Die Bestie von New York - Theodor Horschelt - E-Book

Die Bestie von New York E-Book

Theodor Horschelt

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  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2018
Beschreibung

Kriminalroman von Theodor Horschelt Der Umfang dieses Buchs entspricht 175 Taschenbuchseiten. Hört zu, Freunde, eins muss ich gleich sagen: So an der Nase herumgeführt wie dieses Miststück hat uns in unserem ganzen Leben noch keiner. Wir hatten einen unheimlichen Zorn im Bauch und verdammten unsere eigene Dämlichkeit. Aber der Kerl, auf den wir es abgesehen hatten, war wirklich nicht auf den Kopf gefallen. Nachher fiel tatsächlich einer auf die Birne, aber das war nicht der Richtige. Es passierte überhaupt 'ne Menge, aber ich sage Ihnen gleich, trotzdem ist es eine dämliche Geschichte. Die ganze Sache war von Anfang an ziemlich verkorkst. Suchen Sie mal aus 'ner Stadt mit acht Millionen Einwohnern einen Mann raus, der am Telefon mit seinen blauen Fingern Reklame macht und am laufenden Band einen reichen Mann nach dem anderen umlegt. Ich weiß nicht, was geschehen wäre, wenn wir nicht Trost gefunden hätten. Trost bei Percy Grey, bei den Frauen und beim Alkohol. Am besten machen Sie's auch so.

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Seitenzahl: 195

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Theodor Horschelt

Die Bestie von New York

Cassiopeiapress Kriminalroman

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Die Bestie von New York

Kriminalroman von Theodor Horschelt

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 175 Taschenbuchseiten.

 

Hört zu, Freunde, eins muss ich gleich sagen: So an der Nase herumgeführt wie dieses Miststück hat uns in unserem ganzen Leben noch keiner. Wir hatten einen unheimlichen Zorn im Bauch und verdammten unsere eigene Dämlichkeit.

Aber der Kerl, auf den wir es abgesehen hatten, war wirklich nicht auf den Kopf gefallen. Nachher fiel tatsächlich einer auf die Birne, aber das war nicht der Richtige. Es passierte überhaupt ’ne Menge, aber ich sage Ihnen gleich, trotzdem ist es eine dämliche Geschichte.

Die ganze Sache war von Anfang an ziemlich verkorkst. Suchen Sie mal aus ’ner Stadt mit acht Millionen Einwohnern einen Mann raus, der am Telefon mit seinen blauen Fingern Reklame macht und am laufenden Band einen reichen Mann nach dem anderen umlegt.

Ich weiß nicht, was geschehen wäre, wenn wir nicht Trost gefunden hätten. Trost bei Percy Grey, bei den Frauen und beim Alkohol. Am besten machen Sie’s auch so.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Klaus Dill, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

Prolog

Ich weiß gar nicht mehr genau, wie viel Leichen es eigentlich zum Schluss waren, deretwegen die Bestie auf den elektrischen Stuhl gehört hätte. Ja, hätte, denn da passierte doch noch ein weiteres böses Ding …

Übrigens, das nachstehende Personenverzeichnis ist von Jimmy verfasst. Ich an Ihrer Stelle würde es nicht lesen.

Leichen … unheimlich viele

Warum … alles auch nur wegen dem Geld

Frauen … ja

eine dicke

eine schwarze

eine rote

eine blonde

(die schwarze wurde ermordet)

Männer … auch

Ferner wirkten mit...

ein gebrochener Arm (mein eigener)

Napoleon

ein geplatztes Auto

ein Klostergarten (mit Tränengas)

ein Maskenball

ein saufender Tabakmillionär

und andere, die auch soffen.

1. KAPITEL: GEHEN SIE NACH NEW YORK

Es sah ausgesprochen unappetitlich aus, wie der Mann da lag. Die linke Hand umkrampfte noch immer den Pfosten des Treppengeländers. Offenbar hatte der Mann beim Fallen dort instinktiv Halt gesucht. Der Körper war aber trotzdem heruntergerutscht. Mit dem Oberkörper lag der Mann auf dem Flur, und die Beine hingen gespreizt über die obersten Treppenstufen hinab. Er lag auf dem Bauch. Sein Gesicht konnte man nicht sehen. Der rechte Arm war amputiert.

