Die Chroniken der Seelenwächter - Band 13: Das Böse erwacht (Urban Fantasy) - Nicole Böhm - E-Book
Beschreibung

Vier Monate sind vergangen. Jess fiebert dem Tag von Jaydees Entlassung aus der Isolation entgegen. Wird er sich im Griff haben, oder hat der Jäger die Kontrolle übernommen und macht ihn zu einem unberechenbaren Monster? Keira jagt unterdessen einem mysteriösen Artefakt nach, das mächtiger ist, als sie ahnt. Sie begibt sich in die Hände eines dubiosen Barbesitzers und löst dabei eine Kette von Ereignissen aus, die sie schon bald nicht mehr kontrollieren kann.

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Table of Contents

„Das Böse erwacht“

Was bisher geschah

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

Vorschau

News zur Serie

Glossar

Impressum

Die Chroniken der Seelenwächter

Band 13

„Das Böse erwacht“

 

 

von Nicole Böhm

 

 

Für Dich!

Den wahren Helden dieser Geschichte.

Was bisher geschah

 

Jessamine

 

Es war einmal ein Mädchen eine junge Frau namens Calliope Jessamine Harris, die mitten in der Nacht in eine Kirche einbrach, um den Geist eines verstorbenen Pfarrers zu beschwören. Sie wusste, dass es keine gute Idee war, ein Wesen aus der anderen Welt zu rufen, denn ihre stete Begleiterin und beste Freundin war eine Fylgja – ein Schutzgeist. Von Jess‘ Mutter gerufen, um auf sie aufzupassen, denn ihre Aura war anders als die von anderen Menschen ...

„Sie strahlte wie ein Leuchtfeuer und lockte jede Menge übersinnliches Getier an. Solange Violet dieses Strahlen eindämmte, war Jess sicher. Doch sie schlug alle Vorsicht in den Wind, betäubte Violet, rief den Geist des Pfarrers und begab sich auf eine Reise um Leben und Tod“, kritzelte ich weiter und rief mir das Erlebnis in der Kirche wach. Warum ich in der dritten Person über mich schrieb, wusste ich nicht genau. Womöglich half es mir, Abstand zu allem zu gewinnen und die Dinge neutraler zu bewerten. Vielleicht wurde ich auch langsam schizophren, wer wusste das schon.

Ich legte den Kopf schräg und betrachtete mein Gekrakel. Noch war es nicht viel, aber sicher würde es am Ende mein Notizbuch füllen. Ich sollte das alles verwerten und als Roman veröffentlichen. Ha! Sicher. Das würde mir kein Mensch glauben!

Doch genauso war es passiert, und ohne diesen Fehler in der Kirche wäre ich nie Jaydee oder einem der anderen begegnet. Ich hätte nie gegen Dämonen oder Undinen kämpfen, mich nie mit verrückten Theaterbesitzerinnen herumplagen müssen; wäre nie fast erfroren, nie fast zu Tode geprügelt oder angekettet, geschlagen und getreten worden ...

Wenn ich das so betrachtete, hatte ich ganz schön viel einstecken müssen, und dennoch empfand ich die letzten Monate nicht als Folter. Also doch schizophren. Oder irre.

Ich setzte den Stift erneut an: Jessamine hatte einen Hang zur Selbstgeißelung.

Ich grinste über meine Gedanken. Sicher war nicht alles nur schlecht gewesen. Es hatte auch schöne Seiten gegeben. Meinen ersten Kuss zum Beispiel. Also irgendwann hätte ich sicherlich jemanden geküsst, aber nicht ihn. Jaydee.

Außerdem wäre ich nie in den Genuss gekommen, die Natur zu umarmen oder mit dem Wind zu sprechen oder das Feuer zu berühren, ohne von ihm verletzt zu werden. Akil. Anna. Will. Sie alle wären mir nie über den Weg gelaufen. Ich wäre nie auf dem Rücken eines Parsumi um die Welt geritten, hätte nie diese Gruppe Ureinwohner in den Bergen Kanadas getroffen, wäre nie über mich hinausgewachsen und stärker, mutiger und selbstsicherer geworden, als ich es mir je zu träumen gewagt hatte.

