Die Chroniken der Seelenwächter - Band 15: Auf Leben und Tod (Urban Fantasy) - Nicole Böhm - E-Book

Die Chroniken der Seelenwächter - Band 15: Auf Leben und Tod (Urban Fantasy) E-Book

Nicole Böhm

4,8

Beschreibung

Anthony stellt Keira vor eine gefährliche Wahl und zwingt sie zu Dingen, die sie zutiefst verabscheut. Sie muss ein weiteres Mal über sich hinauswachsen, um diese Aufgabe zu meistern. Sollte es ihr nicht gelingen, wird sie alles verlieren, was sie sich je erkämpft hat. Für Keira beginnt ein Spiel auf Leben und Tod. Währenddessen macht Jaydee eine Entdeckung über seinen Jadestein, mit der er nicht gerechnet hätte. Die Karten mischen sich neu und er muss den Jäger stärker als üblich in seinen Ketten halten. Jess forscht auf einer anderen Fährte und entdeckt eine unfassbare Geschichte. Ihre Mutter hatte mit Kräften gespielt, die größer und mächtiger waren als sie selbst.

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Die Chroniken der Seelenwächter

Band 15

Auf Leben und Tod

Was bisher geschah

Keira trifft in den Archiven der Sapier auf die Urmutter Sophia. Der ehemalige Engel nimmt Keira mit auf eine Reise in die Vergangenheit und zeigt ihr nicht nur, wie sie der ersten Seelenwächterin Lilija begegnete, sondern auch, wie Sophia Jaydee in Pfarrer Stevens Obhut übergab. Ein Ereignis, das viele Schicksale beeinflusst hat, denn in dieser Nacht traf Sophia außerdem auf Cassandra – Jess’ Mutter.

Jaydee bringt von dem Besuch bei Auguste einen Schlüssel zu einer Lagerhalle mit. Dort befinden sich alle Sachen aus der ausgebrannten Wohnung der ehemaligen Haushälterin. Gemeinsam mit Jess will er in den Unterlagen stöbern und nach Hinweisen auf Cassandra suchen.

Anna kämpft indes mit ihren Flashbacks, von denen der letzte so schlimm war, dass sie nicht nur sich selbst, sondern auch Jess und Kendra verletzt hat. In Wills Armen sucht sie Trost.

1. Kapitel

»Hey, sieh mal, Milo.«

»Was?«

»Da liegt ’ne Frau!«

»Wo denn?«

»Da im Stall. Bei den Schweinen.«

»Du spinnst.«

»Doch. Ich glaube, sie ist tot.«

»Komm da weg. Wir sollen Milch kaufen. Wenn wir trödeln, versohlt uns Paps den Hintern.«

»Aber sie ist schön. Schau sie dir wenigstens an.«

»Wirst du gefälligst ... iih, das Schwein knabbert an ihrem Arm.«

»Ich sag doch: Die is tot! Hab noch nie ’ne Tote gesehen.«

»Warte! Da kommt jemand. Ein Fremder!«

»Schnell weg!«

»Jungs, alles klar? Ihr müsst nicht abhau... oh, verflucht! Mädchen, was ist denn mit dir passiert?«

Anna schreckte hoch, griff an ihren Arm und riss die Augen auf. Ihr Herz wummerte, sie blickte sich um. Noch war es dunkel, aber sie erkannte ihr Zimmer sofort.

Sie lag in ihrem Bett.

Nicht im Schweinestall!

Sie war gesund.

Es war ein Traum ...

Kein Flashback.

Nur ein Traum ...

Sie rieb über die Stelle auf ihrem Arm, an der sie das Schwein gebissen hatte. Es war nichts zu spüren. Bis auf die Wunde zwischen ihren Brüsten, die sie sich gestern im Wahn selbst zugefügt hatte, ging es ihr gut.

Mehr oder weniger.

Ich habe die Kontrolle verloren.

Und sie hatte Jess und Kendra verletzt.

Anna strich über den Verband, den sie sich selbst angelegt hatte. Will hatte ihn mit Heilsirup getränkt und ihr gegeben. So konnte das Mittel auch von außen wirken. In ein paar Tagen sollte von der Wunde nichts mehr zu sehen sein.

