Die besten Ärzte - Sammelband 3 - Stefan Frank - E-Book

Die besten Ärzte - Sammelband 3 E-Book

Stefan Frank

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Beschreibung

Willkommen zur privaten Sprechstunde in Sachen Liebe!

Sie sind ständig in Bereitschaft, um Leben zu retten. Das macht sie für ihre Patienten zu Helden.
Im Sammelband "Die besten Ärzte" erleben Sie hautnah die aufregende Welt in Weiß zwischen Krankenhausalltag und romantischen Liebesabenteuern. Da ist Herzklopfen garantiert!

Der Sammelband "Die besten Ärzte" ist ein perfektes Angebot für alle, die Geschichten um Ärzte und Ärztinnen, Schwestern und Patienten lieben. Dr. Stefan Frank, Chefarzt Dr. Holl, Notärztin Andrea Bergen - hier bekommen Sie alle! Und das zum günstigen Angebotspreis!

Dieser Sammelband enthält die folgenden Romane:

Chefarzt Dr. Holl 1767: Dr. Holl und die traurige Mutter
Notärztin Andrea Bergen 1246: Ich kauf dir, was dein Herz begehrt!
Dr. Stefan Frank 2200: Vielen Dank, Dr. Frank!
Dr. Karsten Fabian 143: Das Baby, das alle Herzen rührte
Der Notarzt 249: Katrins verhängnisvoller Irrtum

Der Inhalt dieses Sammelbands entspricht ca. 320 Taschenbuchseiten.
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Seitenzahl: 592

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Impressum

BASTEI ENTERTAINMENT Vollständige eBook-Ausgaben der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgaben Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG Für die Originalausgaben: Copyright © 2015 by Bastei Lübbe AG, Köln Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller Verantwortlich für den Inhalt Für diese Ausgabe: Copyright © 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln Covermotiv von © iStockphoto: GlobalStock ISBN 978-3-7325-8236-5

Katrin Kastell, Liz Klessinger, Stefan Frank, Ulrike Larsen, Karin Graf

Die besten Ärzte 3 - Sammelband

Inhalt

Katrin KastellDr. Holl - Folge 1767Nur das monotone Summen der Überwachungsmonitore empfängt Antonia, als sie an Ruperts Krankenbett auf der Intensivstation tritt. Blass und eingefallen liegt er da, und nichts an ihm erinnert noch an den tatkräftigen, starken Mann, der Antonias Ein und Alles war. Ein schwerer Autounfall hat ihn mitten aus einem aktiven Leben gerissen - und Antonia aus all ihren glücklichen Zukunftsträumen! Denn nun, da Rupert im Koma liegt, ist das Lügengebäude, das er für sie erbaut hatte, jäh in sich zusammengestürzt: Statt für sie und sein noch ungeborenes Kind frei zu sein, ist Rupert seit Jahren an Katja, seine Ehefrau, gebunden! Und Antonia hat er nur belogen und betrogen! Als sie sich umdreht, um das Krankenzimmer zu verlassen, weiß sie, dass dies ein Abschied für immer ist - egal, ob Rupert leben oder sterben wird. Antonia ist fest entschlossen, sein Kind, das bald geboren wird, alleine großzuziehen. Doch da ahnt sie noch nicht, welche ungeheure Prüfung das Schicksal noch für sie bereithält ...Jetzt lesen
Liz KlessingerNotärztin Andrea Bergen - Folge 1246Als Petra zu sich kommt, schlägt ihr modrige Luft entgegen. Völlige Dunkelheit umgibt sie. Wimmernd tastet Petra über den kalten Steinboden, als die Erinnerung wieder mit Macht über sie hereinbricht: Arnold Weinberg, der windige Finanzberater ihres Schwiegervaters, hat ihr auf der Straße aufgelauert und sie in dieses dunkle Verlies verschleppt! Und er will sie erst freilassen, wenn ihr Mann Martin ihm den Millionengewinn überwiesen hat - Heiße Tränen steigen Petra in die Augen. Nein, der Lottogewinn hat ihnen nichts als Kummer gebracht. Und nun muss Petra auch noch um ihr Leben fürchten! Als ihr ein heftiger Stich ins Herz fährt und ihr Puls sich immer mehr beschleunigt, gerät sie in Panik. Ohne die lebenswichtigen Medikamente wird ihr Herz über kurz oder lang stehenbleiben, und sie wird Martin, ihren geliebten Mann, niemals wiedersehen -Jetzt lesen
Stefan FrankDr. Stefan Frank - Folge 2200Die junge Erzieherin Michaela ist entsetzt! Warum nur kann außer ihr niemand erkennen, was für ein liebenswertes Mädchen die fünfjährige Beate ist? Sicher, hin und wieder hat sie einen Wutausbruch, und es fällt ihr auch nicht leicht, andere Menschen an sich heranzulassen. Aber würde das nicht jedem so gehen, der als Kleinkind seine Eltern verloren hat und der seitdem von einem Waisenhaus ins andere abgeschoben wird? Michaela weiß, Beate hat ein gutes Herz. Zum Beispiel kümmert das Mädchen sich rührend um den dreijährigen Paul, der ebenfalls ganz allein auf der Welt ist. Doch der Leiter des Kinderheims sieht das ganz anders: Beate soll umziehen, er kann ein schwieriges Kind wie sie nicht gebrauchen. Verzweifelt klammern sich Beate und Paul aneinander, und Michaela kann es nicht fassen. Wie bringt ihr Chef es nur übers Herz, diese beiden einsamen Waisen voneinander zu trennen? Wenn jetzt nicht ein Wunder geschieht, wird Beate nie mehr froh ...Jetzt lesen
Ulrike LarsenDr. Karsten Fabian - Folge 143Sabine und Theo Hagenau sind verzweifelt. Ihr ungeborenes Baby ist in Lebensgefahr! Es wird dringend Spenderblut benötigt. Doch wenn es darauf ankommt, halten in dem idyllischen Heidedorf alle zusammen. Und so setzt die gutmütige Landarztfrau Florentine Fabian mal wieder alle Hebel in Bewegung, um eine beispiellose Hilfsaktion ins Leben zu rufen. Und wenn Florentine um Hilfe bittet, sagt in Altenhagen niemand Nein. Doch kommt die Hilfe noch rechtzeitig?Jetzt lesen
Karin GrafDer Notarzt - Folge 249Als Katrins beste Freundin Miriam unheilbar an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt, verbringt die junge Pflegerin ihre gesamte Freizeit am Krankenbett ihrer Freundin. Miriams Bruder, der attraktive Assistenzarzt Tim Tanner, kündigt sogar seinen Job an der Städtischen Klinik, um rund um die Uhr bei seiner Schwester sein zu können! Doch alles Bangen und Hoffen ist vergebens, nach wenigen Monaten stirbt Miriam. Gemeinsam beschließen Tim und Katrin, nach Südtirol zu fahren, um dort Miriams Asche zu verstreuen - der letzte Wunsch der Toten. Auf der Fahrt dorthin wird Katrin immer wieder übel, und sie ist überzeugt, von ihrem Exfreund schwanger zu sein. Deutet nicht alles darauf hin? Schließlich landen die beiden in einem verlassenen Bergdorf namens Himmelreich. Ein Unwetter, das die schmale Bergstraße in einen reißenden Bach verwandelt, verhindert ihre Rückreise, und Katrin beginnt, hoch zu fiebern. Die vermeintliche Schwangerschaft stellt sich als Blinddarmentzündung heraus - und es gibt keine Möglichkeit, Hilfe zu rufen! So sieht sich Tim dazu gezwungen, sie mit sehr primitiven Mitteln selbst zu operieren ...Jetzt lesen

Inhalt

Cover

Impressum

Dr. Holl und die traurige Mutter

Vorschau

Dr. Holl und die traurige Mutter

Warum kann sie sich über ihr Wunschkind nicht freuen?

Von Katrin Kastell

Als Baby Saskia gesund zur Welt kommt, ist Dr. Holls Erleichterung riesengroß. Er ist sicher: Nun steht einer glücklichen Zukunft für Mutter und Kind nichts mehr im Wege.

Doch warum kann sich die hübsche Antonia Eggers so gar nicht über die Geburt ihrer Tochter freuen? Warum will sie ihr Baby gar zur Adoption freigeben?

Dr. Stefan Holl versucht, das nach Kräften zu verhindern. Denn Antonia scheint nach den langen Monaten der Verzweiflung, die hinter ihr liegen, nicht mehr sie selbst zu sein …

Ein schwarzer Freitag in der Berling-Klinik. Präzise Befehle im Sekundentakt, untermalt von den üblichen Geräuschen der Monitore. Das Team war in permanenter Alarmbereitschaft. Allen war klar, dass sich der Patient auf der Tabula in akuter Lebensgefahr befand. Wenn nicht sofort alle notwendigen Maßnahmen gleichzeitig durchgeführt wurden, überlebte er diesen Tag nicht.

Chefarzt Dr. Holl und seine Kollegen handelten routiniert. Die Anspannung in diesem Raum war beinahe mit Händen zu greifen.

Erst jetzt äußerte sich einer der Anwesenden.

„Wird er es schaffen?“ Der raue Beiklang in der Stimme des Assistenzarztes verriet die psychische Belastung, die ihm so sehr zu schaffen machte, dass er sich äußern musste. Jeder Einzelne im OP versuchte auf seine Weise damit fertig zu werden.

Stefan Holl ahnte, wie es dem Kollegen ging. Dr. Hansen war noch jung und wenig erfahren mit so harten Fällen wie diesem. Aber auch Chirurg Dr. Daniel Falk, Dr. Holls engster Mitarbeiter, rang um Fassung. Stefan selbst war längst klar, dass es einem Wunder gleichkam, wenn der Schwerverletzte überleben würde.

Er tauschte einen kurzen Blick mit Daniel Falk, während sie mit beharrlichem Einsatz darum kämpften, den Mann wenigstens zu stabilisieren. Dann erst konnte eine Entscheidung über weitere Maßnahmen gefällt werden. Zum jetzigen Zeitpunkt würde jeder operative Eingriff mit großer Sicherheit den sofortigen Tod bedeuten.

