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Die Canterbury-Erzählungen von Geoffrey Chaucer gilt als ein Meisterwerk der englischen Literatur und stellt eine faszinierende Sammlung von Erzählungen dar, die sich um eine Pilgerreise nach Canterbury gruppieren. In einer Vielzahl von Stimmen und Perspektiven, vom stolzen Ritter bis zur frechsten Bauersfrau, reflektiert Chaucer auf brillante Weise die gesellschaftlichen Normen und menschlichen Schwächen des ausgehenden 14. Jahrhunderts. Sein poetischer Stil kombiniert reichhaltige, beschreibende Sprache mit einem feinen Gespür für Ironie und Humor, was die Protagonisten lebendig und vielschichtig erscheinen lässt. Diese Erzählungen gewähren nicht nur Einblick in die damalige Zeit, sondern sind auch eine subtile Kritik an den sozialen und moralischen Zuständen des Mittelalters. Geoffrey Chaucer, oft als der "Vater der englischen Literatur" bezeichnet, widmete sein Leben der Poesie und wurde stark von der französischen und italienischen Literatur beeinflusst. Seine eigene Erfahrung als Beamter und Händler in London sowie seine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben seiner Zeit prägten seine schriftstellerische Tätigkeit. Chaucer war ein Vorreiter in der Verwendung der englischen Sprache, damals vernachlässigt im literarischen Schaffensprozess, was ihn dazu antrieb, volkstümliche Themen aufzugreifen und die Vielfalt des menschlichen Charakters in seinen Werken darzustellen. Die Canterbury-Erzählungen sind nicht nur ein faszinierendes Zeitdokument, sondern auch eine eindringliche Reflexion über das Menschsein. Leser, die an einem tiefgründigen Verständnis von menschlicher Natur interessiert sind, werden von Chaucers Scharfsinn und Komik gleichermaßen gefesselt. Dieses Buch ist für jeden Literaturinteressierten ein absolutes Muss und bietet einen unvergleichlichen Blick auf die Komplexität des mittelalterlichen Lebens und der menschlichen Erfahrung. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Diese Werksammlung vereint Geoffrey Chaucers Die Canterbury-Erzählungen in einer durchgehenden Lesefassung. Zusammengebracht werden die überlieferten Prologe, die eigentlichen Erzählungen und verbindende Passagen, die das große Erzählunternehmen tragen. Ziel ist es, den vielstimmigen Zyklus des späten 14. Jahrhunderts als organisches Ganzes erfahrbar zu machen: als Literaturprojekt, das Reise, Wettbewerb und Gespräch verbindet. Die Sammlung führt die Lesenden nicht nur durch eine Reihenfolge von Texten, sondern durch eine soziale und poetische Topographie, in der Figuren und Formen einander spiegeln. So bietet diese Ausgabe eine verlässliche Grundlage für Lektüre, Studium und Vergleich, ohne den Reichtum der einzelnen Stimmen zu nivellieren.
Im Zentrum steht die berühmte Rahmenhandlung: Eine Gruppe Pilgerinnen und Pilger bricht in Southwark vom Gasthof aus nach Canterbury auf, zum Schrein des heiligen Thomas Becket. Um die Reise zu verkürzen, schlägt der Wirt einen Erzählwettbewerb vor. Aus dieser einfachen Ausgangssituation entsteht ein dynamisches Rede- und Erzählspiel, in dem jede Figur sich über Prolog und Geschichte vorstellt, auf andere reagiert und den eigenen Standpunkt auslotet. Die Abfolge von Vorreden, Geschichten und Zwischenrufen bildet ein literarisches Forum, in dem soziale Rollen, Sitten und Maßstäbe verhandelt werden – stets gerahmt von der gemeinsamen Bewegung auf dem Weg.
Die Canterbury-Erzählungen umfassen eine außergewöhnliche Vielfalt von Gattungen und Tonlagen. Neben höfischen Romanzen stehen derbe Schwänke und städtische Novellen; neben Heiligenlegenden und Tierfabeln finden sich moralische Lehrstücke, Predigten und Beispielerzählungen. Chaucer komponiert in Vers und Prosa und wechselt souverän zwischen hohen und niedrigen Registern. Parodistische Spiele mit Konventionen stehen neben ernsten Reflexionen über Recht, Gerechtigkeit, Glaube und Gemeinschaft. So wird das Werk zugleich Anthologie und Poetiklabor: ein Ort, an dem nicht nur Geschichten erzählt, sondern die Möglichkeiten des Erzählens selbst erprobt werden – von rhetorischer Brillanz bis zu bewusst einfacher, mündlicher Wirkung.
Die Prologe profilieren die Sprechenden als Angehörige eines vielschichtigen Gemeinwesens. Ritter, Müller, Landverwalter, Koch, Gechtsgelehrter, Schiffer, Priorin, Mönch, Nonnenpriester, Bettelmönch, Büttel, Klerk, Kaufmann, Junker, Freisasse, Doctor, Ablaßkrämer, zweite Nonne, der Dienstmann vom Kanonikus, Tafelmeister und Pfarrer treten als Vertreter ihrer Lebenswelten auf. Chaucers Kunst zeigt sich darin, wie ständische Rollenbilder mit individuellen Stimmen verschmelzen. Die Prologe entfalten Motivationen, Vorlieben, Manieren und Redeweisen, die die anschließenden Geschichten einfärben. Was als fröhlicher Zeitvertreib beginnt, wird so zu einer Galerie beweglicher Porträts, deren Perspektiven sich widersprechen, ergänzen oder ironisch brechen.
Stilistisch arbeitet Chaucer mit feinem Wechsel von Nähe und Distanz. Er nutzt genaue Beobachtung, dramatische Dialoge und bildkräftige Vergleiche ebenso wie gelehrte Anspielungen, die er für witzige Effekte erdet. Seine Verserzählungen greifen gereimte Paare und verschiedene Strophenformen auf; die Prosatexte entfalten methodisch argumentierende, exemplarische Rede. Kennzeichnend sind Registersprünge, pointierte Ironie und das Spiel mit Erzählautorität: Wer spricht? Wer berichtet über wen? Was gilt als Beweis, was als Gerücht? Diese Offenheit fördert eine Lektüre, die zwischen Aussage und Auftritt unterscheidet und die rhetorische Leistung der Figuren mitreflektiert.
Die vorliegende Ausgabe ordnet den Zyklus in zwei Teile, in denen Prologe, Erzählungen und Verbindungsstücke jeweils als Paare oder Sequenzen erscheinen. Sie umfasst unter anderem die Beiträge des Ritters und Müllers, des Landverwalters und Kochs, des Gechtsgelehrten und Schiffers, der Priorin, den Auftritt um Sire Thopas und Melibeus, die Folgen von Mönch und Nonnenpriester, die Partien um das Weib von Bath, Bettelmönch und Büttel, sodann Klerk, Kaufmann, Junker und Freisasse, Doctor und Ablaßkrämer, die zweite Nonne, den Dienstmann des Kanonikus, Tafelmeister und schließlich den Pfarrer. Verbindungs-Prologe markieren Übergänge und Gegenreden.
Gemeinsame Themen ziehen durch diesen Reigen: Reise und Gemeinschaft, Spiel und Ernst, Gesetz und Gewohnheit, Glück und Vergänglichkeit, Arbeit, Handel und Gabe, Ehe und Bündnis, Autorität und Auslegung. Die Geschichten fragen, was ein gutes Leben im Rahmen endlicher Möglichkeiten sei und welche Rollen Herkunft, Stand, Bildung und Frömmigkeit darin spielen. Konflikte werden selten abstrakt, sondern als Rede- und Handlungssituationen vorgeführt. Durch die Gegenüberstellung divergierender Positionen entsteht keine einfache Lehre, sondern ein bewegliches Denken, das die Vielfalt sozialer Erfahrung respektiert und moralische Urteile an konkrete Umstände rückbindet.
Geoffrey Chaucer schrieb die Canterbury-Erzählungen im späten 14. Jahrhundert auf Mittelenglisch. Die Texte spiegeln eine Zeit ökonomischer, sozialer und religiöser Spannungen, in der Stadt und Land, Höfe und Zünfte, Klöster und Märkte neu zueinander in Beziehung traten. Statt eine einzige Perspektive zu bevorzugen, bündelt Chaucer Stimmen, Register und Gattungen. Damit begründet er eine Tradition englischer Dichtung, die das Volkssprachliche als Medium nuancierter, gebildeter Kunst ernst nimmt. Zugleich bleibt das Werk europäisch vernetzt, indem es Motive, Stoffe und Formen aufgreift, wie sie in der damaligen Literatur weit verbreitet waren, und eigenständig fortschreibt.
Das Werk blieb unvollendet und ist in zahlreichen Handschriften überliefert, deren Anordnung der Teile voneinander abweicht. Jede Ausgabe muss daher begründete Entscheidungen über Reihenfolge und Gliederung treffen. Diese Sammlung präsentiert eine kohärente Lesereihenfolge, die den Wechsel von Prolog und Erzählung sichtbar hält und die verbindenden Stücke als dramaturgische Scharniere nutzt. Damit entsteht ein Fluss, der die dialogische Struktur wahrt, ohne philologische Einzelheiten vorauszusetzen. Wo Texte fragmentarisch sind, wird dies nicht kaschiert, sondern als Teil der Überlieferungssituation respektiert.
Zur Lektüre empfiehlt es sich, die Prologe als Schlüssel zu Stimme, Ton und Haltung der folgenden Erzählungen zu begreifen. Die Texte sind aus einer mündlichen Kultur heraus gedacht und entfalten in inneren Bühnen ihre Wirkung: in Rede, Widerrede, Zwischenruf. Wer die Sammlung linear liest, erlebt die soziale Dynamik der Reise; wer thematisch oder gattungsmäßig springt, erkundet die Spannbreite poetischer Verfahren. In beiden Fällen lohnt es, auf wiederkehrende Motive, auf ironische Spiegelungen und auf die Frage zu achten, wie viel Autorität die Erzählerin oder der Erzähler beansprucht – und wie das Publikum reagiert.
