Die Bücherwelt-Saga: Vereint! - Stefanie Straßburger - E-Book

Die Bücherwelt-Saga: Vereint! E-Book

Stefanie Straßburger

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Beschreibung

Tilda hat in Richard ihre große Liebe gefunden, doch dann muss sie ohne ihn in die Alpen reisen. Die Swans stehen kurz vor einem Zugang in die Bücherwelt! Angekommen im verborgenen schloss der Swans, muss sie versuchen eine düstere Prophezeiung abzuwenden. Gemeinsam mit neuen und alten Freunden schmiedet sie einen wagemutigen Plan, bei dem nicht nur ihr eigenes Leben auf dem Spiel steht...

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Seitenzahl: 436

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Inhalt

Prolog 

10 

11 

12 

13 

14 

15 

16 

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18 

19 

20 

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41 

42 

43 

44 

45 

Epilog 

Danksagung 

Playlist 

Teil I der Bücherwelt-Saga!

STEFANIE STRAßBURGER 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vollständige e-Book Ausgabe 2019 

 

Copyrigth © 2019 ISEGRIM VERLAG

in der Spielberg Verlag GmbH, Neumarkt 

Bildmaterial: © shutterstock.com 

Covergestaltung: Ria Raven, www.riaraven.de 

Alle Rechte vorbehalten.

Vervielfältigung, Speicherung oder Übertragung können ziviloder strafrechtlich verfolgt werden.

 

ISBN: 978-3-95452-820-2 

 

www.isegrim-buecher.de 

 

 

 

 

 

Stefanie Straßburger, Jahrgang 1982, hat Germanistik und Vergleichende Kulturwissenschaften studiert und arbeitet seit 2007 als Texterin und Redakteurin – zunächst im Angestelltenverhältnis für Werbeagenturen, seit 2011 als freie Journalistin und Autorin für diverse Verlage und Firmenkunden. Autorin zu werden, war schon als Kind ihr Berufswunsch. Auch wenn der Schreiballtag nicht immer so einfach ist, wie sie es sich damals ausgemalt hat: Heute ist sie sehr glücklich, ihren drei Kindern beweisen zu können, dass sich Träume erfüllen, wenn man an sie glaubt.

 

Kontakt zur Autorin: [email protected] 

 

 

 

 

Für Moritz, Luisa und Fiona.

Nur weil es Menschen gibt, 

die Geschichten hören wollen, 

darf ich sie erzählen.

Prolog 

 

 

Richard ließ sich auf dem Küchenstuhl nieder. Er hatte einen langen Tag hinter sich. Aber das war es nicht, was ihn so erschöpfte. Er war noch immer neu in dieser Zeit. Und so sehr die Swans ihm auch durch beschleunigtes Lernen dabei geholfen hatten, die letzten hundert Jahre aufzuholen, so fremd fühlte er sich doch oft im 21. Jahrhundert. Elektrische Geräte bediente er mittlerweile blind, an die Mode hatte er sich längst gewöhnt und auch die Musik dieser Zeit mochte er. Und dennoch erschien ihm alles manchmal wie durch einen Schleier, als wäre es nicht real, als gehöre er nicht hierher. Einzig Tilda konnte ihm das Gefühl geben, dass er hier zu Hause war. Sobald sie in seiner Nähe war, war jede Sorge vergessen. Mit ihr an seiner Seite war er glücklich und vergaß jegliches Heimweh.

War es wirklich Heimweh, das ihn belastete? Nein, das war es nicht. Er hatte sich im London des beginnenden 20. Jahrhunderts nie wohl gefühlt, hatte nie wirkliche Freunde gehabt. Seine Mutter war ein einziger Scherbenhaufen gewesen und sein Vater ein Tyrann. Sein Leben hatte nur aus der Vorbereitung seiner Reise in die Bücherwelt bestanden. Er war für die Swans eine Art Messias. Der einzige, der es schaffen konnte, die Grenzen zu überwinden. Und er hatte versagt. Aber er bereute es nicht. Ganz im Gegenteil: Es hätte ihm nichts Besseres passieren können als seiner Vergangenheit den Rücken zu kehren.

Aber da gab es auch noch Erika, seine kleine Schwester. Er erinnerte sich, wie sie mit acht Jahren ihre erste Vision gehabt hatte. Wie verstört sie gewesen war. Er war für sie da gewesen, hatte ihr geholfen, die Bilder in ihrem Kopf zu ordnen und einen Sinn daraus zu ziehen. Er hatte es ihr immer angesehen, wenn sich eine neue Vision ihren Weg bahnte und Erika dann geschickt aus der Öffentlichkeit gezogen. So stark und selbstbewusst sie sonst war – während ihrer Visionen war sie schwach und angreifbar. Und auch danach brauchte sie ein wenig Zeit, um sich zu erholen. Er hatte ihr immer zur Seite gestanden und die zum Teil schrecklichen Visionen mit ihr gemeinsam aus ihrem Kopf vertrieben. Das hatte natürlich nur solange funktioniert, bis sie ihre Visionen den Swans melden musste. Aber auch dann hatte sie immer seinen Trost gesucht und sich in seine schützenden Arme geworfen. Was sie wohl ohne ihn machte? Er hatte nicht einmal die Möglichkeit, ihr zu schreiben.

Richard seufzte tief. Erika war längst tot. Das einzige, was er tun konnte, war ihr Grab zu suchen. Aber das wollte er nicht. Er hatte seine kleine Schwester verlassen, als sie 17 Jahre alt war. Und genau so wollte er sie in Erinnerung behalten.

Doch da war auch noch der Gedanke an Anna, der ihn belastete. Seine Frau, die ihn über alles geliebt hatte. Er hatte diese Liebe nie erwidern können. Für ihn war Anna eine nette junge Frau gewesen, die ihm die arrangierte Zweck-Ehe, wie sie bei den Swans üblich war, enorm erleichtert hatte, weil sie ihn tatsächlich von Herzen liebte. Er hatte schon immer ein schlechtes Gewissen ihr gegenüber gehabt, weil er ihr niemals hatte geben können, was sie ihm gab. Doch das hatte sie nicht gekümmert. Solange er da gewesen war, war sie glücklich. Jetzt war er fort und es versetzte ihm einen Stich, sie vollkommen alleine zu wissen. Aber was sollte er tun? Es stand nicht in seiner Macht, die Dinge zu ändern. Er war nun einmal hier. Und hier war er glücklich – zumindest, wenn Tilda da war.

Tilda. Heute Abend war sie bei ihrer Schwester Emi. Ein längst überfälliges Treffen, das wusste er. Und er gönnte ihr diesen Abend. Gleichzeitig quälte ihn ein Gedanke, der schon seit Längerem an ihm nagte: Er musste Tilda von Anna erzählen. Aber er hatte es bisher nicht übers Herz gebracht. Tilda würde am Boden zerstört sein, wenn sie erfuhr, dass er bereits verheiratet war. Ihm bedeutete diese Ehe nichts. Aber das würde Tilda nicht verstehen. In seiner Zeit waren Swan-Ehen reine Zweckgemeinschaften gewesen, hatten mit normalen Ehen nicht das Geringste zu tun. Für ihn war Anna eine Freundin, mehr nicht. Zugegeben: Eine Freundin, mit der er im Bett gewesen war. Aber auch das bedeutete Richard nichts. Doch er wusste, dass es für Tilda wichtig war, dass sie maßlos enttäuscht wäre. Deshalb würde er weiter schweigen, um sie nicht zu verletzen. Er seufzte abermals tief. Er hatte nicht die geringste Lust, Tilda zu belügen. Aber er konnte sie nicht mit der Wahrheit belasten. Sein Leben spielte sich hier und jetzt ab. 1908 war Vergangenheit. Er hatte mit seinem alten Leben abgeschlossen. Er musste seinen Fokus nun auf das richten, was vor ihm lag. Die Prophezeiung, die irgendwann eintreten würde, nagte an seiner Seele. Er durfte nicht zulassen, dass Tilda starb. Wenn er doch nur wüsste, wie …

 

Das Klingeln des Telefons riss ihn aus seinen Gedanken. Der Portier meldete eine Besucherin an. Mia. Wenige Augenblicke später öffneten sich die Aufzugtüren und Mia kam mit versteinerter Miene herein.

