E-Book Verlag: ROWOHLT E-Book Hörbuch Verlag: AUDIOBUCH Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2010

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Hörprobe anhören Zeit: 10 Std. 58 Min. Sprecher: Johannes Steck
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E-Book-Beschreibung Die Chemie des Todes - Simon Beckett

Sterben kann ewig dauern …
… aber der menschliche Körper beginnt kaum fünf Minuten nach dem Tod zu verwesen – und wird dann zu einem gigantischen Festschmaus für andere Organismen. Zuerst für Bakterien, dann für Insekten. Fliegen. Die Larven verlassen die Leiche in Reih und Glied, in einer Schlangenlinie, die sich immer nach Süden bewegt. Ein Anblick, der jeden dazu veranlassen würde, das Phänomen zu seinem Ursprung zurückzuverfolgen. Und so entdecken die Yates-Brüder, was von Sally Palmer übrig geblieben war ...
Die Tote war Schriftstellerin, eine Außenseiterin in Devonshire. Verdächtiger Nummer eins ist der schweigsame Fremde im Dorf, ein Dr. David Hunter. Doch es stellt sich heraus, dass er früher Englands berühmtester Rechtsmediziner war, und die Polizei bittet ihn um Unterstützung.
Gerade als seine Analysen zeigen, dass die Ermordete vor ihrem Tod tagelang gefoltert wurde, verschwindet eine weitere junge Frau. Eine fieberhafte Suche beginnt. Gleichzeitig bricht im Dorf eine Hexenjagd los. Der Pfarrer, ein knöcherner Fanatiker, hetzt die Leute auf, und David ist Zielscheibe seiner Hasspredigten ...
«‹Die Chemie des Todes› ist auf jeden Fall der beste Thriller, den ich in diesem Jahr gelesen habe. Ich konnte ihn nicht mehr aus der Hand legen.» (Tess Gerritsen)
«Ich fand ‹Die Chemie des Todes› einfach überwältigend gut – und so wunderbar unheimlich …» (Mo Hayder)
«Ein ungemein spannender Roman für heiße Sommertage, wenn rundum Fliegen surren und ein leichter Modergeruch in der Luft liegt.» (Deutschlandradio)

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E-Book-Leseprobe Die Chemie des Todes - Simon Beckett

Simon Beckett

Die Chemie des Todes

Thriller

Deutsch von Andree Hesse

FÜR HILARY

KAPITEL 1

EIN MENSCHLICHER KÖRPER beginnt fünf Minuten nach dem Tod zu verwesen. Der Körper, einst die Hülle des Lebens, macht nun die letzte Metamorphose durch. Er beginnt sich selbst zu verdauen. Die Zellen lösen sich von innen nach außen auf. Das Gewebe wird erst flüssig, dann gasförmig.

Kaum ist das Leben aus dem Körper gewichen, wird er zu einem gigantischen Festschmaus für andere Organismen. Zuerst für Bakterien, dann für Insekten. Fliegen. Aus den gelegten Eiern schlüpfen Larven, die sich an der nahrreichen Substanz laben und dann abwandern. Sie verlassen die Leiche in Reih und Glied und folgen einander in einer ordentlichen Linie, die sich immer nach Süden bewegt. Manchmal nach Südosten oder Südwesten, aber niemals nach Norden. Niemand weiß, warum.

Mittlerweile sind die Proteine der Muskeln zerfallen und haben einen für die Vegetation tödlichen Chemiecocktail produziert. Durch die Larven, die über das Gras krabbeln, entsteht so eine Nabelschnur des Todes, die sich zu ihrem Ausgangspunkt zurückspannt. Unter den entsprechenden Bedingungen – warm und trocken beispielsweise, ohne Regen – kann sie meterlang werden, eine dicke, braune Schlangenlinie, die vor fetten gelben Larven zu pulsieren scheint. Ein sonderbarer Anblick, der jeden Neugierigen dazu veranlassen würde, dieses Phänomen zurück zu seinem Ursprung zu verfolgen. Und so entdeckten die Yates-Brüder, was von Sally Palmer übrig geblieben war.

Neil und Sam stießen am Rande von Farnley Wood auf die Madenspur, dort, wo der Wald an den Sumpf grenzt. Es war die zweite Juliwoche, und schon jetzt hatte man den Eindruck, der unnatürliche Sommer dauerte eine Ewigkeit. Die scheinbar pausenlose Hitze hatte die Bäume ausgeblichen und den Boden ausgetrocknet und knochenhart gemacht. Die Jungs waren auf dem Weg zum Willow Hole, einem mit Schilf umgebenen Teich, der in der Gegend als Schwimmbad benutzt wurde. Dort wollten sie sich mit Freunden treffen und den ganzen Sonntagnachmittag von einem überhängenden Baum in das lauwarme, grüne Wasser springen. Das hatten sie jedenfalls vorgehabt.

Ich sehe sie vor mir, gelangweilt und lustlos, erschlagen von der Hitze und ungeduldig miteinander. Neil, mit elf drei Jahre älter als sein Bruder, geht wohl etwas voraus, um Sam seine Ungeduld zu demonstrieren. Er hat einen Stock in der Hand, mit dem er auf die Büsche und Äste eindrischt, an denen er vorbeikommt. Sam trottet hinter ihm her und schnieft ab und zu. Nicht aufgrund einer Sommererkältung, sondern wegen des Heuschnupfens, durch den er auch die roten Augen hat. Ein leichtes Antihistamin würde ihm helfen, doch zu diesem Zeitpunkt weiß er das noch nicht. Er schnieft in jedem Sommer. Ganz der Schatten seines Bruders, geht er mit gesenktem Kopf, weshalb ihm und nicht Neil die Madenspur auffällt.

Er bleibt stehen und untersucht sie, ehe er seinen Bruder zurückruft. Neil ist genervt, doch Sam hat offensichtlich etwas entdeckt. Er versucht, sich unbeeindruckt zu geben, aber die wuselige Linie aus Maden fasziniert ihn genauso wie seinen Bruder. Die beiden beugen sich über die Larven, streichen dunkles Haar aus ihren ähnlichen Gesichtern und rümpfen die Nase bei dem Ammoniakgeruch. Und obwohl sich später beide nicht mehr erinnern konnten, wer die Idee hatte, nachzuschauen, woher die Tiere kamen, stelle ich mir vor, dass es Neil war. Da er die Madenspur übersehen hatte, wird er darauf erpicht gewesen sein, seine Vormachtstellung wieder einzunehmen. Also macht sich Neil als Erster auf und geht in Richtung der gelben Sumpfgrasbüschel, von woher die Larven strömen, und überlässt es Sam, ihm zu folgen.

Ob sie den Gestank wahrnahmen, als sie näher kamen? Wahrscheinlich. Er war bestimmt streng genug, um selbst in Sams verstopfte Nase zu dringen. Und wahrscheinlich wussten sie, was es war. Da die beiden keine Stadtjungs sind, wird ihnen der Kreislauf von Leben und Tod bekannt gewesen sein. Außerdem werden die Fliegen sie stutzig gemacht haben, das monotone Summen, das die Hitze erfüllte. Doch die Leiche, die sie entdeckten, war weder ein Schaf noch ein Reh und auch kein Hund, wie sie vielleicht erwartet hatten.

Sally Palmer war nackt und auch im hellen Sonnenlicht nicht mehr zu erkennen. Ihr Körper war durch und durch von Ungeziefer befallen, das unter ihrer Haut brodelte und aus Mund und Nase und anderen, unnatürlicheren Körperöffnungen hervorquoll. Die Larven, die aus ihr hervorströmten, sammelten sich am Boden, ehe sie in dieser Linie davonkrabbelten, die sich nun vor den Yates-Brüdern erstreckte.

Es spielt vermutlich kaum eine Rolle, wer zuerst davonrannte, doch ich glaube, dass es Neil war. Sam musste sich wohl wie immer nach dem großen Bruder richten und versuchen, bei dem Wettlauf nicht abgehängt zu werden, der sie zuerst nach Hause führte und dann auf das Polizeirevier.

Und schließlich zu mir.

Neben einem leichten Beruhigungsmittel gab ich Sam auch ein Antihistamin gegen seinen Heuschnupfen. Aber da war er nicht mehr der Einzige mit roten Augen. Auch Neil hatte die Entdeckung durcheinander gebracht, obwohl er schon versuchte, sich jugendlich abgeklärt zu geben. Deshalb war es auch vor allem er, der mir erzählte, was geschehen war, wobei er die krude Erinnerung bereits zu einer erträglicheren, wiedererzählbaren Geschichte umformte. Und später, nachdem die tragischen Ereignisse dieses unnatürlich heißen Sommers die Runde gemacht hatten, Jahre später sollte Neil noch immer seine Geschichte erzählen, denn er war für immer derjenige geworden, mit dessen Entdeckung alles begonnen hatte.

Aber das stimmte nicht. Es war nur so, dass wir bis dahin nicht erkannt hatten, was mitten unter uns lebte.

KAPITEL 2

ICH KAM DREI JAHRE zuvor am späten Nachmittag eines nasskalten Märztages nach Manham. Ich stieg am Bahnhof aus – kaum mehr als ein schmaler Bahnsteig mitten im Nirgendwo – und fand eine regengepeitschte Landschaft vor, die genauso menschenleer wie konturenlos erschien. Ich stand mit meinem Koffer da, betrachtete die Umgebung und nahm den Regen kaum wahr, der mir von hinten in den Kragen tropfte. Flaches Marschland und Zäune breiteten sich um mich herum aus, eine triste Ebene, die bis zum Horizont nur durch ein paar kahle Wäldchen durchbrochen wurde.

