Die Chroniken der Seelenwächter - Band 16: Im Wandel (Urban Fantasy) - Nicole Böhm - E-Book

Die Chroniken der Seelenwächter - Band 16: Im Wandel (Urban Fantasy) E-Book

Nicole Böhm

4,9

Beschreibung

In den Händen des Feindes. Nicht nur Jess und Jaydee müssen sich der neuen Gefahr stellen, auch Keira kämpft gegen eine unbezwingbare Übermacht. Das halbe Land fahndet nach ihr und treibt die junge Kriegerin von einem halsbrecherischen Manöver ins nächste. Werden ihr die Seelenwächter helfen, oder ist sie weiterhin allein auf sich gestellt? Während seine Freunde kämpfen, trifft sich Akil mit Noahs Kontaktmann, um so hoffentlich das Armband loszuwerden. Die Begegnung wirft weitere Fragen auf – denn Dr. Bishop ist anders, als Akil erwartet hätte.

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Die Chroniken der Seelenwächter

Band 16

Im Wandel

 

 

von Nicole Böhm

Was bisher geschah

 

Jess schafft es endlich, in den Notizen ihrer Mum zu lesen und erfährt, dass Cassandra durch eine zufällige Berührung mit der Urmutter Sophia von grässlichen Zukunftsvisionen heimgesucht wurde. In diesen Szenarien sah sie ihre Tochter, wie sie der grausamen Seelenwächterin Lilija zur Flucht aus ihrem Gefängnis verhalf und ein Chaos auf der Erde auslöste.

Um Jess davor zu schützen, entzog Cassandra ihr einen Teil ihrer Seele und verschwand damit. Noch weiß Jess nicht, wohin ihre Mutter gegangen ist, doch die Hinweise führen in Ashriels Theater des Grauens. Jess muss zurück nach New York.

Jaydee jagt einer anderen Spur hinterher. Er glaubt, dass Keira seinen Jadestein damals gegen eine Fälschung ausgetauscht hat. Gemeinsam mit Ben trifft er auf die junge Kriegerin. Er verwickelt sie in einen Kampf, bei dem beide im Krankenhaus landen.

Keira wurde von Anthony auf Jaydee angesetzt. Der Tätowierer will Rache nehmen; für alles, was Jaydee ihm angetan hat. Und es sieht so aus, als würde er sie bekommen. Anthony verfolgt Keira. Er verletzt Jaydee mit der Feder aus den Archiven und entführt ihn und Jess. Keira und die Seelenwächter sind ihre letzte Hoffnung.

1. Kapitel

 

Akil schloss den Knopf seiner Jeans und trat hinaus auf den Balkon. Kalte, neblige Luft empfing ihn und setzte sich als feiner Film auf seiner Haut ab. Er trug kein Shirt und keine Schuhe, doch das störte ihn nicht. Akil war unempfindlich, was Witterungen anging, außerdem konnte er so sein Element viel besser fühlen.

Und wie er es endlich wieder fühlte!

Er blickte in den Himmel. Die Sonne ging unter, es war grau und verhangen, die Wolken hatten, wegen der Lichter der Stadt, eine orange-bräunliche Farbe angenommen. Der Feierabendverkehr zog sich wie eine Schnur aus glühendem Draht quer durch die Straßen unter ihm. Noahs Wohnung lag oberhalb in einer ruhigen Gegend, mit Blick auf San Francisco.

Obwohl die Magie der Natur ihn umgab, war Akil unruhig. Er wollte bei Jess sein und ihr helfen, die Tagebücher ihrer Mutter zu finden. Akil hatte sie und Aiden vor einer Stunde am Lager in Riverside zurückgelassen, damit sie nach den Unterlagen suchen konnten. Da er bisher noch nichts von Aiden gehört hatte, ging er davon aus, dass die beiden ohne ihn klarkamen. Es juckte ihn in den Fingern, zurückzureiten, aber Dr. Bishop hatte sich spontan für ein Treffen heute bereit erklärt. In dreißig Minuten wollten Noah und Akil aufbrechen und mit ihm zu Abend essen. Dr. Bishop hatte mit Noah Kontakt aufgenommen, weil er sich für Bilder aus seiner Galerie interessierte. Dabei hatte sich herausgestellt, dass er ein Experte für antiken Schmuck war und sich mit dem Armband auskannte, das Akil trug.

