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Ein Klassiker der Schweizer Kriminalliteratur in der Tradition von Glauser und Dürrenmatt. Ausgezeichnet mit dem renommierten Friedrich-Glauser-Preis und verfilmt mit Bruno Ganz. Der Privatdetektiv Peter Keller kehrt nach vielen Jahren in sein Heimatdorf Schwant im ländlichen Emmental zurück. Er ermittelt im Mordfall einer jungen Frau. Beschuldigt wird Otto Balsiger, ein treuergebener Soldat aus Kellers Dienstzeit als Oberleutnant. Keller ist von dessen Unschuld überzeugt und will den wahren Täter finden. Je tiefer er in das Netz von Klüngel und Intrigen eindringt, desto deutlicher zeigen sich Risse in der vermeintlichen Dorfidylle. Keller merkt bald, dass er in einem stinkenden Misthaufen herumstochert, und während er die Wege des Geldes und der Macht im Dorf aufdeckt, kommt er der einflussreichen Sekte der Amositer in die Quere und gerät zunehmend selbst in Gefahr.
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Seitenzahl: 273
Veröffentlichungsjahr: 2019
www.lenos.ch
Sam Jaun
Roman
Der Autor
Sam Jaun, geboren 1935 in Wyssachen im Emmental. Er schrieb Romane, Erzählungen, Hörspiele und Theaterstücke. Sein Roman Die Brandnacht (1986) wurde mit dem »Glauser« ausgezeichnet und mit Bruno Ganz in der Rolle Kellers verfilmt, für den Roman Fliegender Sommer (2000) erhielt Sam Jaun den Deutschen Krimipreis. Der Autor starb 2018 in Bern.
Erstmals erschienen 1986
E-Book-Ausgabe 2019
Copyright © Antoinette Jaun-Kopp
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlagfoto: Marco Grob / snakefilm
eISBN 978 3 85787 975 3
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Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Er trat aus dem Wald, und plötzlich lag das Land vor ihm, sich wölbend, Hügel um Hügel, abfallend zum Talgrund, wieder aufsteigend zum Horizont. Die Wiesen, grün mit bunten Sprenkeln, wo das Gras der zweiten Mahd entgegenwuchs, hell- oder sattgrün, wo es jeden Morgen Streifen um Streifen geschnitten wurde, und die Getreidefelder, ergilbend – die Farben bald leuchtend im Licht, bald stumpf unter dem Wind. Die Häuser mit den roten oder grauen Walmdächern und den hölzernen Rundbogen unter den Giebeln, an die Hänge geduckt, in den Obstgärten lauernd. Die grauweissen Bänder der Fahrwege, die sich von Hof zu Hof wanden. Die Sträucher und Bäume an den Runsen entlang, deren Rinnsale zu Tal rieselten, und die Hecken. Die hundertjährigen Linden, einzeln auf den Kuppen. Im Tal, einer tiefen Mulde zwischen den Hügeln, deren Abhänge aus der Ferne täuschend sanft wirkten, nur der hölzerne Turm der Kapelle sichtbar, die neben dem Dorf auf einer Erhöhung stand. Darüber das ausgewaschene Blau des Julihimmels. Ringsum rauschte, raschelte, summte, zirpte und zwitscherte es. Tausend Gerüche. Er ergriff den Koffer, setzte die Sonnenbrille auf, und der Himmel wurde postkartenblau. Die Sohlen knirschten auf der Schotterstrasse, die Schuhe überzogen sich mit weisslichem Staub, als Keller talwärts schritt, auf Schwant zu, einen Ort, den er noch nie gesehen hatte, aus dem aber seines Vaters Vorfahren stammten und den deshalb das schweizerische Amtsdeutsch als seinen Heimatort bezeichnete.
Angefangen hatte es eine Woche zuvor. Im Odéon. Keller lümmelte in einem der Korbsessel unter der Markise auf dem Trottoir vor seiner Stammkneipe, die Arme auf der Brust verschränkt, die Beine, am kleinen Marmortisch vorbei, von sich gestreckt, die Füsse auf dem Hocker gegenüber, eine Löwe BC im Mund. Die Fassaden der Häuser auf der andern Seite der Bahnhofstrasse im Schatten, aber der Asphalt fast weiss in der Sonne. Sichtbar im Gegenlicht der Flaum auf den Waden der nackten, ausschreitenden Mädchenbeine. Der Strassenlärm träg. Lasch die Münder der jungen Männer, zusammengekniffen ihre Ärsche in den weissen Jeans. Am Trottoirrand eine tote Taube auf dem Gullydeckel. Dienstagvormittag in Biel, der zweisprachigen Stadt am Jurasüdfuss. Die süsse Lust, nichts zu tun, nur dazusitzen und die Sonne an den Beinen hochwandern zu lassen. Einer dieser Tage, an denen er die Stadt neu entdeckte: die Fledermausgaupe auf dem Dach gegenüber, der Mäanderfries über der Fensterreihe, die rotgesprayte Inschrift LEGALIZE HIMBEEREIS am Bordstein. Dieses verdammte Provinzkaff. Achtunddreissig Jahre seines Lebens hatte es gefressen. Er sehnte sich nach einer andern Stadt, und doch konnte er sich keine vorstellen, in der er es ausgehalten hätte. Die Sonne hatte die Knie erreicht. Er blies den Rauch der Zigarre auf die schwarzen Kordjeansbeine, um die Fliegen zu vertreiben, warf einen Blick ins Halbdunkel der Kneipe und sagte zum Schatten des Kellners hinter ihm: »Noch einen Kaffee, Piccolo.«
»Un moyen liquide«, rief Piccolo zur Theke, und in diesem Augenblick fiel Keller der Brief des Amtsgerichts ein, der im Briefkasten gelegen hatte und jetzt in der Tasche seiner schwarzen Lederjacke steckte. Er zog den Umschlag heraus und riss ihn auf. Zwei Briefe. Der eine maschinengeschrieben, amtlich.