Ein künstliches Koma würde helfen, den Organismus zu entlasten. Dr. Andra Kellberg, die Anästhesistin, stand schon bereit. Jede Minute zählte. Aber noch war die Schock-Behandlung nicht beendet.

Eine erste Diagnose ergab äußere Verletzungen an mehreren Körperregionen, innere Blutungen, ein Schädel-Hirn-Trauma, instabile Atmung und eine deutlich tastbare Abwehrspannung des Abdomens. Und als wären das nicht schon genug Probleme, bestand der Verdacht auf Rippenserienfraktur, wodurch zusätzliche Lungenkomplikationen drohten.

Ein Lastwagen war in das Fahrzeug des Patienten gerast und hatte ihn hinausgeschleudert, so lauteten die Berichte der Polizei und des Notarztes, der noch auf dem Weg in die Klinik eine Notfallintubation und eine Reanimation durchgeführt hatte.

Während der Schock- und Schmerzbekämpfung erfolgten die Sedierung sowie die Beatmung über einen Tubus. Infusionen und Volumenersatz tropften über den Zentralvenenkatheter in die Gefäße. Der Verletzte hatte viel Blut verloren. Wahrscheinlich zu viel.

Dr. Holl wandte sich mit einer raschen Frage an OP-Schwester Marion: „Sind die Angehörigen schon benachrichtigt?“

Sie reagierte sofort. „Laut Notarzt war er anfangs noch bei Bewusstsein. Er wollte, dass man seine Freundin informiert. Die Nummer befindet sich neben dem großen Foto auf seinem Handy. Sie wohnt in München.“

„Sie sollte sofort kommen“, sagte Dr. Holl.

Im nächsten Moment sorgte die Nulllinie auf dem Monitor für neuen Alarm. Hastig wurden die Vorbereitungen für den Einsatz des Defibrillators getroffen. Erst der dritte Versuch holte den Mann wieder zurück. Die Linie auf dem Bildschirm schlug aus. Dr. Holls Sorge um das Leben des Patienten wuchs. Er bezweifelte, dass der Schwerverletzte noch länger durchhalten konnte.

Wieder einmal wurden ihm die Grenzen der ärztlichen Kunst deutlich bewusst. Genau jetzt müsste das erhoffte Wunder geschehen. Doch solche Ereignisse gehörten in einer Klinik nicht unbedingt zur Tagesordnung.

***

Nein, es fehlte nichts. Antonia Eggers betrachtete zufrieden den gedeckten Tisch. In der Mitte prangte der Schokoladenkuchen, den er so gern mochte. Die Herstellung war ihr Geheimrezept, das sie nur ihrer besten Freundin verraten würde. Aber da Ella sich weder fürs Kochen noch fürs Backen interessierte, wollte sie auch die Zutaten nicht wissen. Allerdings freute sie sich immer, wenn ein Stück für sie abfiel.

Auch wenn Rupert süßes Gebäck mehr liebte als jede deftige Mahlzeit, hatte er sich seine schlanke Figur bis jetzt weitgehend bewahrt.

Die Kaffeemaschine war schon gefüllt. Obwohl sie selbst Lust auf einen Cappuccino verspürte, würde sie doch nur Kräutertee trinken. Es war besser so. Sie hatte gelesen, dass Schwangere nur wenig Koffein zu sich nehmen sollten. Aber zugunsten des Kindes fiel ihr der Verzicht nicht schwer. Es sollte unbeeinflusst von irgendwelchen schädlichen Genussmitteln in ihr heranwachsen.

Rupert wollte am späteren Nachmittag kommen. Auf eine bestimmte Zeit hatte er sich nicht festgelegt, weil er nie wusste, wie gut er durchkam. Beim letzten Mal war er in einen zähen Stau geraten und erst mit einer Stunde Verspätung in München eingetroffen. Vielleicht wäre er auch heute besser mit dem Zug gefahren, zumal sich wegen des vorausgesagten schönen Wetters am Wochenende gewiss noch mehr Fahrzeuge auf den Autobahnen und Straßen befanden als sonst.

Überhaupt sollte dieses Pendeln bald mal ein Ende finden, spätestens dann, wenn das Baby da war. Aber ob er das schaffen würde? Antonia erinnerte sich an sein festes Versprechen bei seinem letzten Besuch, seine Verhältnisse rechtzeitig zu klären und zu ordnen.

Das hieß für ihn, sich endlich von seiner langjährigen Verlobten zu trennen, die er wegen ihrer vielfältigen Krankheiten immer wieder schonte. Manchmal hegte Antonia insgeheim Zweifel, doch im Grunde vertraute sie ihm. Rupert war ein guter Journalist, dessen Artikel schon viel Aufruhr verursacht hatten, aber im zwischenmenschlichen Bereich war er wenig durchsetzungsfähig.

Das allein war der Grund, warum er noch bei seiner ungeliebten Lebensgefährtin ausharrte. Damit musste jetzt Schluss sein. Antonia fühlte sich siegessicher. Er war der Vater ihres Kindes, auf dessen Ankunft sie sich beide riesig freuten.

Ob seine baldige Exfreundin unter der Trennung leiden könnte, berührte die werdende Mutter nicht. Ihr Kind brauchte seinen Vater. Und sie, die Mutter, brauchte Rupert. So einfach war das.

Das Telefon klingelte. Ella war dran.

„Na, ist er schon da?“

„Noch nicht. Ich fürchte, er wird wieder in einem Stau stecken. Gerade vor München soll es zurzeit doch so viele Baustellen geben.“

„Irgendwann wird er schon auftauchen. Mach dir keine Sorgen! Ihr habt sturmfreie Bude. Ich komme erst am Sonntagabend nach Hause. Soeben ist eine Einladung nach Starnberg reingekommen. Mit Bootsparty auf dem See. Hab natürlich sofort zugesagt. Das schöne Herbstwetter muss man ausnutzen. Wer weiß, wie lange es noch anhält!“

„Ich wünsche dir viel Spaß“, sagte Antonia. „Danke noch mal, dass ich früher gehen durfte.“

„Aber ich bitte dich, Liebes, das ist doch selbstverständlich! Es war ja ohnehin nicht viel los im Geschäft. Die Kundschaft hat sich wohl schon ins Wochenende gestürzt. Und unter uns können wir die Dinge doch handhaben, wie wir wollen. Ich komme gleich noch schnell vorbei und packe ein paar Sachen ein. Für den Rest des Tages schmeißt Babsi hier den Laden. Bin gleich da.“

In Gedanken an die Freundin lächelte Antonia dankbar. Die beiden kannten sich seit ihrer Schulzeit. Zwischendurch war der Kontakt über einen längeren Zeitraum unterbrochen gewesen, dann aber wieder zustande gekommen.

Vor zwei Jahren hatten sie sich zusammen eine Wohnung genommen. Und bis jetzt kamen sie gut miteinander zurecht. Das Erbe ihres Vaters erlaubte Antonia, nach einem langweiligen Job bei einem Wirtschaftsprüfer sorgenfrei Kunstgeschichte zu studieren. Dass sie mit ihren fünfundzwanzig Jahren schon deutlich über dem Durchschnittsalter der meisten anderen Studenten lag, fiel kaum auf. Antonia sah immer noch unglaublich jung aus, behauptete jedenfalls Ella.

Und dann war die Liebe in Antonias Leben gekommen. Sie hatte Rupert kennengelernt, einen Journalisten aus Mainz. Seitdem lebte sie auf der Sonnenseite. Und als sich dann noch ein Kind ankündigte, das sie beide aus vollem Herzen willkommen hießen, war sich Antonia ganz sicher, vom Glück begünstigt zu sein.

Am Wochenende half sie oft unentgeltlich in Ellas Mode-Boutique aus. Doch damit musste bald Schluss sein. Sie war zwar erst in der vierundzwanzigsten Woche, aber längeres Stehen fiel ihr jetzt schon schwer.

Über all den wundervollen Empfindungen vergaß Antonia nie, dass es da noch eine andere in Ruperts Leben gab. Er war schon ewig mit dieser Frau verbandelt, hatte sich aber nie darum gekümmert, sich von der Frau zu trennen, die er schon lange nicht mehr liebte. Er war wohl in der Gewohnheit verfangen und auch zu bequem gewesen, einen klaren Schlussstrich zu ziehen.

Erst Antonias Schwangerschaft brachte ihn dazu, sein bisheriges Leben gründlich zu überdenken und die notwendigen Veränderungen in Angriff zu nehmen. Bis zur Geburt des Kindes, so lautete sein Versprechen, würde er alles geregelt haben. Das Baby sollte ein warmes Nest und liebende Eltern vorfinden.

Und natürlich war auch schon die Hochzeit geplant. Ob sie die zeitlich noch vor der Geburt schafften, war eher fraglich. Darum hatten sie für dieses Ereignis lieber den Mai im nächsten Jahr ins Auge gefasst. Bis dahin blieb für die Vorbereitungen Zeit genug.

Heute war Rupert wieder unterwegs zu ihr. Vor ihnen lag ein wundervolles Wochenende mit schönstem Wetter bei spätsommerlichen Temperaturen – vorausgesetzt, die Meteorologen behielten recht.

Am Montagmorgen dann hatte er ein Bewerbungsgespräch bei einer überregionalen Tageszeitung. Wenn alles gut ging, bekam er die ausgeschriebene Stelle als Redakteur und konnte seine Zelte in Mainz endgültig abbrechen. Hier mussten sie sich dann nur noch eine Wohnung suchen, denn zu dritt und später noch mit dem Baby konnten sie nicht in diesem Zwei-Zimmer-Apartment leben.

Ella war schon vorgewarnt. Da die Mieten in Schwabing hoch waren, würde sie sich eine neue Mitbewohnerin suchen müssen, wenn Antonia auszog. Aber bei der guten Wohnlage brauchte sie bestimmt nicht lange auf Interessenten zu warten.