»Ist alles okay?«, fragte Will. Anna blickte auf. Er saß im Sessel am Fenster, sie erkannte nur seine Umrisse. Er knipste die Stehleuchte neben sich an. Seine Haare waren wirr, sein Gesicht verschlafen. Offenbar hatte er die ganze Nacht dort ausgeharrt. Auf seinem Schoß lag ein Buch. Er klappte es zu und legte es zur Seite. »Anna?«

»Mh?«

»Geht es dir gut?«

»Ich habe ... schlecht geträumt.«

»Von was.«

Sie kratzte über ihre Arme und zog die Beine an. Er stand auf, lief zu ihr und setzte sich auf die Bettkante. Ihre Nägel bohrten sich tiefer in ihre Haut, Will griff danach, damit sie aufhören musste. »Erzähl es mir.«

Sie drehte den Kopf weg. Ihr war nicht nach reden, aber vielleicht half es ja.

»Ich ... ich war im Schweinestall, kurz bevor Akil mich gefunden hat.«

Will legte einen Arm um ihre Schulter, zog sie an sich und strich mit seinem Kinn über ihre Haare. Sie ließ es zu, umschlang seine Taille und bettete ihren Kopf gegen seine Brust. »Er hat dich gerettet. Darum bist du hier. Es ist vorbei.«

»Ich weiß.« Ihrem Verstand war das alles sonnenklar. Wenn sie die Dinge rational betrachtete, gab es nichts, wovor sie sich noch fürchten musste. Andrew war lange tot, sie selbst besaß die körperliche Kraft von zehn Männern, sie war schnell und ausdauernd, sie konnte mit dem Wind spielen und sich teleportieren. Außerdem war sie von den besten Freunden umgeben, die es gab. Es war alles perfekt.

Doch die Flashbacks waren nun mal nicht rational zu erklären. Sie waren ein Produkt ihrer Seele. Das Bluten ihres Inneren, das sich nur auf diese Art ausdrücken konnte, und es gab nichts, um diese Blutung zu stillen. »Das ist so sinnlos.«

»Sag das nicht.«

»Sieh mich doch an!«

»Das tue ich. Die ganze Zeit schon.«

»Wie soll ich je wieder arbeiten, wenn es so weitergeht? Ich bin als Wächterin unbrauchbar!«

»Rede bitte nicht so ...«

»Was bleibt mir anderes übrig? Ich bin ein mentales Wrack, Will.« Sie konnte es weder verleugnen noch ignorieren. Sie war kurz davor, überzuschnappen. Noch ein paar Flashbacks – und sie würde sich verlieren. »Ich wäre nicht die erste Wächterin, die es nicht mehr schafft.« Es gab etliche unter ihnen, die ihre Vergangenheit nie ablegen konnten und darüber verrückt geworden waren. Anna kannte einen, der sich auf einer Festung eingeschlossen hatte und niemanden an sich heranließ. Er lebte völlig isoliert. Vielleicht sollte sie sich mit ihm zusammentun. Dann könnten sie sich gemeinsam in ihren Schrecken suhlen.

»Aber du hast uns. Du hast mich.«

»Du kannst diese Bilder nicht vertreiben.«

Er drehte sich, nahm ihr Gesicht in beide Hände und sah ihr fest in die Augen. »Lass es mich versuchen.«

Sein Atem streifte über ihre Haut, so nah waren sie sich. Früher hätte sie das gestört, heute fand sie es schön. Seit sie im Sommer in Wills Gedanken gewesen war und selbst gesehen hatte, was er für sie empfand, war etwas aus ihrer Mauer herausgebrochen. Sie konnte ihn einlassen, wenigstens bis zur Türschwelle.

»Wenn ich nur wüsste, warum das auf einmal hochkommt.«

»Vielleicht war dieses Jahr zu viel für dich. Du hast in Jess deine Nachfahrin gefunden, obwohl du immer glaubtest, dass es keine Blutsverwandten mehr gibt. Du hast viel gekämpft. Wir alle. Du hast mit angesehen, wie ein Ratsmitglied seiner Seele beraubt wurde ...«

»Das hast du auch und drehst nicht durch. Es war sogar dein eigener Bruder.« Sie blickte ihn an. Ralf hatte kurzzeitig Wills Körper übernommen und in seiner Gestalt Jess entführt und weiteres Chaos gestiftet.

