Die Chroniken der Seelenwächter - Band 12: Die Erlösung (Urban Fantasy) - Nicole Böhm - E-Book
Beschreibung

Das große Zyklusfinale ist da! Die Lage spitzt sich zu. Joanne ist auf freiem Fuß, bereit, ihrem Meister zu dienen und ihm die letzte Seele zu liefern. Die Seelenwächter stehen einem Feind gegenüber, dem sie hilflos unterlegen sind. Auch Jess hat Mühe, zurück zu ihren Freunden zu finden. Gestrandet im Nirgendwo versucht sie, Kontakt zu Jaydee herzustellen. Die Erlösung naht - und sie bringt den Tod mit sich. Magie, Mystery, gefährliche Rätsel und eine dramatische Liebe definieren den ewigen Kampf zwischen den Seelenwächtern und den Schattendämonen. Nicole Böhm verknüpft uralte Sagen mit Ereignissen der Gegenwart. Das Zyklusfinale besitzt Überlänge, weshalb der Preis einmalig erhöht wird.

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Seitenzahl:508

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Ähnliche


Table of Contents

Die Erlösung

Was bisher geschah

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

Vorschau

Nachwort

Charaktere

Glossar

Impressum

Die Chroniken der Seelenwächter

Band 12

„Die Erlösung“

von Nicole Böhm

 

 

 

 

 

 

 

Für Papa. Petri Heil.

Was bisher geschah

 

Auf der Suche nach ihrer verschollenen Mutter bricht die junge Jess in eine Kirchenruine ein. Sie möchte den Geist des toten Pfarrers beschwören, kennt er doch möglicherweise das Geheimnis um ihr Verschwinden. Statt Antworten warten nur noch mehr Fragen. Sie lernt die geheimnisvollen Seelenwächter kennen, die seit Jahrtausenden unerkannt unter den Menschen leben und diese vor den Tod bringenden Schattendämonen schützen.

Im Verlauf turbulenter Ereignisse verliert Jess nicht nur ihren Vormund Ariadne, sie muss auch erkennen, dass ihr eigenes Schicksal eng mit dem Wirken der Seelenwächter verknüpft ist. Jess stammt aus einer alten Blutlinie, die seit Jahrtausenden eine besondere Begabung für Musik zeigt. Unter anderem zählte König David zu Jess‘ Vorfahren. Durch die Magie seines Harfenspiels könnte eine alte Feindin der Seelenwächter die Freiheit erlangen. Zu Jess‘ Schutz belegte ihre Mutter sie mit einem Zauber, der diese Gabe unterdrückt und gleichzeitig Jaydee – ein junger Mann, der auf der Seite der Seelenwächter kämpft und Jess‘ Herz gewinnt – von ihr fernhält.

Aber die Gefahren lauern nicht nur in der Vergangenheit: Ralf, der Bruder von William, hat sich zu einem Mischwesen aus Schattendämon und Seelenwächter entwickelt. Nun will er mit Hilfe einer alten diabolischen Energie, dem Emuxor, die Schattendämonen auf eine höhere Bewusstseinsebene heben, um die Menschen als dominierende Spezies abzulösen. Hierfür benötigt Ralf die Seelen der vier Ratsmitglieder. Die ersten drei hat er. Als Letztes steht Logan auf seiner Liste.

Während die Seelenwächter gegen die Bedrohung durch Ralf kämpfen, findet sich Jess an einem einsamen Ort in der Antarktis wieder. Um sich selbst zu retten, entwirft sie einen wagemutigen Plan und lockt damit nicht nur zwei Helfer, sondern auch eine alte Feindin an.

Die Wolken verdichten sich am Horizont. Die Seelenwächter rüsten sich für den Kampf gegen die Schattendämonen, während Jess nur eines will: überleben und heimkehren zu ihrer neuen Familie.

1. Kapitel

 

»Daddy?«

Es ist still. Warum ist es so still? Ich drücke Mr. Curly enger an mich. Er ist weich und warm und nass. Ich glaube, ich habe geweint. Bestimmt habe ich geweint, denn meine Augen fühlen sich ganz dick an.

Kann ich jetzt wieder rauskommen? Daddy hat gesagt, ich solle mich in Sicherheit bringen. »In Sicherheit bringen« heißt Wandschrank. Daddy war ganz hektisch gewesen. Er hat mir nicht gefallen. Ich glaube, er hatte Angst, aber ich kann ihn beschützen. Er muss doch keine Angst haben.

Mir tun die Beine weh. Ich will sie ausstrecken und klettere aus meinem Versteck. Ob die Fremden noch da sind? Sie sahen nicht nett aus. Das Mädchen war das schlimmste. Erst dachte ich, sie wäre freundlich, aber dann hat sie herumgeschrien. Ich mag es nicht, wenn jemand schreit. Dann brennen mir die Ohren.

Ich klemme Mr. Curly unter den Arm und tapse nach draußen. Meine Füße sind ganz kalt. Ich trage keine Socken. Daddy wird schimpfen, wenn er das sieht. Er hat dann Angst, ich werde krank. Vielleicht bin ich es schon, weil meine Augen so brennen. Außerdem tut mir der Bauch weh. Ich glaube, mir ist schlecht.

»Daddy?«, rufe ich noch mal, aber er antwortet nicht. Jetzt weiß ich, dass er ganz sicher Hilfe braucht. Er würde mich nie »in Sicherheit« schicken und dann gehen. Das macht er nicht. Weil er auf mich aufpasst. Vielleicht muss ich auf ihn aufpassen. Ich bin schon groß. Ich kann Kungfuu und ich habe die ersten Sat San Choi gemacht. Ich habe die Wörter gelernt, weil es Daddy gefällt, wenn ich sie ausspreche.

Jetzt muss ich ganz leise sein. Erst lege ich Mr. Curly ab. Er kann nicht kämpfen. Er ist ja nur ein Teddybär, und die können kein Kungfuu.

»Zum letzten Mal: Wo ist sie?«

Ich erschrecke. Das ist das Mädchen! Sie ist noch da. Ganz schnell ducke ich mich hinter die Gitter des Treppengeländers. Wenn ich ganz still bin, wird sie mich nicht hören. Ich mache das, was Daddy obserervieren nennt. Er hat es mir erklärt. Den Gegner beobachten. Seine Schwächen ausloten. Ich bin eine gute Schülerin. Ich weiß solche Sachen. Ich sage sie mir jeden Abend vor, bevor ich einschlafe: obserervieren; Kungfuu; Sat San Choi. Ich werde Daddy zeigen, was ich schon kann. Ich werde alle wegjagen, damit wir wieder alleine sein können. Dann bringt mich Daddy bestimmt ins Bett und sagt mir, wie stolz er auf mich ist.

Jetzt bin ich froh, dass ich so viel Mut habe. Ich gehe zwei Stufen runter, damit ich besser obserervieren kann. Die dritte Stufe knackt, wenn man drauftritt, da muss ich aufpassen. Ich sehe ins Esszimmer. Daddy ist da. Er sitzt auf einem Stuhl und hat die Hände nach hinten gebogen. Das sieht nicht bequem aus. Er ist ganz blass. Bestimmt tut ihm die Haltung weh. Das Mädchen ist auch da. Wenn sie nicht spricht, sieht sie ganz harmlos aus. So zierlich und klein. Aber Daddy hat mir gesagt, dass viele Gegner das tun, um sich zu tarnen. Die Männer, die sie dabeihat, finde ich gruselig. Sie blicken so grimmig, wie der böse Wolf in dem Märchen, das Daddy mir immer vorliest. Dabei mag ich keine Märchen. Ich bin schon zu groß dafür. Ich will lieber mehr über Kungfuu lernen.

Ich mache meine Beine ganz lang, damit ich nicht auf die Knarzestufe treten muss, und klettere weiter hinunter. Daddy keucht. Ich sehe zu ihm. Er hat mich entdeckt. Er zittert. Ich glaube, er wird auch krank. Ich mache noch einen Schritt, aber Daddy schüttelt den Kopf und zeigt mit seinen Augen nach oben. Das ist Körpersprache. Das habe ich auch gelernt. Die Körpersprache benutzt keine Wörter. Daddy will, dass ich gehe. Ich schüttele den Kopf, lege meine Handflächen aufeinander, um ihm zu zeigen, dass ich Kungfuu anwenden werde. Ich mache noch einen Schritt. Daddy macht einen ganz komischen Laut. Es klingt, als ob er schlimme Schmerzen hat. Das Mädchen dreht sich herum und sieht in meine Richtung. Ich weiche zurück an die Wand und halte mich im Schatten auf. Ich weiß, dass ich fast unsichtbar in den Schatten bin, weil meine Haut so dunkel ist.

»Höre ich da etwa einen Herzschlag?«, sagt sie. »Geh nachsehen, Carlos.«

Der böse Mann kommt auf mich zu. Daddy schaut mich ganz ernst an. Jetzt muss ich gehorchen. Nur schlechte Schüler gehorchen nicht. Ich drehe um und renne nach oben. Der böse Mann folgt mir. Im Wandschrank wird er mich nicht finden. Da bin ich sicher. Daddy sagt immer, dass kein Monster durch die Wände kann, weil sie magisch sind. Ich hebe Mr. Curly auf und nehme ihn mit.

»Ich warte«, sagt das Mädchen.