Nein, rückblickend betrachtet war diese Nacht alles andere als ein Fehler gewesen, auch wenn ich dadurch herbe Verluste ertragen musste ...

Kein Kampf blieb ohne Opfer: Ariadne; Violet.

Beide hatten mir nahegestanden, Violet mehr, als es eine Schwester je gekonnt hätte. Beide hatte ich gehen lassen müssen. Beide fehlten mir mit jedem Atemzug.

„Was treibst du?“

Ich zuckte zusammen, als ich Jaydees Stimme über mir hörte. Seine Silhouette hob sich scharf gegen den glasklaren Himmel ab, die Sonne stand hinter ihm, ließ mich blinzeln und seine Haare in einem dunklen Kupfer erstrahlen. Sie waren wieder kinnlang und verstrubbelt, wie bei unserer ersten Begegnung. Er trug wie fast immer Jeans und ein schwarzes Shirt. Eine Hand hatte er zur Faust geballt, der Muskelstrang stach scharf hervor.

„Ich schreibe“, sagte ich. „Und ich ...“ Hatte keine Ahnung, wo ich überhaupt war. Ich blickte mich um. Erst da nahm ich die Umgebung wahr, als hätte jemand das Licht angeschaltet und die Szenerie zum Leben erweckt. Ich saß auf einer Picknickdecke in einem Park, neben mir stand Eistee, auf einem Teller lagen frisch geschnittene Apfelschnitze. Die Sonne schien, es wehte eine angenehme Brise, die Vögel zwitscherten. Die perfekte Kulisse an einem perfekten Frühlingstag in einem perfekten Leben.

„Wie bin ich denn hierhergekommen?“, fragte ich.

„Du träumst. Das ist nicht echt.“

„Oh ...“

„Also? Was schreibst du?“

„Über meine Erlebnisse.“

„Wozu?“

„Für mich. Damit ich sie nicht vergesse.“

„Wie könntest du etwas vergessen, bei dem du hautnah dabei gewesen warst?“

„Ich dachte, es könnte mir helfen.“

Jaydee fläzte neben mir und griff nach meinen Notizen. „Lass mal sehen.“

„Hey!“ Ich wollte sie ihm wegnehmen, aber er war schneller und drehte sich damit auf die andere Seite.

„Das geht dich nichts an!“

„Das geht mich sehr wohl etwas an. Nachher schreibst du falsche Dinge auf, und irgendwann finden das unsere Kinder und denken, ich wäre das größte Arschloch unter der Sonne.“

Ich stockte. „Du willst Kinder?“

Er lachte lauthals. „Ach, Jess. Keine Ahnung. Aber egal, wer das findet: Ich will, dass die Geschichte richtig erzählt wird.“

„Aber, wenn ich sie richtig erzähle, kommst du definitiv als Arschloch weg.“

Er sah mich an, erst glaubte ich, er wollte etwas darauf erwidern, doch dann nahm er einen Eiswürfel aus dem Glas und ließ ihn in die Rückseite meines Shirts fallen. Ich schrie vor Schreck.

„Siehst du! Ständig ärgerst du mich!“

„Ich necke dich.“ Er stützte sich auf dem Ellbogen ab und sah mir dabei zu, wie ich hilflos nach dem Eis unter meinem Shirt fischte. Ich warf ihm einen finsteren Blick zu, doch das beeindruckte ihn nicht sonderlich.

