Die Bestien von Fort Hunter - Georg Bruckmann - E-Book

Die Bestien von Fort Hunter E-Book

Georg Bruckmann

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Beschreibung

Das Tier riss den Mann mit sich mit und für eine Sekunde hob es, als Ausdruck urwüchsigen Triumphes, den Kopf in den Nacken, wirbelte den hilflos zappelnden Mann hin und her und schleuderte ihn in den Dreck wie eine Puppe. Der Jäger war noch am Leben, versuchte, sich mit verrenkten Gliedern in Sicherheit zu bringen, doch es gab keine. Wieder beschrieb der Büffel einen weiten Kreis, zog eine Staubwolke hinter sich her, ließ den Dahinkriechenden sehen, was er tat. Dann war er ein weiteres Mal bei ihm, trampelte über ihn hinweg und diesmal rührte der Jäger sich nicht mehr. Leech konnte das Blut des Mannes an dem Horn herunterlaufen sehen, als das Tier endlich von dem Toten abließ und sich, seinem Urtrieb gehorchend, daran machte seiner Herde zu folgen. Dieses eBook beinhaltet die Monsterfresser-Story "Die Bestien von Fort Hunter" und eine XL-Leseprobe.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 161




Georg Bruckmann

Die Bestien von Fort Hunter

(Leonard Leech - Der Monsterfresser 5)

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Teil 5 - Die Bestien von Fort Hunter

Leech war seit neun Tagen zu Fuß unterwegs in Richtung Ostküste. Die Qualen der Folter, der der selbstgerechte Priester ihn unterzogen hatte, hatten ihre Spuren hinterlassen. Zwar konnte er jetzt, wo er diese verdammte silberne Kette nicht mehr tragen musste, wieder auf seine Aurensicht zurückgreifen, allerdings sah er die Formen und Farben nur verschwommen und undeutlich. Kein Wunder, dachte Leech grimmig, der Priester hatte ihm sein Wolfsauge mehrmals hintereinander ausgestochen. Jedes Mal, nur um zu beobachten, wie es sofort wieder nachgewachsen war – um es dann erneut auf noch grausamere Art aus seiner Höhle zu entfernen.

So war es immer weiter und weiter gegangen. Zwar war Leech körperlich unversehrt, zumindest oberflächlich, aber die Erinnerung an seine Pein steckte noch in jeder Zelle seines Körpers. Alles fühlte sich wund und an und schmerzte.

Der Hunger tat sein übriges. Trotz des regenerierenden Suds, den Pater Sinclair ihm vor den Folterungen aufgezwungen hatte, hatte Leech in dieser Nacht fast alle seine Energiereserven verbraucht, um die Folter zu überstehen, und sein Magen fühlte sich leer und hohl an.

Er ließ seinen Blick über die langsam etwas grüner werdende Prärie schweifen. Nichts, nur scheinbar endlose Weite und weder sein menschliches, noch sein Wolfsauge ertastete auch nur die Spur einer Beute, die für ihn in Frage gekommen wäre.

Müde und leicht angeekelt knabberte er am Hinterlauf eines Kojoten, den er geschossen hatte, obwohl er ganz genau wusste, dass das faserige Fleisch seinen Hunger nicht stillen, sondern eher verschlimmern würde.

Miranda Harper hatte ihm seinen Säbel gelassen. Einen Gurt mit dem dazu gehörenden Revolver und ein paar Patronen – Leech glaubte, dass es der von Davids war – hatte er, zusammen mit einem weiteren Colt, unter der Kutsche gefunden. Ansonsten hatte sie fast alles, was sie hatte tragen können, mitgenommen.

Er fragte sich, ob er sie unter umgekehrten Voraussetzungen ebenfalls am Leben gelassen hätte. Wahrscheinlich nicht.

Miranda Harper, die Bluttrinkerin. Ob der gleiche Hunger in ihr brannte, wie in ihm? Vielleicht hätte er mehr mit ihr sprechen sollen? Ach, Unsinn!, schalt er sich, wäre sie jetzt hier bei ihm, er würde ihr eine Kugel verpassen und seine Zähne in ihrem zarten Fleisch versenken.

Beißen.

Reißen.

Verdammter Hunger.