Er strich über das kühle Metall an seinem Handgelenk und seufzte.

Noch wusste er nicht, wie viel er sich von dem Gespräch erhoffen sollte, ob dieser Dr. Bishop ihm tatsächlich helfen konnte, aber einen Versuch war es natürlich wert. Akil musste es endlich loswerden, auch wenn er danach keine Visionen mehr bekommen würde, mit deren Hilfe er anderen Menschen das Leben retten konnte.

Wobei es bisher erst drei Personen gewesen waren.

Im Grunde ergab diese neue Fähigkeit wenig Sinn. Warum nur drei? Warum nicht dreißig oder dreihundert? Wenn es darum ging, anderen zu helfen, müssten die Visionen doch wesentlich öfter kommen. Nicht, dass er sich beschweren wollte, diese Reisen ins Innere waren unangenehm und schwächten ihn zusehends; außerdem spürte er, dass das Armband seine Heilkräfte hemmte. Es musste weg. Definitiv.

Es raschelte hinter ihm in der Wohnung. Die Klospülung rauschte. Noah war noch im Bad. Als Akil angekommen war, hatte er gerade mit Dr. Bishop telefoniert und das Treffen heute klargemacht. Das war vor zwanzig Minuten gewesen. Akil hatte beschlossen, zu warten und nicht vorher zurück zu Jess zu reiten, um ihr zu helfen.

Naja, und wenn er schon wartete, ergab sich auch gleich die Möglichkeit, Noahs neues Bett einzuweihen. Das alte hatte gequietscht, und ihm war es unangenehm geworden, weil er nicht wollte, dass die Nachbarn alles mitbekamen. Es hatte nicht viel genutzt. Sie hatten sie ganz sicher gehört, auch ohne quietschendes Bett ...

Akil atmete tief ein und genoss das Kribbeln seines Körpers und die Entspannung, die sich nur nach gutem Sex einstellte. Eine Windböe streifte ihn und trug die Aromen der Umgebung zu ihm. Es roch nach Schnee, obwohl heute Nacht keiner mehr fallen würde. Akil konnte das Wetter zu neunzig Prozent vorhersagen. Jeder Erdwächter war dazu in der Lage. Die Natur war sein Leben. Er atmete mit ihr in völligem Einklang und spürte ihren Puls in seinen Adern. Die kurze Zeit ohne sein Element war blanker Horror gewesen. Doch letztlich hatte ihn das wieder mit Noah zusammengebracht.

Sein Ex hatte ihn entführt, weil er von Azam – einem alten Freund aus Akils menschlicher Vergangenheit – erpresst worden war. Azam war vor über zweitausend Jahren gestorben. Die Heilerin Ananka hatte ihn zum Zeitpunkt seines Todes aufgesucht und ihm vorgeschlagen, seine Seele viele Jahre später in einen anderen Körper zu inkarnieren. Azam würde wiedergeboren werden. Er hatte sich auf den Deal eingelassen und war als Peter Montgomery zurückgekommen. Dummerweise hatte Ananka vergessen zu erwähnen, dass er ihr ab sofort gehorchen musste, und so hatte sie Peter alias Azam dazu benutzt, über Noah an Akil heranzukommen.

Noah plagten zu dieser Zeit extreme Geldsorgen, und Peter hatte kurzerhand alle Schulden aufgekauft und ihn erpresst, damit dieser ihm Akil auslieferte. Es kam alles, wie es kommen musste. Akil geriet in die Fänge der Heilerin, die versuchte, über ihn die Fähigkeiten aller Seelenwächter zu absorbieren. Akil wäre der Prototyp gewesen. Der erste Wächter, der zurück in einen Menschen verwandelt worden wäre. Am Ende hatte Akil – mit Azams Hilfe – die Heilerin verjagen können. Azam hatte bei der Sache sein Leben gelassen und Akil sich mit Noah ausgesöhnt. Der wiederum hatte sein Leben auf die Reihe bekommen, den Drogen und dem Alkohol abgeschworen und sich auf seine Malerei konzentriert. Mittlerweile gehörte ihm eine eigene Galerie, und er half anderen Künstlern. Sicher hatte die Finanzspritze geholfen, die Akil ihm gegeben hatte. Noah wollte das Geld erst nicht annehmen, er hatte sich wochenlang geweigert – aber Akil hatte kein Nein geduldet. Er besaß mehr Kohle, als er je ausgeben konnte, und jeder, der mit ihm befreundet war, durfte mit seiner Hilfe rechnen. Akil wusste, wie es ganz unten im Dreck war und wie bitter er schmeckte.