Für den Samstagvormittag waren sie mit einem Makler verabredet, mit dem sie zwei Wohnungen besichtigen wollten. Natürlich hing alles davon ab, ob Rupert diesen gut dotierten Posten auch bekam. Aber daran zweifelte Antonia nicht. Darum gab sie sich genüsslich ihren Träumen von einem schönen warmen Nest hin, in dem sie alle drei glücklich lebten.

Lange genug hatte sie darauf gewartet. In ihrem fünfundzwanzigjährigen Dasein hatte es schon ein paar Beziehungen gegeben, aber nicht eine war von Bedeutung gewesen. Erst bei Rupert hatte sie das Gefühl gehabt, dass er der Richtige für eine Familiengründung war. Nein, sie hatte es nicht unbedingt eilig damit. Aber wenn das Schicksal schon mal einen Joker bereithielt, dann sollte man auch gleich zugreifen, bevor es andere taten.

Nach der Geburt des Kindes würde sie ihr Studium beenden und dann irgendwann eine Arbeit in einer Kultureinrichtung oder einem Museum finden. Konnte es bessere Zukunftsaussichten geben?

Das Telefon holte sie aus ihren Gedanken zurück. Rupert!

Doch auf dem Display erschien eine ihr unbekannte Nummer.

„Spreche ich mit Antonia?“

„Ja, was gibt es?“

Sie hörte sofort, dass dem Mann das Sprechen schwerfiel. Wollte ihr da jemand etwas verkaufen?

„Kennen Sie Herrn Rupert Mehring?“

Sie spürte einen kleinen, aber schmerzhaften Stich im Herzen.

„Was ist mit ihm?“

„Mein Name ist Jakob Bergmann. Ich bin Arzt an der Berling-Klinik. Man hat mich gebeten, Sie zu benachrichtigen. Herr Mehring hatte einen Autounfall. Er befindet sich im Operationssaal. Unter ärztlicher Obhut … Sie sollten sofort kommen.“

Antonia rang nach Luft. Sie wollte etwas sagen, aber es gelang ihr einfach nicht, die einzelnen Silben zu formulieren. Ihre Zunge war wie gelähmt.

„Hallo, sind Sie noch da? Wenn Sie mir Ihre Adresse und Ihren Nachnamen sagen, schicke ich Ihnen ein Taxi.“

„Um Gottes willen, was ist passiert? Mir … mir ist ganz übel. Mir wird schwindelig. Ich … ich bin schwanger!“

„Ich bin Gynäkologe und kann sofort bei Ihnen sein. Wo wohnen Sie?“

Antonia nahm alle Kraft zusammen, nannte ihm ihren vollen Namen, die Anschrift und die Hausnummer.

„In zehn Minuten bin ich da, maximal eine Viertelstunde. Legen Sie sich hin und versuchen Sie, ruhig und regelmäßig zu atmen.“

Was fehlt Rupert?, wollte sie noch fragen, doch der Anrufer hatte den Kontakt schon beendet. Die werdende Mutter befolgte den Rat. Mit weichen Knien ging sie zum Sofa und ließ sich niedersinken.

Rupert verletzt? Aber er wurde ja schon behandelt. Und natürlich wollte er, dass sie bei ihm war, damit er ihr alles erklären konnte. Ja, so ein Unfall konnte eine kleine Verzögerung in ihren Plänen bedeuten, mehr nicht. Kein Schicksal war so mächtig, dass es ihre Träume vom Glück zerstören konnte.

***

In aller Eile organisierte Dr. Bergmann ein Ambulanzfahrzeug. Der Fahrer, ein junger Bursche, fuhr so zügig, dass dem Arzt gelegentlich Stoßseufzer über die Lippen kamen. Aber dann ging doch alles gut. Der Sanitäter hielt in der zweiten Reihe.

„Wenn wir die Trage brauchen, gebe ich übers Handy Bescheid“, sagte Jakob, griff nach dem Notfallkoffer und sprang aus dem Fahrzeug.

Vor der gläsernen Haustür traf er mit einer attraktiven Frau zusammen, die ihm ein freundliches Lächeln schenkte. Gemeinsam betraten sie den Aufzug.

„Welche Etage?“

„Dritte, ich möchte zu Frau Antonia Eggers.“

„Ach, wirklich?“ Sie musterte ihn erstaunt. „Dann haben wir das gleiche Ziel. Antonia und ich wohnen zusammen. Was wollen Sie denn von ihr?“

„Ich habe leider eine schlechte Nachricht für sie. Mein Name ist Bergmann.“

Jakob hielt sich mit weiteren Details zurück. Erst wollte er mit Frau Eggers sprechen. Da er fürchtete, dass sie einen Schock erleiden könnte, war er andererseits froh, in ihrer Freundin eine Hilfe zu haben.

Der Aufzug hielt, sie stiegen aus. Ella öffnete die Wohnungstür.

„Tonia, ich bin’s. Hier ist jemand, der dich sprechen möchte.“

Die werdende Mutter richtete sich aus ihrer Liegeposition auf. Auf ihrem blassen Gesicht verteilten sich hektische Flecken. Ihre Augenlider flatterten, und die Lippen bebten.

„Was ist passiert?“, rief sie, noch bevor Jakob etwas sagen konnte.

Mit ein paar Sätzen war er bei ihr und drückte sie sanft auf das Sofa zurück. Der Blick aus diesen saphirblauen Augen, der ebenso fragend wie flehentlich auf ihn gerichtet war, rührte ihn tief.

„Beruhige dich, Liebes!“, murmelte Ella. Sie hockte sich neben ihre Freundin und legte beschützend den Arm um sie.

„So reden Sie doch endlich!“, fuhr sie ihn in der Aufregung ungeduldig an.

„Herr Rupert Mehring ist Ihr Freund?“

Anstelle ihrer Freundin antwortete Ella. „Sie sind verlobt. Und Rupert ist der Vater des Kindes.“

„Wie ich schon sagte, er hatte einen Unfall und wird bei uns in der Berling-Klinik behandelt.“ Er machte eine kurze Pause, bevor er weitersprach: „Seine Verletzungen sind schwer. Soviel wir wissen, ist ein Lastwagen in sein Fahrzeug reingefahren.“

„Ach, du meine Güte!“, sagte Ella mit stockender Stimme. Besorgt betrachtete sie Ellas entsetztes Gesicht, in dem immer mehr rote Flecken auftauchten. „Das darf nicht wahr sein! So ein Unglück!“

Jakob ging auf ihre Worte nicht ein. Seine ganze Aufmerksamkeit galt Antonia, die heftig atmete. „Ich bin mit einem Ambulanzwagen gekommen und kann Sie gleich mit in die Klinik nehmen. Dort bleiben Sie unter Beobachtung, und gleichzeitig können Sie Ihren Verlobten sehen, wenn er aus dem OP herausgebracht wird.“

„Wird er … durchkommen?“

„Chefarzt Dr. Holl und sein Team kümmern sich um ihn“, erwiderte Jakob.

„Ich komme auch mit“, erklärte Ella und stand auf. „Ich packe dir schnell ein paar Sachen ein.“

„Aber du wolltest doch an den Starnberger See“, widersprach Antonia schwach.

„Du brauchst mich jetzt. Und darum bleibe ich hier.“ Ellas Stimme klang so bestimmt, dass ihre Freundin nicht widersprach.

„Kann ich bitte etwas Wasser haben?“

Jakob nickte Ella zu, die sofort in die Küche eilte und mit einem gefüllten Glas zurückkam. Antonia nahm nur ein paar Schlucke.

„Bevor wir uns auf den Weg machen, möchte ich Sie kurz untersuchen. Ich will nur sicher sein, dass es Ihnen und dem Kind gut geht.“

Antonia ließ es teilnahmslos geschehen, dass der Arzt ihre und des Kindes Atmung kontrollierte, ihren Blutdruck und Puls maß. Beides war deutlich erhöht, was bei dieser Hiobsbotschaft allerdings kein Wunder war. Jakob war sicher, dass sie unter seiner ärztlichen Aufsicht den Weg zur Klinik überstehen würde.

„Die Kollegen kümmern sich um Ihren Verlobten“, sagte er. „Ich gehöre als Gynäkologe ja diesmal nicht zum Team. Darum weiß ich nicht, wie es aktuell um ihn steht. Aber wir werden es in der Klinik erfahren. Dort können Sie ihn sehen.“

Ella kam mit einer kleinen Reisetasche, in die sie das Nötigste für ein oder zwei Nächte eingepackt hatte.

„Können Sie gehen, Frau Eggers … oder soll ich den Rollstuhl hochbringen lassen?“

„Nein, es geht schon“, flüsterte Antonia und erhob sich schwerfällig.

Jakob schätzte, dass sie ungefähr in der vierundzwanzigsten Woche sein musste.

„Legen Sie einen Arm um mich, so kann ich Sie besser halten.“

Und so verließen sie die Wohnung. Er stützte die schwache Frau, während Ella die Wohnung abschloss und die Tasche hinterhertrug.

***

Nachdem der Schwerverletzte in ein künstliches Koma versetzt worden war, brachte man ihn auf die Intensivstation, wo er permanent überwacht wurde. Die größte Gefahr ging vom Schädel-Hirn-Trauma aus. Eine Druckentlastung war vorgenommen worden. Weitere Eingriffe erfolgten zum jetzigen Zeitpunkt nicht, da jede weitere Operation sein Leben endgültig zu beenden drohte.

Vielleicht verzögern wir damit auch nur den Sterbevorgang, dachte Dr. Holl deprimiert. Aber der Mann ist noch jung, wir müssen wenigstens versuchen, ihn durchzubringen. Allerdings war die Hoffnung, dass es gelingen könnte, eher gering. Das sah er aufgrund seiner langjährigen Erfahrung ganz klar. Die Verletzungen waren einfach zu schwer.

Müde und gestresst verließ Dr. Holl den Operationssaal. Schwester Marion lief mit klappernden Sandalen neben ihm her und berichtete, dass alle Angehörigen benachrichtigt worden seien.

