Die Buschklepper - Lennardt M. Arndt - E-Book

Die Buschklepper E-Book

Lennardt M. Arndt

0,0
8,49 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

1856/1857 – Nach den Abenteuern am Nebraska verbringen Leo Bender – den man Surehand nennt – und seine Gefährten den Winter bei ihren neuen Freunden, den Chaui-Pawnee. Im Frühjahr trennen sich ihre Wege. In einer Lage, in der es wegen der Sklavenfrage in den Staaten gärt und der Widerstand der indianischen Völker wieder aufflammt, macht Surehand sich mit seinem Freund Sakuruta, dem Sohn Petalesharos, auf die Reise nach Taos, um dort Hinweise auf den Verbleib seiner verschollenen Familie zu finden. Auf dem Weg dorthin und später in den Felsenbergen begegnen sie mörderischen Schurken und kriegerischen Indianern. Mit kühlem Kopf und dem Glück der Tüchtigen bestehen sie in den gefährlichen Situationen die Feuerprobe. Wird Surehands Suche in Taos von Erfolg gekrönt sein? … Und was hat es mit der Geschichte der Familie seiner großen Liebe Stephanie auf sich? — Wer kennt sie nicht – die Helden des Wilden Westens, die der Feder eines "maysterlichen" Fabulierers aus Sachsen entstammen? Einer dieser Helden ist Old Surehand, der ein dunkles Geheimnis mit sich herumträgt, bis die berühmtesten Blutsbrüder der Abenteuerliteratur sich seiner Sache annehmen und alles zu einem guten Ende kommt. Doch wie hat alles angefangen? Wie wurde aus dem jungen Mann, dessen Familie verschollen ist, der berühmte Old Surehand? Hier ist Teil II seiner Geschichte!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 693

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Die Buschklepper

Die Surehand-Story – Band II

Lennardt M. Arndt

Inhalt

Kapitel I – Verträge

Kapitel II – Old Firehands Geschichte

Kapitel III – Bleedings Kansas

Kapitel IV – Bent’s Fort

Kapitel V – Am Purgatoire River

Kapitel VI – Spuren am Chacuaco Creek

Kapitel VII – Tödliches Patt

Kapitel VIII – Im Lager der Feinde

Kapitel IX – Taos

Kapitel X – Garganta de las sombras

Kapitel XI – Doña Ignacia

Kapitel XII – Is'si-wun

Kapitel XIII – Wieder am Nebraska

Dramatis personae

Karte des Wilden Westens (um 1855)

Kartenausschnitt - Reiseroute (Orte der Haupthandlung)

Anmerkungen des Autors

Kapitel I – Verträge

Der Winter 1856 brach früh ein im Nebraska-Territorium. Unsere neuen Freunde, die Chaui1, hatten die Verbrecher Barton und Dawkins zur Strecke gebracht und wir entschieden uns, Sakurutas2 Angebot anzunehmen, bei seinem Stamm zu überwintern.

Die Gefährten, von denen wir uns bei Fontanelle getrennt hatten, hatten das Versteck Old Firehands am Quicourt3 sicher vor dem Wintereinbruch erreicht. Für Bulcher, Clinton, Firehand und mich war es jedoch zu spät geworden, uns ebenfalls noch dorthin auf den Weg zu machen. Wir würden Harry Korner, Flynn Sanders, den alten Kirby und die anderen im Frühjahr am vereinbarten Treffpunkt wiedersehen.

Die Chaui hatten uns in ihrer Mitte aufgenommen, als wären wir Mitglieder des Stammes gewesen. Petalesharo4 hatte uns zwei eigene Abteilungen in seiner Hütte herrichten lassen. Old Firehand war mit Bill Bulcher in eines dieser Abteile eingezogen, das andere hatten Frank Clinton und ich in Beschlag genommen.

Als wir mit Sakuruta, Sidi-Tezika5 und ihren Kriegern in das Dorf gegenüber der Mündung des Loup Rivers zurückgekehrt waren, hatten die Chaui und Kitkehakhi6 tiefe Genugtuung darüber empfunden, dass Barton, der Schänder der Häuptlingstochter und Mörder Huhuks7, von Sakurutas Hand getötet worden war. Sidi-Tezika war mit seinen Kriegern in die Dörfer der Kitkehakhi am Loup River, weiter nördlich, zurückgekehrt.

Es wurde ein langer und harter Winter. Der größte Teil des Stammes war zur Winterbüffeljagd in die südlicheren Gefilde unterhalb des Republican Rivers gezogen und noch nicht wieder zurückgekehrt. Lediglich einige ältere Krieger und Frauen, sowie einige Kleinkinder waren im Dorf geblieben. Petalesharo wäre nach seiner Verwundung, die er im Kampf mit den Cheyenne erlitten hatte, gar nicht in der Lage gewesen, sich an der Büffeljagd zu beteiligen. Seine Tochter Kickiraar8 war bei ihm geblieben, um ihn zu pflegen. Sakuruta und die Krieger, die uns begleitet hatten, als wir hinter Barton her waren, waren zum Zeitpunkt des Aufbruchs zur Winterjagd am Republican River noch nicht zurück gewesen und daher ebenfalls im Dorf geblieben. Glücklicherweise hatten jene Krieger, die damals vom Elk-Valley vorausgeritten waren, auf ihrem Heimweg die Herde der Pronghorns9verfolgt und Jagdglück gehabt. Sie hatten sehr viel Fleisch mit nach Hause gebracht. Dieses war zu Pemmikan10verarbeitet und haltbar gemacht worden. So hatten wir zumindest keine Not zu leiden.

Wegen der extremen Minustemperaturen, hielten wir uns selten einmal im Freien auf und so verbrachten wir viel Zeit mit Sakuruta und seiner Schwester Kickiraar. Diese Zeit nutzten wir, um die verschiedenen Dialekte der Pawnee-Sprache zu erlernen. Firehand hatte diese Lektionen nicht nötig, saß aber doch dabei, um auszuhelfen, wenn Kickiraar oder Sakuruta die englischen Übersetzungen nicht über die Lippen wollten. So profitierten beide Seiten von diesen Übungen. Das Englisch der Geschwister wurde zusehends besser und unser Wortschatz in den Dialekten der Pawnee wurde von Tag zu Tag größer.

Während mir das Erlernen der Sprache unserer Freunde recht leichtfiel, hatte Clinton seine Probleme damit. Aber er nahm es mit Humor und auch unsere beiden Lehrer hatten ihren Spaß dabei. Sie hatten ihm inzwischen den Namen Kihcu‘ Haátu verpasst, was so viel bedeutete, wie Komische Zunge. Während alle versuchten, Clinton mit diesem Namen aufzuziehen, trug er ihn mit Stolz und Würde, hatte er doch jetzt, wie Firehand und ich, einen echten Kriegernamen.

Neben den Pawnee-Dialekten übte ich mich auch in der Zeichensprache der Plains-Indianer. Ein wenig davon hatte ich mir bereits in den letzten Monaten angeeignet, in denen ich mit den Gefährten unterwegs gewesen war. Jetzt aber konnte ich mir so viel Zeit wie nötig für diese Dinge nehmen.

Wenn das Wetter es doch einmal zuließ, unternahm ich mit Sakuruta und Kickiraar kurze Ausritte in die nähere Umgebung. So kam dann auch Rapaku11, mein tapferer Morgan-Hengst, zu seinem Recht. Kickiraar hatte sich bestens um ihn gekümmert, als wir Barton und die Dragoner verfolgt hatten. Die beiden hatten sich angefreundet. Dennoch hatte ich die Freude des treuen Tieres gespürt, als ich unversehrt zu ihm zurückgekehrt war.

Bei diesen Gelegenheiten erhielt ich von den Geschwistern weitere lehrreiche Lektionen in Sachen Spurenlesen. So lernte ich, die verschiedenen Abdrücke von wildlebenden Tieren zu unterscheiden, wie beispielsweise die kleineren Pfoten eines Kojoten gegenüber den größeren des Wolfs. Auch lernte ich, das Alter einer Spur besser zu beurteilen, indem ich Witterungsbedingungen und andere Umstände in die Schätzung einbezog. Machte ich dabei Fehler, wiesen mich Sakuruta oder Kickiraar auf diese hin und halfen mir so, mich stetig zu verbessern.

Firehand und Bulcher überließen es jetzt mehr und mehr den neuen Freunden mich „auszubilden“. Sie hatten gemerkt, dass die beiden Geschwister sich selbst vor Old Firehand nicht zu verstecken brauchten, wenn es um diese Fertigkeiten ging und wussten mich daher in den besten Händen.

Firehand hatte sich aus hell gegerbten, alten und daher sehr steifen Lederstücken ein Kartenspiel gebastelt. Er versuchte jetzt mit Bulcher und Clinton einen vierten Mann für ein Spiel zu finden, welches er „Schafkopf“ nannte. Da ich wenig Interesse zeigte und sowieso mit meinen Übungseinheiten ausgelastet war, kam er auf den Gedanken, Petalesharo einzubinden. Der ließ sich das auch gefallen und so zogen sich die Vier immer öfter zu ihren Spielrunden zurück. Petalesharo zeigte sich in dem Gebrauch der Karten so gelehrig, dass sich bald eine ausgeglichene Runde zusammengefunden hatte. Höre ich heute jemanden über die Wilden schwadronieren, wenn von Indianern die Rede ist, so denke ich mit Vergnügen an den Anblick des eifrigen Häuptlings der Grand-Pawnee, wie er dasaß und mit seinen drei weißen Gästen ein Kartenspiel spielte, zu welchem noch heute manchem sogenannten zivilisierten Bleichgesicht der rechte Verstand fehlt.