»Hi«, sagte sie missmutig und ließ sich neben ihm auf dem freien Stuhl nieder.

»Hallo«, erwiderte Richard und versuchte sich an einem Lächeln.

»Was ist denn los?«

»Meine Oma ist gestorben«, meinte Mia tonlos.

Richard setzte einen mitfühlenden Blick auf. »Das tut mir leid.«

»Danke. Wir hatten kaum Kontakt. Und ehrlich gesagt konnte ich sie nicht leiden.« Mia verzog das Gesicht.

»Aber jetzt fehlt sie dir trotzdem, hm?«, fragte Richard.

»Nein, das ist es nicht«, brummelte Mia. »Ich habe etwas von ihr bekommen. Für dich.« Sie zog einen braunen Umschlag aus ihrer Tasche und schob ihn über den Tisch.

In schwungvoller Handschrift stand Richards Name darauf und erinnerte ihn an etwas. Richard sah sie verwirrt an. Er kannte Mias Oma nicht. Was sollte er mit dem Umschlag?

»Mach schon auf. Er ist wirklich für dich.«

Richard nahm das Kuvert, das offenbar sehr alt war, an sich. Das Papier war bereits verblichen. Aber es war noch versiegelt. Mia hatte noch nicht hineingesehen. An ihren angespannten Gesichtszügen erkannte er, dass sie neugierig war. Mit angehaltenem Atem wartete sie darauf, dass er den Brief öffnete.

Mit zitternden Fingern zerstörte er das rote Siegel, öffnete den Umschlag und zog ein Blatt daraus hervor, auf dem in ordentlicher Handschrift etwas geschrieben stand. Es dauerte nicht lange, bis er die Zeilen gelesen hatte. Sie wühlten ihn innerlich auf, aber er ließ sich nichts anmerken. Mit unbewegter Miene schaute er zu Mia hinüber. »Sagst du mir jetzt, wie du an diesen Brief gekommen bist?«

»Was steht denn drin?«, fragte Mia neugierig.

»Das geht dich nichts an«, antwortete Richard entschieden.

»Schön«, sagte Mia trotzig. »Dann sage ich dir auch nicht, woher ich den Brief habe.«

Richards Ausdruck wurde flehend. »Bitte Mia. Das ist wirklich wichtig. Ich muss es wissen.

Mia seufzte. »In Ordnung. Es geht mich wohl wirklich nichts an, was drinsteht. Also gut. Meine Oma hat jedem Familienmitglied etwas hinterlassen. Ich habe eine kleine Kiste bekommen, in der drei Dinge waren: Ein Brief für mich, dieser Umschlag und … ein Foto von dir.«

»Ein Foto von mir?«, schnaubte Richard.

»Ein sehr altes Foto«, ergänzte Mia. »Es stand die ganze Zeit in ihrer Wohnung. Als ich noch klein war, habe ich sie einmal danach gefragt. Sie sagte, das sei der Mann, der kurz davorstand, die Welt zu befreien. Mehr habe ich nicht erfahren. Aber als ich dich zum ersten Mal in Tildas Wohnung sah, habe ich dich sofort wiedererkannt. Und jetzt habe ich dieses Foto geerbt.«

»Das ist nicht möglich!« Richard fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Wie konnte Mias Oma an ein Foto von ihm gelangen?

»Doch, das ist es«, sagte Mia leise. »Meine Oma hat es von ihrer Mutter bekommen, also von meiner Urgroßmutter. Sie hieß Anna. Anna Brandt.«

Richard brachte kein Wort mehr heraus. Anna? Seine Anna? Sie sollte Mias Urgroßmutter sein?

»Sie hat dich geliebt, Richard«, fuhr Mia fort.

»Ich weiß«, war das einzige, das Richard herausbrachte.

»Weiß Tilda davon?«, fragte Mia mit gesenkter Stimme, als könne jemand zuhören.

»Nein!«, entfuhr es Richard. Mit gequältem Gesichtsausdruck fügte er hinzu: »Bitte sag ihr nichts davon. Sie würde das nicht verstehen.«

Mia nickte. »Jedenfalls«, sprach sie weiter, »hat meine Oma veranlasst, dass ich diese Dinge sofort nach ihrem Tod bekomme.«

»Aber woher…?« Richard hatte sich noch immer nicht gefangen.

»Eine Vision hat es ihnen verraten. Von deiner Schwester. Sie lässt dich grüßen. Stumm öffnete sie die Innentasche ihrer Jacke, zog ein Blatt Papier daraus hervor und reichte es ihm.

Liebe Mia, stand dort in derselben geschwungenen Handschrift, die er sofort wiedererkannte. Es war Annas Handschrift. Daran gab es keinen Zweifel.

 

Ich muss dich um etwas bitten, was dir sehr ungewöhnlich erscheinen muss. Und dennoch ist es ungeheuer wichtig, dass du alles tust, was du hier liest. Denn nur so lässt sich die Katastrophe vielleicht noch aufhalten.

Sieh dir das Foto an, das du hoffentlich unversehrt bekommen hast. Es zeigt einen Mann, den du kennst. Richard. Er ist mein Ehemann. Oder besser gesagt: Er war es, bis er mich und diese Zeit verlassen hat, um in die Bücherwelt zu gelangen. Ich weiß nicht wie und ich weiß nicht warum, aber er ist irgendwie in der Zukunft gelandet.

Erika hatte eine Vision, die genau dies besagt. Und Erikas Visionen stimmen immer. Du fragst dich sicher, wer Erika ist. Sie ist Richards Schwester. Ihre Art, mit den Visionen über Richard umzugehen, ist die, alles danach sofort wieder zu löschen. Sie will sich nicht damit belasten und meint, es falle ihr auf diese Weise leichter, mit dem Verlust umzugehen. Vorher aber erzählt sie mir alles und ich bewahre es in meiner Erinnerung auf. Zumindest eine Weile noch. Am liebsten hätte ich meinem Leben sofort ein Ende gesetzt, als klar war, dass Richard nie wieder zu mir zurückkehren wird. Aber als Erika mir erzählt hat, dass du, meine Urenkelin, einmal auf ihn treffen wirst (ich hoffe, sie hat deinen Namen richtig verstanden), wusste ich, dass ich noch eine Weile durchhalten muss.

Ich will dich nicht mit meiner Trauer belasten. Ich möchte nur, dass du weißt, dass ich Richard von Herzen geliebt habe. Ich tue es noch immer. Und dennoch ist er mein Untergang, weil er mich verlassen hat.

Genau davor möchte ich dich bewahren. Die Prophezeiung sagt voraus, dass Richard dein Glück wird, aber auch dein Untergang. Genau wie bei mir. Ich weiß nicht, in welcher Beziehung du zu ihm stehst. Aber ich hoffe inständig, dass du dich nicht in ihn verliebt hast. Denn falls es so ist, wird die Geschichte dasselbe schreckliche Ende nehmen wie bei mir. Ganz egal wie sehr du ihn liebst: Lass los und werde ohne ihn glücklich. Du hast noch die Chance dazu. Eine Chance, die ich niemals hatte. Erika hat mir vorhin gesagt, sie sieht dich bei einem klärenden Gespräch mit ihm. Kurz nachdem meine Tochter verstorben ist. Und sie sieht ihn zu diesem Zeitpunkt in einer Beziehung mit einer anderen Frau. Das ist der richtige Moment, um den Kontakt zu ihm abzubrechen. Für immer.

Sag ihm, was du noch zu sagen hast. Und gib ihm den Umschlag. Er wird verstehen, dass ihr keinen Kontakt mehr haben dürft. Dann kehre ihm den Rücken, so schwer es dir auch fallen mag. Das ist die einzige Möglichkeit, deinem Untergang zu entgehen.

Deine Uroma Anna 

 

Richard schluckte schwer. Seine Vergangenheit holte ihn gerade ein, ohne dass er etwas dagegen tun konnte. Aber er verstand nicht ganz, was Anna mit diesem Brief sagen wollte.

»Mia! Du bist doch nicht wirklich …« Er wagte es kaum auszusprechen.