»Ich habe viel darüber nachgedacht«, sagte Will. »Und ich muss zugeben, dass Jaydee mir geholfen hat.«

»Wie das?«

»Als wir auf Malea Island waren und ich quasi vor mich hinvegetierte, hat er mir meine Schuldgefühle entzogen. Es hat ... es hat gutgetan.«

»Das verstehe ich.« Sehr sogar. Anna hatte seine Kräfte auch schon in Anspruch genommen, nur hielten sie bei ihr nicht dauerhaft, und im Moment konnte er ihr nicht helfen, wegen der Tattoos. Dennoch vermisste sie ihn schrecklich. Seit er zurück war, hätte sie sich am liebsten in seine Arme geworfen und nie wieder losgelassen, aber dieser Platz stand ihr nicht mehr zu.

»Außerdem habe ich mit meinem Bruder Frieden geschlossen«, fuhr Will fort. »Ich habe seine Asche begraben und alles andere auch.« Er neigte den Kopf zu ihr. »Vielleicht musst du das genauso tun.«

»Andrew ist bereits tot, ich kann ihn nicht noch mal umbringen.« Und seine Überreste waren schon lange verwest. Anna hatte ihm ihren Dolch ins Herz getrieben und ihm in die Augen gesehen, wie er sein Leben aushauchte. Es war eine feige Tat gewesen, sie hatte Andrew im Schlaf überrascht. Anders hätte sie es nie übers Herz gebracht. Seelenwächter töteten keine Menschen, aber Andrew hatte auch nichts Menschliches mehr gehabt. Er war ein Monster gewesen, und er hatte alles Lebendige und Fröhliche in ihr ausgelöscht. Sie hatte gehofft, sie würde es nach dieser Tat wiedererlangen.

Sie hatte sich getäuscht.

Danach musste sie sich vor dem Rat rechtfertigen. Sie wäre fast verstoßen worden, doch Akil, Will und sogar Ilai hatten für sie gesprochen. Der restliche Rat hatte sich alles angehört und ihre Situation als Ausnahme eingestuft. Anna war lange unter Beobachtung gestanden, aber da sie sich bewährte, durfte sie wieder Teil der Gemeinschaft sein.

Will ließ einige Haarsträhnen durch seine Finger gleiten. Seine Nähe und seine Wärme taten ihr gut. Es fühlte sich so stimmig an. Ihr Blick blieb auf seinen Lippen haften.

Was, wenn er wirklich helfen konnte? Was, wenn er sie auf andere Art heilte?

Seit ihrer Wandlung zur Seelenwächterin hatte sie nie wieder einen Mann an sich herangelassen. Jaydee war der erste gewesen, den sie zaghaft geküsst hatte, und das war ein Fehler gewesen. Aber galt das auch automatisch für Will? Er liebte sie. Jaydee tat das zwar auch, doch auf eine andere Weise.

Sie beugte sich zu Will. Er verharrte ganz ruhig, hielt die Luft an.

Sein Duft wurde intensiver, die Wärme, die er ausstrahlte, umarmte sie, als hätte er mehr als zwei Hände. Zaghaft strich sie mit ihrer Nase über seine. »Du riechst gut.«

Er lächelte. »Danke.«

Sie beugte sich näher, bis sie ein Kribbeln auf ihrer Haut spürte. Wills Ruhe verlieh ihr Mut. Vorsichtig fuhr sie mit ihren Lippen hoch zu seinem Mund, sanft und zurückhaltend. Seine Finger glitten nach hinten, legten sich um ihren Hinterkopf, ohne Druck auszuüben. Sie rückte an ihn heran, die Wunde in ihrer Brust flammte kurz auf, als wollte sie Anna daran erinnern, was sie wirklich war: Andrews Besitz. Seine Frau. Sein Eigentum.

Sie hielt inne.

»Anna ...« Wills Finger gruben sich in ihre Haare. Der Duft nach verbrannter Kohle stieg ihr in die Nase. »Es ist vorbei.«

Ja. Sie wusste das. Sie gehörte Andrew nicht länger, egal, mit was er ihren Körper gebrandmarkt hatte. Er war tot. Gestorben durch ihre eigene Hand.

Sie kam zurück auf Wills Mund. Unsicher, was sie tun sollte, ob es besser war, es dabei zu belassen. Aber ein kleiner Teil von ihr wollte tatsächlich mehr als einen schüchternen Kuss. Zaghaft glitt sie mit der Zunge über seine Lippen. Er schmeckte nach Feuer und nach Rauch und womöglich sogar nach Heilung. Vielleicht musste sie die alten Wunden ausbrennen, damit sie für immer versiegelt blieben. Vielleicht war Feuer genau das Richtige für sie.