Sehr geehrter Herr Keller,
im Auftrag des zuständigen Untersuchungsrichters, Herrn Gerichtspräsident L. Meier, übermittle ich Ihnen den beiliegenden Brief des Untersuchungsgefangenen O. Balsiger. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie sich in dieser Angelegenheit mit uns in Verbindung setzen würden.
Mit vorzüglicher Hochachtungder Gerichtsschreiber:Pius Imhof
Der andere handgeschrieben: ungelenk hingemalte Buchstaben auf liniertem weissem Papier. Geehrter Herr Oberleutnant! Kellers Finger krallten sich ins Papier. Oberleutnant. Damit war er gemeint. Nein, ein anderer, ein Keller, den es nicht mehr gab, ein Fremder mit glatter Stirn, Vollbart und lachbereitem Mund: Milizoffizier der Grenadiere, Spezialist des waffenlosen Kampfes und Teilzeitinstruktor an der Berner Polizeirekrutenschule; Kunstmaler und linker Sozialdemokrat – Widersprüche, die ihn nicht gekümmert hatten, damals. Das Leben reiten wie ein wildes Pferd, wie oft war diese grosssprecherische Wortblase an den Kneipentischen aus seinem Mund gequollen. Piccolo brachte den Kaffee. Keller liess sich vom ersten Schluck die Zunge verbrennen.
Geehrter Herr Oberleutnant!
Herr Meier Gerichtspräsident sagt er wird mir ein Fürsprech geben wenn ich Keine weiss. Aber zuerst will ich Euch fragen. Im Rüti-WK habt Ihr mir auch geholfen. Wisst Ihr noch? Leider ist das mein Letzter gewesen weil dann diese Sache passiert ist. Und jetzt wider. Damals hat mir der Fürsprech gesagt ich soll sagen ich bin es gewesen. Aber dann haben sie mich eingesperrt. Jetzt soll ich wider sagen ich bin es gewesen und ich will nicht. Ich bin wider nicht nüchtern gewesen das stimmt. Aber der Evi habe ich nichts getan. In Erwartung Eurer geschätzten Antwort zeichnet
HochachtungsvollOtto Balsiger
Grenadier Balsiger, die Dienstmütze im Genick, den Flammenwerfer auf den Rücken schwingend, als sei er ein Picknickrucksack, ein untersetzter Emmentaler, der Sündenbock für alles, was schieflief. Keiner der Zugführer hatte ihn in seinem Zug haben wollen, ausser Keller, und Balsiger hatte ihm das gelohnt, mit hündischer Anhänglichkeit. Keine Ahnung, womit er ihm damals geholfen hatte, aber an den Wiederholungskurs vor sieben Jahren in Rüti erinnerte er sich. Es war der letzte gewesen, den er beendet hatte. In dem im Jahr darauf war er in die Psychiatrische Klinik Wallner in Seebach eingeliefert worden. Irgendwann war er wieder herausgekommen, ausgemustert aus der Armee, ohne Lehrauftrag an der Polizeirekrutenschule, unfähig zu malen. Irgendwann hatte er entdeckt, dass er noch am Leben war, ein anderer Peter Keller, der seinem neuen, schäbigen Beruf nachging. Er steckte die Briefe in die Jackentasche zurück und schrie: »Piccolo! Piccolo!«
»Qu’est-ce qu’il y a, Pierre?«, fragte dieser erstaunt hinter ihm.
»Eine Flasche Aigle. In der Ecke hinten.« Keller setzte sich auf die mit Stoff bezogene Bank in der Nische neben dem Hintereingang, der dunkelsten im Odéon. Piccolo brachte den Eiskübel mit dem Weisswein, öffnete die Flasche, liess Keller kosten, schenkte das Glas voll, die Gesten präzis, das schmale Gesicht in der Maske des Berufs, und doch schimmerte etwas durch: Mitleid oder Verachtung. Keller setzte die Sonnenbrille vor die Augen und horchte in sich hinein. In den nächsten Stunden würde er bei den Gespenstern seiner Vergangenheit hausen. Er trank ihnen zu. »Wie der Mann ohne Schatten«, sagte er zum Ebenbild, das ihn im grossen Wandspiegel nachäffte.
Doktor Jonathan Schwartz betrachtete verliebt die zitternde bernsteinfarbene Flüssigkeit im Glas, das er zwischen Daumen und Zeigefinger in Augenhöhe hielt, netzte die Oberlippe im Schnaps, leckte, kostete, schluckte, schmatzte und sagte: »Armagnac!«
»Ich ziehe Wein vor.« Keller goss Yvorne nach, hob die Dreideziliterkaraffe beim Einschenken in einer fliessenden Bewegung hoch, damit auf der Oberfläche im Glas der knisternde Weissweinstern entstand, und kam sich albern vor, als ihm bewusst wurde, dass er Schwartz’ geniesserisches Gehabe nachahmte. Dieser sass ihm im Restaurant du Théâtre gegenüber, den Gottfried-Keller-Bart gesträubt, die gelbe Lederjacke über die Rückenlehne des Jugendstilsessels gehängt, die in Bluejeans steckenden Beine von sich gestreckt. Mittwochnachmittag. »Dass du noch immer Stammgast bist in dieser …« Keller fiel keine Metapher ein.