Die anhaltende Bedeutung der Canterbury-Erzählungen beruht auf ihrer Verbindung von poetischem Erfindungsreichtum, sozialer Anschauung und ethischer Offenheit. Das Werk zeigt, wie Literatur unterschiedliche Welten in Gespräch bringt, ohne sie auf ein einziges Urteil zu reduzieren. Es hat die Entwicklung der englischen Literatur maßgeblich geprägt und bleibt ein Referenzpunkt für Erzählzyklen, Rahmenerzählungen und vielstimmige Prosa- und Verskunst. Zeitgenössische Lesarten finden darin Fragen nach Gerechtigkeit, Geschlecht, Macht und Wissen, die ihre Aktualität behalten, weil sie an sprechenden Situationen und konkreten Figuren gewonnen werden.
Diese Ausgabe lädt dazu ein, die Canterbury-Erzählungen als großes Experiment des Erzählens zu lesen: als Reisegesellschaft, die die Kunst der Geschichte und der Rede erprobt. Der Umfang deckt Prologe, Erzählungen und verbindende Passagen ab und führt die Vielfalt der Gattungen und Stimmen vor Augen. Wer folgt, begegnet einer Literatur, die beides kann: unterhalten und prüfen, lachen und ernst machen, Tradition aufnehmen und erneuern. So eröffnet die Werksammlung einen Zugang zu einem Klassiker, dessen Lebendigkeit nicht aus Musealem, sondern aus der Begegnung von Stimmen auf einem gemeinsamen Weg entsteht.
Geoffrey Chaucer (um 1343–1400) gilt als wesentlicher Erneuerer der englischen Dichtung. Sein Rang beruht vor allem auf den Canterbury-Erzählungen, die in dieser zweigeteilten Sammlung durch Der Prolog sowie die Vielzahl an Prologen und Erzählungen vertreten sind. Die Pilgerreise liefert ein Rahmenwerk, in dem soziale Typen des späten 14. Jahrhunderts literarisch lebendig werden. Die Kombination aus Beobachtungsgabe, dramatischer Gesprächsführung und metrischer Virtuosität machte Chaucer zum prägenden Autor der Volkssprache. Neben anderen Werken seiner Lebenszeit steht diese Sammlung exemplarisch dafür, wie aus dem höfischen und religiösen Diskurs eine breit angelegte, weltzugewandte Literatur entsteht.
Die vorliegende Auswahl zeigt die Spannweite von Chaucers Verfahren: ritterliche Romane, derbe Schwänke, Heiligenlegende, moralische Traktate und Tierfabeln stehen nebeneinander. Prologe eröffnen Figurenstimmen, die in Erzählungen eigenständige Gattungen variieren; so begegnen uns Der Prolog, Die Erzählung des Ritters, Der Prolog des Müllers, Die Erzählung des Müllers, Der Prolog des Landverwalters, Die Erzählung des Landverwalters und viele weitere bis hin zu Der Prolog des Pfarrers und Die Erzählung des Pfarrers. Zugleich bildet die Sammlung eine poetische Chronik der Zeit: Sie spiegelt Frömmigkeit, Handel, Amt und Ehedebatten in der Sprache einer sich festigenden Literatursprache.
Chaucers Ausbildung lässt sich nicht als Universitätslaufbahn belegen; doch seine frühe Hofnähe, seine Verwaltungstätigkeiten und diplomatischen Reisen zeigen eine intensive Schulung in Sprachen und Literatur. Er beherrschte Englisch, Französisch und Latein und reiste als königlicher Gesandter nach Frankreich und Italien. Dort lernte er die Dichtung Dantes, Petrarcas und Boccaccios kennen. Diese internationale Lektüre prägte seine poetische Technik ebenso wie sein Interesse an Erzählrahmen und Figurenrede. Für die Sammlung besonders folgenreich war die Begegnung mit italienischer und kontinentaleuropäischer Erzählkunst, die er in die englische Volkssprache übertrug und neu kombinierte.
Einflüsse treten in einzelnen Teilen der Sammlung deutlich hervor. Die Erzählung des Ritters greift auf Boccaccios höfisches Epos zurück und wandelt dessen Stoff für die englische Verserzählung. Die Erzählung des Klerk folgt der durch Petrarca verbreiteten Griselda-Geschichte. Die Erzählung des Ablaßkrämers nutzt die Kunst der mittelalterlichen Predigt-Exempel, während Die Erzählung des Pfarrers als Bußtraktat an scholastische Lehrtraditionen anknüpft. Die Erzählung der zweiten Nonne steht in der Heiligenvita-Tradition; fabliau-Muster, in Frankreich entwickelt, durchziehen Die Erzählung des Müllers und Die Erzählung des Landverwalters. Sire Thopas parodiert Ritterromane, Melibeus adaptiert eine prosaische Moralerzählung.
Der Prolog stellt Chaucers dramatische Methode vor: Ein bunter Pilgerzug – Ritter, Mönch, Priorin, Kaufmann, Klerk, Bettelmönch, Büttel, Ablaßkrämer, Schiffer, Franklin und andere – nimmt Form an, indem der Erzähler Porträtkunst, soziale Beobachtung und Ironie verbindet. Die Figuren sprechen in eigenen Registern; Tonfall und Form wandeln sich zwischen Reimpaarvers, Strophen und Prosa. Dieser lebendige Auftakt etabliert eine Art literarisches Forum, in dem Prologe wie Der Prolog des Müllers oder Der Prolog des Weibes von Bath als performative Selbstvorstellungen fungieren und die jeweilige Erzählung inhaltlich, rhetorisch und ideologisch rahmen.
Die Erzählung des Ritters eröffnet als höfisch-ritterliche Romanze mit klassischem Anspruch den Erzählwettstreit. Unmittelbar dagegen setzt Der Prolog des Müllers und Die Erzählung des Müllers diebenhaften Witz und körpernahen Humor, wodurch Chaucer die soziale Hierarchie literarisch umkehrt. Der Prolog des Landverwalters und Die Erzählung des Landverwalters antworten rachsüchtig im selben Schwankregister. Der Prolog des Kochs und Die Erzählung des Kochs knüpfen daran an, bleiben aber in vielen Überlieferungen fragmentarisch, was die Unabgeschlossenheit des gesamten Unternehmens widerspiegelt und zugleich Chaucers Sinn für serielle Dramaturgie unterstreicht.
Der Prolog des Gechtsgelehrten und Die Erzählung des Gechtsgelehrten wenden sich einem ernsteren Register zu: Recht, Vorsehung und gefährdete Unschuld verbinden sich zu einer Reiseerzählung mit weiter geographischer Spannweite. Der Prolog des Schiffers und Die Erzählung des Schiffers führen kaufmännische, eheliche und klerikale Interessen in einer listigen Intrige zusammen. Die Erzählung der Priorin verknüpft Mariendevotion und Wundergeschichte; sie zeigt zugleich problematische antijüdische Motive der Zeit, deren Darstellung hier als Teil mittelalterlicher Frömmigkeitsnarrative literarisch greifbar wird.
Mit Prolog zu Sire Thopas und der anschließenden Parodie auf den Ritterroman betritt Chaucer als Pilger selbst die Bühne: eine selbstironische Figur, deren Reimspiel bewusst ins Banale kippt. Der Prolog zu Melibeus und Die Erzählung von Melibeus markieren dann eine abrupte Kehrtwende in die belehrende Prosa. Die Gegenüberstellung zeigt Chaucers Reflexion über Gattungsgrenzen und Publikumserwartungen: Zwischen ausgelassenem Spiel und moralischer Instruktion führt er eine Debatte darüber, was „nützliches“ Erzählen sei – eine Frage, die sich durch die gesamte Sammlung zieht.
Der Prolog des Mönches und Die Erzählung des Mönches entfalten eine Reihe von Fallgeschichten des Unglücks, die die Vergänglichkeit weltlicher Größe demonstrieren. Der Prolog des Nonnenpriesters und Die Erzählung des Nonnenpriesters wenden das Blatt mit einer Tierfabel voller rhetorischer Bravour und philosophischem Witz. Der Verbindungs-Prolog verbindet Abschnitte und lässt die Pilgerstimmen gegeneinander antreten. Der Prolog des Weibes von Bath bereitet eine der berühmtesten Stimmen der Sammlung vor; Die Erzählung des Weibes von Bath setzt die Debatte um Autorität, Erfahrung und Ehe als gesellschaftliche Institution polemisch fort.
Im Zweiten Theil intensiviert Chaucer seine dialogische Architektur. Der Prolog des Klerk und Die Erzählung des Klerk verhandeln Geduld, Tugend und Machtverhältnisse in der Ehe. Der Prolog des Kaufmanns und Die Erzählung des Kaufmanns antworten skeptisch und satirisch. Der Prolog des Junkers und Die Erzählung des Junkers zeigen höfische Fantasie neben Der Prolog des Freisassen und Die Erzählung des Freisassen, die Höflichkeit und Freiheit der Lebensführung erörtern. Der Prolog des Doctors und Die Erzählung des Doctors bieten ein Moralexempel; Der Prolog des Ablaßkrämers und Die Erzählung des Ablaßkrämers demaskieren Habgier. Die Erzählung der zweiten Nonne, Der Prolog des Dienstmannes vom Kanonikus und Der Prolog des Tafelmeisters mit Die Erzählung des Tafelmeisters erweitern das Spektrum bis zur Alchemie- und Redekritik; Der Prolog des Pfarrers und Die Erzählung des Pfarrers schließen bußtheologisch ab.
Chaucer argumentiert selten programmatisch, doch seine Sammlung lässt Haltungen erkennen. Er erkundet moralische Fragen über ein Spektrum sozialer Stimmen, ohne dogmatische Eindeutigkeit zu erzwingen. Die Erzählung des Ablaßkrämers demonstriert, wie religiöse Rhetorik korrupt werden kann, während Die Erzählung des Pfarrers ernsthaft Buße und Gewissen reflektiert. Ehe- und Autoritätsdiskurse – geprägt durch Der Prolog des Weibes von Bath, Die Erzählung des Klerk und Die Erzählung des Kaufmanns – werden als offene Streitgespräche geführt. Chaucers Satire trifft Missbrauch, nicht den Glauben; seine Kunst besteht darin, orthodoxe Lehre, volkssprachliche Debatte und literarische Experimentierfreude ausbalanciert nebeneinander zu stellen.