Das vielgesichtige Tier war ihm wieder erschienen, in seinen Träumen. Gestern Nacht und in der Nacht davor. Es hatte, so schien es Leech, Mitgefühl äußern wollen und Wut auf Reginald Burns und Pater Sinclair. Helfen allerdings konnte es ihm nicht.

Diese Träume ließen Leech stets mit dem Verlangen nach mehr zurück, warfen mehr Fragen auf, als sie beantworteten. Warum hatte es ihn verwandelt, damals in der Höhle? Was war der Zweck von alledem?

 

Natürlich, dieses seltsame Wesen, dieser Geist, oder was auch immer es war, hatte ihm das Leben gerettet, damals, als der Werwolf Vargas seine Zähne in Leech geschlagen hatte, und es hatte ihm Kräfte gegeben, von denen er nie zu träumen gewagt hätte. Es hatte ihm Zugang zu einer völlig neuen Welt eröffnet, einer Welt voll dunkler Gefahren, aber auch voll von ungeahnten Freuden und Gelüsten.

Er fragte sich, ob mit dem Tod von Reginald Burns und Pater Sinclair nun endgültig Schluss war mit der Jagd auf ihn, oder ob neue Männer mit seinem Steckbrief in der Hand auftauchen würden, erpicht darauf, ihn, das Monster von Plainview, zu richten.

 

Am Abend, kurz vor Sonnenuntergang, kreuzte in einiger Entfernung eine Büffelherde seinen Weg. Sie grasten ruhig und gelassen und schienen keinerlei Notiz von ihm zu nehmen, was ihn in die komfortable Situation brachte, sie eine Weile beobachten zu können. Kurz spielte er mit dem Gedanken, einen von ihnen zu erlegen. Aber wozu?

Es schien, als sei ein Teil von ihm immer noch nicht völlig an seine neue Existenz gewöhnt, dachte er, und beschloss die Tiere in Ruhe zu lassen.

Gerade hatte er diesen Entschluss gefasst, da wurde die Herde unruhig. Der Leitbulle hob witternd den Kopf und röhrte eine Warnung hinaus.

Als der Ruf verklungen war, hörte Leech die Hufe von mindestens einem Dutzend Pferde in vollem Galopp.

Eine Sekunde später kam eine Gruppe, die tatsächlich aus einem Dutzend Reiter bestand, über eine sanft geschwungene Hügelkuppe geprescht und eröffnete aus vollem Galopp das Feuer auf die Tiere.

Leech hatte einen Logenplatz.

Die Büffel flohen panisch nach links, nach Norden hin, und von seiner rechten Seite her kamen die Jäger heran. Die drei mutigsten Reiter lenkten ihre Tiere mitten in die dahinrasende Büffelherde hinein und schossen nach allen Seiten, während der größte Teil der Truppe sich hinter der Herde hielt und die Hinterläufe der Tiere aufs Korn nahm. Die angeschossenen Tiere blieben im Staub der Jagd zurück. Das Geschrei und Gebrüll der Büffel war ohrenbetäubend. Kälber, Kühe und Bullen wurden gleichermaßen niedergemacht. Im Moment ging es den Reitern nur darum, so viele Tiere wie möglich auf kleinstem Raum zu verwunden und fluchtunfähig zu schießen. Bereits nach wenigen Sekunden war die Luft erfüllt von Blutgeruch und den Schmerzenslauten der Tiere.

Natürlich, dachte Leech, auf diese Weise maximieren sie ihre Ausbeute.

Töten konnten sie die verletzten Büffel später noch. Allerdings barg dieses Vorgehen durchaus Gefahren.

Und tatsächlich, einer der getroffenen Büffel, den die Reiter zwischenzeitlich hinter sich zurückgelassen hatten, kämpfte sich wutschnaubend wieder hoch. Blut lief aus seiner rechten Flanke und tränkte sein zottiges Fell, und als er mit einem angriffslustigen Brüllen hinter den noch immer um sich schießenden Reitern her stürmte, dachte Leech, dass die Kugel nicht besonders tief eingedrungen sein konnte.

Mit einer Schnelligkeit, die er dem Tier niemals zugetraut hätte, verringerte der Büffel die Distanz zum langsamsten der Reiter immer mehr, dann kollidierte das gigantische Tier mit dessen Schimmelstute.