»Nein.« Mia schüttelte energisch den Kopf. »Du Dummkopf. Ich verliebe mich doch nicht in den Freund meiner besten Freundin!«

Richard fiel ein Stein vom Herzen und er lächelte Mia dankbar an. Aber was war es dann? Anna hatte sich ganz offensichtlich getäuscht mit ihrer Vermutung. Erikas Vision konnte nicht falsch sein. Sie hatte gesehen, dass er Mias Glück und Untergang zugleich sein sollte. Er verstand nur nicht, was damit gemeint war.

 

 

Tilda war wütend. Sie liebte das Lesen. Wenn sie las konnte sie abtauchen in fremde Welten, Teil von ihnen werden, Abenteuer an der Seite der vielfältigsten Protagonisten erleben und trotzdem immer sie selbst bleiben. Seit sie ihr Lebensbuch gefunden hatte, war ihr fast all das tatsächlich passiert: Sie war abgetaucht in eine fremde Welt, sie war Teil von ihr geworden und hatte fantastische Abenteuer erlebt. Der entscheidende Unterschied lag darin, dass sie das Buch nicht einfach zuklappen und ihr Leben weiterleben konnte. Das Buch hatte ihr Leben verändert. Sie war Teil einer Geschichte geworden, in der sie noch nicht ihren Platz gefunden hatte. Einer Geschichte, in der sie sich manchmal nicht zu Hause fühlte. Einer Geschichte, in der sie sich oft nutzlos vorkam.

Sie beneidete alle Personen, die ein Buch einfach nur lesen durften, ohne es Herr über ihr Leben werden zu lassen. Sie fühlte sich dem, was war, und dem, was noch kommen würde, hilflos ausgeliefert. Sicher, sie hatte ihren Traummann gefunden und eine Luxuswohnung bekommen. Trotzdem hatte sie die ganze Zeit das Gefühl, es wäre nicht richtig. Am meisten ärgerte sie sich über sich selbst. Sie hatte sich von einer lebensfrohen, selbstsicheren Person in eine Marionette verwandelt. So sehr sie auch an den Fäden zog und so sehr sie versuchte sich einzureden, dass sie losgelöst war und damit selbst über ihr Leben entscheiden konnte: Sie hatte immer das Gefühl, dass da eine Macht war, die ihr Schicksal bestimmte, ohne dass sie es beeinflussen konnte. Mehr noch: eine Macht, die sie Dinge tun ließ, die sie selbst nicht an sich leiden konnte.

Und sie vermisste Titus so sehr, dass es wehtat. Dieser kleine Kerl, der innerhalb kürzester Zeit zu ihrem engsten Freund geworden war, der ihr Leben inund auswendig kannte und der ihr für alles eine Antwort oder Erklärung liefern konnte: Er war verschwunden seit er und Richard aufeinander getroffen waren.

Immer wieder sah sie ihn vor sich, wie er das Gänseblümchen – ihre einzige Verbindung zueinander – zwischen seinen rundlichen Fingern zerrieb, die Lippen vor Wut fest zusammengekniffen. Sie wusste, dass Bücherwesen und Swans die ärgsten Feinde waren. Aber Richard und Titus waren beide ihre Freunde – konnten sie da nicht eine Ausnahme machen?

Tilda hielt den Anhänger, der für eine Zeit das Gänseblümchen bewahrt hatte, bevor Titus es aus eigenem Wunsch zerstört hatte. Immer und immer wieder redete sie sich ein, sie könnte auch ohne Gänseblümchen Kontakt zu Titus aufnehmen. Sie schniefte. Na toll, jetzt verfiel sie auch noch in Selbstmitleid. Sie wusste, dass Titus irgendwo da draußen war. Sie musste es nur irgendwie schaffen, wieder eine Verbindung zu ihm zu bekommen.

Die Tür ging auf und Richard kam herein. Sofort wurde Tilda leichter ums Herz. Sobald Richard in ihrer Nähe war, fühlte sie sich geborgen. Er küsste sie liebevoll auf die Stirn, setzte sich neben sie und fragte: »Was ist los mit dir? Du siehst besorgt aus.« Tilda kämpfte mit den Tränen. Immer, wenn sie kurz davor war, über das zu sprechen, was sie bedrückte, wollten sich die Tränen vordrängen und schneller an die Oberfläche sprudeln als ihre Worte. Während Richard sie fragend ansah und auf eine Antwort wartete, tobte in Tilda ein stummer Kampf zwischen ihren Worten und ihren Tränen. Wieder einmal gewannen die Tränen: Eine von ihnen kullerte aus Tildas rechtem Auge und lief über ihre Nase, wo sie von der Nasenspitze heruntertropfte. Richard fing sie mit seiner Hand auf und nahm Tilda fest in seine Arme. Das gab Tildas Tränen noch mehr Kraft. Mit aller Macht wollten sie aus ihren Augen sprudeln. Gleichzeitig aber kamen auch die Worte und deshalb schniefte sie und sagte unter Tränen, was sie belastete. Sie hasste ihre Stimme, wenn sie vom Weinen belegt war und schämte sich. Aber Richard gab ihr mit jedem Blick und jeder Geste zu verstehen, dass sie keinen Grund dazu hatte. Er hörte ihr geduldig und aufmerksam zu, ohne sie zu unterbrechen. Als sie geendet hatte, stand er auf, ging durch den Raum ihres wunderschönen gemeinsamen Wohnzimmers und blickte aus dem Fenster. Die Blätter an den Bäumen waren alle braun geworden. Mit jedem Windstoß segelte eine weitere Gruppe von ihnen auf den kalten Boden.

Richard fuhr sich mit einer Hand durch die dichten braunen Haare und dachte einen Moment nach. Dann kam er zu Tilda zurück, setzte sich neben sie und nahm ihre Hand. »Ich wünschte, ich könnte dir helfen«, begann er. »Es ist für keinen von uns eine leichte Situation. Auch ich fühle mich so oft wie eine Marionette. Aber ich weiß ganz tief in mir, dass all das irgendwann einen Sinn ergibt. Und bei all den negativen Gedanken hast du das Allerschönste vergessen: Wir haben uns gefunden.« Er blickte ihr tief in die Augen und Tilda wurde augenblicklich warm ums Herz.

»Glaub mir, du bist weder hilflos noch nutzlos. Du bist der wundervollste Mensch aller Zeiten – und das darfst du wörtlich nehmen. Hab Vertrauen in dich. Ich weiß, dass du zu viel mehr fähig bist, als wir alle jemals ahnen konnten. Und erlaube dir, an Wunder zu glauben.« Er fing ihren fragenden Blick auf und lächelte vorsichtig. »Hast du denn vergessen, dass du selbst eines bist?«

Tildas Handy klingelte nun schon zum dritten Mal, aber sie hatte keine Lust, sich an ihrem freien Samstag so früh aus dem Bett zu quälen. Draußen war es noch dunkel und sie fühlte sich, als hätte sie keine drei Stunden geschlafen. Mit einem Auge schielte sie auf das Display ihres Telefons. Der Anruf kam von einer ihr unbekannten Telefonnummer. Wie Richard nur so seelenruhig weiterschlafen kann! Aber vermutlich ist der Anruf wichtig. Seufzend stieg Tilda aus ihrem kuschelig warmen Bett, darauf bedacht, Richard nicht aufzuwecken und schlich sich ins Wohnzimmer, wo ihr ein eisiger Luftzug entgegenkam. Sie musste am Abend zuvor vergessen haben, das Fenster zu schließen und der November war erbarmungslos ins Wohnzimmer gezogen. Fröstelnd machte Tilda das Fenster zu, schnappte sich die Sofadecke und zog damit weiter ins Gästezimmer ihrer Luxuswohnung, die sie dank ihrer Zugehörigkeit zu den Swans kostenfrei nutzen durften. Eins hatten die eisigen Temperaturen für sich: Tilda war nun hellwach, als sie die unbekannte Nummer zurückrief.

Schon beim ersten Läuten meldete sich eine helle Stimme: »Tilda! Ein Glück, dass du wach bist!« Es war Mia, Tildas beste Freundin, die – wie Richard – ein Swan war und über magische Fähigkeiten verfügte. »Mia! Was ist denn los? Und von welcher Nummer hast du angerufen?«, fragte Tilda.