„Sie sind auf dem Weg hierher. Dr. Bergmann holt die Lebensgefährtin in Schwabing ab. Die telefonische Nachricht hat einen Schock bei ihr ausgelöst. Und da sie schwanger ist, wollte Dr. Bergmann nichts riskieren.“

„Das ist gut, halten Sie mich auf dem Laufenden!“, sagte Dr. Holl und schlug den Weg zu seinem Büro ein. Er brauchte jetzt einen guten Kaffee und ein paar Minuten Stille, damit er wieder zu sich finden konnte. Auch nach all den Berufsjahren ging ihm eine solche Katastrophe immer noch nahe.

„Wenn möglich, möchte ich die nächste Viertelstunde nicht gestört werden“, bat er Moni Wolfram, seine Sekretärin. „Und den Kaffee bitte schön stark wie immer.“

Moni, die das volle Vertrauen des Chefarztes besaß, nickte wortlos, und lächelte mitfühlend, bevor sie sich dem Kaffeeautomaten zuwandte.

Währenddessen saß Dr. Holl in einem der Besuchersessel und schaute durch das große Panoramafenster hinaus in den Garten. Allmählich legte sich die Anspannung, die er im OP empfunden hatte. Moni brachte ihm den Kaffee und eine halbe Käsesemmel.

Als Daniel Falk, sein Freund und Kollege, bei ihm auftauchte, ging es ihm schon wieder besser.

„Eine ziemlich schlimmer Fall“, sagte Chefchirurg Dr. Falk. „Ich war gerade noch mal auf der Intensiv. Die Technik erhält Herrn Mehring am Leben, aber das darf natürlich nicht so bleiben.“

„Wir werden sehen.“

„Er hatte übrigens einen Organspender-Ausweis dabei.“

Moni betrat erneut Dr. Holls Büro und brachte auch dem Besucher einen Kaffee.

„Möchten Sie auch etwas essen, Dr. Falk?“

„Nein, vielen Dank.“

„Du meinst, wir könnten seine Organe verwenden, sollte das Allerschlimmste tatsächlich eintreffen?“

„Jedenfalls die, die noch intakt sind. Die Nieren dürften gequetscht und somit womöglich unbrauchbar sein. Aber das Herz fände vielleicht noch Verwendung. Der Mann war ja erst Mitte dreißig. Wenn du mich fragst, wir können nicht mehr viel für ihn tun.“

Stefan gab sich keine Mühe, seinen Seufzer zu unterdrücken. „Du bist mindestens schon zwei Schritte zu weit. Wir müssen abwarten. Ich habe immer noch ein bisschen Hoffnung. Erst mal müssen wir mit den Angehörigen reden. Sie sind auf dem Weg hierher.“

„Ja, du hast recht.“ Mit zurückgelegtem Kopf leerte Daniel seine Tasse. „Hm. Der Kaffee hilft den schlappen Lebensgeistern wieder auf.“

Beide Ärzte erhoben sich. „Bei dem Gespräch mit den Angehörigen möchte ich dich dabeihaben“, sagte Stefan.

„Okay, gibt mir Bescheid.“

***

Antonia erlebte die Fahrt zur Klinik, den Gang durch das Gebäude, das Gespräch mit Dr. Bergmann und das Betreten der Intensivstation wie durch einen dichten Nebel. Die Sicht war getrübt, die Geräusche drangen nur gedämpft zu ihr.

Das sollte Rupert sein? Ihr Rupert, von dem sie ein Kind bekam, mit dem sie leben wollte? Sie weigerte sich, das zu glauben.

Vor ihr lag ein Mann, den sie kaum wiedererkannte. Sein Körper war mit Schläuchen in verschiedenen Farben verkabelt, das Gesicht fast zur Gänze von einer Beatmungsmaske verdeckt. Die Monitore gaben gleichmäßige Laute von sich, aber beruhigend klangen sie nicht.

Antonia fühlte sich von der Technik in diesem Raum erdrückt. Bevor sie etwas sagen konnte, wurde ihr schwarz vor Augen.

Als sie wieder zu sich kam, lag sie auf einer Liege, über ihr das Gesicht des Arztes, der sie abgeholt hatte. Er musterte sie mitfühlend.

„Geht’s wieder?“

Antonia wollte sich aufrichten, doch der Arzt drückte ihre Schultern nieder.

Bleiben Sie noch!“, bat er. „Ihr Kreislauf ist schwach.“ Dr. Bergmann stellte den Kopfteil der Liege auf, sodass Antonias Oberkörper hochgeschoben wurde.

„Hier, trinken Sie das!“ Er reichte ihr einen gefüllten Becher, dessen Inhalt wie gesüßter Früchtetee schmeckte. Antonia trank in kleinen Schlucken und spürte, wie das Getränk ihren Magen wärmte. In ihrem Kopf befand sich eine dumpfe Leere, die sich zu ihrer Überraschung aber auch gut anfühlte.

Jetzt bloß nicht nachdenken! Über nichts. Einfach nur in diesem Zustand bleiben, sich umsorgen lassen, den tröstenden Worten des Arztes lauschen und darauf hoffen, dass alles nur ein Traum war. Ein böser Traum, aus dem sie bald erleichtert aufwachen würde.

Dr. Bergmann nahm ihr sanft den leeren Becher ab und legte ihr erneut die Manschette des Blutdruckmessgeräts um den Oberarm, die mit monotonem Summen Druck auf ihre Arterien ausübte.

„Immer noch zu hoch“, stellte Dr. Bergmann fest. „Ich habe schon mit der Stationsschwester gesprochen. Sie können bei uns ein Zimmer beziehen. Damit wir ganz sicher sind, dass es Ihrem Kind gut geht, beobachten wir Sie. Ruhen Sie sich aus. Zwischendurch schaue ich immer wieder nach Ihnen. Ich bitte Sie, diesen Vorschlag zu akzeptieren.“

Mit einem schwachen Nicken zeigte Antonia ihr Einverständnis. Hauptsache, sie konnte Rupert nahe sein. An das Kind dachte sie kaum.

„Dann kommen Sie, ich bringe Sie hin. Ihre Freundin wird Ihnen sicher gern Gesellschaft leisten.“

„Ich möchte noch mal zu Rupert …“

„Das halte ich im Augenblick für keine gute Idee. Wie ich Ihnen schon sagte, ist er in ein künstliches Koma versetzt worden, damit sich sein Zustand stabilisieren kann. Sobald er zu sich kommt, geben wir Ihnen Bescheid. Mein Wort darauf!“

Antonia willigte ein. Sie war sogar froh, dass dieser Arzt ihr Anweisungen gab, denen sie nur zu folgen brauchte.

„Soviel ich weiß, sind seine Angehörigen aus Mainz auf dem Weg hierher, unter anderem seine Eltern. Sie werden sicher mit ihnen reden wollen.“

„Ja, sicher“, sagte Antonia leise und fragte sich, worüber sie denn sprechen sollten. Sie kannte Ruperts Eltern nicht. Er hatte ihr vorgeschlagen, mit dem Kennenlernen noch zu warten, bis endlich die Trennung von der Frau vollzogen war, die wie eine Klette an ihm hing.

Als Antonia dann in dem Raum lag, den man ihr freundlicherweise zur Verfügung stellte, hätte sie Dr. Bergmann am liebsten gebeten, nicht wegzugehen. Doch sie traute sich nicht. Als er sie verließ, kam Ella. Sie schwenkte einen Blumenstrauß in der Hand und bemühte sich um einen optimistischen Gesichtsausdruck.

„Blumen? Aber ich bin doch nicht krank“, wandte Antonia ein. Sie lauschte ihren Worten nach. Nein, krank war sie nicht, aber eine grausame Macht hatte ihr Leben aus den Angeln gehoben.

„Ich dachte, dass die schönen Farben dich ein wenig aufmuntern.“ Ella betrachtete ihre Mitbewohnerin voller Anteilnahme. „Menschenskind, Tonia, das war vielleicht ein Schreck! Aber es kommt alles wieder auf die Reihe, ganz sicher.“

Gewiss, Ella meinte es nur gut. Doch Antonia wollte jetzt nichts hören, weder gute Wünsche noch irgendwelche Trostworte. Sie wollte nicht sprechen, sondern ruhig sein und die Augen schließen. Die Farben der Blumen waren ihr vollkommen gleichgültig.

„Fahr nur nach Starnberg!“, murmelte sie. „Meinetwegen brauchst du nicht auf die Einladung zu verzichten. Ich bleibe vorerst hier. Dr. Bergmann rät mir dazu.“ Antonia brach ab. Schon die wenigen Worte erschöpften sie.

„Meinst du wirklich?“ Ella zögerte noch ein paar Sekunden. „Gut, wie du willst. Aber wir bleiben in Verbindung. Spätestens Sonntagabend bin ich zurück. Ruf mich an, wenn was ist.“

Antonia spürte Ellas Lippen auf der Wange.

„Es wird alles gut“, versicherte die Freundin. „Mach dir keine Sorgen!“ Dann ging sie zur Tür und zog sie ganz sacht ins Schloss.

Keine Sorgen machen? Was redete Ella denn da? Gewiss war es schwierig, in einer solchen Situation die richtigen Worte zu finden. Aber ein schwer verletzter Mensch gab immer Anlass zur Sorge.

Jetzt erst, allein in dem fremden Krankenzimmer, kamen die ersten Tränen. Sie bildeten nur die Vorhut einer tiefen Verzweiflung. Und als der Strom endlich wieder versiegte, fühlte Antonia sich noch leerer als zuvor.

***

„Bitte, Dr. Bergmann, geben Sie mir Bescheid, wenn sich in Ruperts Zustand etwas ändert! Ich möchte Antonia so gut als möglich helfen, mit diesem Schicksalsschlag fertigzuwerden.“

Ella musterte den schlanken und überaus attraktiven Mann, der schon beim Betreten ihrer Wohnung ihr Interesse wie auf Knopfdruck geweckt hatte. So jemanden würde sie nicht von ihrer Bettkante stoßen, falls er geneigt wäre, dort Platz zu nehmen.

