Die Bestie Alpha - Ahmad Ataya - E-Book
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Die Bestie Alpha E-Book

Ahmad Ataya

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Beschreibung

Global agierende Cyberkriminelle, die auf Datendiebstahl und Cloudhacks spezialisiert sind, hinterlassen eine breite Blutspur in der realen Welt. Ein als Mönch getarnter Ermittler wird in Kairo erschossen, 24 Stunden später sterben in Saarbrücken ein Polizeispitzel und der Direktor der Kriminalpolizei. Der Kopf der Computerhacker sitzt bereits in Haft, doch er scheint einen Weg gefunden zu haben, aus dem Hochsicherheitstrakt heraus die Fäden zu ziehen. Ein ganz großer IT-Raubzug steht bevor.

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Seitenzahl: 439

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Ähnliche


Ahmad Ataya

Die Bestie Alpha

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

I. Offene Kriegserklärung

II. Luzifers Plan

III. Im Hades

IV. System „Maultier“ und „Maulwurf“

V. Die Entführung

VI. Ende eines Bühnenstücks

VII. Die Perlenkette

VIII. Am Roulettetisch

IX. Erlesene Gesellschaft

X. Höllenfahrt

Impressum neobooks

I. Offene Kriegserklärung

Die Bestie Alpha

Ein Thriller

1.

Lust am Morden, wie eine Bestie zu wüten, das wollte sie nicht. Aber es war unumkehrbar. Sie war bei Gott keine Mörderin, aber sie musste handeln; nicht als verbissene Fanatikerin, schon gar nicht als Handlanger einer höheren Macht. Ein Leben auszulöschen, auf Geheiß, das war eigentlich ihr Ding nicht. Aber heute hatte sie dafür zu sorgen. Sie hatte auf sich genommen, sich zu wehren, gegen die drohende Vernichtung der Menschen, die ihr am meisten bedeuteten. Sie musste sie beschützen, koste, was es wolle. Und wenn sie es heute nicht zu Ende bringen würde, könnte es ein anderer tun, heute oder morgen. Für sein Tun musste jeder einen Preis zahlen. Für ihn war heute Zahltag.

Sie kannte die dumpfen Pulsschläge in solchen Situationen zu Genüge. Jetzt hämmerten sie unerträglich gegen ihre Schläfen und taten ihr weh, in den Stirnhöhlen, in den Ohren, in den Augen. Schmerz in allen Knochenknorbeln, in allen Muskelknoten. Das Licht blendete sie dazu. Von der schweren Kuppel der koptischen Markuskathedrale von Kairo konnte sie nur Konturen erkennen, als schwebte da oben im Raum ein filigraner Bogen aus Staub und Sonnenflecken. Sie stand auf der Balustrade der Kirche und konnte kaum etwas sehen.

Wie alle Gläubigen hatte sie die meiste Zeit zu stehen. Dicht schlossen sich die Reihen aneinander. Ihr war nicht möglich sich etwas zu rühren, um wenigstens ein kleines Stück aus der gleißenden Sonne zu rücken. Vom koptischen Gottesdienst verstand sie kaum etwas. Endlich durften sich die Messebesucher setzen. Beharrlich wehrte sie jeden Versuch ab, mit ihr ein Gespräch anzufangen. So charmant sich die elegante alte Ägypterin links neben ihr auch darum bemühte. Zunächst sprach die koptische Christin sie auf Englisch an, dann auf Französisch, sogar auf Arabisch, und nach einer kurzen Pause, auch auf Italienisch. Es half nicht weiter. Mit demonstrativen Gesten machte sie der Ägypterin deutlich, dass sie kein Interesse daran hatte, mit ihr auch nur ein Wort zu wechseln. Hat man ihr eine verdeckte Aufpasserin nachgeschickt? Vielleicht. Und wenn schon. Sie wollte, sie werde das schon schaffen. Die Gläubigen bekreuzigten sich. Der Gottesdienst ging zu Ende. Rechts und links um sie herum, standen sie nach und nach auf. Sie bekreuzigten sich ein letztes Mal. Ohne Hast stiegen sie die schmalen Steinstufen an beiden Seiten des Kirchenschiffes herunter. Auch die feine alte Ägypterin verließ ihren Platz auf der Balustrade. Doch keine Aufpasserin? Endlich leerte sich die Kathedrale. Mit geschlossenen Augen lauschte sie dem Geklapper der Absätze. Angelehnt an die niedrige Mauer vor ihr stand ihr Stock, als hätte ihn jemand dort vergessen.

Sie rieb sich Nacken und Stirn. Blonde Haarsträhne hingen ihr ins Gesicht. Klebrig und ungeordnet. Sie schob sie hastig zurück unter das schwarze Tuch.

Während der letzten Wochen hatte sich eine Schwelle in ihr aufgetürmt. Jeden Tag ein Stück höher. Seit dem Betreten der Markuskathedrale war ihr bewusst gewesen, dass sie gerade diese Barriere im Innern zu überwinden hatte. Dafür musste sie sich in eine Ekstase hineinsteigern. Und dafür sorgte der Schmerz ihrer seelischen Wunden. Das hatte ihr ihr Therapeut schon vor Jahren eingebläut. Um r o t zu sehen und sich durchzusetzen, bräuchte sie merkwürdigerweise keinen Hass, keine Angst, sondern Wut und Jähzorn, hatte er ihr gesagt. Sie hatte das schon einmal durchgemacht. Es war ihre Feuertaufe gewesen. Damals war sie gejagt worden. Jetzt war sie die Jägerin – aus eigenem Antrieb.

In ihren Schläfen pochte es nun heftiger. Schmerzensstiche überall, gegen die Schädeldecke, in den Stirnhöhlen, in der linken Leiste, in der linken Hüfte und im linken Schienbein.

Um durchzustehen, was ihr bevorstand, brauchte sie dringender denn je den Jähzorn. Sie bräuchte diese Ekstase, und dennoch keine Bestie zu sein. Sie überprüfte ihre Hände. Kein Zittern. Sie schaute zur Kuppel hoch. Von deren Verzierungen hinter dem Bogen aus Staub und Sonnenflecken war immer noch nichts zu sehen. Ihr war heiß unter dem Kopftuch. Schweißtropfen rannten ihr über die Wimpern, herunter auf die Wange. Mit säuerlicher Miene wischte sie sie ab.

Von weitem drangen Stadtgeräusche durch die dicken Mauern zu ihr herüber. Unter ihr schlenderten Kirchendiener zwischen den leeren Holzbänken hin und her, sahen gelangweilt nach, ob jemand etwas vergessen hatte. An manchen Stellen wurden sie fündig: hier ein Taschentuch, da eine Geldbörse, hier ein Sonnenhut, da eine Haarspange.

Nach einer Weile verschwanden sie. Unmittelbar unter ihr tauchte ein Schatten auf. Sie lehnte sich über die Balustrade vor, um nachzusehen. Ein Priester fegte den Boden. Sie erkannte ihn sofort wieder. Ein gutaussehender Mann, Anfang 50 in schwarzer Kutte und mit einem übergroßen koptischen Kreuz an einer Kette aus versilberten Zinnkugeln und Bernsteinperlen. Wie schon bei ihrem letzten Besuch war er wieder an der Reihe, die Kathedrale vom Staub der Stadt zu befreien. Er hatte die Kragenknöpfe seines Gewandes geöffnet. Mit dem Ärmel wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Sie raffte sich auf. Auf ihren Stock gestützt, das linke Bein nachziehend, stieg sie die Steintreppe hinab. Er würdigte sie keines Blickes.

Der Stadtlärm wurde lauter. Sie näherte sich dem Priester und grinste ihn an. Ein Mondgesicht mit vergilbten Zähnen. Kein schöner Anblick. Ein grausiger Erzengel. Als er sie endlich bemerkte, blieb er wie gelähmt stehen. Seine Hand gleitete über sein Kreuz. In diesem Moment ließ sie ihren Gehstock auf den Steinboden fallen. Der Widerhall zerriss die Stille in den heiligen Gemäuern, und seine Echowellen füllten den Sakralbau bis zur Kuppel. Sekundenschnell zog sie selbstsicher eine Glock 39 mit aufgesetztem Schalldämpfer aus ihrer Tasche heraus. Sie schoss. Ein zweiter Schuss, ein dritter. Der Priester sank in sich zusammen. Er hatte nicht die geringste Chance. Ein Schritt, zwei Schritte weiter. Aus nächster Nähe leerte sie das Magazin. Sechs Patronen. Mit der Spitze ihres Schuhs tippte sie an das Bein ihres Opfers. Tief atmend betrachtete sie den niedergestreckten Mann in seiner Blutlache. Mit professioneller Gelassenheit richtete sie ihre Handykamera auf ihn. Ein Bild, dann noch ein zweites.