»Meine Antwort bleibt dieselbe«, antwortet Daddy. »Du bekommst die Harfe nicht!«

 

»Keira!«

Joshuas Stimme riss sie aus ihrer Lethargie. Er packte ihren Arm und zerrte sie in Richtung Haus. Sie taumelte, folgte ihm unwillkürlich.

Du bekommst die Harfe nicht.

Die letzten Worte ihres Vaters, der letzte Atemzug, der letzte Herzschlag. Danach hatte Coco ihn umgebracht und ausbluten lassen.

Auf einmal lief alles um sie herum in Zeitlupe ab. Sie wusste, dass sie in der Antarktis waren, dass sie gekommen waren, um Jess zu retten, dass diese die Nachfahrin König Davids war und unbedingt beschützt werden musste. Keira wusste, was auf dem Spiel stand – und dennoch zögerte sie.

»Denk an deinen Schwur, Keira! Du kannst sie nicht umbringen.«

Keira blickte ihn an. Aber sie musste doch! Sie hatte es geschworen. Für ihren Vater. Für ihre Seele. Für ihren Frieden ...

Das Portal zischte, zwei Männer traten heraus und schauten sich um. Keira erkannte sie sofort. Alles, was in der Nacht geschehen war, hatte sich in ihr Hirn eingebrannt. Es waren die selben Söldner, die Coco damals dabeigehabt hatte. Sie hatten den selben leeren Ausdruck in den Augen, bewegten sich mit der selben hohlen Gelassenheit, und ganz bestimmt gehorchten sie Coco nach wie vor aufs Wort.

Joshua packte Keira auch am zweiten Arm. »Komm mit!«

Und dann erschien sie: Coco. Ihr langes Kleid umspielte ihren dürren Körper, die schwarzen Haare wehten um ihre Schultern. Ein dritter Mann folgte als Nachhut.

Coco trat zwischen den beiden Männern hindurch und fixierte Keira und Joshua. Würde sie Keira wiedererkennen? In der Nacht hatte sich Keira im Schatten aufgehalten, und Coco konnte – wenn überhaupt – nur einen kurzen Blick auf sie erhascht haben.

»Bitte. Wir müssen die Nachfahrin schützen. Du wirst Rache nehmen können, aber du musst mir folgen!« Joshuas Finger bohrten sich schmerzhaft in ihren Ellbogen. Keira atmete tief ein und konzentrierte sich auf ihren Körper. Die Kälte schnitt ihr über die Haut, ihr Gesicht fühlte sich taub an, die Beine steif.

Gehe auf meinen Deal ein, und du wirst dich an ihr rächen können. Auf eine Art, die viel schlimmer ist als ihr Ableben ...

Sie riss den Blick von Coco los, drehte herum und folgte Joshua in das Gebäude.

Cocos Lachen verfolgte sie. Die Göre wusste genau, dass sie in der Falle saßen.

Die Tür knallte hinter Keira zu und verriegelte sich. Immerhin sah sie stabil genug aus, um sie eine Weile zu schützen.

Blitzschnell scannte sie die Umgebung ab: ein Zimmer, etwa fünfzig Quadratmeter groß, eine Tür rechts, ein Gang links – möglicher Fluchtweg? Feuer im Kamin, heruntergebrannt – eventuell Kohle als Waffe nutzen. Schürhaken – sieht stabil aus. Glasvitrine – Scherben ebenfalls als Waffe nutzbar.

Außerdem trug Keira ihre Armbrust, die fünf Wurfmesser und einen Dolch.

»Gibt es einen zweiten Ausgang?« Oder Eingang, denn im Grunde mussten sie sich hier drinnen nur verbarrikadieren, bis Joshua die Magie von Sophia gerufen hatte.

»Vom Flur zweigen rechts und links Zimmer ab«, sagte Jess. »Aber sie können jederzeit durch die Fenster. Da drüben ist eine Abstellkammer, sie ist komplett abgedichtet.«

»Wie lange brauchst du, Joshua?«

»Fünf Minuten. Vielleicht länger. Ich muss erst Jess‘ Aura abdecken, nur wenn sie komplett versiegelt ist, können wir weg. Ansonsten wird sich Coco an unsere Fersen heften.«

Es polterte gegen die Tür.

Bumm. Bumm. Bumm.

»Das klingt, als würde ein Elefant versuchen, das Ding einzutreten.«

»Das sind Söldner«, sagte Joshua. »Sie gehorchen Coco willenlos, und sie fühlen keinen Schmerz.«

»Prima.« Keira drehte sich um ihre eigene Achse. Sie musste die Kerle hinhalten. »Okay, ihr beide geht in die Abstellkammer. Joshua, du tust, was auch immer du tun musst. Ihr kommt auf keinen Fall vorher raus, verstanden?«

»Können wir dir nicht helfen?«, fragte Jess.

»Doch, indem ihr euch beeilt. Wie ist der Grundriss von diesem Haus? Wo führt der Gang hin?«

»In einzelne Zimmer. Ich glaube, das war so eine Art Forschungsstation gewesen. Die Räume links sehen aus wie Büros, auf der anderen Seite sind die Schlafzimmer. Eins ist verschlossen, da drinnen war ich gefangen. Brauchbare Waffen habe ich keine gefunden, in einem der Zimmer liegen Kabel und ein kaputtes Satellitentelefon. Das war es auch schon.«

Großartig. Von allen verdammten Orten waren sie ausgerechnet im Nirgendwo gestrandet. »Beeilt euch!«

Joshua nickte, Jess wirkte noch unschlüssig, doch er griff nach ihrer Hand und zerrte sie in die Abstellkammer.

Keira sprintete zeitgleich los. Sie rannte den Flur hinunter, warf einen raschen Blick in jedes Zimmer, um sich einen besseren Eindruck zu verschaffen. Hinter ihr klirrte ein Fenster. Das ging schnell.

In dem verwaisten Büro, das Jess erwähnte, stoppte Keira und durchsuchte die Kabel. Sie zog eines der längeren dünnen heraus. Während sie zurückrannte, rollte sie es ein Stück auf und band vorne eine Schlaufe wie bei einem Lasso. Immerhin musste Keira die Jungs nicht besiegen, nur hinhalten, wobei die Versuchung, sich mit Coco anzulegen, nach wie vor groß war. Wie aufs Stichwort zuckte ihre Bauchwunde, die Jaydee ihr zugefügt hatte, als wollte sie sie daran erinnern, dass ein Kampf gegen Coco einem Selbstmordkommando glich.

Als Keira zurück in den Hauptraum gelangte, schüttelte einer der Männer die Scherben von seinem Rücken und öffnete die Tür für die anderen.

Keira presste sich an die Wand, nahm leise die Armbrust vom Rücken und legte einen Bolzen ein. Der zweite Mann trat als Nächstes ein, gefolgt von Coco, die sich in dem Zimmer umblickte und überaus zufrieden wirkte. Eine Schneeböe wehte mit ihnen ins Zimmer, das Feuer im Kamin flackerte, die Flammen wurden kleiner, gingen jedoch nicht aus.

»Ist ja richtig kuschelig.«

Keira lief es eiskalt den Rücken hinunter. Cocos Stimme fraß sich in ihren Bauch, verschlang ihr Herz und rief den Schmerz von damals wach. So lange her – und nichts davon war vergessen. Ihre Hand fing an zu zittern, sie schluckte, schloss kurz die Augen, sammelte sich.

Nicht schlappmachen. Du kannst das!

Keira fokussierte sich auf das Hier und Jetzt, legte ihre Waffe an, zielte und schoss dem ersten Mann mitten ins Ohr. Der Treffer saß. Er zuckte zusammen, drehte herum und blickte zu Keira. Ein leises Knurren drang aus seinem Mund, ansonsten schien es ihn nicht zu stören, dass er einen Pfeil in seinem Ohr stecken hatte. Keira legte nach und feuerte. Dieses Mal traf sie das linke Auge. Er war dem Ding nicht einmal ausgewichen!

»Verdammt.« Sie ging langsam zurück, spannte schon den nächsten Schuss. Sie würde weitermachen, bis sie nichts mehr hatte. Das Kabel ließ sie über ihrem Handgelenk baumeln, sie schoss, traf auf seinen Hals. Sie spießte den Kerl regelrecht auf, aber all das kümmerte ihn nicht im Geringsten.

Sie fühlen keinen Schmerz.

Keira feuerte ihr gesamtes Arsenal auf den Typen ab. Schließlich warf sie die Armbrust weg und legte das Kabel zurecht, damit sie es werfen konnte. All das passierte binnen weniger Augenblicke, aber Keira kam es vor, als würde sie erneut in Zeitlupe leben.

Der zweite Söldner blickte zu ihnen hinüber, verharrte im Eingang, als überlegte er, ob er seinem Freund helfen sollte oder nicht, während Coco im Zimmer stand und zur Abstellkammer schaute. Keiras Angreifer hatte sie fast erreicht. Sie ließ ihn näher herankommen. Er war fast zwei Köpfe größer als sie und doppelt so breit. Sie hatte schon mit Gegnern seines Kalibers gekämpft und gewonnen. Auch ohne Tattoos. Es war eine Frage der Technik, nicht der Kraft, aber ihr Gefühl sagte ihr, dass sie dieses Mal keine Chance hatte. Er machte einen Satz nach vorne, Keira sprang im gleichen Moment ab. Okay, Punkt Nummer eins: Er war träge. Das verschaffte ihr einen Vorteil. Sie fing den Schwung mit einer Rolle nach vorne ab, war sofort wieder auf den Füßen.