Chaucers spätere Jahre waren von Amtswechseln und literarischer Konzentration geprägt; wesentliche Teile der Canterbury-Erzählungen entstanden im letzten Jahrzehnt seines Lebens. Das Projekt blieb unvollendet, doch gerade seine Offenheit – sichtbar von Der Prolog über die „Ketten“ der Prologe und Erzählungen bis zur abschließenden Die Erzählung des Pfarrers – wurde stilbildend. Chaucer starb 1400 und wurde in der Westminster Abbey beigesetzt, wo sein Grab den Kern des späteren Poets’ Corner bildet. Frühdrucke, unter anderem durch William Caxton, verbreiteten das Werk weit. Der Einfluss reicht über Jahrhunderte: Sprachstandard, dramatische Erzähltechnik und Figurenpsychologie prägten die englische Literatur nachhaltig.
Geoffrey Chaucer lebte um 1343 bis 1400 und schrieb in einer Phase tiefgreifender Umbrüche im spätmittelalterlichen England. Die Canterbury-Erzählungen entstehen überwiegend in den 1380er und 1390er Jahren, am Ende der Regierungszeit Richards II. und kurz vor der Machtübernahme Heinrichs IV. London war Handelsmetropole, Verwaltungszentrum und Knotenpunkt kultureller Strömungen. Chaucer, Hofdiener, Diplomat und Zollbeamter, kannte sowohl die höfische Welt als auch das städtische Milieu. Sein Werk versammelt Stimmen verschiedener Stände auf einer gemeinsamen Pilgerreise nach Canterbury und spiegelt damit die soziale Breite und die Spannungen einer Gesellschaft, die nach Kriegen, Seuchen und wirtschaftlichen Verschiebungen neu austariert wurde.
Der Hundertjährige Krieg prägte Chaucers Generation. Als junger Mann nahm er am Feldzug Edwards III. nach Frankreich teil, wurde 1359 gefangen gesetzt und gegen Lösegeld freigelassen. Der anhaltende Konflikt belastete Finanzen und Verwaltung, förderte jedoch zugleich militärische und diplomatische Professionalisierung. Unter Edward III. und später Richard II. wuchs die königliche Bürokratie; neue Steuern und Gesetze griffen tiefer in den Alltag ein. Diese Verdichtung des Staatswesens bildet den Hintergrund für Figuren, die Amt, Beruf oder Lehnspflichten vertreten, vom Ritter über den Rechtsgelehrten bis zum Pfarrer. Politische Loyalitäten, Patronage und das Risiko von Gunstverlusten bleiben ein unausgesprochener Resonanzboden.
Die Pestwellen von 1348/49 und späteren Ausbrüchen dezimierten die Bevölkerung und veränderten Arbeits- und Besitzverhältnisse. Arbeitskräftemangel, steigende Löhne und Mobilität beunruhigten Grundherren; der Statute of Labourers von 1351 sollte Löhne begrenzen und Wanderarbeit zügeln. In dieser Lage erweiterten sich Spielräume für Handwerker, Pächter und städtische Berufe, während traditionelle Hierarchien unter Druck gerieten. Die Figurenwelt der Canterbury-Erzählungen – etwa Freisasse, Müller, Koch oder Tafelmeister – lässt diese Verschiebungen anklingen. Auch der Tonfall wechselt zwischen Selbstbehauptung und Spott, ein Echo gesellschaftlicher Aushandlungen, die 1381 im Bauernaufstand kulminierten und das Vertrauen in alte Ordnungen nachhaltig erschütterten.
Pilgerfahrten waren im 14. Jahrhundert gelebte Alltagsfrömmigkeit und zugleich soziales Ereignis. Das Ziel nach Canterbury, zum Schrein des 1170 ermordeten Thomas Becket, zog Reisende aus ganz England an. Infrastrukturen aus Straßen, Herbergen und Führern ermöglichten kollektive Reisen. Chaucers Ausgangsort im Londoner Vorort Southwark und der gesellige Wirt als Reiseleiter spiegeln diese Praxis. Pilgern verband Andacht, Entlastung von Sündenlasten und Geselligkeit; zugleich bot es Bühne für Erzählungen, Spott und Belehrung. Der Rahmen erlaubt, Stände nebeneinander zu stellen und ihre Selbstbilder im Dialog zu erproben – vom Ritter bis zum Weibe von Bath –, ohne die Destination zu entweihen.
Die geistige Landschaft war von der Autoritätskrise der Kirche geprägt. Das Abendländische Schisma ab 1378 mit konkurrierenden Päpsten unterminierte die Einheit; Reformforderungen gewannen Zulauf. Prediger wie John Wyclif kritisierten Reichtum und Macht der Kleriker, ihre Schüler, die Lollarden, sorgten für Unruhe. In diesem Klima erscheinen in der Sammlung Kleriker sehr verschieden: frommer Pfarrer und gebildeter Klerk stehen neben Figuren, deren Geschäft mit Ablässen oder Gerichtsbarkeit Misstrauen weckt. Prologe wie der des Ablaßkrämers oder des Büttels greifen Debatten über Predigt, Reliquien und kirchliche Ökonomie auf, ohne die kirchliche Lehre pauschal in Frage zu stellen.
Mit der Ausweitung königlicher Verwaltung wuchsen auch Rechtspflege und Schriftlichkeit. Westminster wurde zum Zentrum der Common-Law-Gerichte; Prozesse, Verträge und Steuern erzeugten eine Flut an Urkunden in Latein und Law French. Der Rechtsgelehrte der Sammlung verweist auf diese Professionalisierung, ebenso der Amtsethos des Pächters oder die Erfahrungen des Zöllners Chaucer, der den Warenverkehr durch den Londoner Hafen beaufsichtigte. Schriftkultur und Beweisführung prägen Argumentationsweisen in mehreren Prologen. Die Reisegesellschaft verkörpert damit nicht nur soziale, sondern auch institutionelle Felder einer Gesellschaft, die sich zunehmend über bürokratische Routinen, Gebühren und Expertise organisierte.
Der englische Exportreichtum beruhte vor allem auf Wolle. Kaufleute, Reeder und Gilden profitierten von Fernhandel nach Flandern, die Krone von Zöllen. Finanzielle Verflechtungen mit italienischen Städten, Wechselbriefe und Kreditpraktiken bestimmten den Alltag einer neuen Wirtschaftselite. Figuren wie der Kaufmann oder der Schiffer, die städtischen Gildenbrüder im Prolog oder der Tafelmeister spiegeln diese Urbanität. Preiskontrollen, Qualitätsstandards und Zunftregeln sollten Vertrauen schaffen, doch Konkurrenz und List blieben Teil des Spiels. Die Erzählgemeinschaft zeigt, wie Handel und Handwerk nicht nur Wohlstand, sondern auch eigene Ethiken und Konflikte hervorbrachten, die in der Literatur satirisch und ernst verhandelt wurden.
Das Adelsethos stand zwischen Kriegserfahrung und höfischer Selbstdarstellung. Turniere, Kreuzzugserinnerungen und Söldnerdienst prägten die ritterliche Kultur des 14. Jahrhunderts. Der Ritter und sein Junker vertreten diese Welt: idealisierte Tugenden, internationale Horizonte und die Spannung zwischen Ruhm und Realität. Englische Adelsfamilien agierten in Europa, von Kastilien bis Preußen, als Verbündete, Gegner oder Condottieri. Gleichzeitig wuchs das staatliche Gewaltmonopol, und königliche Gunst entschied über Aufstieg oder Sturz. Die Erzählrahmen erlauben, ritterliche Erzählmodelle neben städtischem Witz und bäuerlicher Direktheit zu platzieren und so die Vielstimmigkeit spätmittelalterlicher Werte sichtbar zu machen.
Debatten über Ehe, Autorität und Sexualmoral zirkulierten in Predigtliteratur, Rechtskommentaren und gelehrten Sammlungen. Antifeministische Florilegien standen neben hagiographischen Vorbildern und Alltagserfahrung. Die Figur des Weibes von Bath greift diese Diskurse als Erfahrungswissen auf und konfrontiert gelehrte Tradition mit gelebter Praxis. Fragen nach Eigentum, Mitgift, ehelicher Herrschaft und biblischer Auslegung gehörten zu den Streitpunkten des 14. Jahrhunderts, in dem Witwenrechte, Stadtbürgerinnen und Klosterfrauen unterschiedliche Handlungsspielräume besaßen. Die Sammlung nutzt diese Konfliktlinien, um nicht nur Moral zu predigen, sondern die rhetorische Kraft von Erfahrung, Autorität und Textgelehrtheit gegeneinander auszuspielen.
Chaucer steht an einer Schnittstelle europäischer Literatur. Er kannte französische Romanzen und Lehrtexte, und seine Italienreisen brachten ihn in Berührung mit Werken Dantes, Petrarcas und Boccaccios. Der erzählende Rahmen erinnert an novellistische Sammlungen, doch die Vielfalt der Gattungen ist auffällig: Fabliau, Heiligenvita, Predigt, Tierfabel, Romanze, Mirakel, Morallehre. Sire Thopas parodiert die modische Ritterepik, Melibeus bietet ernsthafte Prosamoral. Diese Gattungsmischung ermöglicht, soziale Rollen zu spiegeln und Erwartungen zu unterlaufen. Indem verschiedene Sprecher ihre Gattung wählen, werden literarische Konventionen selbst zum Gegenstand historischer Beobachtung.
Sprachlich setzt Chaucer auf Mittelenglisch der Londoner Ausprägung und erweitert dessen Möglichkeiten. In einer Zeit, in der Recht und Kirche vornehmlich Latein und Law French nutzten, markiert die literarische Elevation des Englischen einen kulturellen Wandel. Zitate aus Bibel, Autoritäten und lateinische Formeln zeigen jedoch die Mehrsprachigkeit der Gelehrtenwelt. Metrisch dominieren reimende Paare in fünfhebigen Versen, daneben Prosa. Die Auswahl einer Volkssprache für ein groß angelegtes Gesellschaftspanorama förderte langfristig die Standardisierung, auch wenn regionale Varianten lebendig blieben. Die Erzählgemeinschaft dient so als Resonanzraum einer entstehenden literarischen Öffentlichkeit.