»… in diesem Mausoleum patrizischer bernischer Grösse?«, vollendete Schwartz den Satz. »Die Schwartz sind Bernburger. Seit zwei Jahrhunderten. Ich sehe keinen Grund, das Du Théâtre aufzugeben. Zudem ärgert es meine ehemaligen Freunde.« Er warf Keller über den Rand der Nickelbrille einen misstrauischen Blick zu. »Was willst du?«
»Einen Anwalt.«
»Was hast du denn ausgefressen?«
»Nicht ich. Hier. Lies.« Keller zog den Umschlag des Amtsgerichts aus der Jackentasche.
»Noch einen Armagnac, Georg«, rief Schwartz so laut, dass die Köpfe der vier weisshaarigen, Kuchen kauenden Bernburgerinnen am Nachbartisch herumfuhren. Die zerknitterte Haut an ihren Hälsen schien zu rascheln. Keller zündete eine Löwe BC an und blies den Rauch zu ihnen hinüber; er leuchtete im Sonnenstrahl, der auf das weisse, mit Krümeln übersäte Tischtuch fiel. Das Gefühl, bittersüss, leben zu wollen. Schwartz legte die Briefe ab, schnüffelte und nippte am zweiten Armagnac, den der Kellner gebracht hatte. »Du hast mit dem Untersuchungsrichter gesprochen?«
»Ich habe mit dem Gerichtsschreiber telefoniert. Man wird Balsiger unter Anklage stellen. Er soll eine Frau umgebracht haben. Als der Untersuchungsrichter ihm mitgeteilt habe, er solle einen Anwalt nehmen, sonst werde ihm einer zugewiesen, habe er gesagt, das wolle er mit mir besprechen, und diesen Brief geschrieben.«
»Und deshalb willst du ihm zu einem Anwalt verhelfen?«
»Nein. Weil ich fünfzehntausend Franken habe, die mir nicht gehören.«
Schwartz spitzte die Lippen und sog den letzten Tropfen Armagnac aus dem Glas. »Wie bist du zu dem Geld gekommen?«
»Als ich im Februar aus Portugal zurückkehrte, wurde ich in etwas hineingezogen. Erpressung, Raub, Mord. Eine seltsame Geschichte, an deren Ende ich mich mit fünfzehn Tausendfrankenscheinen wiederfand, die niemandem gehören und die ich nicht will.«
»Gib sie dem Roten Kreuz.«
»Nein. Sie sollen dazu dienen, jemanden zu verteidigen, der des Mordes angeklagt ist. Jemanden wie Balsiger. Das ist die angemessene Verwendung für dieses Geld.«
Schwartz, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, das Kinn auf den Daumen der verschränkten Hände, musterte Keller. »Es ist dir gelungen. Ich bin interessiert. Nicht an Balsiger. An deiner Geschichte.«
»Nein.«
»Also gut.« Schwartz grinste. »Ich übernehme Balsigers Verteidigung, vorausgesetzt, er ist damit einverstanden. Erzähl jetzt.«
Keller seufzte erleichtert, bestellte einen weiteren Armagnac für Schwartz, eine zweite Karaffe Yvorne für sich und erzählte von Pfarrer Gottfried Balmer, der sich mit der Mörderin Barbara verlobt hatte.
Keller stand, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, und fragte sich, wie das Licht beschaffen war. Stumpf, verendet, bevor es durch die vergitterten Fenster fiel. Er zündete eine Löwe BC an, rauchte einige Züge, liess den Stumpen zwischen den Lippen hängen und ausgehen. Der Geruch der erloschenen Zigarre gesellte sich zu dem des Raums, und der roch nach Krankenhaus. Allmählich schwand der Drang, die Tür aufzureissen und wegzurennen; er verfiel der Atmosphäre des Gebäudes. Am Metalltisch, auf einem der vier gelblackierten Holzstühle, hüstelte Schwartz und blätterte in irgendwelchen Papieren. Draussen das dumpfe Dröhnen des Verkehrs. Donnerstagvormittag.
Schwartz zog ein gelb-schwarz kariertes Taschentuch hervor, nahm die Brille ab, putzte sie, setzte sie wieder auf, schloss den Aktenkoffer auf seinem Schoss, legte die Hände gefaltet auf den Deckel und inspizierte die Nagelränder der aufgerichteten Daumen. Keller drehte den Stumpen zwischen den Fingern hin und her, gab vor, in den Anblick der erloschenen Zigarre versunken zu sein, und suchte nach den Worten, die das Schweigen zwischen ihnen brechen würden. Sie fielen ihm nicht ein. Endlich ging die Tür auf. Eine schwarze Uniform. Der Kantonspolizist, das Gesicht so steif wie das Dienstkäppi, schob Balsiger ins Zimmer. Der blieb stehen, schaute unsicher vom Mann auf dem Stuhl zu dem an der Wand, erkannte Keller und richtete sich mit einem Ruck auf. »Herr Oberleutnant! Ich hab’s gewusst. Sie lassen mich nicht im Stich.«
Dieser Klotz von einem Kopf, die Strähnen des kurzen braunen Haars in der Stirn, die zwei Schweisstropfen über der Nasenwurzel, die helle Narbe über der linken Braue, der ganze ungeschlachte Mann vor ihm ein Bild aus der Vergangenheit: Es roch nach Gewehrfett, Lederzeug und Schweiss, nach dem Blütenstaub im Wind, der die Wolken zerfetzte, die scheckigen Uniformen krochen wie Riesenmaden über die Sumpfwiese, die Sturmgewehre schepperten, die Bereitmeldungen rumpelten in emmentalisch gefärbtem Schriftdeutsch, eine nach der andern, in den Frühlingsmorgen, während Keller auf dem Hügel stand, die Hände auf dem Rücken verschränkt, auf den Schuhsohlen wippend, die drei obersten Knöpfe des grünen Waffenrocks, an dem Fichtennadeln klebten, offen, und in Balsigers strahlendes Idiotengesicht schaute. Das anbiedernde, herablassende Du des vollbärtigen Grenadieroberleutnants, der er vor sechs Jahren gewesen war, glitt ihm selbstverständlich über die Lippen. »Hast du wieder Mist gebaut, Balsiger?«
»Jawohl, Herr Oberleutnant.«
»Die Handschellen, bitte.« Schwartz’ Stimme riss Keller in die Gegenwart zurück.