Nichts regte sich im Treppenhaus. Die einzige gespenstische Bewegung war das ständige Wachsen der großen Blutlache. Das Blut hatte jetzt die oberste Treppenstufe erreicht und tropfte schnell weiter hinab.

Es war kein Anblick der Freude machte.

Ich sah mich um. Der lange Flur lag still da. Um diese Vormittagsstunde am Montag pennte wahrscheinlich das ganze Personal in den Büros.

Ich raste in unsere Bude zurück und brüllte: „Jimmy, draußen haben sie einen umgelegt! Ruf den Portier an! Er soll keinen ’rauslassen. Mach dich ’runter und pass auf!“

Ich ließ die Tür auf und raste den langen Flur zurück bis zum Treppenhaus. Ich starrte auf den Toten hinunter.

Er hatte stark gelichtetes graues Haar und trug einen einfachen braunen Straßenanzug.

Vorsichtig drehte ich ihn um. Dabei sah ich, dass der rechte Arm nicht amputiert war. Der Mann hatte ihn nur krampfhaft unter den Körper gepresst. In der zusammengeballten Hand hielt er einen Zettel. Ich bückte mich, um den Zettel an mich zu nehmen.

Jimmy raste an mir vorbei. Er nahm immer drei Stufen auf einmal, als er die Treppe hinunter fegte. Das ist viel für einen Mann seiner Größe.

Als ich die Finger des Mannes einzeln zurückbiegen wollte, spürte ich plötzlich, dass der Mann noch nicht tot war. Sein Daumen zuckte.

Ich sah dem Mann in die glasigen Augen. Ich fummelte mit der Hand dicht vor seinem Gesicht

hemm und sagte, zu seinem Ohr heruntergebeugt: „Wer war’s, Alter? Sag’s mir!“

Der Mann schien mich wirklich gehört zu haben. Er bewegte langsam die Lippen. Und dann versuchte er zu sprechen. Aber es wurde nur ein heiseres Gekrächze. Ich verstand nichts.

„Sag mir, wer es war!“, sagte ich laut in sein Ohr. „Sag es mir, Alter!“

Wieder formte der Mund ein paar Worte. Aber er hatte keine Kraft mehr, wirklich zu sprechen. Sein Geist war schon nicht mehr auf dieser Welt.

Ich starrte gebannt das wächserner Gesicht mit dem dünnen grauen Bart an. Der Mann sah gutmütig und treu aus. Er war einer, dessen Ende man sich anders vorstellt.

Plötzlich sagte der Mund, wie in einer Trance, ganz klar und deutlich: „New York! Geh nach New York. Der blaue ...“

Dann war es aus. Er sagte nichts mehr. Der dunkelrote Blutstrahl aus seiner Lunge verstopfte ihm für immer den Mund.

Er war tot. Und seine Augen starrten mich an. Mir war, als blickten sie mahnend und fordernd. Nie würde ich diesen Blick vergessen. Und ich würde nicht eher Ruhe haben, bis ich der Sache auf den Grund gegangen war. Das wusste ich.

Ein krampfhafter Ruck war durch seinen Körper gegangen, so als hätte seine Seele sich mit diesem Schütteln von dem toten Körper für immer verabschieden wollen.

Dabei hatten sich auch seine Hände gelöst. Die linke Hand hatte das Geländer losgelassen, und die rechte war jetzt flach ausgestreckt.

Der kleine Zettel lag darauf. Ich griff danach.

Es war eine Visitenkarte. Mit einer zierlichen Schrift hatte jemand mit einem Kugelschreiber darauf geschrieben: „Pat Browning, San Francisco 22, Geary Street.“

Ich drehte die Karte um. Auf der Vorderseite stand in schmalen Druckbuchstaben nur ein Name. Ein Name, den ich nie gehört hatte:

MARION VANROSE

Keine Adresse, kein sonstiger Hinweis. Aber immerhin ein seltener Name.

Vorsichtig tastete ich die Taschen des Mannes ab. Bis auf die Brieftasche und das Taschentuch waren die Taschen leer. Aber in der Brieftasche fand ich einen Führerschein mit seinem Foto.

Er hieß George Mill, war 45 Jahre alt und wohnte in New York in der 14. Straße. Das war in der Unterstadt, keine vornehme Gegend.