Jaydee grinste, drehte sich auf den Rücken und schlug die Hände unter den Kopf. „Schreib ruhig weiter. Ich passe auf.“

„Wie willst du aufpassen, wenn du die Augen zuhast?“

„Schlaf. Unterbewusstsein. Ich bin ein Teil von dir. Ich weiß, was du weißt.“

Endlich fand ich die Überreste des Eiswürfels und warf sie weg. „Dann hättest du mich auch nicht fragen müssen, was ich tue.“

„Stimmt.“ Er grinste. „Hätte ich nicht.“

Ich rollte mit den Augen, drehte mich auf den Bauch, nahm meinen Stift. „Aber du quatschst nicht dazwischen.“

„Wir werden sehen.“

Ich wandte mich meinem Blatt Papier zu:

Jessamine lebte in einem Haus an einem kanadischen See. Ihr Leben war idyllisch gewesen, sorgenfrei und unbeschwert, bis zu dem Tag, an dem ihre Mutter spurlos verschwand. Cassandra Harris war auf einmal wie vom Erdboden verschluckt. Für Jess – die damals erst zehn Jahre alt war – brach eine Welt zusammen. Sie suchte gemeinsam mit Ariadne ihre Mutter über alle möglichen Wege: Polizei, Nachrichten, Privatdetektive – sogar ein Medium beauftragten sie. Alles ohne Erfolg.

„Hier könntest du doch das mit dem schwarzmagischen Zauber erwähnen“, sagte Jaydee. „Dass sie den auf dich legte, um deine wahre Herkunft zu verschleiern und dir deine musikalische Gabe zu nehmen. Hätte Anna damals nicht so darauf beharrt, dass ihr verwandt seid, hätten wir nie in der Richtung weiterüberlegt. Und vergiss nicht zu schreiben, dass der Zauber der Grund ist, weshalb wir uns nicht berühren können. Und dass deine Mutter nicht spurlos verschwunden ist, sondern irgendwo anders verweilt. Und dass Coco hinter dir her ist, und ...“

„Dein Vorsatz, die Klappe zu halten, hat richtig lange gehalten.“

Er drehte sich zu mir. „Es ist so viel passiert, wie willst du das zusammenfassen, ohne dabei den Faden zu verlieren?“

„Es wird mir schon gelingen. Also sei still.“

Er schmunzelte. Er würde keine fünf Minuten Ruhe geben. Jaydee tat selten, was man von ihm verlangte. Ich schob mein Kinn vor, bedachte ihn mit einem herrischen Blick und fuhr fort:

Schließlich stellten sie die Suche nach der Mutter ein, und Jessamine kehrte in ihren Alltag zurück. Sie ging weiter zur Schule, fand Trost bei ihrer Ziehmutter Ariadne, ihrer Fylgja Violet und ihrem besten Freund Zachary.

Und schon musste ich den Stift erneut absetzen. Auch ihn hatte ich verloren. Zac lebte zwar noch, aber er war nicht mehr bei mir. Ich hatte ihn angelogen, ihn in Kanada zurückgelassen und Dinge vor ihm verheimlicht. Sollte er je die Wahrheit herausfinden, war es das vermutlich mit unserer Freundschaft.

„Und das alles nur, weil ich in die Kirche gegangen bin.“

„Und weil ich Joanne habe entkommen lassen. Sie hätte nie zur Kirche gefunden, wenn ich sie getötet hätte.“

Das stimmte. Joanne war eine Schattendämonin. Sie hatte uns das Leben zur Hölle gemacht, um die diabolischen Pläne ihres sogenannten Meisters Ralf umzusetzen. Er missbrauchte meine beste Freundin als Gefäß für einen Urdämon aus der Hölle. Violet hatte die Qualen ihrer Taten nicht verkraftet und war innerlich daran zerbrochen. „Ich musste sie erlösen.“

„Ja.“

Jaydee sagte mir das immer wieder, und ich war ihm unendlich dankbar dafür. Ich brauchte seine Worte, seinen Trost, seine Nähe. Er konnte mir Violet nicht zurückbringen, aber aus seinem Mund zu hören, dass ich richtig gehandelt hatte, machte es für mich erträglicher. „Das hast du damals auch getan.“

„Was denn?“

„Als Joanne Ariadne getötet hatte, hast du mir geholfen. Du hast mir einen Teil der Trauer entzogen, weißt du noch?“

„Weil ich dich jeden Abend nach dem Training berührt habe.“ Seine Fingerkuppe zeichnete kleine Kreise auf meine Schultern. „Und über meine Empathie deine Gefühle entzog.“

Lange Zeit waren Berührungen zwischen uns absolut undenkbar gewesen. Bei unserem ersten Zusammentreffen prügelte Jaydee mich sogar halb tot, damals konnte ich nur mit Glück entkommen, und auch beim zweiten Mal – in einem Kerker – hatte nicht viel gefehlt, und ich wäre erledigt gewesen.