Ella schenkte ihm ein süßes Lächeln und schob sich kokett eine Haarsträhne hinters Ohr. „Ich bin ihre beste Freundin.“

Sie tauschten die Telefonnummern aus und legten die Handys auf den Tisch zurück, wo sie einträchtig beieinander lagen.

„Sie und Frau Eggers wohnen zusammen?“ Obwohl er es schon wusste, ließ sich Jakob das noch mal bestätigen.

„Noch, ja. Aber sie und Rupert suchen schon nach einer neuen Bleibe für die junge Familie. Aber jetzt muss er erst mal wieder gesund werden.“

Jakob gab keinen Kommentar dazu ab. Aber was er von den Kollegen wusste, war in höchstem Maße besorgniserregend. Selbst wenn der Patient seine Verletzungen überlebte, so ließ das Ausmaß der Hirnschädigung nichts Gutes erwarten. Er würde lange brauchen, bis er wieder ein normales Leben führen konnte. Wenn überhaupt.

Die junge Mutter tat ihm leid. Er hoffte, dass sich dieses Schockerlebnis nicht auch noch nachteilig auf das Kind in ihrem Bauch auswirkte.

„Hoffentlich bleiben keine Schäden zurück!“, fuhr Ella fort. „Das wäre eine Tragödie für Antonia. Sie und Rupert sind ein so tolles Paar.“ Ella schaute auf die Uhr. Plötzlich hatte sie es nicht mehr so eilig, ins Wochenende aufzubrechen. „Kann man hier irgendwo einen ordentlichen Kaffee bekommen?“

„Gegenüber von der Klinik gibt es ein Café.“

„Danke, Herr Doktor.“ Sie hielt kurz inne. „Darf ich Sie einladen?“

Jakob zögerte.

„Eine kleine Pause würde Ihnen guttun“, fuhr Ella fort. „Vielleicht könnten Sie mir noch ein paar Fragen beantworten. Ich würde gern wissen, worauf ich bei Antonia achten muss, wenn sie wieder zu Hause ist. Wir leben sehr eng zusammen. Und falls eine Notsituation eintritt …“

Jakob stimmte einer Kaffeepause zu und sagte kurz auf der Station Bescheid, dass er in spätestens einer halben Stunde wieder zurück sei.

Die modisch gekleidete Frau gefiel ihm. Sie hatte so eine zupackende Art, die für ihre Mitbewohnerin nur gut sein konnte.

„Kennen Sie sich schon lange?“, fragte er, als sie vor ihren Tassen saßen.

Ella nickte und nahm mit dem Löffel ein Häubchen vom Milchschaum auf, den sie sich in den Mund schob.

„Seit der Schulzeit. Wir verstehen uns ohne Worte. Eigentlich sind wir uns so nahe wie Schwestern. Wie Schwestern, die sich mögen“, fügte sie noch hinzu. „Es gibt ja auch solche, die einander hassen.“

Jakob lächelte. Er konnte sich gut vorstellen, dass die beiden Frauen, auch wenn sie recht unterschiedlich waren, gut miteinander zurechtkamen.

„Ich heiße übrigens Ella. Ella Weingart.“ Sie ließ ihn nicht aus den Augen. „Was ist Ihr Fachgebiet?“

„Gynäkologie und Geburtshilfe, wie ich schon sagte.“

„Ja, richtig, dann ist Antonia bei Ihnen ja in den richtigen Händen. Wird das Unglück ihre Schwangerschaft belasten?“

„Ich hoffe nicht, aber genau deswegen hielt ich es für besser, sie die nächsten vierundzwanzig Stunden in der Klinik zu beobachten.“

Jakob leerte seine Tasse, stellte sie zurück und winkte der Kellnerin. Er schien es eilig zu haben. „Zahlen, bitte!“

„Oh, nein“, widersprach Ella und hinderte ihn daran, seine Geldbörse zu öffnen. „Ich habe Sie eingeladen. Sie sind mein Gast. Beim nächsten Mal dürfen Sie sich gern revanchieren.“

„Danke, sehr nett von Ihnen.“ Er lächelte kurz. „Jetzt muss ich aber zurück in die Klinik. Wiedersehen, Frau Weingart.“

„Ella“, sagte sie mit einem treuherzigen Augenaufschlag. „Für Sie Ella. Und bitte vergessen Sie nicht unsere Abmachung. Wenn etwas sein sollte …“

„Keine Sorge!“ Er nickte ihr noch einmal zu, dann eilte er zum Ausgang. Ellas Blick folgte ihm. Auch von hinten sah der Mann unverschämt gut aus. Besonders die Rundungen des kleinen Hinterteils unterhalb seines breiten Ledergürtels nahmen ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch.

Eigentlich hatte sie gar keine Lust mehr, nach Starnberg zu fahren. So traf sie die schnelle Entscheidung, doch in München zu bleiben und Antonia in der Klinik Gesellschaft zu leisten. Dabei würden sich ganz bestimmt gute Gelegenheiten ergeben, wieder mit Jakob Bergmann ins Gespräch zu kommen.

Die Blicke aus seinen braunen Augen, die vielfältigen Regungen in seiner Miene, seine Zunge, die immer wieder zwischen seinen vollen Lippen sichtbar wurde, all das signalisierte ihr unmissverständlich, dass er an ihr genauso interessiert war wie sie an ihm. Und, ganz wichtig, er hatte keinen Ring getragen, weder an der rechten noch an der linken Hand.

Eigentlich hatte sie sich Strategien zurechtgelegt, wie sie Tim, auf den sie schon länger ein Auge geworfen hatte, an diesem Wochenende umgarnen konnte. Dieser Plan war nun hinfällig. In der Berling-Klinik lief unbewacht eine heiße Sahneschnitte männlichen Geschlechts herum, auf die offenbar noch niemand Anspruch erhob. Das sollte sich so schnell wie möglich ändern.

„Sechs Euro vierzig.“ Die Stimme klang ein wenig ungehalten.

Ella kehrte aus ihren Träumen zurück und legte sieben Euro auf den Tisch.

„Stimmt so“, sagte sie gönnerhaft und griff nach ihrem Handy, weil sie Antonia anrufen und sich erkundigen wollte, wie es ihr ging.

Stattdessen gab sie einen überraschten Laut von sich. Das war offensichtlich Dr. Bergmanns Telefon. Er hatte wohl aus Versehen ihres eingesteckt. So was Dummes! Andererseits kam ihr diese Verwechslung gerade recht. Denn nun gab es einen guten Grund, ihn heute noch wiederzusehen.

Beschwingt verließ sie das Lokal.

***

Verwirrt fuhr Antonia im Bett hoch. Wo war sie?

Schneller, als ihr lieb sein konnte, fiel die Erinnerung wie eine Riesenwelle über sie her: Ruperts Unfall, ihre Übelkeit und der plötzliche Bluthochdruck, Fahrt in die Berling-Klinik, in der sie sich jetzt also befand.

Wie hatte sie nach diesem Schockerlebnis überhaupt schlafen können? Sie erinnerte sich sogar an einen Traum, in dem sie gemeinsam mit vielen unbekannten Menschen über eine schmale Brücke ging. Als der Fluss immer bedrohlicher anschwoll, war sie aufgewacht.

Sie schaute an sich herunter und stellte fest, dass sie immer noch vollständig bekleidet war. Langsam richtete sie sich auf. Sollte sie klingeln?

Oder einfach von hier aus zu Rupert gehen? Sie würde sich den Weg zur Intensivstation zeigen lassen und darauf bestehen, ihn zu sehen und eine Weile bei ihm zu sitzen. Niemand durfte ihr dieses Recht verwehren. Auch wenn sie noch nicht verheiratet waren, so war Rupert ihr Mann und der Vater ihres Kindes.

Sie schlüpfte in die flachen Slipper, die jemand ordentlich ans Fußende des Bettes gestellt hatte, und ging ins Bad, um sich frisch zu machen. Antonia fing das Wasser aus dem Hahn mit ihren Händen auf und spitzte es sich ins Gesicht. Anschließend betrachtete sie sich prüfend. Die Haut war immer noch blass, aber wenigstens waren die roten Flecken verschwunden. Antonia füllte das Wasserglas auf und trank. Wir brauchen beide genügend Wasser, sagte sie stumm zu sich, meinst du nicht auch?

Als sie das Zimmer verließ, spähte sie nach beiden Seiten. Weiter hinten auf dem Gang verschwand eine Frau im grünen Kittel hinter einer der Türen, ansonsten war es ruhig.

In etwa wusste sie noch, wie sie von der Intensivstation hierhergekommen war. Und tatsächlich fand sie auf Anhieb den Weg zurück. Vor dem Eingang musste sie klingeln. Ein junger Pfleger öffnete und schaute sie fragend an.

„Ich möchte zu Rupert Mehring“, sagte sie und spürte, dass sie schon wieder ganz zittrig wurde.

„Sind Sie eine Verwandte?“

„Seine Verlobte. Mein Name ist Antonia Eggers.“

Der mitfühlende Blick des Pflegers entging ihr nicht.

„Kommen Sie!“ Er ging voran, sie folgte ihm. „Warten Sie bitte einen Moment!“

Er verschwand kurz und kam mit einem Stuhl zurück, den er an die Bettseite stellte.

„Kann er mich hören?“, erkundigte Antonia sich zaghaft.

„Das weiß ich nicht. Das weiß niemand. Sprechen Sie trotzdem mit ihm! Erzählen Sie ihm eine Geschichte!“

Dankbar setzte sie sich und nahm sich nun alle Zeit der Welt, den geliebten Mann zu betrachten. Nun erst fielen ihr die vielen Prellungen auf, mit denen sein Körper bedeckt war. Kleine und große Hämatome an den Schultern, Armen und Händen, ebenfalls unzählige Schrammen und Kratzer. Einige davon waren versorgt worden, andere würden von allein heilen.

Sie bewegte einen einzelnen Finger seiner rechten Hand und hielt sie dann alle fest.