Ihr Angreifer fuhr herum, Keira holte aus und schwang das Kabel über seinen Oberkörper. Sie zog es blitzschnell zu, bevor er seine Arme hochreißen konnte. Er kam ins Straucheln, kippte vorne über und plumpste auf den Boden wie ein gefällter Baum.

War ja gar nicht so schwer.

In der Sekunde, als sie herumdrehte, um nach dem anderen Söldner zu sehen, bekam sie einen Schlag mitten ins Gesicht. Keira flog rückwärts, landete hart auf dem Rücken und konnte für Sekunden weder sehen noch hören. Sie röchelte, schnappte nach Luft, über ihr Gesicht rann etwas Warmes. Blut. Und sie bekam keine Luft! Warum nicht? Sie brauchte Sauerstoff! Atmen, Keira! Atmen! Sie drehte sich um, ein dunkler Schatten beugte sich über sie, packte ihre Kehle und zerrte sie in die Höhe. Keira würgte und verschluckte sich an ihrem eigenen Blut, das ihr den Hals hinunterlief.

»Wir kennen uns doch, oder?«, fragte Coco und trat vor sie.

Würde Coco Keiras Vater in ihren Zügen erkennen? Die dunkle Hautfarbe hatte sie von ihrer Mutter geerbt, aber natürlich besaß sie Ähnlichkeit mit ihrem Dad.

Keiras Hand tastete an ihren Gürtel, suchte den Dolch. Sie umklammerte den Griff, zog ihn aus der Halterung und stach blind zu. Ihr Gegenüber zuckte nicht einmal.

Coco schüttelte den Kopf. »Ganz schön hitzig. Halt sie fest, Carlos. Wir kümmern uns später um sie.«

Keiras Kopf sackte nach hinten, als hätten ihre Nackenmuskeln durch den Aufprall die Kraft eingebüßt.

Coco wandte sich dem ersten Söldner zu, der noch gefesselt am Boden lag und mit dem Kabel kämpfte. »Falk, steh auf und mach dich nicht lächerlich! Marwin!«

Keira trat nach Carlos, überlegte, ob sie ein Wurfmesser ziehen sollte, aber vermutlich hatte das genauso viel Wirkung wie bei Falk. Noch immer steckte ein Bolzen in seinem Auge, ein anderer in seinem Ohr.

Ein dritter Mann trat durch die Tür und nickte Coco zu.

»Die Nachfahrin ist da drinnen«, sagte Coco und deutete auf die Tür zur Vorratskammer. »Hol sie.«

Sofort drehte er herum und stiefelte zur Tür.

Hatte Joshua genügend Zeit gehabt? Es waren höchstens ein paar Minuten vergangen, mehr nicht.

Marwin öffnete die Tür zur Vorratskammer. Keira strampelte unter Carlos’ Griff, trat nach ihm, traf ihn am Schienbein, im Bauch, in seinen Eiern. Nichts. Seine Hand lag eisern um ihre Kehle. Keira wurde schwindelig vom Sauerstoffverlust. Es war, als würde ihr gleich der Schädel platzen, so viel Blut staute sich darin. Die Tür zur Kammer flog weiter auf, und auf ein Mal schoss ein gewaltiger Kranich von der Größe eines Mannes aus dem Vorratsraum. Er war aus purem Licht. So rein und strahlend schön, dass es brannte. Keira blinzelte, wollte die Augen schließen, doch sie konnte sich nicht abwenden. Hinter dem Kranich erkannte sie Joshua. Er hielt die Handflächen nach oben gestreckt, seine Lippen formten Worte, die Keira nicht hören konnte, an der Wand neben ihm kauerte Jess. Sie hielt sich geduckt, versuchte, aus der Tür zu spähen und etwas zu erkennen.

Coco schrie, brüllte ihren Gehilfen Befehle zu, die im Ruf des Kranichs untergingen.

Endlich ließ Carlos Keira los, sie sackte auf die Erde, so schwer und taub wie ein Stein. Mit letzter Kraft hob sie den Kopf, sah Joshua. Er hielt die Augen fest geschlossen. Seine Haare – die vorher schon grau waren – verloren sämtliche Farbe und wurden schlohweiß. In seinem Gesicht bildeten sich Falten, als würde sie jemand hineinritzen. Seine Haut wurde fahler, kränker, älter, spannte sich scharf über seine Wangenknochen. Joshua zerfiel vor Keiras Augen.

Die drei Männer stellten sich vor Coco und bildeten einen Schutzwall um sie herum. Sie riss die Hände nach oben, kauerte sich zusammen und schrie vor Angst.

Coco hatte Angst!

Der Kranich!

Er war es. Er zwang Coco in die Defensive.

Jetzt!

Jetzt wäre die Gelegenheit anzugreifen!

Keira robbte nach vorne. Ihre Muskeln bleischwer. Der Kranich wuchs. Erreichte fast die Decke. Seine Flügel spannten sich von einer Wand zur anderen. Er baute sich über Cocos Gehilfen auf und öffnete seinen Schnabel.

Coco schrie weiter. Marwin schoss nach vorne, stemmte sich gegen den Kranich und erreichte schließlich Joshua. Keira wollte ihn warnen, nach ihm rufen, aber es kam nichts über ihre Lippen.

Marwin packte Joshuas Kopf ...

Joshua zuckte, sah zu Keira, lächelte ...

... und dann brach Marwin ihm das Genick.

Keira erstarrte. Der Kranich stieß einen grellen Schrei aus, leuchtete heller und stärker als die pralle Mittagssonne. Seine Energie traf auch Keira, strich über ihren Körper wie lange Finger. Sie spürte sein Gefieder, das sanft über ihren Körper glitt, sich über ihre Wunden legte und sie heilte. Keira seufzte, sie konnte nicht anders, als sich diesem Gefühl hinzugeben, auch wenn sie aufstehen und kämpfen wollte. Die Federn schoben sich unter ihren Körper, hoben sie hoch, sie wurde leichter und leichter. Die Schmerzen ebbten ab, das Licht umschlang sie mit all seiner Magie, und Keira ließ es zu.

Sie schloss die Augen und sog zum ersten Mal in ihrem Leben die Kraft der Urmutter Sophia in sich auf.

 

 

2. Kapitel

 

Jaydee

 

Wie lange waren Rowan und Jack schon weg?

Eine Minute, eine Stunde? Zwei?

Viel zu lange!

Vermutlich hatten sie einmal die Welt umrundet oder Jack hatte Rowan abgesetzt, und jetzt lag er irgendwo herum und lauschte seinem Herzen, wie es in tausend Stücke zerbrach. Genau wie bei Keira, als sie mit mir aus dem Portal stürzte.

Ich kickte gegen einen Grasbüschel. Gottverdammt! Das durfte nicht wahr sein! Wir waren so dicht dran, Jess endlich aufzuspüren. So nahe, dass ich es fast greifen konnte. Nur noch auf Jack schwingen, zu ihr reiten und sie endlich abholen!

Ich lief die Wiese auf und ab, kickte Maulwurfhügel weg, fluchte. Es war schwülwarm nach dem vielen Regen, dazu ging die Sonne auf und trieb die Temperaturen in die Höhe. Die Wunde in meinem Bauch pochte wie wild. Sie war wieder aufgeplatzt. Mein Shirt durchweicht vom Blut. Es wäre besser, wenn ich mich hinlegte, mir noch ein paar Flaschen Heilsirup einflößte, aber wie sollte ich? Jack wusste, wo Jess war. In seinem Kopf war das Wissen darüber gespeichert, und nun war er weg.

»Jaydee?«, sagte Anna. »Setz dich bitte hin. Du bist ganz blass.«

»Jetzt nicht.«

»Soll ich dir Sirup bringen?«

»Ich hätte auf Jack springen sollen. Rowan wird das nie schaffen, wenn er abstürzt ...«

Sie griff nach meinem Arm und drückte sachte zu. Ihre Finger waren wie ein Kühlbeutel auf meiner erhitzten Haut. Genauso intensiv waren ihre Gefühle. Sie war voller Schuld wegen der Verletzung, die sie mir zugefügt hatte. Ein Treffer am Arm oder Bein hätte genügt, doch sie hatte meinen Bauch erwischt, und so wirkte das Gift aus Jess‘ Dolch stärker in mir.

»Es tut mir leid, dass ich danebengeschossen habe«, flüsterte sie.

»Mach dir keine Gedanken.«

»Ich wollte euch schützen. Dich und Will.«

»Es ist gut, Anna.« Ich machte mich von ihr los, lief weiter auf und ab.

»Das ist es nicht. Du stehst kurz vorm Explodieren.«

»Wegen Jack und Rowan! Verfluchte Scheiße! Wo bleiben die zwei?«

»Sie werden zurückkommen. Rowan ist ein guter Mann. Er wird es schaffen. Wir finden Jess.«

Ich schüttelte den Kopf. Sie wollte mir Hoffnung machen. Verständlich. Nur empfand ich gerade keine Hoffnung. Ich war viel zu aufgeputscht. Die endlosen Kämpfe der letzten Stunden, meine Verletzung, die Sorge um Jess. Mein Gemüt verkraftete das nicht. Der Jäger verkraftete es nicht. Ich ballte die Hand zur Faust, ließ wieder locker. Ich wollte so dringend irgendwem wehtun.