Ich drehte mich zu ihm und sah ihn an. Er hatte die Augenbrauen zusammengezogen, sein Blick ruhte auf meinem. Ich streckte den Finger aus und fuhr über sein stoppeliges Kinn. „Wie konnte es nur soweit zwischen uns kommen?“ Wie konnten wir zueinander finden?

„Magie“, flüsterte er.

Ja. Vielleicht war es das. Denn trotz der Gewalt, die zwischen uns hing, war da noch etwas Anderes. Jaydee schaffte es, mein Herz auf eine Art zu berühren, wie es noch nie jemand vor ihm gelungen war. Als er mir das erste Mal seine Zuneigung schenkte, war es, als würde sich ein Schleier aus endloser Trauer lichten und ich endlich wieder atmen können. Jaydee brachte Licht zurück, wo nur Dunkel gewesen war, er heilte mein Herz, meine Seele, und er berührte mich tief im Inneren. Unser Gespräch im Stall war das erste Mal gewesen, bei dem wir uns zueinander wandten, statt gegeneinander zu kämpfen. Der erste Schritt auf einer langen Reise. Wir behielten unsere Differenzen, doch die Momente, in denen er nett zu mir war, wurden mehr. Und schließlich war es geschehen: Wir hatten uns geküsst. Das erste Mal in New York und später noch mal in der Karibik. „Du hast gesagt, dass du mich liebst.“

Jaydee blinzelte und strich mit den Lippen über meinen Oberarm. „Und du hast noch nichts darauf erwidert.“

„Ich weiß.“ Wir hatten keine Gelegenheit dazu gehabt, außerdem war sein Geständnis ziemlich überraschend gekommen. Ich musste es erst mal sacken lassen.

Klar war: Ich mochte ihn. Sehr. Mehr als sehr, aber war es Liebe? Ich hatte keine Ahnung von solchen Dingen, ich war noch nie verliebt gewesen, noch nie soweit, mich einem Mann hinzugeben. Und es brachte nichts, mit diesem Jaydee in diesem Moment darüber zu sprechen. Es war schließlich nur ein Traum.

Ich atmete aus und wandte mich wieder meinem Block zu. „Ich habe noch gar nichts über die Seelenwächter geschrieben.“

„Was willst du denn schreiben?“

„Na alles. Was ihr macht, warum es euch gibt, gegen wen ihr kämpft. Es gibt so viel zu erzählen.“ Ich sah ihn an und schwelgte einige Sekunden in seiner Schönheit. Vielleicht war es kitschig, das zu tun, aber er war nun mal wunderschön. Jaydee. Die Abnormität unter den Seelenwächtern.

„Außerdem klingt es doch episch: Die Seelenwächter.“ Ich senkte meine Stimme, um meinen Worten mehr Gehalt zu verleihen. Wie im Kino, wenn ein großer Film angekündigt wurde. „Vor Tausenden von Jahren von einer Zauberin erschaffen, indem sie ihre eigene Seele in vier Teile spaltete und diese den vier Elementen übergab. Fortan sollten die Seelenwächter gegen die gefährlichen Schattendämonen kämpfen: Verloren gegangene Seelen, die nach ihrem Ableben nicht den Weg ins Licht fanden, sondern in der Zwischenwelt hängenblieben und sich von den Lebenden ernährten.“

Jaydee schmunzelte. „Auf die Sache mit den Elementen solltest du allerdings näher eingehen.“

„Oh ja, das ist in der Tat extrem cool.“ Ich räusperte mich und fuhr mit meiner Kino-Epos-Stimme fort: „Dabei bedient sich jeder Seelenwächter der Magie eines Elementes: Feuer, Wasser, Erde, Luft. Nur gemeinsam ergeben sie eine Einheit und erhalten ihre volle Stärke im Kampf gegen die Urmächte des Bösen. Und?“

Er verzog das Gesicht. Jaydee war kein Mann der vielen Worte. Er brauchte nur seinen Dolch und einen Gegner, dann war er glücklich. Na ja, ab und an war er auch glücklich, wenn er magische Tinte hatte, um sich Tattoos zu stechen, damit wir uns anfassen konnten, aber das stand auf einem anderen Blatt.