Eines seiner Hörner grub sich in den Hinterlauf des Pferdes, und mit einer spielend leicht aussehenden Drehbewegung riss der Büffel das Fleisch des Tieres auf.

Die Stute schrie beinahe menschlich und stieg, der Reiter wurde abgeworfen.

Der Büffel, der von seinem Schwung weiter getragen worden war, beschrieb etwa dreißig Fuß weiter einen Bogen, kam zurück und hielt nun direkt auf den Gestürzten zu.

Leonard Leech zog instinktiv einen Revolver, obwohl er ganz genau wusste, dass er zu weit entfernt war, um eingreifen zu können.

Der Jäger rappelte sich hoch, blickte sich verwirrt um und sah den wutschnaubenden Büffel auf sich zurasen. Verzweifelt tastete seine Hand nach seinem Holster, aber es war leer. Sein Colt musste ihm beim Sturz abhandengekommen sein.

Leech sah die Panik in den Blick des Mannes kriechen, dann rammte der Büffel ihn aus vollem Lauf und eines der armdicken Hörner bohrte sich ihm dicht über dem Schritt in den Unterleib. Das Tier riss den Mann mit sich und für eine Sekunde hob es, als Ausdruck urwüchsigen Triumphes, den Kopf in den Nacken, wirbelte den hilflos zappelnden Mann hin und her und schleuderte ihn in den Dreck wie eine Puppe.

Der Jäger war noch am Leben, versuchte, sich mit verrenkten Gliedern in Sicherheit zu bringen, doch es gab keine. Wieder beschrieb der Büffel einen weiten Kreis, zog eine Staubwolke hinter sich her, ließ den Dahinkriechenden sehen, was er tat.

Dann war er ein weiteres Mal bei ihm, trampelte über ihn hinweg und diesmal rührte der Jäger sich nicht mehr. Leech konnte das Blut des Mannes an dem Horn herunterlaufen sehen, als das Tier endlich von dem Toten abließ und sich, seinem Urtrieb gehorchend, daran machte seiner Herde zu folgen.

Diese war vor einigen Sekunden zusammen mit den Jägern in einer Senke verschwunden, aber Leech konnte hören, dass immer noch geschossen wurde. Langsam folgte er der Spur aus toten und verwundeten Tieren mit den Augen. Natürlich würden sie zurückkommen, um ihre Beute zu holen.

Der Monsterfresser ging in aller Ruhe zu dem Toten, besah sich die Leiche eine Weile, um dann auf einem verendeten Büffel Platz zu nehmen und auf die Jäger zu warten.

Nach einer kleinen Weile nahm er eine Bewegung wahr. Die verletzte Schimmelstute trabte langsam, um ihr Bein zu schonen, zu ihrem unglücklichen Herrn zurück und blieb in einigen Schritten Entfernung von der Leiche stehen. Sicher wartete sie darauf, dass der Mann wieder aufstand.

Treues Tier.

Er ging zu ihr hinüber. Die Jäger hatten jetzt ein Pferd zu viel und ein verletztes Reittier war besser als gar keines.

„Wie viele haben wir?“

„Achtundsiebzig Felle, einhundertvierundsiebzig Hörner und mehr Fleisch, als wir transportieren können.“

„Hast Du Hodges und Smith losgeschickt, damit sie die Kutschen her lotsen?“

„Ja, die beiden sind eben losgeritten, aber vor morgen Mittag werden sie wohl kaum wieder hier sein.“

„Okay, wir haben ja ohnehin noch genug zu tun, mit dem Häuten und allem!“

„Was machen wir mit der Leiche von Fairman?“

„Nehmen wir mit, damit seine Frau ihn wenigstens anständig begraben kann.“

„Sie wird ihn kaum wiedererkennen … „

„Trotzdem. Wickelt ihn in seine Decke ein, dann müssen wir ihn nicht die ganze Zeit anglotzen. Und heute Abend lassen wir den Hut rumgehen.“

„Okay, Mister Carson.“

Der Mann, der sich seine Anweisungen abgeholt hatte, ging, der andere blieb und wandte sich an Leech.

„Und nun zu Ihnen. Was, zum Teufel, machen Sie hier draußen, alleine und mit einem Säbel als Krücke?“

Leech gab sich einsilbig.