„Du hast mir einen riesigen Schrecken eingejagt“, sagte sie leise. „Es sieht so aus, als hätte ich den Kuchen umsonst gebacken. Aber das ist nicht weiter schlimm. Bitte, werde bald wieder gesund! Du fehlst mir. Schade, dass wir jetzt die Wohnungen nicht anschauen können. Aber vielleicht hätten sie uns ohnehin nicht gefallen. Wir werden andere besichtigen.“

Antonia legte eine Pause ein und konzentrierte sich ganz auf den Kontakt mit seiner Hand. Hatte sie eben einen leichten Druck verspürt? Sie war sich nicht sicher.

Nach einer Weile stand sie auf und legte seine warme Hand auf ihren Bauch.

„Das Kind bewegt sich gerade. Spürst du es?“

Gebannt beobachtete sie sein Gesicht. Bewegten sich die Augen unter den Lidern? Sie konnte es kaum erwarte, dass er sie wieder anschaute.

„Rupert“, flüsterte sie. „Ich bin da, hier bei dir. Gib mir ein Zeichen, dass du es spürst, bitte! Nur ein ganz kleines! Damit ich weiß, dass du mich hörst.“

Der Patient bewegte sich nicht. Nur die Monitore sangen ihr eintöniges Lied.

Nach einer Weile sank sie auf den Stuhl zurück. Die Hoffnung, dass er ihre Anwesenheit spüren möge, hatte bei ihr erneut für Anspannung gesorgt. Jetzt breitete sich Enttäuschung in ihr aus. Und sogar leichter Ärger darüber, dass es ihr einfach nicht gelang, zu ihm durchzudringen.

Sie strich über seinen behaarten Arm. Und wenn sie ihn einfach wach küsste, wie es der Prinz im Märchen bei Dornröschen getan hatte? Aber dazu musste sie die Atemmaske entfernen. Das wagte sie nicht.

Ein sanfter Druck auf ihre Schulter ließ sie zusammenzucken. Der Pfleger stand neben ihr.

„Chefarzt Dr. Holl möchte mit Ihnen sprechen, Frau Eggers. Er wartet draußen.“

Nur zögernd folgte sie der Bitte. „Ich komme bald wieder zurück“, flüsterte sie Rupert zu und wandte sich ab.

***

„Grüß Gott, Frau Eggers. Ich bin Chefarzt Holl. Wir müssen uns unterhalten.“ Stefan Holl bedachte die junge Frau mit freundlichen Blicken.

„Wann wird Rupert aus dem Koma erwachen?“ Ängstlich musterte sie die Miene des Arztes.

„Erst dann, wenn wir die Narkose aufheben. Dazu ist es noch zu früh. Ich möchte Ihnen ein paar Fragen stellen, die für uns wichtig sind.“ Dr. Holl neigte sich zu ihr. „Bitte klären Sie mich auf! Sie sind die Lebensgefährtin von Herrn Mehring, ist das richtig?“

„Ja, das stimmt.“

„Vor Kurzem ist die Familie des Patienten eingetroffen“, sagte Dr. Holl.

„Seine Eltern?“

Der Klinikchef zuckte nur kurz mit der linken Augenbraue. „Ja, die auch. Die Angehörigen möchten den Patienten in ihrer Nähe haben, das heißt, sie wollen ihn in ein Krankenhaus nach Mainz verlegen lassen.“

Antonia fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Ihr Mund war ganz trocken. „Aber dazu haben sie kein Recht!“, erwiderte sie mit wachsender Verzweiflung. „Oder doch? Rupert gehört hierher, zu mir und seinem Kind.“

Dr. Holl räusperte sich. „Wie lange kennen Sie sich schon?“

Die Antwort kam schnell. „Letzte Woche vor einem Jahr sind wir uns begegnet. Jetzt sind wir auf Wohnungssuche in München. Und wir werden heiraten …“ Antonia musste husten. „Kann ich etwas zu trinken haben?“

Dr. Holl ging zum Schwesternzimmer hinüber. Dort befand sich ein Tisch mit vollen Wasserkaraffen. Er füllte ein Glas und reichte es der werdenden Mutter. Vom Kollegen Bergmann wusste er, dass sie schon vor lauter Stress und Schwäche zusammengeklappt war.

Antonia trank durstig.

„Geht es wieder? Kommen Sie, setzen wir uns doch dort drüben hin!“ Er wies auf die Besucherecke, in der ein paar gepolsterte Stühle zum Verweilen einluden. „Was wissen Sie von Ihrem Verlobten?“

Ein trauriges Lächeln stahl sich in ihre Mundwinkel. „Ich weiß schon, worauf Sie hinauswollen, Dr. Holl. Aber Rupert hat mich nicht belogen. Ja, er ist verlobt. Das hat er mir gleich zu Beginn gestanden. Und nun ist er dabei, diese Verbindung zu lösen.“

Der Chefarzt nahm einen tiefen Atemzug. „Verlobt?“, hakte er noch einmal nach.

Sie nickte nervös.

„Nun, die Familie behauptet etwas anderes. Sie sagen, dass der Patient schon seit drei Jahren verheiratet ist. Die Ehefrau ist ebenfalls mitgekommen. Ich habe mir ihren Ausweis zeigen lassen. Sie heißt auch Mehring. Katja Mehring.“

Antonia kamen ein paar unkontrollierte Laute über die Lippen. „Das ist unmöglich! Ja, sie heißt Katja, aber verheiratet sind sie nicht. Das kann nicht sein! Er hätte es mir gesagt. Rupert ist kein Lügner.“ Unvermittelt brach sie ab und starrte ungläubig auf das Glas in ihrer Hand. „Oder doch?“

Dr. Holl empfand tiefes Mitleid mit der völlig verunsicherten Frau. „Fühlen Sie sich imstande, mit der Familie zu sprechen?“

„Ich werde es versuchen.“ Mehrmals schüttelte sie heftig den Kopf, als müsste sie sich selbst überzeugen. „Er ist nicht verheiratet.“

Sie standen auf. Vorsichtshalber griff er unter ihren Arm. Antonia ließ sich willenlos führen. Vor einer weißen Tür hielt Dr. Holl an.

„Ich bin an Ihrer Seite“, sagte er, dann traten sie ein.

Auf dem runden Tisch im Raum stand ein bunter Blumenstrauß, um den ein paar Zeitschriften drapiert waren. Auf den Stühlen saßen ein Mann und zwei Frauen. Der Mann stand auf.

„Ist sie das?“, fragte er an Dr. Holl gewandt, als wäre Antonia gar nicht anwesend.

Der Chefarzt nickte knapp.

„Wer sind Sie?“, wollte jetzt die grauhaarige Frau wissen, die sich zu dem Mann gesellte. „Was haben Sie mit unserem Sohn zu tun?“

Antonia gab sich Mühe, ihre Stimme nicht allzu kratzig klingen zu lassen, als sie erst einmal ihren Namen nannte.

„Rupert und ich sind ein Paar. Seit einem Jahr. Ich bekomme sein Kind.“

Die jüngere Frau, die sich bis jetzt darauf beschränkt hatte, Antonia anzustarren, sprang auf und machte ein paar rasche Schritte auf sie zu. Es sah so aus, als wollte sie sich auf Antonia stürzen. Vorsichtshalber trat Dr. Holl dazwischen.

„Ruperts Kind? Ihre Behauptung ist ungeheuerlich! Und ich glaube sie nicht. Rupert wollte nie Kinder …“

„So beruhige dich doch, Katja!“ Die Ältere wandte sich der Jüngeren zu und legte einen Arm um sie. „Der schlimme Unfall macht uns so schon Kummer genug. Es wird sich alles klären.“

Dann wandte sie sich an Antonia. „Die Worte meiner Schwiegertochter kann ich nur bestätigen. Rupert war an Kindern nicht interessiert. Für uns ist es ziemlich abwegig, dass er der Vater sein soll.“

„Sie brauchen ihn ja nur zu fragen, wenn er wieder aufgewacht ist.“

Auch Antonia wurde jetzt laut. Sie fand es einfach unverschämt, wie diese Leute sie behandelten. „Und im Übrigen weiß ich nichts von einer Ehefrau. Rupert hat mir immer nur gesagt, dass Sie als seine Verlobte wie eine Klette an ihm hängen und sich immer neue Krankheiten ausdenken, nur weil er die Trennung will.“

„Hast du das gehört, Mutter?“

Die Person, die behauptete, Ruperts Frau zu sein, stieß ein höhnisches Lachen aus. In ihren Mundwinkeln nisteten weiße Schaumflöckchen. Mit erhobenen Händen näherte sie sich der Rivalin. Es sah aus, als wollte sie auf die andere einschlagen. Wieder musste Dr. Holl eingreifen.

„Bitte, Frau Mehring, Handgreiflichkeiten dulde ich in diesem Haus nicht. Wir sind doch zivilisierte Menschen und sollten uns auch so benehmen.“

„Wenn Rupert aufwacht, wird er alles aufklären. Er würde sich nie von mir trennen. Er liebt mich. Und ich liebe ihn. Unsere Ehe ist glücklich. Das können ihnen all unsere Verwandten und Freunde bestätigen, nicht wahr, Mutter?“

Ilse Mehring nickte heftig zu jeder Silbe, die ihre Schwiegertochter hervorschleuderte, während sich Ruperts Vater in Schweigen hüllte.

„Sie können jetzt zu ihm“, sagte Dr. Holl, dem es nur noch darauf ankam, die peinliche Situation zu beenden. „Aber bitte nacheinander, nicht alle auf einmal. Schwester Karin wird Sie zur Intensivstation bringen.“

„Wir werden unseren Sohn mitnehmen. Die Betreuung hier scheint mir nicht optimal zu sein“, teilte Alfons Mehring mit, bevor er hinter seinen Damen den Raum verließ.