„Denkst du noch oft darüber nach, warum du so anders bist? Warum du Fähigkeiten aller Elemente in dir vereinst und nicht nur von einem?“

„Gerade denke ich darüber nach, dass ich dich wirklich gerne flachlegen würde.“ Er drehte den Kopf und grinste mich an.

„Nur gucken, nicht anfassen.“

„Eigentlich habe ich lange genug nur geschaut.“ Er streckte einen Finger aus und strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Wobei ich nie genug von dir bekommen kann.“

Ich biss auf meine Unterlippe, wandte mich von ihm ab und schrieb weiter.

Joanne arbeitete Hand in Hand mit Williams Bruder Ralf. Gemeinsam wollten sie den Dämon Emuxor aus der Hölle beschwören, der alle Schattendämonen auf die nächste Stufe der Evolution heben sollte. Damit hätten die Schattendämonen die Menschen als dominierende Spezies abgelöst.

Im Laufe des Kampfes mussten die Seelenwächter herbe Verluste einstecken. Ralf attackierte den Rat – und somit die vier ältesten lebenden Seelenwächter – und holte sich eine Seele nach der anderen. Ilai, Kirian, Soraya und Logan mussten in den Tempel der Wiedergeburt gebracht werden, jenen Ort, an dem die Seelenwächter geboren wurden. Seither harren die Vier bei ihrem Element, um sich zu regenerieren. Nur mit Hilfe der Dowanhowee Indianer – denen auch der Detective Benjamin Walker angehört – gelang es, den Emuxor zurück in die Hölle zu bannen. William besiegte in diesem Kampf seinen Bruder und tötete ihn, während Joanne ein weiteres Mal floh und noch immer auf freiem Fuß war.

Ich hielt inne und blickte in den Himmel. Es war kein Wölkchen zu sehen. Die Sonne stand nach wie vor am gleichen Fleck, und Jaydee lag still neben mir und betrachtete mich.

„Willst du gar nichts mehr dazu sagen?“

„Im Moment nicht. Es war eine verrückte Zeit.“

„Ja. Soll ich das in New York eigentlich auch aufschreiben?“

„Liegt ganz bei dir, wie schmuddelig du das gestalten magst.“

„Es war ja jugendfrei.“

„Gerade so.“

Jaydee und Jessamine machten in all dem Chaos einen Ausflug nach New York ..., kritzelte ich auf das Blatt Papier und malte kleine Herzchen drumherum.

„Oh, bitte“, keuchte er.

Ich lachte und stupste ihn mit dem Bleistift in den Arm. „Ich weiß: Du bist nicht der Typ für diesen Romantikkram.“

„Wahrlich nicht.“

Ich blickte ihn eine Weile verstohlen an, und er ließ es zu. So übel war diese Traumsache gar nicht. In der Realität hätte er mich schon längst angemotzt, dass ich nicht so starren soll.

„Du siehst aus wie ein Welpe, der vor einem saftigen Stück Fleisch sitzt“, sagte er schließlich. „Fang bloß nicht an zu sabbern.“