Und in einem Seitenfach der Brieftasche fand ich eine Rückfahrkarte nach New York.

Der Mann schien diese Riesenentfernung per Bahn zurückgelegt zu haben, um mir was zu erzählen. Und nach einer tagelangen Reise war er zwanzig Schritte vor seinem Ziel umgelegt worden.

Ich steckte ihm die Brieftasche wieder in die Jacke. Die Karte steckte ich selbst ein. Ich stand auf und ging mit schnellen Schritten ins Büro zurück. Die Tür ließ ich auf. Ich setzte mich auf den Schreibtisch und schnappte mir den Apparat.

Zuerst rief ich in der Pförtnerloge an. Jimmy war gleich dran. Ich sagte: „Jimmy, versuch den Pförtner auszuquetschen nach unbekannten Besuchern. Besonders nach Leuten, die in der letzten halben Stunde ein und aus gegangen sind. Ich rufe jetzt im Stadthaus an. Bleib da unten, bis Bull dich durch ’n Polypen ablösen lässt.“

Ich tippte kurz auf die Telefongabel und wählte dann die Nummer des Stadthauses. Ein Girl mit einer süßen Stimme meldete sich, und ich verlangte Leutnant Bull.

„Homecide Bureau, Leutnant Bull!“, donnerte er.

„Hier Browning! Morgen Bull!“

„Was gibt’s denn. Etwa wieder ’ne Leiche?“

„Ja“, sagte ich. „Hier in meinem Büro. Kommen Sie her.“

„Lassen Sie den Quatsch“, sagte Bull. „Was wollen Sie?“

„Wirklich wahr!“, sagte ich. „Denken Sie, so was macht mir Spaß?“

„Zur Hölle mit Ihnen!“, brüllte er. Dann hatte er den Hörer in die Gabel gekracht.

Wir haben in letzter Zeit mehrmals die Mordkommission alarmieren müssen. Für Bull war das Grund, genug, misstrauisch und schlecht gelaunt zu sein, wenn er nur unsere Namen hörte. Dabei hatten wir keinen davon selbst umgebracht. Bestimmt nicht.

Ich ging langsam den Flur entlang, zurück zu dem Toten. Meine Schritte hallten dumpf. Als ich näherkam, sah es wieder so aus, als blickte er mich an. Mahnend und fordernd.

Ich setzte mich neben ihn auf die oberste Stufe. Wenn jetzt so ’ne Bürotippse ankam und in Ohnmacht fiel, konnte ich wenigstens Erste Hilfe spielen.

Es kam aber keine. Dafür kam kurze Zeit später Bull mit seiner Horde.

Sie trampelten eilig die Treppe ’rauf. Der kleine Jimmy und der dicke Bull vorneweg. Dr. Wash, der lange Thomson, ein Fotograf und zwei weitere Leute, die ich nicht kannte, hinterher.

Bull tippte nur kurz gegen seinen Hutrand und scheuchte seine Meute in der Gegend herum.

Als er den Toten genauer ansah, sagte ich: „Ich hab ihn ’rumgedreht!“

„Das Berühren der Figuren ist streng verboten!“, knurrte Bull. „Das sollten Sie nun langsam wissen!“

„Er lebte noch, als ich ihn fand!“

„Ach so“, sagte Bull betont langsam und schoss aus zusammengekniffenen Augen einen schiefen Blick auf mich ab. „Hat er noch sprechen können?“

Ich grinste ihn an.

„Soll ich nun, oder soll ich nicht?“, fragte der Fotograf.

„Knipsen Sie erst mal so“, sagte Bull. „Dann packen wir ihn so hin, wie Browning ihn gefunden hat.“

Das wurde gemacht, und ein paarmal zuckte das Blitzlicht hell auf.

„Fertig!“, sagte der Fotograf nach einer Weile.

Inzwischen waren die Detektive im Treppenhaus und im Flur ’rumgestiegen und taten so, als suchten sie was.

„Möchte wissen, was es hier noch zu suchen gibt!“, knurrte der lange Thomson leise. Er schob seinen Hut noch weiter ins Genick und seinen Kaugummi im Mund auf die andere Seite.

