Verlag: Zeilengold Verlag Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Die Braut des blauen Raben E-Book

Mariella Heyd  

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E-Book-Beschreibung Die Braut des blauen Raben - Mariella Heyd

Die Braut des blauen Raben – eine magisch-mysteriöse Liebesgeschichte, die polnischen Märchen neues Leben einhaucht. Alte Sagen berichten, dass Raben die Albträume bringen. Dank einer Hellseherin sind sie jedoch seit Langem aus dem Dorf verschwunden, in dem Lobna lebt. Als die jährliche Hochzeitszeremonie bestimmt, dass Lobna einen totgeglaubten Junggesellen heiraten soll, wendet sich das Blatt. Raben fallen über das Dorf her und Lobna wird in den Wald getrieben, in dem ihr Verlobter verschwunden ist. Tief im Tannendickicht entdeckt sie ein dunkles Geheimnis. Kann sie ihrem Herzen trauen oder wird ihre Liebe ihr Untergang sein?

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E-Book-Leseprobe Die Braut des blauen Raben - Mariella Heyd

Die Braut des blauen Raben

Mariella Heyd

Besuchen Sie uns im Internet:

www.zeilengold-verlag.de

Nadine Skonetzki

Konstanzer Str. 68

78315 Radolfzell am Bodensee

info@zeilengold-verlag.de

1. Auflage

Alle Rechte liegen bei Zeilengold Verlag, Radolfzell 2017

Buchcoverdesign: Coverandbooks / Rica Aitzetmueller

Illustrationen: Maja Köllinger

Lektorat: Christine Hochberger, www.buchreif.de

Korrektorat: Viktoria Weit

Satz: Stefan Stern, www.wortdienstleister.de

ISBN Print: 978-3-946955-03-0

ISBN Ebook: 978-3-946955-94-8

Alle Rechte vorbehalten

Ein Titeldatensatz für diese Publikation ist bei der

Deutschen Nationalbibliothek erhältlich.

Über die Autorin

Mariella Heyd, 1989 geboren, studiert und lebt ganz in der Nähe von Frankreich. Ihre Freizeit widmet sie ihren drei Katzen und der Belletristik. Seit ihrer Kindheit reißen sie Romane aller Art in ihren Bann. Besonders R. L. Stines „Fear Street“-Reihe hat in ihr schon früh das Interesse an dem Sonder- und Wunderbaren geweckt. Bereits im Alter von zwölf Jahren schrieb Mariella Heyd eigene Kurzgeschichten, später entdeckte sie das Bloggen für sich, und verwirklichte 2016 mit ihrem Debütroman „Elfenfehde“ ihren Traum vom eigenen Buch. Ihre Arbeit als Gesundheits- und Krankenpflegerin half ihr stets dabei, über den Tellerrand der Realität hinaus zu blicken und neue Welten zu erschaffen.

Die Brautdes blauen Raben

Mariella Heyd

Für meine Eltern,

die meiner Fantasie Flügel schenkten.

Inhaltsverzeichnis

Die Braut des blauen Raben

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

Danksagung

1. Kapitel – Czarny Kruku, 1840

Der geflochtene Weidenkorb ächzte, als Lobna ihn auf den Küchentisch in Manteias bescheidenem Häuschen stellte. In den beiden karg eingerichteten Zimmern gab es nicht mehr als ein Strohbett, einen Waschzuber, einen Kamin, zwei Schränkchen und einen verbogenen Tisch mit Stühlen. Die einzige Besonderheit bildeten Manteias sonderbare Gegenstände, wie etwa die verbrannten Knochen von Tieren, die sie als Orakel für Weissagungen nutzte. Oder die Flaschen in denen Käfer, Schlangen und anderes Getier in trüben Flüssigkeiten schwammen. Lobna ekelte sich vor diesen Tinkturen und Zaubertränken. Außerdem war Hexenwerk nicht gern gesehen. Manteia war die Einzige im Dorf, die ihr Hexenbänkchen über der Haustür nicht abgesägt hatte. Einst diente der Balken dazu, Hexen bei Nacht mit ihren Besen einen Platz zur Rast zu bieten. Inzwischen wollte man solche Wesen fern vom Dorf halten.

»Eine Kanne Milch, ein Laib Brot, ein Krug Wein und etwas Käse«, zählte Lobna auf, was sie für die alte Frau gekauft hatte.

Manteia saß währenddessen neben dem rostigen Ofen, schürte das Feuer bis Funken aufstoben und nickte. Sie war mindestens hundert Jahre alt, und für jedes Lebensjahr trug sie eine runzlige Falte im Gesicht. Sie machte sich längst nichts mehr aus einem gepflegten Äußeren. Ein Bad alle zwei Wochen und ein Kopftuch, um die kahlen Stellen auf dem Haupt zu verdecken, genügten ihr. Nur auf ihre großen, schweren Goldohrringe, die ihr einst ihr Mann geschenkt hatte, wollte sie nicht verzichten. Sie waren das einzige Andenken, das sie noch an ihn besaß.

»Gut gemacht, Kind. Ich hoffe, das Brot ist weich genug für meine Hauer.« Sie steckte einen knorrigen Finger in den Mund und wackelte an einem der wenigen Zähne, die sie noch besaß. Die Übrigen waren ihr längst ausgefallen oder wiesen schwarze Stellen auf.

»Ganz frisch mit dünner Kruste«, entgegnete Lobna. »Kolja hat es extra früher aus dem Ofen genommen. Inzwischen weiß er ja, wie du es am liebsten isst.« Sie nahm einen gefalteten Zettel aus dem Korb und legte ihn mit dem Restgeld in eine zerbeulte Blechdose.

Manteia hob den Kopf, dann drehte sie sich zu Lobna um. Sie zog an ihrem ohnehin schon langen Ohrläppchen, das ihr durch die schweren Creolen fast bis auf die Schultern reichte. »Täuschen mich meine Lauscher oder höre ich tatsächlich nur ein paar Groszy klimpern? Lass mich noch mal horchen.«

Lobna nahm die Münzen wieder aus der Dose und ließ erneut eine nach der anderen hineinfallen. Mit jedem Geldstück schepperte es blechern.