»Das ist das Telefon am Empfang der König AG«, antwortete Mia. »Ich war in der Abtei und dort darf man doch keine Handys mitnehmen. Meins liegt noch im Auto.« Sie lachte. »Aber pass auf: Es ist wirklich wichtig, dass du sofort herkommst. Wir haben ein Serum entwickelt, um die Herzbande künstlich zu erzeugen. Jürgen und ich haben die ganze Nacht an der finalen Zusammensetzung getüftelt und jetzt glauben wir, dass wir es endlich geschafft haben, das Ganze zu vollenden. Aber es fehlt uns noch eine letzte Zutat.«

Tilda merkte, dass sie trotz des Kälteschocks eben noch immer sehr müde war, weil sie sich schwertat, Mias Redeschwall zu folgen. Sie hatte kaum mehr als ›Herzbande‹ und ›Abtei‹ verstanden und nickte abwesend, bis ihr auffiel, dass Mia sie nicht sehen konnte. »Ja, ist in Ordnung. Ich komme«, murmelte sie und legte auf, während Mia in einen erneuten Begeisterungsschwall ausbrach.

Als sie Zähne putzend im Bad stand, wurde ihr bewusst, was das alles bedeutete. Wenn es Mia und Jürgen König wirklich gelungen war, die Herzbande künstlich zu erzeugen, dann konnten sie damit eine enorm große Emotion erzeugen, die imstande war, die Tore der Bücherwelt zu sprengen. Noch immer war sich Tilda nicht im Klaren darüber, welche Auswirkungen dies wirklich hatte. Tilda und Richard waren die einzigen Menschen, die jemals die Bücherwelt besucht hatten. Sie war Tilda als graue, leblose Welt in Erinnerung geblieben. Der Lesesaal, in dem unendlich viele kleine Bücherwesen, so wie Titus eines war, aus den Lebensbüchern der Menschen lasen, war der einzig zauberhafte Ort. Vor allem die Erinnerung an die Wächter, die mächtigsten der Bücherwesen, jagte ihr Angst ein. Natürlich wusste Tilda, dass sich alle Bücherwesen – ob Schreiber, Leser oder Wächter – von Energie ernährten. Aber die Wächter waren unersättlich und scheuten nicht davor zurück, so lange weiterzumachen, bis der Mensch, dessen Energie sie raubten, starb. Nicht auszudenken, was geschah, wenn diese Gestalten hierherkamen.

Auf dem Weg in die Tiefgarage schrieb Tilda eine kurze SMS an Richard, um ihm mitzuteilen, wo sie war. Sobald er aufwachte, würde er sicherlich nachkommen.

Als sie mit ihrem Auto unterwegs in die Abtei war, klingelte Tildas Handy erneut. Aus alter Gewohnheit wollte sie rechts ranfahren, um sicher zu telefonieren, als ihr einfiel, dass sie das gar nicht brauchte. In ihrem BMW i3, den sie – wie die Wohnung – im Sommer von der König AG bekommen hatte, war natürlich eine Freisprecheinrichtung installiert. Beim Blick auf die Temperaturanzeige wurde ihr bewusst, dass sie noch immer keine Winterreifen hatte. Das musste sie schleunigst erledigen. Als sie das Gespräch annahm, hörte sie Jürgen König im Hintergrund fluchen.

»Mia? Bist du das?«, fragte sie.

»Ja, oh Mann, Tilda.« Mia hörte sich sehr bedrückt an. »Tut mir so leid, dass ich dich so früh geweckt habe. Bist du schon unterwegs?«

»Ja, bin ich.«

»Mist. Entschuldige. Aber ich glaube, du kannst wieder umdrehen. Wir haben …« Wieder fluchte Jürgen König unverständlich im Hintergrund.

»Warum? Was ist denn passiert? Ich dachte, ihr hättet ein Serum entwickelt?«, fragte Tilda.

»Das haben wir auch. Aber es ist … ähm … noch nicht ganz ausgereift, wie sich eben herausgestellt hat.« Weil das Fluchen im Hintergrund leiser wurde, nahm Tilda an, dass sich Mia von König wegbewegte. »Hör zu«, flüsterte die nun fast. »Du bist die letzte Zutat für unser Serum. Also nicht du komplett. Sondern deine Energie. Aber das ist gleichzeitig auch das Schwierige daran. Jürgen meinte, er hätte eine Idee, wie man sie extrahieren könne. Als wir es eben bei Constanze versucht haben, ist das gründlich in die Hose gegangen.«

Tilda hielt den Atem an und entschloss sich, trotz Freisprecheinrichtung rechts ranzufahren.

»Warum? Was ist passiert? Ist Constanze verletzt?«, fragte sie und war nun unbewusst ebenfalls zum Flüsterton übergegangen. Constanze war ihr quasi aufgezwungen worden, als sie in die Gemeinschaft der Swans aufgenommen worden war und ihr Kontakt war rein beruflich. Dennoch wollte sie nicht, dass ihr etwas zustieß.

»Naja«, begann Mia und fuhr nach kurzem Zögern fort. »Wir haben ihre Energie extrahiert, soviel steht fest. Aber sie einzufangen, ist uns nicht gelungen. Sie ist entwichen und hat sich überall verstreut. Und Constanze ist … ein wenig neben sich. Ihre magischen Fähigkeiten sind im Moment auf ein Minimum reduziert.«

»Aber es geht ihr gut?«, hakte Tilda noch einmal nach.

»Sie ist unverletzt, aber sehr schwach«, antwortete Mia, deutlich schuldbewusst. »Ihre Fähigkeiten kommen schon wieder, mach dir keine Sorgen. Ich … hätte es mir nie verzeihen können, wenn dir etwas passiert wäre. Ich verspreche dir, dass wir erst weitermachen, wenn es einen hundertprozentig sicheren Weg gibt.« Sie legte eine kurze Pause ein. »Es tut mir leid«, sagte sie ehrlich zerknirscht.

Tilda kannte ihre Freundin nur zu gut. Auch wenn sie mit ihrem Schneewittchen-Look und ihrer zierlichen Figur nicht den Anschein erweckte, so war sie doch mutig, gewissenhaft und äußerst ehrgeizig. Scheitern gab es für sie nicht. Dass sie wegen Mias Ehrgeiz fast verletzt worden wäre, gab ihr trotzdem zu denken. »Ist schon ok«, meinte sie daher nur und legte auf.

Wo bin ich nur gelandet? Vor einem halben Jahr war meine Welt noch in Ordnung. Keine Zauberei, keine Swans, keine Bücherwesen. Keine Gefahr. Sie dachte an ihr Buch, in dem immer wieder Szenen aus ihrem Leben aufgetaucht waren, die sich danach genauso ereigneten. Hatte ich eigentlich jemals eine Chance, all dem hier zu entrinnen? Oder war das alles schon immer für mich vorbestimmt?

Tildas Lebensbuch war sicher verstaut und mit einem Siegel verschlossen. Sie hatte Richard versprechen müssen, es nicht mehr zu öffnen. Denn eine Szene darin hatte ihren Tod vorausgesagt – während sie ihr Buch in den Händen hielt. Um dem zu entgehen, hatte sie nur eine Möglichkeit: Sie durfte ihr Buch nie wieder anfassen, dann konnte sich auch die Prophezeiung niemals erfüllen. Noch immer sah sie die Worte vor sich:

Schmerz. Alles, was sie fühlt, ist Schmerz. Die Zeit ist abgelaufen. Ihre Hände umklammern noch immer das Buch. Sie ist nicht bereit, es ihnen zu geben. Niemals. Aber sie spürt bereits, wie das Leben aus ihr entweicht. Sobald sie tot ist, ist das Buch frei. Frei für den Feind.