Dr. Wash hatte nachdenklich neben mir gestanden und den Toten angesehen. Sicher hatte er über was Wichtiges nachgedacht, vielleicht darüber, was es wohl heute Mittag zu essen gäbe oder so was.

„Fertig, Doc!“, sagte Bull. Und zu mir sagte er: „Wir gehen in Ihr Büro.“

Ich nickte nur.

Bull gab zwei von seinen Leuten einen Wink. Die hoben den Toten hoch und schleppten ihn den langen Flur entlang in unser Büro.

Dr. Wash ging schweigend neben mir her. Die Milchglasscheiben in den Türen warfen ein fahles Licht auf den langen Flur. Auch ohne Leiche wäre es an diesem Montagmorgen eine allgemeine Katerstimmung gewesen. Dabei schien draußen die Sonne. Es war Frühling. Und der Frühling in Kalifornien hat es in sich.

Gleichgültig packten die beiden den Toten auf unsere Couch.

„Kostet einen neuen Couchbezug, Leutnant!“, sagte Jimmy. „Ich möchte überhaupt mal wissen, warum die Leute sich nicht gleich im Stadthaus umlegen lassen!“

„Wäre mir auch lieber“, sagte Bull. „Würde dann nicht so viel dumme Gesichter sehen. Kennen Sie den Mann?“

„Nee“, sagte Jimmy. „Sie?“

„Nee“, sagte Bull. Und mich fragte er: „Sie?“

„Auch nicht.“

„Und sonst?“

„Nichts.“

„Dachte ich mir“, sagte Bull. „Wäre ’ne Sensation, wenn Sie mal was wüssten. Ihr könnt nichts anderes als Leichen finden.“

„Wissen Sie Bruder, Sie müssen das Gequatsche neben einer Leiche nicht so tragisch nehmen. So’n Chirurg findet ’ne Blinddarmoperation stinklangweilig. Und Tante Erna hat doch jahrelang ’n Gesprächsstoff, wenn sie ihn’ nicht mehr hat, den Blinddarm. Und wenn einer alle paar Tage mit ’ner zerschossenen Leiche zu tun hat, ist er eben nicht mehr erschüttert. Es ist eben alles Gewohnheit. Alles, sage ich. Und sicher ist es ganz gut, dass der Mensch so eingerichtet ist.“

Inzwischen hatten die beiden Detektive dem Doc geholfen, dem Toten die Jacke auszuziehen. Das weiße Hemd war in der ganzen Rückenfläche blutig rot. Und auch sonst überall viel Blut, sehr viel Blut. Ein normaler Mann hat sechs Liter Blut in sich. Es sah so aus, als wären die sechs Liter jetzt auf unserer Couch und auf der Treppe gleichmäßig verteilt.

Bull hatte sich inzwischen die Jacke des Mannes geschnappt und die Brieftasche herausgefischt.

Er hielt den Führerschein in der Hand und ging lesend wie ein Pastor mit der Bibel quer durch unser Büro. In der Rauchtischecke setzte er sich in einen Sessel.

Er sah kurz auf und runzelte die Stirn. Ein paar Sekunden lang schien er nachzudenken, dann sagte er zu dem Fotografen: „Sie können ’runtergehen und im Wagen warten. Sagen Sie vorher Williams beim Pförtner Bescheid, dass ich nicht nur über Besucher von heute morgen, sondern auch von allen Bewohnern ’ne Liste haben will.“

Er sah mich einen Augenblick lang nachdenklich an und wandte sich dann an die drei Detektive.

„Sie, Thomson, bleiben hier! Und ihr beiden seht euch mal im Hause um. Keller, Boden, Firne und die Büros.“

Als die beiden abgeschwirrt waren, sagte er zu mir: „Ich glaube nicht, dass die mir nachher was erzählen können.“

„Ich auch nicht.“

„Wenn hier einer etwas erzählen könnte, sind Sie’s!“

„Irrtum, Bull!“, sagte ich. „Ich kenne den Mann wirklich nicht.“

Bull legte langsam den Führerschein und die Fahrkarte vor mich hin.

„Wenn einer aus New York hierher kommt, also über dreitausend Meilen mit der Eisenbahn fährt, um dann ein paar Schritte vor Ihrem Büro umgelegt zu werden, dann hat der was mit Ihnen zu tun. Ich fresse meinen Hut, wenn’s anders ist.“

Ich sah ihn ausdruckslos an und schwieg.