Medizin, Astronomie und Alchemie hatten im 14. Jahrhundert hohen Prestigewert. Universitäten lehrten auf Basis antiker und arabischer Autoritäten; Ärzte kombinierten Beobachtung mit Astrologie. Der Doctor der Sammlung verweist auf diese Gelehrsamkeit, während die Erzählung des Dienstmannes vom Kanonikus die Ambivalenzen alchemistischer Versprechen beleuchtet. Techniken, Rezepte und Geheimhaltung bildeten eine Wissenskultur zwischen Labor und Legende. Zugleich spiegeln Diskussionen über Naturphilosophie, Heilkunst und Betrug breitere Fragen nach Sicherheit von Wissen und moralischer Verantwortung. Die Sammlung nutzt diese Themen, um Grenzen zwischen legitimer Kunst und Täuschung zu prüfen, ohne einfache Urteile zu fällen.
Die Überlieferung der Canterbury-Erzählungen ist ein Produkt der Manuskriptkultur. Früh aus dem 15. Jahrhundert sind der Hengwrt- und der prunkvolle Ellesmere-Codex, die Reihenfolge der Texte jedoch variiert. Schreiber, Korrektoren und Buchmaler prägten Form und Lesart; rubrizierte Prologe und Verbindungspassagen erleichterten Aufführung und Lektüre. Das Werk blieb unvollendet, sodass Anordnung und Gruppierung der Pilgerreden redaktionell gestaltet wurden. Diese Fluidität erklärt, warum spätere Ausgaben unterschiedliche Abfolgen bieten und einzelne Prologe – etwa zwischen Müller, Landverwalter und Koch – Dialog- und Rangordnungsfragen betonen. Aufführungsvorstellungen und Lesepraxis sind somit Teil seiner Geschichte.
Mit der Einführung des Buchdrucks in England in den 1470er Jahren erreichte die Sammlung ein neues Publikum. William Caxton druckte die Canterbury-Erzählungen in den späten 1470ern und legte 1483 eine reich illustrierte Ausgabe nach. Druck und Paratexte beeinflussten die Kanonbildung: Prologe, Holzschnitte und Inhaltsordnungen lenkten die Lektüre und stabilisierten eine Textgestalt. Die Verfügbarkeit gedruckter Exemplare machte Chaucer für städtische Leser und Schulen zugänglich und förderte den Ruf des Englischen als Literatursprache. Gleichzeitig blieben Handschriften im Umlauf, was die Vielfalt der Textzeugen und Lesetraditionen im 15. Jahrhundert erhöht.
Frühe Neuzeit und Reformation lasen Chaucer teils als moralischen Warner, teils als Zeugen kirchlicher Missstände. Humanisten sammelten und kommentierten seine Werke, und seine Bestattung in Westminster (1400) wurde 1556 durch ein aufwendiges Grabmal hervorgehoben, das den Nukleus der späteren Poets’ Corner bildete. Übersetzungen und Nacherzählungen brachten einzelne Erzählstoffe in neue Gattungen. Gleichzeitig führten religiöse Konflikte zu selektiver Lektüre: Satiren auf Kleriker konnten reformatorisch gedeutet, marianische oder wunderbezogene Stoffe zurückhaltender behandelt werden. Die Sammlung blieb damit Teil der Aushandlung nationaler Identität und literarischer Tradition.
Im 18. Jahrhundert modernisierten Bearbeiter wie John Dryden und Alexander Pope ausgewählte Erzählungen in zeitgenössischem Vers, während Thomas Tyrwhitt eine einflussreiche kritische Edition vorlegte. Philologische Arbeit klärte Quellen, Metrik und Sprache, doch moralische Normen führten oft zu Kürzungen. Das viktorianische Zeitalter entdeckte Chaucer als nationalen Klassiker, illustrierte Ausgaben popularisierten Figuren wie die Priorin oder das Weib von Bath. Zugleich formten Schulen und Universitäten einen Kanon, in dem die Canterbury-Erzählungen als Muster der Ständesatire und des englischen Erzählverses galten, jedoch häufig in gesitteter Auswahl präsentiert wurden.
Im 20. und 21. Jahrhundert haben historische, feministische, postkoloniale und performative Ansätze das Werk neu gelesen. Forschung zu Handschriften, Dialekten und Aufführungspraxis beleuchtet Entstehung und Zirkulation; Editionsprojekte vergleichen Textzeugen wie Hengwrt und Ellesmere. Interpretationen betonen, wie Prologe – etwa des Ablaßkrämers, der Priorin oder des Nonnenpriesters – Diskurse ihrer Zeit inszenieren: über Ökonomie, Frömmigkeit, Tiere als Gleichnis, Gewalt und Recht. Die Sammlung kommentiert ihre Gegenwart, indem sie Stimmen miteinander kollidieren lässt. Gerade diese Offenheit für Streit und Witz erklärt ihre dauerhafte Aufnahme in Unterricht, Bühne und populäre Kultur.
Der Prolog stellt eine heterogene Pilgergesellschaft und einen Erzählwettstreit auf dem Weg nach Canterbury vor; damit werden Stimmen, soziale Spannungen und die Spielregeln des Ganzen etabliert. Verbindungs-Prologe verschieben Tonlagen, verhandeln Rangstreitigkeiten und moderieren den Übergang zwischen den Beiträgen. Erster und Zweiter Theil ordnen die Folge vom höfischen Roman über derbe Fabliaux bis hin zu Predigt, Heiligenleben und Satire und zeigen die Spannweite der Sammlung.
Ein höfischer Abenteuerroman um rivalisierende Ritter und eine Dame entfaltet Fragen von Ehre, Schicksal und gesellschaftlicher Ordnung. Der Fokus liegt auf ritueller Höfischkeit und kosmischer Fügung, der Ton ist erhaben und ernst.
Im derben Gegenzug zum Ritter verschiebt der Müller die Reihenfolge und liefert eine bäurisch-komische Intrige um Ehebruch, List und sinnliche Begierde. Die Erzählung entzaubert höfische Ideale mit Slapstick und grobem Witz.
Gekränkt vom Müller erzählt der Landverwalter eine spitze Rachegeschichte, in der ein betrügerischer Müller von gewitzten jungen Männern überlistet wird. Der Ton ist scharf und gehässig, der soziale Wettstreit zwischen Ständen deutlich spürbar.
Der Koch bietet eine erdige, städtische Episode um einen ausgelassenen Lehrling und zwielichtige Wirtsmilieus. Die Erzählung bleibt fragmentarisch und wirkt wie ein rauer Schnappschuss aus dem Londoner Alltag.
Nach einem programmatischen Auftakt präsentiert der Rechtsgelehrte die fromme Leidensgeschichte einer Frau, deren Beständigkeit widrigste Prüfungen übersteht. Der Ton ist belehrend und providenzial, mit Augenmerk auf Recht, Ordnung und göttliche Fügung.
Der Schiffer erzählt eine zupackende Stadterzählung über Geld, Sexualität und gegenseitiges Übervorteilen zwischen Kaufmann, Frau und Geistlichem. Der Ton ist nüchtern-pragmatisch und skeptisch gegenüber moralischen Fassaden.
Eine Mirakelgeschichte stellt kindliche Unschuld und intensive Marienfrömmigkeit in den Mittelpunkt, zugespitzt durch religiös motivierte Gewalt. Der Ton ist pathetisch und feierlich und zeigt die Ambivalenz glühender Frömmigkeit.
Chaucers Figur wechselt zwischen einer parodistischen Ritterromanze in klingendem Reim und einer prosaischen Moralerzählung über Klugheit, Rat und Versöhnung. Zusammen spiegeln beide Stücke das Spiel mit Gattungen und die Frage, ob Unterhaltung, Belehrung oder Selbstreflexion des Autors im Vordergrund steht.
In einer Kette kurzer Tragödien listet der Mönch Stürze großer Persönlichkeiten als warnende Beispiele gegen die Launen der Fortuna auf. Der Ton ist unerbittlich, repetitiv und moralisch streng.
Als Tierfabel über einen eitlen Hahn und einen listigen Fuchs verhandelt die Erzählung Traumdeutung, Rhetorik und die Macht der Schmeichelei. Der Ton ist witzig, gelehrt und verspielt-didaktisch.
In einem ausführlichen Prolog plädiert das Weib von Bath mit persönlicher Erfahrung für weibliche Souveränität in der Ehe. Die anschließende Artus-Erzählung führt diese Frage märchenhaft aus; der Ton ist selbstbewusst, komisch und argumentativ.
Der Bettelmönch bietet ein scharfes Exemplum gegen Habgier und zeichnet einen Amtsgegner als korrupt und lächerlich. Der Ton ist polemisch und zügig, als Teil einer fortlaufenden Fehde inszeniert.
Der Büttel kontert mit einer derben Satire auf Bettelmönche, in der Heuchelei und Übergriffigkeit grotesk verspottet werden. Der Ton ist drastisch, rachsüchtig und burlesk.
Die Geschichte von der geduldigen Griselda verhandelt Gehorsam, Leidensfähigkeit und die Grenzen ehelicher Macht. Der Ton ist nüchtern und prüfend und lädt eher zur moralischen Debatte als zur gefühligen Identifikation ein.
Eine bitter-ironische Ehegeschichte zeigt, wie Begehren, Alter und Selbsttäuschung einander ausspielen. Der Ton ist spöttisch und illusionslos, mit kunstvoller Dramaturgie und erzählerischen Volten.
Der Junker beginnt eine höfische, exotische Abenteuererzählung voller Magie, sprechender Tiere und höfischer Gaben, die sich in Nebenstränge verliert. Der Ton ist prunkvoll und jugendlich und kontrastiert die Strenge ernster Exempla.
Ein bretonischer Lai über Versprechen, Ehre und Großmut stellt die Wahrhaftigkeit zwischen Ehepartnern und einem Verehrer auf die Probe. Der Ton ist höflich und versöhnlich, mit Augenmerk auf Größe durch Freigebigkeit.