»Wie Sie meinen, Herr Doktor.« Der Kantonspolizist nahm Balsiger die Handschellen ab und verliess das Zimmer.
»Nennen Sie mich nicht so, Otto. Ich bin nicht mehr Oberleutnant.« Balsiger blickte Keller verwirrt an. Dieser fasste ihn am Arm und zog ihn zu Schwartz hinüber, der noch am Tisch sass. »Das ist Herr Doktor Schwartz. Er ist Anwalt und wird …« Er bemerkte Balsigers verständnislose Miene. »Der Fürsprech, Otto. Er wird Ihre Verteidigung übernehmen.«
Schwartz stand auf und streckte die Hand aus, aber Balsiger wandte sich ab, ohne sie zu ergreifen, und sagte zu Keller: »Aber Herr … Das geht doch nicht. Ich dachte, Sie würden …«
»Nein, Otto«, unterbrach ihn Keller, »nicht ich. Herr Doktor Schwartz. Sie werden ihm alles sagen, genau, wie es war, und tun, was er Ihnen sagt.« Balsiger schüttelte den Kopf, Furchen auf der Stirn. »Alles, was er dir sagt. Als sei ich es selbst. Ist das klar, Balsiger?«
Der vertraute Kommandoton vertrieb die Runzeln. »Jawohl, Herr Oberleutnant.« Balsiger streckte zögernd die Hand aus, und Schwartz schüttelte sie. Als Keller das Untersuchungsgefängnis verliess, fiel ihm ein, warum er sich damals im Militärdienst Balsigers angenommen hatte. Er kam aus Schwant, dem unbekannten Dorf im Emmental, aus dem auch seine Vorfahren stammten.
»Das ist doch läppisch, Jonathan«, widersprach Keller. »Ich würde letztlich mich selbst bezahlen.«
»Ich habe Balsigers Verteidigung übernommen.« Schwartz schüttelte den Zeigefinger über dem Schreibtisch. »Und dafür werde ich honoriert.«
»Ja. Von mir.«
»Egal. Als Balsigers Anwalt beauftrage ich dich mit Ermittlungen. Und dafür wirst du honoriert. Bist du mit einem Tagessatz von zweihundertfünfzig Franken einverstanden?«
Keller nickte und lachte. »Spesen zusätzlich.«
Dienstagvormittag. Sie sassen in Schwartz’ Arbeitszimmer. Die Kassettendecke, das Eichenpaneel, die Stiche an den Wänden, die Taftvorhänge, der bis zur Decke reichende Spiegel im vergoldeten Rahmen über dem offenen Kamin aus schwarzem Marmor – alles troff von Würde. Seit zwei Jahrhunderten hatten irgendwelche Schwartz in dieser herrschaftlichen Wohnung gelebt. An der Wand gegenüber vom Kamin, im Gehrock, das Doppelkinn auf den Eckenkragen gestützt, den Backenbart gesträubt, in Öl porträtiert, betrachtete einer von ihnen missbilligend seinen Nachfahren, den Anwalt Jonathan Schwartz, der auf einem fleckigen hölzernen Bürodrehstuhl sass, an seinem knallgelben Plastikschreibtisch, und auf den zwischen den Armlehnen eines Empiresessels eingeklemmten Privatdetektiv Peter Keller einredete. Draussen in der Gerechtigkeitsgasse ratterte der Trolley des Schosshaldenbusses an der Fahrleitung entlang, vom Bärengraben zum Hauptbahnhof Bern.
»Ich kann mir zwar jetzt ein Bild machen, aus den Akten und dem, was ich aus Balsiger herausgebracht habe, aber das genügt nicht. Balsiger … Er arbeitet, wie du weisst, als Knecht auf dem Jordihof, einem dieser für das Emmental typischen Einzelhöfe. ›Ist Knecht‹ wäre wohl genauer, denn als Bauernknecht zu arbeiten im Emmental ist ein Zustand. ›Landwirtschaftlichen Gehilfen‹ nennen sie ihn in den Gerichtsakten. Also Balsiger hat jeden zweiten Sonntag frei.« Schwartz dozierte, die Hände auf dem blauen Hemd über dem Bauch gefaltet. »An diesen Tagen pflegt er sich nach der Predigt in den Adler zu begeben, sich zu besaufen und irgendwann am Nachmittag zurückzukehren, um den Rausch auszuschlafen, allerdings nicht zu Hause, da seine Mutter, bei der er lebt, seine Kneipenbesuche missbilligt, sondern auf dem Heuboden einer zum Jordihof gehörenden Scheune. So auch am Sonntag vor drei Wochen. Möchtest du etwas trinken?«
»Nein.«
Schwartz seufzte. »Also am Abend desselben Sonntags kam Eva Drechsel, die Tochter der Pächterin des Hotels Schwantbad, von einem Spaziergang abends nicht zurück. Am Montagnachmittag wurde sie im Schiltwald gefunden, erwürgt, nackt.«
»Vergewaltigt?«
»Der gerichtsmedizinische Bericht schliesst nicht aus, dass sie Geschlechtsverkehr gehabt hat. Aber kein Sperma – und keine Verletzungen. Ihre Kleider waren verschwunden. Der Arzt meint, sie sei am Sonntag zwischen achtzehn und neunzehn Uhr umgebracht worden, der Mörder müsse ungewöhnlich kräftig sein und Hände haben wie Schaufeln.«
»Balsiger!«