„Ich gebe nach New York ’n Fernschreiben. Vielleicht wissen wir dann bald ’n bisschen mehr.“

„Hoffentlich“, sagte ich.

Jimmy hatte inzwischen dem Doktor über die Schulter gesehen. Selten habe ich Jimmys Gesicht so finster gesehen. Jemand würde eines Tages noch viel Ärger mit ihm kriegen.

Der Doktor richtete sich auf und kam die paar Schritte rüber. Er ließ sich mit einem erleichterten Pusten in einen Sessel fallen und sagte: „Erstochen. Mit einem Stilett. Das Ding muss ’ne komische Klinge gehabt haben. Fast wie’n Vierkant sieht es aus. Wahrscheinlich ist das Herz durch den Stoß gestreift worden. Tod durch innere Blutung. Eine oder zwei Minuten, schätze ich. Das heißt, soweit ich das jetzt so hier sehen kann.“

Das Telefon klingelte. Jimmy nahm den Hörer.

Der Detektiv aus der Pförtnerloge war dran und verlangte Bull.

„Was ist los?“, fragte Bull in den Apparat.

Er hörte eine Weile schweigend zu und sagte dann: „Schickt ihn mal ’rauf!“

Bull war brummig und schlecht gelaunt wie fast immer. Heute fiel mir nur an ihm auf, dass er besonders schweigsam war. Wieder sah er mich nachdenklich an.

„Der Pförtner soll sich den Mann mal ansehen“, sagte er dann zu mir.

Kurz darauf kam der Portier. Er drehte verlegen die Mütze in seiner Hand und trat nur zögernd näher.

„Ist es der?“, fragte Bull und deutete auf die Couch.

Vorsichtig peilte der Portier hin. Sie hatten über den toten George Mill eine Decke ausgebreitet und nur sein Gesicht unbedeckt gelassen.

„Ja, das ist er“, sagte der Portier. „In der letzten halben Stunde ist nur dieser Mann reingekommen. Ich sagte gerade noch zu dem Postboten, dass es montags immer so ruhig bei uns ist.“

Ich glaube, ich spitzte in diesem Augenblick nicht als einziger die Ohren.

„Kannten Sie den Postboten?“, fragte Bull.

„Nein, es war ein Telegrammbote, und da kommen oft andere.“

„Zu wem wollte er?“

„Zu Mister Browning doch!“

„Ich habe kein Telegramm bekommen“, sagte ich. „Das wär’s also schon.“

Bull kniff die Lippen zusammen.

„Wie sah der Telegrammbote aus?“, fragte er dann.

Der Portier zögerte etwas. Er überlegte eine Weile und sagte dann: „Er hatte ’ne Postuniform an, wie ein Telegrammbote eben. Und er war ziemlich groß.“

„Wie alt?“

„Vielleicht dreißig oder ein bisschen mehr.“

„Bart, Brille, Haare?“

„Bart hatte er keinen. Aber ’ne Hornbrille. Und die Haare habe ich nicht gesehen.“

„Würden Sie ihn wiedererkennen?“

„Ja, denke ich doch.“

„Fiel Ihnen sonst was auf?“

„Nein, sonst nichts. Oder doch. Ich finde, er sprach wie’n New Yorker.“

„Danke!“, sagte Bull. „Wir nehmen das nachher noch zu Protokoll. Sie bleiben ja unten im Hause.“

„Ja“, sagte der Portier langsam und verzog sich.

„Nicht schlecht“, sagte der lange schlaksige Thomson, der gegen unseren Schreibtisch gelehnt dastand. „Nicht schlecht der Trick. In einer Postuniform wirkt man vertrauenerweckend. Treu und bieder. Gar nicht so schlecht.“

„Nee, gar nicht schlecht“, sagte Bull. Aber man sah ihm an, dass er wütend war. Er war wohl wütend, weil er schon jetzt nach zehn Minuten wusste, dass das eine harte Nuss war.

Und geknackt sollte sie ja werden.