Es klickte hinter Akil, die Balkontür ging auf, er roch Noahs Aftershave und Duschgel. Obwohl er sich gewaschen hatte, nahm Akil noch immer den Duft nach Sex an ihm wahr. Eine feine Note, die dezent mitschwang. Er liebte diesen Geruch. Egal, ob an einem Mann oder einer Frau.

»Hey«, sagte Noah leise. »Was machst du hier draußen?«

»Auf dich warten. Wie kann man nur so lange im Bad brauchen?« Akil drehte sich um. Noah stand am Türrahmen und schlang die Arme um sich. Seine braunen Haare lockten sich stärker als sonst, weil sie noch nass waren. Er trug einen grauen Pullover und hellblaue Jeans. Und er sah zum Anbeißen aus.

»Können wir rein?«, fragte Noah. »Es ist ziemlich kalt.«

»Klar doch.«

»Und hör auf so zu grinsen, als wäre ich ein Weichei.«

»Du bist ein Weichei.« Akil liebte es, Noah damit aufzuziehen. Als sie gemeinsam durch die Wüste hatten fliehen müssen, hatte Noah die ganze Zeit über gejammert. Aber es war auch hart gewesen, das musste Akil zugeben.

»Es sind minus zehn Grad. Ich bin nur ein Mensch, und ich habe keine Superkräfte.«

»Oh, und wie du die hast, glaub mir.«

Noah strich sich durch die Haare, es war ihm unangenehm, Komplimente zu erhalten, und vermutlich sollte Akil damit aufhören. Er wusste, was Noah sich erhoffte: eine feste Partnerschaft. Aber die würde er ihm nicht geben können. Dazu war er nicht der Typ, und sein Leben war zu unstet. Dennoch berauschte ihn das Zusammensein mit ihm. Mehr, als er sich eingestehen wollte. Seit sie ihre Beziehung aufgefrischt hatten, war Akil mit keiner anderen Person mehr zusammengewesen. Vier Monate Sex mit nur einem Menschen – das war ihm bisher noch nie passiert. Und es würde auch nicht mehr lange passieren. Akil liebte die Abwechslung. Daran konnte auch Noah nichts ändern. »Wann müssen wir denn los?«

Noah drehte sich um und blickte ins Wohnzimmer auf die Uhr, die heute nicht stehengeblieben war. Es war jedes Mal ein Glücksspiel, ob ein technisches Gerät den Dienst quittierte oder nicht, sobald ein Seelenwächter in der Nähe war. Manchmal konnten sie in einem Auto mitfahren, und alles blieb heil, andere Male fiel die gesamte Elektronik aus. Je moderner die Technik, umso eher ging sie kaputt.

»Bald. Zu Fuß brauchen wir etwa zwanzig Minuten bis zum Treffpunkt.«

»Du willst spazieren gehen?«

»Ja, mit dem Taxi ist es ätzend um diese Uhrzeit, außerdem wissen wir ja nicht, ob es fährt, wenn du drin sitzt.«

»Deshalb nehmen wir den Parsumi, der vor der Tür steht. Wir sind binnen Sekunden dort, wo wir sein wollen.«

Noah räusperte sich. »Ich ... stimmt. Daran hatte ich nicht ... das ist ... An diese Art der Reiserei werde ich mich nicht gewöhnen.«

Noah hatte Bekanntschaft mit Flosi gemacht, als er und Akil gemeinsam auf den Azoren angekommen und sie mit ihr nach Malea Island geritten waren, um die anderen zu finden.