Ich war zum ersten Mal in den Broads, zum ersten Mal in Norfolk. Die Gegend kam mir aufregend unvertraut vor. Ich betrachtete die grenzenlose Leere, atmete die feuchte, kalte Luft ein und spürte, wie sich etwas, wenn auch nur minimal, in mir entspannte. So wenig einladend es hier auch zu sein schien, es war nicht London, und das genügte mir.

Niemand holte mich ab. Ich hatte mich nicht um einen Transport vom Bahnhof gekümmert. So weit im Voraus hatte ich nicht geplant. Ich hatte wie alles andere auch mein Auto verkauft und keinen Gedanken daran verschwendet, wie ich in das Dorf gelangen sollte. Damals war ich noch nicht ganz bei mir gewesen. Falls ich überhaupt darüber nachgedacht hatte, dann mit der Arroganz eines Städters, und hatte wohl angenommen, es müsste Taxis, einen Laden oder irgendetwas geben. Doch es gab keinen Taxistand und nicht einmal eine Telefonzelle. Kurz bereute ich, mein Handy weggegeben zu haben, nahm dann meinen Koffer und ging zur Straße. Als ich sie erreichte, gab es nur zwei Möglichkeiten: links oder rechts. Ohne zu zögern schlug ich den linken Weg ein. Warum, weiß ich nicht. Nach ein paar hundert Metern kam ich an eine Kreuzung mit einem ausgeblichenen Wegweiser aus Holz. Er neigte sich zur Seite, sodass er in die feuchte Erde zu irgendeinem Punkt im Untergrund zu zeigen schien. Aber immerhin sagte mir das Schild, dass ich in die richtige Richtung ging.

Es wurde langsam dunkel, als ich schließlich das Dorf erreichte. Ein oder zwei Autos waren auf dem Weg an mir vorbeigefahren, doch keines hatte angehalten. Die einzigen anderen Anzeichen einer Zivilisation waren ein paar weit verstreute Bauernhöfe, die ein gutes Stück von der Straße entfernt lagen. Dann erkannte ich im Dämmerlicht den Turm einer Kirche vor mir. Es sah aus, als wäre er halb in einem Acker vergraben. Nun gab es einen Gehsteig, zwar schmal und rutschig vom Regen, aber besser als der Straßenrand und die Hecken, an denen ich seit dem Bahnhof entlanggegangen war. Nach einer weiteren Kurve entdeckte ich das eigentliche Dorf, das so versteckt lag, bis man förmlich darüber stolperte.

Es handelte sich nicht gerade um ein Postkartendorf. Es war zu verlebt und zersiedelt, um dem Ideal eines malerischen englischen Dorfes zu entsprechen. Außen gab es eine Reihe Vorkriegshäuser, aber diese wurden bald von Steincottages abgelöst, deren Mauern mit Feuersteinbrocken übersät waren. Je näher ich dem Dorfkern kam, desto älter wurden die Häuser, jeder Schritt führte mich weiter zurück in die Geschichte. Trist kauerten sie sich dort aneinander, in ihren dunklen Fenstern spiegelte sich blankes Misstrauen.

Nach einer Weile wurde die Straße von geschlossenen Läden gesäumt, hinter denen sich weitere Wohnhäuser in der feuchten Dämmerung verloren. Ich kam an einer Schule vorbei, an einem Pub und gelangte dann an die Dorfwiese. Auf den Beeten blühten Osterglocken, deren gelbe Trompeten sich unverschämt farbenfroh in der tristen, verregneten Umgebung wiegten. Über der Wiese wölbte sich das kahle, schwarze Geäst einer riesigen alten Kastanie. Dahinter stand, umgeben von einem Friedhof mit schiefen und moosbedeckten Grabsteinen, die normannische Kirche, deren Turm ich von der Straße aus gesehen hatte. Wie die älteren Wohnhäuser waren die Mauern der Kirche voller Feuersteine, harte, faustgroße Brocken, die den Elementen trotzten. Doch der weichere Mörtel der Fugen war über die Jahre verwittert, die Fenster und die Kirchentür waren durch die Bodenbewegungen der Jahrhunderte leicht verzogen.

Ich blieb stehen. Vor mir konnte ich sehen, dass jenseits der Straße weitere Häuser lagen. Doch dahinter endete Manham schon wieder. In manchen Fenstern brannte Licht, aber ein anderes Lebenszeichen gab es nicht. Ich stand im Regen, unsicher, welchen Weg ich einschlagen sollte. Dann hörte ich ein Geräusch und sah zwei Gärtner, die auf dem Friedhof arbeiteten. Ungeachtet des Regens und der einsetzenden Dämmerung harkten sie das Gras zwischen den alten Grabsteinen. Ohne aufzuschauen arbeiteten sie weiter, als ich mich näherte.

«Können Sie mir sagen, wo die Arztpraxis ist?», fragte ich, während Wasser von meinem Gesicht tropfte.

Sie hielten inne und betrachteten mich trotz ihres beträchtlichen Altersunterschiedes auf so ähnliche Weise, dass sie Großvater und Enkel sein mussten. Beide Gesichter hatten den gleichen ungerührten, gelassenen Ausdruck und starrten mich mit ruhigen, kornblumenblauen Augen an. Der Ältere deutete in Richtung eines schmalen, von Bäumen gesäumten Weges am anderen Ende der Wiese.

«Da geradaus.»

Der Dialekt war eine weitere Bestätigung, dass ich mich nicht mehr in London befand, eine Anreihung von Vokalen, die in meinen Stadtohren ganz fremd klang. Ich dankte ihnen, aber sie hatten sich schon wieder ihrer Arbeit zugewandt. Ich folgte dem Weg, auf dem das Prasseln des Regens durch die überhängenden Äste noch verstärkt wurde. Nach einer Weile kam ich zu einem breiten Tor, das den Eingang zu einer schmalen Auffahrt versperrte. An einem Torpfosten war ein Schild mit der Aufschrift «Bank House» angebracht. Darunter befand sich eine Messingtafel, auf der «Dr.H.Maitland» stand. Flankiert von Eiben führte die Auffahrt erst durch einen gepflegten Garten sanft bergan und dann hinab auf den Hof eines stattlichen, georgianischen Hauses. An einer altgedienten gusseisernen Stange neben der Eingangstür kratzte ich den Dreck von meinen Schuhen ab und pochte dann mit dem schweren Klopfer laut an die Tür. Ich wollte gerade erneut klopfen, als geöffnet wurde.

Eine rundliche Frau in mittleren Jahren mit tadellos frisiertem silbergrauem Haar schaute mich an.

«Ja?»

«Ich möchte gerne zu Dr.Maitland.»

Sie runzelte die Stirn. «Die Praxis ist geschlossen. Und der Doktor macht zurzeit leider keine Hausbesuche.»

«Nein… Ich meine, er erwartet mich.» Darauf erhielt ich keine Reaktion. Mir wurde bewusst, wie ramponiert ich nach der Stunde Marsch durch den Regen aussehen musste. «Ich bin wegen der Stelle hier. David Hunter!?»

Ihr Gesicht hellte sich auf. «Oh, das tut mir ja so Leid! Mir war nicht klar, ich dachte… Kommen Sie doch herein!» Sie trat einen Schritt zurück, um mich hereinzulassen. «Mein Gott, Sie sind ja klatschnass geworden. Sind Sie weit gelaufen?»

«Vom Bahnhof.»

«Vom Bahnhof? Aber der ist doch meilenweit entfernt!» Sie half mir bereits aus dem Mantel. «Warum haben Sie nicht angerufen und uns gesagt, wann Ihr Zug ankommt? Wir hätten Sie abholen lassen können.»

Ich antwortete nicht. Um ehrlich zu sein, war ich auf die Idee gar nicht gekommen.

«Kommen Sie ins Wohnzimmer. Dort ist der Kamin an. Nein, lassen Sie Ihren Koffer hier stehen», sagte sie und wandte sich ab, um meinen Mantel aufzuhängen. Sie lächelte. Zum ersten Mal bemerkte ich ihre angestrengten Züge. Was ich vorher für Schroffheit gehalten hatte, war lediglich Erschöpfung. «Hier wird ihn niemand stehlen.»

Sie führte mich in ein großes, holzgetäfeltes Zimmer. Eine abgewetzte alte Ledercouch stand vor einem Kamin, in dem ein Holzfeuer glimmte. Der Teppich war ein Perser, alt, aber immer noch schön. Er lag auf umbrabraunen, glänzend gebohnerten Bodendielen. Das Zimmer roch angenehm nach Kiefer und Holzrauch.

«Setzen Sie sich doch. Ich sage Dr.Maitland, dass Sie hier sind. Möchten Sie eine Tasse Tee?»

Das war ein weiteres Zeichen dafür, nicht mehr in der Stadt zu sein. Dort hätte man mir Kaffee angeboten. Ich dankte ihr und starrte, nachdem sie hinausgegangen war, in die Flammen. Nach der Kälte draußen machte mich die Wärme schläfrig. Hinter der Verandatür war es nun völlig dunkel. Regen prasselte gegen die Scheibe. Das Sofa war weich und gemütlich. Ich spürte, wie mir die Augen langsam zufielen. Schnell, fast panisch, stand ich auf. Ich fühlte mich mit einem Mal erschöpft, körperlich und geistig ausgelaugt. Doch die Angst einzuschlafen war noch größer.

Ich stand noch immer vor dem Kamin, als die Frau zurückkehrte. «Wollen Sie mir bitte folgen? Dr.Maitland ist in seinem Arbeitszimmer.»