2. KAPITEL: FLUG DURCH DIE NACHT

Natürlich musste Bull uns auch vernehmen, und es dauerte eine ganze Weile, bis wir wieder klar Schiff hatten. Aber am Nachmittag erinnerte in unserem friedlichen Büro noch die unbrauchbare Couch an die Ereignisse des Vormittags.

Und seit einer Stunde lief Jimmy genau wie ich mit einer Falte zwischen den Augenbrauen herum. Nicht einmal zum Essen waren wir gegangen.

„Mensch, Langer, lass uns erst mal einen heben!“, sagte er plötzlich.

„Das ist ’ne Idee“, sagte ich. Ich hatte auch nicht daran gedacht. Ich hatte die ganze Zeit gegrübelt und an die Augen von George Mill gedacht, den sie inzwischen in den Keller des Stadthauses gefahren hatten.

Jimmy goss uns zwei Brandys ein.

„Prost!“, sagte er und sah mich an. Dann machte er ’nen großen Schluck und stellte das Glas wieder hin. Er stierte eine Weile vor sich hin und sagte dann: „Pat, ich weiß nicht, was mit mir los ist, aber ich kann das Gesicht von dem Kerl auf der Couch nicht vergessen. Sollen wir nicht …“

„Klar, Jimmy! Ich muss auch dauernd daran denken. Wir suchen seinen Mörder. Und wenn wir ihn finden, dann nur in New York. Er hat mir vor seinem Tode noch was zugeflüstert. Geh nach New York, hat er gesagt. Der blaue … Aber dann war’s aus mit ihm. Der Blaue!“

„Immerhin, Pat, immerhin!“ Jimmy war plötzlich wieder lebhafter geworden. „Immerhin, ist doch schon ein Anhaltspunkt.“

„Also?“, sagte ich.

„Also müssen wir hin.“

„Mit der Bahn geht’s sehr langsam. Sind ’n paar Tage“, sagte ich und grinste. Jimmy fliegt nämlich nicht übertrieben gerne. Es fällt ihm zu leicht das Essen aus dem Gesicht.

„Na, klar, wir müssen fliegen!“, sagte Jimmy, der Held.

Ich rief im Reisebüro an und machte alles klar. In der Nacht gegen 23 Uhr würde unsere Maschine starten.

„So, Langer, und jetzt gehen wir erst mal essen!“, sagte Jimmy. Er war wie ausgewechselt. Er war wieder der alte, das merkte ich schon an seinem Appetit.

Wir gingen in das Automatenrestaurant tun die Ecke.

Jimmy verzichtete großmütig auf ein Steak, hielt sich dafür aber schadlos an den verschiedenen kalten Platten. Ich war schon eine ganze Weile fertig und stand am Eingang gegen einen Tisch gelehnt mit einem Bier, als Jimmy immer wieder von neuem aus der Tiefe des langen Lokals auftauchte und bei dem Girl an der Kasse einen Dollar hinlegte, um sich dafür neue Nickel einzutauschen.

Aber nach einer weiteren halben Stunde war er tatsächlich fertig. Er entschuldigte sich mit den Worten: „Wir können gehen, Pat, ich habe vergessen, mehr Geld einzustecken.“

Als wir wieder im Büro waren, war es gerade 18 Uhr. Ich ging ans Telefon und rief Sally Cohen an. Er hat ’ne Wirtschaftsauskunftei und ist unser lebendes Adressbuch. Er meldete sich sofort.

„Tag, Sally. Hier spricht Pat. Du, die haben bei uns auf dem Flur einen umgelegt. Er kam aus New York und wollte zu mir. Ich habe keine Ahnung, tun was es sich dreht. George Mill hieß er. In der Hand hatte der ’ne Karte. Stand ein Name drauf. Marion Vanrose. Schon mal gehört?“

„Nee, Pat. Kannst du auch nicht verlangen, dass ich alle hundertvierzig Millionen Bürger der Staaten kenne. New York ist ’n bisschen weit.“

„Wir fliegen heute Abend hin. Kannst du mir ’n Tipp geben, wer uns was sagen könnte? Du hast doch da auch Gewährsleute.“

„Klar, Langer. Schreib dir’s auf. Fisher and Company, 34. Cedar Street. Das ist im Financial Quarter direkt neben der Wallstreet. Grüß den alten Samuel Fisher von mir und erzähl ihm ruhig alles. Vielleicht kann der euch weiterhelfen.“

Ich sagte: „Danke Sally!“

Und er sagte: „Hals- und Beinbruch!“

Ich behielt den Hörer in der Hand und drehte die Nummer des Stadthauses. Das Girl mit der süßen Stimme hatte immer noch Dienst. Bull war nicht da. Ich ließ mich mit seinem Büro verbinden.