Mit einem Tuch hob sie die noch heißen .45er-Kaliber-Hülsen auf, nahm ihren Stock, drehte sich um, steckte Hülsen und Waffe in die Handtasche, rückte das Kopftuch zurecht, und verließ ohne Hast, hinkend, den Tatort. Ihr dicht verschlossener Umhang zeichnete eine füllige Figur ab. Draußen angekommen, verschwand sie im Menschengewühl, am dösenden Wachposten vorbei. Die tobende, staubstickige Stadt verschlang sie.

2.

Zu dieser frühen Morgenstunde war außer ihm noch kein Mensch im Morddezernat Saarbrücken am Arbeitsplatz. Er, Ende 30 und tadellos, sportlich adrett gestylt, wartete. Von draußen drang spärliches Dämmerlicht durch die Fensterscheiben. Vom Durcheinander um sich herum angewidert, ließ er die Deckenbeleuchtung ausgeschaltet. Die grüne Bereitschaftslampe eines Faxdruckers flackerte. Das Gerät krächzte laut und sägte an seinen Nerven – ungehindert, auf und ab.

Mürrisch blätterte er ellenlange Papiere durch, offenbar Faxmitteilungen und E-Mail-Ausdrucke, die er nur leidlich entziffern konnte und die ihm offenbar noch mehr Verdruss bereiteten. Erbost warf er sie auf einen Schreibtisch weit von sich.

Nach einer Weile drängelten sich lärmende Beamte durch die Tür. Blanke Wut weckte den „Samurai“ in ihm. Kampfbereit und messerscharf. Erst als der älteste Kriminalbeamte das heillose Durcheinander auf dem Schreibtisch entdeckte und „Schweinerei. Wer war das?“ durch den Raum brüllte, machte er sich bemerkbar: „Ich.“

„Und wer ist hier ich?“, rief ein anderer. „Was erlauben Sie sich – verdammt noch mal? Hier ist nicht Ihr Müllplatz.“

„Und – hier – ist – seit – 35 – Minuten – Dienst“, sagte er, wobei er jedes Wort einzeln betonte. Unmissverständlich vermittelte er seinem aufgebrachten, übernächtigten Gegenüber, dass er sich nicht einschüchtern ließ. Jetzt sprang er ruckartig auf, als hätte er Feuer gefangen: „Kommen Sie alle mit in mein Büro, sofort! … Bitte.“

Dem Kerl wäre das jüngste Mitglied des Morddezernats, Kommissar Harry Freudenberg, Ende 20, am liebsten ins Gesicht gesprungen, hätte ihn eine unsichtbare Hand nicht zurückgehalten. Der seit Langem vergessene Krampf in seinem Kehlkopf meldete sich wieder. Er fürchtete sich vor einem Stotteranfall. Er brachte keinen Ton heraus. Ein leises Beben erfasste seine Glieder. Ohren und Augen liefen blutrot an. Er fing an, laut nach Luft zu schnappen. Aber keiner hatte Zeit, sich um ihn zu kümmern.

Es war nicht allein die Angst vor einer drohenden Blamage gewesen, die Harry Freudenberg davon abgehalten hatte, dem Kerl die Meinung zu sagen, sondern erstaunlicherweise auch der Auftritt des Unbekannten mit den ungewöhnlich gepflegten Manieren. Auf irgendeine Art und Weise rettete das geschliffene Verhalten des Fremden den jungen Kriminalkommissar davor, gedemütigt zu werden. Es bewahrte ihm die eigene Selbstachtung. Harry beruhigte sich und bemerkte, dass seine älteren Teamkollegen blitzschnell verstohlene Blicke austauschten. Von ihnen war nicht der leiseste Widerspruch gegen die herrische Aufforderung des Mannes zu sehen. Es galt, alles in Demut zu ertragen, auch wenn das eigene Selbstwertgefühl grob verletzt worden war.

Sein unmittelbarer Chef, der hartgesottene Erste Hauptkommissar Lukas Brandung, und alle Beamte des Morddezernats folgten dem Mann zunächst zögerlich, dann zügig den Flur entlang. Ein neuer Wind schien zu wehen.

Am Ende des Gangs betraten sie ein geräumiges, mit anthrazitgrauen Möbeln ausstaffiertes Büro. Hell erleuchtet und wohl geordnet. Mitten auf einer blank geputzten Schreibtischplatte ein kleiner Blumenstrauß – abgelegt ohne Vase. Die frisch gestrichenen Wände bar jeglicher Zierde. Kriminalkommissar Harry Freudenberg bekam so seine erste Lektion im Fach Machtentfaltung. Sie stand auf keinem Lehrplan einer Polizeischule: Geballte Macht präsentiere sich kalt, steril und nackt. Dort bot der „Samurai“ an, Platz zu nehmen, und pflanzte sich vor ihnen auf. Elektrisierend, aber ohne die leiseste Spur von Hektik.

„Wir haben eine Leiche, um die wir uns sofort kümmern müssen. Kein Wort nach draußen.“ Und bevor sie fragten, erklärte er: „Ich bin der neue Kriminaldirektor: Bornhoff, Edgar Bornhoff. Heute ist mein erster Arbeitstag. Der Tote, beziehungsweise der Sarg mit dem Toten, ist unterwegs zur Rechtsmedizin. Äußerste Diskretion bitte. Die Herrschaften haben wieder zugeschlagen. Unser Mann ist einem feigen Mord zum Opfer gefallen. Halten Sie mich auf dem Laufenden. Sie kennen die Geschichte.“ Er hielt eine Akte hoch. „Es war Ihr Fall. Nun können Sie dort weitermachen, wo Sie aufgehört haben. Ich bin zu jeder Hilfe bereit. Deshalb bilden wir sofort eine Mordkommission. Uns droht eine Rie-sen-bla-ma-ge, wenn der Mord öffentlich bekannt wird. Ich fürchte, alle anderen Fälle müssen warten. Ich verlasse mich auf Sie – und nicht nur ich. Diese Tat sollten wir nicht auf uns sitzen lassen. Wir sind wieder mitten im Krieg, und diesmal müssen wir gewinnen, endgültig. Ich sage wir – nicht die anderen.“

Sein Blick glitt über die versteinerten Gesichter vor ihm. Bornhoff zog sie mit seiner Bestimmtheit in seinen Bann. Verstummt vernahmen sie den klaren Dienstauftrag. Was und wer und wie – negativ, kein Schimmer. Sie hatten verstanden: Eine Akte lag von nun an in den Händen ihres Chefs, und sie verfolgten regungslos, wie sie dort in hastiger Verlegenheit, hin und her gereicht wurde. Jungkommissar Harry entspannte sich, als ihm klar wurde, dass er in der lähmenden Ohnmacht, die um ihn herrschte, ein Gleicher unter Gleichen war. Bornhoff entließ sie, wie er sie aufgescheucht hatte: kurz und bündig.

An seinem Schreibtisch angelangt, besah der Dezernatsleiter Lukas Brandung die Fax- und E-Mail-Ausdrucke. Sie lagen nach wie vor durcheinandergewirbelt herum. Harry verkroch sich wortlos in eine der hinteren Ecken des Großraumbüros.

„Was für ein Monster, Scheißauftritt“, fluchte Brandung vor sich hin. „Verdammt noch mal“, schrie er erbost durch den Raum. Vor Bornhoff war er schon gewarnt worden; ein scharfer Hund, hatte man ihm zugeflüstert. Der Kerl machte dem Ruf, der ihm vorausgeeilt war, bereits an seinem ersten Tag alle Ehre.

Edgar Bornhoff war als Büroleiter des Innenstaatssekretärs bekannt geworden, als Inbegriff eiskalter Kompromisslosigkeit, als der „Samurai“ im Ministerium, berühmt-berüchtigt. Ein Wadenbeißer, gefühllos und distanziert.

„Diese Schweine.“ Ungläubig blickte Lukas Brandung auf das erste Blatt der Akte. „Sie haben ihn doch … Wie konnte das nur passieren?“ Mit einem Ruck wischte er den Papierkram von seinem Schreibtisch. Im vorauseilenden Gehorsam bückte sich eine Mitarbeiterin, um die Bögen aufzusammeln.

„Lass den Dreck da liegen. Hört zu! Hört alle zu! Ich will es nicht zweimal sagen. Der Neue, Bornhoff, hat es euch schon gesagt; ich wiederhole es für alle Fälle noch einmal. Kein Ton nach außen. Klar? Keine Silbe gegenüber den anderen Kollegen im Haus. Man weiß nie, wen das Syndikat gekauft hat. Ist die Tür dicht? Keine zwei Jahre konnte er das ruhige Leben genießen. Jetzt ist er wieder da – diesmal in einer Zinkkiste. Sch…“!

Er reichte ihnen die Akte. Sie begriffen sofort, um wen es sich handelte.

„Wie konnte das nur geschehen?“, sagte die Kollegin bleich und den Tränen nah.

„Wie gehen wir vor?“, fragte ein anderer Kommissar, während er aufgelöst um seinen Chef herum von der einen Ecke zur anderen des Raumes schritt.

„War seine Frau nicht bei ihm?“, erkundigte sich der nächste.