Ich machte indes so gute Fortschritte in Bezug auf die Sprache der Pawnee, dass Kickiraar der Meinung war, ich sollte nun auch die Sprachen anderer Stämme lernen. Sie selbst beherrschte das Cheyenne und Sakuruta steuerte einige Brocken Comanche bei. Da wir uns inzwischen ausschließlich in der Mundart der Chaui unterhielten, wenn wir unter uns waren, war der Zwischenschritt einer Übersetzung in das Englische nicht mehr notwendig. Ich machte also auch hier gute Fortschritte und nahm mir vor, Old Firehand zu bitten, mir auch noch die Sioux-Dialekte beizubringen. Kenntnisse der Sprachen der indianischen Völker konnten mir bei meinen späteren Wanderungen durch den amerikanischen Westen, auf der Suche nach meiner Familie und den Mördern meines Vaters, nur von Nutzen sein. Wer konnte wissen, in welche Regionen und Stammesgebiete es mich verschlagen würde?

Im Januar feierten wir meinen Geburtstag. Ich hatte selbst an jenem Tag gar nicht daran gedacht, dass ich nun sechzehn Jahre alt wurde. Old Firehand hatte sich das Datum wohl von Mr. Wallace geben lassen, bevor wir unseren Ritt in den Westen angetreten hatten. Jedenfalls überraschten mich die drei Kameraden zusammen mit Petalesharo und Kickiraar, als ich mit Sakuruta von einem der wenigen Ausritte in die nähere Umgebung in das Dorf zurückkehrte.

Als ich in das Abteil treten wollte, welches ich mit Clinton bewohnte, fasste mich Sakuruta an der Schulter und bugsierte mich in das Abteil seiner Familie. Als ich die Decke zurückschob, die den Raum abtrennte, sah ich die Kameraden und den Häuptling mit seiner Tochter im Halbkreis um das in der Mitte des Raumes glimmende Feuer stehen. Gerade wollte ich etwas sagen, da stimmten die Fünf einen „Happy Birthday“-Gesang an, der zwar mein - durchaus vorhandenes - musikalisches Gehör beleidigte, mich aber trotzdem freudig überraschte, weil er offensichtlich von Herzen kam.

Besonders legte sich Petalesharo ins Zeug, dem die Sache einen Heidenspaß zu machen schien. Er lächelte beim Singen von einem Ohr zum anderen und nickte den anderen immer wieder aufmunternd zu. Als der Katzenjammer vorbei war, wollte ich mich schon für den Auftritt bedanken, doch kam mir der Häuptling zuvor, indem er sagte:

„Petalesharo hat von Old Firehand erfahren, dass Mann-mit-sicherer-Hand heute den Tag begeht, der bei den WeißenGeburtstag genannt wird. Dazu singen sie das Lied, das Petalesharo und Kickiraar heute gelernt haben und sie machen Geschenke. Old Firehand hat Petalesharo gesagt, was die Familie des Häuptlings seinem jungen Bruder schenken könnte.“

Kickiraar war einige Schritte zurückgetreten und kam mit einem in eine lederne Hülle eingeschlagenen Paket zurück. Auf einen Wink Petalesharos kam sie auf mich zu und reichte es mir mit den Worten:

„Kickiraar hat von Old Firehand das Fell des Bären, den Mann-mit-sicherer-Hand am Elkhorn-River tötete, erhalten. Sie hat ihrem weißen Bruder daraus einen Wintermantel gemacht.“

Ich nahm das Paket entgegen und wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich stand einfach nur da und schaute auf das Bündel in meinen Händen.

„Pack‘s schon aus, Junge!“, polterte Firehand.

Ich stammelte ein paar Dankesworte und setzte mich mit dem Paket auf den Boden an das Feuer. Die anderen ließen sich auch wieder nieder und sahen mich auffordernd an. Also öffnete ich die rohlederne Schnur, die das Ziegenleder, in welches Kickiraar den Mantel eingeschlagen hatte, zusammenhielt. Ich schlug das Leder auseinander und nahm den Mantel hoch.

Ja, das war mein Bärenfell. Doch wie anders sah es jetzt aus? Kickiraar hatte das Fell von allen Schmutzresten befreit und die langen Grannenhaare entfernt, sodass die schwarzbraune und feine, dichte Unterwolle jetzt an die Oberfläche trat. Ich strich mit der Hand darüber und war überrascht, wie weich das Fell sich jetzt anfühlte.

„Mein Bruder mag den Mantel anziehen!“, ließ sich jetzt Sakuruta vernehmen. „Kickiraar und die Schwester des Häuptlings haben sich große Mühe gegeben, damit Mann-mit-sicherer-Hand passende, wärmende Kleidung bekommt. Zugleich ist der Mantel Zeichen des Sieges über den Bären, aus dessen Fell er gemacht ist.“

Ich zog den neuen Mantel also über und stellte sogleich fest, dass die beiden Frauen sehr gute Arbeit geleistet hatten. Er war zwar noch ein wenig zu groß, aber wie schon Old Firehand damals in Jefferson City, hatten auch die Indianerinnen vorausgedacht; ich durfte also noch immer ein bisschen hineinwachsen.

Mein aus Jefferson mitgebrachter hirschlederner Mantel war tatsächlich schon ein wenig eng geworden, so sehr war ich seit unserer Abreise von dort gewachsen. Die darunter getragene Lederkleidung ging an einigen Stellen bereits aus den Nähten, sodass mir der neue Mantel sehr zupass kam. Einesteils, weil er den kalten Winter hier am Nebraska erträglicher machte, aber auch, weil er meine inzwischen doch unzureichende Kleidung bedeckte.

Ich wusste noch immer nicht, was ich sagen sollte. Also richtete ich mich auf, um Kickiraar in die Arme zu nehmen. Sie versteifte sich augenblicklich und ich ließ schnell wieder von ihr ab. Ich hatte für einen kurzen Moment nicht daran gedacht, was ihr noch vor wenigen Monaten widerfahren war. Schnell zog ich mich wieder auf meinen Platz zurück und stammelte:

„Meine Schwester mag verzeihen. Ich wollte Ihr nicht zu nahetreten. Ich wollte mich bei ihr bedanken, doch wusste ich nicht, was ich sagen sollte.“

Sie hatte sich bereits wieder gefangen, sagte aber nichts. Sakuruta nahm daher das Wort:

„Mann-mit-sicherer-Hand muss nicht um Verzeihung bitten. Er hat nichts Unrechtes getan. Kickiraar weiß, dass ihr weißer Bruder nur seinen Dank zeigen wollte.“

Kickiraar nickte zu diesen Worten aufmunternd in meine Richtung. Es war ihr nicht entgangen, wie bestürzt ich selbst wegen der Umarmung war. Ich sagte also an sie gewandt:

„Ich freue mich sehr über das Geschenk, das mir Kickiraar und ihre Tante gemacht haben. Fast hatte ich den Pelz schon vergessen. Jedenfalls hätte ich für ihn keine so passende Verwendung gefunden. Meine roten Schwestern haben gute Arbeit geleistet. Ich werde den Mantel mit Stolz tragen.“

Kickiraar gab zurück:

„Kickiraar wird den Dank und das Lob ihres weißen Bruders an des Vaters Schwester weitergeben. Sie freut sich, dass der Mantel ihrem Bruder so gut gefällt.“

Jetzt ergriff Petalesharo wieder das Wort:

„Die Cahiksicahiks12 haben meinem jungen weißen Bruder und den weißen Jägern viel zu verdanken. Jeder hier ist stolz, sie zu Freunden zu haben. Leider haben die drei anderen Jäger keine Bärenfelle, die die Familie des Häuptlings verarbeiten könnte.“

Bei diesen Worten legte er die Linke auf die Schulter Bulchers, der neben ihm Platz genommen hatte, und lächelte in die Runde.

Bulcher erwiderte:

„Wir gönnen unserem jungen Freund die Ehre und freuen uns, die Gäste der tapferen Chaui zu sein!“

„Die weißen Jäger sind unsere Brüder. Die Hütten und Tipis der Cahiksicahiks stehen ihnen immer offen!“, gab der Häuptling zurück. „Doch wollen wir nun essen. Später wird Petalesharo noch den Rat seiner weißen Brüder erbitten.“

Kickiraar hatte das Mahl bereits vorbereitet. Es gab das in diesen Tagen unvermeidliche Pemmikan. Doch hatte sie auch einiges von dem Gemüse zubereitet, welches die Pawnee in der Nähe ihrer Lodges selbst anbauten. Sie bezeichneten dieses Gemüse als die drei Schwestern. So gab es mehrere dunkelblaue und gemischtfarbige Sorten von Mais aber auch rotfarbigen und gelben Hartmais sowie Zuckermais, mehrere Sorten Squash13, und verschiedenartige Bohnen, wie Gartenbohnen und Limabohnen. Aus irgendwelchen Kräutern und anderen Zutaten hatte sie leckere Saucen zubereitet, sodass das heutige Abendessen durchaus als besonders bezeichnet werden konnte. Ich jedenfalls, nahm es als Festmahl zu meinen Ehren dankbar entgegen.

Während des Essens entspann sich eine jener Unterhaltungen, die ich gerne als Lagerfeuerunterhaltungen bezeichne. Jeder hatte ein paar Geschichten aus seinem eigenen Leben im Westen oder, im Falle unserer indianischen Freunde, aus dem Stammesleben und den leider meist feindlichen Begegnungen mit den anderen Prairie-Stämmen zu berichten.