„Abteilung Bull. Thomson am Apparat!“

„Browning. Hören Sie zu, Thomson. Bull hat mir gesagt, er würde mir die Nachricht aus New York durchgeben. Ist sie noch nicht gekommen, oder hat der Dicke es wieder vergessen?“

„Augenblick mal. Ist vorhin gekommen. Ich lese Ihnen das Fernschreiben vor.“

Er las es mir vor. Es lautete:

GEORGE MILL WOHNHAFT 118, VIERZEHNTE STRASSE WAR DIENER BEI MARION VANROSE ADRESSE 101 RIVERDALE MILL WAR UNBESCHOLTEN UND HAT GUTEN RUF WEITERE INFORMATIONEN FOLGEN NACH ERMITTLUNG

GEZ. CAPTAIN HULLI VAN

„Schönen Dank, Thomson“, sagte ich. „Grüßen Sie Bull. Wir verreisen für ’ne Weile.“

„Wiedersehen!“, murmelte Thomson leise. Er war wohl misstrauisch geworden, aber zu spät.

Unsere Koffer sind immer gepackt. Ich sagte dem Hausmeister noch Bescheid. Dann hauten wir uns zwei Stunden hin. Um zehn klingelte der Wecker, und Jimmy rief telefonisch ein Taxi, das uns zum Flugplatz brachte.

*

Der große viermotorige Clipper war fast ganz besetzt. Uns gegenüber saß ein älterer Mann mit grauen Haaren und einem Monokel. Sein Gesicht kam mir bekannt vor.

Kurz vor dem Start rauschte noch ’n blondes Mädchen rein, das aussah wie ein Filmstar. Einige Passagiere drehten sich lächelnd nach ihr um. Sie setzte sich mir gegenüber. Ein Mann von untersetztem Körperbau und mit schwarzen Haaren setzte sich neben sie. Sicher war das ihr Manager.

Sie hatte einen faszinierenden Körper. Wahrscheinlich war das aber das einzige Bemerkenswerte an ihr.

Sie musterte mich, und ich gab ihren Blick teilnahmslos zurück. Dann musterte sie Jimmy, und der machte natürlich mit seinen braunen Kulleraugen tolle Verrenkungen.

Ich bin sonst auch nicht so, im Gegenteil, ich hab ’ne Schwäche für Sex-Bomben. Aber es müssen wirklich welche sein. Ein schöner Popo allein ist mir zu wenig. Und die hier beherrschte sicher nicht mal das kleine Einmaleins. Wenn man’s auch nicht gerade dazu braucht.

Und wenn man sie fragte: „Was tragen Sie nachts?“, dann antwortete sie: „Chanel Nummer fünf.“

So jedenfalls steht es in den Magazinen. Aber alles, was diese Zeitschriften von ihr außer Hüften, Beinen und Brustbildern bringen, stammt garantiert von ihrem Manager, der dafür sicher noch extra ’nen Gag-Mann beschäftigt. Und hintenrum erfuhr man dann, dass die Schöne in Wirklichkeit blutarm ist und vielleicht mit Pulswärmern ins Bett geht, bestimmt aber nicht nur mit einem guten Parfüm bekleidet.

So ungefähr kreisten meine Gedanken um den Sexappeal und alles, was dazu gehört. Wenn man eine Langstreckenreise mit dem Flugzeug macht, hat man Zeit zum Nachdenken. Ich konnte ja noch nicht ahnen, dass uns in New York eine Zeit bevorstand, in der wir reichlich mit Sex-Bomben und noch ganz anderen Sachen zu tun kriegten.

Der Clipper war jetzt auf 4000 Meter gestiegen und flog ruhig durch die sternenklare Nacht gen Osten. Es war windstill, und man merkte nichts davon, dass man in einem Flugzeug saß, das mit 500 Sachen durch die Luft raste. Selbst Jimmy fühlte sich wohl. Und das will was heißen.

