstehen sich nämlich auf solche Fälle.«

»Die Bergklinik, lieber Professor, hat noch nie jemanden weggeschickt, wenn der es nicht wollte oder medizinische Gründe dafür sprachen.« Dr. Trautner lächelte. »Das war vor Ihrer Zeit bei uns so und so wird es bleiben. Jedenfalls, solange meine Meinung hier gefragt ist.«

Stolzenbach hob abwehrend die Hände, dann lachte er. »Um Gottes willen, Chef, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.« Dann blieb er noch mal stehen. »Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich mir den Herrn mal anschaue?«

»Selbstverständlich nicht, wann immer Sie wollen«, antwortete Dr. Trautner, dann wünschte er dem Chefchirurgen einen schönen Tag und ging.

Stolzenbach überlegte einen Augenblick, dann drehte er sich um und ging zur inneren Privatstation. Die Schwestern dort sahen sich verwundert an, denn es war sehr ungewöhnlich, daß Stolzenbach auf ihrer Station erschien. Schließlich verschwand er in jenem Zimmer, wo der unbekannte Patient untergebracht war.

Schwester Almut bekam ein knallrotes Gesicht, als Clemens Stolzenbach plötzlich vor ihr stand, denn sie war, wie so oft in den letzten Tagen, weniger in der Chirurgie, wo sie stellvertretende Stationsschwester war, sondern auf der Inneren, und zwar nur, um sich um den Unbekannten zu kümmern.

»Suchen Sie mich, Herr Professor?« fragte Almut, während sie ängstlich dreinsah.

»Nein, nein…, ich wollte mir nur mal den Patienten anschauen.« Dann ging er zum Bett, auf dem der Fremde lag und ihn schon eine ganze Weile fixierte.

»Das ist Professor Stolzenbach«, sagte Almut, dann sah sie diesen entschuldigend an. »Leider kann ich Ihnen nicht sagen, wer der Herr ist, wir haben es nämlich noch nicht herausgefunden.« Dann fügte sie hinzu: »Ich glaube auch nicht, daß er es momentan weiß. Vielleicht fürchtet er sich auch davor, es preiszugeben.«

Clemens Stolzenbach stand am Fenster und nickte. »Es könnte möglicherweise eine durch Verletzung und damit verbundenen Schock hervorgerufene retrograde Amnesie sein. Die verliert sich jedoch nach einigen Tagen wieder. Sie sollten also immer mal wieder nachfragen.«

»Das tue ich eh«, bestätigte die ausnehmend hübsche Schwester. Dann wurde sie ein wenig verlegen. »Ich hoffe, es stört Sie nicht, daß ich momentan ein bissel öfter hier in der Inneren bin, weil ich ja eigentlich in der Chirurgie Dienst zu tun habe.«

»Das ist die Sache des Pflegedienstes, Schwester«, antwortete Clemens Stolzenbach. »Sie sollten nur schauen, daß Sie mit Ihren Kolleginnen klarkommen.«

»Danke schön, Herr Professor«, antwortete Almut. »Aber das geht in Ordnung.«

Eine Stunde später hatte Almut Dienstschluß. Wenn sie nur einen halben Tag frei hatte, blieb sie meistens in der Klinik. Doch nun hatte sie drei Tage dienstfrei, und sie wollte zu ihren Eltern, die in einem Seitental zwischen Mittenwald und Krün einen wunderschön gelegenen Bergbauernhof bewirtschafteten.

Die Eltern hatten es anfangs nicht gerne gesehen, als ihre Almut Krankenschwester werden wollte, doch da das Madel es so sehr wünschte, hatten sie schließlich nachgegeben. Ausschlaggebend dafür war gewesen, daß Dr. Trautner Almut als Lernschwester in die Bergklinik genommen hatte. In die Stadt ziehen lassen

hätten Almuts Eltern ihre Tochter gar nicht oder nur sehr ungern.

»Na, Kind?« begrüßte der Vater seine Tochter, obwohl die im vergangenen Herbst 34 Jahre alt geworden war.