Clinton gab eine lustige Anekdote zum Besten, die er mit Collins erlebt hatte, der mit den anderen Gefährten weiter zu Firehands Hide-Spot am Quicourt geritten war. Collins hatte einen Skunk14 für einen Badger15 gehalten. Bei dem Versuch den vermeintlichen Dachs lebend zu fangen, hatte er es mit der besonderen Abwehr des Skunks zu tun bekommen. Noch Tage danach war von Collins ein Geruch ausgegangen, der es auch dem unempfindlichsten seiner Kameraden unmöglich gemacht hatte, in seiner Nähe auszuhalten. Selbst ein ausgiebiges Bad im Fluss, unmittelbar nach dem Versuch, das Stinktier einzufangen, hatte daran nichts zu ändern vermocht. Erst als die damalige Gemeinschaft, nach Tagen in der Wildnis, Bent‘s neues Fort am Arkansas erreicht hatte und es Collins gelungen war, seine Kleidung zu wechseln, wurde es besser. Collins hatte damals den Spitznamen Badger verpasst bekommen. So erfuhr also nun auch ich, wie John zu seinem Spitznamen gekommen war.

Clinton erzählte diese Geschichte so lebhaft, dass sich sogar unsere Gastgeber über Collins‘ Missgeschick köstlich amüsierten. Vater und Sohn stießen sich gegenseitig mit den Ellbogen an und nickten eifrig. Als Clinton zu der Stelle kam, wie Collins den vermeintlichen Dachs beim Schwanz packen wollte, konnte man ihnen die freudige Erwartung des Höhepunkts der Geschichte in den Gesichtern ablesen. Kickiraar, am Feuer gegenübersitzend, machte einen nicht weniger amüsierten Eindruck. Die sonst so beherrschten Indianer konnten ihr verhaltenes Lachen nicht ganz unterdrücken, als in Clintons Erzählung der „Badger“ sein übles Sekret verspritzte und Collins erst starr vor Überraschung war und später wutentbrannt schimpfend in Richtung des Flusses verschwand.

Nachdem diese Erzählung noch ausgiebig besprochen und belächelt worden war, nahm Petalesharo eine neben ihm liegende Pfeife zur Hand und begann sie mit der bei den Pawnee gebräuchlichen Mischung aus Kräutern und Tabak zu stopfen. Ich habe schon an anderer Stelle16 berichtet, dass solche Mischungen meist als Kinnikinnick bezeichnet werden. Diese Mischungen enthalten einen starken Tabak mit einem hohen Gehalt an Nikotin, der ungemischt kaum genießbar wäre. Andererseits werden unterschiedliche Kräuter, wie Sweetgras und Sumach aber auch Huflattich, Hartriegel oder ähnliches beigegeben. Diese Mischungen können dann schon einen bedenklichen Geruch verströmen.

Als Petalesharo seine Pfeife entzündete, verströmte sie jedoch einen annehmbaren Geruch. Die verwendete Pfeife war ganz offensichtlich keine Ritualpfeife, wie jene, die beim Friedensschluss mit den Chaui und Kitkehakhi im Elk-Valley verwendet worden waren. Der Häuptling verzichtete auch auf die vier Züge für die Großväter der Himmelsrichtungen. Kurz gesagt; er rauchte einfach eine Pfeife.

Als er die Pfeife angeraucht hatte, sagte er:

„Petalesharo hat bereits gesagt, dass er seine weißen Freunde um Rat bitten will. Dazu muss er fragen, ob ihnen die Lage der Cahiksicahiks bekannt ist.“

Old Firehand erwiderte:

„Worauf will mein Bruder, der Häuptling, hinaus?“

„Wissen meine Brüder um die Feindschaft zu den anderen Stämmen?“, gab Petalesharo darauf zurück.

„Uns ist bekannt, dass die Cheyenne die Feinde der Chaui sind. Wir haben es ja selbst erlebt, als wir auf Dawkins‘ Fährte waren17. Auch die mit den Cheyenne verbündeten Arapahoe und einige Stämme der Sioux18 befeinden meine roten Brüder und Schwestern. Die Stämme der Pawnee sind also umgeben von Feinden.“

„Mein Bruder Old Firehand hat recht. Der Cárarat19 greift aus allen Richtungen des Himmels an. Aus Norden und Westen bedrängen uns verschiedene Stämme der Lakota20 und die mit ihnen verbündeten Nördlichen Cheyenne und Arapahoe. Aus dem Süd-Westen machen uns die Südlichen Cheyenne zu schaffen und die Comanche und Kiowa21 setzen uns aus dem Süden zu.“

„Aber die Regierung hat doch den Völkern der Pawnee in dem Vertrag von 1833, für das abgetretene Land südlich des Nebraska, Beistand und Schutz versprochen.“, beharrte Firehand.

„Ja, der Große Weiße Vater22 hat in den Verhandlungen vieles versprochen, was in dem sprechenden Papier später anders stand.“

„Petalesharo war doch bei den Verhandlungen nicht dabei, oder?“, fragte ich.

„Nein!“, gab er zurück. „Petalesharo war erst zehn Sommer alt, als das sprechende Papier unterzeichnet wurde, mit dem die Cahiksicahiks alles Land südlich des Nebraska an den Weißen Mann abtraten. Doch weiß er alles darüber. Sein Vater war einer der Häuptlinge, die die Chaui in den Verhandlungen vertraten. Sein Name, Shonga-Kahega23, steht unter dem Papier, das die La-Chi-Kuts24 Vertrag nannten.“

„So meint mein Bruder, dass das Papier nicht das enthielt, was zuvor verhandelt wurde?“, fragte Firehand.

„Nun,“ erwiderte Petalesharo, „jedenfalls wollten die großen Häuptlinge für das Land südlich des Nebraska zu allererst Beistand gegen die Feinde der Cahiksicahiks. Schutz für ihre Dörfer. Dieser war ihnen versprochen worden. Doch machte der Weiße Vater später Bedingungen geltend.“

„Dabei berief man sich auf den Vertrag?“

„Ja! Bis heute heißt es, dass es Schutz nur geben kann, wenn die Cahiksicahiks ihre Dörfer südlich des Nebraska verlassen, alle an den Loup-River umsiedeln und dort mindestens ein Jahr verbleiben, ohne im Sommer und Winter zur großen Jagd aufzubrechen.“

„Stand das so in dem Papier?“

„Ja! Doch konnte keiner der Häuptlinge das sprechende Papier lesen, weil es in der Sprache der La-Chi-Kuts verfasst war. Sie glaubten, dass es enthielt, was mündlich zugesagt worden war. Sie wollten das Leben ihres Volkes nicht ändern. Doch war dies das Ziel der Abgesandten des Weißen Vaters. Die Cahiksicahiks sollten Farmer werden und ihre Bräuche ablegen wie ein altes Jagdhemd.“

„Aber gab es denn niemanden, der den Häuptlingen den Vertragstext übersetzte?“, wollte ich wissen.

Nach einer kurzen Pause antwortete Petalesharo:

„Es gab keinen, der einen der Dialekte des Volkes beherrschte. Die Häuptlinge selbst waren nur in der Lage, sich in kurzen, einfachen Sätzen in der Sprache der Franzosen verständlich zu machen. Also gab es keinen, der die Bedeutung der Worte in dem sprechenden Papier in allen Einzelheiten verstand. Shonga-Kahega hat später natürlich verstanden, dass die Worte absichtlich in dieser Art gewählt worden waren und deshalb dafür gesorgt, dass Petalesharo die Sprache der La-Chi-Kuts spricht und versteht.“

„So haben die Pawnee nichts für das weite Gebiet, das mit dem Vertrag abgetreten wurde, erhalten?“, fragte ich weiter.

„Außer einigen Papieren, die der Weiße Mann Geld nennt, bei der Unterzeichnung und, für die Dauer von zwölf Sommern, ein paar Lumpen und alte französische Vorderlader, hat der Weiße Vater bis heute nichts gewährt.“

„Damit ist das Volk zwischen seinen Feinden eingekreist.“, folgerte Firehand. „Durch den Vertrag, mit dem das Land im Süden abgegeben wurde, sind die Feinde, die Südlichen Cheyenne, die Kiowa und Comanche noch näher gerückt. All diesen Stämmen und noch anderen wurde das abgetretene Land zur Jagd zur Verfügung gestellt. Gleichzeitig sollen jene, denen das Land gehörte, auf die Jagd in diesen Gegenden verzichten! Man liefert sie noch weiteren Feinden aus dem Süden aus und gewährt ihnen keinen Schutz. - Das ist starker Tobak!“

Petalesharo nickte zu diesen Worten.

„Old Firehand hat recht. In der Zeit der zwölf Sommer, in denen der Weiße Vater die im Vertrag versprochenen Zahlungen an die Stämme der Cahiksicahiks leistete, waren auch die Pitahaureat25 und Kitkehakhi, wie die Skidi26, in neue Dörfer an den Loup River gezogen. Es gab auch eine Mission am Loup River, die von den beiden Weißen John Dunbar und Sam Allis geleitet wurde. Diese beiden Männer wollten den Stämmen helfen, Farmer zu werden und den Weg der Bleichgesichter zu gehen.“

Hier unterbrach Petalesharo seine Erzählung, um einen tiefen Zug aus seiner Pfeife zu nehmen. Eine Zeit lang starrte er in das Feuer. Ich dachte schon, er würde nicht weitersprechen, da schaute er wieder auf und fuhr fort:

„Mit dem Anfang der Mission und vielleicht wegen der Anwesenheit der Weißen, griffen die Lakota lange Zeit die Dörfer am Loup-River nicht an. Nach und nach fassten die Stämme Vertrauen zu Dunbar und Allis. Doch kamen später hartherzige Männer hinzu, die meine Brüder behandelten wie Sklaven. Darüber gab es Streit zwischen den Missionaren. Dunbar und Allis wurden beim Agenten in Bellevue angeschwärzt und später abgesetzt.