»Du musst mir nur sagen, wohin wir wollen, oder noch besser: Du zeigst es ihr mit deinen Gedanken selbst.«

»Okay. Wenn sie uns beide noch mal tragen wird, dann hätten wir tatsächlich ein wenig Zeit bis zum Treffen.«

»Wie bedauerlich.« Akil trat auf Noah zu.

Er spannte die Schultern, wich aber nicht zurück.

»Was sollen wir bis dahin nur machen?«

Ein leichtes Lächeln huschte über Noahs Lippen. »Ich bin sicher, uns wird etwas einfallen.«

Akil blieb dicht vor ihm stehen, bis er Noahs Wärme spürte und mehr von seinem Duft einatmen konnte. Er beugte sich nach vorne, strich mit der Nase über Noahs Hals und brummte leise. Noah entwich ein Keuchen, er drehte den Kopf zur Seite, damit Akil näher herankam.

»Ich liebe deinen Geruch«, flüsterte Noah.

»Ich weiß.« Viele fuhren darauf ab. Akil war wie die Natur, erfrischend und prickelnd. Er war sich dieser Wirkung durchaus bewusst.

Behutsam glitt er mit den Lippen über Noahs Haut und biss zu. Sofort bekam dieser eine Gänsehaut, sein Herz schlug schneller. Es war leicht für Akil, andere zu durchschauen. Seine Sinne waren so fein, dass er die kleinste Regung wahrnahm. Noahs Puls pochte wild und hämmerte in Akils Ohren. Zu Beginn seines Seelenwächterdaseins hatte er es kaum ausgehalten, unter Menschen zu sein, die Eindrücke waren zu überwältigend gewesen, die Welt auf einmal zu laut. Doch in zweitausend Jahren hatte er gelernt, alles Unwichtige auszufiltern.

Im Moment wollte er jedoch Noahs Reaktionen wahrnehmen, er wollte jede noch so kleine Duftnuance aufsaugen, dem Rauschen von Noahs Blut lauschen, das durch seine Venen preschte.

Der Mann war ihm absolut verfallen. Akil wusste noch nicht, wie er damit umgehen sollte.

Für den Moment gar nicht. Die Zeit ist zu kostbar.

Er küsste sich langsam nach oben, bis er Noahs Mund erreichte und mit der Zunge seine Lippen teilte. Noah reagierte sofort, zog Akil an sich und ließ sich auf den Kuss ein. Sie drückten sich an den Rahmen der Balkontür. Die Scheibe wackelte bedrohlich – es wäre nicht die erste, die sie killten –, doch dieses Mal hielt sie.

Akils Hand glitt nach unten, bis zum Bund von Noahs Jeans. Er strich tiefer, fuhr über die Wölbung, die sich langsam aufbaute. Akil saugte an Noahs Unterlippe, entlockte ihm ein weiteres Stöhnen. Die Spannung stieg zwischen ihnen. Obwohl Akil oben ohne war, merkte er die Kälte der Nacht nicht mehr. Noah zog ihn fester an sich, kratzte mit den Nägeln über seinen Rücken.

Akil ließ von ihm ab und zerrte ihn mit zur Couch. »Lass uns den Nachbarn noch etwas Action bieten.«

 

2. Kapitel

 

Keira landete ruppig. Sie stürzte auf die schneebedeckte Fahrbahn, hörte ein Hupen und schaffte es gerade noch, dem herbeirauschenden Wagen, der sich aus der Dunkelheit auf sie zubewegte, aus dem Weg zu rollen. Sie plumpste in einen aufgeschichteten Schneeberg, den städtische Räumfahrzeuge von der Straße geschoben hatten. Ihre Kleidung sog sich augenblicklich mit der nassen Kälte voll. Keira richtete sich auf und blickte sich um. Sie war auf der anderen Straßenseite des Polizeireviers gelandet. Die Laternen bemühten sich, Licht in die Finsternis zu zaubern, doch die Nacht und der Schneefall hatten die Umgebung fest im Griff.