Sein stoppeliges Kinn kratzte über ihre Haut, aber es war okay.

Das hier war okay.

Sie spürte, wie sich ihre Seele einen Spalt öffnete und etwas von Will einließ. Anna griff in seinen Nacken, drängte seine Lippen mit ihren auseinander, zog ihn enger an und auf sich. Sie sanken zurück aufs Bett, ohne von dem Kuss abzulassen. Die Wunde auf ihrer Brust meldete sich erneut. Genau wie die Angst, die aufflackerte, als er sie mit seinem Gewicht beschwerte. Ihre Kehle schnürte sich zusammen, sie keuchte.

Er hörte sofort auf und stemmte sich auf die Arme, damit er sie nicht zu sehr bedrängte.

»Lass mich nach oben.« Sie brauchte Kontrolle. Das Gefühl, dass sie bestimmen konnte.

Ohne zu zögern, rollte er von ihr herunter und nahm sie mit. Sie stöhnte wegen der Wunde, doch es war auszuhalten.

Vorsichtig setzte sie sich auf ihn und sah hinunter. Er hielt seine Hände locker auf ihrer Hüfte, strich mit den Fingern über ihr Nachthemd. Sie trug nur ihren Slip darunter. Bei jedem anderen hätte sie schon längst die Flucht ergriffen.

Will fuhr über eine alte Narbe an ihrem Oberschenkel und stockte.

»Ich weiß nicht mal, woher die ist«, sagte sie. Viele hatte sie sich im Wahn selbst zugefügt. Ihre Haut war eine Karte ihrer Seelenqualen. »Mein Körper ist voll davon.«

»Es stört mich nicht. Du bist wunderschön.«

Anna wusste, dass das stimmte. Als sie in seinem Kopf gewesen war, hatte sie es gesehen. Alles was Will bei ihrem Anblick empfand, war bedingungslose Liebe und Hingabe. Dennoch war sie sich nicht sicher, was er fühlen würde, wenn er das volle Ausmaß ihrer Verstümmelungen begriff.

Anna nahm seine Hände von ihren Hüften, stand auf und entfernte sich einen Meter von ihm. Er setzte sich hin. Seine Haare waren zerzaust. Von ihr. Sie mochte das.

»Bleib dort, bitte«, sagte sie.

Er nickte.

Anna atmete tief ein, griff an den Saum ihres Hemdes und zog es sich über den Kopf, bevor sie es sich anders überlegen konnte. Sie hörte Will nach Luft schnappen, und als sie ihn anblickte, glitten seine Augen über ihren Körper.

Es war nicht das erste Mal, dass er sie so sah. Als er und Akil sie aus dem Schweinestall gezogen hatten, war ihre Kleidung zerrissen gewesen. Viele Jahre waren seither vergangen, ihr Körper hatte sich verändert, sie wollte, dass er begriff, was aus ihr geworden war.

Ihr Atem ging schneller, sie war nackt, aber nicht entblößt. Womöglich gaben ihr die vielen Narben Schutz. Wie ein Mantel. Sie strich über ihre Unterarme, fuhr über die kleinen Brandnarben, die schon ewig ihren Körper zierten. »Die gab es montags. Die ersten Narben der Woche.«

Andrew hatte dieses Ritual irgendwann eingestellt, sonst wäre vermutlich nichts mehr von ihrer Haut übrig geblieben.

»Du musst das nicht ...«, setzte Will an, aber sie redete weiter.

»Die Motivationsnarben.« Sie drehte sich herum, strich über die Wülste auf ihrer Schulter, die sie von der Peitsche zurückbehalten hatte. »Am Dienstag.«

Anna ging alles Schritt für Schritt durch, es war ihr wichtig, dass Will es begriff. Er musste wissen, wer sie wirklich war.

Montag. Dienstag. Mittwoch. Donnerstag. Freitag. Samstag.

Jeden Tag etwas anderes.

Jeden Tag eine neue Narbe.

Außer sonntags. Da hatte sie ihre Ruhe.

Sie zeigte ihm alles, jede alte und jede neue Narbe, und erklärte, so gut sie es noch wusste, woher sie stammten. Als sie fertig war, drehte sie sich zurück und suchte in seinem Gesicht nach Anzeichen von Abscheu oder Ekel.

Sie fand nichts davon.