»Der erinnert sich an nichts, weiss nicht, wie und wann er nach Hause beziehungsweise in die Scheune gelangt ist. Aber es gibt Zeugen. Er verliess den Adler ungefähr um sechzehn Uhr dreissig. Besoffen, wie immer an seinen freien Sonntagen. Elf grosse Biere und ebenso viele Schnäpse.« Schwartz breitete eine Landkarte auf dem Schreibtisch aus und tippte mit einem Bleistift auf die Gruppe winziger schwarzer Rechtecke. »Schwant. Von der Kneipe aus ging Balsiger auf der Strasse am Schwantbach entlang hinunter bis zum oberen Ende der Schlucht. Etwa um siebzehn Uhr fünfzehn sah ihn ein Autofahrer die Brücke beim Hotel Schwantbad überqueren. Nun folgte er der Schwantbodenstrasse bis zur Kreuzung hinauf, wo der Fahrweg zum Jordihof abzweigt. Kurz nachdem dieser in den Schiltwald mündet, beginnt der Fussweg – er ist auf der Karte nicht eingetragen –, der quer durch den Wald zur Scheune hinaufführt.« Schwartz zeichnete mit dem Bleistift einen kleinen Kreis ins Grün des Waldes. »Ungefähr um achtzehn Uhr muss er sich hier irgendwo befunden haben – und hier hat man in einer Lichtung unterhalb des Fusswegs die Leiche entdeckt. Kurz bevor Balsiger die Brücke überquerte, also zwischen siebzehn und siebzehn Uhr fünfzehn, verliess Eva Drechsel ihr Zimmer, um, wie sie sagte, etwas Luft zu schnappen. Jemand sah sie vom Fenster aus die Schwantbodenstrasse hinaufspazieren. Man nimmt an, dass Balsiger sie unterwegs eingeholt hat.«
»Und das genügte?«
»Vor sechs Jahren wurde, ungefähr an gleicher Stelle, eine Frau überfallen. Es war auch ein Sonntagnachmittag, an dem Balsiger besoffen unterwegs zur Scheune war, allerdings im Winter; es war bereits dunkel und schneite. Sie konnte sich losreissen und rannte, verletzt, halbnackt, zum Hotel Schwantbad hinunter. Zwar hatte sie ihren Angreifer nicht erkannt, aber man fand ihren Mantel und ihren Pullover auf dem Fussweg, Fetzen ihres Unterhemds und den Büstenhalter in der Scheune, im Heu, auf dem Balsiger seinen Rausch ausgeschlafen hatte. Er wurde angeklagt und verurteilt.«
»Und deshalb soll er jetzt die Drechsel umgebracht haben?«
»Balsiger kannte sie. Dort, wo der Fahrweg vom Jordihof aus dem Schiltwald kommt, steht auf einem Hügelchen eine alte Linde mit einer Bank. Auf dieser wartete sie ab und zu abends auf ihn, wenn er die Milch zur Molkerei in Schwant brachte. Die vom Jordihof machen das noch mit dem von einem Pferd gezogenen zweirädrigen Karren. Sie setzte sich dann neben ihn auf den Bock und fuhr mit bis zum Hotel. Dabei … Nun ja. Sie trieb ihr Spiel mit ihm, legte es darauf an, ihn scharf zu machen. Das war bekannt. Man nimmt an, dass sie das auch am Sonntag versucht und er, als sie sich ihm entzog, zugepackt hat. Ein bärenstarker Mann wie Balsiger, der sich seiner Kraft nicht bewusst ist, besoffen …« Schwartz zuckte die Schultern.
»Und die Kleider?«
»Viele waren das nicht. Sie war barfuss. Sie scheint oft so spazieren gegangen zu sein bei warmem Wetter. Sie trug nichts als ein blaues Sommerkleid und einen Slip. Man nimmt an, dass er die Sachen später hat verschwinden lassen beziehungsweise …«
»Man nimmt an?«
»Das eine Kleidungsstück hat man gefunden. Den zerrissenen blauen Slip. Wieder in der Scheune, im Heu, auf dem Balsiger seinen Rausch ausgeschlafen hat. Das Kleid bleibt verschwunden. Ebenso ein silbernes Halskettchen mit einem Jadestein.«
»Ach, du Scheisse! Also ist er’s doch gewesen.«
»Er behauptet, sich an nichts zu erinnern, aber er sagt, er würde es wissen, wenn er der Evi begegnet wäre, wenn er sie gewürgt hätte. Vor sechs Jahren, da sei er’s auch nicht gewesen. Doch der Anwalt habe ihn zu einem Geständnis überredet.«
»Glaubst du ihm?«
»Wenn ich morgen sagte, er solle sich schuldig bekennen – er würde ein Geständnis ablegen. Er hat deinen Befehl, zu tun, was ich sage, wörtlich genommen. Ihm glauben? Ja. Nein. Keine Ahnung, was ich glauben soll. Aber ich habe ein Gefühl. Das Gefühl, irgendetwas ist faul.«
»Dieser Anwalt vor sechs Jahren, war das ein Pflichtverteidiger?«
»Nein. Den haben die vom Jordihof gestellt.«
»Was erwartest du von mir?«
»Dass du nach Schwant gehst und dort herumschnüffelst.«
»Um herauszufinden, ob dein Gefühl stimmt?«
»Nein. Bring mir ein Bild von Schwant zurück – und von Balsiger.«
»Warum fährst du nicht selbst?«
»So etwas liegt mir nicht. Du hast vierzehn Tage. Aufgrund deines Berichts werde ich entscheiden, wie ich ihn verteidigen will.« Schwartz nahm einen mit Schreibmaschine beschriebenen Briefbogen aus der Schublade und reichte ihn Keller. »Hier. Die Bestätigung, dass du für Balsigers Anwalt arbeitest.«