Almut hätte längst verheiratet sein können, es hatte sehr viele Bewerber gegeben, doch sie hatte immer abgeblockt und dankend den Kopf geschüttelt. Zu ihrer Mutter hatte sie jedesmal gesagt, sie müsse sich auf ihren Beruf konzentrieren, habe daher schon mal keine Zeit für einen Mann und außerdem sei auch der gerade neu ins Gespräch gekommene Bewerber wieder nicht jener gewesen, bei dem sie ihr Herz verlieren könne.

Almuts jüngerer Bruder Bernhard, den aber alle nur Berni nannten, sollte einmal den Hof erben. Er war dreißig, ein lustiger Bursch, und jedesmal wenn Almut kam, freute er sich. Bernhard war verheiratet und seit drei Jahren Vater der kleinen Evchen.

»Was macht denn dein Unbekannter?« fragte Berni, kaum daß seine Schwester die Stube des mächtigen, im Werdenfelser Stil erbauten Hofes betreten hatte. »Wißt ihr inzwischen denn schon, wer er ist?«

Almut schüttelte den Kopf. »Leider noch nicht.«

»Wenn der euch net alle an der Nas’ herumführt. Der wird sich denken, so gut wie da in der Bergklinik geht es mir nie wieder. Liegt er immer noch auf der Privatstation?« Birgit Stallners Stimme klang spöttisch, und so sah sie auch drein. Sie war Bernis Frau und die Mutter Evchens.

Almut nickte. »Ja, er ist immer noch Privatpatient Dr. Trautners. Aber ich glaub’ nicht, daß er simuliert. Ganz sicher sogar nicht.«

»Und wieso bist so sicher?« wollte Birgit wissen.

»Ich… ich weiß es nicht. Mein Gefühl sagt es mir.«

»So, so, dein Gefühl…!« Birgits Stimme klang nun noch spöttischer als vorher.

»Hast dich am End’ verliebt? In einen total Fremden?« Berni kam näher und grinste seine Schwester amüsiert an.

»Was redest denn da?« empörte die sich. »Ich bin Krankenschwester, und er ist ein Patient. Und daß er kein armer Schlucker ist, der es nötig hat, sich auf Klinikkosten bei uns auszuruhen, dafür gibt’s ein paar sichere Anzeichen.«

»Aha, und welche?« wollte Birgit wissen.

»Sein Anzug zum Beispiel.«

»Ich denk’, der war zerrissen.«

»Natürlich war er das. Aber er ist allererste Qualität.«

»Woher willst das denn wissen, wenn er völlig zerrissen war?«

»Hast schon mal was von Armani gehört?«

»Dem italienischen Modemacher?«

Almut nickte. »Anzug und Hemd sind von Armani. Und die Schuh’ ebenfalls von einer ganz bekannten und sehr noblen italienischen Schuhfirma.«

»Dann wird er Italiener sein…!«

Almut schüttelte den Kopf. »Er spricht deutsch mit bayerischem Dialekt.«

»Wie denn das? Ich denk’, er redet nix?« Berni sah seine Schwester neugierig an.

»Mit mir schon«, antwortete diese. »Aber nur ganz allgemeine Sachen. Nicht, wer er ist und dergleichen. Und wenn du ihn reden hörst, dann weißt du auch, daß er kein Betrüger ist.«

»Vielleicht ein Hochstapler«, gab Birgit zu bedenken, »die wissen sich stets gut zu benehmen, und erstklassig gekleidet sind sie auch immer.«

Daraufhin wirkte Almut einen Augenblick nachdenklich, dann schüttelte sie den Kopf. »Mein Unbekannter ist kein Betrüger und Hochstapler schon mal gar nicht. Ihr werdet’s sehen, er ist ein ganz normaler Mensch, den irgendwas, wahrscheinlich ein schreckliches Erlebnis, aus der Bahn geworfen hat.«

*

Drei Tage später fuhr ein großer Wagen vor die Bergklinik, und eine sehr elegante und aufs Äußere bedachte Dame stieg aus. Begleitet wurde sie von einem Herrn, der sehr selbstsicher auftrat, sich als Dr. Bernhard Scharff vorstellte, sagte, er sei Anwalt und den Chef der Klinik sprechen wollte.

Die Aufnahmeschwester war wegen des mehr als selbstbewußten Auftretens sehr beeindruckt. Sie rief sofort bei Dr. Trautner an und sagte, daß man ihn zu sprechen wünsche. Als der wissen wollte, warum, erfuhr die Aufnahmeschwester, daß der Besuch dem Unbekannten galt.