Mit auf den Dielenbrettern quietschenden Schuhen folgte ich ihr durch den Korridor. Sie klopfte leise an die Tür am anderen Ende und öffnete sie mit einer lockeren Vertrautheit, ohne auf eine Antwort zu warten. Sie lächelte erneut, als sie einen Schritt zurück machte, um mich eintreten zu lassen.

«Ich bringe gleich den Tee», sagte sie und schloss die Tür, als sie hinausging.

Hinter dem Schreibtisch saß ein Mann. Wir sahen uns einen Augenblick lang an. Obwohl er saß, konnte ich sehen, dass er groß war. Er hatte ein kräftiges, tief zerfurchtes Gesicht und dichtes Haupthaar, das eher cremefarben als grau war. Die dunklen Augenbrauen widerlegten aber jeden Anflug von Altersschwäche, und die Augen darunter hatten einen stechenden und wachsamen Blick. Sie musterten mich, ohne dass ich hätte sagen können, welchen Eindruck sie gewannen. Plötzlich war ich leicht beunruhigt, mich nicht gerade von meiner besten Seite zu zeigen.

«Herrgott, Mann, Sie sehen ja wie aus dem Wasser gezogen aus!» Seine Stimme war ein schroffes, aber freundliches Bellen.

«Ich bin vom Bahnhof zu Fuß gegangen. Es gab keine Taxis.»

Er schnaubte. «Willkommen im wunderschönen Manham. Sie hätten mir Bescheid sagen sollen, dass Sie einen Tag früher kommen. Ich hätte mich darum gekümmert, dass Sie vom Bahnhof abgeholt werden.»

«Einen Tag früher?», wiederholte ich.

«Genau. Ich habe Sie erst morgen erwartet.»

Nun ging mir auch auf, was die geschlossenen Läden zu bedeuten hatten. Heute war Sonntag. Mir war nicht bewusst gewesen, dass mir das Zeitgefühl derart abhanden gekommen war. Und er tat so, als bemerke er nicht, wie mich mein Fauxpas aus dem Konzept brachte.

«Egal, nun sind Sie hier. Da haben Sie mehr Zeit, um sich einzugewöhnen. Ich bin Henry Maitland. Nett, Sie kennen zu lernen.»

Er streckte seine Hand aus, ohne aufzustehen. Und erst in diesem Moment entdeckte ich, dass sein Stuhl Räder hatte. Ich machte einen Schritt nach vorne, um seine Hand zu schütteln, aber da hatte er mein Zögern schon bemerkt. Er lächelte trocken.

«Jetzt wissen Sie, warum ich die Anzeige aufgegeben habe.»

Sie hatte unter den Stellenangeboten in der Times gestanden, eine kleine Annonce, die man leicht hätte übersehen können. Doch aus irgendeinem Grund war sie mir direkt ins Auge gefallen. Eine Praxis auf dem Land suchte für befristete Zeit einen praktischen Arzt. Sechs Monate, Unterkunft wird gestellt. Auch der Ort reizte mich. Nicht, dass ich besonders scharf darauf gewesen war, in Norfolk zu arbeiten, doch damit wäre ich weg aus London. Ich hatte mich ohne viel Hoffnung oder Begeisterung beworben und eine höfliche Absage erwartet, als ich eine Woche später den Brief öffnete. Zu meiner Überraschung wurde mir der Job angeboten. Ich musste den Brief zweimal lesen, bis ich verstand. Zu einer anderen Zeit hätte ich mich vielleicht gefragt, wo der Haken war. Aber zu einer anderen Zeit hätte ich mich erst gar nicht beworben.

Ich schrieb postwendend zurück, dass ich die Stelle annehme.

Jetzt sah ich meinen neuen Arbeitgeber an und fragte mich reichlich spät, auf was ich mich da eingelassen hatte. Als könne er meine Gedanken lesen, klatschte er sich mit den Händen auf die Beine.

«Autounfall.» Es lag weder Verlegenheit noch Selbstmitleid in seiner Stimme. «Es besteht die vage Möglichkeit, dass sie mit der Zeit wieder etwas einsatzfähiger werden, aber bis dahin komme ich nicht allein klar. Ich habe es ein Jahr lang mit Urlaubsvertretungen versucht, aber das reicht mir jetzt. Jede Woche ein neues Gesicht, davon hat keiner was. Sie werden schnell merken, dass die Leute hier keine Veränderungen mögen.» Er griff nach einer Pfeife und Tabak auf seinem Schreibtisch. «Stört es Sie, wenn ich rauche?»

«Es stört mich auch nicht, wenn Sie nicht rauchen.»

Er lachte auf. «Gute Antwort. Aber ich bin nicht Ihr Patient. Denken Sie daran.»

Er hielt inne, während er ein Streichholz an seine Pfeife hielt. «So», sagte er und inhalierte den Rauch. «Nach der Arbeit an einer Universität wird das eine ziemliche Veränderung für Sie werden, oder? Und das hier ist mit Sicherheit etwas anderes als London.» Er schaute mich über die Pfeife hinweg an. Ich wartete darauf, dass er mich aufforderte, meinen bisherigen Werdegang darzulegen. Aber das tat er nicht. «Wenn es noch Zweifel gibt, dann wäre das jetzt der richtige Zeitpunkt, sie zu äußern.»

«Keine Zweifel», sagte ich ihm.

Er nickte zufrieden. «In Ordnung. Sie werden erst mal hier wohnen. Ich werde Janice bitten, Ihnen Ihr Zimmer zu zeigen. Beim Abendessen können wir uns ausführlicher unterhalten. Dann können Sie gleich morgen anfangen. Die Sprechstunde beginnt um neun.»

«Darf ich etwas fragen?» Er hob die Augenbrauen und wartete. «Warum haben Sie mich angestellt?»

Das hatte mich beschäftigt. Nicht so sehr, dass ich das Angebot abgelehnt hätte, aber die Frage war mir dennoch im Hinterkopf geblieben.

«Sie machten mir einen geeigneten Eindruck. Gute Zeugnisse, exzellente Referenzen, und Sie waren bereit, für den Hungerlohn, den ich anbiete, zu kommen und am Ende der Welt zu arbeiten.»

«Ich hätte zuerst ein Bewerbungsgespräch erwartet.»

Er fegte die Bemerkung mit seiner Pfeife beiseite und hüllte sich in Qualm. «Bewerbungsgespräche kosten Zeit. Ich suchte jemanden, der so schnell wie möglich anfangen konnte. Und ich vertraue meinem Urteil.»

In seinen Worten lag eine Bestimmtheit, die ich beruhigend fand. Erst sehr viel später, als es keinen Zweifel mehr daran gab, dass ich bleiben würde, vertraute er mir bei einem Malt Whisky lachend an, dass ich der einzige Bewerber gewesen war.

Aber damals war ich auf diesen simplen Grund nicht gekommen. «Ich habe Ihnen nicht verheimlicht, dass ich als praktischer Arzt wenig Erfahrung habe. Wie können Sie sicher sein, dass ich der Aufgabe gewachsen bin?»

«Glauben Sie, dass Sie der Aufgabe gewachsen sind?»

Ich nahm mir einen Augenblick Zeit für die Antwort; im Grunde fragte ich mich das selbst zum ersten Mal. Ich war den weiten Weg hierher gekommen, ohne überhaupt viel nachzudenken. Ich war vor einem Ort und vor Menschen geflohen, deren Nähe mir nun zu schmerzhaft war. Ich überlegte erneut, was für einen Eindruck ich machen musste. Einen Tag zu früh und völlig durchnässt. Sogar zu blöd, sich bei dem Regen unterzustellen.

«Ja», sagte ich.

«Na also.» Er schaute mich durchdringend an, seine Miene verriet aber auch einen Anflug von Erheiterung. «Außerdem ist es ja nur eine befristete Stelle. Und ich werde ein strenges Auge auf Sie haben.»

Er drückte einen Knopf an seinem Schreibtisch. Irgendwo in der Ferne ertönte ein Summer im Haus. «Abendessen gibt es für gewöhnlich gegen acht Uhr, sofern es die Patienten zulassen. Sie können sich jetzt ausruhen. Haben Sie Ihr Gepäck mitgebracht oder wird es geschickt?»

«Mitgebracht. Ich habe es bei Ihrer Frau gelassen.»

Er sah mich verwirrt an und lächelte dann verlegen. «Janice ist meine Haushälterin», sagte er. «Ich bin Witwer.»

Die Wärme des Zimmer schien mich zu ersticken. Ich nickte.

«Ich auch.»

So wurde ich Arzt in Manham. Und so war ich drei Jahre später einer der Ersten, der hörte, was die Yates-Brüder im Farnley Wood entdeckt hatten. Natürlich wusste erst mal niemand, wer es war. Angesichts ihres Zustandes konnten die Jungs nicht einmal sagen, ob es sich bei der Leiche um einen Mann oder um eine Frau handelte. Als sie endlich wieder in ihrem vertrauten Zuhause waren, waren sie sich nicht einmal mehr sicher, ob sie nackt gewesen war oder nicht. Irgendwann hatte Sam sogar behauptet, sie hätte Flügel gehabt, bevor er unsicher wurde und in Schweigen verfiel. Neil starrte ausdruckslos vor sich hin. Was sie gesehen hatten, lag so weit außerhalb der Grenzen all dessen, was sie kannten, dass nun ihr Gedächtnis bei der Erinnerung daran zurückschreckte. Sie konnten sich nur darauf einigen, dass es ein Mensch war, ein toter Mensch. Und obwohl ihre Beschreibung des ungeheuren Stroms der Maden auf Wunden schließen ließ, wusste ich nur zu gut, welche Streiche uns die Toten spielen können. Es gab keinen Grund, das Schlimmste anzunehmen.

Zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Deshalb war die felsenfeste Überzeugung von Linda Yates umso merkwürdiger. Sie saß in dem kleinen Wohnzimmer und hatte den Arm um ihren niedergeschlagenen, jüngsten Sohn gelegt, der sich an sie schmiegte, während er halbherzig den knallbunten Fernsehschirm betrachtete. Ihr Mann, ein Landarbeiter, war noch bei der Arbeit. Nachdem die Jungs nach Hause gerannt waren, hatte sie mich atemlos und hysterisch angerufen. Auch an einem Sonntagnachmittag hatte man in einem so kleinen und abgelegenen Ort wie diesem nie dienstfrei.

Wir warteten noch auf die Ankunft der Polizei. Die Beamten hatten es anscheinend nicht gerade eilig, ich fühlte mich jedoch verpflichtet zu bleiben. Ich hatte Sam das Beruhigungsmittel gegeben, ein so leichtes, dass es beinahe ein Placebo war, und widerwillig die Geschichte angehört, die von seinem Bruder wiederholt wurde. Ich versuchte, nicht zuzuhören. Ich wusste ziemlich genau, was sie wohl gesehen hatten.

Es war etwas, woran ich nicht erinnert werden musste.

Das Wohnzimmerfenster war sperrangelweit offen, doch kein kühlender Windhauch zog herein. Die Welt draußen war blendend hell, von der Nachmittagssonne weiß gebleicht.

«Es ist Sally Palmer», sagte Linda Yates aus heiterem Himmel.

Ich schaute sie überrascht an. Sally Palmer lebte allein auf einem Hof außerhalb des Dorfes. Eine attraktive Frau Mitte dreißig, die ein paar Jahre vor mir nach Manham gezogen war, nachdem sie den Hof ihres Onkels geerbt hatte. Sie hielt noch ein paar Ziegen, und durch die Blutsbande war sie nicht ganz die Außenseiterin, die sie sonst gewesen wäre; auf jeden Fall weniger, als ich es immer noch war. Da sie ihren Lebensunterhalt jedoch als Schriftstellerin verdiente, stand sie im Abseits und wurde von den meisten ihrer Nachbarn mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Argwohn betrachtet.

Mir war nicht zu Ohren gekommen, dass sie vermisst wurde. «Wie kommen Sie denn darauf?»

«Ich habe von ihr geträumt.»

Das war nicht gerade die Antwort, die ich erwartet hatte. Ich schaute die Jungs an. Sam, der jetzt ruhiger war, schien nicht zuzuhören. Aber in dem Blick, mit dem Neil seine Mutter ansah, las ich, dass alles, was hier gesagt wurde, sich in dem Moment im Dorf verbreiten würde, in dem er aus dem Haus ging. Sie hielt mein Schweigen für Skepsis.

«Sie stand an einer Bushaltestelle und weinte. Ich fragte sie, was los wäre, aber sie sagte nichts. Dann schaute ich zu Boden, und als ich wieder aufsah, war sie verschwunden.»

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.

«Man träumt nie ohne Grund», fuhr sie fort. «Und das war der Grund für diesen Traum.»

«Ich bitte Sie, Linda, wir wissen noch nicht, wer es ist. Es könnte jeder sein.»

Sie schaute mich mit einem Blick an, der sagte, dass ich Unrecht hatte, aber sie fing keine Diskussion an. Ich war froh, als ein Klopfen an der Tür die Ankunft der Polizei ankündigte.

Es waren zwei Beamte, beides Prachtexemplare der Spezies Dorfpolizist. Der ältere Mann hatte eine kräftige Gesichtsfarbe und akzentuierte seine Konversation gelegentlich mit einem jovialen Zwinkern. Unter diesen Umständen wirkte es fehl am Platze.

«So, ihr glaubt also, ihr habt eine Leiche gefunden, ja?», verkündete er vergnügt, wobei er mir einen Blick zuwarf, als ließe er mich auf Kosten der Jungs an einem Witz für Erwachsene teilhaben. Während Sam sich an seine Mutter schmiegte, murmelte Neil Antworten auf seine Fragen, beide eingeschüchtert durch die Autorität in Uniform bei ihnen zu Hause.

Es dauerte nicht lange. Der ältere Polizeibeamte schlug sein Notizbuch zu. «Na gut, dann wollen wir mal losgehen und nachschauen. Wer von euch Jungs zeigt uns, wo es war?»

Sam vergrub den Kopf im Schoß seiner Mutter. Neil sagte nichts, aber er wurde blass. Erzählen war eine Sache. Da noch einmal hingehen eine andere. Ihre Mutter sah mich besorgt an.

«Ich halte das für keine gute Idee», sagte ich. Tatsächlich hielt ich es für eine miserable Idee. Aber ich hatte schon genug mit der Polizei zu tun gehabt, um zu wissen, dass man mit Diplomatie weiter kam als mit Konfrontation.

«Und wie sollen wir sie dann finden, wenn keiner von uns sich hier auskennt?», entgegnete er.

«Ich habe eine Karte im Wagen. Ich kann Ihnen den Weg zeigen.»

Der Polizist versuchte nicht, sein Missfallen zu verbergen. Wir gingen hinaus und blinzelten angesichts der plötzlichen Helligkeit. Das Haus war das letzte in einer Reihe kleiner Steincottages. Unsere Wagen parkten auf einem Weg am Ende der Straße. Ich nahm die Karte aus meinem Landrover und faltete sie auf der Motorhaube auseinander. Die Sonne knallte auf das verbeulte Metall und hatte es so aufgeheizt, dass man es kaum berühren konnte.

«Die Stelle liegt ungefähr drei Meilen von hier. Sie müssen den Wagen stehen lassen und über das Marschland in den Wald gehen. Nach Aussage der Jungs müsste die Leiche irgendwo dort in der Gegend sein.»

Ich zeigte das Gebiet auf der Karte. Der Polizist brummte.

«Ich habe eine bessere Idee. Wenn Sie nicht wollen, dass einer der Jungs uns hinführt, bringen Sie uns doch hin!» Er schenkte mir ein unfreundliches Grinsen. «Sie scheinen sich hier auszukennen.»

Ich konnte ihm ansehen, dass mir keine Wahl bleiben würde. Ich sagte ihnen, sie sollten mir folgen, und fuhr los. Das Innere des alten Landrovers roch nach heißem Plastik. Ich kurbelte beide Fenster so weit wie möglich herunter. Das Lenkrad verbrannte mir die Hände, als ich es umklammerte. Als ich sah, wie weiß meine Fingerknöchel waren, versuchte ich mich zu entspannen.

Die Straßen waren eng und kurvenreich, aber es war nicht weit. Ich parkte auf einem zerfurchten Halbkreis ausgedörrter Erde, die Beifahrertür streifte eine vertrocknete Hecke. Hinter mir kam der Polizeiwagen ruckelnd zum Stehen. Die zwei Beamten kletterten heraus, der ältere zog sich die Hose über den Bauch. Der jüngere, mit Sonnenbrand und Ausschlag vom Rasieren, hing ein bisschen zurück.

«Es gibt einen Pfad durch den Sumpf», erklärte ich ihnen. «Der führt Sie zum Wald. Sie müssen ihm nur folgen. Es können nicht mehr als ein paar hundert Meter sein.»

Der ältere Polizist wischte sich den Schweiß vom Kopf. Unter den Achselhöhlen hatte sein weißes Hemd dunkle, nasse Flecken. Ein beißender Geruch ging von ihm aus. Er schielte zum fernen Wald und schüttelte den Kopf.

«Dafür ist es zu heiß. Sie wollen uns nicht vielleicht zeigen, wo es Ihrer Meinung nach ist?»

Er klang halb hoffnungsvoll, halb spöttisch.

«Wenn Sie erst einmal im Wald sind, kann ich Ihnen auch nicht mehr weiterhelfen», sagte ich ihm. «Achten Sie einfach auf Maden.»

Der Jüngere lachte auf, hielt aber inne, als der andere ihn böse anschaute.

«Sollten Sie das nicht der Spurensicherung überlassen?», meinte ich.

Er schnaubte. «Die werden sich bedanken, wenn wir sie wegen eines gammeligen Rehs rufen. Und das ist es meistens.»

«Die Jungs sehen das anders.»

«Ich schaue lieber erst mal selbst nach, wenn Sie nichts dagegen haben.» Er gab dem Jüngeren ein Zeichen. «Bringen wir es hinter uns.»

Ich schaute zu, wie die beiden durch eine Lücke in der Hecke kletterten und auf den Wald zugingen. Er hatte mich nicht gebeten zu warten, und eigentlich gab es keinen Grund zu bleiben. Ich hatte sie so weit gebracht, wie ich konnte; der Rest war ihre Sache.

Doch ich blieb. Ich ging zum Landrover und holte eine Flasche Wasser unter dem Sitz hervor. Es war lauwarm, aber mein Mund war trocken. Ich setzte meine Sonnenbrille auf, lehnte mich gegen den staubigen grünen Kotflügel und schaute Richtung Wald, dahin, wohin die Polizeibeamten gingen. Sie waren bereits in der flachen Ebene des Sumpflandes verschwunden. Bei der Hitze flirrte die dunstige Luft, und ringsum war das Summen und Zirpen von Insekten zu hören. Ein Libellenpaar tanzte vorbei. Ich trank noch einen Schluck Wasser und schaute auf die Uhr. Obwohl ich bis zur Abendsprechstunde in zwei Stunden keine Patienten mehr hatte, hatte ich eigentlich Besseres zu tun, als irgendwo am Straßenrand herumzustehen und darauf zu warten, was zwei Dorfpolizisten finden würden. Wahrscheinlich hatten sie Recht. Was die Jungs gesehen hatten, könnte tatsächlich nur ein totes Tier gewesen sein. Phantasie und Panik hatten dann den Rest erledigt.