Der Mann auf der andern Strassenseite schob die letzte Karre in einem Anlauf über die Bohle auf den Misthaufen und kippte sie. Er trug ein altes Militärhemd und eine blaue, dungverschmierte Arbeitshose mit zwei Seitenschlitzen statt Taschen. Aus dem einen lugte ein grüner Hemdzipfel hervor; er hatte offensichtlich keine andere Hose darunter an. Ein rundes Käppchen, das aus dem obersten Teil eines Filzhutes herausgeschnitten war, sass wie eine Parodie der Kopfbedeckung orthodoxer Juden auf den kurzen grauen Locken. Einen Augenblick verharrte er neben der Schubkarre, fuhr, die Faust um den Gabelstiel geschlossen, mit dem Zeigefinger der andern Hand unter das Filzkäppchen, um sich zu kratzen. Dann verteilte er den Mist und schichtete sorgfältig die Gabelladungen, die an den Rand kamen. Die Seiten des rechteckigen Haufens sahen aus, als seien sie geflochten, aus fetten Strängen von Kuhdung und Stroh: ein klassischer emmentalischer Miststock. Keller zog den Stuhl ans offene Fenster und setzte sich. Dienstagabend. Nach der Unterredung mit Schwartz am Vormittag in Bern war er nach Biel zurückgekehrt und hatte den Koffer gepackt. Statt der Hauptstrasse über Zill hatte er die Nebenstrasse über die Brandegg genommen. Im Brandeggwald, mitten in einer Kurve – an der Gemeindegrenze, wie er später erfuhr –, hatte plötzlich der Asphaltbelag aufgehört. Der Deuxchevaux-Kastenwagen war auf dem Schotter ins Rutschen geraten, über den Strassenrand hinausgeschlittert und, das linke Vorderrad zwischen zwei jungen Buchen verkeilt, stehen geblieben. So war er zu Fuss nach Schwant gekommen, zweieinhalb Stunden später als geplant. Jetzt sass er am Fenster seines Zimmers im Gasthof Adler und schaute hinaus. Die Kuppen der Hügel, die im Westen, eine die andere überragend, zum Wald aufstiegen, aus dem er vier Stunden zuvor herausgetreten war, den Koffer in der Rechten, und aufs Tal hinausgeblickt hatte, leuchteten hellgrün, während die Abhänge, schwarzgrün, im Schatten lagen. Der Himmel, fleckenlos blau, ohne die schmutzig weissen Ränder wie in Biel, färbte sich am Horizont, der gezackten Silhouette des Brandeggwaldes, zögernd rosa. Darüber schwebte die Sonne, hingemalt. Ihre Strahlen blitzten von den silbernen Stanniolblättern, die in den fruchtbehangenen Kirschbäumen der Obstgärten flatterten, um die Vögel zu verscheuchen. Hunde bellten, irgendwelche Metallgeschirre schepperten, die Stimmen unsichtbarer Menschen, der Schwantbach rauschte, aus dem Stall hinter dem Misthaufen gegenüber das langgezogene Muhen einer Kuh. Ein Junge, der einen Karren hinter sich herzog, kam die Dorfstrasse herunter, barfuss, in einer Turnhose, den Oberkörper nackt, und kratzte mit einer roten Plastikschaufel Pferdeäpfel vom Asphalt. Der Wind war lau, roch faulig-süss nach dem Wasser des Bachs, nach Dung, nach Heu. Licht von dieser Qualität, dachte Keller und seufzte, wehmütig, wollüstig, als sitze er am Fenster zu einer andern Zeit.
Die Bruchsteinmauer sog die Strahlen der Abendsonne auf. Flocken von Rostschutzfarbe blätterten von der Gittertür, als Keller sie aufstiess und hinter sich wieder schloss. Vereinzelt wucherten kurze, von Vertilgungsmitteln entfärbte Unkrautbüschel im Kies. Er ging auf dem Weg, der die Gräberreihen entzweischnitt, zwischen den Lebensbaumhecken hindurch, auf den mit Granitplatten ausgelegten Platz am andern Ende zu, in dessen Mitte die Äste einer Trauerweide auf die Fliesen herabhingen. Er trat an den Brunnen dahinter – das Steinbecken ragte aus der Mauer, die auf der andern Seite zum Schwantbach abfiel –, liess Wasser in die hohle Hand rinnen und spritzte es sich ins Gesicht. Nur der vordere Teil des Friedhofs war belegt. Der Rest, von magerem Gras bewachsen, war leer bis auf vier kleine Gräber an der Mauer über dem Bach. Hier verwesten die ungetauften Kinder. Keine Leichenkapelle. In einer Ecke ein Haufen von Grabsteintrümmern, die Namen und Inschriften auf den Bruchstücken zu willkürlichen, rätselhaften Silben zerrissen. Er schritt die Gräberreihen ab. Kein Grab war älter als fünfundzwanzig Jahre. Vier Keller entdeckte er. Der eine, Melchisedek Keller, vor sechzehn Jahren verstorben, muss sein Grossonkel gewesen sein. Wenn dessen Nachkommen noch hier lebten, dann hatte er entfernte Verwandte in Schwant. Erst nach geraumer Weile fiel ihm der Unterschied auf: Links vom Mittelweg standen zumeist Grabsteine, auf die irgendwelche Sprüche wie IHR LEBEN WAR LIEBE UND ARBEIT oder Bibelzitate eingemeisselt waren; rechts nur Holzkreuze mit schmalen Giebeldächern aus Blech, und alle trugen unter den Namen und den Jahreszahlen dieselbe Inschrift EINGEGANGEN ZUM HERRN. Auch Melchisedeks Gebeine ruhten unter einem davon. Toblers rhetorische Frage: »Wer hat hier sonst solche Namen!« Natürlich. Unter den Holzkreuzen lagen die Sektierer. Sogar im Grab war ihnen keine Hoffart gestattet. Aaron. So hatte sein Grossvater geheissen. Dass seine Vorfahren dazugehört hatten, das hatte er nicht gewusst. Er lachte. Die Laute klangen wie durch Watte, und er roch nichts, als sei sein Geruchssinn betäubt. Er ertastete mit der Zunge die Plomben und die Stiftzähne im Mund. Die Friedhofsstille wuchs. »Ergib dich dem Leben«, sagte er laut und dachte an die Flasche Wein im Auto. Über ihm rüttelte ein Falke, als sei Keller die von ihm belauerte Beute. Mittwoch. Bereits der zweite Abend, an dem er die Sonne ihr kitschiges Rosa am Himmel über Schwants Horizont ausgiessen sah.