Wieder fühlte sie sich ausgeliefert. Sie wusste nicht, wie sie ihrem Schicksal entrinnen sollte. Richard hatte gesagt, jede Prophezeiung würde sich erfüllen. Wie in Trance fuhr Tilda zurück nach Hause. Leise, um Richard nicht aufzuwecken, schloss sie die Wohnungstüre auf und schlich auf Zehenspitzen den Gang entlang. Als sie gerade zum Schlafzimmer abbiegen wollte, um sich noch einmal zu Richard ins Bett zu kuscheln, hörte sie ihn aus dem Wohnzimmer telefonieren. »Danke. Sie haben mir sehr geholfen«, hörte sie ihn sagen. »Nicht doch«, fuhr er nach einer kurzen Unterbrechung fort. »Sie wissen ja: Die Vergangenheit holt einen irgendwann immer ein.«

 

 

Tilda war verwirrt und wusste nichts mit dem Gesprächsfetzen anzufangen. Weil sie nicht wollte, dass Richard ihr Lauschen bemerkte, schlich sie sich zur Wohnungstür zurück und ging so leise wie sie eben hereingekommen war, wieder nach draußen. Dort wartete sie einige Sekunden, während ihr viele Gedanken im Kopf herumschwirrten. Was hat er damit gemeint? Wieso holt ihn seine Vergangenheit ein? Warum hat er nichts zu mir gesagt?

Sie atmete drei Mal tief durch und betrat dann erneut die Wohnung. Diesmal versuchte sie, dabei so viel Lärm wie nur möglich zu machen.

»Tilda! Du bist ja schon zurück!«, rief Richard erfreut, kam auf sie zu und nahm sie in die Arme. »Du hast mir gefehlt«, hauchte er, während er ihr mit der Hand durch die honigblonden Haare strich. »Ohne dich aufzuwachen ist sehr einsam«, meinte er und blickte ihr tief in die Augen.

»Du hast mir auch gefehlt«, murmelte Tilda und erzählte Richard von Mias und Jürgens Fehlversuch, das Serum zu erzeugen. Richard hörte aufmerksam zu, nickte ein paar Mal und schien dann zu überlegen.

»Worüber denkst du nach?«, fragte Tilda.

»Ich habe mitbekommen, dass Mia und Jürgen an irgendetwas dran sind«, sagte Richard. »Sie haben sich in letzter Zeit immer mehr abgekapselt. Aber das ging schon verdammt schnell. Auch wenn sie noch immer nicht am Ziel sind.«

»Was passiert, wenn es ihnen gelingt? Können sie damit die Tore zur Bücherwelt öffnen? Und was geschieht dann? Ich möchte nicht noch einmal so einem Wächter begegnen.«

»Das Serum ist nur der erste Schritt. Soweit ich verstanden habe, soll es als eine Art Köder eingesetzt werden, um die Bücherwesen anzulocken. Die Energie, die es erzeugt, ist so gewaltig, dass vermutlich kein reisendes Bücherwesen widerstehen kann, da gebe ich ihnen Recht.«

Tilda nahm nur am Rande wahr, was Richard sagte. In Gedanken war sie noch immer bei dem seltsamen Gespräch, das sie eben belauscht hatte.

Richard fuhr fort: »Allerdings bin ich mir nicht ganz sicher, was die anderen Bücherwesen betrifft. Wächter und Schreiber haben klare Aufgaben. Jürgen ist der Meinung, sie würden nicht vom Serum angelockt.« Er redete noch ein wenig weiter, während Tilda nach wie vor ihren Gedanken nachhing. Als er sie fragend ansah, überlegte sie kurz, was er zuletzt gesagt hatte und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass sie nicht bei der Sache gewesen war.

»Und was ist mit einem ganz bestimmten Leser?«, fragte sie vorsichtig.

Richard nahm ihre Hand und drückte einen Kuss darauf. »Ich weiß, dass du Titus vermisst. Doch ich denke, dass ihn der Köder kalt lassen würde. Schließlich weiß er sicher um die Pläne.« Als er Tildas betrübte Miene bemerkte, fügte er mit einem Lächeln hinzu: »Aber ich weiß, wie wir ihn wieder zurückholen können.«

Tilda war sprachlos. Titus war zu einem ihrer engsten Freunde geworden. Das kleine, schrullige Bücherwesen, das durch seinen eigenen Fehler – weil er das Vorlesen von Tildas Leben unterbrochen hatte – in der Menschenwelt gelandet war, war ihr sehr ans Herz gewachsen. Die markanteste Eigenschaft der Bücherwesen war ihre Bedeutungslosigkeit. Deshalb konnte kein Mensch die Bücherwesen sehen, außer es gab eine besondere Verbindung zwischen ihnen. Tildas und Titus‘ Verbindung war ein Gänseblümchen, das Tilda immer in einem Anhänger vom Flohmarkt bei sich getragen hatte. Als sie Richard – einen Swan und damit den Erzfeind der Bücherwesen – aus der Bücherwelt mitgebracht hatte, hatte Titus vor Wut das getrocknete Gänseblümchen zwischen seinen Fingern zerrieben und damit die Verbindung gekappt. Seitdem waren mehrere Monate vergangen.

Während Tilda an den Tag dachte, an dem Titus verschwunden war, holte Richard ein kleines Döschen aus seiner Tasche. Er öffnete den Deckel und Tilda hielt den Atem an. Sie erkannte sofort, was sich darin befand: Es waren die Überreste des zerbröselten Gänseblümchens.

»Aber wie hast du …? Wann? Und …« Sie wusste nicht was sie sagen sollte. Richard legte ihr seinen Zeigefinger auf die Lippen, schloss danach das Döschen sorgfältig und atmete tief durch.

»Ich wusste, wie sehr er dir am Herzen liegt. Deshalb habe ich jeden einzelnen Brösel des Gänseblümchens aufgespürt und verwahrt. Das komplette Gänseblümchen befindet sich in dieser Schatulle. Ich kann es nur nicht wieder zusammensetzen. Das heißt: Ich könnte es. Aber …«

Tilda unterbrach ihn aufgeregt: »Du kannst es zusammensetzen?

Dann tu es! Bitte!«

»Aber«, fuhr Richard fort, als hätte Tilda nichts gesagt, grinste dabei aber ganz leicht. »Es wäre nicht von Dauer. Ich habe einen Zauber gefunden, der alle Einzelteile richtig zusammenfügt. Er ist sogar sehr einfach. Sogar du könntest ihn anwenden. Das einzige, was wir brauchen, um alle Teile dauerhaft wieder miteinander zu verbinden, ist klirrender Frost. Nicht aus dem Eisfach, sondern echter Frost aus der Natur. Draußen wird es immer kälter. Deshalb wird es nicht mehr lange dauern, bis es soweit ist.«

Tilda wusste gar nicht, wie ihr geschah. Sie umarmte Richard so heftig, dass sie beinahe gemeinsam umfielen. Vor Freude hatte sie Tränen in den Augen. »Danke«, hauchte sie. »Das ist das Schönste, das ich jemals bekommen habe.«

»Bedank dich, wenn wir es geschafft haben. Noch ist Titus nicht wieder hier. Aber mach dir keine Sorgen. Sobald wir dauerhafte Minusgrade haben, wird der Zauber möglich sein.«

 

 

Selten hatte Tilda den Wetterbericht so aufmerksam verfolgt wie in diesen Tagen. Mehrmals täglich checkte sie die Wetter-App auf ihrem Handy, hörte regelmäßig Radio und verpasste kaum eine Tagesschau. Aber es war wie verhext. Während sich alle anderen über einen extrem milden November mit frühlingshaften Temperaturen freuten, wurde Tilda immer ungeduldiger. Noch nie hatte sie sich Kälte so sehr gewünscht wie jetzt.

So warm die Temperaturen auch waren, so kalt fühlte sich ihre Beziehung zu Richard gerade an. Sicher: Die Herzbande hielt ihre Herzen noch immer verbunden, das spürte sie jeden Tag. Die Momente, die sie gemeinsam verbrachten, waren voller Wärme und Zuneigung. Aber sie waren selten geworden. Tilda hatte das Gefühl, als würde Richard ihr mit Absicht aus dem Weg gehen. Ständig musste er ›an etwas Neuem arbeiten‹ oder ›einige Dinge klären‹, ›etwas besprechen‹ oder ›den Kopf freikriegen‹. Langsam aber sicher bekam sie den Eindruck, Richard wollte etwas vor ihr verbergen. Und sie konnte sich keinen Reim darauf machen, was es war. Ob es mit dem seltsamen Telefonat von neulich zu tun hat?