„Nein. Sie musste sich doch von ihm fernhalten, woanders hinziehen, damit seine Tarnung nicht auffliegt“, meldete sich das älteste Mitglied des Dezernats.

„Ist sie nicht krank?“, warf Harry bedächtig ein.

„Auch das!“ Brandung blickte hoch und vermied es, dem jungen Kommissar direkt in die Augen zu schauen.

„Müssen wir sie nicht benachrichtigen?“, legte jemand zögerlich nach.

„Schon, aber nicht jetzt. Dringender ist, zu klären, ob wir nach Kairo dürfen. Nur an Ort und Stelle haben wir eine Chance, die Umstände zu klären. Wir müssen damit rechnen, dass alles von vorne losgeht. Halt. Du hast doch recht. Wir müssen zuerst Personenschutz für seine Frau organisieren, sie warnen – wenn es nicht schon zu spät ist. Was ist mit dem Informanten? Der musste damals auch untertauchen. Ich habe keine Ahnung, wo er abgeblieben ist; neue Identität, neuer Wohnort. Ich muss das nachher mit Bornhoff klären. Oh Gott, warum nimmt das bloß kein Ende?!“

„Einen Kaffee?“, verschüchtert trat eine Mitarbeiterin ins Gesichtsfeld des Dezernatsleiters.

„Ja bitte, und vielleicht Wasser, ja, bitte zuerst einen Schluck Wasser.“ Lukas Brandung spürte, wie der hohe Blutdruck ihm die Kehle austrocknete. Wie Kopf und Ohren dröhnten.

In diesem Moment war er hilflos. Nach dem Tod seiner Frau vor drei Jahren mehr denn je. Und wenn er ehrlich war, dann war ihm klar, dass seine Frau es nicht mehr länger mit ihm ausgehalten hatte. Sie hatte sich bereitwillig von der Krankheit hinwegraffen und sich durch den Tod von ihm und seinen Launen befreien lassen. Aber das war ihm erst später klar geworden. Er schaute um sich, als stecke er schon wieder in einem Loch.

„Bitte schön.“

„Oh, danke.“ Brandung nahm den ersten Schluck. Harry Freudenberg fiel auf, dass sich die Gesichtszüge seines Vorgesetzten verfinsterten, so als hätte er sich fast gewünscht, am Wasser zu ersticken. Dann müsste er das Ganze nicht noch einmal durchmachen.

„Was habe ich gesagt? Kann man den Mist da unten nicht aufheben? Ist doch kein Saustall hier, mit Verlaub.“ Brandung merkte selbst, wie ungerecht er sein konnte, vor allem denen gegenüber, die ihm am meisten beigestanden hatten und jetzt bereit waren, seine Launen zu ertragen. Für den Tod seiner Frau gab er allen die Schuld, nur sich selbst nicht. Und am liebsten hätte er jeden angeklagt. Denn sie alle – seine Mitarbeiter, seine wenigen Freunde und seine vielen Feinde –, sie alle hatten ihr in seinen Augen den Todesstoß versetzt.

3.

Im Polizeiapparat galt Lukas Brandung als Star unter den Kriminalisten. Er hatte es verstanden, Klippen und Fallen der Polizeiarbeit ohne große Blessuren zu umschiffen. Ein Kraftprotz unter den Gesetzeshütern. Trotz seiner 58 Jahre konnte er es im Notfall mit mehreren Angreifern gleichzeitig aufnehmen. Dabei halfen ihm sein ausgesprochen taktisches Kalkül und sein durchdringender Verstand.

Seine großen Kriminalfälle lagen lange zurück. Ohne den politischen Rückhalt, den er sich stets zu sichern wusste, hätte er es nicht so weit gebracht: Seit 15 Jahren war er Erster Hauptkommissar des Dezernats für Tötungsdelikte. Seine Autorität war unbestritten. An ihm kam keiner vorbei – im Polizeipräsidium nicht, in der Staatsanwaltschaft und im Dezernatsleiterkollegium erst recht nicht. Brandung genoss Narrenfreiheit, behaupteten seine Neider. Doch in seinem Gesicht konnte jeder Blinde die Narben sehen, die nicht vom friedfertigen Hantieren mit einem Rasiermesser stammten. Sie spiegelten die tiefen Wunden wider, die während der letzten Jahrzehnte der kompromisslose Einsatz für den Rechtstaat in seine Seele geschrieben hatte. Leidenschaftlich, unnahbar und zuweilen auch ungerecht zu sein war sein Ruf. Dazu seine Wutausbrüche, unnachahmlich und gnadenlos. Aber Lukas Brandung stand inzwischen an der Schwelle des Rentenalters. Und jeder seiner Kollegen unter den Dezernatsleitern – alle jünger als er –wartete täglich darauf, ihn als Leiter des Mordkommissariats zu beerben. Brandung wusste das, und er wäre nicht Lukas Brandung gewesen, wenn er im Wissen darum nicht eigene Pläne geschmiedet hätte.

„Entschuldigung. Da baue ich wieder Mist. Ich meine es nicht so. Zunächst gilt es, die Frau abzusichern. Das ist das Vordringlichste. Das ist wohl das Einzige, was jetzt zählt.“

Das Telefon auf seinem Schreibtisch klingelte schrill. „Ja, Brandung? …Bin gleich da.“

Er wandte sich an seine Mitarbeiter:

„Ich muss rüber zu Bornhoff. Das BKA ist da. Bereitet euch inzwischen gründlich vor. Helga, finden Sie mal heraus, ob der Kerl, den wir damals hinter Gitter gebracht hatten, noch brummt. Ich will alles wissen: in welchen Kreisen bewegt er sich, wer besucht ihn, was treibt er so, alles, ja alles. Schaut nach, ob was Neues hereingekommen ist. Und wie gesagt: Keine Silbe nach außen. Wer fliegt nach Ägypten? Wer spricht sattelfest Englisch? Freiwillige vor! Oder Arabisch? Wohl keiner. In die Rechtsmedizin gehe ich selbst, aber später, nachdem ich bei Bornhoff war. Bis gleich.“ Und schon fiel die Tür krachend hinter ihm ins Schloss.

Bei Bornhoff saßen zwei Typen, bei deren Anblick er bleich im Gesicht wurde. Geschniegelte Karriereaffen, vermutlich aus irgendeiner Gruppe für Schwere und Organisierte Kriminalität in Wiesbaden, dachte er, während Bornhoff ihn vorstellte: „Unser Erster Hauptkommissar, Leiter des Dezernats für Tötungsdelikte und der neuen MOKO, Lukas Brandung. Sie haben sicher schon von ihm gehört. Ich hatte erst heute selbst das Vergnügen. Zur Sache: Was haben Sie uns zu sagen; vor allem wann und wo ist es passiert?“

„Darf ich zunächst Ihre Dienstausweise sehen?“, schaltete Brandung sich ein. „Ich kann mich in dieser Sache nicht gründlich genug vergewissern. Sie haben, denke ich, nichts dagegen.“

„Oh, selbstverständlich nicht. Hier, mein Name ist Joseph Langenstein. Ich bin Kriminaloberrat beim BKA, seit zwei Jahren Leiter des Dezernats für organisierte Kriminalität. Und das ist von nun an in diesem Fall Ihr Gesprächspartner, mein Mitarbeiter Uwe Klausen. Klausen, zeigen Sie Ihren Ausweis vor.“

Bornhoff musterte Brandungs Gesicht, wie er die BKA-Identitätskarten leicht verächtlich hin und her wendete. Für einen Augenblick konnte er sich des Eindrucks nicht erwehren, Brandung mochte die Ausweise nicht wieder zurückgeben. „Brandung. Können wir jetzt weiter machen?“

„Entschuldigung. Klar. Das müssen wir sogar. Wann genau ist es passiert? Haben die Ägypter nähere Angaben gemacht?

