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Magisterarbeit aus dem Jahr 2009 im Fachbereich Rhetorik / Phonetik / Sprechwissenschaft, Note: 1,3, Eberhard-Karls-Universität Tübingen (Seminar für Allgemeine Rhetorik), Sprache: Deutsch, Abstract: Die Bergpredigt – ein rhetorisches Konstrukt? (Eine rhetorische Analyse der Bergpredigt nach Matthäus 5-7) "Als er aber das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte sich; und seine Jünger traten zu ihm." Mit diesen Worten beginnt eines der wichtigsten Zeugnisse christlichen Glaubens – die Bergpredigt. Sie steht sowohl im Matthäus- als auch im Lukasevangelium und enthält neben Anweisungen für verschiedene Lebensbereiche auch das für die Christenheit wichtige „Vaterunser“. Nach Überlieferungen soll die Bergpredigt eine der berühmtesten Reden Jesu Christi sein, die nach damaligen Glauben von einem seiner Jünger festgehalten worden sein soll. Die Bergpredigt also als Rede Jesu, die auch als Predigt vom Berg verstanden wurde. Heutige Forschungen gehen jedoch davon aus, dass es sich bei der Bergpredigt wahrscheinlich um eine „redaktionelle Bearbeitung und Komposition von recht verschiedenartigem Überlieferungsgut“1 handelt. Die Bergpredigt sei als Sammlung verschiedener Weisheiten oder Ratschläge zu betrachten – nicht als eine im Ganzen konstruierte Rede. Doch auch bei solch einer nüchternen Ansichtsweise dieses Textes, ist die Bergpredigt eines der wichtigsten Kernstücke des christlichen Glaubens. Nicht zuletzt weil sie Teil der Bibel ist – das Exempel christlichen Glaubens. Doch was genau ist nun die Bergpredigt? Stellt die Bergpredigt eine speziell für die damalige Zuhörerschaft entworfene „Lebensanleitung“ dar – eine Art Programm, das in dieser Art tatsächlich von Jesus entworfen und später als Rede gehalten wurde? Oder handelt es sich hierbei um ein fein konstruiertes Gebilde späterer Autoren? Und wenn ja, mit welchen rhetorischen Mitteln soll dieses Konstrukt überzeugen? „Rhetorik lehrte nicht nur, Texte zu machen; dank ihres ausgebauten „Systems“, vor allem im Bereich der Stilistik, ermöglichte sie es auch, Dichtung zu interpretieren." Dies soll auch die Hauptaufgabe in der vorliegenden Arbeit sein. [...] Die Analyse soll zeigen, ob die Bergpredigt als Rede (aus rhetorischer Sicht) betrachtet werden kann und wie sie konstruiert ist. Dabei werde ich mich auf die Bergpredigt nach Matthäus 5-7 stützen. [...] Insgesamt soll mit den einzelnen Aspekten der Analysearbeit gezeigt werden, dass eine Konstruktion und Kompostition hinter der Bergpredigt steckt. Dies soll nach der Systematik der rhetorischen Produktionsstadien geschehen, soweit dies möglich ist.
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Veröffentlichungsjahr: 2010
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1. Die Bergpredigt - ein rhetorisches Konstrukt?
Mit diesen Worten beginnt eines der wichtigsten Zeugnisse christlichen Glaubens - die Bergpredigt. Sie steht sowohl im Matthäus- als auch im Lukasevangelium und enthält neben Anweisungen für verschiedene Lebensbereiche auch das für die Christenheit wichtige „Vaterunser“. Nach Überlieferungen soll die Bergpredigt eine der berühmtesten Reden Jesu Christi sein, die nach damaligen Glauben von einem seiner Jünger festgehalten worden sein soll. Die Bergpredigt also als Rede Jesu, die auch als Predigt vom Berg verstanden wurde. Heutige Forschungen gehen jedoch davon aus, dass es sich bei der Bergpredigt wahrscheinlich um eine „redaktionelle Bearbeitung und Komposition von recht verschiedenartigem Überlieferungsgut“1handelt. Die Bergpredigt sei als Sammlung verschiedener Weisheiten oder Ratschläge zu betrachten - nicht als eine im Ganzen konstruierte Rede.