Eine knappe, tragische Moralgeschichte um Unschuld, richterliche Korruption und drastische Konsequenzen entfaltet sich unerbittlich. Der Ton ist ernst und beispielhaft, mit nüchternem Blick auf menschliche Fehlbarkeit.
Im Prolog enthüllt der Ablaßkrämer kühl seine eigene Heuchelei, bevor er eine makabre Exemplum-Erzählung über die zerstörerische Gier vorträgt. Der Ton schwankt zwischen schaudernder Moralwirkung und kalkulierter Selbstentlarvung.
Das Leben der heiligen Cäcilia erscheint als konsequent-fromme Standhaftigkeitsgeschichte, die weltliche Macht relativiert. Der Ton ist erbauend und hagiographisch, mit Wundermotiven und asketischer Entschlossenheit.
Der Dienstmann berichtet aus Insiderperspektive über Verlockungen und Täuschungen der Alchemie und zeichnet den Weg von Faszination zu Desillusion nach. Der Ton ist bekennend, aufklärerisch und satirisch gegen Scharlatanerie.
In einer fabelhaften Geschichte von Apollon und einer geschwätzigen Krähe warnt der Tafelmeister vor unbedachter Rede und Klatsch. Der Ton ist beweglich und lehrhaft, mit Blick auf soziale Klugheit und Selbstdiziplin.
Der Pfarrer schließt mit einer Prosapredigt über Buße, Sünde und Besserung, die das Pilgerunternehmen geistlich rahmt. Der Ton ist doktrinär und ernst und setzt statt Erzählspaß auf katechetische Systematik und Abschluss.
Die Sammlung bietet ein soziales Panorama, das durch starke Gattungsvielfalt strukturiert ist: vom erhabenen Roman über derbe Fabliaux bis zu Hagiographie, Satire und Predigt. Die Rahmenhandlung nutzt Rivalitäten, Rangfragen und Zwischenreden, um Stimmenvielfalt und Tonwechsel organisch zu verknüpfen.
Zentrale Spannungen drehen sich um Erfahrung versus Autorität, Fortuna versus Vorsehung, Ehe, Begehren und wirtschaftliche Interessen sowie um die Macht der Sprache (Schmeichelei, Gerüchte, Predigt). Stets schwankt das Werk produktiv zwischen Unterhaltung und moralischer Belehrung und reflektiert dabei seine eigene Erzählpraxis.
Vers 1–860.
Wenn milder Regen, den April uns schenkt[1q], Des Märzes Dürre bis zur Wurzel tränkt, In alle Poren süßen Saft ergießt, Durch dessen Wunderkraft die Blume sprießt; Wenn, durch des Zephyrs süßen Hauch geweckt, Sich Wald und Feld mit zartem Grün bedeckt; Wenn in dem Widder halb den Lauf vollzogen, Die junge Sonne hat am Himmelsbogen; Wenn Melodieen kleine Vögel singen, Die offnen Augs die ganze Nacht verbringen, Weil sie Natur so übermüthig macht: – Dann ist auf Wallfahrt Jedermann bedacht, Und Pilger ziehn nach manchem fremden Strande Zu fernen Heil'gen, die berühmt im Lande; In England aber scheint von allen Enden Nach Canterbury sich ihr Zug zu wenden, Dem heil'gen Hülfespender aller Kranken, Dem segensvollen Märtyrer zu danken.
Zu dieser Zeit geschah's, als einen Tag Zu Southwark ich im Tabard rastend lag – Bereit mit andachtsvollem, frommem Sinn Zur Pilgerfahrt nach Canterbury hin – Daß Abends langte dort im Gasthof an Wohl eine Schaar von neunundzwanzig Mann Verschiednen Volkes, das durch Zufalls Spiel Zusammenwarf das gleiche Wallfahrtsziel; Nach Canterbury reiten wollten Alle.
Raum gab's genug im Hause wie im Stalle Und Jeder fand sein gutes Unterkommen.
Und kurz, als kaum die Sonne war verglommen, Hatt' ich gesprochen schon mit Jedermann Und zur Genossenschaft zählt' ich fortan. Früh galt es aufzustehn, um mit den Andern Des Weges zum besagten Ziel zu wandern.
Indessen, da mir Zeit und Raum nicht fehlt, Und eh' der weitere Verlauf erzählt, So denk' ich, daß es der Vernunft entspricht, Wenn ich zunächst beginne den Bericht, Wer sie und was sie waren und, soweit Ich solches sehen konnte, wie das Kleid Und was der Rang und Stand war eines Jeden. Und drum vom Ritter will zuerst ich reden.
Es war ein Ritter da, ein würd'ger Mann, Der, seit den ersten Kriegsritt er begann, Von Herzen liebte Ritterthum und Streit Und Freimuth, Ehre, Wahrheit, Höflichkeit, Und tapfer focht im Dienste seines Herrn. Geritten war wohl Keiner je so fern Wie er in Christenland und Heidenthum, Und überall gewann er Preis und Ruhm.
Bei der Erobrung Alexandrias War er zugegen. Oft bei Tafel saß Vor allem Volk er obenan in Preußen; Gereist, wie er, bei Letten und bei Reussen War kaum ein Christenmensch von seinem Stand. Er war in Granada, als man berannt Dort Algesir. Er ritt nach Belmarie Und focht vor Layas und vor Satalie, Als man sie einnahm; und im großen Meere Bestand er manche Waffenthat mit Ehre. In funfzehn blut'gen Schlachten focht der Ritter, Bei Tramissene für den Glauben stritt er In drei Turnieren und erschlug den Feind; Wie mit Palathias Herrscher auch vereint Der tapfre Ritter manchen Kampf bestand Mit andern Heiden aus dem Türkenland. Den höchsten Preis gewann er immerdar; Und ob so würdig er, wie weise, war, Betrug er sich doch sanft wie eine Maid. Er sagte nimmer eine Schlechtigkeit Zu irgend wem in seinem ganzen Leben. Er war ein durchaus edler Ritter eben.
Um auch von seinem Anzug zu berichten: Gut sah sein Pferd aus, doch er selbst mit Nichten. Sein Wappenrock war nur von Barchenttuch Und durch den Harnisch schmutzbedeckt genug; Denn eben von der Reise heimgekommen Hatt' er sofort die Wallfahrt unternommen.
Sein Junker Sohn zog mit ihm als Begleiter, Ein lust'ger Bursche, so verliebt, wie heiter. Von krausen Locken war sein Haupt umwallt, Und zwanzig Jahre war er – denk' ich – alt. Sein Körper war vom reinsten Ebenmaß. Viel Stärke, viel Gewandtheit er besaß. Auf Ritterfahrt zog mehrfach er schon früh Nach Artois, Flandern und der Picardie, Und hielt sich brav im kurzen Kampf. Sein Sinnen War seiner Dame Gunst sich zu gewinnen.
Wie eine Wiese, wo zur Frühlingszeit Sich roth und weiß an Blume Blume reiht, War er geschmückt, und, heiter wie der Mai, Sang er und pfiff den ganzen Tag dabei. Sein Rock war kurz, die Aermel weit und lang, Kein bessrer Reiter auf ein Roß sich schwang; Gewandt war er in schriftlichen Berichten, Im Zielen, Zeichnen, Tanzen, Liederdichten; Und liebesbrünstig hatte manche Nacht Er schlaflos wie die Nachtigall durchwacht. Dienstwillig war er, höflich und bescheiden; Am Herrentisch durft' er den Braten schneiden.
Nur einen Knappen nahm auf seinen Ritt Zur Zeit nach Neigung er an Dienern mit. Sein Rock und Hut bestand aus grünem Tuch, Und in dem Gurt er einen Köcher trug Voll Pfauenfeder-Pfeilen. Sicher nahm Er stets sein Ziel, so daß kein Bolzen kam Mit seinem Federend' voran geflogen. In Händen hielt er einen mächt'gen Bogen; Nußköpfig war er und sehr braun gebrannt, Und Eisenschienen schützten Arm und Hand. In jeder Jagdkunst war er wohl bewährt; Auf einer Seite trug er Schild und Schwert, Und auf der andern einen Dolch von Schliff Scharf wie ein Speer und wohlverziert am Griff. Ein Silber-Christoph schmückt' die Brust ihm vorn, An grüner Banderolle hing sein Horn. Ein Förster war er – trügt mich nicht mein Sinn.
Da war auch eine Nonnen-Priorin, Scheu lächelnd und von schüchterner Natur. »Bei St. Eligius!« war ihr stärkster Schwur, Und Madam Eglantine war ihr Name. Gar lieblich durch die Nase sang die Dame Beim Gottesdienst. Französisch sprach sie so Gewandt, wie immer Stratfort-atte-Bow Es lehren kann; jedoch sie wußte nicht, Wie in Paris man das Französisch spricht. Beim Essen war besonders sie beflissen Der größten Sauberkeit, und jeden Bissen Führte sie so zu Mund, daß ihren Lippen Kein Stück entfiel. Die Finger einzustippen In ihre Brühe, fiel ihr niemals ein. Die Oberlippe wischte sie so rein, Daß in dem Becher nie von Fett die Spur, Und zu verschütten einen Tropfen nur Von ihrem Trunke war sie zu manierlich; Und nach der Mahlzeit rülpste sie höchst zierlich; Gewiß, sie war von liebenswürd'ger Güte, Gefäll'gem Sinn und heiterem Gemüthe. Viel Mühe gab sie sich, zu imitiren Den Hofton, und durch stattliche Manieren Als würdevoll zu gelten und geachtet. Doch ihre Seele sei nunmehr betrachtet: Mitleid und Güte sie so sehr vereinte, Daß sie beim Anblick eines Mäuschens weinte, Lag's in der Falle blutend oder todt. Wenn von den Hündchen, die mit Semmelbrod Und Bratenfleisch und süßer Milch sie nährte, Eines verreckt war, oder mit der Gerte Geschlagen wurde, weinte sie vor Schmerz. So voller Zartgefühl war sie und Herz.
Stets steckte sie ihr Busentuch genau; Lang war die Nase; ihre Augen grau. Ihr Mund war schmal mit einem Lippenpaar Von sanftem Roth. Die schöne Stirne war Der Breite nach wohl eine Spanne lang, Und sicher, stattlich war ihr Wuchs und schlank.