»Du wirst sofort stehenbleiben«, sagte Anna und hielt mich an den Schultern fest. »Wenn du weiter läufst, verlierst du noch mehr Blut. Herrje, Jaydee. Warum seid ihr alle so stur! Du! Will! Muss das denn sein?«

Will ... der wäre perfekt, um meinen Zorn herauszulassen. Der Verräter, das trojanische Pferd, er ist schuld, dass Jess weg ist!

Ich schloss die Augen, kämpfte die Gedanken nieder. Mir war klar, dass er fremdgesteuert gewesen war, und es stand mir gewiss nicht zu, darüber zu urteilen. Ich wusste am eigenen Leib, wie es war, wenn einem die Hände und Beine nicht mehr gehorchten, wenn man nur noch Gast im eigenen Körper war.

Und dennoch ... ein kleiner Teil in mir wollte ihn so gerne dafür hassen.

Anna verstärkte den Druck ihrer Hände auf meinen Schultern. Sie kam näher, sendete mir ihre Liebe und ihre Zuneigung. Es war ihre eigene Methode, in mich zu dringen, mir zu zeigen, dass sie für mich da war. Sie erdete mich nicht so stark wie Akil, aber der Sturm in mir flaute tatsächlich ab, meine eigenen Gefühle wurden friedlicher. Ich wusste nicht, wie sie es machte, woher sie all diese Liebe für uns nahm. Für Will. Mich. Egal wen. Sie war unser Ruhepol. Sie gab, ohne zu fordern. Ich strich über ihre Wange, sie schmiegte ihr Gesicht in meine Hand, legte ihre Hände um meine Taille und drückte sich vorsichtig an mich.

»Du verschmierst deine Sachen mit meinem Blut.«

»Das ist mir egal. Halt mich nur für einen Moment fest.«

Ich tat ihr den Gefallen, fuhr über ihren Rücken und erwiderte ihre Umarmung.

»Wir finden Jess, okay?«

Wenn ich doch auch so überzeugt davon wäre. Alles, was ich empfinden konnte, war Sorge. Ohnmächtige, blinde, lähmende Sorge. Sie hatte sich um mein Herz und meinen Verstand geschlungen, nahm mir jede Rationalität. Am liebsten würde ich mich auf Amir schwingen, um die Welt reiten und jeden verdammten Winkel durchsuchen, obwohl es sinnlos war. Mein Kopf schrie nach Bewegung, während mein Körper am Ende war. Meine Beine fühlten sich an, als wären sie gar nicht mehr durchblutet, meine Muskeln schmerzten. Wenn ich weitermachte, würde ich umkippen.

»Wo ist eigentlich Will?« Es war schließlich sein Parsumi, der gerade durchgeknallt war.

»Im Bett. Ich habe ihm gesagt, er muss sich ausruhen, genau wie du.«

»Du solltest als Krankenschwester anheuern.«

Sie knuffte mich in die Seite. »Sei nicht so respektlos!«

»Respektlos wäre es, wenn ich dir vorschlagen würde, dass du das im Minirock, kniehohen Strümpfen und hautenger Bluse tun sollst.«

Sie lachte. Es war ein kurzes, unbeschwertes Lachen, das ich schon ewig nicht mehr von ihr gehört hatte. Purer Balsam für meine Seele.

»So Sprüche akzeptiere ich nur von Akil.«

Ich schmunzelte, doch die Unbeschwertheit verflog so schnell wie ein Wimpernschlag. Akil ... noch ein Thema, das mir Sorgen bereitete.

»Denkst du, es geht ihm gut?«, fragte Anna.

»Ich hoffe es.«

Abe kam zu uns. Er hielt sich die Schulter, in die Jack ihn gebissen hatte. »Ich werde mir von Leoti Heilpaste holen, das gleiche empfehle ich dir für deine Wunde.«

»Ich warte lieber hier.«

»Du kannst warten und heilen. Rowan wird euer Pferd zurückbringen.«

Bevor ich etwas erwidern konnte, drehte er um und lief die Wiese hinab. Das Blut rann seinen Arm entlang, Jack hatte ihn heftig erwischt, aber Abe ging aufrecht und stolz, als wäre die Wunde gar nicht vorhanden.

»Großvater hat recht«, sagte Ben. »Es bringt nichts, herumzustehen. Rowan ist ein großartiger Reiter, er wird es schaffen.«

Oder er war abgestürzt und mausetot.

»Komm. Wir gehen zu Leoti. Sie kann uns alle verarzten.« Auch er drückte auf die Wunde, die ihm Jack zugefügt hatte. Ben hatte ganz schön einstecken müssen in den letzten Stunden. Ich hatte ihn gewürgt, ihm die Nase gebrochen, und er war von einem unserer Pferde gebissen worden.

»Ben ... warte«, sagte ich leise. Er blieb stehen, spannte seine Schultern. Eine unbewusste Reaktion seines Körpers auf mich. Langsam drehte er sich um, behielt dabei jede meiner Bewegungen im Auge.

»Entschuldigungen liegen mir nicht sonderlich.« Ich ließ Anna los und strich mir durch die Haare, die für meinen Geschmack viel zu kurz waren. »Das alles tut mir leid. Ich weiß, es klingt lahm, doch ich wollte dir nicht ...«

»Du warst überdreht und ich stand in der Schusslinie, schon klar. Normalerweise buchte ich Leute wie dich ein.«

»Oder du schießt auf sie.«

Er schmunzelte. »Es wäre befriedigender, wenn es dir etwas ausgemacht hätte.«

»Falls es dich tröstet: Ich empfinde Verletzungen genauso wie jeder andere, auch wenn sie rasch heilen. Ein Schuss ins Bein schmerzt wie Hölle.«

»Gut. Dann ziele ich das nächste Mal auf Körperregionen, die richtig wehtun. Mal sehen, wie gut du das wegsteckst.«

»Ich ...«

Er zwinkerte mir zu und gab mir einen Klaps auf die Schulter. Es war nicht fest, aber mich brachte es aus dem Gleichgewicht. Diese verdammte Wunde in meinem Bauch.

Ben folgte seinem Großvater. Anna und ich wollten ihm hinterher, aber meine Füße kamen nicht mehr vom Boden weg.

»Jay ... ist alles okay?«

»Ja, ich bin nur ...« Müde. Schwach. Ausgelaugt. Mit jedem Atemzug spürte ich die Erschöpfung deutlicher. Gedanken, Gefühle, Eindrücke – alles vermischte sich, und ich war mir nicht mehr sicher, was ich davon wirklich erlebt hatte und was nicht. New York, Ashriel, Jess und ich, Arizona, Coco. Joanne. Dämonen. Kämpfen. Immer so viele Kämpfe ... Die Wunde in meinem Bauch hämmerte, als wäre sie ein lebendiges Wesen, das mich von innen her auffraß.

»Jaydee?«

Annas Stimme drang dumpf zu mir. Ich verlor das Gefühl für meinen Körper. Wärme sickerte aus meinem Bauch nach unten. Mein Shirt klebte an mir, mein Blut hämmerte in meinen Ohren.

»Du solltest dich ...« war das Letzte, was ich hörte, dann verlor ich mich selbst und fiel in die Dunkelheit.

 

 

3. Kapitel

 

Jessamine

 

Großer Gott, was geschah gerade?

Ich sah es mit meinen eigenen Augen und konnte es dennoch nicht begreifen. Joshua hatte das Kästchen mit dem Kranich gezückt und eine Hand darüber gehalten.

»Ich rufe dich, Sophia, Urmutter und Beschützerin der Ahnin, beehre uns mit deiner Magie und bewahre die Aura deines Blutes. Mein Leben für dein Leben. Meine Seele für deine Seele. So war es, so ist es, so wird es immer sein.«

Der eingeritzte Kranich wurde plötzlich lebendig. Er bewegte die Flügel, hob den Kopf, klapperte mit dem Schnabel. Die Konturen begannen zu leuchten, in einem hellen, strahlenden Blau, oder nein, eher Weiß, jetzt Rosa! Er öffnete seine Schwingen, stieß einen Schrei aus. Erst klang er ganz leise, wie ein Küken, das gerade geschlüpft war, doch mit jeder verstreichenden Sekunde wurde er lauter, stärker, leuchtender.

Ich drängte mich ans hintere Ende der Abstellkammer und beobachtete das Spektakel. Vielleicht hätte mich das alles ängstigen sollen, vielleicht hätte ich Keira und Joshua nicht vertrauen dürfen, aber ich wusste, dass es richtig war. Es war ein Gefühl ganz tief in meinem Herzen, so wie das Kind wusste, dass es zur Mutter gehörte und umgekehrt. Es war pures Urvertrauen, stärker als jede Angst, als jede Unsicherheit. All das strahlte Joshua für mich aus, genau wie Ariadne es einst getan hatte, bevor sie dieses Band zerstörte und die Briefe von Pfarrer Stevens verbrannte.