Er hatte jede Verletzung angesehen und alles, was er ausstrahlte, war Liebe und Bewunderung. »Ich wiederhole mich sehr gerne: Du bist wunderschön.«

Anna schloss die Augen, nahm seine Worte auf und hoffte, sie würden bis auf ihre Seele sickern.

»Sieh sie dir an, Gareth«, erklang die Stimme von Andrew an ihrem Ohr. »Sieh meine frisch angetraute Frau an, ist sie nicht wunderschön?«

»Ja, Herr. Sie wird euch gut dienen.«

Anna schüttelte den Kopf, griff an ihre Schläfe.

»Du gehörst mir«, hauchte er. »Für immer.«

Sie keuchte, sackte in sich zusammen.

»Anna!« Sofort war Will bei ihr, hob das Nachthemd auf und presste es gegen ihren nackten Körper. Er legte die Arme um sie, zog sie an sich. »Schon gut.«

»Nichts ist gut!«

Sie war eine Sklavin. Sie warseineSklavin. Sie gehörte Andrew, und sie wusste nicht, wie sie sich je von ihm befreien konnte.

Anna vergrub ihr Gesicht an Wills Hals, er sagte nichts, hielt sie nur fest.

»Wie erträgst du das nur mit mir?«, fragte sie. Alles in ihr stand unter Spannung, sie zitterte, ihr war eiskalt, trotz Wills Wärme.

»Weil ich dich liebe.« Er küsste sie sanft auf die Haare, umschloss sie mit seiner natürlichen Hitze und vertrieb so hoffentlich die Kälte. »Für immer.«

2. Kapitel

Jaydee

Ein beißender Schmerz in meiner Brust weckte mich. Ich griff an die Stelle und setzte mich auf. Es war ein brennendes Stechen, das sich von oben auf die Seite ausbreitete.

Genau auf den Tattoos.

Ich blickte an mir hinab, doch ich erkannte nicht viel im Dunkeln.

Über mir raschelte es. Jess drehte sich im Bett. Da ich es nicht geschafft hatte, neben ihr einzuschlafen, hatte ich mich auf den Boden gelegt, um wenigstens ein paar Stunden Ruhe zu finden. Mein Geist war einfach nicht in der Lage zu entspannen, wenn jemand dicht bei mir lag; egal, ob ich Schutz durch die Tattoos hatte.

Jess brabbelte etwas Unverständliches, ihr Atem kehrte zurück in einen ruhigen Rhythmus, und sie fiel wieder in ihre Träume.

Ich stand leise auf, lief ins Bad und knipste das Licht an. Es biss in meinen Augen, ich blinzelte, bis sie sich daran gewöhnt hatten, und blickte in den Spiegel.

Da waren sie.

Noch immer tiefschwarz und klar auf meiner Haut zu erkennen. Ich fuhr die Konturen der Zeichen nach. Das Brennen ebbte langsam ab, bis es schließlich verschwand. Als wäre es nie dagewesen.

Diese verdammten Dinger! Auf der einen Seite so unglaublich nützlich, auf der anderen war ich viel zu abhängig davon. Ich durfte nicht einmal im Ansatz darüber nachdenken, was wäre, wenn sie eines Tages verschwanden. Wenn ich Jess nicht mehr anfassen könnte ...

Ich drehte den Hahn auf und ließ mir Wasser übers Gesicht laufen. Die Kühle tat gut, klärte meinen Geist.

Wir mussten diesen verfluchten Zauber in ihrem Blut brechen! Ich hoffte, dass dies die Lösung für uns war. Dass uns tatsächlich diese Magie voneinander trennte, denn wenn nicht, wäre ich verloren. Ich stellte das Wasser ab und sah mich im Spiegel an. Mein Kinn war stoppelig, meine Augen jedoch waren klar und wach. Jedes Mal, wenn ich mit Jess zusammen war, kehrte Ruhe in mich.

»Das mit uns kann nicht schlecht sein. Dazu fühlt es sich zu gut an.«

Ihre Worte von gestern Morgen an mich. Ja, es fühlte sich gut an, und die Furcht, dass alles von einem Moment auf den anderen vorbei sein könnte, hing wie ein Damokles-Schwert über uns. Ich liebte diese Frau, ich brauchte sie, ich wollte nie mehr ohne sie sein.