»Die Jordis?« Schwengeler hustete, berührte mit zitternden Fingern die Lippen. Seine schweren Atemzüge wehten die Schnapsfahne über den Schreibtisch.
Keller fuhr sich wie Schwengeler mit der Hand über den Mund, grinste, verlegen und verschwörerisch, wie er hoffte, und fragte: »Hätten Sie etwas zu trinken?« Ein Lächeln stahl sich in Schwengelers Gesicht. Er stand auf und watschelte zum Wandschrank. Im Nu standen eine Flasche Gravensteiner und zwei volle Gläser auf dem Schreibtisch. Sie stiessen an und tranken in einem Zug aus. Schwengeler schenkte wieder ein und kippte auch den zweiten Apfelschnaps hinunter, während Keller nur daran nippte. Mittwochvormittag, kurz nach neun. Am Abend zuvor hatte er aus dem Adler in Schwant die fünf Reparaturwerkstätten in Zill, die er im Telefonverzeichnis unter dem Stichwort »Garagen« gefunden hatte, angerufen und gefragt, ob sie seinen Wagen noch heute abschleppen würden. Umsonst. Schliesslich hatte ihm die Kellnerin geraten, es bei der Genossenschaftlichen Reparaturwerkstätte zu versuchen, und es hatte geklappt. Zwar konnte er den Wagen erst am späten Nachmittag abholen, aber er war bereits mit dem Achtuhrbus nach Zill, dem Bezirkshauptort, gefahren.
»Mit den Jordis habe ich nichts mehr zu schaffen.« Schwengelers schwabbelige Wangen, rosa angehaucht, hatten sich gestrafft.
»Weshalb?«
»Weil ich nicht mehr … Es ist privat.« Schwengelers Hand war zur Flasche gekrochen. Aber er zog sie zurück.
»Warum haben Sie Balsiger damals, vor sechs Jahren, zu einem Geständnis überredet?«
»Er lügt. Balsiger ist nicht richtig im Kopf. Sonst hätte ich ihn verklagt. Wegen übler Nachrede. Überall erzählt er das herum, seit er entlassen worden ist.« Schwengelers Rechte schloss sich um die Flasche und rückte sie neben das Glas. »Aber jetzt sitzt er ja wieder.«
Keller stand vom abgewetzten Besuchersessel auf. »Was für ein Spiel wurde vor sechs Jahren mit Balsiger getrieben?«
»Ich habe im Interesse meines Klienten gehandelt.« Schwengeler schickte sich an, den Pfropfen aus der Flasche zu ziehen.
Keller riss sie ihm aus der Hand. Der Pfropfen rollte über die Tischplatte und fiel auf den grauen Nadelfilzteppich. »Ich werde es herauskriegen, Schwengeler.«
»Was fällt Ihnen ein? So lasse ich mir nicht kommen.« Schwengeler blickte wie gebannt auf die Schnapsflasche in Kellers Hand.
»Ich will mit dem Wachtmeister sprechen, der vor sechs Jahren mit dem Fall zu tun hatte. Wo ist die Polizeiwache?«
»Nein, mit dem Bärenwirt.« Schwengeler schien erfreut. »Tobler ist nicht mehr bei der Polizei. Er führt jetzt das Restaurant Bären.«
Keller stellte die Flasche auf den Schreibtisch und ging. Als er die Tür mit der Aufschrift ELIAS SCHWENGELER – RECHTSANWALT UND NOTAR hinter sich geschlossen hatte, hielt er die Finger beider Hände, gespreizt und ausgestreckt, vor die Augen. Sie zitterten nicht.
Draussen, irgendwo hinter dem Fliegengitter im Rahmen des offenen Fensters, kreischte in regelmässigen Abständen eine Motorsäge auf. Drinnen sauste das Fleischmesser auf und nieder, jedes Mal knapp an den Fingerspitzen vorbei, und schnitt im Rhythmus der Schläge Schnipsel um Schnipsel von der Leber. Wo die Hand diese auf den Hackklotz presste, quoll Blut unter den Fingerbeeren hervor. Von der Stirne fiel ein Schweisstropfen ins zitternde Gewimmel der braunroten Fetzen. Keller hatte im Restaurant Bären nach dem Wirt gefragt, und man hatte ihn in die Küche gewiesen. Tobler, als Koch kostümiert, antwortete ihm, ohne die Arbeit zu unterbrechen: »Damals, vor sechs Jahren, dachte ich, der Otto war’s nicht. Ich glaubte, man wolle ihn zum Sündenbock machen. Doch ich täuschte mich. Er gestand.«
»Unter Druck?«
»Wie meinen Sie das?« Tobler klatschte einen neuen Leberlappen auf den Hackklotz und warf Keller einen misstrauischen Blick zu, bevor er zu schneiden fortfuhr.