Keine zwei Minuten später war Dr. Trautner zur Stelle. »Sie kommen wegen unseres unbekannten Patienten?« Neugierig sah er die beiden Besucher an.

Die Dame hatte sich inzwischen eine Sonnenbrille aufgesetzt, und Trautner hatte sofort den Eindruck, als wollte sie ihr Gesicht verbergen, während der Rechtsanwalt auch jetzt wieder das Wort führte.

»Allerdings möchten wir das«, sagte er.

»Warum möchten Sie ihn sprechen?« fragte Dr. Trautner.

»Das geht Sie wohl nichts an«, lautete die knappe Antwort des Anwalts.

Dr. Trautner zog erstaunt die Augenbrauen in die Höhe, dann lächelte er. »Aha. Das ist eine sehr interessante Ansicht, und ich würde Sie nicht fragen, wenn ich wüßte, in welchem Verhältnis Sie zu dem Patienten stehen. Außerdem darf ich Sie soweit aufklären, daß ich hier juristisch gesehen das Hausrecht habe und Ihnen sehr wohl den Zutritt verwehren kann. Sie als Anwalt müßten das wissen und mir also schon etwas mehr über sich sagen.«

»Ich bin Luisa Gräfin Hallner.« Zum ersten Mal ergriff die Dame das Wort. »Und Ihr unbekannter Patient ist mein Mann. Das dürfte doch wohl Grund genug sein, uns zu ihm zu führen.«

»Du meine Güte.« Dr. Trautner nickte. »Natürlich, Gräfin. Entschuldigen Sie bitte, ich hab’ schon mal Bilder Ihres Gatten in der Presse gesehen. Deshalb kam er mir trotz seines etwas lädierten Aussehens so bekannt vor.«

Über das Gesicht der Gräfin huschte ein ganz schmales Lächeln. »Wenn Sie dann erlauben würden, daß Dr. Scharff und ich zu meinem Mann könnten?«

»Selbstverständlich, Gräfin.« Vinzenz Trautner trat zur Seite und ging dann vor in Richtung der Inneren Station. »Soll ich Ihren Mann auf den Besuch vorbereiten?«

»Nein.« Die Gräfin schüttelte den Kopf. »Wir möchten außerdem allein mit meinem Mann reden.«

»Gern«, antwortete Dr. Trautner, »ich werde Sie nur zu ihm bringen.«

»Das möchte ich auch nicht und…«

»Ich werde Sie zu Ihrem Mann bringen, Gräfin.« Dr. Trautner lächelte zwar, aber die beiden Besucher erkannten, daß er auf keinen Fall seine Absicht ändern würde.

Vinzenz Trautner öffnete die Tür. Der bis dahin unbekannte Patient stand in einem Jogginganzug, den Schwester Almut ihm besorgt hatte, am Fenster und sah hinaus.

»Besuch für Sie, Graf!« sagte Trautner, während er den Patienten aufmerksam beobachtete.

Der fuhr herum und starrte zuerst den Chef der Bergklinik, dann seine beiden Besucher an.

»Luisa«, murmelte er schließlich. »Du…!«

»Würden Sie uns jetzt bitte mit Graf Haller allein lassen?« Herbert Scharff sah Dr. Trautner ärgerlich an. »Sie sehen ja, daß der Graf seine Frau erkannt hat.«

Vinzenz Trautner zögerte immer noch, nickte dann aber und verließ schließlich das Zimmer. In der Tür blieb er noch mal stehen. »Bevor Sie die Klinik wieder verlassen, möchte ich Sie noch mal sprechen. Sagen Sie bitte in der Aufnahme Bescheid.« Dann ging er und schloß die Tür hinter sich.

Vinzenz Trautner war nicht ganz wohl bei der Sache. Immerhin war der Patient nun eine Woche bei ihnen in der Bergklinik, und er hatte so was wie eine Sorgfaltspflicht. Durfte er die ihm völlig Unbekannten überhaupt allein mit ihm lassen?

»Wo ist Schwester Almut?« fragte er die Stationsschwester der Inneren Abteilung.