Ich trocknete mich ab, ging ins Zimmer und schnappte mir eines meiner Shirts, die ich in den vergangenen Tagen hier hatte liegen lassen. Jess schlief friedlich. Sie hatte sich mit der Decke verschlungen, ihre Haare waren verknotet, weil sie sie nicht geföhnt hatte und wir gleich ins Bett gekehrt waren, um fortzuführen, was wir unter der Dusche angefangen hatten ...

Ein Lächeln huschte über meine Lippen bei dem Gedanken an die zurückliegenden Stunden. Diese Frau hatte mich im Griff. Noch nie hatte jemand derart Macht über mich gehabt, konnte mich mit einer Berührung oder einem Blick so aus der Fassung bringen.

Es war gut und erschreckend zugleich.

Als würde sie spüren, dass ich sie beobachtete, seufzte sie zufrieden und schmiegte sich enger an das Kopfkissen.

Ich ging zu ihr und küsste sie auf die Haare. Schlafen konnte ich auf keinen Fall noch wollte ich sie wecken. Also zog ich meine Schuhe an, öffnete, so vorsichtig es ging, die Tür – ohne, dass sie quietschte – und verließ das Haus.

Die Nacht war eisig, ich atmete tief ein und sog die klare Luft in meine Lungen. Ganz leicht vernahm ich die Überreste von Annas Blut von gestern, doch sie würden bald verschwunden sein. Ein Stich fuhr mir durchs Herz. Sie hatte sich in einem Flashback verloren und war auf Jess und Kendra losgegangen.

Jess’ Wunde am Bein belastete sie noch, weil Akil es nicht geschafft hatte, sie komplett zu heilen. Kendra hatte Heilsirup bekommen, sie war an ihrem Kraftplatz, um sich zu erholen. Und Anna war bei Will.

Er hatte sich gleich um sie gekümmert und ließ sie nicht mehr aus den Augen. Das war gut so. Und nötig. Niemand wusste, wann Anna erneut in einen Flashback fallen würde. Wäre Kendra nicht dagewesen, um Jess vor Anna zu schützen, hätte es anders ausgehen können.

Ich knirschte mit den Zähnen. Die Wut saß nach wie vor tief in meinem Bauch, dabei wollte ich das gar nicht. Ich hatte kein Recht, zornig auf Anna zu sein, durfte es nicht einmal. Sie wurde von Dämonen heimgesucht, gegen die sie nichts ausrichten konnte, genauso wenig wie ich gegen den Jäger, wenn er erst die Kontrolle erlangt hatte.

Wer also war ich, dass ich wütend auf sie blieb? Sie hatte Jess verletzt, aber das hatte ich auch. Schlimmer als sie. Anna hatte es nicht mit Absicht getan.

Und obwohl ich es rational begründen konnte, warum Anna meine Wut nicht verdient hatte, konnte ich sie nicht komplett abstellen. Ein kleiner Teil in mir brodelte. Ich musste mit ihr reden und die Wogen glätten, sobald sie fit war. Wir mussten zurück zu unserer Freundschaft finden. Alles andere konnte ich auf Dauer nicht ertragen. Wäre es nicht mitten in der Nacht gewesen, hätte ich gleich bei ihr vorbeigeschaut, aber sie sollte ihre Ruhe haben.

Ziellos schlenderte ich über das Anwesen, ließ die Kälte in meinem Körper wirken und sah in den Sternenhimmel. Ich liebte diese klaren Nächte, wenn tausend Glitzerpunkte am Himmel hingen und die Milchstraße wie ein Schleier aus Wolken sich quer über das Firmament zog. Die Nacht war mir schon immer lieber gewesen als der Tag. Im Schutz der Dunkelheit konnte ich besser meiner Beute auflauern. Die Nacht war die Zeit der Jäger. Sie war meine Zeit.

Ich kam an der Bibliothek vorbei und hörte Schritte. Sofort blieb ich stehen, spannte die Muskeln und lauschte.

Aiden.

Sie kam den Weg entlanggelaufen und erschrak, als sie mich erblickte. »Herrje, du bist ja ... ich habe dich gar nicht gesehen.«

»Mitten in der Nacht noch auf?«, fragte ich.

»Ich kann nicht schlafen, habe Probleme mit Jetlag. Das hat sich leider nie gelegt bei mir. Verrückt, oder?«

Nicht minder verrückt wie Seelenwächter, die Flashbacks erlitten und sich selbst verloren. Jeder hatte mit anderen Dingen zu kämpfen.