»Aiden!«, flüsterte Keira. Sie wollte nicht zu sehr auf sich aufmerksam machen, es würde sowieso nicht lange dauern, bis das FBI sie geortet hatte und das Revier verständigte. Keira war den Wölfen quasi vor die Füße gesprungen, nun musste sie aufpassen, dass sie sie nicht aufscheuchte. Sie sah in den Park. Es war ruhig. Einzig auf der Straße zogen die Autos im Schneckentempo an ihr vorbei und quälten sich durch den immer dichter werdenden Schnee. Keira stopfte Jaydees blutige Klamotten, die sie im Krankenhaus mitgenommen hatte, seinen Dolch und Bens Glock in ihren Rucksack und schulterte ihn. Die Waffen behinderten sie im Moment nur, und die Kleider brauchte sie, damit sie später einen Suchzauber zu Jaydee aufbauen konnte. Vermutlich hatte Anthony sich dagegen geschützt, doch einen Versuch war es wert.

Keira trat auf die Wiese gegenüber dem Revier. Vor ein paar Stunden noch hatten Jaydee und sie hier gekämpft und sich nichts dabei geschenkt. Keira war mit ihren Tattoos ausgestattet gewesen und hatte ihm die Hölle heißgemacht. Sie hätte ihn entführen können. Sie war ihm überlegen gewesen und hätte ihn mit Leichtigkeit überwältigt, doch ihr Zögern war sein entscheidender Vorteil. Vielleicht war es im Nachhinein ein Fehler gewesen, denn Anthony hatte trotzdem bekommen, was er wollte, aber Keira würde es wieder genauso machen. Sie hatte es einfach satt, sich ständig bekriegen zu müssen.

Mittlerweile war nichts mehr von den Kampfspuren zu sehen. Aiden hatte aufgeräumt.

»Aiden!«, flüsterte sie erneut und hörte ein leises Schnauben. Sofort blieb sie stehen und blickte in die Richtung, aus der das Geräusch kam.

Parsumi.

Zwei. Der eine gehörte Jaydee, Keira erkannte ihn wieder, der andere war ihr fremd. Sie ging langsam näher, Jaydees Hengst legte die Ohren an, als er sie bemerkte.

»Ruhig, ich bin es, du hast mich schon mal getragen.« Er hatte sie aus dem Dorf gerettet, in dem Jess und Keira gelandet waren und sie gegen eine Horde Dämonen hatten kämpfen müssen.

Der Parsumi war nicht sonderlich beeindruckt von Keiras Worten, er warf den Kopf hoch, stampfte mit dem Fuß auf und schnappte nach ihr. Sie machte einen Satz nach hinten. Kurz überlegte sie, ob sie einen zweiten Versuch starten sollte, doch Amir beobachtete sie wachsam, bereit, jederzeit zuzutreten, sollte sie es wagen, näherzukommen.

Nie im Leben könnte sie auch nur einen Fuß in den Steigbügel setzen. Nicht ohne die Seelenwächter.

»Aiden!«, rief sie abermals gepresst. Verdammt, wo war sie denn? »Ich brauche deine Hilfe ...«

Sirenen erklangen in der Ferne, Scheinwerfer am Revier leuchteten auf, das Hoftor rollte nach oben, und vier Autos fuhren mit Blaulicht heraus. Sie hatten sie gefunden. Der Sender, den Anthony in ihrem Blut hinterlassen hatte, zeigte Wirkung. Keira stieß einen Fluch aus und zog sich in den Schutz der Bäume zurück.

»Keira Bennett!«, rief ein Mann durch einen Lautsprecher. »Wir wissen, dass sie da sind, halten Sie die Hände oben und treten Sie nach vorne!«

»Im Leben nicht.« Keira wich rückwärts, tiefer in den Park. Sie kam nur wenige Meter weit, als sie das Brummen eines Hubschraubers über sich hörte. Das FBI wusste ganz genau, wo sie war. Selbst wenn sie das beste Versteck der Welt finden würde, konnte sie nicht entkommen.

»Keira Bennett!«, wiederholte der Mann durch den Lautsprecher. Weitere Scheinwerfer tauchten den Park binnen Sekunden in Helligkeit. Neben Keira flüchteten einige Kaninchen und suchten Unterschlupf in ihren Bauen. Sie musste es genauso machen. Sie musste in Bewegung bleiben und das FBI so lange abhängen, bis sie Aiden gefunden hatte.