„Nur vage Mutmaßungen“, antwortete Langenstein. „Sie signalisierten uns, wir dürften ihnen an Ort und Stelle helfen. Das ist unüblich, aber wegen der Brisanz des Vorgangs würden sie eine Ausnahme machen. Daher ist Eile geboten. Wir sollten ein Team bilden, erfahrene Kollegen – Sprachkundige bekommen wir von der Botschaft –, und selbstverständlich erscheint mir sinnvoll, dass Sie dort die Umstände zu klären versuchen, da Sie mit dem Fall seit Jahren vertraut sind.“

„Stopp“, fiel ihm Bornhoff ins Wort. „Wir sind intern noch nicht so weit. Erst müssen wir uns abstimmen. Ich glaube nicht, dass Sie Herrn Brandung so losschicken können. Vielleicht warten die anderen nur darauf. Und das können wir nicht riskieren, auch wenn er selbst Ihrer Meinung wäre. Mit dieser Bande ist nicht zu scherzen. Schnellschüsse bringen nichts. Lassen Sie mich das bis heute Mittag klären. Mehr kann ich Ihnen nicht zusagen. Nun aber zu unseren Fragen: wie und wann? Was haben Sie von den Ägyptern erfahren?“

„Trotz turbulenter Zeiten in ihrem Land waren sie sehr offen und hilfsbereit. Sie fanden die Leiche in der Markuskirche, niedergestreckt von sechs Schüssen. Am hellsten Sonntagnachmittag. Mitten in der koptischen Fastenzeit. Das Patriarchat bestand darauf, dass der Leichnam schleunigst nach Deutschland geflogen wird, noch bevor die Presse davon Wind bekommt. Wohl deshalb, weil der ›Anba‹ der Koptischen Kirche befürchtet hat, dass sein Gotteshaus als Unterschlupf für Kronzeugen ausländischer Sicherheitsorgane in Verruf geraten könnte, gleich ob wir, andere europäische Behörden oder die Amis dahintersteckten. Die Kirchenleitung war über die Geschichte erbost, gerade drei Tage vor dem hohen koptischen Fest, wie nennen sie es noch? Hier ist meine Notiz: die ›Entschlafung der hochheiligen Meisterin unser, der Gottesgebärerin, der Mariaaufnahme in den Himmel‹. Im Innenministerium in Kairo war man entsetzt darüber, dass es überhaupt dazukommen konnte; dass wir unseren Mann nicht schützen konnten. Der Innenminister lenkte aber ein und ordnete an, ohne viel Staub aufzuwirbeln, das Ganze in unserem Sinne anzugehen. Wir baten um die Genehmigung, bei den Ermittlungen vor Ort dabei zu sein, vielleicht lassen sich dadurch Anhaltspunkte über die Attentäter und die Tat gewinnen. Zuerst äußerten sie Widerwillen, am Ende stimmten sie unserem Wunsch jedoch zu. Das war genau“, er schaute auf die Uhr, „vor elf Stunden.“

Langenstein holte tief Luft. Ermüdet wandte er sich an seinen Mitarbeiter: „Klausen machen Sie weiter.“

„Ja. Wir haben die Faxmitteilung der Ägypter übersetzt und heute früh an Sie weitergeleitet. Der Mord ist am Sonntagmittag geschehen, vermutlich unmittelbar nach dem Gottesdienst. Neben dem Toten lag ein Besen, mit dem er den Boden gefegt hatte. Sechs Schüsse. Keine Patronenhülsen, keine Spuren und – für uns verwunderlich – bisher auch keine Zeugen. Nicht ein einziger Mensch will die Schüsse in der Kirche gehört haben. Selbst der Wachposten hat in seinem Holzverschlag, kaum 100 Meter vom Geschehen entfernt, nichts vernommen. Vielleicht hat er gedöst. Da unten ist es zu dieser Jahreszeit besonders schwül und heiß. Sie wissen nicht, ob es einer oder mehrere Täter waren. Nach den ersten forensischen Untersuchungen in Kairo soll es sich um eine einzelne Waffe handeln, die die tödlichen Schüsse abgegeben hat, eine Faustfeuerwaffe, Großkaliber. Das lässt den Schluss zu, dass nur einer geschossen hat. Ob mit Deckung, Begleitung, Fahrrad, Auto, Eselskarre oder zu Fuß … keine Angaben.“

Brandung ließ sich die Anspannung nicht anmerken. Auch am Rande des Abgrunds konnte er hinter dem vernarbten Gesicht seinen Gemütszustand verbergen. Er blickte an den zwei BKA-Ermittler ihm gegenüber vorbei aus dem Fenster in die Leere des verhängten Himmels. „Der Amtsleiter hat Ihnen soeben deutlich gemacht: Wir haben noch Klärungsbedarf. Bis Mittag, spätestens 13 Uhr, wissen Sie, wie wir vorgehen werden. Ich denke, das ist schnell genug, damit Sie auch Ihren Senf dazugeben können. Jetzt muss ich an die Arbeit. Ich halte Sie auf dem Laufenden. Ihre Telefonnummer, bitte. Ach, noch etwas. Wir brauchen dringend Personenschutz für die Frau des Toten, vielleicht befindet sie sich auch dort unten. Um unser Sorgenkind im Zeugenschutzprogramm, unseren früheren Informanten in diesem Fall, kümmern wir uns selbst. Wem es gelang, unseren Kollegen in Kairo ausfindig zu machen, der wird den Helfer, ohne den wir die Hintermänner des Syndikats nie aufgespürt hätten, auch auf dem Mond jagen können. Das Ganze war ja auf Ihrem Mist gewachsen. Es war doch Ihre glorreiche Idee, der absurde Einfall Ihrer Leute, unseren Kollegen in Kairo unterzubringen. Getarnt als Kopte! Hurra, wie schlau! Da haben wir es. Hoffentlich ist es für seine Frau nicht auch schon zu spät.“

Er sprang auf, warf seinen Stuhl um und erstickte damit jeden Widerspruch im Keim; dabei würdigte er sie nicht eines Blicks. Er nickte Bornhoff kurz zu und verließ eilig die Runde.

4.

Draußen waren die Gänge wie leer gefegt. Keine Menschenseele. Er hastete in sein Büro, als jagten sie ihm nach, um ihre Entrüstung über seine letzte Bemerkung loszuwerden. Was soll’s, dachte er. Der Teufel soll sie holen, diese Dummköpfe. Wer kommt nur auf so was? Alles Amateure! Sie haben ihn auf dem Gewissen. Bei den Kopten – die spinnen doch in Wiesbaden! Grenzenlose Wut erfasste ihn, es brummte in seinem Schädel.

Brandung war gerade erst an seinem Schreibtisch angekommen, da stellte sich Hauptkommissar Gustav Lindenberg neben ihn. „Chef, wir haben soeben erfahren, dass die Frau längst nicht mehr dort wohnt, wo wir sie vermutet haben. Nachbarn, Meldeamt, Arbeitgeber – null. Bei ihrer Arbeitsstelle hat sie sich vor Wochen krankgemeldet. Selbst ihrer beste Freundin hat sie vor einer Woche nur gesagt, dass sie mit ihrem Freund wegen ihrer Krankheit zu einem Spezialisten der Uniklinik München fahren und ein paar Tage dort für Untersuchungen bleiben will. Ihre Wohnung ist aber gekündigt und leer. Die Nachbarn erzählten, dass an einem Vormittag, da war Ulrike Schramm nicht einmal dabei, ein Umzugsunternehmen vorbeikam, und bis zum Nachmittag hatten sie alle Möbel abtransportiert. Wohin? Da wusste keiner etwas Näheres. An den Namen der Spedition konnten sie sich aber erinnern. Die Umzugsfirma bestätigte uns, das ganze Zeug sei bei ihr eingelagert worden, auf Wunsch der Kundin. Der Auftrag sei von ihr im Juni erteilt worden. Sie wollten nun wissen, wie sie weiter vorgehen sollten. Die Rechnung für den Umzug plus Lagergebühren für 180 Tage hat sie sofort bezahlt. Ihre Bank sagt, die Frau habe vor wenigen Wochen ihr Konto aufgelöst und sich ihr Guthaben komplett ausbezahlen lassen. Es waren 7.800 Euro. Am selben Tag wurden alle Daueraufträge storniert, die Scheckkarte zurückgegeben. Angaben über ihren neuen Wohnort hat sie nicht gemacht. Ihr Hausarzt hat sie an keine Klinik überwiesen. Näheres zu ihrem Gesundheitszustand wollte der Arzt wegen der Schweigepflicht nicht sagen. Es hätte uns auch nicht weitergebracht. Ihre Krankenkasse gab sich offener und hat bestätigt, dass sie nach wie vor Mitglied ist, gemeldet mit der alten Adresse. Im Moment wissen wir nur eins: Entweder ist sie untergetaucht, vorsätzlich aus eigenem Antrieb, oder sie ist wegen einer Drohung oder irgendeines Hinweises in Panik geraten und deshalb vorerst spurlos verschwunden – ohne uns zu informieren. Wenn es das schwarze Loch auch auf der Erde gäbe, dann würde sie wohl drinstecken.“

Brandung schaute Lindenberg regungslos an. Ein durchaus interessanter Typ, ehrgeizig, smart und stets auf Distanz bedacht. Wenn er selbst hier mal Platz machen würde, wäre er wohl der perfekte Nachfolger, sinnierte Brandung. Letzte Woche feierte Lindenberg seinen 40. Geburtstag, das richtige Alter, um was zu werden. Von Anfang an hatte Brandung an ihm Führungsqualitäten und Durchsetzungsvermögen erkannt.