Als wieder einmal eines der wichtigen Treffen von Richard, Mia und Jürgen König in der Abtei anstand, zu dem Tilda nicht eingeladen war, fasste sie einen Entschluss. Sie erinnerte sich an ihren ersten Besuch in der Abtei, als sie noch kein Swan gewesen war. Dabei war sie aus Versehen in eins der Bücherregale hineingefallen – das sich im Nachhinein als magischer Spiegel entpuppt hatte. Wer hindurchging, konnte alles innerhalb der Abtei spiegelverkehrt betrachten, ohne dass er dabei von jemandem auf der anderen Seite bemerkt wurde.

Tilda wollte etwas eher da sein und das Treffen vom Spiegel aus belauschen. Sie musste nur dafür sorgen, dass Toni, der Wachmann, niemandem verriet, dass sie sich in der Abtei aufhielt. Sonst schöpften die anderen Verdacht.

Zunächst holte Tilda ihren Ausweis bei Elli, der Empfangsdame der König AG ab. Sie bat um ein Zeitfenster am späten Abend und behauptete, sie müsse noch einmal weg und könne erst dann wiederkommen, wenn Elli bereits Feierabend hatte. Elli nickte. »Das ist gut. Zwischen 15 und 18 Uhr darfst du gar nicht rein, da ist die Abtei für eine Besprechung geblockt. Aber den Ausweis kannst du jetzt schon haben. Wirf ihn mir später einfach in den Schlüsselkasten«, erklärte sie und klopfte mit der Hand auf eine edle Metallkiste hinter sich.

»In Ordnung, danke Elli«, sagte Tilda und freute sich innerlich, dass Teil eins ihres Planes aufgegangen war. Sie blickte kurz auf die Uhr. Es war Viertel nach zwei, genug Zeit also, um sich vor der Besprechung in den magischen Spiegel zu begeben. Dafür musste sie aber noch an Wachmann Toni vorbei, der dafür bekannt war, äußerst korrekt zu sein. Aber Tilda hatte bereits eine Idee.

Wie üblich begrüßte sie Toni, der kein Swan war, und plauderte ein wenig mit ihm. Er wies sie darauf hin, dass die Abtei in Kürze für eine Besprechung geblockt war, Tilda machte ihm aber klar, dass sie nur einen Moment benötigte. Nach der Taschenkontrolle – sie hatte ganz bewusst nichts mitgenommen, was Toni einbehalten würde – bat sie den Wachmann, kurz mit ihr in die Abtei hineinzukommen, weil sie – so behauptete sie – an ein Buch ganz oben im Regal nicht herankam. Weil Toni groß war und sie es eilig hatte, könnte sie sich so das umständliche Schleppen des Tritthockers sparen. Hilfsbereit wie Toni war, willigte er natürlich ein. Tilda steuerte das Regal neben dem mit dem magischen Spiegel an und täuschte Eile vor. »Ich muss nur einen schnellen Blick hineinwerfen, dann muss ich sofort wieder los«, gab sie vor. Toni lächelte nur achselzuckend und reichte ihr das verlangte Buch. Tilda blätterte ein wenig und schlug dann wahllos eine beliebige Seite auf, tat aber so, als wäre das genau die, nach der sie gesucht hatte. Zwei Mal nickte sie, als würde sie sich etwas Wichtiges einprägen. Dann lächelte sie Toni an und sagte zuckersüß: »Danke Toni. Ich muss jetzt dringend los. Kannst du mir einen Gefallen tun und das Buch in meine Lesebox stellen? Dann kann ich beim nächsten Mal gleich weiterarbeiten. Ich gehe dann schon mal raus, ok?«

Toni wägte kurz ab, ob er seine Pflicht verletzen würde, wenn er Tildas Tasche beim Verlassen der Abtei nicht kontrollierte, entschied sich dann aber dagegen. »Das ist schon in Ordnung«, brummte er augenzwinkernd. »Ich habe deine Tasche ja erst vor einer Minute kontrolliert. Viel Spaß und bis bald!«

Tilda bedankte sich und bewegte sich Richtung Ausgang. Als sie aus der Regalreihe und damit aus Tonis Blickfeld verschwunden war, machte sie eine Kehrtwende und schritt durch die Reihe daneben, in der sich der magische Spiegel befand. Innerhalb weniger Sekunden war sie in seinem Inneren verschwunden und für Toni unsichtbar. Sie konnte aus dem Inneren des Spiegels beobachten, wie Toni schnellen Schrittes zunächst zu den Leseboxen ging, wo er das Buch in Tildas Box legte und schließlich an seinen Posten zurückkehrte. Nun musste sie nur noch warten, bis die Besprechung startete.

So nervös sie war, so stolz war sie, dass sie diesen genialen Einfall gehabt hatte. Der magische Spiegel ermöglichte ihr, sich innerhalb der Abtei frei zu bewegen – aber eben auf der anderen Seite des Spiegels, so dass sie von allen Besuchern auf der wirklichen Seite nicht gesehen werden konnte.

Ungeduldig wartete Tilda neben dem Regal und hatte Angst erwischt zu werden. Sie war erst einmal in diesem Spiegel gewesen. Damals hatte sie beobachtet, wie Mia ihren Anhänger untersuchte, in dem zu diesem Zeitpunkt noch das intakte Gänseblümchen gelegen hatte. Es schien bereits eine Ewigkeit her zu sein. Da fiel ihr wieder ein, dass sie Mia damals zugesehen hatte, wie sie eine exakte Kopie des Anhängers in Händen gehalten hatte. Darauf hatten weder sie noch Richard sich bis heute einen Reim machen können. Denn es stand fest, dass Tilda ihren Original-Anhänger zurückbekommen hatte, weil sich noch Spuren der Bücherwelt an ihm befanden und ihre Verbindung zu Titus einwandfrei funktioniert hatte. Trotzdem musste Mia etwas mit der Kopie bezweckt haben. Tilda hatte sie nie darauf angesprochen, weil es ihr peinlich war, sie heimlich beobachtet zu haben. Heute würde sie es wieder tun.

Der Spiegelzauber – das wusste sie von Richard – war ein sehr einfacher und alter Zauber. Ob er so einfach war, dass er von den Swans enttarnt werden konnte? Tilda war sich auf einmal nicht mehr sicher, ob sie das Richtige tat. Wie sollte sie reagieren, wenn sie erwischt wurde? Ob Richard ihr jemals verzeihen konnte? Und was würde Mia sagen – und erst Mr. Lederhalsband? Diesen Spitznamen hatte Tilda Jürgen König schon bei ihrem ersten, unsympathischen Aufeinandertreffen in Gedanken gegeben; wegen eines schwarzen Lederbandes, das er immer um seinen Hals trug. Er mochte zwar ein sehr mächtiger und einflussreicher Mann sein, aber Tilda fühlte sich ihm gegenüber viel selbstbewusster, wenn sie ihn innerlich so nannte.

Um sich die Wartezeit zu verkürzen, bestaunte Tilda die geschmackvolle Einrichtung der Abtei. Der riesige Raum voller magischer Bücher – ALLER Bücher, die auch nur das Wort »Magie« beinhalteten, und das seit es Bücher gab, befanden sich hier – sah für Tilda weniger wie eine Bibliothek als vielmehr wie ein Designmuseum aus. Die Regale wirkten, als wären sie mit goldbraunem Stoff überzogen. In regelmäßigen Abständen standen elegante, geschwungene Tische mit passenden Stühlen. Neben jedem Tisch befanden sich ein Wasserspender und eine Anrichte mit unzähligen Schubladen. Obenauf lagen diverse Utensilien wie Stifte, Schreibblöcke, Fotoapparate, Laptops und einiges mehr, was Tilda nicht zuordnen konnte. Die Abtei war von außen nicht zugänglich, da sie sich im Inneren der König AG befand. Tageslicht kam nur durch einen Lichtschacht von oben. Jeder, der hineinwollte, musste zunächst durch die König AG, an Elli und Toni vorbei, dessen Stimme Tilda nun vernahm.