»Die hat frei und wird erst übermorgen zurück sein«, antwortete die. »Kann ich Ihnen sonst irgendwie behilflich sein?«

Trautner schüttelte gedankenverloren den Kopf. »Danke, Schwester…«

Im gleichen Augenblick wurde die Tür des Zimmers geöffnet, in dem der bis dahin Fremde untergebracht worden war. Die Gräfin und ihr Anwalt erschienen, zwischen sich brachten sie den sich sträubenden und vor einer Woche zerschunden eingelieferten Johannes Graf Haller.

»Was tun Sie da?« Dr. Trautner sah die Gräfin und den Anwalt fragend an.

»Das sehen Sie doch«, blaffte der, »wir gehen und nehmen Graf Haller mit.«

»Das werden Sie nicht tun«, sagte Dr. Trautner entschieden. »Die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen, und so lange wird der Graf dableiben. Es sei denn, er besteht darauf, entlassen zu werden.

»Man… man will mich gegen meinen Willen wegbringen«, sagte der mit schwacher Stimme. »Ich möchte nicht weg, ich möchte dableiben. Wo… wo ist Schwester Almut?«

»Du kommst mit!« Die Gräfin zerrte am Arm ihres Mannes.

»Wenn Graf Haller nicht möchte«, sagte Dr. Trautner, »dann werden Sie ihn nicht mitnehmen.«

»Ich glaube, Sie verkennen Ihre rechtliche Situation«, mischte sich da der Anwalt ein. »Wenn Sie uns daran hindern, Graf Johannes mitzunehmen, machen Sie sich der Freiheitsberaubung, der Nötigung und anderer Vergehen schuldig.«

»Was soll das denn heißen?« Dr. Trautner war ein wenig blaß geworden und wer ihn kannte, der mußte sehen, wie sehr ihn die Situation aufregte. »Freiheitsberaubung kann man ja wohl nicht begehen, wenn der angeblich seiner Freiheit Beraubte nicht gehen will. Ich würde sagen, daß…«

»Was Sie sagen, ist mir vollkommen wurscht«, fuhr ihn da der Anwalt an. »Ich werde die Klinik im Namen meines Mandanten auf Schadenersatz verklagen und ich werde dafür sorgen, daß der Fall bei der zuständigen Ärztekammer…«

In dem Moment kam Clemens Stolzenbach um die Ecke. Die Stationsschwester der Inneren Abteilung hatte den erbittert und lautstark ausgetragenen Streit mitbekommen und in der Chirurgie angerufen, kurz geschildert, um was es ging, und dann Stolzenbach aufgefordert, rasch zu kommen.

»Kommen S’ schnell, Herr Professor«, haspelte sie ins Telefon, »die beiden sind dem Chef überlegen und…«

Stolzenbach hatte schon aufgelegt. Jetzt stand er neben Vinzenz Trautner, der daraufhin tief durchatmete.

»Wer sind Sie?« fragte Stolzenbach. Er fixierte den Anwalt.

»Das geht Sie nichts an und…«

»Schwester, rufen Sie die Polizei.« Stolzenbach ließ den Anwalt erst gar nicht ausreden. »Sagen Sie, es seien Randalierer da.« Dann sah er noch mal den Anwalt an. »Oder sagen Sie mir jetzt, wer Sie sind?«

»Mein Name ist Scharff, ich bin der Anwalt von Gräfin Haller.« Scharff sah die neben ihm stehende Gräfin an.

»Und das ist mein Mann«, sagte sie, indem sie auf den völlig erschöpft an der Wand lehnenden Patienten zeigte.

»Ich vertrete außerdem Graf Haller und möchte, daß er mit uns die Klinik verläßt«, fügte Dr. Herbert Scharff hinzu.

»Wenn Sie sich vorher bitte ausweisen würden«, verlangte Stolzenbach daraufhin.

»Wie bitte?« Scharff sah ihn konsterniert an. »Was soll das denn heißen?«

»Sie haben sicher einen Ausweis dabei«, sagte Clemens Stolzenbach. »Und eine Vollmacht, daß Sie der Rechtsvertreter dieses Patienten sind, sicher auch.«

»Natürlich habe ich die…«

»Würden Sie sie mir zeigen.«

»Sie glauben doch nicht, daß ich Vollmachten mit mir herumtrage«, raunzte Scharff.