Vor zehn Jahren war Gustav Lindenberg ins Dezernat gekommen. Sein Ehrgeiz war niemandem verborgen geblieben, und er hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass er es als Kriminalist zu etwas bringen wollte. Dem Personalrat des Polizeipräsidiums gehörte er seit acht Jahren an, und es lag nur an ihm, dass er nicht zum Vorsitzenden des Gremiums gewählt worden war. Er hatte es abgelehnt, weil er fürchtete, seine tägliche Arbeit im Dezernat für Tötungsdelikte würde darunter leiden. Und vor allem wusste er, dass Lukas Brandung es nicht gerne sehen würde. Funktionäre, die nur von Sitzung zu Sitzung jagten, um sich in Wahrheit vor der Arbeit zu drücken, waren dem Leiter des Mordkommissariats zuwider, und Gustav Lindenberg wollte es sich von Anfang bei ihm nicht verscherzen. Beide Männer waren sich noch näher gekommen, als Brandung sich sicher gewesen war, dass Gustav Lindenberg sich an das Grundprinzip einer Männerfreundschaft hielt: Loyalität. Für Lukas Brandung war dies das A und O. Loyal, intelligent und durchsetzungsfähig. Eine Führungsgestalt eben. Gustav Lindenberg ordnete sich unter: Erst kam der Chef, dann dessen langjähriger enger Freund und Leidensgenosse Hauptkommissar Gert Schaffner und dann er. Und es wagte niemand, an dieser Hackordnung zu rütteln. Weder im Präsidium noch im Dezernat.

„Chef, bevor ich es vergesse: Auch ihre Eltern konnten keine Angaben zu ihrem Aufenthaltsort machen. Sie sind beide im Altersheim und haben seit Monaten nichts mehr von ihr gehört“, ergänzte Lindenberg.

Brandung blieb still – sein Blick versteinert, während seine Finger die Kopfhaut rhythmisch massierten, als hätte eine Laus auf seinem Kopf seine Aufmerksamkeit mehr verdient als der ganze Kram, den er sich da anhören musste.

„Schreib in ›INPOL‹ eine Aufenthaltsermittlung aus. Von mir aus auch EU-weit in SIS. Wäre doch gelacht, wenn wir sie nicht kriegen würden. Schick drei, vier Wagen zu Hotels, Pensionen, Maklerbüros, Krankenhäusern, Einwohnermeldeämtern, Reisebüros, Flughäfen, Bahnhöfen, Trambahnen, Taxifirmen, Mietautos – mit Laufzetteln mit ihrem Konterfei darauf. Du wirst sicher irgendwo ein Bild von ihr auftreiben, vielleicht ein Foto mit ihrem Mann, von einer Party, einem Empfang von früher oder gar bei den Eltern. Verteile das noch heute über den schnellsten Weg. Bis wir eine richterliche Anordnung kriegen und eine Öffentlichkeitsfahndung herausgeben können. Gustav, es ist Krieg und du und ich wissen es. Mann, Mann, was haben uns diese Amateure nur eingebrockt! Und wir müssen alles ausbaden. Es hilft nichts. Ruf die anderen noch mal herein.“

Lindenberg tat, wie ihm befohlen. Zügig betraten die Polizisten den Raum. „Vergesst eure Notizhefte: nichts zum Aufschreiben. Unserem Kollegen Karl-Heinz Schramm, der jahrelang verdeckt ermittelte und nun in Kairo aufgespürt und ermordet wurde, können wir nicht mehr helfen. Aber vielleicht seiner Frau. Und das ist jetzt unsere dringlichste Aufgabe. Sie ist verschwunden. Eine Aufenthaltsermittlung wird in diesen Minuten beginnen. Näheres erfährt ihr nachher von Gustav. Draußen. Also bei Rückmeldungen sofort Gustav und mich informieren. Zwei von euch kümmern sich umgehend um die Internetrecherche.“

Brandung brauchte nicht lange zu suchen, wem er diese Aufgabe erteilen wollte. Ganz hinten im Raum stand die junge Oberkommissarin Merle Johansen, als hätte sie in der düstersten Ecke Schutz gesucht. „Merle, sei so nett und schick ihr über Facebook, Twitter und was es sonst noch so gibt einen Gruß. Ich brauche dir ja wohl nicht zu sagen, wie du es machst. Ihre alte Schule wird dir einige Namen ihrer Lehrer oder Mitschüler mitteilen können. Und unter einem dieser Namen nimmst du Kontakt auf. Sei bitte auf der Hut. Andere lesen mit. Merle, du hast es schon mal hingekriegt, das schaffst du auch diesmal. Wer hilft dir? – Ja, unser Schlaukopf. Jetzt zeig mal, was du kannst, Harry. Hacken, auf Teufel komm raus, alles ist erlaubt. Macht ihre Kontakte ausfindig. Ihren Provider, Handyanbieter, den ganzen Kram. Findet heraus, ob sie in der letzten Zeit allein lebte. Scannt ihr ganzes Umfeld. Und jetzt an die Arbeit. Gustav, kümmerst du dich um ein richterliches Plazet? “

Er atmete tief durch und winkte Gert Schaffner zu. Der verstand sofort und öffnete das Fenster.

5.

Kriminalhauptkommissar Gert Schaffner kannte seinen Freund und Chef. Sie, beide brauchten in diesem Augenblick frische Luft für klare Gedanken.

„Was meinst du? Haben wir was übersehen?“, fragte Brandung.

Schaffner ahnte es: Brandung stand am Rande der Verzweiflung. Und so kam ihm die Frage nicht überraschend. Er war nach Brandung der dienstälteste Kriminalbeamte im Morddezernat. Brandung und Schaffner, das war im Haus ein unauflösliches Bündnis von Treue und Verbundenheit. Das wusste jeder. Wer Brandung nicht ertragen konnte, wandte sich an Schaffner. Und wenn Schaffner es sich mal mit den vielen Amateuren im Landeskriminalamt verdorben hatte, dann suchte man die Vermittlung von Brandung. Seit Jahrzehnten galten sie als siamesische Zwillinge, egal wie absurd diese Behauptung auch klingen mochte. Brandung – stur und aufbrausend, der andere sanft und nachdenklich.

„Haben die vom BKA irgendeine vernünftige Idee?“, wollte Schaffner wissen.

„Klar, die haben nur ‚vernünftige’ Ideen. Gert, soll ich dir sagen, was ich wirklich denke? Der Maulwurf muss direkt bei ihnen sitzen. Da wird Karl-Heinz heimtückisch ermordet, seine Frau verschwindet, und sie kommen hierher, damit wir das Ganze ausbaden. Langsam werde ich wahnsinnig. Diese Jungs sind keinen Pfifferling wert. Komm, lass uns mal in Ruhe den Kram hier durcharbeiten. Schau du dir das Fax aus Kairo an. Das Original, da ist es.“ Brandung hielt ein Blatt hoch. „Dein Englisch ist besser als das von manchem BKA-Übersetzer. Danach sollten wir beide schleunigst zur Rechtsmedizin. Wir müssen uns den Leichnam selbst anschauen. Und dann sollten wir klären, wer nach Kairo fliegt.“

Brandung griff nach einem Glas Wasser, sah Gert an und fühlte sich irgendwie sicher aufgehoben, komme, was wolle.

In der Rechtsmedizin der Universitätsklinken kannten sie Brandung und seine knappe, geradezu unfreundlich barsche Art. „Was haben wir?“

„Nicht viel“, antwortete der Rechtsmediziner, der die Obduktion durchgeführt hatte. „Aus nächster Nähe erschossen. Sechs Kugeln. Größeres Kaliber. Aus Rumpf und Kopf sind zwei Projektile entnommen worden, außerdem gab es zwei glatte Durchschüsse. Einschussverletzungen eng benachbart. Schusskanäle parallel verlaufend. Wenig Dynamik. Ausschussverletzungen mit Schürfsäumen. Die ägyptischen Präparatoren haben saubere Arbeit geleistet. Durch die Halsschlagader haben sie schnell Formalin, Alkohol und Wollwachs eingepumpt, und über die Femoralvene, hier in der Oberschenkelleiste, bis auf den letzten Tropfen Blut durchgespült. Ob sie auch eine toxikologische Untersuchung vorgenommen haben, ist noch nicht klar. Kaum vorstellbar auf die Schnelle. Die waren wohl innerhalb von bestenfalls zwei Stunden mit der Konservierung fertig. Ungewöhnlich: Zwei Kugeln ließen sie stecken – hier, im Rabenschnabelfortsatz der linken Schulter und im rechten Keilbein des Schädels. Die Ballistik wird in einer Woche genauere Angaben zu der Waffe machen können. Sonst keine sichtbaren Zeichen von Gewalteinwirkung. Todeseintritt: Sonntagnachmittag, spätestens Sonntagfrühabend. Genaueres später. Ausblutungsblässe. Keine sichtbaren Anzeichen von Verwesung. Ungewöhnliche Leichenstarre, besonders an den Extremitäten. Auf der Haut Zellstofflagen mit Formalin getränkt. Kunststoff-Kühlelemente. Vor dem Verplomben des Sargs, noch vor dem Abflug, müssen die Ägypter ihn kurz in eine Kühlbox gelegt haben.“

Der Anblick seines toten ehemaligen Kollegen warf Schaffner aus dem Gleichgewicht. Er wäre vor dem Tisch umkippt, wenn Brandung ihn nicht geistesgegenwärtig gestützt hätte.