Weitere Wagen bremsten vorne auf der Straße. Männer mit schusssicheren Westen sprangen heraus, brüllten sich gegenseitig Befehle zu. Das FBI fuhr mächtiges Arsenal auf, aber das mussten sie auch. Sie galt schließlich als eine Amokläuferin, die vierzehn Menschen auf dem Gewissen hatte ...

Ein Scheinwerfer traf sie genau im Gesicht. Sie riss die Hände hoch, taumelte rückwärts.

»Bleiben Sie stehen!«

Zwei Autos fuhren in den Park, direkt über die Wiese auf sie zu. Sie räumten drei Büsche ab. Keira wich weiter zurück, drehte herum und rannte instinktiv los.

Um sie entstand Tumult, doch zum Glück schoss niemand auf sie. Vermutlich wollten sie es nicht riskieren, weil auch Passanten unterwegs sein konnten. Sie schlug einen Haken nach links, verschwand hinter einer Baumreihe. Der Helikopter folgte ihr, wie eine Katze der Maus. Keira bemühte sich, im dichter bewachsenen Teil zu bleiben, doch früher oder später musste sie wieder auf freies Feld. Außerdem war es ein Leichtes für die Polizei, sie im Park einzukesseln. Sie brauchten nur alle Ausgänge zu sperren.

Ich muss sie nur lange genug abhängen, um eine Teleportationskapsel zu zünden.

Keira hatte nur noch zwei Stück. Als Nächstes würde sie sich noch einmal nach Arizona teleportieren und hoffen, dass sie das Anwesen der Seelenwächter doch irgendwie finden konnte. Mitten in der Wüste musste es schwerer für das FBI sein, sie aufzuspüren.

Oder sie schicken weitere Helikopter los und haben mich binnen Minuten.

Im Grunde war sie nicht mal auf einer einsamen Insel in Sicherheit. Nicht, solange der Sender in ihrem Blut war und das FBI sie orten konnte.

Sie blickte herum, sie war hier schon einmal gewesen. Irgendwo weiter oben musste die Kirche sein. Sie hatte dort den Jadestein von Jaydee gefunden; von dem er nun behauptete, dass sie ihn gegen eine Fälschung ausgetauscht hatte.

Aber das hatte sie nicht. Sie hatte nur einen Suchzauber damit gefertigt, mehr nicht.

Keira wandte sich nach links. Wenn sie ins Gebäude gelangen könnte, hätte sie genug Zeit, eine der Kugeln aus der Tasche zu holen und ein Portal aufzubauen. Sie würde das so lange durchziehen, bis es keine andere Möglichkeit mehr gab, als sich zu ergeben.

Auf einmal bremsten zwei Autos vor ihr. Sie waren einfach quer durch den Park gefahren. »Bleiben Sie stehen!«, tönte es über das Megaphon.

Keira zischte, wirbelte herum und rannte in die andere Richtung davon, doch auch von dort aus rasten vier Scheinwerfer auf sie zu. Sie hörte Holz knacken, Hundegebell. Die Männer kesselten sie ein, während der Helikopter sie von oben ins Visier nahm. Plötzlich stand Keira in einem Lichtkegel, als wäre sie der Star einer Fernsehshow.

Eine ziemlich makabre Show.

»Bleiben Sie stehen und halten Sie die Hände so, dass wir sie sehen können.«

Keira drehte sich um ihre eigene Achse. Die Kugeln klimperten in ihrem Rucksack, als wollten sie sie anfeuern, weiterzurennen.

Zeit!

Sie brauchte einfach mehr Zeit.

»Das ist meine letzte Warnung!«

Keira hielt die Luft an, spannte die Muskeln und sprang zur Seite. Ein Schuss fiel, sie fing den Schwung mit einer Rolle ab und rannte weiter durchs Unterholz. Die Männer schienen überall zu sein, rechts, links, vorne, hinten. Keira schlug Haken wie ein Hase, wechselte die Richtung, preschte eine Anhöhe hoch und sah im Dunkeln, wie sich die graue Mauer der Kirche vor ihr abhob. Im Rennen zog sie den Rucksack von ihrem Rücken und eine der Kugeln heraus. Ein roter Laserpunkt streifte sie an der Schulter. Keira duckte sich, aber es war zu spät. Jemand schoss, traf sie. Greller Schmerz explodierte in ihrem Oberarm. Sie keuchte, presste die Hand darauf, nahm die Teleportationskugel und rannte weiter. Ihren Rucksack musste sie zurücklassen.