Ihr Mantel – sah ich – stand ihr schmuck genug; Zwei Schnüre von Korallenperlen trug Sie an den Armen, grün mit Schmelz verziert Und goldnem Medaillon, auf dem gravirt Zu lesen stand: erst ein gekröntes A Und drunter: »Amor vincit omnia!«
Mit ihrem Priester reiste sie und mit Ihrer Caplanin-Nonne zu selbstdritt.
Ein Mönch war da, ein würdiger Kumpan, Ein großer Jäger und ein Reitersmann, Ein ganzer Kerl, gemacht, um Abt zu werden. Gar wohl versehen war sein Stall mit Pferden; Saß er zu Rosse, wenn es windig war, So klirrten seine Zügel hell und klar, Als läutete die Glocke zur Kapelle, Woselbst der Herr Bewohner einer Zelle.
Die Regeln von St. Maur und Benedict Hielt dieser Mönch für reichlich all und strict; Weßhalb er sich mit ihnen nicht befaßte, Und seinen Schritt der neuen Welt anpaßte.
Kein Hühnerbein gab er für die Maxime, Daß Jägerei der Geistlichkeit nicht zieme, Und was dem Fisch das nasse Element, Sei für den Mönch die Regel im Convent, Das heißt: in seinem Kloster sei sein Platz. Doch keine Auster gab er für den Satz. Und ich kann ihm die Ansicht nicht verübeln. Was? sollt' er etwa denn verrückt sich grübeln, In seinem Kloster über Büchern sitzen, Gar bei der Arbeit seiner Hände schwitzen, Wie Augustin befiehlt? – Die Welt muß treiben Und Augustin mag bei der Arbeit bleiben!
Darum gebraucht' er seine Sporen tüchtig; Windhunde hielt er, wie die Vögel flüchtig; Das Reiten war ihm und das Hasenhetzen Das nie zu theure, liebste Hochergötzen.
Die Aermel – sah ich – hatt' er an der Hand Verbrämt mit feinstem Pelzwerk aus dem Land, Seine Kapuze schloß er unterm Kinne Mit einer wunderlichen, goldnen Pinne, An der als Knopf ein Liebesknoten saß.
Rund war sein Schädel und so blank wie Glas, Und fettig glänzten seine Wangen auch; Ein feister Herr war er und stark von Bauch. Sein rollend Augenpaar lag tief im Hirne, Und wie ein Kessel dampfte sein Stirne.
Die Stiefel waren weich, und herrlich glänzte Sein Roß. Kein angstgequältes, bleich Gespenste Konnt nennen man den trefflichen Prälaten; Ein fetter Schwan war ihm der liebste Braten, Und brombeerfarben sah sein Leibroß aus.
Ein Bettelmönch, ein liederliches Haus, War gleichfalls da. Es stand der würd'ge Mann In den vier Orden Jedem weit voran, Was Scherz betraf und schöne Redensart.
Auf eigne Kosten war von ihm gepaart Wohl manches junge Weibsbild schon geworden, Und eine Zierde war er für den Orden.
Gar wohl beliebt und sehr genau bekannt War bei den Gutsbesitzern auf dem Land Und würd'gen Frauenzimmern in der Stadt er; Denn mehr Gewalt in seiner Beichte hatt' er – So sprach er selbst – als ein Vicarius hat. Von seinem Orden war er Licentiat. Gemüthlich war bei ihm die Confession, Und angenehm gab er Absolution. Leicht war die Buße, die er zudictirte, Vorausgesetzt, daß man ihn reichlich schmierte. Denn Geld zu geben einem armen Orden, Beweist, daß gründlich abgebeichtet worden. Drum, gab man ihm, so durft' er auch verkünden, Er wisse, man bereue seine Sünden. Denn mancher Mann ist also hart von Herzen, Daß er nicht weinen kann bei seinen Schmerzen. Drum laßt das Beten und die Heulerei, Und Silber gebt der armen Klerisei!
Messer und Nadeln trug er stets zum Putze Für schöne Frau'n im Zipfel der Kapuze; Und, wahrlich, lustig seine Stimme klang; Auch spielte schön die Leier er und sang; Im Liebeslied gewann er stets den Preis.
Sein Hals war wie die fleur de lis so weiß. Dazu war er ein starker Pokulante, Der in den Städten jedes Wirthshaus kannte; Mehr lag der Zapfer und die Kellnerin Als Kranke oder Bettler ihm im Sinn.
Für solchen würd'gen Mann schien's zu gemein Und gänzlich unter seinem Stand zu sein, Mit so aussätz'gem Volk sich zu beschmutzen; Denn das bringt wenig Ehre, wenig Nutzen. Statt mit Gesindel pflegt man angenehmern Verkehr mit reichen Leuten und mit Krämern.
Doch wenn es Vortheil brachte, so war keiner Je dienstbefliss'ner oder tugendreiner Und höflicher als er. In dem Convente War er der beste Bettler. Eine Rente Zahlt er dem Kloster für das Privileg, Daß ihm kein Bruder käm' in sein Geheg'; Und hörte seinem »In principio« zu Die ärmste Wittwe mit nur einem Schuh, So war gewiß ihr letzter Heller sein; Und mehr als seinen Pachtzins heimst' er ein.
Oft war er wie ein wildes Raubthier wüthig, Oftmals an Friedenstagen half er gütig; Nicht, wie beim Klausner und Scholasten, schäbig War seine Kleidung; ebenso behäbig Im Anzug war er, wie ein Papst und Meister; In doppelt-wollener Kapuze reist' er, Die wie die neugegossne Glocke rund; Und liebeslüstern lispelte sein Mund, Damit sein Englisch süß und zierlich klänge. Beim Harfenspiel am Schlusse der Gesänge Pflegten im Kopf die Augen ihm zu funkeln, Wie Sterne bei der Winterszeit im Dunkeln.
Des Bettelmönches Name war Hubert. –
Ein gabelbärt'ger Kaufmann, hoch zu Pferd, War gleichfalls da. Er trug sich buntgescheckt, Den Kopf mit einem Biberhut bedeckt Aus Flandern; seine Stiefel paßten prächtig; Und, was er sprach, klang ernsthaft und bedächtig. Auf Geldverdienst war immerdar bedacht er Und wünschte nur, daß etwas unbewachter Die See von Middelburg bis Orewell sei. Mit wälschen Thalern trieb er Wechselei.
Der würd'ge Mann war klug und voll Verstand, Und Niemand wußte, wie sein Schuldbuch stand. Er paßte scharf in seinem Handel auf, Beim Abschluß von Verträgen, wie beim Kauf. Für einen Ehrenmann galt er bei Allen, Doch leider ist sein Name mir entfallen.
Es war noch ferner ein Gelehrter dort, Der Logik lang' studirt in Oxenford. Er ritt auf einer klapperdürren Mähre, Und auch er selbst war nicht sehr fett – auf Ehre! – Hohläugig war er, doch voll Nüchternheit, Und fadenscheinig war sein Oberkleid.
Nicht weltlich von Gesinnung, hatt' er drum Auch weder Amt noch Beneficium. Mehr liebt er zwanzig Bücher überm Bette, In schönem Einband auf dem Bücherbrette, Von Aristoteles Philosophei, Als Kleiderpracht, Musik und Fidelei. Jedoch ein so gelehrter Philosoph er, Hatt' er nur wenig Gold in seinem Koffer, Da Alles, was von Freunden ihm gespendet, Zum Studium er und Bücherkauf verwendet. Doch unermüdlich pflegt' er Gott zu bitten Für die, so sein Scholastenthum bestritten. In seinen Studien sorgsam und verständig, Sprach er kein Wort mehr, als durchaus nothwendig. Kurz und bestimmt, jedoch gewählt zugleich War seine Rede und gedankenreich, Und stets kam die Moral dabei zu Ehren. Er lernte gern, und gerne mocht' er lehren,
Ein weiser und gelehrter Justitiar, Der schon auf manchem Rechtsparkette war, Ritt gleichfalls mit. Bei aller Trefflichkeit War er voll Rücksicht und Bescheidenheit, Wie seine weisen Worte dies bewiesen. Oft war er schon zum Richter der Assisen Durch Vollmacht oder Commission ernannt. Bei seinem Wissen, seinem Ruf verstand Er auf den Gelderwerb sich unvergleichlich, Und Kleider, wie Gebühren hatt' er reichlich. Als simple Spesen strich er Alles ein, Von dem Verdacht der Käuflichkeit ganz rein.
Er hatte viel zu thun, und schien sogar Geschäftiger, als er beschäftigt war; Und alle Rechtsentscheidungen und Fälle Seit König Will citirt' er auf der Stelle. Im Actenschreiben war er so präcis, Daß sich nicht drehn daran noch deuteln ließ. Ein jegliches Statut war ihm bekannt. Ein schmalgestreifter Seidengurt umwand Sein Kleid, das bunt gescheckt war, doch höchst schlicht, Und mehr erzähl' ich von dem Anzug nicht.
Ein Gutsherr zählte ferner zu dem Kreis. Sein Bart war wie die Gänseblumen weiß, Von Ansehn war sanguinisch er und roth; Gern trank er Wein zu seinem Morgenbrod. Sein Leben zu genießen, dacht' er nur, Ganz wie ein ächter Sohn vom Epikur, Nach dessen Meinung eben im Vergnügen Des Lebens höchste Seligkeiten liegen. Groß war sein Haushalt, und an Gastlichkeit Galt als ein St. Julian er weit und breit. Nach ein Uhr nahm er Brod und Bier erst ein, Und Niemand war so wohlversehn mit Wein. Es ging an Fisch und Fleisch in seinem Haus Wie an Gebäck der Vorrath niemals aus. An Speise, Trank und allen Leckereien, Die zu erdenken, schien es nur zu schneien. Verschieden und der Jahrszeit angemessen War stets sein Braten und sein Abendessen. Manch fettes Rebhuhn hielt im Bauer er, An Hecht und Bars war nie sein Kasten leer, Weh' seinem Koche! wenn die Brühe nicht Scharf und pikant und schmackhaft das Gericht. Gedeckt vom Morgen bis zum Abend stand Stets sein Credenztisch an der Hallenwand. In den Sessionen war er Präsident, Grafschafts-Vertreter oft im Parlament. An seinem Gürtel, weiß wie Milch am Morgen, Hing Dolch und Seidenbörse wohl geborgen; Auch war, als würd'ger Freisaß rings bekannt, Zum Obmann er und Scherif oft ernannt.