Ungefähr zu dieser Zeit begannen auch neue Angriffe der Lakota, durch die meine Brüder große Verluste erleiden mussten. Wieder gab es durch die La-Chi-Kuts keine Hilfe. Als die Lakota auch die Mission angriffen, zogen sich die Weißen von dort zurück und kamen auch nicht wieder.

Zehn Sommer sind seither vergangen und fast alle Stämme der Cahiksicahiks haben sich wieder südlich des Nebraska niedergelassen. Im letzten Mond der Sonne27 haben die Vertreter des Großen Weißen Vaters die Cahiksicahiks erneut aufgefordert, ihre Dörfer an den Loup River zu verlegen. Wie meine Brüder wissen, ziehen die Bleichgesichterdurch dieses Land, um an das Große Wasser jenseits der Felsenberge zu gelangen. Sie nennen es den Oregon-Trail. Weil es entlang des Weges immer wieder Zusammenstöße zwischen Rot und Weiß gibt, soll das Volk wieder weichen und die Wegstrecke räumen. Doch am Loup River gibt es keinen Schutz vor den Lakota und den mit ihnen verbündeten Stämmen.“

Trübsinnig blickte Petalesharo jetzt ins Feuer. Wir waren alle berührt vom Schicksal unserer indianischen Freunde. Vor dem Hintergrund des jetzt Gehörten, erschien es mir unbegreiflich, wie sich die Pawnee, so wie ich sie kennengelernt hatte, ihren Lebensmut erhalten hatten. Nach einiger Zeit räusperte sich Firehand:

„Mein Bruder sagte, dass er unseren Rat hören wolle. Ich nehme an, die Stämme der Pawnee wollen nicht das Kriegsbeil gegen die Langmesser ausgraben?“

Jetzt ließ sich Sakuruta vernehmen:

„Old Firehand weiß, dass die Chaui keine Feiglinge sind. Sie würden um ihr Land und ihr Recht kämpfen, so zu leben, wie sie es selbst für richtig halten. Doch wäre dieser Kampf aussichtslos. Weiß mein weißer Bruder noch, was er Petalesharo im Elk-Valley selbst gesagt hat28? Er wird sich erinnern!“

„Ja,“ gab Firehand zurück, „ich sagte, dass die Zahl der Weißen Männer größer ist, als Petalesharo sich vorstellen kann. Dass die Weißen östlich der großen Flüsse29 in großen Städten wohnen, wo die Häuser aus Stein gebaut sind und diese so groß sind, dass sie von vielen Familien zugleich bewohnt werden. Ebenso sagte ich, dass die Zahl der Bewohner einer Stadt, wie der Kleinstadt aus der Surehand kommt, so hoch ist, wie die Zahl aller Pawnee und dass es solche Städte im Osten zu hunderten gibt. Die noch viel größeren Städte habe ich dabei noch gar nicht gezählt.“

Sakuruta erwiderte:

„Diesen Worten Old Firehands schenken die Chaui Glauben. Darum haben sie bereits auf den Angriff auf Fontanelle verzichtet und darum wissen sie auch, dass ein Kampf gegen die La-Chi-Kuts ein Todeskampf des Volks wäre.“

Kickiraar ergänzte die Folgerungen ihres Bruders:

„Es ist aussichtslos, darauf zu hoffen, dass der Weiße Mann nach einem Widerstandskampf auf die Gebiete zwischen dem Republican River und dem Quicourt verzichten würde. Schließlich hat er dieses Land vor zwei Sommern zur Besiedelung durch die Weißen freigegeben30. Auch führt der Oregon-Trail hindurch. Nie wird der Weiße Vater auf die Besiedelung der Lande hinter den Felsenbergen verzichten. Und selbst wenn, wider aller Umstände, der Weiße Mann sich zurückzöge, … was wäre die Folge?“

„Worauf will meine Schwester hinaus?“, wollte ich wissen.

„Nun,“ erwiderte sie, „dasVolk ist klein. Viele ließen ihr Leben in den Kämpfen mit den Cheyenne, Lakota und anderen Feinden. Noch viele mehr gaben ihr Leben wegen Seuchen, wie den Pocken, die der Weiße Mann einschleppte. Der Stamm der Mandan ist durch eingeschleppte Pocken nahezu ausgelöscht worden. Wenn die La-Chi-Kuts nun nicht mehr gegen den Cárarat vorgingen, stünde das Volk allein gegen Feinde von allen Seiten. Auch dies wäre sein Untergang.“

Sie verstummte und senkte den Kopf. Auch wir anderen verfielen zunächst in Schweigen. Jeder hing wohl seinen eigenen Gedanken über das soeben Gehörte nach. Nach einer Weile ließ sich dann jedoch wieder Firehand vernehmen:

„Ich stimme den tapferen Chaui darin zu, nicht gegen die Langmesser kämpfen zu wollen. Doch was ist der Plan?“

Auf diese Frage antwortete der Häuptling:

„Petalesharo hat vorhin den weißen Missionar Allis erwähnt. Er hat ihn im Mond des Donners31 in der Agentur in Bellevue gesehen. Allis setzt sich dort noch immer für das Volk ein. Petalesharo hat ihm gesagt, dass er den Frieden mit dem Weißen Mann halten will, er aber eine Umsiedlung an den Loup River verweigert. Allis kennt das Problem mit den Lakota, Cheyenne und Arapahoe. Er wird sich an die Vertreter des Weißen Vaters in der Hauptstadt der Bleichgesichter32wenden. Dort hat man vor nicht langer Zeit selbst den Vorschlag einer Reservation am Big Blue River gemacht. Diesen Vorschlag hat Petalesharo jetzt mit den anderen Häuptlingen besprochen. Alle würden dem zustimmen. Allis soll dem Weißen Vater mitteilen, dass die Cahiksicahiks ein neues sprechendes Papier wollen.“

„Also hoffen die Pawnee auf einen neuen Vertrag und ein Reservat am Big Blue River?“, fragte Firehand mehr rhetorisch. „Werden unsere Brüder dort von weniger Feinden umgeben sein?“

„Nach Norden würden uns die La-Chi-Kuts abschirmen, die den Oregon-Trail schützen. Angriffe der Lakota, der Nördlichen Cheyenne und Arapahoe würden damit weniger wahrscheinlich. Gegen andere Stämme können wir uns verteidigen; noch sind wir stark genug. Die südlich von hier lebenden Stämme der Plains bilden keine so starken Bünde, wie der Cárarat im Norden.“, gab Petalesharo zurück.

„Der Weiße Vater wird weitere Zugeständnisse erwarten.“, warf ich ein. „Er wird verlangen, dass die Pawnee den Weg des Weißen Mannes gehen. Seid ihr dazu bereit?“

Hier ließ sich Sakuruta wieder vernehmen:

„Was Mann-mit-sicherer-Hand da vorbringt, mag stimmen. Doch hat das Volk nur die Wahl zwischen dem eigenen Untergang oder dem Frieden mit dem Weißen Mann!“

„Sakurutas Worte sind richtig.“, stellte der Häuptling fest. „Doch weiß Petalesharo, was Mann-mit-sicherer-Hand mit seiner Frage meint. Solange, wie wir an unseren Bräuchen und Anschauungen festhalten, wird es keine Ruhe geben.“

Bei diesen Worten schaute ich zu Petalesharo hinüber, der mich, während er sprach, eigentümlich ansah. Fast möchte ich sagen, es lag in den Augen des Häuptlings ein Ausdruck, als bitte er um Verzeihung.

Er hatte also die in mir aufwallenden Gedanken aus meiner Frage nach der Bereitschaft zum Weg desWeißen Mannes herausgelesen.

Tatsächlich fühlte ich in dem Moment, als der Häuptling seinen Wunsch nach einem neuen Vertrag mit Washington äußerte, so etwas wie Geringschätzung für meine neuen Freunde aufkommen. In jenem Moment lehnte sich alles in mir auf; wie konnten sie nur klein beigeben und förmlich um die Freundschaft der Weißen betteln?

Doch kaum hatte ich diesen Gedanken gefasst, schalt ich mich einen Narren. Durfte ich mir anmaßen, über die Pawnee zu richten? Hatte ich jemals etwas Vergleichbares erdulden müssen, wie sie? All die Jahre der Vertreibung und Entbehrungen, die Angriffe von allen Seiten, die vielen getöteten Angehörigen des Stammes; was waren gegen dieses Leid meine eigenen Erfahrungen?

Ich hatte meine wahre Familie verloren, ja, … doch hatte ich sie eigentlich nie kennengelernt. Ich vermisste das Gefühl von Familie, doch was war dieses Gefühl gegen die beinahe tägliche Bedrohung, die meine indianischen Freunde empfinden mussten?

Als ich also sah, wie Petalesharo mich ansah, senkte ich kurz die Augen und machte eine Geste der Demut. Ich hoffte, dass er erkannte, dass ich mich für meine impulsiven, hochmütigen Gedanken schämte. Und ja, … als er sich wieder den anderen zuwandte, glaubte ich in seinem Gesicht erkennen zu können, dass er mich verstanden hatte.

Dieses gegenseitige Verstehen hatte nur wenige Augenblicke gedauert und war von den Freunden nicht bemerkt worden. Petalesharo fuhr also fort:

„Meine Brüder haben nun gehört, in welcher Lage wir uns befinden.“ Dann stellte er die Frage, zu deren Beantwortung er unseren Rat hören wollte:

„Tun die Häuptlinge Recht daran, wenn sie wieder auf Stammesland verzichten und in ein anderes begrenztes Gebiet umsiedeln, das ihnen der Weiße Vater zuteilt?“

Niemand antwortete sofort auf diese Frage. Alle sahen bedrückt vor sich nieder. Dann hob Firehand den Kopf, atmete tief durch und sagte:

„Im Grunde kennt mein Bruder bereits unsere Antwort auf diese Frage. Er und seine Kinder haben uns heute Abend unsere eigenen Worte vorgelegt, mit denen wir die tapferen Chaui und Kitkehakhi vor wenigen Wochen überzeugt haben, auf den Angriff auf Fontanelle zu verzichten.