Gert Schaffner hatte eine enge Freundschaft mit Karl-Heinz Schramm verbunden, noch tiefer als mit Lukas Brandung. Sie hatten damals den Plan ausgeheckt, wie sie diese eiskalten Mörder fassen könnten – und sie hatten Erfolg. Jetzt liegt er durchsiebt hier auf dem Tisch, dachte Schaffner, und die Schweine haben seine Frau entweder entführt oder auch schon beseitigt. Brandung ahnte seine Gedanken, sagte aber keinen Ton.

Alles hatte vor sieben Jahren mit einem anonymen Schreiben begonnen. Ein Riesenrad von globaler Geldwäsche und Erpressung sei im Gange, hatte der unbekannte Absender behauptet. Bald danach stellte sich heraus, dass es sich bei dem Schreiber um einen Bankier handelte, den Direktor einer Großbankfiliale in Saarbrücken. Er berichtete den Fahndern, dass ein griechischer Ring seit Jahren im großen Stil Geldwäsche betrieb. Ein engmaschiges Netz von Banken und Konten reichte von Athen nach Monaco, von Monaco nach Saarbrücken – offensichtlich wegen seiner Nähe zu Frankreich und Luxemburg. Und von dort reichte das Netz nach Liechtenstein, Atlanta und Beirut, Isfahan und Tel Aviv, Wien und Graz. Umfangreiche Bauträgerprojekte wurden europaweit dazu genutzt, die Gelder zu waschen. Seine eigene Bank habe seit 20 Jahren enge Beziehungen zu einem Bankinstitut auf Kreta unterhalten, sei sogar daran beteiligt gewesen. Mit dem Zusammenbruch der griechischen Bank vor sieben Jahren war vieles unkontrolliert in Bewegung geraten. Das Kartenhaus des Syndikats drohte einzustürzen. Ein Vorstandsvorsitzender wurde zusammen mit einem Komplizen aus der Führungsetage einer anderen griechischen Bank verhaftet. Der Ring erhöhte darauf in Panik den Druck auf seine Geschäftspartner, darunter er selbst, der Saarbrücker Filialleiter. Das Syndikat suchte nach Wegen, seine neuartige Raubmaschinerie besser zu tarnen und ihre Entlarvung zu verhindern. Wer sang, wurde liquidiert. Der saarländische Bankier gab an, auch sein Leben sei bedroht worden. Unbekannte hätten ihm und seiner Familie nachgestellt. Und als zwei seiner Kollegen in Luxemburg auf offener Straße kaltblütig ermordet worden waren, habe er sich keinen Rat mehr gewusst. Eine kleine Notiz, daneben ein Foto der beiden Opfer in einer Blutlache mitten in der Hauptstadt des Großherzogtums, habe ihn aus der Fassung gebracht.

Als operativen Kopf der Bande vermutete er einen Griechen mit dem Namen ›Afentiko‹ – „Boss“. Wer hinter dem Decknamen steckte, wusste der Bankier nicht. Nach eigener Aussage hatte er den Boss nur ein-, zweimal persönlich zu Gesicht bekommen. Widerborstig, rothaarig, krankgelb im Gesicht, mit bohrend stechenden Augen. Und immer mit einem gespitzten Bleistift in der Hand, mit dem er nie etwas aufgeschrieben hatte. Jedenfalls nicht während dieser kurzen Begegnungen. Wie ein Sattler mit seiner Nadel stach der „Grieche“ mit dem Stift gereizt auf alles in seiner Nähe ein, auf Tischen, Sessellehnen, Türrahmen und Glasscheiben. Tick, tack, tick, wie ein ungezogenes kleines Kind. Einen Spitzer immer dabei, als wäre er ein emsiger Pauker. An den Spänen in Aschenbechern, auf Teppichböden und an den winzigen kleinen Löchern, die seine Stiche hinterließen, konnte man seine Spur überall verfolgen. Stich, Stich, Stich, mal schneller, mal langsamer, wie ein wildes Tier, als würde er sich bereitmachen, seinem Gegenüber die Augen auszustechen. Die erschütternde Beschreibung taugte gerade dafür, ein Phantombild von den schauderhaften Gesichtszügen dieses Gangsters zu zeichnen, für eine Identifizierung reichte sie jedoch nicht aus. Der ›Afentiko‹ sei ursprünglich gleichberechtigter Partner der beiden gefassten griechischen Bankiers gewesen. Nach deren Festnahme hielt er sich verborgen im Hintergrund, und über verschwiegene Anwaltskanzleien und Mittelsmänner verstand er es, unerkannt die Fäden an der Spitze des Geldschieber- und Erpressersyndikats zu ziehen.

Alle Bemühungen der örtlichen Ermittler und des Bundeskriminalamts, den Mann ausfindig zu machen, schlugen zunächst fehl. Hauptkommissar Karl-Heinz Schramm überzeugte seine Vorgesetzten, dass man diesem Großkaliber von Verbrecher nur verdeckt beikommen könne. Er wollte ihm aus nächster Nähe selbst auf die Finger schauen und seinem Treiben ein Ende setzen. Schramm war geradezu besessen von dem Plan, sich in das unmittelbare Umfeld des Verdächtigen einzuschleichen, getarnt als griechisch-orthodoxer Priester. Er ließ sich griechisch-orthodox taufen und weihen, wanderte als Angehöriger eines deutschen Klosters zum Heiligen Berg „Athos“ und schaffte es in der Tat, Freundschaft mit dem Beichtvater des „Griechen“ zu schließen. Bald danach gehörte er zum engeren Kreis des Verbrechers, der – wie viele seiner Berufskollegen der „gehobenen Kategorie“ – strenggläubig war. Es dauerte nicht lange, bis Karl-Heinz Schramm hinter die wahre Identität des Mannes mit dem ständig gespitzten Bleistift kam: Er hieß Markos Theoharis. Das brachte die Ermittlungen zunächst nicht viel weiter. Aber die Lage des verdeckten Kriminalbeamten wurde immer prekärer, lebensbedrohlicher.

Vor drei Jahren kam es dann zur Katastrophe: Der Filialleiter und zwei seiner Kunden wurden in Saarbrücken am helllichten Tag regelrecht hingerichtet. Da rollte die Fahndungswalze richtig an. Wer den Rachemord begangen hatte, blieb dennoch im Dunkeln. Doch Karl-Heinz Schramm konnte den entscheidenden Tipp geben, um den „Griechen“ als den Drahtzieher der Tat zu entlarven und ihn letzten Endes zu fassen – am Flughafen in Saarbrücken. Ihm die Mordtat direkt zur Last zu legen, dafür reichte die Aussage Schramms nicht. Vor Gericht konnte der Ermittler zumindest glaubhaft darlegen, dass er Zeuge war, wie der „Grieche“ den Befehl zur Liquidierung des Bankiers in Saarbrücken erteilt hatte. Seitdem saß der Kopf der Bande in der Saarbrücker Justizvollzugsanstalt, verurteilt zu 15 Jahren Haft. Schramm verschwand in den Untergrund. Seine neue Identität: streng geheim. Sein Aufenthaltsort: unbekannt. Für den Dienst am Rechtsstaat hatte er nun mit dem eigenen Leben bezahlt.

„Gert, gehen wir? Schaffst du es?“ Sie waren auf dem Weg zurück ins Präsidium.

In seiner Resignation hatte Gert Schaffner nicht bemerkt, dass Brandung ihm schon eine ganze Weile die Wagentür geöffnet hielt und wartete, dass er ausstieg.

Nach so vielen Jahren als Kriminalpolizist sehnte sich Gert Schaffner danach, möglichst bald die süße Ruhe als Pensionär zu genießen. Er hatte sich schon vor Jahren vom Ehrgeiz verabschiedet, jemals Erster Hauptkommissar zu werden. Nach 38 Jahren Polizeidienst wollte er mit seiner amerikanischen Frau Suzanne noch ein paar Jahre der Beschaulichkeit in den Tälern von Willamette am Fuße der Cascade Mountains von Oregon erleben. Dort in den Koniferen-, Ponderosa- und Zuckerkiefern-Wäldern hoffte er, den bitteren Nachgeschmack seiner aufreibenden Zeit als Kriminalbeamter endlich loszuwerden und die Gedanken an Leichen und ungeklärte Fälle zu verdrängen. Suzanne hatte ihn überzeugt, im beschaulichen La Grande – zwischen den blauen Bergen Emily und Harris, woher sie ursprünglich stammte – all diese Niederlagen hinter sich zu lassen und noch einmal eine neue Welt des äußeren und inneren Friedens zu erschließen und auszukosten. Sie hatten keine leiblichen Kinder. Ihre Adoptivtochter Malina brauchte sie schon lange nicht mehr. Bei der Bundespolizei war sie sehr gut aufgehoben. Vor zwei Jahren war sie zur Botschaft nach Athen versetzt worden. Sie hatte es inzwischen zur Polizeihauptkommissarin gebracht, Besoldungsgruppe A 12, mit Auslandszulage. Malina hatte ihnen immer Freude bereitet. Sie war ihr größter Trost und ihr Ausgleich für all die Enttäuschungen und Pleiten. Vor 32 Jahren hatten sie das Mädchen in einem Waisenhaus gesehen und angenommen. Die Kleine war damals noch kein Jahr alt gewesen. Sie hatten ihr den Namen Malina gegeben, nach Suzannes Mutter.