»War sein Anwalt dabei?«
»Schwengeler? Er war es, der nach dem Untersuchungsrichter verlangte, da Balsiger ein Geständnis ablegen wolle.«
»Was ist mit Schwengeler eigentlich los?«
Tobler lachte. »Seine Exfrau. Dabei hätte er’s wissen sollen. Seine Mutter gehörte ja auch zu ihnen. Elias. Wer hat hier sonst solche Namen! Für die ist die Ehe etwas Unauflösliches. Aber er verliess seine Frau. Und die saugt ihn ganz schön aus. Beim Geld hört auch bei den Sektierern in Schwant das Christentum auf. Dazu geht er jetzt mit der vom Puff. Das ist zu viel. Der Neffe seiner Frau droht, ihn krankenhausreif zu schlagen.«
»Schwengelers Exfrau kommt aus Schwant?«
»Sie ist eine Jordi.«
»Vom Hof, auf dem Balsiger Knecht ist?«
»Die jüngere Schwester des Bauern.«
»Wen verdächtigten Sie damals, bevor Balsiger sein Geständnis ablegte?«
»Nein, Herr Keller.« Tobler legte das Messer auf den Hackklotz, steckte den unzerteilten Rest der Leber, ein daumenballengrosses Stück, in den Mund und kaute. Ein dünnes Blutrinnsal lief ihm über das bartstoppelblaue Kinn. »Frisch. Noch fast warm. Möchten Sie auch kosten?« Plötzlich hing ein Leberschnipsel, von Toblers Finger pendelnd, zwischen ihnen. Keller stiess es sauer auf. Tobler grinste, legte den Kopf zurück und sog den Leberfetzen mit aufgestülpten Lippen in den Mund, fischte einen Petersilienstängel aus der Schüssel neben dem Hackklotz, schob ihn der Leber nach und wischte mit dem Handrücken Kinn und Mund ab. »Nicht jedermanns Sache, rohe Leber zu essen. Aber gesund.« Er stiess die Schwingtür zum Restaurant auf, rief über die Schulter: »Einen Augenblick!«, und verschwand. Keller lehnte sich an die gelb-weiss gekachelte Wand und schnupperte. Es roch nach Blut. Tobler kehrte mit zwei Schnapsgläsern zurück, reichte das eine Keller. »Wohl bekomm’s!«
Das Glas duftete. Apfelschnaps. Der schien hier bei einem Gespräch dazuzugehören. Keller trank aus und versuchte, wie Tobler zum Zeichen der Wertschätzung mit der Zunge zu schnalzen. »Vorausgesetzt, Sie wären noch bei der Polizei und es würde sich herausstellen, dass Otto Balsiger Eva Drechsel nicht umgebracht hat, wen würden Sie dann verdächtigen, Herr Tobler?«
Der Wirt schaute Keller abschätzend an. »Die im Puff.« Der Schatten eines verschmitzten Lächelns flog über sein Gesicht.
»Im Puff?«
»Im Hotel Schwantbad.«
»War die Drechsel eine Dirne?«
»Ein Luder war sie. Aber eine Dirne eigentlich nicht.«
»Ein Bordell in Schwant? Wie ist das möglich?«
»Fragen Sie Schulthess, meinen Nachfolger, den neuen Chef der Polizeiwache hier in Zill.«
An der Wand hing, das Lederkoppel mit der Pistolentasche noch umgelegt, die Uniformjacke, gekrönt vom steifen Dienstkäppi, wie eine schwarze Vogelscheuche vor dem gebrochenen Weiss des Putzes. Plastik- und Metallmöbel. Keller sass, die Beine übereinandergeschlagen, auf einem Stuhl vor dem Schreibtisch. Als er das Schildchen BITTE NICHT RAUCHEN erblickte, fuhr seine Hand in die Jackentasche, um die Zigarrenpackung hervorzuholen und eine Löwe BC anzuzünden. Aber er zog sie wieder heraus, leer, liess die Arme baumeln und wippte mit dem linken Schuh. Das Sonnenlicht, das durch die offenen Fenster strömte, blendete ihn. Hinter dem Schreibtisch der Umriss eines Mannes: Schulthess. Er hatte Schwartz’ Brief überflogen und beantwortete Kellers Fragen, höflich, wortreich, aber ohne etwas mitzuteilen. Als Kellers Augen sich ans Licht gewöhnt hatten, versuchte er, in Schulthess’ Gesicht zu lesen. Doch die Haut lag straff, als gehöre sie zur Uniform, über den Knochen. Er stellte sich vor, Schulthess sitze auf der Klobrille und entleere, die schwarze Hose und die weisse Unterhose in einem Wulst auf den Dienstschuhen, strengen Gesichts den Darm. Die Vorstellung erheiterte ihn nicht. »Hätten Sie vielleicht einen Schnaps?«, fragte er.
»Nicht im Dienst, Herr Keller.« Ein massgeschneidertes Lächeln kräuselte Schulthess’ Lippen. Keller gab auf.
Nur einmal blitzte in den Amtsaugen des Wachtmeisters etwas auf. Als Keller sagte, Tobler habe ihm geraten, ihn zu fragen, warum die Polizei das Bordell in Schwant dulde, entschlüpfte Schulthess der Satz »Der soll vor seiner eigenen Tür wischen«, bevor er auseinandersetzte, der Betrieb im Hotel Schwantbad funktioniere so, dass das Gesetz keine Handhabe biete, um einzugreifen.