Nach einer Weile kam eine Stewardess und brachte Kaffee. Sie hatte braune Haare und helle Augen. Sie sah süß aus, und wie die meisten ihrer Kolleginnen besaß sie Charme, Anmut und ein gewisses Format.

Aber sie hatte keinen tüchtigen Manager.

Der Graukopf uns gegenüber, der neben dem Manager saß, zog den linken Mundwinkel herab und klemmte sein Monokel ein. Auch er peilte die Stewardess an.

Wir tranken Kaffee. Man döste, flüsterte und blätterte in Illustrierten. Irgendwo hinten schnarchte einer.

Das schien den schwarz-lackierten Manager auf eine Idee zu bringen. Er beugte sich zu der Filmschönen herüber und sagte leise was zu ihr.

Sie nickte gehorsam, und er zeigte ihr, wie man den Sitz mit zwei Handgriffen zu einem flachen Ruhebett verstellen konnte. Sie drehte sich auf die Seite, und bald war sie eingeschlafen. Es sah jedenfalls so aus.

Jimmy hatte mit schräg gestelltem Kopf und großen Augen zugesehen. Jetzt sah er mich an und fragte dämlich: „Sind wir bald da, Langer?“

„Ich schätze, wir haben jetzt ein Fünftel der Strecke zurückgelegt“, sagte ich. „Bis morgen Vormittag musst du schon noch aushalten. Nur in Chicago ist noch ’ne kurze Zwischenlandung.“

„Mensch, Pat, kannst du schlafen?“

„Klar. Ich werde mich nachher auch flach machen.“

„Da habe ich aber ’ne bessere Idee. In New York müssen wir doch schwer arbeiten, nicht? Da ist dies doch die letzte ruhige Nacht.“ Er zog eine große Whiskypulle aus der Brusttasche und fügte grinsend hinzu: „Dann müssen wir doch diese Nacht noch ein bisschen nachdenken.“

„Probieren können wir ja mal“, sagte ich. „Dann fällt’s auch nicht so auf, wenn du das Fliegen schlecht verträgst. Kein Mensch weiß nachher, ob du von dem Whisky oder von der Luftkrankheit gekotzt hast.“

„Wie unfein!“, sagte Jimmy entrüstet. Er drehte sich um und bat die Stewardess um Gläser.

„Nehmen Sie einen mit?“, fragte er den Graukopf.

„Aber sicher!“, sagte der mit dem Monokel und grinste. Obwohl er ein Monokel trug, schien er nicht arrogant zu sein. Vielleicht gehörte er zu den seltenen Ausnahmen, die tatsächlich eins brauchen, weil sie auf einem Auge schlecht sehen.

„Sie auch?“, fragte Jimmy und sah die Stewardess bittend an.

„Nein, vielen Dank!“, sagte die Kleine. Aber sie lächelte nett dazu.

Jimmy peilte noch einmal sehnsuchtsvoll nach der Atomblonden, aber die pennte. Auch der schwarzbärtige Manager hatte seinen Klapperatismus runtergelassen und die Augen zugemacht.

Jimmy goss die drei Gläser voll, die ihm die Stewardess gebracht hatte. Er grinste erst den Graukopf und dann mich an.

„Na, denn“, sagte er.

„Prost, mein Lieber, prost!“, rief der Alte munter und zwinkerte listig mit einem Auge.

„Prost!“, sagte ich und goss den einen runter. Und ein paar Minuten später sagte ich: „Ich mach mich jetzt auch ein bisschen flach. Lasst es euch gut schmecken.“

„Machen wir, machen wir“, sagte der Graue und lachte dröhnend.

Er lachte so laut, dass der Schnarcher im Hintergrund davon beeindruckt wurde, denn sein bisher gleichmäßiges Sägen verwandelte sich in stoßartige Auspuffgeräusche.

„Bei dem springt der Motor nicht an“, sagte Jimmy.

„Hat auch nicht so’n guten Betriebsstoff wie wir“, grinste der Alte. Die beiden hatten sich gesucht und gefunden.

Ich schaltete meinen Sessel auf Liegestellung und döste. Ich wollte ein bisschen auf Vorrat schlafen. Man wusste ja nicht, was uns in New York erwartete.