»Da staunt man nicht schlecht«, sagte Manteia. »Hat der alte Knauser Aleksander etwa wieder auf den Wein aufgeschlagen?«

»Ja. Er sagt, die Trauben sind erfroren und es gibt dieses Jahr kaum welchen. Irgendwie muss auch er sich über Wasser halten.«

»Sieh an …« Die alte Frau erhob sich stöhnend und tastete sich zum Tisch vor. Sie war inzwischen völlig blind. Dort, wo einst ihre Pupillen und ein stechendes Grün gewesen waren, zitterten heute nebelgraue Kreise. Sie wurde aber nicht müde zu erwähnen, dass sich dadurch ihre Sinne als Hellseherin geschärft hatten. Auch hörte und roch sie besser als je zuvor. Manchmal bildete sich Lobna ein, ihre Nase sei seitdem sogar gewachsen, denn ihre Nasenspitze hing bis zur Oberlippe hinab. Einzig über ihren buckligen Rücken schimpfte Manteia hin und wieder, während sie sich über die krummen Wirbel strich.

Manteia griff nach dem Weinkrug und steckte einen Finger in die Flüssigkeit. »Knauser … nicht mal randvoll hat er ihn gefüllt.« Sie schob den Finger mit dem abgebrochenen, verhornten Nagel in ihren Mund und kostete laut schmatzend das purpurrote Getränk. »Aber gelogen hat er nicht. Der ist für die Säue. Hätte ich das geahnt, hätte ich mir das Geld sparen können. Der ist …« Ihre Augen weiteten sich jäh. »Roter Wein … Rot … «, murmelte sie mit bebender Stimme und wirkte abwesend. »Wie rotes Blut … bringt nur Unglück.« Sie setzte sich auf einen Stuhl. Ihre dünnen Beine wollten sie offenbar nicht länger tragen.

»Manteia, was siehst du?«

Ihre Eingebungen waren keine Seltenheit. Lobna kniete sich neben sie und hielt ihre Hand, die wie Espenlaub im Wind zitterte, bis sie wieder zur Ruhe kam.

»Nichts, mein Kind. Es war nur ein undeutliches Bild.«

»Was für ein Bild?«

»Nicht der Rede wert. Wenn es klarer und bedeutender wird, werde ich es dir erzählen.« Sie legte ihre Hand über Lobnas und tätschelte sie. »Erzähl mir lieber, was du für den Wein gezahlt hast.«

Lobna stöhnte auf. Wenn die Greisin nichts preisgeben wollte, war aus ihr kein Ton herauszukriegen. »Zu viel, Manteia, zu viel. Einen Zloty und einen dieser Rubel.«

»Donnerwetter! Ist dieses Russengeld nun auch bei uns angekommen. Die nehmen uns tatsächlich unser Polen weg. Ach … Ich wusste es. Schon vor zehn Jahren habe ich gesehen, dass im Jahr 1840 etwas geschehen wird. Veränderungen stehen an, mein Kind.« Die alte Frau tastete nach der Blechdose und nahm den Zettel heraus.

»Manteia, du kannst doch nichts mehr sehen. Soll ich dir vorlesen, was darauf steht? Es sind nur die Preise für die Lebensmittel. Für die Milch habe ich …«

»Pscht! Ich sehe mit meinen Händen.« Mit den Fingerkuppen strich sie übers Papier und fuhr die einzelnen Buchstaben nach. »Es ist deine Schrift, nicht wahr?«

»Ja. Sie ist nicht sonderlich schön. Hier braucht es keinen Schreiberling und ich habe es fast schon wieder verlernt.«

Manteia befühlte das dünne Papier, bis sie an der unteren Kante anlangte. »Kind, du bist wie deine Handschrift. Einfach und gleichmäßig. Ohne Höhen oder Tiefen.«

»Oh …« Lobna neigte betrübt den Kopf. Das hörte sich nicht nach einem Kompliment an.

»Das ist gut. Du bist bodenständig und verlässlich. Was auch passieren mag, du weißt, wo dein Platz ist. In der heutigen Zeit ist das viel wert.«

Lobna hob den Kopf. Manteia hatte den Zettel wieder in die Dose gelegt und verschloss sie. Der magische Moment war vorüber. Lobna stand auf, strich sich die Schürze glatt und begann, die Lebensmittel an ihren Platz zu räumen. »Du sprichst in Rätseln, aber ich kenne dich inzwischen gut genug, um zu wissen, dass du mir eine Erklärung schuldig bleibst.«

Als Antwort erntete sie ein Kichern. Lobna packte das Brot unter ein Handtuch, um es frisch zu halten, und sah sich um.

Auf der Arbeitsfläche und unter dem Küchenschrank lagen Krümel und in der Waschschüssel zwei benutzte Teller. »Lass mich noch die Küche sauber machen, bevor wir gehen. Sonst ziehen hier bald die Ratten ein. Unten an der Mühle hängt schon eine im Rad.«

»Vielen Dank, mein Kind. Du bist mir eine große Stütze.«

Lobna kommentierte die Dankbarkeit nicht weiter, da es für sie eine Selbstverständlichkeit war, der alten Frau zu helfen. Manteia lebte schon seit einigen Jahren allein im Dorf, und mit zunehmendem Alter und damit einhergehenden Gebrechen wurde es für sie nicht leichter. Mit hinkendem Bein und blinden Augen lief es sich nicht leicht über den Markt; und mit dem Buckel einen Korb voller Lebensmittel zu tragen, war nicht möglich. Alles hatte begonnen, als Lobna ihr nach einem Fest nach Hause geholfen hatte, als sie schon nicht mehr gut zu Fuß war. Nach und nach kamen Einkäufe und Hilfe im Haushalt hinzu. Inzwischen war aus der Unterstützung eine innige Freundschaft geworden und die Greisin für sie fast so etwas wie eine herzliche Großmutter mit einem Funken Starrsinn und Magie. Ansonsten hegte Lobna keinen engeren Kontakt zu den Dorfbewohnern. Man hatte sie zwar zu Höflichkeit und Anstand erzogen, wodurch sie immer ein freundliches Wort für jeden auf den Lippen hatte, aber ihre Eltern hatten sie auch dazu angehalten, sich nicht allzu sehr mit den Anwohnern einzulassen. Früher war ihr Vater als Schatzmeister des Königs tätig gewesen und hatte reichlich verdient. Ihre Eltern wollten vermeiden, dass Gesindel und Bettler um Almosen schnorrten. Inzwischen mussten sie und ihre Familie zwar sparsam haushalten, aber die Vorsicht war geblieben.