Suzannes notorische Angst um Malina und um Gert hatte ihn über die Jahre stark belastet, ihm den letzten Nerv geraubt. Er zählte die Monate, die Tage und sogar die Stunden bis zum ersehnten Abschied vom Dienst: 14 Monate, 22 Tage und 13 Stunden. Und jetzt das. Er konnte Brandung doch nicht ungeschützt allein damit lassen. Das war er nicht nur Karl-Heinz Schramm, nicht nur Lukas Brandung schuldig, sondern auch sich selbst. Sich verkriechen wie eine Ratte im Loch oder einfach die Flucht ergreifen? Das wollte er sich und seinen Kollegen nicht antun. Suzanne würde das verstehen. Und wer Schramm trotz seiner Tarnung aufspüren und niederstrecken konnte, der könnte erst recht Brandung anpeilen – oder ihn selbst. Wer wusste das schon?

Brandung holte ihn in die Gegenwart zurück. „Mit wem willst du nach Kairo, Gert? Soll dich Gustav begleiten? Du hast die Wahl.“ Sie standen neben dem Auto auf dem bewachten Parkplatz unter der langen Fensterfront des Polizeipräsidiums.

„Kairo? Gott, muss ich da wirklich hin? Ich habe es irgendwie geahnt. Was denkst du?“

„Ich denke ja. Das BKA wird vermutlich jemand mitschicken wollen, und wer weiß, wer sich an deine Fersen heften wird. Nicht auszuschließen die andere Fakultät, wenn sie nicht längst ihre Horcher vor Ort hat.“

„Es würde mich in der Tat wundern, wenn es anders wäre“, sagte Schaffner ziemlich matt.

„ Gustav brauchst du dringender hier. Ich fliege allein.“

Brandung nickte. Und war einmal mehr froh, dass er Schaffner in seinem Team hatte. Keiner schaffte es so gut wie er, in diesem Chaos Ruhe und den Überblick zu bewahren. Ja, sein erfahrenster Mann im Dezernat war auch dieses Mal schon die halbe Miete. Seine Ordnungsliebe und Berechenbarkeit fielen besonders auf: In jeder Situation bedächtig, warmherzig und verständnisvoll. Mit den Ägyptern würde er sicher zurechtkommen. Seine zurückhaltende, aber zielstrebige Art würde ihm helfen, das Labyrinth und die Mysterien um diesen Mord zu entschlüsseln.

6.

Als Brandung und Schaffner an der Tür von Bornhoff angekommen waren, schickte der Erste Hauptkommissar seinen Vertrauten, Hauptkommissar Gert Schaffner, vor, um das Team im Dezernat in ihre Pläne einzuweihen und sich auf die Reise vorzubereiten. Die Vorzimmerdame des neuen Chefs kannte Brandung noch nicht. Bornhoff stellte ihn ihr kurz vor und bat ihn hinein.

„Ich denke, wir schicken unseren besten Mann, Hauptkommissar Gert Schaffner nach Kairo. Wenn es Ihnen recht ist, rufe ich das BKA an. Unser Mann könnte mit der nächsten Maschine dahin fliegen.“

Bornhoff hörte sich Brandungs Worte im Stehen an und wirkte in Gedanken vertieft. „Ja. Das finde ich gut. Was ist mit der Forensik, der Spurensicherung?“

„Da kann man den Ägyptern vertrauen. Unsere Rechtsmedizin ist schon bei der Arbeit. Alles deutet auf einen Einzeltäter hin.

„Ich habe da noch einige Fragen“. Bornhoff holte einen Spickzettel von seinem Schreibtisch. „Was ist mit seiner Frau. Ist für Ihre Sicherheit gesorgt?“

„Nein, leider nicht. Sie ist verschwunden! Spurlos.“

„Gekidnappt? Verschleppt?“

„Wissen wir nicht, jedenfalls verschwunden. Die Aufenthaltsermittlung läuft, und wenn alle Stricke reißen, beantragen wir eine öffentliche Fahndung. Wir werden jeden Stein auf der Suche nach ihr umdrehen.“

„Brauchen Sie Verstärkung?“

„Im Augenblick nicht.“

„Was ist mit dem Mann hinter Gittern? Ist der auch weg?“

Brandung fühlte den Angriff wie einen Florettstich. Das hatte er nicht verdient! „Das kann ich erst sagen, wenn ich wieder im Büro bin. Ich komme direkt von der Rechtsmedizin und muss mir solche Sticheleien nicht anhören.“

„Lassen wir das. Sie reden mit den BKA-Leuten. Können wir heute Abend eine kurze Lagebesprechung abhalten? So gegen 19 Uhr? Wäre das okay?“

Brandung ließ ihn stehen, ohne darauf einzugehen. Er war außer sich. Hatte etwa er den ganzen Schlamassel zu verantworten? Da wehte nicht nur ein neuer Wind, da tobte ein rauer Sturm, sagte er sich. Er werde sich davon nicht verbiegen lassen, schon gar nicht vor so einem jungen Novizen. Er, Lukas Brandung, werde auch damit fertig, egal, welche harten Brocken vielleicht noch auf ihn warteten.

Während er in sein Büro eilte, rief er: „Helga, das BKA bitte. Ich will Langenstein sprechen.“

Mit einem Handzeichen gab er Schaffner zu verstehen, ihm in sein Büro zu folgen. Das Telefon klingelte. „Ja, Herr Kriminaloberrat Langenstein.“ Aus seinem Munde klangen die Worte sarkastisch – und genauso waren sie auch gemeint. Schaffner grinste Brandung an, eine letzte Heiterkeit vor der Reise in die ägyptische Feuersbrunst.

„Ihre Vorgehensweise halte ich für Schiet. Haben Sie mich verstanden? Schiet! Ein Kollege ist ermordet worden, und Sie erzählen mir, dass wir uns noch Zeit nehmen sollten, ehe wir nach Kairo fliegen? Nur weil Sie Ihren Laden nicht im Griff haben? … Hören Sie mir jetzt gut zu: Wir fliegen noch heute Abend dahin, und Sie sollten alles nötige dafür sofort in die Wege leiten. Ich kann Sie nur davor warnen, uns Steine in den Weg zu legen. … Nein, ich höre nicht zu! Sie hören mir zu! Sie teilen mir mit, in weniger als einer halben Stunde, wer von Ihnen mitkommt. Oder unser Mann fliegt allein. Mehr Zeit für Ihr Durcheinander in Wiesbaden haben wir nicht. Die Presse wird den Mord möglicherweise von irgendeiner Seite gesteckt bekommen; die wartet doch nur darauf, uns durch den Kakao zu ziehen und uns Unfähigkeit vorzuhalten. Dass wir nicht einmal in der Lage seien, unsere eigenen Leute zu schützen. Eine halbe Stunde, Herr Kri-mi-nal-ober-rat. Mehr nicht! Tschüss!“

Der Hörer flog in hohem Bogen auf die Gabel. Aus dem Gesicht von Schaffner entschwand die letzte Spur Gelassenheit schlagartig.

„Helga!“, brüllte Brandung an ihm vorbei. „Ruf bitte sofort die deutsche Botschaft in Kairo an. Den Botschafter, und wenn er nicht da sein sollte, den Konsul.“

Vorsichtig legte Helga den Flugplan Frankfurt-Kairo auf den Tisch, eine Reservierungsbestätigung eines Hotels, weitergeleitet von der deutschen Botschaft, eine Liste von Namen und Telefonnummern der ägyptischen Kriminalpolizei und der koptischen Gemeinde der Markuskirche.

„Sobald Du da unten bist, besorgst Du dir ein neues Handy. Nicht dass jemand von hier aus deine deutsche Handynummer ortet und dir irgendwelche Typen auf den Hals hetzt. Bleib mir auf der Hut. Tarn dich als Tourist, Archäologe, Tennis- oder Golfspieler, wie es dir beliebt. Wann geht die Maschine?“

„Vorgebucht bin ich auf zwei Flügen. Ich kann den ersten nehmen. Um …“

Das Telefon unterbrach. Brandung ging ran. „Ja. Danke, dass Sie Zeit für mich finden. Wir brauchen Ihre direkte Faxnummer. Während ich mit Ihnen rede, erhalten Sie ein paar Seiten mit einigen Angaben. Wir sind auf Ihre Hilfe angewiesen, soweit es Ihnen möglich ist.“ Er notierte sich ein paar Zahlen. „Ja, habe ich. Danke!“

Brandung deutete Helga an, was er wollte, und seine Mitarbeiterin legte die Papiere ins Faxgerät ein.