Der Kranich war auf die Größe eines mittleren Hundes gewachsen, das Licht so hell, dass es jeden Winkel der Kammer ausleuchtete. Es war so gleißend, dass es eigentlich in den Augen schmerzen sollte, doch das tat es nicht. Jede Faser meines Körper reckte sich ihm entgegen wie eine verdorrte Blume, die schon seit Ewigkeiten auf den erlösenden Schluck Wasser wartete. Es war ein Nachhausekommen, ein Fallenlassen, und es vertrieb für diese Sekunden jeden Schmerz, jeden Kummer und alles Schlechte, was ich bisher erlebt hatte. Die Schläge, die Kämpfe, Jaydees Attacken, Ariadnes Tod, Mums Verschwinden, Violets Verlust, das, was kleine Stücke aus meinem Herzen gebrochen hatte, heilte.

Er schützt meine Aura ...

Der Kranich umschlang mich mit einer Intensität, wie es zuletzt Jaydee getan hatte, als wir gemeinsam im Bett gelegen hatten. Ich gab mich vollkommen dieser Energie hin, nahm sie in meine Zellen auf, genoss ihre Berührung.

Die Tür zur Vorratskammer flog auf. Der Kranich schoss blitzschnell hinaus, wuchs stetig weiter, bis er meine Sicht versperrte. Joshua folgte ihm, die Arme erhoben, die Muskeln angespannt. Er zitterte vor Anstrengung, seine grauen Haare waren mittlerweile schlohweiß, genau die gleiche Farbe, die Ariadne hatte. Er wirkte dünner, gebrechlicher als eben noch.

Langsam ging er nach draußen. Seine Bewegungen wirkten alt und schwach, wie bei einem Mann, dem sämtliche Lebensenergie geraubt wurde. Ich drückte mich von der Wand ab und blieb dicht hinter ihm. Der Kranich war nun so groß, dass er die Decke berührte, seine Flügel umspannten den gesamten Raum, füllten ihn aus wie ein Netz aus Licht. Vor uns standen drei Männer in den Uniformen der Marines, dahinter Coco. Das Bild, das Ben von ihr hatte zeichnen lassen, war wirklich sehr gelungen. Sie blickte an den drei Männern vorbei, sah mir fest in die Augen.

Ein Sog legte sich um mein Herz. Die Wärme, die der Kranich in mir hinterlassen hatte, wurde durchbrochen und machte Eiseskälte Platz. Es war, als würde jemand aus dem Grab nach mir greifen. Coco war an einem Ort, wo kein Leben mehr existierte, sie war dunkel und eisig und abgrundtief böse. Ihre Augen schimmerten schwarz, die Pupille war nicht von der Iris zu unterscheiden. Ich schlang die Arme um mich, bemühte mich, das Vertrauen, das der Kranich eben noch in mich gepflanzt hatte, zu bewahren.

Das Leben und der Tod. Vereint in einem Raum. Vielleicht war es das, was Ashriel meinte, als sie von den letzten beiden Essenzen sprach.

Coco schrie einen Befehl, einer der Männer trat nach vorne, auf Joshua zu. Ich zuckte zusammen. Sah er denn nicht, dass er gleich angegriffen wurde?

Der Mann legte die Hände um Joshuas Kopf. Ich schrie seinen Namen, aber er hörte mich nicht.

Und dann stürzte er zu Boden.

Das Genick gebrochen.

Zack. Einfach so.

Wie bei Ariadne.

Gestorben, um mich zu schützen.

Großer Gott, warum nur? Warum ich? Warum das alles? Wer war ich? Warum starben Menschen wegen mir?

Der Kranich riss seinen Schnabel auf und stieß ein ohrenbetäubendes Krähen aus. Coco zuckte zusammen, kauerte sich hinter ihre Männer, ohne mich aus den Augen zu lassen. Sie spähte zwischen ihren Körpern hindurch, hielt mich mit ihrem Blick gefangen, als wollte sie mich mit sich zerren.

Um mich herum schien die Zeit stillzustehen. Meine Sicht auf sie und mich verschwamm.

»Komm mit mir«, hauchte sie. Es war nur ein Flüstern, dennoch so laut und präsent, dass es mir in den Ohren schmerzte. »Ich kann dir geben, nach was du suchst. Ich führe dich zu deiner Mutter ...«

Ich blinzelte. Meine Finger zuckten, meine Füße machten automatisch einen Schritt nach vorne. Etwas packte mich in meiner Mitte. Ein Ziehen. Es ging von ihr aus, ich fühlte es ganz deutlich.

»Du musst mir vertrauen. Die, mit denen du kämpfst, stehen nicht auf deiner Seite. Du bist zu Großem erschaffen. Du bist das Licht, das Leben, die Freiheit. Wecke dein Potenzial.«

Der Sog zerrte mich einen weiteren Schritt nach vorne. Sofort flammte der Kranich auf, schob sich schützend zwischen mich und Coco und kappte die Verbindung. Sie schrie vor Zorn, doch sie rührte sich nicht. Was auch immer diese Energie war, die Joshua heraufbeschworen hatte: Sie war stärker als Coco. Noch. Etwas in meinem Inneren bezweifelte, dass es ewig so bleiben würde. Der Kranich riss ein weiteres Mal seinen Schnabel auf und stürzte sich auf sie und ihre drei Männer. Das Licht wurde grell wie beim Reisen zwischen den Welten. Dieses Mal musste ich die Hand schützend vors Gesicht halten, damit ich nicht geblendet wurde, ich spürte die Kälte auf meiner Haut, die entstand, wenn man in ein Portal glitt, es gab einen lauten Knall ...

... und dann herrschte Stille.

Ich senkte die Hand, meine Haut war mit feinen Eiskristallen bedeckt. Das Feuer im Kamin war aus, an den Wänden, über den Möbeln, auf dem Boden: Überall war diese Schicht aus Eis. Die Vordertür stand sperrangelweit offen und trieb Schneeböen ins Innere. Der Wind war frostig, viel kälter als vorhin. Selbst der Himmel war verhangen.

Keira kauerte einige Meter von mir entfernt. Sie richtete sich langsam auf, klopfte das Eis und den Dreck aus ihrer Kleidung.

»Wo sind sie hin?«, fragte ich.

»Das weiß ich nicht.«

Meine Knie zitterten vor Anstrengung. Ich ließ mich auf den Boden sinken, neben Joshuas Leiche. Seine Haut war vollkommen vertrocknet, brüchig wie Pergament, seine Knochen stachen spitz unter seiner Kleidung hervor. Das Kästchen mit dem Kranich lag neben ihm. Zerbrochen in seine Einzelteile.

Keira torkelte, fing sich wieder und ließ sich neben uns plumpsen.

»Nein ...«, hauchte sie. »Nicht du auch noch.«

Sie legte eine Hand auf seine Brust und senkte den Kopf. Ich gab ihr und mir die Zeit, die wir brauchten. Es war tatsächlich schon wieder jemand wegen mir gestorben ...

Dieser Gedanke war so unfassbar schrecklich und surreal, dass ich nicht wusste, wie ich damit umgehen sollte.

So saßen wir da und starrten ins Leere.

Die, mit denen du kämpfst, stehen nicht auf deiner Seite. Du bist zu Großem erschaffen. Du bist das Licht, das Leben, die Freiheit. Wecke dein Potenzial.

Was hatte Coco damit gemeint? Und was hatte Keira mit all dem zu tun?

 

 

4. Kapitel

 

Jaydee

 

Gedämpfte Stimmen drangen an mein Ohr, wie Wellen am Strand. Sie traten in mein Bewusstsein, glitten weg, kamen zurück. Ein stetes Rauschen, hin und her, laut und leise. Draußen hörte ich Anna und Will. Glaubte ich zumindest. Vielleicht war es auch Ben.

Nach wie vor pochte die Wunde in meinem Bauch im Rhythmus meines Herzschlages.

Bawumm. Bawumm. Bawumm.

Etwas Kühles lag auf meiner Haut, entzog den Schmerz und den Druck. Der Umschlag kribbelte, als bestünde er aus Brausetabletten. Ich schlug die Augen auf und blickte an eine Holzdecke. Die Balken waren dunkel gegerbt. Es roch nach Johanniskraut, Kamille und etwas Würzigem, das ich nicht kannte. Langsam blickte ich an mir hinab. Ich trug nur noch Jeans, dieselbe, die ich vorhin schon angehabt hatte. Sie war schmutzig und hatte am Oberschenkel ein Loch. Sachte hob ich den grünlichen Lappen auf meinem Bauch an, um die Wunde darunter zu begutachten. Sie hatte aufgehört zu bluten und war weitgehend verheilt. Anna hatte mich unter der kleinen Narbe erwischt, die ich zurückbehalten hatte, als ich mich selbst mit Jess‘ Dolch attackiert hatte. Wenn das so weiterging, war mein Bauch bald eine Kraterlandschaft.

Neben mir huschte ein Schatten. Ich fuhr herum, spannte die Muskeln, um aufzuspringen, doch es war nur Leoti, die in einem Schaukelstuhl in der Ecke saß. Verdammt, wieso hatte ich sie nicht bemerkt?

Als hätte mein Bewusstsein sie ausgeblendet. Wie bei den Seelenwächtern.