„Du bist sowas von arrogant, das ist unfassbar.“

Im Big Apple angekommen, hatten Jaydee und Jessamine eine kleine Unterredung mit Ashriel. Sie war eine ehemalige Seelenwächterin, die ein Theater in der Stadt betrieb. Ein ziemlich gruseliges Theater mit lebenden Wänden und Angestellten, die sich ihrem Job bis in alle Ewigkeit verschrieben hatten. Jaydee und Jessamine wären fast nicht wieder lebend herausgekommen. Doch immerhin erfuhren sie interessante Dinge über ihre Mutter. Ashriel stellte anhand von Jess‘ Blut fest, dass in ihr die Essenz des Todes wirkte. Laut Ashriel gab es neben den vier Grundelementen des Seins, Wasser, Erde, Feuer, Luft, noch zwei weitere: das Leben und den Tod. Letzterer verbarg das Leben, den wahren Kern einer Seele und somit Jess’ wahre Herkunft als Nachfahrin einer ganz besonderen Blutlinie, der auch Anna angehörte. Außerdem unterdrückte der Zauber in Jessamine die Gabe zu musizieren oder zu singen.

„Hoffentlich hat der Zauber nicht noch andere Nebenwirkungen“, sagte ich. „Ich meine, es ist immerhin schwarze Magie, und die fließt durch meinen Körper.“

„Ashriel hat es ja gesagt: Solange sie nicht mit anderer Magie gekreuzt wird, bleibt sie ungefährlich.“

„Ich frage mich echt, woher meine Mum das alles wusste. Sie führte den Zauber an mir ja nicht einfach auf gut Glück durch. Wenn wir sie nur endlich finden würden.“

Als Hinweis auf den Aufenthaltsort von Cassandra hatte Ashriel Jessamine eine Kugel überlassen, mit der sie angeblich ihre Mutter aufspüren konnte.

„Ist Liebe ein zartes Ding? Sie ist zu rau, zu wild, zu tobend, und sie sticht wie Dorn. Möge deine Geschichte nicht so tragisch enden wie die der Julia. Viel Glück bei deiner Suche.“ Das hatte sie auf den Zettel geschrieben, der bei der Kugel gelegen hatte. Noch hatten wir keine Zeit gehabt, sie näher zu untersuchen, aber ich hoffte, dass wir das bald nachholen konnten.

„Ich muss auch das mit Coco notieren“, sagte ich mehr zu mir selbst. Wir waren uns einmal begegnet, und diese Zusammenkunft war ziemlich gruselig gewesen.

„Sie würde auf alle Fälle für den schwarzen Fleck in deinem Herzchen-Geschreibsel sorgen.“

„Du musst mir noch genauer von eurer Begegnung in Arizona berichten. Als du sie gestellt hast.“ Ich wusste auch nur davon, weil er es kurz angeschnitten hatte, nachdem Akil zurückgekehrt war.

„Ich weiß.“

„Und hast du es noch vor?“

Er zuckte die Schultern. Natürlich konnte er das nicht beantworten. Nicht in einem Traum.

Ich machte einen Strich unter meine Notizen und schrieb Coco darüber.

Coco war rein äußerlich ein Mädchen, mit langen schwarzen Haaren und diabolischen Augen. Sie wirkte unschuldig, fast ein wenig schmächtig, doch in Wirklichkeit war sie unfassbar stark. Sie lebte schon seit mehreren hundert Jahren und war auf der Suche nach einer speziellen Nachfahrin. Sie war auf der Suche nach Jessamine.

„Deshalb meine Fylgja.“ Damit ich vor Coco versteckt war. Solange Violets Schutz um mich lag, konnte sie mich nicht finden. Jetzt, da Violet weg war, übernahm das ein Amulett für sie. Meine Finger suchten den Anhänger. Er war wie ein Tropfen geformt und trug im Inneren mein Blut. Ich blickte zu Jaydee. „Nun haben wir beide Schmuck, der uns helfen soll.“

Er tastete nach dem kleinen weißen Jadestein an dem Lederband. Er hatte den Stein getragen, als er damals bei Pfarrer Stevens vor der Kirche als Säugling abgegeben worden war. Als er zu den Seelenwächtern kam, hatte er ihn verloren, aber ihn zwischenzeitlich wiedergefunden. „Ariadne sagte mir, dass er mir helfen wird, aber ich habe noch immer keine Ahnung, wobei.“

Ich schrieb Jadestein auf den Block und machte ein Fragezeichen dahinter.