„Es wäre sehr hilfreich“, sprach er ins Telefon, „wenn unser Kollege vom Flughafen abgeholt und zur Unterkunft gebracht werden könnte. …Wie? … Ah ja? Haben die sich auch gemeldet? … Das ist gut so. Sie sehen, es läuft mal koordiniert und geordnet ab. Läuft es ein? … Okay. Dann lasse ich Sie das Ganze durchsehen. Meine Faxnummer haben Sie. Und danke. Ihre Unterstützung war sehr hilfreich. Guten Tag.“

„Wann geht deine Maschine? Die erste?“, fragte Brandung.

Brandung vergisst nie, was irgendwo in den finsteren Nischen seines Gehirns herumspukt, dachte Schaffner.

„Um zehn nach drei“, antwortete er.

„Dann guten Flug. Bitte sei besonders vorsichtig, nicht erst in Kairo unten. Ich traue niemandem, und das solltest Du auch nicht. Komm heil zurück.“

Schaffner war bei Brandung an vieles gewöhnt, doch in diesem Augenblick nahm er etwas Neues wahr: offen ausgesprochene Sorge, unverhohlene Angst vor dem Ungewissen. Besorgt verließ er den Raum. Er rief in Kairo an. Er erfuhr, dass der deutsche Konsul dort bereits von zwei Seiten unterrichtet worden war. Von den ägyptischen Behörden und auch vom BKA. Der deutsche Diplomat musste sich nur noch mit dem Büroleiter des koptischen Papstes in Verbindung setzen und ihm die bevorstehende kriminaltechnische Untersuchung ankündigen. Nach der Entdeckung der Leiche inmitten des Kirchenschiffs waren die ägyptischen Behörden sofort an Ort und Stelle gewesen. Die Kirche war auf Spuren untersucht und der allabendliche Gottesdienst, wegen eines angeblichen hohen ausländischen Staatsbesuchs im historischen Bau, abgesagt worden. Weiträumig war das Areal abgeriegelt worden. Niemand fiel es auf, dass der Wachposten abgezogen war und an seiner Stelle Männer in Zivil die Kontrolle übernommen hatten.

Als BKA-Kriminaloberrat Langenstein Brandung telefonisch mitteilte, sein Mitarbeiter Uwe Klausen werde ebenfalls die erste Maschine nach Kairo nehmen, legte sich der aufbrausende Sturm ein wenig. Und solange die ägyptischen Behörden – Souveränität hin, Souveränität her – wohlwollend mitspielten, ja sogar die deutsche Botschaft und die koptische Zentrale einbinden würden, könne man doch nicht zögern und umständlich herumtrödeln. Bei diesen Worten grinste Brandung zum ersten Mal an diesem Morgen. Jetzt spuren sie richtig, die Hessen, dachte er sich. Na also! Ganz im Stillen beglückwünschte er sich selbst.

Dann widmete er seine Aufmerksamkeit etwas Banalem: einem Kaffeefleck auf seinem Hemd. In diesem Moment gesellte sich Gustav Lindenberg zu ihm wieder. Er wurde Zeuge einer abstrusen Komödie, die sich nur selten in diesen Räumen abspielte. Da dreht sich die Welt um einen, überall muss man mit dem Schlimmsten rechnen. Und der mit dem Fall befasste leitende Kriminalbeamte hat nichts Besseres zu tun, als sich um die Sauberkeit seines ohnehin verschwitzten Hemdes zu kümmern. Der Dezernatsleiter nahm Lindenbergs demonstrative Distanziertheit zur Kenntnis, kommentierte sie aber nicht.

„Multiple Sklerose, daran leidet die Frau“, erklärte Lindenberg. „Die Krankheit hat ihr in den letzten Jahren sehr zu schaffen gemacht. Und deshalb wollte sie auch damals nicht mit ihrem Mann untertauchen. Mich würde interessieren, wie sie jetzt damit zurechtkommt. Ein Taxifahrer berichtete den Uniformierten von einer Fahrt zum Bahnhof. Die Frau soll der Frau auf dem Foto, das sie ihm vorgelegt haben, sehr ähnlich gesehen haben, behauptete er. Außer einer kleinen Damenreisetasche soll sie nicht viel Gepäck bei sich gehabt haben. Er erinnerte sich gut, dass sie sich nicht wohlfühlte und so eigenartige Zuckungen und unerklärliche Verrenkungen gemacht habe. Er habe sich bei ihr erkundigt, ob alles in Ordnung sei. Sie habe aber nur undeutlich vor sich gemurmelt.“

„Hat jemand am Bahnhof auf sie gewartet?“

Darauf habe der Mann nicht geachtet, stellte Lindenberg fest. Brandungs lapidare Nachfrage verriet, dass ihm der verdammte Kaffeefleck im Augenblick wichtiger war als das Schicksal der kranken Witwe.

„So kann es nicht weitergehen; wir müssen nachbohren“, fuhr Lindenberg fort. „Warum ist sie überhaupt untergetaucht? Wurde sie bedroht, ist sie erpresst worden oder wollte sie ihrem Mann folgen? Das sind so viele Fragen, die wir schleunigst klären müssen. Bis jetzt keine Spuren, weder im Internet noch in Hotels oder an anderen Stellen. Das dauert wohl noch. Auch die Nachbarn haben nicht viel Neues erzählen können.“

Ruckartig schob Brandung sein Kinn nach vorn und stierte Gustav Lindenberg erbost an. Dessen schulmeisterlicher Ton gefiel ihm ganz und gar nicht. Lindenberg hatte sich über den Tisch gelehnt und war ihm jetzt so nahe, dass er seinen nicht gerade angenehmen Atem riechen konnte. Das war Lukas Brandung zu viel. Er warf sich heftig in seinen Sessel. „Dann klär das – und komm erst wieder, wenn du all diese schlauen Fragen eindeutig beantworten kannst. Meinen Segen hast du. Was ist mit dem Inhaftierten? Wie nannten wir ihn? Den „Griechen“. Weiß Helga inzwischen darüber Bescheid? Noch bevor du verschwindest, sag allen, um 18 Uhr ist Besprechung. Und Tempo. Klar? Bis dann. Helgaaa!“, hallte es durch die Räume.

7.

Helga Frommbach kannte Brandung seit Jahrzehnten. Sein aggressiver Tonfall ihr gegenüber verriet Verunsicherung, mit der er allein nicht fertig wurde. Ihr war längst klar: Wenn er brüllte, schrie er nicht, um sie zu verletzen, er schrie, weil die Angst ihm die Kehle zuschnürte. Er brauchte dringend ihre Hilfe. Helga Frommbach ließ sich Zeit, bis sie fast aufreizend langsam in seinem Büro erschien. Und bevor er nur den Mund aufmachte, las sie schon die Frage von seinen Lippen ab. „Nein, der Gefängnisdirektor war nicht da. Aber sein Stellvertreter meint, wir könnten unbesorgt sein. Der „Grieche“ sei die ganze Zeit unauffällig gewesen, geradezu lammfromm, meinte er. In den letzten Tagen sogar noch umgänglicher und bescheidener als sonst – auffällig bescheiden. Seine Dienste in der Haftanstalt verrichte er gewissenhaft. Neuerdings würde er lebhaften Anteil am schweren Los der Vollzugsbeamten nehmen. Das bringe ihm nicht gerade Sympathien unter den Mitinsassen bei. Und seine Kumpane würden sich über ihn wundern. Sie würden ihn weiterhin den ›Afentiko‹ nennen. Den großen Zampano. Was halten Sie davon, Chef? Wenn Sie mich fragen: Ich bin misstrauisch. Er suhlt sich doch in einer Übermacht, die er verborgen hält. Er kann es sich leisten, den Sanftmütigen zu mimen. Er malt sogar! Als könnten Farben seine blutige Hinterlassenschaft verdecken. Ob er nicht selbst aus seinem Käfig heraus, die Fäden zieht – mit Blut an den Händen? Es würde mich wundern, wenn es anders wäre.“

Brandung antwortete ihr nicht. Ihre Beschreibung des gefährlichsten Verbrechers, der ihnen während ihres gemeinsamen Berufslebens je über den Weg gelaufen war, verdüsterte seine Stimmung weiter. Aber er ließ sich nicht anmerken, an welche Ufer ihn seine Gedanken in diesem Augenblick tatsächlich trugen. Obwohl er hinter Schloss und Riegel war, musste man sich vor dem Spinnennetz dieses „Künstlers“ fürchten. Mordlust und Kunst – sie sind sich erstaunlich nah, entspringen derselben Urquelle, der lebhaften Fantasie, der blutrünstigen Leidenschaft. Seelenverwandt, wie sie sind, bezieht die eine Begabung ihr Elixier nicht selten von der anderen. Und der „Grieche“ scheint ein seltenes Exemplar dieser doppelschichtigen Gattung zu sein.