»Nächstes Mal bringe ich dir ein paar neue Putzlumpen mit. Diese hier sind nicht einmal mehr fürs Feuer gut.« Sie blickte durch einen löchrigen Lappen zu Manteia hinüber. »Für heute muss er aber noch herhalten.« Sie machte sich damit an einem kleinen Fenster zu schaffen. Auf dem Holzbrett darunter hatten sich unzählige Blüten gesammelt, die sich im Laufe der letzten Tage von den getrockneten Kräutersträußen gelöst hatten, die die alte Frau zum Schutz vor bösen Geistern über Fenster und Türen hängte. Aber nicht nur Blüten lagen überall verstreut. Vor Kälte hatten sich Eisblumen an den Rändern der Glasscheibe gebildet. Während im Sommer die Sonne Weizen und Korn verbrannte und die Bauern ihre Tiere immer weiter auf saftige Wiesen treiben mussten, schneite es im Winter immerzu und es gab kaum einen Tag, an dem sich die Sonne blicken ließ. Sie warf einen Blick nach draußen. Auf dem Marktplatz herrschte reges Treiben. Zwei Frauen trugen geschäftig einen Korb mit Fackeln über das gefrorene Kopfsteinpflaster zur Platzmitte. Drei Mädchen spielten Ringelreihen und ein paar Jungen rannten über den Markt und schlugen dabei mit den Armen, als wären es Flügel. Ein anderer hastete ihnen mit einem Stock hinterher, um sie im Spiel zu vertreiben. Wie jeden Monat stand das Rabenfest vor der Tür. Zwischen all den Leuten erkannte Lobna auch ihren Vater mit seinem unverkennbaren Bärenfell über den Schultern. In Czarny Kruku trugen alle wärmende Felle, aber große Pelze, wie die eines Bären, konnten sich nur die wenigsten leisten. Es war ein Überbleibsel aus besseren Tagen. Ihr Vater, Mikolaj, schlenderte mit dem ehemaligen Geheimrat Olaf Pawlak und dessen Ziehsohn Ksawery über den Platz. Der Anblick versetzte ihr einen Stich, und sie hielt einen Moment inne, während sie die drei beobachtete.

»Was ist los? Wieso höre ich dich nicht mehr putzen?« Manteia entging nicht einmal das Nagen einer Maus am Käse.

»Ach, nichts.« Sofort bewegte sie den Lappen wieder in kreisenden Bewegungen über die Arbeitsfläche und starrte dabei zu den Männern hinüber.

»Kind, ich brauche kein Augenlicht, um deinen Schmerz zu sehen. Siehst du deinen Vater? Wieder mit diesem Pawlak und dem Königssohn?«

»Ja.« Sie gab sich geschlagen und drehte sich mit dem Rücken zum Fenster. Ihre Fingernägel grub sie in die vor Kälte und Feuchtigkeit aufgedunsene Holzplatte, um die Sehnsucht zu unterdrücken, die ihr bei dem Anblick durch das Herz fuhr. »Manteia, hier drin ist es eisig«, versuchte sie vom Thema abzulenken. »Du musst das Feuer besser schüren.« Sie lief an der alten Frau vorbei, die wissend lächelte, und warf ein paar Holzstücke in die rote Glut.

»Maleńka, nicht so feurig.« Manteia lachte. »Du bist nach außen so beherrscht wie ein alter Kutschgaul, aber im Innern glühst du.«

Lobna stöhnte auf. Sie konnte der Alten nichts vormachen. »Ich verstehe nicht, wieso mein Vater mich nicht im Wald ausgesetzt hat, wenn ich doch so eine Plage für ihn bin. Er sieht mich nicht einmal an. Immer weicht er meinen Blicken aus. Aber mit diesem Ksawery verbringt er Zeit. Dabei ist er der Sohn des ehemaligen Königs Kamil und nicht einmal sein eigen Fleisch und Blut. Wenn er mich deshalb nicht liebt, dürfte er ihn doch auch nicht lieben.«

Manteia zuckte mit den Achseln. »Die Liebe ist eine seltsame Sache. Aber ich bin mir sicher, er hätte deine Mutter und dich dem Händler nicht abgekauft, wenn er nicht vorgehabt hatte, dich zu lieben.«

»Ich glaube, er wollte nur meine Mutter und war gezwungen, mich mitzukaufen, weil ich noch in ihrem Bauch war. Sonst hätte er wohl keinen Groszy für mich verschwendet. Man hat mir erzählt, dass man versucht hat, meine Geburt zu vertuschen. Er wollte mich als seine Tochter ausgeben, damit er sich wenigstens vor den Leuten nicht für seinen Bastard schämen muss. Tja, leider kam ich dafür zu früh auf die Welt.« Wütend warf sie den Metallhaken neben Kohle und Holz.

Manteia schüttelte den Kopf und schmatzte. »Ich glaube, du siehst Abgründe, wo gute Gründe waren. Es mag ähnlich klingen, doch ist es bei Weitem nicht dasselbe.«

»Ich glaube nur das, was ich sehe.«

»Dann sieh genauer hin. Lerne, nicht bloß mit deinen Augen zu sehen. Sieh mit deinem Herzen und deinem Verstand.«

»Wenn du etwas siehst, was ich nicht sehe, warum sagst du es mir dann nicht einfach?«

»Oh!« Sie winkte ab und schüttelte lachend den Kopf. »Wenn man, wie ich, die Zukunft sehen kann, dann hält man sich aus dem Schicksal raus. Mit einem falschen Wort kann man nicht nur vieles gut machen, sondern auch vieles schlecht, mein Kind. Man muss die Zeit walten lassen.«

»Wie dem auch sei … Ich glaube ohnehin nicht an die Liebe. Weder an die Liebe zwischen Eltern und Kind noch an die Liebe zwischen Mann und Frau. Von daher kann mir ein jeder gestohlen bleiben.«

»Mach dir ruhig etwas vor. Dein Mund spricht, aber dein Herz schlägt dagegen. Wenn dem wirklich so wäre, wäre es dir egal, dass dein Vater ständig mit dem Königssohn unterwegs ist.«

Lobna warf noch einen trockenen Reisigzweig ins Feuer, der augenblicklich aufloderte, und ging zurück an die Arbeit.