»Auch keinen Ausweis, um sich zu legitimieren?« Stolzenbach lächelte. Daß ihn die Angelegenheit aufregte, war ihm nicht anzusehen. Im Gegenteil, es schien ihm außerordentlich große Freude zu bereiten, bei der Auseinandersetzung eine offensichtlich entscheidende Rolle zu spielen.

»Ich… ich habe gar keine Papiere bei mir…«

»Sie, gnädige Frau?« Es fiel direkt auf, daß Stolzenbach auf die Anrede Gräfin verzichtete.

»Was wollen Sie?«

»Einen Ausweis, gnädige Frau!« Stolzenbach lächelte wieder. »Sie verstehen sicher, daß wir den Grafen nicht so ohne weiteres gehen lassen können, wenn wir uns nicht von der Identität jener überzeugt haben, die behaupten, sie seien seine Ehegattin und sein Anwalt. Sie als seine Gattin verstehen es sicher und würden uns vollkommen zu Recht verantwortlich machen, wenn wir nicht auf der Überprüfung Ihrer Personenstandsdaten bestehen würden. Also, haben Sie Ausweise dabei?«

Die Besucherin setzte zuerst die Sonnenbrille auf, dann schüttelte sie den Kopf und sah Dr. Scharff an.

»Was erlauben Sie sich?« fuhr der Stolzenbach an. »Wer sind Sie eigentlich? Ich rede doch nicht mit irgendeinem Dahergelaufenen, nur weil er einen OP-Kittel trägt!«

»Oh, entschuldigen Sie bitte, daß ich mich noch nicht vorgestellt habe, mein Name ist Stolzenbach, Professor Clemens Stolzenbach. Sie dürfen sich meinen Namen gerne aufschreiben.« Bis dahin war der Chefchirurg der Bergklinik sehr freundlich gewesen, hatte sogar gelächelt. Doch nun wurde er sehr ernst. »Und jetzt verlassen Sie die Klinik, und zwar auf der Stelle. Sonst komme ich noch auf die Idee und verständige doch die Polizei. Sollten Sie noch mal herkommen, und sei es als Besucher, dann bringen Sie die von mir geforderten Legitimationen mit. Also Ausweise und Vollmacht. Betreten Sie die Klinik, ohne die Papiere vorgelegt zu haben, wird man Sie wegen Hausfriedensbruch belangen.«

Es dauerte einen Augenblick, bis Scharff und die Gräfin begriffen hatten, daß sie den Patienten nicht würden mitnehmen dürfen. Der Anwalt hatte einen dunkelroten Kopf, als er schließlich zum Arm der Gräfin griff und ging. Nach wenigen Metern blieb er stehen und drehte sich um.

»Das werden Sie mir büßen«, zischte er Stolzenbach an. »Ich werde Sie fertigmachen!«

»Ich wünsche Ihnen einen guten Heimweg«, antwortete der vollkommen ungerührt. »Und vergessen Sie bei Ihrem nächsten Besuch bitte die nötigen Papiere nicht.«

Kurz darauf waren sie gegangen, und Vinzenz Trautner sah seinen Chirurgen dankbar an.

»Wenn Sie nicht zufällig vorbeigekommen wären, Herr Kollege«, sagte er, »also mit diesen beiden Figuren wäre ich allein sicher nicht fertig geworden.«

Clemens Stolzenbach grinste. »Sie wissen doch, daß Sie stets auf mich zählen können. Ich bin übrigens nicht zufällig vorbeigekommen. Ihre Stationsschwester hat mich angerufen und gesagt, es sei Not am Mann.« Dann sah er sich um. »Wo ist eigentlich unser Unbekannter geblieben?«

»Er ist kein Unbekannter mehr«, sagte Trautner. »Er ist, wie schon gesagt wurde, Johannes Graf Haller. Er kam mir gleich bekannt vor, aber erst jetzt weiß ich, wer er ist.«

*

Schwester Almut war drei Stunden auf dem Hof ihrer Eltern, als ihre Mutter sich zu ihr an den großen Tisch in der Stube setzte und sie mit neugierig dreinschauenden Augen ansah. »Was ist denn los mit dir, Kind? Irgendwie bist du anders als sonst. Ist in der Klinik vielleicht was passiert?«