Wir alle teilen die Meinung, dass ein Kampf gegen die Langmessereuren Untergang bedeuten würde. Doch nichts zu tun, würde euch weiteren Angriffen der zahlenmäßig weit stärkeren, verbündeten Stämme der Lakota, Cheyenne und Arapahoe aussetzen. Auch hier scheint es nur eine Frage der Zeit zu sein, bis die Feinde die vier Stämme der Pawnee aufgerieben hätten.

Es muss also der Weg eingeschlagen werden, den Petalesharo soeben beschrieben hat. Neue Verhandlungen mit dem Weißen Vater, die hoffentlich den ersehnten Schutz vor den Übergriffen der anderen Stämme bringen, sind die einzige Chance.“

Petalesharo und Sakuruta nickten bedächtig während dieser Rede Firehands. Wie er schon einleitend gesagt hatte, hatten sie sich selbst bereits die Antwort auf die Frage des Häuptlings gegeben. Kickiraar hatte nur betreten zu Boden geblickt.

Ich ahnte, was in ihr vorging. Vermutlich hegte sie, genauso wie ihr Vater und ihr Bruder, Bedenken. Doch wollten sie alle sich wohl vergewissern, das Richtige zu tun, ohne die eigenen Zweifel zu schüren. Dennoch glaubte ich, dass es richtig sei, die unausgesprochenen Bedenken in Worte zu fassen und den Dreien offen zu sagen, dass ihre Vorbehalte, von denen ich überzeugt war, sie zu kennen, berechtigt waren. Also sagte ich:

„Auch, wenn vermutlich alle hier einsehen, dass Firehands Worte gut und richtig sind, glaube ich doch, dass nicht unausgesprochen bleiben sollte, dass es trotzdem ein harter und steiniger Weg sein wird, den die vier Stämme der Pawnee beschreiten müssen.“

„Was meint mein Bruder?“, fragte Sakuruta.

„Nun, ich denke, dass Sakuruta zumindest ahnt, was ich meine. Es geht mir um die Bereitschaft meiner weißen Brüder, sich an Verträge mit dem Roten Mann zu halten; selbst wenn es dem Weißen Vater gelingt, euch zu Farmern zu machen, so bleibt ihr für die meisten Weißen doch nur Wilde. Ihr müsst also wissen, dass man, was immer ihr auch tut, stets auf euch herabschauen und euch nicht als gleichwertig betrachten wird.“

Petalesharo setzte nach:

„Will Mann-mit-sicherer-Hand damit sagen, dass ein neues sprechendes Papier weiter keine sichere Zukunft für uns bedeutet?“

Ich gab zurück:

„Ja, Häuptling. Leider bin ich davon überzeugt, dass es so ist.“

„Ist das auch die Meinung meiner anderen weißen Brüder?“, fragte er jetzt, indem er zu Firehand, Bulcher und Clinton hinübersah.

Bulcher war derjenige, der ihm antwortete:

„Surehand spricht eine Vermutung aus, deren Eintreten leider allzu wahrscheinlich ist. Ja, … auch ich denke, dass die Stämme der Pawnee nur solange Frieden haben werden, wie sie sich danach richten, was die Weißen für richtig halten. Wenn es ihnen passt, werden sie Gründe finden, euch auch von einem neuen zugesicherten Gebiet zu vertreiben. Und es wird nicht davon abhängen, ob Ihr Euch zuvor an den Inhalt des sprechenden Papiers gehalten habt.“

Clinton hatte zu diesen Worten Bulchers zustimmend genickt und als dieser seine Rede beendet hatte, holte Firehand tief Luft und sagte:

„Petalesharo und seine Kinder wollten unseren Rat hören. Wie ich bereits sagte, denke ich, dass sie bereits selbst wussten, was sie nun von uns nochmals gehört haben. Die Vertreter des Weißen Vaters haben leider bereits allzu oft unter Beweis gestellt, dass sie von Vertragstreue gegenüber dem Roten Mann nicht viel halten. Und so steht wohl zu befürchten, dass Surehands Vorhersage eintreten wird. Dennoch können wir keinen besseren Rat erteilen, als jenen, einen neuen Vertrag mit den Abgesandten des Weißen Vaters zu schließen.

So wie es jetzt um die Cahiksicahiks steht, bleibt ihnen keine andere Wahl, wenn sie überleben wollen. Die Zeit wird dann zeigen, ob es nicht doch möglich sein wird, neben dem Weißen Mann Frieden zu finden.“

Sakuruta nickte bedächtig, während er Firehand zuhörte. Kickiraar sah zu ihrem Vater hinüber. In ihrem Gesicht glaubte ich die Worte - wir wussten es doch, Vater! – lesen zu können.

Der Häuptling ließ sich lange Zeit für seine Reaktion. Er nahm einen tiefen Zug aus seiner Pfeife und sagte dann:

„Petalesharo dankt seinen weißen Brüdern für ihre aufrichtigen Worte. Er will über sie nachdenken, bevor er seine Vorschläge im Rat der Ältesten äußert.“

Kapitel II – Old Firehands Geschichte

Wenige Wochen nach meinem Geburtstag und jenem bedrückenden Gespräch mit unseren indianischen Freunden, wurde es Zeit, wieder über die Frontier33 nach Jefferson City zurückzukehren.

Seit Petalesharo uns um Rat gebeten hatte, waren wir nicht wieder auf den Inhalt des Gesprächs zurückgekommen. Aufgrund des nun stetig milder werdenden Wetters, unternahm ich jetzt häufiger Exkursionen mit Sakuruta. Während dieser Ausflüge hatte er fast nur dann gesprochen, wenn er mir weitere Fertigkeiten und Kenntnisse vermitteln wollte. Und auch ich hatte keinen Anlass, das Thema noch einmal anzusprechen. Es war ja auch alles gesagt. Die Chaui und die anderen drei Stämme würden bald entscheiden, welchen Weg sie gehen wollten. Wie immer diese Entscheidung auch aussah; hatten wir uns ihr nicht entgegenzustellen.

Also brachte Sakuruta mir und meinem Rapaku bei, wie man seitlich am Pferd hängend ritt und dabei seine Waffen gebrauchte. Fertigkeiten, die mir vielleicht einmal das Leben retten konnten. Wie schnell eine solche Situation eintreten konnte, hatte ich ja bereits erfahren, als wir die ermordeten Siedler gefunden hatten34.

Die letzten Tage hatte er darauf verwendet, mich weiter im Gebrauch verschiedener Wurf- und Stichwaffen zu unterweisen. Besonders stolz war er auf meine Ergebnisse beim Wurf des Tomahawks. Selbst ein Meister im Gebrauch dieser Waffe, meinte er eines Tages, dass ich ihm ebenbürtig sei und er mir nichts mehr voraushabe. Ein Lob, auf das ich insgeheim mächtig stolz war.

Sakuruta, seine Schwester und der Häuptling waren in den vergangenen Wochen öfter nicht im Dorf gewesen. So kam es eines Tages, dass ich auch einmal wieder mit Old Firehand durch das Dorf schlenderte.

Als wir an den Übungsplatz kamen, an dem ich mit Sakuruta den Gebrauch der indianischen Waffen geübt hatte, wollte er von mir einige Probewürfe mit dem Tomahawk sehen. Dazu gab er mir sein eigenes Schlachtbeil, welches ich sogleich in der Hand wog, um seinen Schwerpunkt zu ermitteln.

Nachdem ich aus unterschiedlichen Entfernungen zunächst auf einen Baumstamm werfen sollte, wobei mir kein Fehlwurf unterlief, wollte er prüfen, ob ich auch in der Lage sei, ein bewegliches Ziel zu treffen. Er schaute sich auf dem Platz um, um ein geeignetes Ziel zu finden. Dann fand er wohl, was er gesucht hatte und ging darauf zu, wobei er sich den Anschein gab, weiterhin zu suchen. Plötzlich bückte er sich nach einem Stück stärkeren Baumholzes, das auf dem Boden lag, schnell warf er es in die Luft und rief: „Wirf!“

Ich tat wie geheißen und traf das Holz, als es den höchsten Punkt der Wurfbahn erreichte, sodass der Tomahawk Firehands darin stecken blieb und mit dem Holz zu Boden fiel.

„Zounds35!“, stieß er hervor, als er zu seinem Beil ging, um es aufzuheben. Er löste den Ast von dem Beil und steckte es zurück in seinen Navajo-Gürtel.

„Ein Prachtwurf, Junge!“, sagte er dann und schaute zu mir herüber. „Habe selten Männer gesehen, die auf diese Art mit dem Tomahawk umzugehen wussten. Genau genommen, kenne ich neben mir selbst nur einen, der ein solchen Wurf fertigbrächte.“

„Sakuruta hat es mir beigebracht.“, erwiderte ich.

„Gut, sehr gut!“, murmelte er in seinen Bart. „So wird auch er vermutlich diesen Wurf beherrschen, richtig?“

„Ja, er hat es mir gezeigt und ich habe mir an seiner Wurftechnik ein Beispiel genommen. Er war sehr stolz auf mich.“

„Das bin ich auch, Junge! Das bin ich auch.“, sagte er, wobei er den Kopf schüttelte und meine Schulter ergriff.

„Wer ist denn der andere, der ebenso mit dem Tomahawk umzugehen weiß?“, wollte ich nun wissen.