„Coco und ich sind uns übrigens in der Antarktis begegnet“, sagte ich. Als Ralf mich dorthin verschleppt hatte und ich aus Verzweiflung mein Amulett abnahm, damit mich die anderen finden konnten. „Du musst mir vertrauen. Die, mit denen du kämpfst, stehen nicht auf deiner Seite. Du bist zu Großem erschaffen. Du bist das Licht, das Leben, die Freiheit. Wecke dein Potenzial.“

„Was?“, fragte Jaydee.

„Das hat sie zu mir gesagt, als wir uns trafen. Kurz bevor der Kranich sich aus dem Kästchen befreite und sie mit seiner Magie vertrieb.“ Der Kranich war so etwas wie die ultimative Waffe gegen Coco. Zumindest schien es so.

„Davon hast du mir nichts erzählt.“

„Nein.“ Ich hatte dazu noch keine Gelegenheit. „Das Kästchen ist leider zu Staub zerfallen, nachdem Keira es verwendet hatte.“ Wie sie in der ganzen Sache mit drinhing, wusste ich noch nicht. Sie wollte es mir eigentlich erzählen, aber ich hatte sie nicht mehr gesehen.

Ich überflog meine Notizen, um nachzusehen, ob ich etwas vergessen hatte. Jaydee hatte recht gehabt. Die letzten Wochen waren der pure Wahnsinn gewesen, und ich hoffte inständig, dass ruhigere Zeiten auf mich zukämen. Ich musste auch dringend zu Hause vorbeischauen, mich mit Zac unterhalten, überlegen, wie es generell weiterging. Wo ich leben sollte ... Alles Sachen, über die wir nie gesprochen hatten. Wobei es mir das Herz zusammenzog, wenn ich daran dachte, Jaydee oder einen der anderen nicht mehr zu sehen. Aber ich konnte doch auch nicht einfach so mein menschliches Leben hinter mir lassen. Ich hatte eigentlich aufs College gewollt, studieren, arbeiten, keine Ahnung.

„Was macht ihr eigentlich wegen des Anwesens in Arizona?“ Die Häuser waren an die Oberhäupter der Seelenwächter gebunden. Wurde etwas zerstört, konnten sie sich sogar eigenständig heilen. Doch da Ilai verletzt im Tempel der Wiedergeburt lag, konnte er dem Anwesen nicht dabei helfen.

„Ich gehe davon aus, dass Akil nicht scharf darauf ist, der neue Anführer der Familie zu werden, also muss Will das übernehmen. Er wird die Macht von Ilai kanalisieren, und dann kann sich das Anwesen erholen.“

„Und wie genau geht das?“

Jaydee zuckte die Schultern. Natürlich. Im Traum konnte er mir keine Antwort darauf geben.

Ich klappte das Notizbuch zu und rollte mich auf den Rücken. Auf einmal fühlte ich mich, als hätte jemand sämtliche Energie aus meinen Knochen gezogen. „Kann man müde werden, wenn man träumt?“

„Sieht so aus, oder?“

„Ich sollte noch das mit Akil vermerken.“ Bei ihm ging es schließlich auch drunter und drüber.

Akil hatte beim letzten Angriff von Joanne seine Seelenwächter-Fähigkeiten verloren. Weil er das nicht verkraftete, zog er los, um Party zu machen und wurde dabei von seinem Ex-Freund Noah entführt. Allein wenn ich darüber nachdachte, merkte ich, wie abstrus das war. Im Leben der Seelenwächter lief echt nichts normal. Nach einigem Hin und Her traf Akil schließlich auf die Drahtzieherin des Ganzen: eine Frau namens Ananka. Sie war eine Magierin oder Heilerin und hatte Akil ein Armband verpasst, das in ihm Flashbacks auslöste. So musste er seine Kindheit und viele Erlebnisse noch mal durchleben. Ananka wollte mit seiner Hilfe an die Fähigkeiten der Seelenwächter gelangen, ihnen sämtliche Magie entziehen und zu ihrer eigenen machen. Damit wäre jeder Wächter menschlich geworden. Nicht auszudenken, wenn sie es tatsächlich geschafft hätte. Leider konnte sie entkommen. Akil war zurück nach Malea Island gekehrt, wo er Jaydee und mich in einer äußerst prekären Situation erwischt hatte.