„Ich sagte Ihnen doch schon, dass Ihr Sohn nicht transportfähig ist“, erklärte Stefan Holl mit kühler Sachlichkeit. „Er befindet sich in akuter Lebensgefahr, sein Kreislauf wird nur von den Geräten in Gang gehalten.“

„Sie können mir viel erzählen. Wir werden selbstverständlich eine zweite Meinung einholen. Es ist unser Sohn. Wir wollen ihn in unserer Nähe haben.“

Dr. Holl erwiderte darauf nichts. Diese verbohrten Menschen sperrten sich gegen alle guten Argumente. Er und seine Kollegen würden sich ja strafbar machen, wenn sie zum jetzigen Zeitpunkt einem Transport zustimmten, aber er verzichtete im Moment darauf, dem Vater eine Belehrung zu erteilen. Er hielt dem Mann zugute, dass er sich in großer Sorge um seinen Sohn befand.

Hinter sich hörte er die werdende Mutter schluchzen. Er wandte sich um und griff begütigend nach ihrem Arm. „Ich bringe Sie in Ihr Zimmer zurück. Und ich halte es für gut, wenn Sie mit jemandem reden würden. Ich schicke ich Ihnen unsere Psychologin. Ein Gespräch wird Ihnen guttun.“

„Bitte, lassen Sie nicht zu, dass sie Rupert mit nach Mainz nehmen!“

„Davon kann überhaupt keine Rede sein“, erwiderte Dr. Holl. „Der Patient bleibt hier, bis sich sein Zustand gebessert hat. Darauf können Sie sich verlassen.“

Zum Glück wollte sie jetzt nicht wissen, wann das sein würde. Denn eine solche Frage hätte Dr. Holl in große Verlegenheit gebracht.

***

Obwohl die Pflegerin es eilig hatte, verstellte Ella ihr mit einem charmanten Lächeln den Weg. „Wo finde ich Dr. Bergmann?“

„Ich glaube, er ist nach Hause gegangen.“

„Wissen Sie, wo er wohnt?“

Schwester Karin kniff die Augen zusammen. „Ja“, sagte sie.

War die Krankenschwester schwer von Begriff, oder tat sie nur so? Ella unterdrückte ein Aufstöhnen. „Würden Sie vielleicht so freundlich sein, mir seine Anschrift zu verraten?“

„Nein.“ Die Antwort wurde von einem angedeuteten Kopfschütteln begleitet. „Wir geben die Adressen unserer Mitarbeiter nicht bekannt.“

„Das sollten Sie in diesem Fall aber.“ Obwohl sie nach wie vor höflich blieb, schwang in ihrem Tonfall so etwas wie Überheblichkeit mit. „Denn ich bin sicher, Dr. Bergmann braucht das hier dringend.“ Sie zog das Handy aus ihrer Jackentasche und wedelte damit vor Karins Gesicht herum.

„Wir waren vorhin zusammen essen. Dort im Lokal hat er es liegen gelassen. Ich denke nicht, dass er als Arzt länger darauf verzichten kann.“

„Geben Sie es mir, ich werde …“

„Nein, dafür bin ich verantwortlich. Denn im Gegenzug hat er meins. Es gab eine kleine Verwechslung, verstehen Sie. Es tut mir wirklich leid, Sie zu belästigen, aber könnten Sie sich ein wenig beeilen? Ich habe nämlich heute noch einen wichtigen Termin.“

Mit tiefer Befriedigung bemerkte Ella, dass die Pflegerin endlich spurte. Sie verschwand im Schwesternzimmer und kam Sekunden später mit einem Zettel zurück.

„Schubertstraße zwölf“, sagte sie. „Ich hab’s hier aufgeschrieben.“

„Danke, aber das hätte ich mir auch merken können. Sagen Sie, ist Frau Eggers noch auf der Station? Ich bin ihre Freundin. Wir wohnen zusammen.“

„Soviel ich weiß, ist gerade unsere Psychologin bei ihr.“

„Dann ist sie ja in guten Händen. Ich komme morgen Vormittag wieder vorbei.“

Unten vor dem Haupteingang warteten zwei Taxis. Sie überlegte, ob sie zuerst nach Hause fahren und etwas anderes anziehen sollte, doch sie entschied sich anders und nannte dem Fahrer die Adresse. Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist, ging es ihr durch den Kopf.

Dr. Bergmann wohnte in Nymphenburg. Eine ziemlich feine Gegend. Ella war schon wahnsinnig aufgeregt, ihn so schnell wiederzusehen. An das Fest am Starnberger See, das nun ohne sie stattfinden würde, verschwendete sie keinen Gedanken mehr.

Zwanzig Minuten später erreichten sie ihr Ziel. „Schubertstraße zwölf. Macht genau neunzehn Euro.“

Sie gab ihm zwanzig und stieg aus. Das große Haus war nicht neu, wirkte aber sehr gepflegt. Auf den Fensterbänken im Erdgeschoss standen Blumenkästen. Der Balkon im ersten Stockwerk nahm die gesamte vordere Hausseite ein. Auch dort standen Pflanzen.

Ob er hier allein wohnte? Sie trat etwas näher. Auf dem Schild stand schlicht Bergmann, sonst keine Namenszusätze. Bevor sie leise Zweifel befielen, ob ihr spontaner Besuch bei ihm vielleicht doch etwas zu voreilig sein könnte, drückte sie die Klingel und lauschte dem Dreiklang.

Nach einer Weile waren Schritte zu hören. Die Tür wurde geöffnet. Ella schaute in seine erstaunte Miene.

„Nanu, Frau …“ Er hatte ihren Nachnamen nicht gleich präsent.

„Ella genügt“, erwiderte sie augenzwinkernd. „Ich bin gekommen, um Ihnen etwas Wichtiges zu bringen.“

Seine Brauen runzelten sich fragend, dann schien ihm einzufallen, dass etwas mehr Höflichkeit vielleicht von Vorteil wäre. „Kommen Sie herein!“

Sie trat ein. Der erste Schritt in sein Privatleben war getan. Von nirgendwo hörte sie ein Geräusch von möglichen Mitbewohnern. „Haben Sie noch nichts bemerkt?“

„Was meinen Sie?“

„Sie haben mein Handy mitgenommen. Mir ist’s erst aufgefallen, als Sie schon weg waren. In der Klinik habe ich Sie dann leider auch nicht mehr angetroffen. Darum habe ich mich in ein Taxi gesetzt und bin jetzt hier.“

„Ach, du lieber Himmel!“, brach es aus ihm heraus. „Wo hatte ich bloß meinen Kopf? Und jetzt habe ich Ihnen auch noch Kosten und Unannehmlichkeiten verursacht. Das tut mir sehr leid. Selbstverständlich werde ich ihnen das Taxi bezahlen, auch die Fahrt zurück in Ihre Wohnung, also wirklich! Sie müssen mich ja für eine echte Schlafmütze halten. So was ist mir noch nie passiert.“

Hatte ihn ihre Gegenwart so sehr verwirrt? Ella war geneigt, das zu glauben.

„Aber jetzt möchte ich Ihnen erst mal eine Erfrischung anbieten? Was darf es denn sein? Kaffee? Wasser? Wein?“

„Also, gegen ein Gläschen Wein hätte ich nichts einzuwenden“, erwiderte Ella. „Aber nur, wenn Sie auch eins trinken.“

„Kommt sofort. Möchten Sie drinnen sitzen? Oder draußen auf der Terrasse? Der Abend ist mild …“

„Draußen.“

Er zeigte ihr den Weg hinaus. Die geräumige Terrasse war mit dekorativen Holzmöbeln bestückt. Dahinter erstreckte sich ein wunderschöner Garten. Pflegte er ihn selbst, oder erledigte das ein Gärtner?

„Bitte, nehmen Sie die Kissen, so sitzt es sich weicher! Ich bin gleich wieder da.“

Ella nutzte die Zeit, sich umzuschauen. Sie ging in den Wohnraum zurück, der an die Terrasse anschloss. An einer Wand befand sich ein großes Bücherregal, darin integriert waren ein Fernseher und eine Musikanlage. Gegenüber hingen ein paar moderne Gemälde. Die übrige Einrichtung bestand aus einem Tisch und Polstermöbeln von zeitloser Eleganz.

Sie hörte irgendwo Geschirr klappern. Das musste aus der Küche kommen. Aber da er sie um Himmels willen nicht für neugierig halten sollte, ging sie brav auf die Terrasse zurück und ließ sich auf einem der Sitzkissen nieder.

Ja, hier ließ es sich gut wohnen. Zwischen den Nachbarn rechts und links war der Abstand groß genug, dass es gewiss kaum zu Störungen kam.

Endlich hörte sie Schritte hinter sich. Jakob balancierte ein Tablett herbei, auf dem sich eine Flasche Weißwein im Eiskübel befand. Außerdem hatte er ein paar Häppchen mit Salami und Käse hergerichtet.

Ella lächelte gerührt. „Woher wissen Sie, dass ich den ganzen Tag kaum etwas gegessen habe?“

„Ich kann es mir denken, bei der Aufregung um Antonia Eggers“, erklärte er trocken.

„Eine Psychologin kümmert sich um sie. Das wird auch das Beste sein. Solche Leute wissen ja am besten, wie man mit Menschen umgeht, die etwas Schreckliches erlebt haben.“ Um dem Thema „Antonia“ jetzt nicht allzu viel Raum zu geben, wies Ella auf den Garten. „Sie haben hier ja ein richtiges Paradies! Halten Sie das alles selber in Ordnung?“

„Nach einem stressigen Tag kann ich mich sehr gut bei der Gartenarbeit entspannen.“ Jakob goss die Gläser voll und schob seiner Besucherin den Schnittchen-Teller zu. „Bedienen Sie sich! Haben Sie noch mal mit Frau Eggers gesprochen?“

„Nein, ich bin nicht mehr zu ihr reingegangen, weil ich nicht stören wollte.“ Sie angelte sich eine Baguette-Scheibe mit Salami.