Ich rührte mich immer noch nicht fort.

Kurz darauf sah ich die beiden Gestalten zurückkommen. Ihre weißen Hemden wippten vor den ausgeblichenen Grasbüscheln. Noch ehe sie bei mir waren, sah ich, wie blass sie waren. Der Jüngere hatte einen feuchten Fleck Erbrochenes auf seinem Hemd, der ihm nicht bewusst zu sein schien. Wortlos reichte ich ihm die Wasserflasche. Er nahm sie dankbar.

Der Ältere wich meinem Blick aus. «Hier draußen kriege ich bestimmt einen Scheißempfang», brummte er, während er zum Wagen ging. Er versuchte, wieder seine frühere Schroffheit aufzusetzen, schaffte es aber nicht ganz.

«Dann war es also kein Reh», sagte ich.

Er sah mich düster an. «Ich glaube, wir brauchen Sie hier nicht mehr.»

Er wartete, bis ich im Landrover war, bevor er seinen Notruf abgab. Als ich wegfuhr, war er immer noch am Funkgerät. Der jüngere Beamte starrte auf seine Füße, die Wasserflasche baumelte in seiner Hand.

Ich machte mich auf den Weg zurück zur Sprechstunde. Gedanken schwirrten mir durch den Kopf, aber ich hatte ein Netz aufgespannt, mit dem ich sie zurückhielt wie Fliegen. Doch obwohl ich mich bemühte, nichts an mich herankommen zu lassen, flüsterten die Fliegen ihre Botschaften in mein Unterbewusstsein. Die Straße, die zurück ins Dorf und zur Praxis führte, tauchte auf. Meine Hand griff zum Blinker und hielt dann inne. Ohne darüber nachzudenken, traf ich eine Entscheidung, die nicht nur die kommenden Wochen bestimmen sollte, sondern die mein Leben und das Leben anderer verändern sollte.

Ich fuhr geradeaus weiter. Zu Sally Palmers Hof.

KAPITEL 3

DER HOF WURDE an einer Seite von Bäumen und an den anderen vom Marschland eingegrenzt. Staub wirbelte auf, als der Landrover über den ausgefahrenen Zufahrtsweg holperte. Ich parkte auf den unebenen Steinen, die vom Pflaster des Innenhofes übrig geblieben waren, und stieg aus. Eine große Scheune aus Wellblech schimmerte in der Hitze. Das Bauernhaus selbst war weiß getüncht, und obwohl die Farbe abblätterte und verblasste, blendete es grell in der Sonne. Zu beiden Seiten der Eingangstür waren hellgrüne Blumenkästen angebracht, die einzigen Farbtupfer in einer ausgeblichenen Welt.

Wenn Sally zu Hause war, begann normalerweise ihr Collie Bess zu bellen, noch ehe man anklopfen konnte. Doch heute war alles ruhig. Als ich durch die Fenster schaute, konnte ich auch niemanden sehen, aber das musste nicht unbedingt etwas bedeuten. Ich ging zur Tür und klopfte. Jetzt, wo ich hier war, erschien mir der Grund meines Kommens reichlich dumm. Während ich wartete, starrte ich zum Horizont und überlegte, was ich bloß sagen sollte, wenn sie öffnete. Vielleicht die Wahrheit, aber dadurch würde ich einen genauso irrationalen Eindruck machen wie Linda Yates. Und Sally könnte es missverstehen und hinter dem Grund meines Besuches mehr wittern als eine quälende Unruhe, die ich ihr nicht hätte erklären können.

Sally und ich hatten zwar nie etwas miteinander gehabt, aber uns verband mehr als nur eine flüchtige Bekanntschaft. Eine Zeit lang hatten wir uns recht häufig getroffen. Was im Grunde nicht besonders überraschend war; wir waren beide Zugezogene und aus London ins Dorf gekommen, die Großstadtvergangenheit verband uns. Außerdem war sie in meinem Alter und ein offenherziger Mensch, der schnell Freunde fand. Und sie war attraktiv. Ich hatte die paar Male genossen, die wir uns im Pub auf ein paar Drinks getroffen hatten.

Aber mehr war nicht passiert. Als ich zu spüren begann, dass sie mehr wollen könnte, ging ich auf Distanz. Erst reagierte sie verwirrt, aber es gab eigentlich keine Verlegenheit, kein böses Blut zwischen uns. Wenn wir uns zufällig über den Weg liefen, konnten wir immer noch unbefangen miteinander plaudern, aber das war alles.

Dafür hatte ich gesorgt.

Ich klopfte erneut an die Tür. Ich weiß noch, dass ich im Grunde erleichtert war, als sie nicht aufmachte. Sie war anscheinend unterwegs, und das bedeutete, ich musste nicht erklären, warum ich gekommen war. Ich wusste es ja selbst nicht genau. Ich war nicht abergläubisch, und im Gegensatz zu Linda Yates glaubte ich nicht an Vorahnungen. Allerdings hatte sie nicht von einer Vorahnung gesprochen. Nur von einem Traum. Und ich wusste ganz genau, wie verlockend Träume sein können. Verlockend und trügerisch.

Ich entfernte mich von der Tür und der Richtung, die meine Gedanken genommen hatten. Es ist doch völlig normal, dass sie nicht zu Hause ist, fand ich, und war ärgerlich über mich selbst. Was zum Teufel hatte ich mir eigentlich gedacht? Nur weil irgendein Wanderer oder Vogelkundler gestorben war, musste doch nicht gleich die Phantasie mit mir durchgehen.

Ich war schon fast wieder beim Landrover, als ich stehen blieb. Irgendetwas störte mich, doch ich musste mich noch einmal umdrehen, um zu kapieren, was es war. Und auch dann dauerte es ein paar Minuten, bis es mir klar wurde. Die Blumenkästen. Die Pflanzen in den Kästen waren braun und tot.

Das hätte Sally niemals zugelassen.

Ich ging zurück. Die Erde in den Kästen war ausgetrocknet und steinhart. Hier war seit Tagen nicht gegossen worden. Vielleicht noch länger. Ich klopfte an die Tür und rief Sallys Namen. Als ich keine Antwort erhielt, drückte ich die Klinke.

Die Tür war nicht abgeschlossen. Vielleicht hatte sie es sich ja abgewöhnt, die Haustür abzuschließen, seit sie hier lebte. Aber sie kam wie ich aus der Stadt, und alte Gewohnheiten legt man so schnell nicht ab. Ich öffnete die Tür, die von einem Haufen Post abgebremst wurde, der dahinter lag. Die Briefe rutschten in einer kleinen Lawine zur Seite, als ich die Tür weiter aufschob und über sie hinweg in die Küche trat. Alles war so, wie ich es in Erinnerung hatte: heitere, zitronengelbe Wände, massive, rustikale Möbel und ein paar Hinweise darauf, dass sie nicht alle Annehmlichkeiten der Stadt hatte hinter sich lassen können – eine elektrische Saftpresse, eine rostfreie Espressokanne und ein großes, gut sortiertes Weinregal.

Außer dem Posthaufen war auf den ersten Blick alles in Ordnung. Doch im Haus hing ein muffiger, ungelüfteter Geruch, der vom süßlichen Duft verfaulender Früchte überlagert wurde. Er kam von einer Tonschale auf der alten Kiefernanrichte, ein Memento-mori-Stillleben aus schwarz gewordenen Bananen und mit weißem Schimmel überzogenen Äpfeln und Orangen. Verwelkte, nicht mehr identifizierbare Blumen hingen schlaff über den Rand einer Vase auf dem Tisch. Eine Schublade neben der Spüle war halb geöffnet, als wäre Sally gestört worden, während sie gerade etwas hatte herausnehmen wollen. Instinktiv wollte ich sie zuschieben, ließ sie dann aber so, wie sie war.

Sie könnte im Urlaub sein, sagte ich mir. Oder sie war zu beschäftigt, um alte Früchte und Blumen wegzuwerfen. Es gab eine Reihe möglicher Erklärungen. Aber ich glaube, zu diesem Zeitpunkt wusste ich es genauso, wie Linda Yates es gewusst hatte.

Ich überlegte, auch im restlichen Haus nachzusehen, entschied mich dann aber dagegen. Mittlerweile betrachtete ich das Haus bereits als potenziellen Tatort, und ich wollte nicht riskieren, irgendwelche Beweise zu zerstören. Deshalb ging ich wieder nach draußen. Sallys Ziegen waren auf einer Koppel hinter dem Haus. Ein einziger Blick bestätigte mir, dass hier etwas furchtbar im Argen lag. Einige Ziegen waren noch auf den Beinen, ausgezehrt und schwach, die meisten aber lagen auf der Seite und waren entweder bewusstlos oder tot. Sie hatten die Koppel beinahe kahl gefressen, und der Wassertrog war knochentrocken. Daneben lag ein Schlauch, anscheinend um den Trog zu füllen. Ich hängte ihn über die Kante und folgte dem anderen Ende zu einer Pumpe. Als Wasser in den Metalltrog plätscherte, trotteten ein paar Ziegen herbei und begannen zu saufen.

Sobald ich die Polizei gerufen hatte, würde ich auch den Tierarzt kommen lassen. Ich zog mein Telefon hervor, aber es hatte keinen Empfang. In der Gegend um Manham gab es viele Funklöcher, wodurch Handys meistens unzuverlässig waren. Ich entfernte mich von der Koppel und sah, dass die Empfangssignale sich aufbauten. Als ich gerade wählen wollte, bemerkte ich eine kleine, dunkle Gestalt, die halb versteckt hinter einem rostigen Pflug lag. Mit einem angespannten, seltsam sicheren Gefühl, was es sein würde, ging ich hinüber.