„Ein großer Krieger!“ gab er zurück. „Und ein Freund meines Freundes Ta-Sha-Tunga, eines Häuptlings der Assiniboine. Sein Name ist Intschu tschuna36. Er ist ein Häuptling der Mescalero-Apachen.“

„Apachen? Wie kann das sein? Die Apachen leben doch unten im Südwesten. Was macht einer ihrer Häuptlinge bei den Assiniboine, die im Grenzgebiet zu den britischen Kolonien37 leben?“

„Wie du vielleicht schon einmal gehört hast, senden die meisten Stämme von Zeit zu Zeit Krieger aus, die am heiligen Steinbruch den roten Stein für das Calumet holen sollen. Vor einigen Jahren habe ich Intschu tschuna bei den Assiniboine getroffen. Ta-Sha-Tunga hatte ihn zu seinem Stamm, den Wakahezabina38 eingeladen, als sich die beiden im heiligen Steinbruch begegnet waren. Damals hatte der Stamm Ta-Sha-Tungas seine Tipis im Gebiet des Mankizitah39 aufgeschlagen. Dieser Fluss bildet bis heute die südliche Grenze der Streifgebiete der Plains-Assiniboine, zu denen der Stamm Ta-Sha-Tungas gehört. Also lag das Dorf damals nicht weit abseits des Weges des Apachen, wenn er zu den Seinen zurückwollte.“

„Er muss ein mutiger und tapferer Mann sein,“ mutmaßte ich, „wenn er den weiten Weg hinauf in die Coteau des Prairies allein zurückgelegt hat.“

„Ah, du weißt also genau, wo die Steinbrüche zu finden sind.“, stelle Firehand fest. Dann fuhr er fort:

„Das ist er, wahrhaftig! Doch musst du wissen, dass der Pfad zu den Steinbrüchen den Kriegern aller Stämme heilig ist. Kein Krieger wird einen anderen Krieger feindlich behandeln, der auf diesem Pfad wandelt. So hatte er sich allenfalls gegen weißes Gesindel zu wappnen. Einen Mann wie ihn, kann das jedoch nicht davon abhalten, sich allein auf den Weg zu machen.“

„Wenn ein Old Firehand in dieser Form über den Apachen spricht, wünschte ich fast, den Mann einmal kennenzulernen.“

„Vielleicht wirst du ihm eines Tages begegnen. Wie Ta-Sha-Tunga mir sagte, zieht es ihn, seit dem Tod der Mutter seiner beiden Kinder, immer wieder in die Ferne. Er taucht mal hier und mal dort, oft fern der Jagdgründe seiner Mescaleros, auf. Vielen ist er auf seinen Wegen Helfer in der Not. Den Stämmen, bei denen er oft ein gern gesehener Gast ist, ist er Ratgeber und falls nötig, Mitstreiter in der Gefahr.“

„Wann wirst du deinen Freund Ta-Sha-Tunga wiedersehen?“

„Hmh, vielleicht schon bald. Werde mir das überlegen. In den nächsten Tagen, wenn wir zum ausgemachten Treffpunkt mit Harry Korner und den anderen unterwegs sind, werden wir noch viel Zeit haben, uns zu unterhalten. Doch will es bald Abend werden,“ sagte er mit einem Blick Richtung Westen, „wollen sehen, ob unsere Gastgeber wieder zurück im Dorf sind.“

Wir machten uns also auf den Weg zur Lodge des Häuptlings, um festzustellen, ob Petalesharo, Sakuruta und Kickiraar zurück waren. Als wir gerade um die letzte Biegung kamen, sah ich, wie Kickiraar die beiden Pintos des Häuptlings und ihres Bruders in Richtung der Weiden führte. Sakuruta war eben im Begriff, seinem Vater in die Hütte zu folgen, als er uns kommen sah.

Nachdem er eine grüßende Geste gemacht hatte, sagte er:

„Meine Brüder werden morgen Ihre Reise zurück in die Städte der Weißen antreten. Der Häuptling möchte sie heute Abend noch einmal einladen, gemeinsam zu speisen. In der Zeit, die seine weißen Freunde eine Stunde nennen, sieht Sakuruta sie wieder.“

Wir saßen also an diesem letzten Abend, den wir als Gäste bei den Chaui verbrachten, wieder am Feuer in der Hütte des Häuptlings und sollten noch einmal ein gemeinsames Mahl mit unseren Gastgebern einnehmen. Als wir uns alle mit untergeschlagenen Beinen niedergelassen hatten, ergriff Petalesharo das Wort:

„Wie meine Brüder in den letzten Wochen, seit Petalesharo sie um ihren Rat gebeten hat, bemerkt haben werden, waren er, sein Sohn und die Heilerin an mehreren Tagen fort. So auch gestern und heute wieder. Wir waren bei den anderen Stämmen der Cahiksicahiks, um darüber zu beraten, ob der Friede halten soll zwischen den La-Chi-Kuts und uns. Also, ob ein neuer Vertrag geschlossen werden soll oder ob mit dem Tomahawk des Krieges um die Rechte des Volkes gekämpft werden soll.

Gestern kam der Große Ratder vier Stämme im Hauptdorf der Skidi zusammen. Nachdem Petalesharo und Sakuruta in den letzten Wochen viel mit den bedeutendsten Kriegern und Häuptlingen gesprochen haben, hat der Rat nun beschlossen, dem Vorschlag Petalesharos zu folgen und den Großen Weißen Vater zu neuen Verhandlungen aufzufordern.“

Hier machte er eine Pause, doch sagte keiner von uns anderen etwas, weil klar war, dass er noch weitersprechen würde. Dann fuhr er fort:

„Petalesharo hat im Großen Rat nicht nur die Vorteile eines neuen sprechenden Papiers angesprochen. Nachdem er die Worte der weißen Jäger, seiner Brüder, vernommen hatte, musste er den anderen Häuptlingen und Kriegern auch sagen, dass er nicht an die Versprechungen der Vertreter des Weißen Vaters glaubt.

Er hat dem Rat gesagt, dass neue Verhandlungen bestenfalls einen Zeitgewinn bedeuten könnten. Hoffnung darauf, dass sich in der gewonnenen Zeit, die Haltung des Weißen Mannes zu seinem roten Gegenüber vielleicht noch verändern könnte, … dass ein friedliches Nebeneinander möglich wird.

Die Abgesandten der Stämme haben lange darüber gestritten, ob diese Hoffnung es wert ist, auf sie zu setzen. Es gab Krieger, die lieber kämpfen wollten. Doch auch sie haben eingesehen, dass unser Untergang besiegelt wäre. Es wäre ein Kampf an allen Fronten.

Umgeben von feindlich gesinnten Stämmen und dazu auf dem Kriegspfad gegen die La-Chi-Kuts, wären das Volk wie das Korn in den Mühlsteinen, … es würde zermalmt. Doch im Gegensatz zu dem Korn auf dem Felde, welches in jedem Sommer neu erstarkt, würde das Volk endgültig sterben. Der Große Rat hat Petalesharo aufgefordert, wieder mit dem Missionar Allis zu sprechen. Er soll den Vertretern des Großen Weißen Vaters mitteilen, dass die vier Stämme ein neues sprechendes Papier verhandeln wollen.“

Nach diesen Worten, schlug der Häuptling seine Hände auf die Knie der untergeschlagenen Beine, als wollte er sagen; So, das war´s und jetzt wollen wir essen. Und wie um diesen Eindruck zu bestätigen, hielt er Kickiraar ein Tongefäß hin, um sich Gemüse hineingeben zu lassen.

Firehand konnte sich ein leichtes Schmunzeln ob dieses Verhaltens Petalesharos nicht verkneifen. Dann sagte er:

„Der Große Rat hat weise entschieden. Als Freunde der Pawnee hoffen auch wir darauf, dass ihr diese Entscheidung nicht zu bereuen habt.“

„Wenn die Jäger einmal wieder ihre Brüder, die Chaui, besuchen wollen, werden sie sie wohl am Big Blue River suchen müssen.“, bemerkte Kickiraar.

„Wollen das hoffen“, Clinton kratzte sich die Bartstoppeln, „und auch, dass wir euch dann zu der Entscheidung des Großen Rates beglückwünschen können!“

Petalesharo brummte so etwas wie Zustimmung und sagte dann:

„Noch einige Monde wird es dauern, bis wir wissen, ob es überhaupt neue Verhandlungen geben wird. Bis dahin sind wir zunächst weiter auf uns allein gestellt.

Doch will Petalesharo nicht den letzten Abend mit seinen weißen Brüdern mit Mutmaßungen darüber vergeuden, was in der Zukunft sein wird. Es ist dazu alles gesagt! Nehmt also reichlich von dem, was Kickiraar zubereitet hat. So bald wird die Familie des Häuptlings nicht wieder solch willkommene Gäste beherbergen.“

Auf diese Worte folgte allseits zustimmendes Gemurmel und Kickiraar schöpfte uns allen eine Art Stew40 in die dafür bereitstehenden Tongefäße. Noch einmal war ich überrascht, wie gut mir das einfache Essen schmeckte. Ich langte also tüchtig zu.

Der Abend des Abschieds von unseren Freunden war noch lang geworden. Es wurde nicht mehr über den Wunsch der vier Stämme nach neuen Vertragsverhandlungen gesprochen. Wie hatte es der Häuptling formuliert? Es war zu dem Thema alles gesagt worden. Also war der Abend bei den typischen Lagerfeuerunterhaltungen wieder wie im Fluge vergangen.

Als wir uns zum Schlafen zurückzogen, nahm mich Sakuruta zur Seite und bat mich, ihm zu folgen. Also folgte ich ihm aus der Erdhütte hinaus ins Freie. Da der Winter dem Frühling noch nicht vollends Platz gemacht hatte, war es zu dieser späten Stunde ziemlich kalt im Freien. Dennoch genoss ich den Moment an der frischen Luft.