Obwohl Manteia blind war, folgte sie ihr mit ihrem trüben Blick.

»Was schaust du mich so an aus deinen blinden Augen?« Sie mochte es nicht, wenn Manteia in ihr las, wie in einem offenen Buch.

»Kind, du bist vergrämt, wie es sich nicht mal eine Greisin wie ich ausdenken könnte. Vertrau doch etwas mehr in die Liebe. Oder willst du etwa deinen neuen Gemahl ins Unglück stürzen?« Sie schürzte spöttisch die Lippen.

»Ach, erinner mich bloß nicht daran!« Seit Wochen versuchte sie, diesen Tag zu verdrängen. Sie wusch die Teller und räumte sie in einen Schrank.

»Erinnern? Du wirst doch wohl hoffentlich nicht vergessen haben, dass morgen dein großer Tag ist. Würfel dir ja einen guten Junggesellen. Einen tüchtigen, der ein nützliches Handwerk beherrscht und das Herz am rechten Fleck hat.«

Lobna verdrehte die Augen. »Meine gute, weise Manteia. Morgen mag ein großer Tag für meine Schwestern sein. Die beiden werden zum ersten und hoffentlich letzten Mal in den Bund der Ehe treten. Ich weiß, was mich erwartet. Ich habe die Ehe mit Mirek erlebt. Da hält mein neuer Bräutigam wohl keine Überraschungen mehr für mich bereit.«

Manteia grinste. »Die Ehe hast du kennengelernt, aber nicht die Liebe.«

Lobna warf den Lumpen auf den Tisch und stemmte die Hände in die Hüften. »Genug von der Liebe, babcia. Ich kann es nicht mehr hören. Die Liebe ist nichts für mich! Es soll einfach nicht sein. Und weißt du was? Ich komme auch ohne sie aus. Lass uns lieber auf das Rabenfest gehen, statt hier noch länger darüber zu streiten, ob mich die Liebe sucht. Wir wollen doch nicht, dass die Kinder des Dorfes Albträume bekommen, nur weil du mir lieber von der Liebe vorschwärmst, statt die bösen Rabengeister zu vertreiben.«

»Nie um eine Ausrede verlegen, das Kind. Los, gib mir mein drittes Bein.« Sie stemmte sich auf und ließ sich von Lobna ihren Gehstock reichen. »Aber die Liebe wird auch dich finden, ob dir das passt oder nicht.«

»Das glaube ich kaum. Eher findet sie dich ein zweites Mal.« Lobna warf noch zwei Stück Kohle in den Ofen, damit das Feuer nicht ausging. »Und wenn du nicht endlich richtig heizt, wird es vermutlich Väterchen Frost oder schlimmer noch, Gevatter Tod.«

»Oh!« Theatralisch warf Manteia den freien Arm in die Luft und stützte sich mit dem anderen auf den Stock. »Frech wirst du, maleńka. Mir ist warm ums Herz, da mach dir mal keine Sorgen.« Sie klopfte Lobna mit dem Gehstock auf den Hintern. »Auch wenn mein Mann schon Jahre dem Gras von unten beim Wachsen zusieht, hält unsere Liebe mein Herz dennoch am Schlagen.« 

2. Kapitel

Sie gingen auf den Marktplatz zu. Winzige Schneeflocken fielen vom Himmel und legten sich wie ein zarter Film über das Dorf. Die Reetdächer glitzerten vom Raureif. Die sonst matschigen Spurrillen von den Kutschen und Karren waren gefroren, was Manteia das Gehen noch schwerer machte. Vorsichtig setzte sie einen Fuß vor den anderen und klammerte sich dabei an ihrem Gehstock und an Lobnas Pelz fest.

Die Dorfbewohner erwarteten sie bereits. Jung und Alt standen in der Mitte des Dorfes mit lodernden Fackeln versammelt. Geduldig warteten sie, bis Manteia bei ihnen ankam. Auch Lobnas Schwestern Zocha und Bozena waren darunter und standen in der ersten Reihe. Wie die anderen hatten sie sich Ruß ins Gesicht geschmiert und hielten ihre Fackeln kampflustig in die Luft. Der Wind trug ein paar Funken und Rauchschwaden in die Nacht hinaus.

»Du bist noch gar nicht rabenschwarz«, stellte Zocha fest. Sofort zückte sie ein Stück Kohle und beschmutzte Lobnas Gesicht. »Jetzt siehst du aus wie ein echter Rabe.«

Manteia ließ sich in einen schweren Umhang mit schwarzen Federn hüllen. Für die kleine Frau war er eigentlich viel zu schwer. Dennoch trug sie ihn mit Stolz und ließ sich von einem Mann auf die kleine Bühne heben, die eigens für das Fest errichtet worden war. Es war nicht viel mehr als eine große Holzkiste, damit jeder Manteia sehen konnte.

Die Menge wurde ruhiger, und erst, als auch das leiseste Gemurmel verstummt war, begann sie zu sprechen.

»Wir haben uns heute hier versammelt, um die Räbin Waleska und ihre gefiederten Heerscharen zu vertreiben. Mit Federn geschmückt und mit Ruß einem Raben gleich wollen wir alle gemeinsam krähen, um sie auf ewig von unserem Dorf fernzuhalten. Mit der Räbin Fluch kamen die Albträume, aber seit wir Monat für Monat zusammenkommen und unsere Stärke zeigen, schlafen die Kinder und Bürger dieses Dorfes wieder ihren gerechten Schlaf. Lasst uns gemeinsam den schwarzen Vogeltieren Angst einjagen!«

Ihre Aufforderung wurde mit Jubelrufen, Grölen und Pfiffen gefeiert.