Almut schüttelte den Kopf. »Ich bin nur ein bisserl müd’. Wir haben sehr viel zu tun, die Chirurgie ist zum ersten Mal, seit ich in der Bergklinik bin, überbelegt.«

»Außerdem kümmert sie sich um den unbekannten Patienten«, sagte Birgit mit spöttischem Unterton in der Stimme. »Es schlaucht natürlich ganz schön, wenn man doppelt arbeitet.«

»Ihr wißt immer noch nicht, wer er ist?« wollte daraufhin Maria Stallner wissen.

Almut schüttelte den Kopf. »Er ist ein sehr feiner Mensch. Ganz zurückhaltend und sehr freundlich. Er weiß sich zu benehmen und er hat…«

»… als man ihn gefunden hat, italienische Sachen getragen«, ergänzte Birgit. »Die Almut meint aber, er wär’ kein Italiener, sondern ein Bayer.«

»Seltsam«, murmelte die Stallnerin. Sie war sechzig Jahre alt, aber man sah ihr das Alter noch nicht an. Sie hatte noch dunkles, volles Haar und war noch eine sehr gut aussehende Frau. »Du meinst also, er hat wirklich das Gedächtnis verloren?«

»Der Professor hat mal so was angedeutet. Auf jeden Fall hat der Patient einen Grund, seinen Namen nicht zu nennen.«

»So? Welchen denn?« Maria Stallner sah ihre Tochter neugierig an.

Inzwischen hatte sich auch ihr Vater an den Tisch gesetzt. Er hatte sich eine Pfeife gestopft und war dabei, sie anzuzünden, als das Telefon läutete.

»Den Grund kenn’ ich nicht«, sagte Almut, während Birgit ins Stiegenhaus zum Telefon ging, »aber ich weiß, daß er kein böser Mensch ist.«

Franz Stallner musterte seine Tochter ausgiebig durch die Qualmwolken, die er ausstieß, als er die Pfeife anrauchte.

Dann kam Birgit zurück in die Stube. »Du, die Klinik hat angerufen. Du sollst zurückkommen. Und falls es dir nix ausmacht, heut’ abend noch.«

Birgit wurde um einen Hauch blasser. »Was… was ist denn passiert?«

»Das wollt’ man mir nicht sagen. Nur daß du dich bitte gleich auf den Weg machen sollst.«

»Es ist garantiert was mit dem Fremden.« Almut stand auf. »Ich werd’ dann sofort fahren.«

»Das war aber ein kurzer Besuch, Kind.« Auch Maria Stallner stand auf. »Wann kommst du denn jetzt das nächste Mal?«

Almut zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Ich muß erst mal sehen, was überhaupt los ist.«

Dann ging sie nach oben in ihre frühere Kammer und packte ihre Tasche. Als sie wieder herunterkam, begleitete ihr Vater sie zum Wagen.

»Daß du auf dich aufpaßt, Kind«, sagte er, wobei er seine Tochter aufmunternd anlächelte. »Und wenn was ist, gleich was, du weißt, daß du da ein Zuhause hast.«

»Dank schön, Vater.« Almut küßte den Stallner auf beide Wangen. »Es ist lieb, daß du an mich denkst.«

»Ist schon recht«, murmelte Franz Stallner, dann sah er dem davonfahrenden Wagen seiner Tochter hinterher, bis er um die Wegbiegung verschwunden war.

Als er zurück ins Haus kam, ging er zuerst in die Küche, wo seine Schwiegertochter das Abendessen zubereitete. Er nahm eine Flasche Hausbrand aus dem Schrank, goß sich ein Stamperl ein und ging dann zurück in die Stube, wo seine Frau saß.

Es wurde eine ganze Weile kein Wort gesprochen zwischen den beiden, man hörte nur das Ticken der großen Wanduhr, schließlich räusperte sich der Stallner.

»Was, meinst denn, ist mit der Almut los?« fragte er. »Sie hat doch was.«

Seine Frau nickte. »Ja, sie hat was.«

»Und was, wenn ich fragen darf?«

»Sie ist verliebt.«