Der Kadaver von Bess, Sallys Collie, lag im trockenen Gras. Er sah ganz klein aus, das Fell staubig und verfilzt. Ich verscheuchte die Fliegen, die davonstoben, um sich auf mein Frischfleisch zu stürzen, und wandte mich rasch wieder ab. Aber erst, nachdem ich gesehen hatte, dass der Kopf des Hundes beinahe abgetrennt worden war.

Die Hitze schien plötzlich noch intensiver geworden zu sein. Meine Beine führten mich instinktiv zum Landrover zurück. Ich widerstand dem Drang, einfach einzusteigen und wegzufahren. Stattdessen ging ich ein paar Schritte weiter und machte meinen Anruf. Während ich darauf wartete, dass sich die Polizei meldete, starrte ich auf den fernen, grünen Flecken des Waldes, aus dem ich gerade gekommen war. Nicht schon wieder. Nicht hier. Ich hörte, dass eine blecherne Stimme aus dem Telefon ertönte, und wandte mich sowohl vom fernen Wald als auch vom Haus ab.

«Ich möchte eine Vermisstenanzeige aufgeben», sagte ich.

Der Police Inspector, ein gedrungener, reizbarer Mann namens Mackenzie, war vielleicht ein oder zwei Jahre älter als ich. Das Erste, was mir an ihm auffiel, waren seine außergewöhnlich breiten Schultern, die nicht zum unteren Teil seines Körpers passen wollten: Die kurzen Beine mündeten in absurd zierlichen Füßen. Das Ganze hätte ihm die Erscheinung eines Bodybuilders aus einem Cartoon verliehen, wenn da nicht sein mächtiger Schmerbauch gewesen wäre und eine bedrohliche, ungeduldige Aura, die einen zwang, ihn ernst zu nehmen.

Ich wartete am Wagen, während Mackenzie und ein Sergeant in Zivil losgegangen waren, um sich den Hund anzuschauen. Sie schienen es nicht eilig zu haben und wirkten beinahe unbekümmert, als sie hinüberschlenderten. Doch die Tatsache, dass ein Chief Inspector des Kriminaldienstes und keine uniformierten Beamten erschienen war, war ein Zeichen dafür, dass die Polizei die Sache nicht auf die leichte Schulter nahm.

Er war zu mir zurückgekommen, während der Sergeant ins Haus gegangen war, um sich in den Zimmern umzusehen. «Dann erzählen Sie mir noch einmal, warum Sie hergekommen sind.»

Er roch nach Aftershave und Schweiß und leicht nach Pfefferminz. Seine sonnenverbrannte Kopfhaut leuchtete durch sein dünner werdendes rotes Haar, aber wenn er sich in der Sonnenhitze unwohl fühlte, dann zeigte er es nicht.

«Ich war gerade in der Nähe und dachte, ich schaue mal vorbei.»

«Also ein Höflichkeitsbesuch?»

«Ich wollte nur schauen, ob bei ihr alles in Ordnung ist.»

Wenn ich es vermeiden konnte, wollte ich Linda Yates aus dem Spiel lassen. Als ihr Arzt musste ich davon ausgehen, dass das, was sie mir erzählt hatte, vertraulich war. Außerdem glaubte ich nicht, dass ein Polizist viel auf einen Traum gab. Ich hätte selbst nicht viel darauf geben sollen. Andererseits war Sally unerklärlicherweise nicht hier.

«Wann haben Sie Miss Palmer zum letzten Mal gesehen?», fragte Mackenzie.

Ich überlegte. «Vor einigen Wochen.»

«Können Sie das etwas genauer sagen?»

«Ich erinnere mich, sie vor ungefähr zwei Wochen im Pub beim Sommerfest gesehen zu haben.»

«War sie mit Ihnen dort?»

«Nein. Aber wir haben uns unterhalten.» Kurz. Hallo, wie geht’s? Gut, bis später. Ziemlich unbedeutend, wie die meisten letzten Worte. Wenn sie das waren, sagte ich mir. Aber ich hatte mittlerweile keine Zweifel mehr.

«Und obwohl Sie sie seitdem nicht mehr getroffen haben, beschließen Sie heute plötzlich, bei ihr vorbeizuschauen.»

«Ich hatte gehört, dass man eine Leiche gefunden hat. Da wollte ich nachschauen, ob bei ihr alles in Ordnung ist.»

«Warum sind Sie so sicher, dass es sich um die Leiche einer Frau handelt?»

«Das bin ich mir gar nicht. Aber ich dachte, es könnte nicht schaden, wenn ich mal nach Sally sehe.»

«Was für eine Beziehung haben Sie beide?»

«Wir sind befreundet, würde ich sagen.»

«Eng?»

«Eigentlich nicht.»

«Schlafen Sie mit ihr?»

«Nein.»

«Haben Sie mal mit ihr geschlafen?»

Ich war kurz davor, ihm zu sagen, er solle sich um seine Angelegenheiten kümmern. Aber genau das tat er ja. Die Privatsphäre zählte in solchen Situationen nicht viel, das wusste ich nur zu gut.

«Nein.»

Er starrte mich an, ohne etwas zu sagen. Ich starrte zurück. Nach einem Augenblick nahm er eine Packung Minzbonbons aus seiner Tasche. Als er gemächlich einen in den Mund steckte, fiel mir der seltsam geformte Leberfleck an seinem Hals auf.

Er steckte die Bonbons zurück, ohne mir einen angeboten zu haben. «Also hatten Sie keine Beziehung mit ihr? Sie sind nur gute Freunde, richtig?»

«Wir kennen uns, das ist alles.»

«Dennoch sind Sie hergekommen, um nachzuschauen, ob bei ihr alles in Ordnung ist. Sie und niemand anderes.»

«Sie lebt ganz allein hier draußen. Der Hof ist selbst für unsere Verhältnisse ziemlich abgelegen.»

«Warum haben Sie sie nicht angerufen?»

Ich war einen Moment sprachlos. «Daran habe ich nicht gedacht.»

«Hat sie ein Handy?» Ich sagte ihm, dass sie eines hatte. «Haben Sie ihre Nummer?»

Sie war in meinem Handy gespeichert. Während ich in meinem Verzeichnis danach suchte, wusste ich, was er mich gleich fragen würde, und kam mir dumm vor, weil ich nicht selbst daran gedacht hatte.

«Soll ich anrufen?», bot ich an, bevor er etwas sagen konnte.

«Warum nicht?» Ich spürte, wie er mich beobachtete, als ich auf die Verbindung wartete. Ich fragte mich, was ich sagen sollte, wenn sie ranging. Aber im Grunde glaubte ich nicht, dass sie es tun würde.

Im Haus ging ein Fenster auf. Der Sergeant beugte sich hinaus. «Sir, in einer Handtasche klingelt ein Telefon.»

Wir konnten es leise hinter ihm hören, ein elektronisches Bimmeln. Ich legte auf. Im Haus verstummten die Töne. Mackenzie nickte ihm zu. «In Ordnung, das waren nur wir. Machen Sie weiter.»

Der Sergeant verschwand. Mackenzie rieb sein Kinn. «Das beweist gar nichts», sagte er.

Ich erwiderte nichts.

Er seufzte. «Himmel, diese verdammte Hitze.» Er gab zum ersten Mal zu erkennen, dass sie ihm zu schaffen machte. «Kommen Sie, gehen wir aus der Sonne.»

Wir stellten uns in den Schatten des Hauses.

«Wissen Sie, ob sie Familie hat?», fragte er. «Ob es irgendjemanden gibt, der wissen könnte, wo Miss Palmer ist?»

«Eigentlich nicht. Sie hat den Hof geerbt, aber soweit ich weiß, hat sie in der Gegend keine weitere Familie.»

«Und Freunde? Abgesehen von Ihnen?»

Das könnte eine Spitze gewesen sein, aber es war schwer zu sagen. «Sie kannte die Leute im Dorf. Aber ich weiß nicht, mit wem sie mehr zu tun hatte.»

«Liebhaber?», fragte er und beobachtete meine Reaktion.

«Nicht dass ich wüsste. Tut mir Leid.»

Er brummte etwas und schaute auf seine Uhr.

«Was passiert als Nächstes?», fragte ich. «Werden Sie überprüfen, ob die DNA der Leiche mit Proben aus dem Haus übereinstimmt?»

Er musterte mich. «Sie scheinen sich ja auszukennen.»

Ich spürte, wie ich rot wurde. «Nicht wirklich.»

Ich war froh, dass er nicht nachhakte. «Noch wissen wir nicht, ob wir es hier mit einem Tatort zu tun haben. Wir haben eine Frau, die vielleicht vermisst wird, vielleicht auch nicht, das ist alles. Es gibt keine Verbindung zwischen ihr und der Leiche, die gefunden wurde.»

«Und der Hund?»

«Der könnte von einem anderen Tier getötet worden sein.»

«Soweit ich es erkennen konnte, sieht die Halswunde wie ein Schnitt aus, nicht wie ein Biss. Sie stammt von einer scharfen Kante.»

Wieder sah er mich abschätzend an, und ich hätte mich am liebsten getreten, weil ich den Mund nicht halten konnte. Ich war jetzt Arzt. Nichts anderes. «Mal sehen, was die Forensiker sagen. Aber selbst wenn es so wäre, dann hätte auch Miss Palmer ihn umbringen können.»

«Das glauben Sie doch selbst nicht.»