„Bin unterwegs zur Ostküste. Hab dort zu tun. Mein Gaul hat sich das Bein gebrochen, also muss ich laufen.“

Jake Carson musterte Leech. Augenklappe, blass, die Kleidung zerrissen und voll von altem, getrocknetem Blut. Jemand, der etwas verheimlichte, jemand, der vielleicht gefährlich war, kein Zweifel. Aber sei´s drum, der Mann war alleine, und manchmal war es nicht verkehrt, einen gefährlichen Mann dabei zu haben.

„Ist das ein Kavallerie-Säbel? Sind sie Soldat? Desertiert vielleicht?“

„Das ist lange her. Ehrenhaft entlassen. Sergeant. Danach Marshal. Jetzt freischaffend.“

„M-hm. Sie sehen nicht gerade aus, als hätte Sie genug Dollars um die Schimmelstute von Fairman zu kaufen.“

Leech hörte für einen Moment auf, die Stute zu streicheln und dachte an die Silberkette des Priesters, die er bei sich hatte, aber verwarf den Gedanken sofort wieder. Vielleicht war dieses seltsame Artefakt seine Eintrittskarte in die Miskatonic Universität. Er konnte es unmöglich gegen das Pferd eintauschen.

„Nein, ich sehe nicht so aus, als könnte ich für das Pferd bezahlen. Und ich kann es auch tatsächlich nicht.“

Carson überlegte einen Moment, dann sagte er: „Gut, Mister Leech, in ein paar Tagen kommen wir an Fort Hunter vorbei. Bis dorthin werde ich Sie durchfüttern. Fleisch haben wir ja genug. Sie dürfen die Stute reiten, vorausgesetzt, dass Sie sich nützlich machen und vor unangenehmen Aufgaben nicht kneifen. Und halten sie Frieden mit meinen Männern, klar?“

„Vielen Dank, Mister Carson.“ Leech senkte leicht den Kopf.

Jake Carson winkte ab. „Halten Sie heute Nacht die Aasfresser von den Büffeln fern, die wir bis dahin noch nicht auseinandernehmen konnten.“

„Ja, Mister Carson.“ Leech wandte sich ab und Carson ging davon, um seinen Männern beim Häuten zu helfen.

Leech dachte über Carson und seinen Trupp nach. Als sie ihn noch nicht bemerkt hatten, hatte er die Augenklappe entfernt und ihre Auren betrachtet. Keiner von ihnen war eine Bestie und konnte ihm daher nicht als Nahrung dienen. Das hatte er als Erstes geprüft. Danach hatte er die Männer noch ein wenig länger betrachtet und war erstaunt gewesen. Keiner von ihnen war besonders aggressiv oder gewalttätig, zumindest dem Anschein nach. Und das, obwohl sie in den letzten zwanzig Minuten so viele Leben beendet hatten. Scheinbar war die Jagd, wenn man dieses Gemetzel denn so nennen wollte, für sie tatsächlich nur eine Möglichkeit, sich ein paar Dollar zu verdienen.

Er begann die Wunde der Schimmelstute zu versorgen und einer der Jäger teilte ihm im Vorbeigehen mit, dass ihr Name Snowflake lautete.

Der Büffel hatte sich das meiste seiner Wut für den Menschen aufgehoben, so schien es, denn die Wunde war nicht besonders tief. Leech versorgte sie, so gut es ging, bürstete Snowflakes Fell aus und rieb das Tier ab. Dann ließ er sich ein Lasso geben und half den Jägern, so gut er es trotz seines geschwächten Zustands konnte, die überall herumliegenden Büffel-Leichen auf einen Haufen zu zerren, wobei er hin und wieder seinen Säbel einsetzte, um Tieren, die noch am Leben waren, den Gnadenstoß zu geben.

„Nein, nicht so! Durchs Auge. Mach´ kein Loch mehr als nötig ins Fell! Denk´ an die Dollars! Durchs Auge stechen!“

Leech gehorchte und sein Einsatz wurde ihm am Abend gedankt, denn während auf zwei Feuern Büffelfleisch briet, schenkte ihm einer der Männer, ein Kerl namens Svenson, sein Ersatzhemd und streckte ihm eine Flasche mit Whisky entgegen. Leech nahm beides dankbar an.