Ich deutete auf ihren Korb, den sie in der Hand hielt und aus dem es nach Kräutern duftete. »Warst du Blumen pflücken?«

»Nein, obwohl es durchaus Kräuter gibt, die nur nachts geerntet werden, aber in diesem Fall wollte ich das bei euch in der Bibliothek verstauen. Es sind Utensilien für Zaubersprüche. Sie müssen ordnungsgemäß aufbewahrt werden, Will bot mir an, dass ich sie zu seinen Sachen legen darf. Ich hoffe, ich finde mich zurecht.«

Feuerwächter sammelten oft Gegenstände für ihre Rituale. Dolche, Kerzen, Kräuter. Sie hegten und hüteten diese Dinge wie ihre Augäpfel. Wills Zeug war in einen Schrank gesperrt. »Ich begleite dich, wenn du willst.«

Aiden sah mich skeptisch an.

»Was?«, fragte ich.

»Warum bist du so freundlich?«

War ich das? Falls ja, dann nicht bewusst. Aiden und ich waren bisher recht distanziert miteinander umgegangen. Ich hatte nie das Gefühl, dass sie mich sonderlich mochte, wobei ich mit den meisten Feuerwächtern aneckte. »Vielleicht hat die Isolation mein Hirn durchgepustet.«

Ihre Gesichtszüge waren schwer zu erkennen im Dunkeln, aber es sah aus, als würde sie schmunzeln.

»Außerdem müssen wir ein paar Pluspunkte nach der Sache mit Kendra sammeln. Wie geht es ihr denn?«

»Sie ist in eurem Kraftplatz. Ich habe nicht viel mit ihr gesprochen, aber sie wird schon wieder.« Aiden schlang die Arme um sich. Die Temperaturen waren ungemütlich für Feuerwächter. »Anna konnte nichts dafür.«

Seelenwächter gingen mit Kämpfen und der Gewalt anders um. Sie gehörte in ihren Alltag, sie standen jeden Morgen auf und wussten nicht, ob sie die Abendsonne sehen würden. Es war ihre Natur. Sie waren Krieger – und sie spazierten mit dem Tod Hand in Hand.

»Lass uns die Sachen verstauen.« Wir liefen los und gelangten kurz darauf in die Bibliothek. Ich knipste das Licht an und zeigte Aiden Wills Schrank. Er war nicht abgeschlossen, weil normalerweise niemand ungefragt an sein Zeug ging.

Ich öffnete, der Geruch nach Räucherwerk drang mir entgegen. Es gab etliche Regale mit allerlei Schnickschnack. Phiolen mit Flüssigkeiten, Kerzen in allen möglichen Farben, übereinandergestapelte Notizbücher, Federn in verschiedenen Größen, Kelche und genauso viele Ritualmesser.

»Gute Ausstattung«, sagte Aiden und suchte einen freien Platz für ihre Sachen.

Ich hatte kaum Ahnung von dem ganzen Kram. Mit Magie hatte ich mich noch nie gerne beschäftigt, auch wenn es ein Teil von mir war.

Alle Elemente in mir vereint ...

Mein Blick fiel auf das unterste Fach und meinen Jadestein, der in einer Schale mit einer hellen Flüssigkeit lag. Will hatte das Lederband entfernt, es lag im Regal daneben.

Ich bückte mich, nahm die Schale heraus und schwenkte sie hin und her. Die Flüssigkeit war zäh wie Honig.

Ein Bruchstück aus dem Gefängnis von Lilija ... meiner Schöpferin.

Er war mir vertraut und gleichzeitig fremd. Er gehörte zu mir und er stieß mich ab. Ich wusste nicht, ob ich ihn weiterhin tragen wollte.

»Ein Zauber, um Magie zu finden«, sagte Aiden.

»Bitte?«

»Die Flüssigkeit wird zäh, falls an dem Gegenstand Magie haften sollte.«

»Dann ist das Ergebnis wohl eindeutig.« Jess hatte Will den Stein gestern gegeben, damit er ihn untersuchte. Bisher besaßen wir keine Gelegenheit dazu, weil ich vier Monate in der Isolation verbracht hatte. »Wie finden wir heraus, welche Art von Magie es ist?«

»Darf ich mal sehen?«, fragte sie. Ich gab ihr die Schale. Sie hielt eine Hand darüber und schloss die Augen. »Mh, sie ist schwer zu greifen. Ich kann es nicht richtig erkennen, was ist das für ein Stein?«