Sakuruta blieb nicht weit vom Eingang stehen, drehte sich zu mir um, nahm mich mit beiden Händen bei den Schultern und sagte:

„Mein Bruder Mann-mit-sicherer-Hand wird seine Freunde, die Chaui, morgen verlassen, um zu den Seinen zurückzukehren. Doch denkt Sakuruta, dass sein Bruder nicht lange dort verweilen wird. Mann-mit-sicherer-Hand hat in den letzten Monden viel erlebt und gelernt, das ihn befähigt, sich zur Not auch allein in den Landen des Roten Mannes zurecht zu finden.“

Hier machte er eine Pause und sah mich eigentümlich an. Ich ahnte, was in ihm vorging. Er nahm es mir übel, dass ich ihn nicht in mein Geheimnis eingeweiht hatte. Tatsächlich spürte ich in diesem Moment auch so etwas, wie ein schlechtes Gewissen deswegen. Er war nämlich mir gegenüber offener gewesen und hatte mich, zusammen mit seinem Vater und seiner Schwester, tief in seine Seele blicken lassen. Ich beschloss also, ihm mein Vermächtnis anzuvertrauen. Gerade, als er ansetzte, wieder zu sprechen, kam ich ihm zuvor und sagte:

„Ich ahne, was mein Bruder jetzt nicht aussprechen möchte, was ihn aber dennoch beschäftigt. Er ist mir gram, dass ich nicht so offen gegen ihn bin, wie er im Gegenteil zu mir gewesen ist. Habe ich recht?“

Auf diese Frage schlug er kurz die Augen nieder. Dann wollte er etwas erwidern, doch kam ich ihm erneut zuvor.

„Sakuruta hat recht, wenn er so empfindet. Ich schäme mich fast dafür, dass ich dir nicht schon früher mitgeteilt habe, was mich umtreibt! Doch will ich das nun nachholen und hoffe, dass mein Freund und Bruder mir meine Verschlossenheit verzeiht.“

Er nickte nur und wartete darauf, dass ich weitersprechen würde.

„Wo fange ich da am besten an? Nun, … wie du weißt, bin ich das erste Mal im Indianerland unterwegs. Firehand hat mich sozusagen in seine Obhut genommen, um mir beizubringen, was ich wissen und können muss, um hier draußen überhaupt eine Chance zu haben. Naja, wie wir beide wissen, hast du nun ebenfalls Anteil an meiner Ausbildung.“

Er lächelte ein wenig schief wegen dieser Formulierung. Ich fuhr fort:

„Sinn und Zweck dieses Unterfangens war und ist, dass ich meine verschollene Familie finde und die Mörder meines Vaters zur Strecke bringe.“

Jetzt schaute er auf.

„Mann-mit-sicherer-Hand hat seine Familie verloren? Sein Vater wurde ermordet? Wie ging das zu? Will mein Bruder mir davon erzählen?“

Ja, das wollte ich. Ich fragte mich, wieso ich es nicht schon früher getan hatte. Ich gab also zurück:

„Mein Bruder soll alles erfahren. Doch denke ich, wir sollten wieder hineingehen.“ Ich deutete auf den Eingang der Erdhütte. „Es wird zu dieser späten Stunde doch noch sehr kalt auf Dauer. Wenn es dir recht ist, setzen wir uns noch ein wenig an das Feuer in deinem Abteil.“

Und so erfuhr auch Sakuruta alles über meine Herkunft und den Grund für meine Suche. Er hörte schweigsam zu und als ich geendet hatte, nahm er meine Rechte in seine beiden Hände und fragte:

„Was hat mein Bruder nun vor?“

Ich antwortete:

Zunächst werde ich mit Old Firehand, Bulcher und Clinton zum Treffpunkt mit den anderen Jägern reiten. Von dort werde ich nach Jefferson City gehen, um meinem Ziehvater mitzuteilen, dass es mir gut geht. Sodann werde ich mich für einen längeren Aufenthalt in den Rockies41 ausrüsten und meinen Ritt nach Taos und vielleicht nach Santa Fé antreten.“

Noch immer hielt er meine Hand zwischen den Seinen. Er hielt inne. Fast so, als wage er nicht zu sprechen. Dann stieß er hervor:

„Wenn es Mann-mit-sicherer-Hand recht ist, wird Sakuruta ihn begleiten!“, er zog seine Hände zurück.

Damit hatte ich nicht gerechnet. Er schaute mich abwartend an. Konnte ich diese Bitte meines roten Freundes abschlagen? Wollte ich das überhaupt?

„Sakuruta kann doch jetzt nicht fort von seinem Stamm.“, antworte ich. „Große Ereignisse stehen bevor. Willst du nicht deinen Vater, den Häuptling, bei den Verhandlungen mit den Langmessern unterstützen?“

„Sakuruta allein ist Herr über seine Zeit.“, gab er zurück. „Er kann tun was ihm beliebt und gehen wohin er will. Mann-mit-sicherer-Hand weiß, dass Sakuruta ihn liebt, wie er einen weiteren Sohn seines Vaters lieben würde. Nichts kann Sakuruta daran hindern, seinem Freund und Bruder beizustehen. Die Reise, die Mann-mit-sicherer-Hand unternehmen will, führt durch gefährliches Gebiet und ein zweites Paar Augen und Ohren können dabei viel bedeuten. Sakuruta ist nicht ungeschickt, er kann seinem Bruder von Nutzen sein.“

„Ja, auch ich empfinde für Sakuruta, wie er für mich.“, erwiderte ich. „Wie kannst du glauben, dass ich, der ich dein Schüler bin, mir anmaßen würde, deine Fähigkeiten in Frage zu stellen? Wird Petalesharo dich gehen lassen, wenn du ihm sagst was du vorhast?“

„Er wird! Er weiß, dass Sakuruta auch ohne seine Zustimmung gehen würde. Auch stehen die ‚großen Ereignisse‘ von denen mein Bruder spricht, noch nicht so bald an. Zunächst muss der Missionar,“ er meinte Samuel Allis, „die Abgesandten des Großen Weißen Vaters über den Wunsch der vier Stämme, ein neues sprechendes Papier zu verhandeln, informieren. Sodann wird es darüber Beratungen geben. Bis es soweit ist, dass die Weißen neuen Verhandlungen zustimmen, werden noch Wochen vergehen. Doch dann wird das Volk zu den Sommer-Jagdzügen aufgebrochen sein. Verhandlungen können also erst nach der Rückkehr der Cahiksicahiks beginnen. Wie mein Bruder weiß, wird diese Rückkehr nicht vor dem Mond des Donners erfolgen.“

Da hatte er recht. Bis dahin konnte er, wenn alles gut ging, wieder zu seinem Stamm stoßen. Und wenn es länger dauerte oder wir sogar auf eine Spur meiner Familie oder der Mörder meines Vaters stießen, konnte er sich noch immer entscheiden, welchen Weg er einschlagen würde.

Daher gab ich zurück:

„Mein Bruder weiß, welchen Gefahren ich entgegengehe, dennoch will er mich begleiten. Jedermann, der den Westen kennt, vermag einzuschätzen, wie wertvoll ein umsichtiger Kamerad sein kann. Daher freue ich mich sehr über deinen Wunsch, mit mir auf die Spurensuche zu gehen. Ich kann dir schon jetzt gar nicht genug dafür danken.

Doch sollte mein Bruder jetzt seinen Vater und seine Schwester über seine Absichten informieren. Immerhin wollen wir schon morgen früh aufbrechen und du wirst deine Familie länger nicht sehen.“

Ich sah den Ausdruck der Freude in Sakurutas Gesicht. Er drückte mir noch einmal die Hand. Dann sagte er:

„Sakuruta freut sich über das Vertrauen, das ihm sein Bruder schenkt. Er wird es nicht enttäuschen.“

Ich begab mich also in das Abteil, welches ich mir mit Clinton teilte. Frank schlief bereits tief und fest und so rollte auch ich mich in meine Decke, um noch einen tüchtigen Schlaf zu tun.

Am Morgen wurde ich zeitig wach. Clinton lag noch auf seiner Schlafstätte und so verließ ich die Lodge, um draußen nach dem Stand der Sonne zu sehen. Etwas Tageslicht drang zwar durch die Rauchabzüge auch nach drinnen, es war jedoch unmöglich festzustellen, wie weit der Tag schon fortgeschritten war. Als ich nach draußen kam, sah ich, dass es soeben erst hell wurde, die Sonne lugte gerade über den Horizont. Firehand war bereits dabei, seinen Wirbelwind zu satteln. Als er mich bemerkte, drehte er sich zu mir um, während er am Sattelgurt hantierte.

„Ah, guten Morgen!“, sagte er mit einem Lächeln. „Werden also zu fünft reisen, wie ich hörte!“ Er zog den Gurt straff. „Gut zu wissen, dass du einen fähigen Begleiter haben wirst, wenn du demnächst nach deinen Leuten forschen wirst. Auch wenn ich dir inzwischen durchaus zutraue, auch allein da draußen zurecht zu kommen.“

„Ich höre, du bist bereits gut unterrichtet.“, gab ich zurück.

„Yes! Der Häuptling hat es mir soeben erst berichtet. Scheint mächtig stolz darauf zu sein, dass sein Sohn mit einem Greenhorn in die Berge gehen will!“

Er grinste herausfordernd. Ich ging jedoch nicht darauf ein.