Als sich die Türen der Abtei öffneten und Mia, Richard und Mr. Lederhalsband eintraten, klopfte Tildas Herz bis zum Hals. Sie wusste, dass die drei sie nicht sehen konnten, hatte aber trotzdem Angst, entdeckt zu werden. Schließlich war sie die einzige, die keinerlei magische Fähigkeiten besaß.

Mia steuerte zielstrebig auf ihre Box zu und holte eine ganze Reihe von Büchern hervor, die sie offenbar für die Besprechung brauchte. Jürgen König ging zu einem altmodischen Telefonapparat, der an der Wand neben den Boxen hing und begann zu wählen. Offenbar musste selbst der Chef sein Handy bei Wachmann Toni abgeben.

Nach wenigen Sekunden begann Mr. Lederhalsband in seiner überheblichen Art, hektisch auf seinen Gesprächspartner einzureden. Allerdings auf Französisch. Tilda hatte in der Schule zwar drei Jahre Französisch gelernt, bis auf ein paar Fetzen verstand sie jedoch kein Wort. Deshalb entschied sie sich, Mia und Richard zu beobachten.

Was für ein seltsames Gefühl! Obwohl sie direkt neben Richard stand, konnte dieser sie nicht wahrnehmen. Ihr Traummann und ihre beste Freundin unterhielten sich ganz leise. Sie schienen vermeiden zu wollen, dass Jürgen König mithörte. Tilda musste noch ein Stück näher herangehen, um zu verstehen, worüber sie sprachen. Ganz automatisch hielt sie die Luft an und schlich auf Zehenspitzen näher. Diese Spiegel-Geschichte war total unheimlich. Vorsichtig ließ sie sich in einem der Stühle nieder.

»Du musst unbedingt mehr über deinen Urgroßvater herausfinden«, sagte Richard zu Mia. »Ich meine, ich müsste es doch spüren, wenn da irgendeine Verbindung wäre, aber ich weiß ehrlich gesagt nicht, wozu die Swans mittlerweile in der Lage sind.«

»Das werde ich, versprochen«, entgegnete Mia. »Aber du denkst doch nicht wirklich, dass …«

»Ich weiß es einfach nicht. Und wenn ich etwas nicht weiß, lässt mir das keine Ruhe, bis ich es herausgefunden habe.« Er fuhr sich mit den Fingern durch seine haselnussbraunen, dichten Haare und seine Augen schimmerten in einem warmen Bernsteinton. Wie immer, wenn sie in seiner Nähe war, spürte Tilda die enorme Kraft der Herzbande. Sie brauchte Richard nur anzusehen und fühlte sich augenblicklich geborgen.

»Es ist wie damals, als ich den Eingang zur Bücherwelt gesucht habe«, fuhr er fort. »Ich konnte an nichts anderes mehr denken.«

»Und dann hat dich die Herzbande erwischt«, grinste Mia, woraufhin Richard einen leicht verträumten Blick bekam.

Mia deutete mit hochgezogenen Augenbrauen auf sein Gesicht und sagte: »Da ist er wieder! Diesen Gesichtsausdruck bekommst du immer, wenn du an Tilda denkst, von ihr sprichst oder in ihrer Nähe bist! Es ist einfach unglaublich, was diese Herzbande mit euch macht!«

»Jetzt zieh sie bitte nicht ins Lächerliche.«

»Das tu ich doch gar nicht. Ganz im Gegenteil: Ich wünschte, ich könnte sie auch erleben. Schon als kleines Mädchen habe ich davon geträumt. Weißt du wie das ist, wenn man seine ganze Kindheit Geschichten von der Herzbande vorgelesen bekommt, aber immer davon ausgeht, es handelt sich um ein Märchen?! Und dann, mitten in eine Welt aus Realität und Wissenschaft, platzt sie herein, als wäre es das Normalste auf der Welt! Und das auch noch bei meiner besten Freundin. Die nicht mal ein Swan ist!« Mia atmete schwer und flüsterte mittlerweile nicht mehr. »Ich habe es bisher noch nie offen zugegeben, aber ich wünsche mir nichts sehnlicher als die Herzbande. Deshalb werde ich alles dafür tun, die Bücherwelt zu öffnen, um alle Menschen loszulösen. Dann findet sich ganz bestimmt auch mein Glück.«

Richard hatte aufmerksam zugehört und lächelte verständnisvoll. Er legte seine Hände auf Mias Schultern und sah ihr direkt in die Augen. »Ich wünsche es dir von ganzem Herzen, Mia. Und ich verspreche, dir zu helfen, wo ich kann. Es wäre doch schade, wenn etwas so Wundervolles nur zwei Menschen auf der ganzen Welt zuteilwerden darf.«

»Danke.«

»Aber zurück zu der anderen Geschichte: Ich habe einen Weg gefunden, Tildas Anhänger zu reparieren. Es war ein ziemlich aufwendiger Coniunctus-Zauber, aber ich habe es geschafft. Alles, was jetzt noch fehlt, ist beständiger Frost.«

»Wir haben Ende November. Das ist nur noch eine Frage der Zeit. Viel schwieriger wird es sein, Titus zu überreden, dich das Zeitreisen zu lehren.«

»Ich weiß.« Richard seufzte. »Tilda hat sich so gefreut, als ich ihr erzählt habe, dass sie Titus bald wiedersehen wird. Wenn ich riskiere, ihn zu verärgern, wird er sich vielleicht beim nächsten Mal endgültig zurückziehen. Das würde Tilda das Herz brechen.«

Fragend sahen sich die beiden an, als Jürgen König auf sie zukam. Er lächelte zufrieden. »Magnifique, magnifique«, wiederholte er immer wieder. »Bitte nehmt Platz. Wir müssen etwas besprechen«, sagte er an die beiden gewandt und deutete auf die Stühle der nächstgelegenen Sitzgruppe.

»Wir werden eine sehr alte Tradition fortführen und einen internationalen Kongress der Swans veranstalten. Dort werden die klügsten Köpfe von uns gemeinsam daran arbeiten, Matildas Energie mit dem Serum der künstlichen Herzbande zu verbinden.« Aus dem Augenwinkel Richards besorgten Blick wahrnehmend, ergänzte er: »Natürlich ohne, dass sie dabei Schaden nimmt.« Richards Sorgenfalten verschwanden. »Ich möchte euch beide bitten, Kontakt zu den jeweiligen Landesmeistern aufzunehmen und ihnen die Situation zu schildern. Grob wissen sie bereits, was wir planen. Ich möchte aber sichergehen, dass sie sich so detailliert wie möglich vorbereiten können. Kann ich auf euch zählen?«

Mia und Richard nickten.

»Schön. Elli wird die Unterkunft buchen und die Einladungen verschicken. Das ist allerdings reine Formsache. Ich möchte, dass jeder Eingeladene bereits Bescheid weiß, wenn er Post bekommt. Außer den Landesmeistern werden alle am Serum und an der Herzbande beteiligten Personen teilnehmen.«

»Ähm, wann soll denn der Kongress stattfinden?«, fragte Mia.

»Noch vor Weihnachten. Das genaue Datum erfahrt ihr morgen von Elli. Wir haben keine Zeit zu verlieren!« Während Jürgen König nach einem Buch in Mias Stapel suchte, raunte Mia Richard zu: »Da muss deine Zeitreise wohl noch etwas warten.«

Jürgen Königs Miene verhärtete sich: »Welche Zeitreise?«, fragte er misstrauisch, blätterte währenddessen aber weiter in dem Buch, das er in seiner Hand hielt.

Richard seufzte erneut. »Eventuell kann ich Kontakt zu Tildas Bücherwesen aufnehmen. Ich wollte es bitten, mich das Zeitreisen zu lehren. Aber das wird vermutlich nichts. Du weißt ja, wie unser Verhältnis ist.«

Jürgen König überlegte. »Das ist eine interessante Idee. Angenommen, wir könnten an den Zeitpunkt zurückkehren, an dem du in der Bücherwelt verschwunden bist, so müsste das Portal noch für einen Augenblick offenstehen. Dass ich daran noch nicht gedacht habe! Sehr gut, Richard. Du wirst also hierbleiben und in der Abtei mit allen nur erdenklichen magischen Mitteln an einer Möglichkeit des Zeitreisens arbeiten, während wir auf dem Kongress sind. So haben wir – sollte etwas schiefgehen – immer noch Plan B.« Er reichte Mia das Buch. »Hier. Darin findest du eine Liste aller Landesmeister. Kontaktiere sie noch heute.« Und an Richard gewandt: »Auch du darfst dich gleich an die Arbeit machen. Je eher wir das Zeitreisen beherrschen, desto besser.« Damit verließ er die Abtei.