Er schien etwas erwidern zu wollen, überlegte es sich dann aber anders. «Nein. Nein, das glaube ich nicht. Aber ich werde jetzt auch keine voreiligen Schlüsse ziehen.»

Die Haustür ging auf. Der Sergeant tauchte auf und schüttelte den Kopf. «Nichts. Aber im Flur und im Wohnzimmer ist das Licht angelassen worden.»

Mackenzie nickte, als wäre es genau das, was er erwartet hatte. Er wandte sich an mich. «Wir brauchen Sie dann nicht mehr, Dr.Hunter. Es wird jemand vorbeikommen, um Ihre Aussage aufzunehmen. Und ich würde es begrüßen, wenn Sie mit niemandem über diese Sache reden.»

«Selbstverständlich.» Ich versuchte, mich nicht darüber zu ärgern, dass er diese Bitte überhaupt für nötig hielt. Er drehte sich weg und sprach mit dem Sergeant. Ich ging los und blieb dann zögernd stehen.

«Eine Sache noch», sagte ich. Er schaute mich gereizt an. «Dieser Leberfleck da an Ihrem Hals. Wahrscheinlich ist es nichts, aber es könnte nicht schaden, ihn mal untersuchen zu lassen.»

Ich ließ ihn stehen und ging zum Wagen.

Benommen fuhr ich zurück ins Dorf. Die Straße führte an Manham Water vorbei, dem seichten See oder Teich, der jedes Jahr ein wenig mehr von seiner Fläche an das wuchernde Schilf verlor. Seine Oberfläche war spiegelglatt und wurde nur von einem Zug Gänse durchbrochen, die darauf einfielen. Weder der See noch die zugewachsenen Bäche und Kanäle, die durch die Sümpfe führten, waren schiffbar, und da es in der Nähe des Dorfes keinen Fluss gab, war Manham abgeschnitten vom Bootsverkehr und Touristenstrom, der während des Sommers im Rest der Broads einfiel. Obwohl die Nachbarorte nur wenige Meilen entfernt waren, schien es zu einem anderen Teil Norfolks zu gehören, einem älteren und weniger gastfreundlichen. Umgeben von Wäldern, Sümpfen und schlecht entwässertem Marschland, war das Dorf in jeder Hinsicht tiefste Provinz. Abgesehen von gelegentlichen Hobby-Ornithologen blieb es sich selbst überlassen und versank wie ein asozialer alter Mann immer tiefer in seine Isolation.

Perverserweise machte Manham an diesem Abend im Sonnenschein einen beinahe fröhlichen Eindruck. Die knallbunten Blumenbeete an der Kirche und auf der Dorfwiese leuchteten so hell, dass es schmerzte. Sie waren eine von Manhams wenigen Quellen des Stolzes und wurden gewissenhaft gepflegt vom alten George Mason und seinem Enkel Tom, den beiden Gärtnern, die ich angesprochen hatte, als ich damals im Dorf angekommen war. Sogar der Stein der Märtyrerin am Rande der Wiese war von den hiesigen Schulkindern mit Blumengirlanden geschmückt worden. Den alten Mühlstein zu dekorieren, an dem im sechzehnten Jahrhundert angeblich eine Frau von ihren Nachbarn gesteinigt worden ist, war ein jährliches Ereignis. Der Legende nach hatte sie einen Säugling von irgendeiner Lähmung geheilt, nur um zum Dank als Hexe angeklagt zu werden. Henry machte sich immer darüber lustig, dass nur Manham jemanden für eine gute Tat martern könnte, und scherzte, dass wir beide das nicht vergessen sollten.

Ich wollte nicht nach Hause, also fuhr ich in die Praxis. Ich hielt mich häufig dort auf, selbst wenn ich nicht musste. Manchmal fühlte ich mich in meinem Cottage einsam; in dem großen Haus gab es wenigstens immer die Illusion, etwas zu tun zu haben. Ich trat durch die Hintertür ein, die in die separate Praxis führte. Ein alter Wintergarten, der durch die Pflanzen, die Janice liebevoll pflegte, eng und feucht war, diente als Anmeldung und Wartezimmer. Ein Teil des Erdgeschosses war zu Henrys privaten Wohnräumen umgebaut worden. Aber der lag am anderen Ende des Hauses, das mehr als groß genug war, um uns beide unterzubringen. Ich hatte sein altes Sprechzimmer übernommen, und als ich die Tür hinter mir schloss, empfing mich der beruhigende Duft von altem Holz und Bienenwachs. Obwohl ich es seit meiner Ankunft fast jeden Tag benutzte, spiegelte das Zimmer mit seinem alten Jagdgemälde, dem Schreibtisch mit Rollverdeck und dem lederbezogenen Kapitänsstuhl immer noch mehr Henrys Persönlichkeit als meine. In den Bücherregalen standen neben seinen alten Medizinbüchern und Zeitschriften auch Bände, die weniger typisch für einen Landarzt waren. Es gab Texte von Kant und Nietzsche, und ein ganzes Regalbrett wurde von der Psychologie beansprucht, einem von Henrys Steckenpferden. Mein einziger Beitrag zum Zimmer war der Computer, der leise auf dem Schreibtisch summte; eine Neuerung, die Henry nach monatelangen Überredungskünsten mürrisch hingenommen hatte.

Er hatte sich nie wieder so weit erholt, um ganztägig arbeiten zu können. Wie sein Rollstuhl hatte sich mein Zeitvertrag zu einer Art Dauereinrichtung entwickelt. Zuerst war er verlängert und dann, als klar geworden war, dass Henry seine Praxis nicht mehr allein würde führen können, in eine Partnerschaft umgewandelt worden. Selbst der alte Landrover Defender, den ich jetzt fuhr, war einmal seiner gewesen. Es war ein zerbeulter, alter Automatikwagen, gekauft nach dem Autounfall, der ihn querschnittsgelähmt und seine Frau Diana getötet hatte. Ihn zu kaufen war eine demonstrative Geste gewesen, als er sich noch an die Hoffnung klammerte, wieder fahren und gehen zu können. Aber das war bisher nicht der Fall gewesen. Und es würde auch nicht mehr passieren, hatten ihm die Ärzte gesagt.

«Idioten. Kaum haben sie einen weißen Kittel an, schon glauben sie, sie wären Gott», hatte er geschimpft.

Aber schließlich hatte selbst Henry akzeptieren müssen, dass sie Recht hatten. Und so erbte ich nicht nur den Landrover, sondern Stück für Stück auch den größten Teil der Praxis. Anfänglich hatten wir die Arbeit noch mehr oder weniger gleichmäßig aufgeteilt, mit der Zeit hatte ich jedoch immer mehr übernommen. Was allerdings nichts daran änderte, dass er in der Augen der meisten Leute «der richtige Arzt» blieb. Ich hatte jedoch aufgehört, mich darüber zu ärgern. Für Manham war ich weiterhin ein Neuling und würde es wahrscheinlich auch immer bleiben.

In der Hitze des späten Nachmittages versuchte ich mir nun ein paar medizinische Webseiten anzuschauen, aber ich war nicht richtig bei der Sache. Ich stand auf und öffnete die Verandatüren. Der Ventilator auf meinem Schreibtisch surrte und rührte geräuschvoll die schwüle Luft um, ohne sie abzukühlen. Auch die offenen Fenster nützten nichts. Ich starrte hinaus in den ordentlich gepflegten Garten. Wie die gesamte Umgebung war auch er zu trocken; man konnte fast dabei zusehen, wie die Sträucher und der Rasen in der Hitze verkümmerten. Der Garten grenzte direkt an den See und hatte nur eine niedrige Uferböschung als Schutz vor den unvermeidlichen Überschwemmungen im Winter. An einem kleinen Steg war Henrys altes Dingi vertäut. Es handelte sich lediglich um ein besseres Ruderboot, aber für alles andere war Manham Water auch nicht tief genug. Der See war eben nicht der Solent, und es gab Zonen, die zu seicht oder mit Schilf zugewachsen waren, um sich hineinzuwagen. Trotzdem segelten wir beide gerne hinaus.

Heute wäre es allerdings sinnlos, ein Segel zu setzen. Es war absolut windstill. Aus meinem Blickwinkel trennte lediglich eine zackige Linie fernen Schilfes den See vom Himmel. Es gab nur die flache Ebene und das Wasser, eine Leere, die, abhängig von der Stimmung, entweder friedlich oder trostlos wirken konnte.

Jetzt fand ich sie nicht friedlich.

«Dachte mir doch, dass ich dich gehört habe.»

Ich drehte mich um, während Henry ins Zimmer rollte. «Ich versuche nur, ein paar Sachen zu regeln», sagte ich und fing meine abgeschweiften Gedanken wieder ein.

«Wie ein verdammter Ofen hier drinnen», brummte er und blieb vor dem Ventilator stehen. Abgesehen von seinen unbrauchbaren Beinen sah er wie das blühende Leben aus: cremig weißes Haar über einem gebräunten Gesicht und hellwache, dunkle Augen.

«Was hat es denn damit auf sich, dass die Yates-Kinder eine Leiche gefunden haben? Janice konnte sich gar nicht mehr einkriegen, als sie mir das Mittagessen gebracht hat.»