 

Die Aasfresser in der Dunkelheit von den geschossenen Büffeln fernzuhalten war für Leech ein Leichtes. Er sah zwar noch immer leicht verschwommen, doch er nahm die Kojoten und Raubvögel und das andere Getier dennoch sehr viel früher wahr, als es ein normaler Mensch in der Nacht gekonnt hätte.

Was seine Aufgabe noch weiter vereinfachte war die Tatsache, dass die Tiere ihn ebenfalls bemerkten, und seine Andersartigkeit wahrzunehmen schienen. Er musste nicht einmal nach ihrem Bewusstsein greifen, sie umkreisten dieses Festmahl, vom Aasgeruch angezogen und von ihm abgestoßen, oder eher von seiner Anwesenheit verwirrt, das wusste er nicht genau. Aber keines von ihnen traute sich an ihn oder die Büffel heran. Sie würden wohl hungrig bleiben heute Nacht. Dieser Gedanke brachte ihn zu seinem momentan dringlichsten Problem zurück.

Verdammt!

Er hob einen Stein auf und warf ihn nach einem Kojoten. Er legte eine Winzigkeit seines Rots in den Wurf, obwohl er das nicht hätte tun sollen, ausgehungert wie er war. Er sollte seine Kräfte nicht verschwenden, aber es fühlte sich dennoch gut an. Der Stein traf das Tier mit Wucht am Brustkorb und der Kojote heulte auf.

Während Leech zusah, wie der Kojote heulend das Weite suchte, musste er an Miranda Harper denken. Aus verschiedenen Gründen. Noch hatte Leech seinen Hunger im Griff und wusste von seinen Experimenten am Anfang seiner Zeit als Monsterfresser, dass er es noch eine Weile aushalten konnte.

Vielleicht war er etwas reizbar.

Irgendwann ging die Sonne wieder auf. Die Jäger erwachten, einer nach dem anderen, und Leech rollte sich an ihrer Stelle in eine löchrige Decke ein um ein paar Stunden Schlaf nachzuholen. Er erwachte erst kurz vor der Mittagszeit, aber das schien ihm keiner der Jäger übel zu nehmen. Er ließ das Frühstück, das man ihm übrig gelassen hatte, links liegen und stürzte sich zusammen mit den anderen Männern in die Arbeit. Felle mussten abgezogen und gereinigt und Fleisch musste zerteilt werden. Sehr zu Leechs Erleichterung wurde nicht besonders viel gesprochen und gegen Abend kamen dann die Kutschen und Ochsengespanne, die hinter den Reitern der Jagdtruppe hergereist waren, endlich am Lager an.

Jedes der Gefährte war mit zwei Männern besetzt, mit einem, der die Zügel hielt, und einem mit einem Gewehr, dessen Aufgabe es war, nach möglichen Gefahren Ausschau zu halten. Die Kutscher waren mindestens ebenso sonnenverbrannt und wettergegerbt wie Carson und seine Männer. Diese begrüßten die Ankömmlinge unter lautem Gejohle, denn die Kutschen hatten nicht nur die Aufgabe die Jagdbeute abzutransportieren, sondern brachten auch neue Vorräte mit.

„Heute Abend“, sagte Jake Carson gut gelaunt im Vorbeigehen zu Leech „lassen wir es uns noch einmal so richtig gut gehen und morgen früh brechen wir nach Fort Hunter auf!“

„Hört sich in der Tat gut an!“, brummte Leech, der schon mit dem Gedanken gespielt hatte, sich einfach auf die Schimmelstute zu setzen und seinen Weg alleine fortzusetzen. So aber bestand keine Notwendigkeit zum Pferdedieb zu werden.

„Wie groß ist Fort Hunter?“ Carson überlegte kurz.

„Hm ... schätze so um die einhundertzwanzig Mann.“

Gute Nachrichten, dachte Leech, als Carson weiter gegangen war, um das Verladen zu überwachen und auch um selbst Hand anzulegen. Unter den einhundertzwanzig Männern würde sich mit Sicherheit eine Bestie befinden, vermutlich ein Werwolf oder ein anderer Raubtierhybride. Diese Sorte war häufig unter Soldaten zu finden.

Das Gelage, das Carson angekündigt hatte, war am Ende doch nicht so exzessiv, wie Leech angenommen hatte. Zwar gab es Schnaps und Bier und reichlich zu essen, aber jeder der Männer war erpicht darauf, am nächsten Morgen zeitig aufbrechen zu können, und so hielt sich der Konsum in Grenzen.