„Wo sind sie denn alle hin? Kann mir nicht vorstellen, dass allein der Häuptling schon auf den Beinen ist.“

„Hast recht!“, stellte Firehand fest. „Er und seine Kinder sind zu den Pferden. Sie bringen deinen Rapaku und Sakurutas Pferd. Bill ist mit hin, um seinen Gaul auch zu holen. Nur Frank scheint noch nicht munter zu sein.“

„Ja! Eben, als ich aufgestanden bin, schlief er noch fest. Ich werde ihn wecken.“

„Tu das, Junge! Werden noch ein kleines Frühstück nehmen, das beim Häuptling auf uns wartet und dann reiten wir. Möchte heute noch einen guten Teil des Weges unter die Hufe nehmen.“

Ich ging also, um Frank zu wecken. Als wir zusammen herauskamen, waren auch die anderen mit den Pferden zurück. Kickiraar hatte meinen Rapaku am Zügel und hielt ihn mir hin.

„Mein Bruder wird die Chaui heute leider wieder verlassen. Kickiraar verdankt ihm die Vergeltung des Unrechts, das ihr der weiße Schurke angetan hat. Sie steht tief in seiner Schuld und wird ihren Freund vermissen.“

Ich war tief gerührt. Sie hatte das Wort Freund besonders betont und ich wusste, sie wollte damit sagen, dass sie mir vertraute. Obwohl auch ich in ihren Augen ein Weißer war, und ein Mann noch dazu. Nach dem, was ihr ein anderer weißer Mann angetan hatte, war dies nicht selbstverständlich. Ich hatte sie ebenso tief in mein Herz geschlossen, wie ihren Bruder. Ich gab zurück:

„Mann-mit-sicherer-Hand ist froh, das Vertrauen seiner Schwester Kickiraar gewonnen zu haben. Er ist ihr Freund und sie wird ihm fehlen. Doch soll nicht auf immer geschieden sein. Ich werde dir deinen Bruder bald wieder zurückbringen.“

Sie lächelte nach diesen Worten und trat zu Sakuruta, um mit ihm noch einige Worte zu wechseln. Petalesharo, der bisher mit Firehand und Bulcher gesprochen hatte, kam jetzt zu mir herüber und blieb wartend stehen, bis ich Rapaku den Sattel aufgelegt hatte. Dann wandte ich mich zu ihm um. Er nahm mich bei den Schultern und sagte:

„Petalesharo und die Seinen stehen tief in der Schuld des jungen weißen Jägers und seiner Gefährten. Der Häuptling ist stolz, sich ihren Bruder und Freund nennen zu dürfen. Nun wird sein Sohn den jungen Jäger auf seinen Wegen begleiten. Er wird ihm in der Gefahr beistehen.

Sakuruta hat dem Häuptling berichtet, wie gut Mann-mit-sicherer-Hand den Tomahawk wirft. Damit der junge weiße Jäger sich weiter in dieser Fertigkeit üben kann, schenkt ihm Petalesharo einen Tomahawk, der ihm gerecht wird.“

Sakuruta war hinzugetreten und Petalesharo nahm ihm einen indianischen Tomahawk aus den Händen, der genauso gearbeitet war, wie dessen eigener. Mit jenem Beil hatte ich geübt und kannte es daher sehr genau. Nur weil Sakuruta sein eigenes Kriegsbeil am Gürtel trug, wusste ich, dass es nicht seines war.

Konnte ich ein solches Geschenk annehmen? Ich war in Verlegenheit, hatte ich doch nichts, was ich im Gegenzug hätte überreichen können. Bevor ich etwas erwidern konnte, sagte Sakuruta:

„Mein Bruder mag dieses Geschenk annehmen. Sakuruta weiß, dass er zögert, weil er glaubt, er müsse es erwidern. Doch hat Mann-mit-sicherer-Hand der Familie des Häuptlings und dem Stamm der Chaui bereits viel mehr gegeben.“

„So will ich ihn annehmen aus der Hand des Häuptlings der tapferen Chaui und ihn mit Stolz tragen.“, wandte ich mich an Petalesharo.

Er reichte mir den Tomahawk und ich wog ihn in der Hand. Ja, es fühlte sich genau wie Sakurutas Beil an. Es hatte genau das gleiche Gewicht und denselben Schwerpunkt. Der Stiel war aus dem Stamm des Hickory42 gefertigt und maß rund zwölf Inches43. Der obere Teil umfasste einen Kopf aus Messing, dessen vorderer Teil das Blatt bildete. Von der vorn befindlichen, messerscharfen, halbrunden Schneide, die fast vier Inches lang war, verjüngte sich das Blatt zum Stiel hin. Auf der Gegenseite bildete das Metall eine Art flachen Stößel, ähnlich dem Ende eines Meißels. So konnte der Tomahawk zum einen als tödliche Waffe, zum anderen aber auch als nützliches Werkzeug, beispielsweise zum Hämmern und Spalten von Holz verwendet werden. In den Stiel waren in kunstvoller Art und Weise indianische Zeichen geschnitten worden. Sie waren schwarz gefärbt, sodass sie sich deutlich abhoben. Es waren jedoch andere, als jene, die ich auf Sa-kurutas Tomahawk gesehen hatte. Als ich mir den Schaft genauer ansah, stellte ich fest, dass die Zeichen Mann-mit-sicherer-Hand bedeuten sollten.

Es handelte sich also um einen besonders für mich angefertigten Tomahawk, was das Geschenk für mich noch wertvoller machte. Petalesharo konnte meine Empfindungen wohl in meinem Gesicht lesen, er lächelte zufrieden und winkte uns, ihm zu folgen. Ich steckte den Tomahawk in meinen Gürtel und schloss mich den anderen an, um jetzt das erwähnte Frühstück einzunehmen.

Nach einem letztlich kurzen Abschied waren wir zu unserem Ritt heimwärts aufgebrochen. Ich freute mich darauf, Korner, Badger und all die anderen wieder zu treffen. Wir hatten verabredet, uns am 30. März in Omaha City am Missouri zu treffen. Da der Transport der erbeuteten Felle mit den Pferden schwerlich zu bewerkstelligen wäre, würden die Gefährten sie auf Flößen den Quicourt hinunter bis zur Mündung bringen. Zwei Mann hatten die Aufgabe, die Pferde zu Land dorthin zu bringen. Gemeinsam wollte man dann auf einem von Fort Union zurückkehrenden Missouri-Steamer44 weiterfahren, um die Felle in Omaha an einem Trading Post45 zu Geld zu machen.

Es handelte sich um eine Strecke von geschätzt achtzig Meilen46, die wir in fünf Tagen zurücklegen wollten. Wir hatten es also nicht besonders eilig. Dennoch kamen wir am ersten Tag unseres Ritts sehr gut voran. Gegen Abend hatten wir bereits fast ein Drittel der Wegstrecke zurückgelegt. Dies lag zum einen am guten Wetter, zum anderen aber auch an der guten Verfassung unserer Pferde. Es war ihnen anzumerken, dass sie - ebenso wie ihre Reiter - froh waren, wieder unterwegs zu sein.

Gegen Abend hatten wir bereits den Saline Creek erreicht, wo wir, vor nun schon einiger Zeit, Schutz vor dem Blizzard47 gesucht hatten und auf die Spuren der Cheyenne gestoßen waren48. Firehand meinte, wenn wir noch ein wenig entlang des Zedern-Hains weiterritten, würden wir jenseits des damaligen Lagers der Cheyenne, also an der Ostspitze des Hains, eine kleine Ausbuchtung desselben vorfinden. Diese sei wie geschaffen für unser Nachtlager. Also folgten wir diesem Rat und fanden auch bald die erwähnte Stelle.

Firehand hatte recht. Hier waren wir gut aufgehoben. Das Wäldchen bildete hier zwei vorspringende „Zungen“ von jeweils etwa fünfzig Schritt Länge. Dazwischen lag eine, nach Osten offene Lichtung mit einer Ausdehnung von etwa dreißig Schritt. Das Ganze entsprach in etwa der Form eines liegenden „U“. Wir lagerten uns in dem Bogen des „U“, sodass uns der Hain im Rücken und seine beiden „Zungen“ rechts und links Schutz vor dem Wind boten. Dieser Wind wurde jetzt, wo die Sonne unterging, zunehmend unangenehmer. Doch da unser Lager auch Schutz gegen Sicht bot, konnten wir es wagen, ein Feuer zu unterhalten.

Nachdem wir im Herbst die Erfahrung gemacht hatten, dass Verbände von Cheyenne inzwischen selbst hier, in diesem Gebiet, unterwegs waren und sogar so weit gingen, Ansprüche darauf geltend zu machen, mussten wir auch jetzt feindliche Begegnungen in Betracht ziehen.

Da wir mit einem Krieger der Pawnee unterwegs waren, würden uns etwa umherstreifende Cheyenne jedenfalls als Feinde betrachten. Auch wenn wir mit Vooka'e Komaestse49 und seinen Kriegern zuletzt im Frieden auseinandergegangen waren, mussten wir bei Angehörigen anderer Unterstämme sehr wohl auf der Hut sein.

Es war also Vorsicht geboten und so waren wir froh, diesen Ort gefunden zu haben, an dem wir uns ohne große Gefahr an einem Feuer wärmen konnten. Der Lichtschein, den das Feuer verursachte, musste lediglich nach Osten hin abgeschirmt werden, was dadurch geschah, dass wir vom Fluss ein paar größere Steine herschafften, die wir in der angegebenen Richtung vor dem Feuer aufstapelten.

Sakuruta hatte mit seinem Bogen am Nachmittag ein paar Prairiehühner erlegt, die Bulcher und Clinton jetzt präparierten und über dem Feuer zubereiteten. Wir anderen sahen dabei zu und amüsierten uns über die Fachsimpelei unserer beiden Köche. Sie stritten, halb im Scherz, halb im Ernst darüber, wie ein solches Prairiehuhn am besten zuzubereiten sei. Nun, wir würden bald Gelegenheit bekommen, zu erfahren, wer der bessere Koch war.