Sonntags brachte ihm Janice auf einem abgedeckten Teller meistens etwas von den Mahlzeiten, die sie für sich selbst gekocht hatte. Henry bestand zwar darauf, dass er in der Lage war, sein Sonntagsessen eigenhändig zu kochen, aber mir war aufgefallen, dass er sich selten ernsthaft dagegen wehrte. Janice war eine gute Köchin, und ich vermutete, dass ihre Gefühle für Henry über die einer Haushälterin hinausgingen. Da sie selbst unverheiratet war, hielt ich ihre Abneigung gegen seine verstorbene Frau hauptsächlich für Eifersucht, obwohl sie mehr als einmal irgendeinen vergangenen Skandal angedeutet hatte. Ich hatte deutlich gemacht, dass ich nichts davon wissen wollte. Auch wenn Henrys Ehe nicht die idyllische Beziehung gewesen war, an die er sich nun zu erinnern schien, hatte ich keinerlei Interesse daran, alten Klatsch aufgewärmt zu kriegen.

Dass Janice von der Leiche wusste, überraschte mich allerdings nicht. Die Nachricht war mittlerweile bestimmt schon im halben Dorf herum.

«Drüben bei Farnley Wood», erzählte ich ihm.

«Wahrscheinlich irgendein Vogelfreund. Ist wohl bei der Hitze umgefallen.»

«Wahrscheinlich.»

Seine dunklen Augenbrauen erhoben sich bei meinem Tonfall. «Was sonst? Erzähl mir nicht, wir haben einen Mord! Das würde ein bisschen Leben in die Bude bringen.» Sein Lächeln verschwand, als ich es nicht erwiderte. «Irgendetwas sagt mir, ich sollte keine Witze darüber machen.»

Ich erzählte ihm von meinem Besuch auf Sally Palmers Hof, in der Hoffnung, dass, wenn ich es aussprach, es die schlimme Ahnung milderte. Das tat es nicht.

«Himmelherrgott», sagte Henry bedrückt, nachdem ich fertig war. «Und die Polizei glaubt, dass sie es sein könnte?»

«Sie sagen weder das eine noch das andere. Ich nehme an, sie können noch nichts sagen.»

«Mein Gott, was für eine schreckliche Sache.»

«Vielleicht ist sie es ja auch nicht.»

«Ja, genau», stimmte er zu. Aber ich konnte ihm ansehen, dass er das genauso wenig glaubte wie ich. «Tja, ich weiß nicht, wie es mit dir ist, aber ich könnte einen Drink vertragen.»

«Danke, aber ich passe.»

«Willst du später noch ins Lamb?»

Das Black Lamb war der einzige Pub des Dorfes. Ich ging häufig dort hin, aber ich wusste, dass das Hauptthema der Gespräche heute Abend eines sein würde, bei dem ich nicht mitreden wollte.

«Nein, ich glaube, ich bleibe heute Abend einfach zu Hause», sagte ich ihm.

Mein Haus war ein altes Steincottage am Rande des Dorfes. Ich hatte es mir gekauft, nachdem klar geworden war, dass ich länger als sechs Monate bleiben würde. Henry hatte mir gesagt, ich könnte gerne bei ihm wohnen bleiben, und Bank House war weiß Gott groß genug. Allein der Weinkeller hätte mein Cottage verschluckt. Aber ich hatte lieber in eine eigene Wohnung ziehen wollen, um endlich Wurzeln zu schlagen, anstatt ewiger Untermieter zu bleiben. Und sosehr mir meine neue Arbeit auch gefiel, ich wollte nicht mit ihr leben. Manchmal war es einfach besser, wenn man die Tür schließen und fortgehen konnte – in der Hoffnung, dass das Telefon wenigstens ein paar Stunden lang nicht klingelte.

Dies war so ein Moment. Über den Kirchhof strebten ein paar Leute zum Abendgottesdienst. Scarsdale, der Pfarrer, stand an der Kirchentür. Er war ein ältlicher, mürrischer Mann, den besonders zu mögen ich nicht behaupten konnte. Doch er lebte seit Jahren hier und hatte eine treue, wenn auch kleine Gemeinde. Ich hob meine Hand, um Judith Sutton zurückzugrüßen, eine Witwe, die mit ihrem erwachsenen Sohn Rupert zusammenwohnte, einem übergewichtigen Klotz, der immer zwei Schritte hinter seiner herrischen Mutter hertrottete. Sie sprach gerade mit Lee und Marjory Goodchild, einem prüden hypochondrischen Paar, das ständig bei uns im Wartezimmer saß. Ich hoffte, dass man mich jetzt nicht für eine spontane Konsultation aufhielt. Außer Dienst war man in Manham nie.

Doch heute Abend hielten mich weder die beiden noch irgendjemand anderes auf. Ich parkte auf dem ausgetrockneten Boden neben dem Cottage und ging hinein. Drinnen war es stickig. Ich öffnete die Fenster so weit wie möglich und nahm ein Bier aus dem Kühlschrank. Obwohl ich nicht ins Lamb gehen wollte, brauchte ich einen Drink. Und als mir klar wurde, wie sehr ich einen Drink brauchte, stellte ich das Bier zurück und machte mir stattdessen einen Gin Tonic.

Ich brach etwas Eis ins Glas, fügte einen Schnitz Zitrone hinzu und setzte mich an den kleinen Holztisch im hinteren Garten. Ich schaute über ein Feld zum Wald, was kein so spektakulärer Ausblick war wie der von der Praxis, aber dafür war die Landschaft auch nicht ganz so niederschmetternd. Ich ließ mir Zeit mit dem Gin, machte mir dann ein Omelett und aß es draußen. Die Hitze ließ endlich nach. Während ich am Tisch saß, wurde es langsam dunkler und die ersten zögerlichen Sterne kamen zum Vorschein. Ich dachte daran, was ein paar Meilen weiter im Gange war, an die Betriebsamkeit, die jetzt in dem einst friedlichen Landstrich herrschen würde, wo die Yates-Brüder ihre Entdeckung gemacht hatten. Ich versuchte, mir Sally Palmer irgendwo gesund und munter vorzustellen, als würde der Gedanke daran helfen, es Wahrheit werden zu lassen. Doch irgendwie verblasste das Bild von ihr in meinem Kopf gleich wieder.

Um den Moment hinauszuzögern, an dem ich ins Bett gehen und dem Schlaf gegenübertreten musste, blieb ich sitzen, bis sich der Himmel zu einem samtenen Indigoblau verfärbt hatte, durchstoßen vom strahlenden Flackern der Sterne, einer willkürlichen Zeichensprache aus längst toten Lichtflecken.

Ich fuhr aus dem Schlaf auf, schweißgebadet und nach Atem ringend. Ich starrte umher und hatte keine Ahnung, wo ich war. Dann hüllte mich das Bewusstsein wie ein Mantel wieder ein. Ich war nackt und stand vor dem offenen Schlafzimmerfenster. Das Fensterbrett drückte in meine Oberschenkel, denn ich hatte mich weit herausgelehnt. Ich wich mit wackeligen Beinen zurück und setzte mich aufs Bett. Im Mondschein leuchteten die zerknitterten weißen Laken fast. Während ich darauf wartete, dass sich mein Herzschlag wieder normalisierte, trockneten langsam die Tränen auf meinem Gesicht.

Ich hatte wieder den Traum gehabt.

Es war einer von den Schlimmen gewesen. Wie immer war er so lebendig gewesen, dass das Aufwachen wie die Illusion erschien und mein Traum wie die Realität. Das war das Grausamste daran. Denn in den Träumen waren Kara und Alice, meine Frau und meine sechsjährige Tochter, noch am Leben. Ich konnte sie sehen, mit ihnen sprechen. Sie berühren. In den Träumen konnte ich glauben, dass wir noch eine Zukunft hatten und nicht nur eine Vergangenheit.

Ich hatte Angst vor diesen Träumen. Nicht so, wie man einen Albtraum fürchtet, denn in meinen Träumen geschah nichts Fürchterliches. Nein, es war genau das Gegenteil. Ich hatte Angst vor ihnen, weil ich irgendwann wieder aufwachen musste.

Dann war der Schock der Trauer, des Verlustes genauso frisch wie damals, als es passierte. Häufig wachte ich auf und wusste nicht, wo ich war. Mein schlafwandelnder Körper bewegte sich ohne mein Bewusstsein. Ich stand vor dem offenen Fenster, wie jetzt, oder oben auf der steilen und gnadenlosen Treppe und konnte mich nicht erinnern, wie ich dorthin gelangt war oder welch unterbewusster Drang mich gelenkt hatte.

Trotz der schwülen Nachtluft zitterte ich. Draußen war das einsame Gebell eines Fuchses zu hören. Nach einer Weile legte ich mich hin und starrte an die Decke, bis die Schatten verblassten und die Dunkelheit verschwand.

KAPITEL 4

DER NEBEL LAG noch über dem Sumpf, als die junge Frau die Tür hinter sich schloss und sich auf ihren morgendlichen Lauf machte. Lyn Metcalf hatte einen lockeren, athletischen Laufstil. Obwohl die Zerrung in der Wade gut heilte, ging sie es zuerst langsam an und trabte entspannt los, als sie sich auf dem schmalen Weg von ihrem Haus entfernte. Nach einer Weile bog sie auf einen überwucherten Pfad, der durch das Marschland zum See führte.

Lange Grashalme, noch feucht und kalt vom Tau, schlugen ihr beim Laufen gegen die Beine. Sie holte tief Luft und genoss das Gefühl. Auch wenn es Montagmorgen war, einen besseren Start in die neue Woche konnte sie sich nicht vorstellen. Für sie war dies die schönste Zeit des Tages. Noch musste sie sich nicht um die Steuererklärungen von Bauern und kleinen Geschäftsleuten kümmern, die sich über ihre Ratschläge doch nur ärgerten, noch lag der Tag wie ein Versprechen vor ihr, und noch konnte ihr niemand die Laune verderben. Im Moment war alles frisch und klar, reduziert auf das rhythmische Federn ihrer Füße auf dem Weg und ihre gleichmäßigen Atemzüge.