„Im Fort können wir einiges an Fleisch und Fellen zu Geld machen oder eintauschen. Der Rest wird dann dort geräuchert und gepökelt. Auf dem Heimweg nach Scranton können wir den freien Platz auf den Kutschen mit neuen Büffeln auffüllen. Falls wir keine mehr finden sollten, macht das auch nichts. Wir haben gute Beute gemacht.“

Carson war zufrieden und seine Männer prosteten ihm zu. Leech, der, um nicht aufzufallen, nun doch etwas Bohnen und Büffelfleisch hinuntergewürgt hatte, fand vor Hunger, vor wirklichem Hunger, keinen Schlaf, stand auf und löste den Mann ab, der in dieser Nacht die Aas-Wacht hatte. Er ging nervös auf und ab und war froh, als sie am nächsten Morgen endlich aufbrachen.

Carson und er ritten an der Spitze des kleinen Trupps, während der Rest der Männer in lockerer Kette die Kutschen flankierte.

Leech war erleichtert, dass Carson ihm seine wortkarge Art nicht übel nahm und darauf verzichtete, ihn in ein Gespräch zu verwickeln oder auszufragen.

Gegen Mittag, die Prärie streckte sich scheinbar unendlich weit vor ihnen aus, deutete Carson auf eine Staubwolke am Horizont.

“Diese Herde muss riesig sein!“ Leech entdeckte die Staubwolke am Rande seines Sichtfelds und drehte den Kopf.

„Ja.“, sagte er nur und Carson sprach weiter.

„Ein Jammer, dass wir schon voll beladen sind, ansonsten könnten wir … Moment mal, was ist das? Da, ein Stückchen hinter der Herde?“

Leech versuchte zu entdecken, was der Mann neben ihm meinte und als er es fertig gebracht hatte, sagte er: „Das ist Rauch!“

„Ja, sieht verdammt danach aus!“

„Ist das das Fort?“ Leech war beunruhigt.

„Nein, das liegt viel weiter Richtung Osten, wir können es von hier aus noch nicht sehen.“

Leech nickte einmal zum Zeichen, dass er verstanden hatte, und dann noch einmal zur entfernten, im Vergleich zu der Staubwolke, winzigen Rauchsäule hinüber.

„Sollen wir hinreiten und nachsehen?“

„Nein, zu gefährlich. Sie mögen vielleicht ein Abenteurer sein, aber ich bin meinen Leuten verpflichtet. Ihnen und ihren Familien.“

 

Sie erreichten das Fort am frühen Nachmittag des nächsten Tages. Sie wurden schon aus großer Entfernung von den Wachposten auf den Palisadenwällen entdeckt, und als sie sich weiter näherten, wurden die Torflügel nach außen hin geöffnet und spuckten ein etwa vierzig Mann starkes Empfangskomitee aus, das auf Leech und die Jäger zu galoppierte.

Carson gab Zeichen zum Halten und zusammen erwarteten sie die Soldaten. Sie preschten direkt und in Formation auf den Tross zu, eben so, wie man es von der Kavallerie erwarten durfte.

Die Haare an Leechs Armen richteten sich auf, als er die Erde unter den Hufen der Pferde vibrieren fühlte. Carson war ebenfalls beeindruckt, aber dennoch wandte er sich zu Leech um.

„Na, da werden Erinnerungen wach, Sergant, was?“ Leech sah weg.

Angeführt wurden die Soldaten von einem schneidigen, jungen Mann, dessen eingestaubte, aber ansonsten tadellose Uniform ihm den Rang eines Majors verlieh. Im letztmöglichen Moment zügelte er sein Tier und kam vor Carson und Leech zum Stehen, während seine Leute, ebenfalls blau uniformiert, den Tross einkreisten.

Wie aus dem Lehrbuch.

„Ah, Carson, Sie sind´s. Der Colonel hat uns als Eskorte für die letzte Meile geschickt. Haben etwas Ärger zur Zeit.“

„Guten Tag, Major Silvers!“, tippte sich Jake Carson an den Hut. „Haben die Wagen voller Fleisch. Darf ich annehmen, dass wir willkommen sind?“