»Reicht mir einen Raben!«

Der Bauer, der ihr auf die Bühne geholfen hatte, stellte einen Holzkäfig auf den Bretterboden. Darin flatterte aufgebracht ein schwarzer Vogel. Als der Mann den Käfig öffnete, wollte der Rabe fliehen, aber ein Strick um seinen Fuß hielt ihn zurück.

Manteia packte den Raben und klemmte ihn sich unter den Arm. Aus ihrer Kittelschürze zog sie ein gekrümmtes Messer. »Den Göttern opfern wir einen dieser Vögel. Auf dass sie uns wohlgesonnen sind!« Mit einem Ratsch! schnitt sie dem Vogel die Kehle durch.

Federn stoben durch die Luft und warmes Blut spritzte in regelmäßigen Abständen aus der klaffenden Wunde.

Manteia begann leise zu summen, während ihr Blut über die Finger rann. Obwohl sie aufgrund ihres Alters eine raue, brüchige Stimme hatte, zog sie mit der Melodie jeden in ihren Bann.

Die Dorfbewohner, schlossen ihre Augen, wippten von links nach rechts und fielen wie in Trance in den monotonen Gesang ein. In einer einzigen großen Welle schwappten sie immer wieder zur einen, dann zur anderen Seite. Der Chor wurde immer lauter, bis ein jeder zu krähen begann.

»Lasst uns den Albträumen den Kampf ansagen!«, rief Manteia.

Gemeinsam zogen sie mit erhobenen Fackeln los und schritten durch alle Straßen und Gassen des kleinen Ortes.

Manteia führte den Fackelzug an und umfasste mit beiden Händen einen Spieß, an dessen Ende der tote Rabe mit baumelndem Kopf festgebunden war. Noch immer triefte Blut aus dem Schnitt, das in den Schnee tropfte. Laut krächzend verscheuchten die Bewohner alle Raben und Krähen, die sich für die Nacht auf Ästen und Dächern niedergelassen hatten.

Eine Stunde später war kein Flügelschlag mehr im Dorf zu hören. Auch auf den Tannen und Fichten rund um den Ort herrschte Stille. Die Kinder durften zum krönenden Abschluss der Zeremonie Himmelslaternen in die Nacht fliegen lassen, die ihre Wünsche nach geruhsamem Schlaf ohne Albträume bis zum Mann im Mond tragen sollten. Währenddessen entzündeten die Männer auf dem Dorfplatz mit ihren Fackeln ein großes Lagerfeuer und schleppten schwere Baumstämme heran, damit die Leute sich um das Feuer setzen und wärmen konnten. Für Manteia brachte man extra einen Schaukelstuhl und ein Lammfell.

Lobna reichte ihr eine Tasse mit heißem Wein. In der heutigen Nacht versammelten sich alle besonders dicht ums Feuer, da die Kälte jedem durch die Sohlen bis in die Zehen kroch. Trotzdem wollte niemand früher als nötig nach Hause gehen.

Das Rabenfest war eine kleine Besonderheit. Außer Lobna sahen die Dorfbewohner die Hellseherin nur noch selten. Wenn man sie zum Rabenfest antraf, wollten die Bewohner sie so lange wie möglich daran hindern, wieder in ihrem kleinen, windschiefen Haus zu verschwinden. Manteia hatte mit ihren Vorhersagen immer recht behalten. Ihre Worte wurden von allen hoch geschätzt. Die Leute suchten sie seit ihrer Jugend auf, um zu erfahren, ob die Ernte reich ausfallen würde oder die Frau einen Jungen gebären würde. Seit dem Angriff durch die Russen hoffte jeder, sie würde eines Tages eine wohlwollende Zukunft prophezeien. Außerdem konnte Manteia die schönsten Märchen erzählen und war eine der wenigen Alten, die die Geschichte über die Entstehung von Czarny Kruku noch selbst miterlebt hatte.

»Erzählst du uns, wie das Dorf erbaut wurde?«, bettelte ein Junge und setzte sich im Schneidersitz neben sie. Auch die anderen Kinder versammelten sich um Manteia und flehten sie an, die Geschichte zu erzählen, obwohl sie sie bereits auswendig kannten.

»Bitte, bitte. Du erzählst immer so schön«, bat ein Mädchen.

»Aber nur noch dieses eine Mal«, mahnte Manteia spielerisch mit erhobenem Zeigefinger und lehnte sich zurück. Sie atmete tief durch, stieß eine Atemwolke in die Luft, und schloss die Augen. »Vor vielen, vielen Jahren lebte weit weg von hier ein Mann namens Ignacy Woźniak. Ihr müsst wissen, unser Dorf liegt weit hinter Gdansk-Krakow und der Mann kam vom anderen Ende Polens, um dieses friedliche Fleckchen Erde zu finden. Ignacy war ein wohlhabender Mann, aber auch er musste feststellen, dass die Stadt, in der er lebte, von Armut und Krankheit heimgesucht wurde. Bevor er sein Vermögen verlor, beschloss er, sich eine neue Bleibe zu suchen. Natürlich sprach es sich herum, dass er die Stadt verlassen wollte. Es bleibt schließlich nicht unbemerkt, wenn jemand große Teile seines Hab und Gutes verkauft.« Manteia nickte in die Runde, um sich der Aufmerksamkeit zu vergewissern, die ihr nicht nur von den Kindern zuteilwurde. Auch die Erwachsenen lauschten gebannt, weil sie die Kunst beherrschte, eine Geschichte immer wieder neu zu erfinden. Außerdem war es die Erzählung längst vergangener Tage voller glücklicher Stunden.

»Einige Dorfbewohner, die Ignacy als tüchtig und klug kennengelernt hatten, beschlossen, ihm zu folgen. Er zog also mit seiner kleinen Gefolgschaft los, auf der Suche nach einer besseren Heimat. Viele Tage und Nächste später fand er dann diesen wundervollen Ort. Czarny Kruku war damals nicht mehr als ein Tal mit einem eisblauen See und einem sprudelnden Bach. Aber Ignacy spürte, dass dieser Ort alles bot, was es zum Leben brauchte. Also begann er mit der Unterstützung aller Männer und Frauen dieses Dorf zu erbauen. Mit seinen eigenen Händen.« Manteia ballte ihre Hände zu Fäusten, und die Kinderaugen leuchteten auf. Ignacy war für sie ein Held.