Nachdem er uns seine Geschichte erzählt hatte, bekam er einen weiteren Flashback, in dem er erkannte, wie er seine Fähigkeiten zurückbekommen würde: Jaydee hatte ihm vor neun Jahren ins Herz gestochen und ihn damit geschwächt. Wenn sie dies wiederholten, könnte Akil diese Energie wieder von Jaydee zurückerhalten. Also hatten sie es getan ...

Ich wusste es noch ganz genau. Es war kein schöner Anblick gewesen, wie Akil blutend auf der Couch gelegen hatte.

Ich blinzelte. Die Umgebung wechselte, und mein Traum von eben verblasste.

Auf einmal war ich zurück in der Karibik.

Zurück auf Malea Island.

Ein warmer Lufthauch wehte durch das Fenster herein und brachte den Geruch von Akils Blut mit sich.

Von sehr viel Blut ...

1. Kapitel

 

Malea Island – Vor vier Monaten

 

Jessamine

 

„Jaydee“, stammelte ich.

„Schon gut. Setz dich, du kippst gleich um.“ Er nahm neben Akil Platz und rüttelte ihn an den Schultern. „Komm zu dir!“

Ich taumelte rückwärts, suchte Halt an der nächsten Wand. Mir war übel von dem vielen Blut. Obwohl ich schon in einige Kämpfe verwickelt gewesen war, stieg mir die Galle nach oben. Denn das hier war eine absolute Katastrophe! Jaydee hatte Akil tatsächlich den Dolch ins Herz gerammt, und nun warteten wir darauf, dass er sein Bewusstsein zurückerlangte.

Jemand hustete. Ich drehte mich um. Es war Colin, der langsam zu sich kam und sich auf die Seite rollte. Jaydee hatte ihn dummerweise k.o. geschlagen. Es war eine seiner typischen Kurzschlussreaktionen gewesen. Colin hatte ihn abführen wollen, um ihn in die Isolation zu bringen, und Jaydee hatte sich geweigert, weil er erst Akil helfen wollte.

Dafür hat er einen Monat länger Isolationszeit abbekommen. Er musste vier statt drei Monate weg.

Colin stemmte sich nach oben, aus seiner Nase tropfte Blut. Sicher wäre er dieses Mal nicht mehr so nachsichtig. Er ballte die Hand zur Faust. Unter seinen Fingern glühte es, er erzeugte einen Feuerball.

„Tritt sofort vom Sofa zurück“, blaffte er Jaydee an.

Jaydee ignorierte ihn und schüttelte Akil noch einmal. „Jetzt mach schon!“

„Vertrauen“, brabbelte Akil. „Hab Vertrauen ... Das hab ich ...“

„Du wirst sofort mitkommen“, sagte Colin.

„Gib mir noch eine verfluchte Minute“, antworte Jaydee.

„Ich werde dich auf keinen Fall erneut auffordern. Es reicht!“

Oh je, das würde nie und nimmer gut ausgehen. Colins Adern stachen auf seinen Armen hervor, so sehr staute er das Feuer in sich. Seine Haut glühte, das Leuchten verstärkte die Brandnarben, die sich von seinen Händen nach oben zogen.

Ich stieß mich von der Wand ab, lief zu Colin und legte meine Finger über seine. „Jaydee wird mit dir gehen, aber bitte lass ihm noch einen Moment mit seinem Freund.“

Colins Hand war brütend heiß, die Flammen züngelten daraus hervor, doch sie verbrannten mich nicht. Feuerwächter kontrollierten ihr Element. Jederzeit.

„Bitte, Colin. Er wird Akil drei ... nein, vier Monate nicht mehr sehen.“ Und mich auch nicht, aber das stand auf einem anderen Blatt. „Diese Sache ist wichtig. Für beide.“ Ich verstärkte den Druck auf seine Hand und hoffte, ich konnte an sein Mitgefühl appellieren.