Ein Weber, Tapezirer, Zimmermann, Ein Färber und ein Krämer kamen dann. Bei ihnen, wies die Gildetracht es klar, Daß hochansehnlich Aller Innung war. Der Spieße Spitzen waren blank polirt; Mit reinstem Silber waren rings verziert Die Gürtel sammt den Taschen, die dran hingen, Und auch von Blech nicht ihre Messerklingen. Behäb'ge Bürger schienen sie, und Alle Des Thrones werth in ihrer Gildehalle; Und dem Verstande nach war Jedermann Befähigt sicherlich zum Aldermann; Und ihre Weiber liebten es zu zeigen, Daß reichlich Gut und Renten Jedem eigen; Sonst müßte man sie ernstlich darob schelten; So schön es sein mag, als »Madam« zu gelten, Und wenn zu den Vigilien man voran Im reichen Mantel fürstlich gehen kann.
Sie ließen sich von einem Koch begleiten, Die Mark- und Hühnersuppen zu bereiten Nebst Poudremarchant, Galingale und Torten. Vom Bier in London kannt' er alle Sorten. Er schmorte, briet, sott, röstete höchst lecker, Er war Mortreusen- und Pastetenbäcker. Indeß entstellte – denk' ich – ihn fatal An seinem Kinn ein großes Muttermal. Auf Blancmanger verstand er sich am besten.
Auch war ein Schiffer da, ganz aus dem Westen; Soviel ich weiß, war er von Dertmouth her. Auf einem magern Klepper ritt er sehr Beschwerlich nur. Bis an die Kniee ging Sein Faltenrock, und unterm Arme hing Sein Dolch, gehalten durch ein Schulterband, Und von der Sonne war er braun gebrannt. Er war gewiß ein wackerer Kumpan, Der von Bordeaux-wärts manchen Schluck gethan, Sobald der Supercargo lag im Schlummer; Und sein Gewissen schuf ihm wenig Kummer. Wenn er im Streit den Gegner überwand, So sandt' er ihn durchs Wasser an das Land; Doch wußte zu berechnen er die Fluthen Und Mond- und Sonnenhöhe. Solchen guten Lotsen, wie ihn, bei Strömung und am Strand Man von Karthago bis nach Hull nicht fand. Er war – auf Ehre! – so beherzt, wie klug Und seinen Bart durchzauste Sturm genug. Von Gothland bis zum Finisterra Cap War ihm jedwede Bucht, die es nur gab, Im Spanier- und Bretagnerland bekannt, Und »Magdalene« ward sein Schiff genannt.
Ein Arzt war da, Doctor der Medicin; In aller Welt gab's Keinen je, wie ihn, Was die Arznei betrifft und Chirurgie. Er kannte gründlich die Astronomie, Und manche Lebensstunden konnten danken Seiner natürlichen Magie die Kranken. Auch konnte durch Constellation von Sternen Er der Patienten Ascendenten lernen. Er wußte, wo der Grund der Krankheit sitze, Ob sie durch Dürre, Nässe, Kälte, Hitze Entstanden sei und in das Blut gekommen; Als Praktiker war er durchaus vollkommen. Sobald der Krankheit Wurzel er erkannt, War er sofort mit Mitteln bei der Hand. Die Apotheker sandten für die Curen Ihm willig die Latwergen und Mixturen; Denn neu war nicht die Freundschaft zwischen ihnen; Der eine gab dem andern zu verdienen.
Er kannte gründlich Dioscorides, Den alten Aesculap, Hippokrates, Und Rufus, Hali, Rasis, Avicen, Galen, Serapion und Damascen, Den Averhoës und den Konstantin Nebst Bernhard, Gatisden und Gilbertin. In der Diät hielt er aufs rechte Maß, Den Ueberfluß vermied er, doch besaß Stets seine Nahrung Kraft und war verdaulich.
Das Bibelstudium schien ihm nicht erbaulich. Er ritt in einem roth und blauen Kleide, Mit Taffetas gefüttert und mit Seide. Doch war er kein Verschwender, und hielt fest, Was er gewonnen hatte bei der Pest. Herzstärkende Arznei ist Gold, und drum Liebte das Gold er als Specificum.
Ein gutes Weib aus Bath zog ferner mit; Doch schade war, daß am Gehör sie litt. Im Tücherweben man wohl keine Hand In Gent und Ypern je geschickter fand. Kein Weib im ganzen Kirchspiel durfte wagen Den Vortritt ihr beim Opfern zu versagen, Denn ihre Liebe war in diesem Falle Sofort dahin vor lauter Gift und Galle. Vom feinsten Stoff trug einen Schleierbund Sie Sonntags auf dem Kopfe, der ein Pfund Und selbst darüber wog, bei meiner Treu!
Die scharlachrothen Strümpfe waren neu, Und glänzten frisch und saßen eng und gut. Kühn von Gesicht und schön wie Milch und Blut, War sie ein wackres Weib, das ihrer Zeit Fünf Männer an der Kirchenthür gefreit, – Die Jugendfreunde dabei ungezählt, Die zu erwähnen der Beruf mir fehlt. – Hin nach Jerusalem zum heil'gen Land War dreimal sie gepilgert. Auch bekannt War ihr Santiago in Galizia, Rom, Boulogne, Köln und mancher fremde Strom; Und auf der Wandrung lernte sie nicht wenig. Doch, leider Gottes, war sie ziegenzähnig. Auf ihrem reichgeschirrten Zelter ruhte Sie höchst bequem, bedeckt mit einem Hute Wie eine Tartsche, wie ein Schild so groß, Und ihre weiten Hüften rings umschloß Ein Ueberwurf. Die Sporen waren spitzig, Und in Gesellschaft war sie scharf und witzig. Viel Liebesmittel waren ihr bekannt, Den alten Tanz sie kunstgerecht verstand.
Es kam ein Pfarrer aus der Stadt sodann, Ein gottesfürcht'ger und gelehrter Mann, Zwar arm nur, doch an heiligen Gedanken Und guten Werken reich; und ohne Wanken Hielt er an Christi Wort und bracht's zu Ehren In der Gemeinde durch sein treues Lehren.
Die Güte selbst war er und hülfsbereit Und voll Geduld in Widerwärtigkeit, Wie er gezeigt in manchen schweren Proben. Beim Zehntensammeln pflegt' er nicht zu toben. Er hätte lieber – ohne alle Frage – Vom Opfergeld und Naturalertrage Den Armen seines Kirchspiels abgegeben; Denn er bedurfte wenig nur zum Leben. Groß war sein Sprengel und weit abgelegen Die Häuser! aber Donner nicht noch Regen Hielt ihn zurück. Rief Krankheit oder Leid, So waren Haus und Hütte nie zu weit Für seine Füße und für seinen Stab. Das beste Beispiel er den Schafen gab, Da er sein Wort stets durch die That bewährte, Wie ihn sein heilig Evangelium lehrte. Er führte häufig auch das Gleichniß an: Will Gold schon rosten, was thut Eisen dann? Denn ist ein Priester, dem wir traun, nicht rein So ist's kein Wunder, daß voll Rost die Lai'n; Und Schmach den Priestern, die sich sagen müssen: Rein sind die Schafe, doch ihr Hirt beschissen! Ein Priester sollte für der Heerde Leben Durch eigne Reinheit stets das Beispiel geben.
Daß er die Pfarre Miethern überwies, Im Sumpfe seine Schafe stecken ließ, Damit in London etwa als ein fauler Chorherr im Dome lebe von St. Paul er, Und Mitglied einer Brüderschaft gar werde, Fiel ihm nicht ein. Er weidete die Heerde Mit eigner Hand, daß sie kein Wolf beirrte; Er war kein Miethling – nein, ein guter Hirte. Obschon ein tugendhaft'ger, heil'ger Mann, Nahm er sich freundlich doch der Sünder an, Er predigte nicht pomphaft, noch vulgär, Nein, liebereich und anstandsvoll vielmehr. Das Volk durch Güte himmelwärts zu ziehn Und eignes Beispiel war sein stetes Müh'n. Doch wenn sich Jemand sündlich widersetzte – War er im Rang der erste oder letzte – So kanzelt' er ihn ganz gehörig ab. Der beste Priester war er, den es gab, Der nicht nach Pomp und äußer'n Ehren geizte, Sich nie in süßem Selbstbewußtsein spreizte, Doch Christi und der Jünger Wort so ehrte, Daß er es erst befolgte und dann lehrte.
Ein Ackersmann war da, des Pfarrers Bruder, Von Dünger lud er manches liebe Fuder, Ein treuer Quäler, voller Herzensgüte, Mildthätigkeit und friedlichem Gemüthe. Er liebte Gott von seinem ganzen Herzen Und alle Zeit, in Freuden wie in Schmerzen, Und seinen Nächsten wie sich selbst. Bereit, Zu graben, pflügen, dreschen jeder Zeit, War er für jeden Armen, alle Schwache Ganz unentgeltlich, nur für Christi Sache. Er zahlte stets zur rechten Zeit die Heuer An Vieh und Korn und Früchten in der Scheuer. Auf einer Stute ritt er und im Kittel.
Ein Ablaßkrämer, Tafelmeister, Büttel, Ein Müller, ein Verwalter kamen dann; Zum Schluß ich selber, als der letzte Mann.