„Ich werde später noch mal mit Dr. Holl telefonieren. Er wird mir sicher Genaueres sagen können.“ Er hob sein Glas. „Noch mal vielen Dank, dass Sie mir das Handy gebracht haben. Ich hätte es sicher bald vermisst.“

Sie tranken. Der Weißwein war gut. Ella fühlte sich, als wäre sie unversehens im siebten Himmel gelandet. Vor ihr saß der Märchenprinz persönlich. Und seiner Zurückhaltung würde sie zu gegebener Zeit schon ordentlich nachhelfen. Sie hatte keine Probleme damit, einem Mann zu sagen, dass er ihr gefiel. Man musste nur den richtigen Zeitpunkt abwarten.

„Es ist sehr schön hier bei Ihnen“, landete sie ihr erstes Kompliment. „Wohnen Sie schon lange hier?“

„Es ist das Haus meiner Eltern“, klärte er sie auf. „Eigentlich ist es für eine Person viel zu groß. So ein Haus braucht ja auch viel Pflege. Es muss regelmäßig geputzt werden, und das ist ein Problem für mich. Wenn ich mal Zeit habe, verbringe ich die lieber mit Gartenarbeit.“ Er seufzte bekümmert. „Leider ist meine Putzfrau weggezogen, und noch habe ich keine neue gefunden. Allerdings habe ich mich auch noch nicht wirklich bemüht.“

Bei Ella klingelten alle Glocken. „Ich könnte Ihnen aushelfen“, schlug sie spontan vor. „Jedenfalls so lange, bis Sie jemanden gefunden haben.“

Jakob schaute sie erstaunt an. Zunächst wusste er nicht, was er sagen sollte. „Aber Sie werden doch beruflich genug zu tun haben …“

„Ein-, zweimal die Woche könnte ich schon abends für ein paar Stunden kommen.“

„Also, ich …“

„Sie brauchen jetzt ja noch keine Entscheidung zu reffen. Denken Sie darüber nach und sagen Sie mir dann Bescheid. Meine Telefonnummer haben Sie ja.“

Sie ließ einen tiefen Blick in seine Augen folgen.

„Ich besitze eine kleine Modeboutique“, fuhr sie in heiterem Erzählton fort. „Viel bringt sie leider nicht ein. Die Konkurrenz der großen Modeketten wird ja immer größer. Das macht einer kleinen Unternehmerin wie mir schwer zu schaffen. Irgendwann werde ich aufgeben müssen. Antonia hilft manchmal bei mir aus. Aber jetzt mit ihrer Schwangerschaft und der privaten Katastrophe wird sie mir wohl nicht mehr viel helfen können.“ Ella griff nach ihrem Glas und trank den Rest aus.

„Noch einen Schluck?“ Jakob hielt die Flasche schon in der Hand.

Ihr Gesicht war von einer sanften Röte überzogen, die Augen leuchteten. „Gern.“

Jakob biss von einem Käse-Brot ab.

Ella nutzte die Gelegenheit, noch ein wenig von sich zu erzählen. Dass sie ursprünglich Büro-Kauffrau gelernt, dann aber von ihrer Tante den kleinen Mode-Laden übernommen hatte.

Bald war die Flasche leer, aber Jakob machte keine Anstalten, eine zweite zu holen. Mit einem bedauernden Lächeln erklärte er, dass er am nächsten Morgen ziemlich früh aus dem Haus müsse.

Obwohl sie das meiste vom Wein getrunken hatte, ging Ella sofort auf seinen dezenten Hinweis ein. „Ich hab Sie schon viel zu lange aufgehalten!“, rief sie aus. „Wie unsensibel von mir! Aber wegen der heutigen Ereignisse war ich natürlich auch ziemlich geschockt. Danke, dass ich mich bei Ihnen ein wenig erholen durfte.“

„Ich bitte Sie! Sie waren so nett, mir mein Handy nachzutragen. Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar. Ich rufe Ihnen jetzt ein Taxi.“

Damit war sie vorerst entlassen. Macht nichts, sagte sie sich. Rom ist auch nicht an einem Tag erbaut worden.

„Wir bleiben in Verbindung“, sagte sie beim Abschied. „Wegen Antonia. Auf Wiedersehen.“

„Kommen Sie gut nach Hause, Ella!“

Schade, dass sie ihr Vorhaben nicht gleich in der ersten Nacht verwirklichen konnte, aber dieser Dr. Jakob Bergmann schien nicht zu den Draufgängern zu gehören. Was ja nicht schlecht war, denn von denen kannte sie schon genug. Und auf viele Erfahrungen hätte sie verzichten können.

Jakob zählte eher zu den Nachdenklichen. So jemanden an ihrer Seite zu haben, vielleicht sogar für immer, wäre die Erfüllung all ihrer Träume. Und dann in diesem Haus zu wohnen – konnte es eine Frau besser treffen?

Mein lieber Jakob, du weißt noch nicht, was dir blüht, dachte sie. Aber ich bin sicher, es wird dir gefallen.

***

Als Antonia am Morgen in der Berling-Klinik erwachte, waren die katastrophalen Ereignisse sofort wieder präsent. Noch nie in ihrem bisherigen Leben hatte sie in so viele schwarze Löcher gleichzeitig geblickt.

Aber sie erinnerte sich auch an das Gespräch mit der Psychologin, das ihr ein wenig Ruhe vermittelt hatte. Dr. Rosa Spengler versuchte, ihr etwas von dem Schrecken zu nehmen, der sie in diesem lähmenden Zustand gefangen hielt. Denn sie musste ja nicht nur mit dem schlimmen Unfall des geliebten Mannes fertigwerden, sondern auch die Tatsache akzeptieren, dass er ihr wichtige Dinge aus seinem Leben verheimlicht hatte.

Die werdende Mutter schloss die Augen wieder, doch auch dann tauchten die Bilder des gestrigen Tages wieder auf. Der verletzte Rupert, zu dem sie nicht durchdrang. Die feindselige Ablehnung seiner Eltern und die wütenden Anschuldigungen der Frau, die behauptete, längst mit ihm verheiratet zu sein. Noch jetzt fühlte sich Antonia, als wäre sie mit Schlamm beworfen worden.

Ein kurzes Klopfen an der Tür ließ sie hochschrecken. Eine junge Pflegerin wünschte ihr einen guten Morgen und stellte ein beladenes Frühstückstablett auf den Tisch am Fenster.

Nur mühsam erhob sich Antonia von ihrem Lager. Von gestern auf heute fühlte sie sich um viele Jahre gealtert. Der stete, ruhige Fluss ihres Lebens war zu einem reißenden Wasserfall angeschwollen, der ohne Rücksicht auf Verluste alles, was ihr etwas bedeutet hatte, mit sich in die Tiefe zog.

Antonia betrachtete desinteressiert das Tablett. Eine Kanne mit Tee, goldbraune Semmeln, Butter, Konfitüre und ein paar Scheiben Käse. Etwas länger weilte ihr Blick auf dem roten Apfel, doch auch das Obst löste keinen Appetit bei ihr aus.

Natürlich wusste sie, dass sie schon allein wegen ihres Kindes essen musste. Fasten und Schwangerschaft vertrugen sich nicht miteinander. Aber im Augenblick ging es noch nicht. Obwohl sie seit dem vergangenen Abend nichts gegessen hatte, war ihr Magen für die Nahrungsaufnahme nicht bereit.

So goss sie sich nur Tee ein und trank ihn in kleinen Schlucken.

Als Dr. Holl wenig später zu ihr kam, war die Tasse leer. Er begrüßte sie mit einem warmherzigen Lächeln und deutete auf das Tablett. „Sie haben keinen Hunger, wie ich sehe. Aber vielleicht kommt der später noch. Konnten Sie wenigstens ein paar Stunden schlafen?“

Sie nickte. „Zwischendurch bin ich immer wieder aufgewacht. Dann gingen mir die schrecklichen Ereignisse im Kopf herum. Fassen kann ich das alles immer noch nicht.“ Sie suchte seinen Blick. „Wie geht es Rupert?“

„Sein Zustand ist unverändert.“

„Ist das gut oder schlecht?“ Ließ sich in der Miene des Chefarztes ein winziges Zeichen der Zuversicht zu entdecken?

„Das lässt sich so nicht sagen“, erwiderte Stefan Holl behutsam. „Die Vitalfunktionen sind erhalten. Wenn es noch zwei Tage so bleibt, werden wir ihn aus dem Tiefschlaf zurückholen und überprüfen, ob er selbstständig atmen kann.“

„Bestehen seine Eltern immer noch auf dem Transport nach Mainz?“

„Darüber wurde nicht mehr gesprochen.“ Stefan räusperte sich. „Aber ich habe ein Fax bekommen, eine Heiratsurkunde als Bestätigung für das, was seine Frau und die Eltern sagten.“

Antonia schloss die Augen und ließ sich auf das Bett zurücksinken.

„Sie müssen sich damit abfinden, dass der Vater Ihres Kindes bereits verheiratet ist. Seit drei Jahren. Auch die Zeitangabe stimmt.“

„Er hat mich belogen“, stieß Antonia fassungslos hervor. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Das Wunder, auf das sie gehofft hatte, war also nicht eingetreten. Diese Leute sagten die Wahrheit. Und sie kam sich jetzt vor wie eine, die gewaltsam in eine intakte Ehe eingedrungen war.

„Urteilen Sie nicht vorschnell!“, nahm Stefan den Patienten in Schutz. „Sie wissen ja nichts über die Gründe für sein Verhalten. Und er kann sich nicht rechtfertigen. Warten wir doch einfach die Entwicklung ab! Vielleicht hat er mit seiner Ehefrau schon über eine Scheidung gesprochen. Vielleicht weiß sie, dass ihre Beziehung längst zerstört ist.“

„Warum hat er nicht einfach die Wahrheit gesagt? Ich hätte ihn verstanden.“

„Alle Mutmaßungen bringen jetzt nichts. Versuchen Sie, geduldig zu sein, auch wenn es Ihnen schwerfällt.“

„Ich will wieder nach Hause.“ Plötzlich richtete sich Antonias Verzweiflung gegen den Chefarzt. „Sie können mich hier nicht festhalten.“