Sie drehte die Kugel auf, visualisierte ihr nächstes Ziel: Arizona. Hoffentlich erhörten sie die Seelenwächter dieses Mal und ließen sie ein! Bei ihrem letzten Besuch war Keira stundenlang erfolglos draußen herumgeirrt.

Sie drehte die Kugel weiter, die Magie entwich, sie fing an zu leuchten. Auf einmal verfing sich ihr Fuß in einer Wurzel, sie stürzte, verlor die Kugel, ein nächster Schuss fiel. Keira spürte ihn dicht an ihrem Ohr. Wäre sie nicht gestürzt, hätte er sie erwischt. Stöhnend richtete sie sich auf. Die Kugel lag zwei Meter von ihr entfernt. Die Männer waren fast bei ihr.

Keira blickte herum. Sie war oben bei der Kirche angekommen. Die Mauer war eingekracht, als hätte ein Bagger einen Teil davon herausgeschlagen. Die Steine waren übereinandergestapelt, warteten nur darauf, zurück zu den anderen gesetzt zu werden. Keira zwang sich auf die Füße, sprang durch die Lücke, eilte auf das Gebäude zu und wollte die erste Tür aufreißen.

Abgeschlossen!

»Verdammt!« Keira schlug mit dem unverletzten Arm auf das Holz ein, rannte nach vorne zum Haupttor, doch auch das war zu. Bestimmt hatte die Stadtverwaltung das Gebäude verriegeln lassen. Keira drosch voller Verzweiflung gegen die Tür, obwohl sie wusste, dass sie auch dort drinnen nicht sicher sein würde.

Der Helikopter holte auf, nahm sie erneut ins Visier. Sie drehte herum, presste sich mit dem Rücken an die Steinwand.

Sie konnte einfach nicht gewinnen. Seit sie die Archive der Sapier betreten hatte, war das ihr neues Mantra.

»Ganz ruhig«, rief ein Mann und kam näher. »Ihnen geschieht nichts, wenn sie kooperieren.«

Keira keuchte. Sie wusste nicht, was sie tun sollte, was ihr noch übrig blieb. Ihr Herz raste, ihre Nerven lagen blank. Die Wunde an der Schulter machte sie benommen.

»Treten sie von der Wand weg und legen Sie sich auf den Boden. Halten Sie die Hände so, dass ich sie sehen kann.«

Okay, okay, ganz ruhig. Keira atmete die eiskalte Luft ein, ließ sie in ihren Lungen wirken und sammelte neue Stärke. Weitere Beamte rückten an, kreisten sie ein und hielten ihre Waffen schussbereit. Keira musste nur kurz mucken – und wäre binnen Sekunden von Kugeln durchsiebt.

»Letzte Aufforderung! Treten Sie von der Wand weg.«

Sie schloss die Augen und fokussierte sich auf ihren Körper. Ruhe bewahren. Das war das Allerwichtigste. Es war nichts verloren, sie war noch nicht im Knast, sie war noch immer frei. Wenn sie in Panik geriet, wäre alles vorbei. Sie verschränkte die Hände hinter dem Kopf, ächzte vor Schmerz, als sie ihre Schulter drehen musste, und trat nach vorne.

Mehr Männer schritten näher, hielten Gewehre auf sie gerichtet. Sie trugen Nachtsichtgeräte, die roten Laserpunkte ihrer Waffen tanzten auf Keiras Brust. Mittlerweile war die Stelle, an der Keira stand, hell beleuchtet. Sie wurde behandelt wie eine Schwerverbrecherin.

Weil sie es war!

Die FBI-Männer, die sie im Krankenhaus schon hatten verhaften wollen, drückten sich durch die Reihe der Beamten. Sie trugen schusssichere Westen, ihre Waffen hielten sie auf Keira gerichtet.

»Legen Sie sich auf den Boden. Bleiben Sie ganz ruhig«, sagte einer von ihnen.

Keira blickte sich um und hoffte auf ein Wunder. Auf Aiden. Irgendwen.