Sie lächelte zahnlos, nickte und stand auf. Für eine Frau ihres Alters bewegte sie sich geschmeidig und kraftvoll. Ohne ein Wort setzte sie sich neben mich auf die Bettkante und nahm den Umschlag von meinem Bauch. Ich ließ sie gewähren, auch wenn ich mich ungern von fremden Menschen anfassen ließ. Meistens verpassten sie mir eine Bandbreite ihrer Gefühle und luden ihren emotionalen Mist bei mir ab. Leoti hingegen streifte nicht einmal meine Haut, berührte nur den Lappen. Sie wrang ihn in einer Schüssel aus, die neben dem Bett auf einem Tisch stand, und tupfte ein weiteres Mal die Wunde ab. Ich zischte vor Schmerz. Das Zeug brannte wie Hölle. Ich war kurz davor, ihr den Lappen wegzunehmen, als sich das Ziehen in ein wohliges Kribbeln verwandelte. Es sickerte in mich hinein, ähnlich wie Akils Heilenergie. Leoti grinste erneut und summte eine leise Melodie. Ihre Stimme vermischte sich mit dem Kitzeln in meinem Bauch, schien es noch zu verstärken.

Anna hatte vollkommen recht gehabt: Dieses Volk besaß eine Magie, die man nicht greifen konnte. Es war eine Schande, dass nur noch so wenige Dowanhowee übrig waren.

Irgendwann verstummte Leoti und entfernte den Lappen. Genau in dem Moment klopfte es an der Tür.

»Jay?«, fragte Anna.

»Ja.«

Genauso wortlos, wie Leoti sich hingesetzt hatte, stand sie auf und verließ das Zimmer.

»Danke!«, rief ich ihr hinterher, aber ich hatte das Gefühl, dass sie gar keinen Dank erwartete. Ich inspizierte die Wunde. Sie sah besser aus als vor fünf Minuten. Vorsichtig drückte ich auf die Ränder, es zwickte, aber es war auszuhalten.

»Wie geht es dir?« Anna erschien im Türrahmen, knetete ihre Finger, kratzte sich.

»Besser. Gibt es Neuigkeiten von Rowan?«

»Noch nicht.« Sie kam näher, setzte sich auf mein Bett und betrachtete meine Wunde. »Ich weiß, es ist gerade viel auf einmal, aber wir müssen reden.«

»Das ist einer der Sätze, die Männer nicht gerne von Frauen hören.«

Sie schmunzelte. »Du solltest mit Will sprechen. Söhn dich mit ihm aus. Begrabe endlich diese Streiterei.«

»Muss das sein?«

Sie hob eine Augenbraue.

»Schon gut. Was frag ich überhaupt.« Anna und ihr Hang zur Harmonie. Natürlich sollte ich mich bei Will entschuldigen. Ich hatte übers Ziel hinausgeschossen und mich komplett danebenbenommen, aber es war so einfach, zornig auf ihn zu sein und ihn für alles verantwortlich zu machen. Selbst wenn er gar nichts dafür konnte.

»Hast du Logan eigentlich über Will und Ralf informiert? Er war schließlich im Ratstempel gewesen, und er hat mich mit Joanne gesehen.« Außerdem war er eine ganze Weile weg gewesen, als ich mit Logan gesprochen hatte. Wer wusste, was er da angestellt hatte.

»Das habe ich gleich nach eurer Prügelei erledigt. Er wird Kendra losschicken, damit sie nach dem Rechten sieht. Er möchte ebenso gerne Will treffen, doch Logan kann sein Anwesen nicht verlassen. Er glaubt, dass er es nur schützen kann, wenn er dort ist.«

»Damit könnte er recht haben.« Die Anwesen waren der Schwachpunkt. Ralf griff sie an und holte sich dann die Seelen der Ratsmitglieder. Solange wir das verhindern konnten, war Logan sicher.

Und solange er sicher war, war Mikael es auch, denn dann konnte der Emuxor nicht auferstehen ...

»Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist, Will zu Logan zu schicken«, fuhr Anna fort.

»Warum?«

Sie zuckte die Schultern. »Ich hatte so einen komischen Gedanken ...« Ihre Wangen färbten sich rot. Ihre Gefühle änderten sich in ... was war das? Scham?

»Ist alles klar?«, hakte ich nach. »Ist etwas geschehen?«

»Also ...« Sie presste die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen, zog ihre Hand zurück, so dass wir keinen Körperkontakt mehr hatten. »Ich war bei Will. Im Bett.«

Ich runzelte die Stirn.

»Es ist nichts passiert!«, schob sie schnell nach, und ihre Wangen wurden noch einen Tick dunkler.

Ich schmunzelte, konnte es unmöglich zurückhalten.

»Jaydee!«

»Ich sag doch gar nichts.«

»Du schaust aber so, als würdest du es gleich.«

»Es ist gut, wenn ihr euch näherkommt.«

»Wir haben uns nur gehalten. Mehr nicht.«

»Du bist mir keine Rechenschaft schuldig.« Ich hatte mit Jess noch viel mehr gemacht und Anna auch nichts davon erzählt.

Anna betrachtete ihre Hände, kratzte eine alte Kruste ab.

»War es denn schön?«

»Ja. Er war sehr zurückhaltend und liebevoll und ... ach, ich weiß nicht. Hinterher sind mir so viele Dinge durch den Kopf gegangen. Als ihr gemeinsam im Wald wart, du und Will ... du hast doch gesehen, wie der Drache Ralf ... also er ist ... er hat Will ganz sicher verlassen, oder?«

»Hegst du Zweifel?«

»Als ich bei Will gelegen habe, hat er über Herzschmerzen geklagt, und er war so heiß.«

Oh Mann, Akil hätte dermaßen viel Freude an diesem Gespräch. »Warum sollte Ralf sich von mir verprügeln lassen? Oder so etwas überhaupt veranstalten? Er hätte einfach in Will bleiben können.«

»Vielleicht hatte er Angst, dass wir ihm auf die Schliche kommen. Er tut so, als hätte er Will verlassen, ist in Wirklichkeit aber noch da. Das hat mich alles an früher erinnert. Andrew sagte, die Kunst bei Kämpfen bestünde darin, den Anderen in falscher Sicherheit zu wiegen. Er hatte einmal eine Schlacht gewonnen, in dem er so tat, als würde er verlieren. Er hat seinen Gegner getäuscht, ihn glauben lassen, dass er der Schwache war, und als dieser seine Schilde senkte, hat er zugeschlagen. Vielleicht macht Ralf es genauso.«

»Möglich wäre es ...«

Sie grub ihr Gesicht in die Hände. »Gott, ich bin so unsicher!«

»Also gut. Ich rede mit ihm und fühle ihm auf den Zahn.«

»Okay. Er wartet draußen auf dich. Du kannst es gleich hinter dich bringen.«

Natürlich. »Du bist echt unglaublich, weißt du das?« Mit einem Grummeln stand ich auf und wartete, bis mir mein Körper mitteilte, ob er stark genug war. »Wie lange war ich eigentlich weg?«

»Ein paar Stunden. Es ist früher Abend.«

Abend. Noch weitere Stunden, in denen Jess verschollen war.

Ich trat zur Vordertür hinaus. Will stand im Vorgarten und blickte in die untergehende Sonne. Die Augen hielt er geschlossen, sein Gesicht war entspannt. Er trug dunkle Hosen aus schwerem Leinen und ein weißes Hemd, bei dem die Ärmel hochgerollt waren. Die merkwürdigen Adern, die er nach der Attacke durch die Drachen zurückbehalten hatte, waren zurückgegangen, aber noch nicht ganz verschwunden.

Ich blieb neben ihm stehen, schnupperte als Erstes, ob ich einen fremden Geruch an ihm feststellen konnte. Er duftete nach Kohle wie immer, nur dass es etwas intensiver schien. Als hätte er sich längere Zeit in einer Räucherkammer aufgehalten.

Er zuckte, als er mich hörte, drehte sich aber nicht zu mir um. »Ich weiß nicht, wo Jess ist«, fing er an, als könnte er sich damit gegen mich verteidigen. »Ich grüble und grüble und grüble, aber da ist nichts. Mein Verstand ist leergefegt. Ich kann es nicht mal ansatzweise beschreiben, diese Lücke in meinen Gedanken ist ...« Er schüttelte den Kopf, öffnete die Augen. »Ich glaube nicht, dass Ralf sie in Gefahr gebracht hat. Er braucht sie lebendig. Vielleicht kann der Rat das Amulett orten und sie so ...«

»Können sie nicht, oder eher: Sie wollen nicht. Logan meinte, es gäbe einen Zauber, mit dem man es finden kann, aber dazu muss man sich im Umkreis von zwanzig Kilometern aufhalten.« Das wäre bei einem großen Suchgebiet sowieso nicht sehr hilfreich.

»Dann müssen wir es eingrenzen. Es gab Schnee. Sehr viel Schnee. Kein Gebirge oder sonstige Hinweise, also können wir die Alpen schon mal ausschließen. Wir sollten an einem der Pole anfangen oder Grönland. Ich weiß, das ist ein riesiges Gebiet, aber wir können uns aufteilen und uns vorher informieren, wo Häuser stehen. Forschungsstationen, verwaiste Hütten, egal was. Ralf wird sie nicht mitten in der Wildnis ausgesetzt haben, dazu ist sie zu wertvoll.«

Ich beobachtete ihn genau. Achtete auf jede Geste, auf jedes Wort, lauschte jeder Betonung. Will wirkte anders, da hatte Anna recht. Er war gehetzt, unsicher, vielleicht verloren. Aber hieß das nun automatisch, dass Ralf noch da war?