»Ignacy steckte neben seiner Kraft auch große Teile seines Vermögens in das Dorf und wurde dafür belohnt. Der Ort wuchs zu einer kleinen Stadt heran. Die Menschen züchteten Vieh, förderten wertvolles Metall und Gestein aus den umliegenden Bergen. Sie verkauften das zarte Fleisch und die wundervollen Kleinode auf den Märkten von Krakow.« Manteia seufzte. »Czarny Kruku war ein aufblühendes Städtchen. Ignacy nannte man fortan den König mit der Silberkrone. Natürlich war er kein echter König, aber für die Bewohner war er viel mehr als das. Er wurde von den umliegenden Höfen und Königen respektiert und erntete von jedem ein anerkennendes Nicken für seinen Mut, seine Heimat zu verlassen und einen neuen Ort entstehen zu lassen. Auch nach dessen Tod führten alle Einwohner ein glückliches Leben unter der Herrschaft seines Sohnes Kamil.« Sie schwieg und schwelgte unübersehbar in den Erinnerungen an das, was der Ort einmal gewesen war.

»Und dann? Was ist dann passiert, babcia?«, fragte ein kleiner Junge.

»Und dann … dann kam Zar Nikolaus aus Russland.« Manteia hielt einen Moment inne.

Die Dorfbewohner, die ihr so gebannt zuhörten, als wäre es das erste Mal, dass sie die Geschichte hörten, regten sich kaum. Nur einer wurde unruhig. Ksawery nestelte an seinem Umhang und starrte unter einem Schleier blonder Locken ins Feuer.

Lobna sah, wie er die Zähne zusammenbiss und sich seine Wangen anspannten. Sie legte Manteia eine Hand auf das Bein und nickte in Ksawerys Richtung. »Ksawery«, flüsterte sie.

Manteia verstand. »Kinder, ich bin müde. Ich gehe schlafen«, brach sie abrupt ab.

»Aber die Geschichte!«, rief der kleine Junge empört und hielt sich an ihrem Rockzipfel fest, während die anderen enttäuscht aufstöhnten.

Manteia strich ihm liebevoll über den Schopf. »Du kennst die Geschichte. Lass sie uns heute hier beenden und ihr ein glückliches Ende schenken.« Sie nahm ihren Stock und gab Lobna ein Zeichen, sie zurück in ihr Haus zu begleiten.

»Was ist los?«, grölte ein Betrunkener, der abseits neben einem Baumstamm hockte und einen leeren Weinkrug zwischen seinen Beinen hin und her rollte. Der Rest der Flüssigkeit hatte sich auf der dünnen Schneeschicht verteilt. Er sah Lobna und Manteia von unten herauf mit geröteten Wangen und glasigen Augen an. »Die Geschichte ist doch noch nicht zu Ende! Der Zar hat Ignacys Sohn Kamil getötet, als sie unser Land einnehmen wollten! Und die Götter wissen, das haben sie getan!«

Manteia brummte etwas Unverständliches vor sich hin und schlug dem Trunkenbold mit ihrem Stock gegen den Kopf, sodass er verstummte.

»Alte Hexe«, nörgelte der und rieb sich die Stelle.

»Stell dich nicht so an. In deinem Schädel ist ohnehin nichts, was kaputtgehen könnte.« Sie wollte nicht, dass jemand in Ksawerys tiefer Wunde bohrte. König Kamil war der letzte Überlebende seiner Familie gewesen und durch seinen Tod vor Ksawerys Geburt musste sein Sohn bei dem ehemaligen Geheimrat Olaf Pawlak und dessen Familie leben. Er hatte mit dem Tod seines Vaters nicht nur ihn verloren, sondern alles. Seine Mutter war im Kindbett gestorben und sein Großvater Ignacy Jahre zuvor als alter Mann. Seine Großmutter hatte er ebenfalls nie kennengelernt. Er hatte niemanden seines eigenen Fleisches und Blutes je kennengelernt und war schon einsam geboren worden. Manche behaupteten, dass selbst seine Mutter ihr Leben schon eingebüßt hatte, bevor er seinen ersten Schrei tat. Zuletzt hatte Ksawery mit dem Einzug bei den Pawlaks auch sein Anrecht auf die Krone und das Vermögen seines Vaters aufgegeben. Keiner glaubte daran, dass er ohne vorbildlichen Vater je nach Größerem streben würde.

Manteia stapfte mit Lobna davon. »Ich hätte die Geschichte nicht erzählen sollen«, schalt sie sich.

»Es ist die Geschichte des Dorfes«, widersprach Lobna.

»Aber es ist auch Ksawerys Geschichte und noch dazu seine Zukunft. Niemand will mehr einen König. Alle fürchten, dass das Dorf dann plötzlich wieder in den Mittelpunkt des Geschehens rückt und die Russen erneut angreifen, um uns auch noch dieses kleine Stück Land zu rauben.«

»War es wirklich so schlimm?« Lobna hielt Manteia die Tür auf und ließ sie eintreten. Sie schüttelte sich den Schnee von Pelz und Schuhen. Lobna schloss rasch die Tür, da sie spürte, dass ihnen die Anwohner noch immer ratlos hinterhergafften.

»Schlimm? Es war grauenvoll. Czarny Kruku war ein richtiges Städtchen. Der Handel ging Tag und Nacht. Manche Arbeiter gruben selbst nachts in den Minen, um den Bedarf auf den Märkten zu decken. Man konnte das Schlagen von Hammer und Pickel auf Stein rund um die Uhr hören. Und nun … Sieh dir an, was daraus geworden ist.« Sie wies mit dem Stock Richtung Fenster. »Nur noch ein Schatten seiner selbst. Über die Hälfte der Häuser sind niedergebrannt und wurden nie mehr errichtet. Sei froh, dass du von all dem nichts mitgekriegt hast. Achtzehn Jahre ist es nun schon her. Trotzdem sind die Erinnerungen so frisch, als wäre es erst gestern gewesen.«

»Ja. Mein Vater wird noch heute von Albträumen geplagt. Er erzählt, dass er sich noch genau an die Hektik erinnern kann. Frauen und Kinder weinten. Männer versuchten, ihre Häuser und Familien zu schützen. Er sagt oft, dass ihm der Geruch von verbranntem Heu und Haaren noch immer in der Nase steckt.« Sie half Manteia, auf ihrem provisorischen Bett neben dem Feuer Platz zu nehmen. Während der Wintermonate weigerte sie sich, in ihrem Schlafzimmer zu ruhen. Neben dem wärmenden Feuer nahm sie es gerne auf sich, auf der schmalen Bank mit gekrümmtem Rücken zu schlafen. Lobna zog ihr die Schuhe aus.