Doch auch bei solch einer recht nüchternen Ansichtsweise dieses Textes, ist die Bergpredigt eines der wichtigsten Kernstücke des christlichen Glaubens. Nicht zuletzt weil sie Teil der Bibel ist - das Exempel christlichen Glaubens. Doch was genau ist nun die Bergpredigt? Stellt die Bergpredigt eine speziell für die damalige Zuhörerschaft entworfene „Lebensanleitung“ dar - eine Art Programm, das in dieser Art tatsächlich von Jesus entworfen und später als Rede gehalten wurde? Oder handelt es sich hierbei um ein fein konstruiertes Gebilde späterer Autoren? Und wenn ja, mit welchen rhetorischen Mitteln soll dieses Konstrukt überzeugen? „Rhetorik lehrte nicht nur, Texte zu machen; dank ihres ausgebauten „Systems“, vor allem im Bereich der Stilistik, ermöglichte sie es auch, Dichtung
1Zager, W.: Bergpredigt und Reich Gottes; 2002.
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zu interpretieren.“2Dies soll auch die Hauptaufgabe in der vorliegenden Arbeit sein. Die Analyse soll zeigen, ob die Bergpredigt als Rede (aus rhe-torischer Sicht) betrachtet werden kann und wie sie konstruiert ist. Dabei werde ich mich auf die Bergpredigt nach Matthäus 5-7 stützen. Aus Gründen des Umfangs kann ein synoptischer Vergleich mit Lukas in dieser Arbeit nicht stattfinden. Als Grundlage soll die erste Übersetzung von Martin Luther dienen, auch hier aus Platzgründen leider nicht mit einem Rückgriff auf das griechische Original.
Zunächst werde ich in Kapitel 2 ein paar Rahmenbedingungen klären, die dem besseren Einfinden in den Arbeitsbereich dienen sollen. Die Bergpredigt lässt sich nicht in eine der klassischen Redegattungen einordnen, daher müssen weitere Kategorisierungen herangezogen werden. Das Problem der Gattung soll also Thema des dritten Abschnitts sein. Im vierten Kapitel werde ich den Aufbau der Bergpredigt analysieren. Dabei wird ein Modell von Ulrich Luz mit Erweiterung von Stiewe und Vouga die Grundlage darstellen. Auch wenn die Bergpredigt auf den ersten Blick eher wild zusammengewürfelt scheint, soll die Analyse das Gegenteil beweisen. Daraufhin werde ich mich näher mit der elocutio befassen, die nicht nur einen detaillierteren Einblick in die Stilfrage, sondern auch einen Überblick über die verwendeten Tropen und Figuren geben soll. Einige Bibelstellen sollen im Anschluss daran noch einmal näher betrachet werden. Die actio kann natürlich nur bis zu gewissen Ausmaßen und vor allem in redaktioneller Hinsicht analysiert werden, sollte aber dennoch nicht unberücksichtigt gelassen werden.
Insgesamt soll mit den einzelnen Aspekten der Analysearbeit gezeigt werden, dass eine Konstruktion und Kompostition hinter der Bergpredigt steckt. Dies soll nach der Systematik der rhetorischen Produktionsstadien geschehen, soweit dies möglich ist.
Wichtigstes Hilfswerk bei der Erstellung dieser Arbeit ist das Werk von Petersen, der eine Untersuchung der Rhetorik in der Bergpredigt durchführte,
2Walter Jens (Vorwort); in: Plett 2001.
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allerdings mit Hauptaugenmerk auf die Quellennutzung durch Matthäus. Weiteres Mittel zur Analyse der dispositio ist die Arbeit von Stiewe und Vouga, die einen wichtigen Beitrag zum Aufbau der Bergpredigt geleistet haben. Auch die Auflistung der „Stilfiguren der Bibel“ von Bühlmann und Scherer ist zu nennen und als wichtigste Grundlage für die elocutio der „Grundriß der Rhetorik“ von Gert Ueding.