Der Müller war ein derber Kerl und stark An Muskeln und an Knochen voller Mark. Davon gab jeder Ringkampf den Beweis, Denn stets gewann den Hammel er als Preis. Mit seinem Kopf durchstieß er jedes Thor Und hob es aus den Angeln rasch empor. Stark in den Schultern war er, knorrig, knuppig; Breit wie ein Grabscheit, schweinemäßig struppig Und fuchsroth war sein Bart; und im Besitze Von einer Warze war die Nasenspitze; Ein Büschel Haare wuchs daraus empor, Wie gelbe Borsten aus dem Schweineohr. Groß war der schwarzen Nasenlöcher Weite; Ein Schwert nebst Schild trug er an seiner Seite; Von Umfang wie ein Ofen war sein Mund. Ein Goliarde war er, Prahlhans und Ein Zotenreißer, stahl vom Korn und maß Den Mahlsatz dreifach; aber er besaß Dabei – Pardi! – den goldnen Müllerfinger. In weißem Rock und blauer Mütze ging er. Schön pfiff er Dudelsack und blies darauf Uns aus der Stadt auf unsrer Reise Lauf.
Der Tafelmeister, der in einem Tempel Den Tisch versah, war Käufern ein Exempel, Wie beim Verproviantiren zu verfahren. Ob stückweis, ob im Ramsch er seine Waaren Erstehen mochte, er verstand die Sachen So einzurichten, rasch sein Glück zu machen. Nun, ist das nicht die schönste Gottesgabe, Daß solch' geringer Mann mehr Weisheit habe, Als wie ein Haufen hochgelehrter Geister? Wohl mehr als dreißig Herr'n am Tische speist er, Und im Gesetz erfahren waren alle. Ein Dutzend gab es sicher in der Halle, Die wohl befähigt waren, Gut und Land Von jedem Lord im ganzen Engeland Genau und ohne Schulden zu verwalten – Indessen selbstverständlich vorbehalten, Wenn er ein Filz war oder geistesschwach. – Woran es in der Grafschaft auch gebrach, An ihrem Rath gebrach's in keinem Falle; – Doch hielt zu Narr'n der Tafelmeister Alle.
Der glatt rasirte Landverwalter war Sehr mager und cholerisch, und sein Haar Trug wie ein Priester er ganz kurz geschoren Vorn an der Stirn und hinter beiden Ohren. Sehr lang und mager waren seine Beine, Gleich einem Stock, und Waden hatt' er keine. Ordnung hielt er in Scheunen und in Ställen; An seiner Rechnung etwas auszustellen Fand kein Revisor; und er schätzte leicht Den Saatertrag, ob's trocken oder feucht. Von Milchhaus, Fischteich und des Herren Heerden, Vorräthen, Schweinen, Federvieh und Pferden War dieser Mann ganz unumschränkt Verwalter, Seit sein Gebieter zwanzig Jahr an Alter. Er legte Rechnung an bestimmten Tagen, Und über Rückstand konnte Niemand klagen. Kein Vogt, kein Knecht, kein Hirt war ihm zu schlau; Denn ihre Schliche kannt' er so genau, Daß sie vor ihm mehr Furcht und Bangen hatten Als vor dem Tod. – In grüner Bäume Schatten Stand seine schöne Wohnung auf dem Felde. Er speculirte besser mit dem Gelde, Als sein Gebieter; denn in Heimlichkeit Gewann er viel. Doch war er schlau bereit, Davon auf Borg an seinen Herrn zu geben, Und hatte Dank und Rock und Hut daneben.
Er fing als Jüngling mit dem Handwerk an, Und galt als guter, tücht'ger Zimmermann.
Der Hengst, auf dem er saß, war schön von Bau, Sein Name Scott, die Farbe apfelgrau. Sein blauer Rock weit über's Knie ihm ging, Ein rostig Schwert an seiner Seite hing. Er war aus Norfolk her und zwar vom Land Nah' einer Stadt, die Baldeswell genannt, Und aufgeschürzt ganz wie ein Klostermann, Ritt er stets auf der Reise hintenan.
Mit feuerrothem Cherubim-Gesicht, Schmaläugig, finnig und mit Pusteln dicht Besä't, war noch ein Büttel mit am Platz, Und geil und lüstern war er, wie ein Spatz. Mit grind'gem Bart und räud'gen Augenbrauen, War sein Gesicht der Kinder Furcht und Grauen.
Quecksilber, Schwefel, Borax schlugen fehl, Ihm half nicht Bleiweiß, Glätte, Weinsteinöl, Und mochten Salben noch so beißend sein, Ihn konnte von dem Grinde nichts befrein Und von den Knubben, die er im Gesicht. Knoblauch und Zwiebeln war sein Leibgericht, Sein Lieblingstrank blutrother, starker Wein; Und wie verrückt, zu schwätzen und zu schrein Begann er dann, und wollte, wenn beim Zechen Er sich betrunken, nur Lateinisch sprechen. Er lernte – und kein Wunder war's – auswendig Zwei bis drei Redensarten, die beständig Er in Decreten angewendet fand. – Denn schwatzen kann, wie männiglich bekannt, Die Elster wie der Papst. – Doch unterfing Sich Jemand, tiefer ihn zu prüfen, ging So rasch zu Ende die Philosophie, Daß er nur: »Questio quid juris?« schrie.
Wohl selten fand man auf der Erde Rund Solch güt'gen Kerl und lieben Lumpenhund; Den guten Burschen wollt' bei wilden Ehen Ein ganzes Jahr er durch die Finger sehen, Gab man ihm nur ein Viertel Wein zu trinken. In aller Stille pflückt' er seine Finken. Er lehrte Leuten, die in solchen Lagen, Nicht ängstlich vor dem Erzdekan zu zagen, Und seiner Androhung des Kirchenbannes. Doch wenn am Beutel hing das Herz des Mannes, Büßte der Beutel, was der Mann gethan. »Denn unter Hölle meint der Erzdekan Den Beutel nur,« sprach – oder log vielmehr – er. In Schrecken vor ihm standen alle Schwörer. – Die Beichte rettet, doch der Fluch bringt Tod! Wohl dem, dem kein »Significavit« droht! –
Die Dirnen in der Diöcese standen Kraft seines Amts in seiner Hut, und fanden Bei ihm stets Rath für ihres Herzens Sehnen. Es war mit einem Kranz, an Größe denen Auf Bierhausstangen gleich, sein Haupt umhüllt, Und ein gewalt'ger Kuchen war sein Schild.
Als Freund und als Gevatter von ihm ritt Aus Ronceval ein Ablaßkrämer mit, Der gradeswegs vom Hofe kam aus Rom. Laut sang er: »Komm, mein Herzensliebchen, komm!« Wozu der Büttel, wie Posaunenklang Gewaltig dröhnend, seinen Rundreim sang.
Des Ablaßkrämers Haar war gelb wie Wachs, Und hing so glatt wie eine Docke Flachs Auf seine Schultern, die es rings umgab, In dünnen Locken ihm vom Kopf herab. In kecker Laune trug er's unbedeckt; Denn die Kapuze hatt' er eingesteckt In seinem Mantelsack, der vor ihm hing. Daß er mit Flatterhaar und baarhaupt ging, War nach der neu'sten Mode, wie er glaubte; Drum trug er nur ein Käppchen auf dem Haupte. Glotzaugen hatt' er ganz wie ein Karnickel, Und angenäht am Käppchen ein Vernickel.
Mit Ablaßfracht kam er soeben heiß Aus Rom zurück. Wie's Meckern einer Gais Klang seine Stimme. Im Gesichte war, Ob unrasirt, doch keine Spur von Haar, Er mußte – dünkt mich – wohl ein Wallach sein.
Von Ware bis Berwick war gewißlich kein Ablaßverkäufer, der ihm's Wasser reichte. Als »Unsrer lieben Frauen Schleier« zeigte Er einen Kissenüberzug. Im Koffer Verwahrte von dem Segel etwas Stoff er, Das Petri Fahrzeug – wie er sagte – führte, Als mit dem Herrn er auf dem See spazierte; Ein steinbesetztes Kreuz hatt' er von Zinn Sowie ein Glas mit Schweineknochen drin. Und traf er einen armen Bauersmann, So schwatzt' er ihm von den Reliquien an, Und erntete an einem einz'gen Tage Die Früchte seiner wochenlangen Plage. So hielt mit Possen und mit Schmeichelworten Das Volk zu Narren er an allen Orten. Doch, um nicht von der Wahrheit abzuweichen, Als Kirchenredner war er ohnegleichen. Schön las den Bibeltext er und Historien; Jedoch am besten sang er Offertorien, Da hinterdrein er gleich den Anfang machte Mit seiner Predigt, die ihm Geld einbrachte. Zu diesem Zwecke spitzt' er seine Zunge Und sang vergnügt und laut aus voller Lunge.
So macht' ich kurz und nach der Reihe kund Rang, Anzug, Zahl und minder nicht den Grund, Weßhalb in Southwerk Jeder angekommen Und in dem Gasthof sein Quartier genommen, Der »Tabard bei der Glocke« ward genannt; Und an der Zeit ist's, daß ich Euch bekannt Auch weiter mache, wie wir unsre Nacht In dem besagten Wirthshaus zugebracht; Und hinterdrein gedenk' ich Euch zu sagen, Was auf der Reise sonst sich zugetragen.
Doch bitt' ich Euch zunächst aus Höflichkeit Legt es nicht aus als Herzensschlechtigkeit, Wenn ich getreu im Laufe der Geschichte Auch jedes Wort von Jedermann berichte; Sonst ziehe man mit Recht der Lüge mich. Denn das wißt sicher Ihr so gut wie ich: Wer melden will, was ihm gesagt ein Mann, Der wiederhole, so genau er kann, Ein jedes Wort, sei's noch so schlecht gewählt Und noch so gröblich, was ihm vorerzählt. Sonst müßt' er ja die Unwahrheit berichten, Den Sinn verfälschend, neue Worte dichten; Den eignen Bruder darf er schonen nicht, Ein jedes Wort zu sagen, ist ihm Pflicht. Sehr kräftig sprach selbst Christus in der Bibel, Und doch kein Wort – das wißt Ihr – ist von Uebel. Wer Plato las, dem ist der Spruch bekannt: Es sei das Wort der Sache nah' verwandt.
Und gleichfalls bitt' ich, daß Ihr mir verzeiht, Wenn ich Euch nicht nach Rang und Würdigkeit Die Leute vorgeführt, wie angemessen. Mein Witz ist kurz, das dürft ihr nicht vergessen.
Für Jeden freundlich, ließ der Wirth vom Haus Uns niedersitzen rasch zum Abendschmaus.