Manteias Zehennägel waren dick und gelb und überall hatte sie Schwielen.

»Du brauchst dringend neue Strümpfe und warme Schuhe. Du hast Füße wie ein alter Bergtroll.« Sie warf einen abschätzigen Blick auf die löchrigen Stiefel, die vor dem Feuer abtauten und kleine Pfützen hinterließen.

»Das muss warten. Der Schuster liegt seit Tagen krank im Bett. Wer weiß, ob der je wieder aufsteht.« Manteia seufzte. »Da wünscht man sich den Handel und die Märkte in Krakow zurück. Vor Kamils Tod war alles so einfach. Man ging auf einen Markt und deckte sich mit schönen und zum Teil außergewöhnlichen Stoffen ein. Orientalische Muster gab es dort in prächtigen Farben. So was hast du noch nie gesehen. Kein Vergleich zu den muffigen Pelzen, die wir tragen. An manchen Ständen roch es nach Räucherwerk oder nach außergewöhnlichen Gewürzen.« Sie stöhnte. »Heute scheint mir Krakow weiter zu sein, als das Tor zu den Göttern.«

»Sag das nicht. Dafür leben wir hier sicher. Niemand weiß, dass es uns gibt. Und der Schuster ist in ein paar Tagen bestimmt wieder gesund. Du wirst sehen, dann bring ich ihm deine Stiefel, damit er sie flicken kann.«

»Kind, du wirst morgen heiraten. Du wirst in ein paar Tagen einen neuen Haushalt führen müssen und keine Zeit mehr für ein altes Mütterchen wie mich haben. Wenn du erst Kinder hast, wirst du nicht einmal mehr wissen, wo dir der Kopf steht.«

»Nein. Das wird sicher nicht passieren. Ich werde immer für dich da sein.«

Manteia hörte ihr kaum noch zu. Sie hatte sich unter einem Berg Decken vergraben und sich wie ein Fötus zusammengekauert.

»Schläfst du schon?«

»Hm … «

»Dobranoc, Manteia. Süße Träume.« Lobna küsste die alte Frau auf die Stirn. Sie schlüpfte in ihren Pelz, der außen nass und zottelig war von den geschmolzenen Schneeflocken, und machte sich auf den Heimweg.

Das Lagerfeuer auf dem Dorfplatz brannte allmählich aus. Nur noch wenige saßen dort beisammen und tranken. Einer torkelte ums Feuer, plumpste rückwärts in den Schnee und furzte, was mit lautem Grölen kommentiert wurde. Aus dem Wirtshaus zu ihrer Linken drangen laute Stimmen. Sonst wurde bis zu zwölf Stunden am Tag hart gearbeitet. Kaum einer konnte es sich leisten, die Nächte in der Schenke zuzubringen. Aber heute und morgen herrschte Ausnahmezustand. Diesen Monat fielen zwei Feste auf zwei aufeinanderfolgende Tage: Das Rabenfest, das immer bei Neumond stattfand, weil dann die Magie laut Manteia nicht vom Mond geschluckt werden konnte, und die Hochzeitszeremonie, an der das ganze Dorf teilnahm. Lobna stöhnte bei dem Gedanken an den morgigen Tag auf. Sie wusste, dass es klug war, wieder zu heiraten und sich dadurch ein anständiges Leben zu sichern; aber ihre Ehe mit Mirek war eine Katastrophe gewesen, an die sie nur ungern zurückdachte.

Als Lobna sich der Bar näherte, entdeckte sie einen Schatten unter dem Fenster, der sich bewegte. Was ist das?

Er war viel zu groß für eine Katze oder einen Hund. Langsam steuerte sie darauf zu.

3. Kapitel

»Hallo? Ist da jemand?«

Die Gestalt bewegte sich.

»Wer sind Sie? Brauchen Sie Hilfe?«

Aus dem Schatten wurden zwei und sie tuschelten und kicherten, bis sie Lobna entdeckten.

»Ihr beide seid unmöglich!« Lobna ging in die Hocke, nahm eine Handvoll Schnee und bewarf ihre Schwestern damit, die spitz aufschrien.

»Pst!«, mahnte Lobna, eilte zu ihnen und hockte sich schnell zu den beiden unter die Fensterbank. »Wollt ihr euch etwa erwischen lassen?«

Über ihnen öffnete sich quietschend ein Fenster. Gerüche nach Hopfen und Schweiß drangen heraus.

Die drei hielten den Atem an und drückten sich die Hände vor Mund und Nase, um keine verräterischen Atemwölkchen aufsteigen zu lassen.

»Hm …«, brummte jemand. »Ich dachte, ich hätte was gehört.«

»Wiatscheslaw, hast du etwa Angst vor den Raben?«, scherzte jemand.

»Mach endlich wieder zu!«, rief ein anderer. »Man friert sich ja die Klöten ab!«

Das Fenster schloss sich wieder und Lobna und ihre Schwestern atmeten auf.

»Was habt ihr hier zu suchen? Ihr solltet längst in euren Betten liegen.«

Bozena vergrub beschämt ihr Gesicht im Pelz.

»Das hätte ich mir ja denken können, dass es deine Idee war, Zocha.« Lobna kannte ihre beiden Schwestern in- und auswendig. Die Zwillinge, die zwei Jahre nach ihr zur Welt gekommen waren, hielten wie Pech und Schwefel zusammen und waren gleichzeitig wie Tag und Nacht. Zocha war wild und ungestüm. Sie ritt heimlich auf den Pferden der Bauern, wenn sie im Sommer auf der Weide standen, und sie war sich nicht zu schade, Holz zu hacken und den Landwirten beim Ausmisten der Ställe zu helfen. Bier und Wein nach getaner Arbeit verschmähte sie ebenfalls nicht. Bozena war hingegen still. Sie saß am liebsten drinnen und beschäftigte sich mit Handarbeit und Haushalt. Nichts brachte sie aus der Ruhe. Sie ruhte so sehr in sich selbst, dass sie kaum ein Wort über die Lippen brachte. Und wenn doch, dann war ihre Stimme hell und weich, als spräche sie zum ersten Mal.