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Die Gemeinschaft der Christen, wird schon sehr früh „Kirche“ genannt. Sie war es auch, die Ende des 4. Jahrhunderts verbindlich und abschließend festgelegt hat, welche der vielen Texte über Jesus Christus und die Gemeinschaft der Christen, die im ersten und zweiten Jahrhundert entstanden waren, zur Bibel gehören sollten. Seither gilt die Bibel als Grundlage für christliches Leben.
Die Bergpredigt selbst ist eines der wichtigsten Kernstücke jener christlichen Grundlage, denn es beinhaltet beispielsweise das Vaterunser, aber auch das Gebot der Nächstenliebe, das nach vielen Theoretikern alsdieKernaussage gilt. Die Sonderstellung der Bergpredigt ist schon bei und durch Augustin diskutiert worden. Man betrachtete sie vom 4. bis zum 19. Jahrhundert als die Charta der Verkündigung Jesu. Die Interpretation der Bergpredigt lief verständlicherweise parallel zur Entwicklung der Kirche und dem veränderten Verständnis des Evangeliums.
Nach Lambrecht3seien die direkten Adressaten die Jünger; Argument dafür ist Textstelle 5, 1-2, nach der Jesus die Volksscharen meide, indem er sich auf den Berg zurückzieht und anschließend seine Jünger zu ihm treten. Außerdem ein Beweis: „die Sprüche von 5, 13-16 über das Salz der Erde und das Licht der Welt, womit deutlich auf die Pflicht der Jünger hingewiesen wird, vor den anderen Menschen Zeugnis abzulegen“4. Gegen diese Auffassung gibt es einige Forschungsmeinungen. Schon Luther wandte sich gegen die römisch-katholische Auffassung, die die Berg-
3Lambrecht 1984. S. 28.
4Ebd.
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predigt als „consilia“ betrachtete, also nicht als allgemein verbindliche Gebote, die von jedem Christen zu erfüllen seien, sondern als „Räte“, die dem Stand einer besonderen Vollkommenheit, wie beispielsweise dem Mönchtum, vorbehalten seien5.
Doch wird die Bergpredigt natürlich heute, wie wohl auch damals schon von Luther, als umfassender betrachtet. Sie soll ethische Anleitung für die ganze Menschheit sehen.
Im Laufe dieser Arbeit wird deutlich gezeigt werden, dass die Bergpredigt keine spontane und aus zufällig gewählten und zusammengesetzten Einzelteilen entstandene Komposition ist, sondern eine sorgfältig rhetorisch durchdachte Rede. Als solche hat sie als Adressaten gewiss nicht einfach nur „Leute vom Lande“, sondern ein weit aus kultivierteres und gebildeteres Publikum:
„Wahrscheinlich war das Matthäusevangelium für Gläubige der Gemeinde einer größeren Stadt bestimmt, in der ein nicht unerheblicher Teil der Leser eine sprachliche Bildung genossen hatte; dafür ist die Rhetorisierung der Bergpredigt zu deutlich auf sprachverständige Adressaten gerichtet“6.
Ein zweiter Hinweis sei die gewählte Sprache des Evangeliums - das Griechische. Diese Sprache sei nach Petersen nicht die Sprache des alten Jerusalems, sondern die Sprache des antiken, gebildeten Griechenlands, das die Kunst der Rhetorik als grundlegend und sehr hoch erachtete.
Laut dem Neuen Testament ist Jesus von NazarethderChristus, also Messias und Sohn Gottes. Nach heutigen Forschungen und neutestamentlich belegten Stellen war Jesus ein Wanderprediger, der im heutigen Israel und Westjordanland tätig war. Man geht davon aus, dass Jesus schreiben und lesen konnte7und zusätzlich, zu seiner Muttersprache Ara-
5Vgl. Strecker 1984: S. 13ff.6Petersen 2001: S. 332.
7Siehe Mt. 19,4 und Johannes 8,6.