Er drehte sich zu mir, starrte mich an. Seine goldbraunen Augen waren trübe und mutlos. Wir ließen einige Sekunden verstreichen, in denen wir uns nur anstarrten.

Nach dem letzten Ausbruch des Jägers in Schottland waren wir uns einen Schritt nähergekommen. Will hatte vor dem Rat seine schützende Hand über mich gehalten, ich hatte ihm und Jess den Weg im Schloss freigeräumt, aber wo standen wir jetzt? Wenn ich ihn ansah, konnte ich mir nur vorstellen, wie er Jess entführt hatte. Wie sie ihm die Tür geöffnet hatte, sich vermutlich freute, dass er da war, und dann ... Ich unterbrach als Erster den Blickkontakt.

Es ist nicht Wills Schuld.

Mein Kopf wusste das, aber in meinem Herzen hing dieser dicke Kloß fest, der sich eingenistet hatte, seit Jess verschwunden war.

»Es ist alles so wirr in meinem Kopf«, sagte Will. »Ich habe ... mein Körper hat Dinge getan, die ich nicht steuern konnte.« Er fuhr sich durchs Gesicht, wandte sich ab.

Oh Mann, ich wusste ganz genau, wie es ihm ging. Eigentlich müsste ich ihn verstehen und ihm verzeihen können.

»Was soll ich nur tun?« Er wirkte jung und verletzlich. Konnte Ralf das so gut vorspielen?

»Ich habe das Gefühl, mich vollkommen verloren zu haben.«

»Willkommen im Club.« Nun wusste er, wie es sich anfühlte. Wenn der eigene Verstand nicht mitarbeitete, wenn man Dinge getan hatte, aber sich partout nicht mehr daran erinnern konnte. Die Bilder waren da, man konnte sie fühlen, schmecken, riechen, doch sie ließen sich nicht greifen. »Will, wir ...«

Er verzog das Gesicht vor Schmerz und fasste sich ans Herz. Ich griff an seinen Ellbogen, ließ ihn sofort wieder los. Will glühte.

»Es geht schon ... ich ...« Er schnaufte durch, schloss die Augen, konzentrierte sich auf seinen Atem. »Diese Schmerzen hören nicht auf.« Er streckte die Arme aus. Die Adern pulsierten, sie zogen sich wie kranke Gebilde seine Haut entlang nach oben. »Ich weiß nicht, was es zu bedeuten hat.«

Die Adern wurden stärker, als wollten sie sich von seinem Körper lösen.

»Großer Gott, Jaydee ...« Er klammerte sich an mein Shirt, seine Augäpfel verdrehten sich nach hinten. »Was hat Ralf nur ...« Seine Knie knickten weg. »Hilf mir!«

Ich stützte ihn, hielt ihn aufrecht, aber mein Körper war noch nicht genügend regeneriert, um ihn zu stemmen.

Gemeinsam sanken wir auf die Knie. Wills Blick erfüllt mit blanker Panik. Er hatte Angst. Angst vor seinem Bruder. Angst vor dem Tod. Angst vor dem Feuer, das durch seine Adern floss.

»Ich weiß nicht mehr, wer ich bin«, flüsterte er und krümmte sich von Neuem. »Dieses Feuer ... es ist in mir drinnen.«

Die Tür ging hinter mir auf und Anna trat heraus. Sie japste vor Schreck und ließ sich sofort neben uns nieder. »Will!«

Er blickte zu ihr. Voller Schmerz. Liebe. Kummer. Sie umgriff sein Gesicht mit beiden Händen. »Es ist gut. Wir sind bei dir.«

»Wir sollten ihm noch mal Heilsirup geben«, sagte ich und machte ihr Platz.

»Er hat zwei Flaschen bekommen. Ich fürchte, er braucht etwas Stärkeres. Er muss zu seinem Element oder Logan. Er wird ihn heilen können.«

»Geh in meinen Kopf!« Will packte Anna an den Handgelenken. »Sag mir, wer ich bin.«

»Darüber hatten wir gesprochen, Will. Weißt du das nicht mehr? Du bist William Heinrich ...«

»Nein!« Die Adern leuchteten auf, wanderten höher zu seinem Oberarm. Er keuchte, drückte seine Stirn gegen ihre. »Bitte, sag mir, wer ich bin!«

So hatte ich Will noch nie gesehen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Ralf noch da war. Um jemanden nachzuahmen, verhielt man sich nicht atypisch.

»Du solltest es tun«, sagte ich.

Anna atmete tief durch und biss sich auf die Lippe. »Ich weiß nicht.«

»In seinen Gedanken kann er nichts verstecken.«

Will zog sie näher. »Bitte«, flüsterte er. »Bitte, bitte tu es. Für mich.«

Anna seufzte tief. Sammelte ihre Kräfte. Es kostete sie Überwindung, was ich verstehen konnte. Gedankenstriptease war keine leichte Sache. Sachte drückte sie ihre Finger gegen seine Schläfen. »Versuch dich zu entspannen, ja?«

Er nickte, seine Hände krampften um ihre Arme. Er hielt sie zu fest, doch sie wehrte sich nicht gegen ihn. Ihre Fingerkuppen übten leichten Druck auf seine Schläfen aus, sie schloss die Augen, atmete aus und drang in seinen Geist ein. Ich konnte es nicht sehen, aber ich bekam eine Gänsehaut. Annas Aura leuchtete heller, sie umschlang Will, stülpte sich über ihn wie ein schützender Kokon. Auch er entspannte sich, zog Anna näher an sich heran, als wollte er sie küssen.

Ich stand langsam auf, um sie nicht in ihrer Konzentration zu stören. Die beiden wirkten wie versteinert, einer gefangen in der Aura des anderen. Ich erinnerte mich noch gut daran, wie ich Will beobachtet hatte, als er Jess‘ Blut nach dem schwarzmagischen Zauber untersuchte. Wie auch seine Aura gestrahlt hatte und ich dachte, dass es das ist, was einen Seelenwächter ausmacht: Wenn sie in ihrem Element wirken konnten, waren sie einzigartig.

Endlich öffnete Anna die Augen und zog ihre Finger zurück. Die Adern auf Wills Haut waren blasser, aber noch deutlich sichtbar.

Sie lächelte ihn an, ohne den Kontakt ganz zu unterbrechen. »Du bist du, Will.« Sie sah zu mir und nickte.

Er ließ die Luft aus seinen Lungen. Sein Körper sackte zusammen, er drückte seine Stirn fester gegen ihre.

»Das ist gut. Das ist sehr gut.« Er hielt den Atem an, lächelte kurz – und kippte um.

 

 

5. Kapitel

 

»Geht endlich kaputt, ihr Scheißdinger!« Logan stand im Foyer seines Schlosses und drosch mit dem Schwert auf die goldenen Adern in der Wand ein. Schweiß strömte seinen Nacken hinab, sein Atem kam stockend, seine Muskeln brannten, dennoch zwang er seinen Körper, die letzten Energiereserven zu mobilisieren. Er legte all seinen Zorn, alle Verzweiflung in die Schläge. Ilai. Kirian. Soraja. Nun auch noch Will! Alle waren Opfer dieses Wahnsinnigen geworden. Wieder und wieder sauste Logans Klinge hinab. Traf auf die goldene Masse, die sich in seinem gesamten Anwesen ausgebreitet hatte, ohne Schaden anzurichten. Logan schrie seine Verzweiflung hinaus, seine Stimme hallte von den hohen Wänden wider, tief und grollend, dass er sie selbst kaum erkannte.

»Logan?«

Er hörte Kendra, aber er wollte nicht aufhören. Es musste einen Weg geben, diese Adern zu zerstören und sein Anwesen zu schützen. Es musste einfach!

»Logan, bitte hör auf.« Sie legte eine Hand auf seine Schulter.

Logan hielt inne. Schnappte nach Luft. Die Erschöpfung nagte an ihm. Sie war ein lebendiges, hungriges Wesen, das sich in ihm eingenistet hatte und ihn zu Fall brachte. Genau wie die Adern dem Anwesen die Kraft entzogen, fühlte auch er die Wirkung auf seinen eigenen Körper. Er würde daran zerbrechen.

Kendras Finger kribbelten. Sie drückte fester auf, schien durch ihn hindurchzugreifen. Der Zorn, der in ihm tobte, zog sich zusammen an diese Stelle, sammelte sich und ... verpuffte schließlich. Kendra keuchte dumpf und nahm die Hand weg.

Logan drehte sich zu ihr um. In ihrem Gesicht spiegelte sich seine eigene Wut. »Du musst mir nicht meine Gefühle nehmen.«

»Ich weiß.« Sie schloss die Augen, räusperte sich. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten. Sie musste nun diese Emotion für ihn verarbeiten, seinen Zorn kompensieren. »Aber ich mache es gerne für dich.«

Er hob ihr Kinn an, damit sie ihm in die Augen sehen musste. Auch sie wirkte erschöpft, wie alle in seiner Familie. Zumindest der Rest, der noch übrig war.

Isabella fehlte. Ihr Lachen, das diese Wände erfüllt hatte, ihre helle fröhliche Art, durch die Gänge zu spazieren.

Nicht mal Zeit zum Trauern haben wir.