»Wieso muss immer alles meine Idee gewesen sein?«, protestierte Zocha.

»Zocha …« Lobna hob eine Augenbraue und warf ihrer Schwester einen wissenden Blick zu.

»Schon gut. Es war meine Idee.«

»Wusste ich’s doch. Und was wolltet ihr hier?«

Bozena versteckte das Gesicht noch tiefer in ihrem Mantel. Ihre Ohren glühten rot und Lobna war sich nicht sicher, ob wirklich die Kälte daran schuld war.

»Lauschen«, gab Zocha zu. »Die Männer erzählen drinnen von ihren Frauen. Und sie erzählen Geschichten davon, wie es früher war. In Krakow gab es Frauen, die haben ihre Körper verkauft. Kannst du dir das vorstellen?«

»Sei still«, flüsterte Bozena verschämt.

Lobna schnaubte verständnislos. »Und deshalb sitzt ihr hier im Schnee, beschmutzt eure Kleider und holt euch den Tod? Weil ihr den Liebesabenteuern der Männer lauschen wollt?«

Bozena zuckte mit den Achseln.

»Ja!«, erwiderte Zocha.

»Morgen werdet ihr heiraten. Dann erlebt ihr eure eigene Ehe und werdet euch schämen, die Männer belauscht zu haben. Ihr seid sechzehn Jahre alt und keine kleinen Mädchen mehr. Und jetzt kusch! Wir gehen nach Hause.«

Kichernd sprangen die beiden auf und stürmten Hand in Hand davon. Gerade als Lobna aufstehen wollte, hörte sie drinnen jemanden von der Liebe erzählen. Sie verharrte noch etwas unter dem Fenster und lauschte der Erzählung.

»Meine Frau ist heute noch so schön wie eh und je. Ich würde sie gegen keine junge Magd eintauschen. Auch dann nicht, wenn deren Haut noch so zart und ihre Finger noch so feingliedrig wären. Meine dralle Daria ist mir das Liebste auf der Welt.«

Lobna musste lächeln. Das musste Liebe sein – und sie fragte sich, wie es sich wohl anfühlte, geliebt zu werden. Lebte man dann anders? Ging einem die Arbeit leichter von der Hand? War man fröhlicher? Insgeheim beneidete sie Manteia um ihre Erinnerungen und ihre Einstellung zur Liebe. Sie hatte wahre Liebe erfahren dürfen, und ein wenig hoffte Lobna, dass die Ehe mit ihrem zweiten Mann vielleicht unter einem besseren Stern stand und sie auch nur den Hauch einer Ahnung davon bekam, wie sich Liebe wohl anfühlte.

Die Gespräche in der Schenke rissen sie wieder in die Realität.

»Und die besten Schweinshaxen macht deine Frau«, ergänzte ein anderer lachend.

»Auf Daria und ihre Schweinshaxen!«, riefen die Männer und stießen ihre Krüge klirrend aneinander.

Lobna stand auf und wollte nach Hause gehen, als sich plötzlich die Tür der Schenke öffnete. Sie erstarrte. Hoffentlich erwischt man mich nicht!

Bei dem Gedanken lief es ihr heiß und kalt den Rücken hinunter. Sie konnte sich nicht davonstehlen, da der gefrorene Schnee verräterisch unter ihren Füßen knirschen würde. Also stand sie da und versuchte sich so still wie möglich zu verhalten.

Von drinnen schien warmes Licht nach draußen und zwei Männer zogen lange Schatten über den Schnee.

»Morgen wirst du gleich drei deiner Töchter verheiraten«, hörte sie den Geheimrat Olaf Pawlak sagen.

Lobna zuckte zusammen. Es ging um sie und ihre Geschwister. Ihr Interesse war geweckt. Er konnte sich nur mit ihrem Vater unterhalten, denn Lobna, Zocha und Bozena waren dieses Jahr die einzigen Frauen, die zur Wahl standen. Alle anderen waren entweder bereits verheiratet oder noch zu jung.

»Ja, dann wird das Haus leer«, scherzte ihr Vater und leiser Schmerz schwang in seiner Stimme mit. »Ich habe mich an das Lachen der Mädchen gewöhnt.« Er warf die Tür hinter sich ins Schloss.

Lobna presste sich an die Wand des Gebäudes und hoffte, im Schatten nicht entdeckt zu werden.

»Deine älteste Tochter tut gut daran, noch einmal zu heiraten. Sie ist zu jung, um ewig allein zu bleiben. Außerdem braucht das Dorf Nachwuchs. Wenn das so weitergeht, müssen wir künftig Bruder und Schwester verheiraten.«

»Ja, ich bin froh, wenn sie wieder aus dem Haus ist. Ich dachte eigentlich, dass sie nach Mireks Tod in seinem Haus leben würde, aber der alte Schwiegerdrache hat sie zu uns zurückgetrieben.«

»Nun tu doch nicht so, als wäre es eine Katastrophe gewesen, das Mädchen einen Winter länger durchzubringen. Sie musste wenigstens ein Jahr Trauer tragen, bevor sie wieder heiratet. Du weißt doch, der Anstand verbietet es, direkt wieder zu heiraten. Der Schein muss schließlich gewahrt werden. Außerdem hätte sie bei dem alten Scheusal keinen Mann gefunden, der mit ihr in das Haus gezogen wäre. Wahrscheinlich hätte dann die alte Hexe alle beide aus dem Haus getrieben.«

Ihr Vater lachte auf. »Du magst recht haben. Trotzdem kann ich ihr kaum in die Augen sehen. Ich bin froh, wenn sie wieder auszieht und ein neues Leben beginnt.«

»Ach …«, Olaf klopfte ihm auf den Rücken. »Mach dir keine Sorgen. Solange du dich an unsere Vereinbarung hältst, wird nichts geschehen.«