 

 

Tilda hatte einen langen Nachmittag hinter sich. Mia war noch bis kurz vor 18 Uhr in der Abtei geblieben, um pflichtbewusst alle Swan-Landesmeister aus dem Buch anzurufen und ihnen von Jürgen Königs Plänen zu erzählen. Tilda hatte unterdessen verzweifelt überlegt, wie sie wieder aus der Abtei herauskommen sollte, ohne Aufsehen zu erregen. Durch den Lichtschacht konnte sie nicht klettern, draußen stand Toni - wann hatte der eigentlich jemals Feierabend? - und einen anderen Weg kannte sie nicht. Innerhalb des Spiegels konnte sie sich nur in den Räumlichkeiten der Abtei bewegen, alles andere war nicht erreichbar. Wie durch ein Wunder kam ihr der Zufall zu Hilfe. Während Tilda lauernd in der Nähe des Eingangs wartete, öffnete Toni erneut die Tür und begleitete einen Swan herein, den sie nicht kannte. Diesen kurzen Moment der Unaufmerksamkeit nutzte Tilda, schlich sich in deren Rücken durch den Ausgang, warf ihren Besucherausweis in Ellis Schlüsselbox und rannte dann, so schnell sie ihre Füße trugen.

Puh, das ist gerade nochmal gut gegangen! Schwer atmend holte Tilda ihren Autoschlüssel, den sie unter einem Stein versteckt hatte, um ihn nicht bei Toni abgeben zu müssen, und machte sich auf den Heimweg.

Die Gedanken rasten ihr nur so durch den Kopf. War sie während der Warterei in der Abtei noch nicht fähig gewesen, vernünftig zu denken, so hörte sie nun immer wieder Richards Stimme, die sagte: »Du musst unbedingt mehr über deinen Urgroßvater herausfinden.«

Was war das für eine Verbindung, von der er sprach? Zudem wollte sie auf keinen Kongress mit den übrigen Swan-Landesmeistern. Und schon gar nicht ohne Richard! Sie sah sich bereits inmitten unzähliger unsympathischer Gestalten mit Lederhalsbändern sitzen, die alle ihre Energie anzapfen wollten und dabei süffisant grinsten.

NEIN! Das können sie nicht mit mir machen! Ich bin doch nicht ihre Marionette! Und warum vertraut Richard eigentlich Mia ein Geheimnis an, von dem ich nichts weiß? Was hat er gesagt? Er will Titus bitten, ihm das Zeitreisen beizubringen? Ich dachte, er will mir eine Freude machen, indem er ihn zurückholt!

Tilda hatte vor Wut Tränen in den Augen, als sie in den Fahrstuhl zu ihrer Wohnung stieg. Richard war schon zu Hause, sein i8 stand in der Tiefgarage. Nicht schon wieder heulen. Er darf nichts merken.

Tapfer schluckte sie ihre Tränen hinunter und betrat die Wohnung. Gedämpftes Licht und wohlige Wärme empfingen sie. Aus der Küche duftete es nach mediterranen Gewürzen und vom Wohnzimmer ertönten leise Klänge. Des’ree sang »I’m kissing you« und dämpfte mit ihrer weichen Stimme augenblicklich Tildas Wut. Als dann auch noch Richard freudestrahlend und mit offenen Armen auf sie zukam, hatte sie ihre Sorgen fast vergessen.

»Wundervollste Frau der Welt, darf ich Sie zum Essen einladen?«, fragte er und lächelte sie voller Liebe an.

Tilda lehnte sich an ihn und genoss seine Umarmung. In ihr brodelte es noch immer. Sie konnte es einfach nicht glauben, dass Richard etwas vor ihr verheimlichte. Zu gerne hätte sie ihn auf der Stelle darauf angesprochen. Aber dann hätte sie auch zugeben müssen, dass sie gelauscht hatte. Es half nichts. Das Gespräch musste warten. Richards Arme schlossen sich fester um sie. Immer wenn sie seine Nähe spürte, wurde ihr auf der Stelle warm ums Herz. Also nahm sie seine Einladung an. »Sehr gerne«, erwiderte sie.

»Dann komm mit«, sagte Richard und führte sie durch die nächste Tür die Stufen hinauf auf die Dachterrasse. Dort oben war neben dem wegen der Jahreszeit mittlerweile leeren Pool ein Tisch für Zwei gedeckt: mit weißer Tischdecke, silbernen Kerzenleuchtern, edlen Weingläsern und warmen Decken über den Stühlen. Die Terrassenlautsprecher waren angeschaltet, so dass Des’ree auch hier oben weitersingen konnte. Sogar an einen Heizpilz hatte Richard gedacht. Tilda konnte ihr Strahlen nicht mehr unterdrücken.

»Bitte nimm Platz«, forderte Richard sie auf und bot ihr einen Stuhl an. Als er sich vergewissert hatte, dass sie bequem saß und nicht fror, schenkte er ihr Wein ein und eilte dann nach unten, um das Essen zu holen.

»Danke«, hauchte sie, als Richard ihr seine Spezialität, Ossobuco alla Milanese, servierte. Es war wie immer himmlisch. Richard schien es einfach zu genießen, Tilda zuzusehen. Nur sehr langsam aß er seine Portion und beobachtete sie immer wieder.

»Ich freue mich, dass es dir schmeckt«, sagte er. »Du bist so unglaublich. Danke, dass du an meiner Seite bist. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als mein Leben mit dir zu verbringen.«

Tilda wurde ganz verlegen. »Danke für das tolle Essen«, gab sie zurück. »Und ich möchte auch keinen anderen als dich.«

Richards Miene wurde etwas ernster. »Jeden Tag habe ich Angst, dich zu verlieren. Die Prophezeiung aus deinem Buch war eindeutig. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es wäre, mein Leben ohne dich zu verbringen. Hör zu: Ich habe einen Plan. Dazu brauche ich aber deine Hilfe.«

»Oh, ok, na klar. War es das, was ihr heute in der Abtei besprochen habt?«, fragte sie unschuldig und hatte ein ganz schlechtes Gewissen dabei.

»Zum Teil ja. Ich schätze, ich muss dir auch eine weniger schöne Nachricht überbringen. Schon bald wird ein Kongress der Swans stattfinden, an dem du teilnehmen musst. Es geht um den finalen Schritt zur Erstellung des Serums. Elli wird morgen Zeit und Ort bekanntgeben, aber so wie es aussieht, wird er in den Alpen sein. Noch vor Weihnachten.«

»Und was ist mit dir?«

»Ich muss meinen Teil der Abmachung erfüllen. Hör zu, Jürgen möchte, dass ich das Zeitreisen lerne. Dazu brauche ich aber Titus‘ Hilfe. Und du weißt, wie er letztes Mal reagiert hat …«

Tilda schluckte. »Das heißt, du kommst nicht mit zu dem Kongress? Und wieso brauchst du Titus‘ Hilfe? Er ist doch noch nicht einmal wieder hier!«

»Es tut mir leid, Jürgen hat eine klare Anweisung gegeben. Aber Mia wird bei dir sein. Du wirst das schon schaffen, Tilda. Und was Titus betrifft: Ich hoffe einfach, dass es vor dem Kongress noch kälter wird. Dann können wir das Gänseblümchen reparieren und du könntest ihn vielleicht überreden, mir zu helfen. Es wäre nur zum Besten für uns alle!«

»Wie meinst du das?«

»Jürgen denkt, ich möchte das Zeitreisen lernen, weil ich an den Zeitpunkt zurückkehren will, an dem ich verschwunden bin. Dort müsste das Portal in die Bücherwelt noch für einen Moment offenstehen und ich könnte es irgendwie schaffen, es dauerhaft zu öffnen. Das ist quasi sein Plan B.«

»Aber das ist nicht dein Plan?«