Natürlich war Isabella nicht die erste Wächterin, die Logan verlor, aber das war eines der Dinge, an die er sich nie gewöhnen konnte oder wollte. Er würde so gerne mit Aiden und Kendra innehalten. Doch es ging nicht, und vor allem durfte Logan keine Schwäche zeigen. Er war der älteste lebende Seelenwächter nach Ilai. Die letzten beiden Türme in dieser Welt aus Chaos. Wenn er einknickte, wer blieb dann übrig?

Er drehte sich zurück zur Wand und schaute nach oben. Er hatte einen Teil des Gesteins herausgeklopft. Darunter waren die Adern zum Vorschein gekommen. Sie verästelten sich von einer Seite zur anderen, pulsierten, glühten, dampften wie lebendige Wesen.

»Wenn wir mit unseren Waffen nichts ausrichten können, müssen wir als Nächstes einen Zauber versuchen. Derek muss uns helfen.«

Er war ebenfalls mit nach London gereist. Nachdem Ralf sich Sorajas Seele geholt hatte, sah Logan nicht mehr viel Sinn darin, im Tempel des Rates zu bleiben. Er musste das Schloss schützen. Das war der letzte Ort, an dem er etwas ausrichten konnte. Derek hatte es schließlich auch eingesehen.

»Was ist eigentlich bei der Probe herausgekommen, die Aiden und ich genommen haben?«, fragte Kendra.

Das war, bevor sich Ralf Kirian und Soraja geholte hatte. Logan hatte Aiden und sie aufgefordert, Proben aus den Adern mitzubringen, damit sie diese untersuchen konnten.

»Nichts. Absolut gar nichts. Sie bestehen aus einem organischen Material, ähnlich wie eine Baumrinde. Die Magie in ihnen ist nicht nachzuvollziehen. Es ist eine Sackgasse.« Logan betrachtete sein Schwert. »Dieser Mistkerl führt uns am Nasenring durch die Arena und lacht sich dabei vermutlich gehörig ins Fäustchen.«

»Was können wir noch tun?«

»Ich weiß es nicht, aber ich hätte tatsächlich eine Aufgabe für dich.«

Logan erklärte Kendra, was er von Anna gehört hatte, dass Ralf Wills Körper besetzt hatte und eine Weile im Ratstempel gewesen war. So schnell wie sich die Dinge entwickelten, war es ein Wunder, dass alle noch halbwegs bei Verstand waren.

»Sogar den Parsumi konnte er umpolen. Ich vermute, es liegt an unseren Kräften. Ilai, Kirian, Soraja ... wenn Ralf nur ein Prozent ihrer Fähigkeiten kanalisieren kann, ...«

»Besitzt er ein unfassbares Potenzial.«

»Mit Kirians Macht war es ein Leichtes für Ralf, in den Kopf eines Parsumi einzudringen und ihn zu verwirren. Du musst zurück zum Ratstempel und nach Joanne sehen. Es ist möglich, dass er sie freigelassen hat.«

Kendra schnaubte und blies eine ihrer roten Locken aus dem Gesicht. »Ich hätte das Miststück im Haus von Kirian töten sollen!«

»Und was, wenn du gescheitert wärst wie Isabella? Sie hat Joanne einen Pfeil ins Herz geschossen, und sie ist nicht gestorben.«

»Dann hätte ich ihren verdammten Schädel vom Kopf getrennt, sie zerhackt und verbrannt. Egal! Wir dürfen uns nicht von den Dämonen auf dem Kopf herumtanzen lassen!«

»Du hast richtig gehandelt, als du Joanne zu uns gebracht hast.«

»Und was hat es genutzt? Das mit den Gefäßen ging nach hinten los. Wir machen einen Schritt nach vorne, und Ralf wirft uns drei zurück!«

»Ach, Kendra.« Er legte den Arm um sie und zog sie an sich. Sie war so jung. Sie alle waren so entsetzlich jung. Er konnte ihren Eifer verstehen. Schnell handeln. Schnell entscheiden. Zack. Zack. Zack. Das war der Puls der Zeit. Die Welt bestand aus Eile, als wären alle auf der Flucht vor einer unsichtbaren Gefahr. »Glaub mir: Ich hasse Joanne genauso abgrundtief wie du, aber ...«

Hinter ihnen flog die Tür zum Salon auf. Derek stürmte herein, die Wangen gerötet, die Haare in wirren Strähnen, als hätte er sie die ganze Zeit über zerzaust. »Es ist etwas geschehen.«

Logan und Kendra folgten ihm sofort in das Nachbarzimmer. Der Salon war zu früheren Zeiten der Raum gewesen, um Gäste zu empfangen und ihnen die Warterei zu vertreiben. Er hatte fünf bodentiefe Fenster, die hinaus auf den Garten zeigten. In der Mitte des Raumes stand ein langer, dunkelgebeizter Holztisch, auf dem Derek seine Unterlagen ausgebreitet hatte. Die Luft war stickig, roch nach abgebrannter Kohle. Das Feuer im Kamin war an, die Flammen loderten nach draußen und formten sich zu einem Mann.

»Paul«, sagte Logan und trat näher. Er war einer von Dereks Leuten und dafür verantwortlich, dass die Barriere um Riverside bestehen blieb.

»Logan, Kendra«, antwortete die Flammengestalt.

»Ist etwas passiert?«

»Ja ...« Derek strich sich durchs Gesicht. Seine Hand zitterte. Auch sein Geruch hatte sich verändert. Logan kannte diese Unternote nur zu gut: Derek hatte Angst.

»Wir haben ...«, setzte Paul an. »Viktor und ich, wir ... wir wollten helfen.«

Derek schüttelte den Kopf, atmete tief durch, um sich wieder zu fangen. »Sie haben eine Gruppe Seelenwächter zusammengestellt, sind in die Stadt eingedrungen, um Ralf aufzuhalten.«

»Ihr habt was?« Viktor gehörte ebenfalls zu Dereks Familie und war ein Feuerwächter. »War unsere Order nicht klar genug? Haltet die Barriere aufrecht! Niemand geht in die Stadt!«

»Doch. Aber wir glaubten, wir könnten es beenden. Wenn nur eine kleine Gruppe ging ... sie hatten sich geschützt. Mit Zaubern. Sie waren vorbereitet.« Paul strich sich durch den Nacken. »Sie waren vorbereitet ...«

»Wer?«

»Louis, Viktor, Mira, Richard ... Ich habe die Barriere für sie gesenkt, nur kurz, damit kein Dämon entkommen konnte! Und dann sind sie rein. Sie wollten sich zur Kirche schleichen und Ralf entführen. Erst gefangen nehmen, später töten. Es erschien uns sinnvoller, da wir nicht wussten, wie schwer er umzubringen war.«

Logan schlug mit der Faust auf den Tisch. Das Holz splitterte unter seinem Schlag.

»Großer Gott«, stammelte Kendra. »Sind sie ...«

Paul nickte. »Sie sind alle tot. Ralf hat sie aussaugen lassen und ihre verdorrten Leichen hinter der Barriere drapiert. Er hat jede auf einen Stuhl gesetzt und ... Um Viktors Hals hat er einen Zettel gehängt: Danke für den Snack. Außerdem hat er ihnen Popcorn in die Hand gedrückt und Plastikbecher. Sie hocken auf der Straße, als würden sie im Kino ...«

»Sei still!«, brüllte Logan. »Verdammt noch mal! Wie konntet ihr nur so ...« Dumm, leichtsinnig, verrückt sein! »Vier Seelenwächter! Vier gute Männer und Frauen!«

Derek schwankte, musste sich am Tisch abstützen, damit er nicht kollabierte.

Logan blickte zu Kendra, sie wischte sich die Tränen aus den Augen.

Wir machen einen Schritt nach vorne, und Ralf wirft uns drei zurück!

 

 

6. Kapitel

 

Jaydee

 

»Bist du sicher, dass du Will alleine zu Logan bringen kannst?«, fragte ich. »Ich kann Amir satteln und mit dir ...«

»Schon gut«, sagte Anna. »Bleib. Falls Jack zurückkehrt.« Sie strich Will über die Stirn. Wir hatten ihn zurück ins Bett bugsiert. Leoti hatte ihn mit Heilkräutern versorgt, die auf seiner Stirn und seinen Armen lagen, doch auch sie halfen nicht. Er war fiebrig, die Adern an seinen Armen pulsierten. Will brauchte tatsächlich etwas Stärkeres. Anna beugte sich über ihn und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Er zuckte im Schlaf, ansonsten bekam er nichts mit. Zu schade für ihn.

»Wenn Logan ihn auch nicht heilen kann, bringe ich ihn zu einem Kraftplatz. Dann kann er bei seinem Element sein und dort auftanken.«

Und wenn das ebenfalls nichts nutzte, musste auch er in den Tempel der Wiedergeburt. Dort wo Ilai, Kirian und Soraja waren. Wir verloren einen nach dem anderen. Ralf knockte uns von innen her aus.

Ich kniete mich neben sie und nahm noch mal die Kühle ihres Körpers in mich auf. »Willst du wirklich teleportieren? Du hast es schon lange nicht mehr gemacht.«

»Es ist wie atmen, Jay. Das verlernt man nicht.«

»Aber jemanden mitzunehmen, ist anstrengend.«

»Und dennoch einfacher für mich, als ihn auf einen Parsumi zu wuchten und ihm die Reise zwischen den Welten zuzumuten.«