Die Chroniken der Seelenwächter - Band 2: Schicksalsfäden (Urban Fantasy) - Nicole Böhm - E-Book
Beschreibung

Jess bleibt kaum Zeit die Erlebnisse mit den Seelenwächtern zu verarbeiten, da wird sie bereits wegen Mordverdacht verhaftet. Doch wer ist es, den sie umgebracht haben soll? Sie ahnt nicht, dass weitaus mehr hinter ihrer Verhaftung steckt, als zuerst angenommen und eine dunkle Macht kurz davor steht, zuzuschlagen. Unterdessen will Jaydee einfach vergessen, dass er seinen inneren Dämonen nachgegeben und beinahe einen Menschen getötet hat. Gemeinsam mit Akil taucht er in das Partyleben ein. Mit interessanten Folgen. Magie, Mystery, gefährliche Rätsel und eine dramatische Liebe definieren den ewigen Kampf zwischen den Seelenwächtern und den Schattendämonen. Nicole Böhm verknüpft uralte Sagen mit Ereignissen der Gegenwart. Die Serie erscheint monatlich als E-Book mit ca. 120 Seiten Umfang. Auch als Hardcover mit drei enthaltenen Romanen erhältlich.

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Table of Contents

„Schicksalsfäden“

Was bisher geschah

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

Vorschau

Nachwort

Zwei neue Charaktere

Ariadne Lewis

Zachary Wolff

Glossar

Impressum

Die Chroniken der Seelenwächter

Band 2

„Schicksalsfäden“

von Nicole Böhm

 

 

 

 

 

 

Was bisher geschah

 

Auf der Suche nach ihrer verschollenen Mutter bricht Jessamine in eine alte Kirche ein. Sie möchte den Geist des Pfarrers beschwören, kennt er doch möglicherweise das Geheimnis um deren Verschwinden. Statt Antworten zu finden, lernt Jess die Seelenwächter kennen, die seit Jahrtausenden unerkannt unter den Menschen leben und diese vor den Schattendämonen schützen.

Bei den Seelenwächtern trifft Jess auf Jaydee, einen jungen Mann mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Er ist von Anfang an fasziniert von Jess, doch das erste Zusammentreffen endet in einem Desaster. Er versucht, Jess zu töten.

Verängstigt und verwirrt kehrt sie nach Hause zurück, doch sieht sie sich dort mit den nächsten Problemen konfrontiert: Sie wird wegen Mordverdachts verhaftet. Obendrein ist ihr Vormund Ariadne wie vom Erdboden verschluckt. Erst ihre Mutter, jetzt Ariadne: Hat Jess einen weiteren Menschen verloren, der ihr nahe steht?

1. Kapitel

 

Jessamine

 

Ich wurde verhaftet.

Ich wurde verhaftet.

Ich wurde verhaftet.

Egal, wie oft ich mir das vorsagte, egal, wie oft ich nachfragte, wen ich umgebracht haben sollte - es änderte nichts an dieser Tatsache: Ich wurde verhaftet.

»Ich habe niemanden umgebracht«, sagte ich zum hundertsten Mal. Meine Stimme klang kratzig und rau. Vom Schreien, vom Weinen, vom Schluchzen, denn das war alles, was ich in den letzten Minuten noch fertig gebracht hatte. »Haben Sie gehört? Ich habe niemanden umgebracht!«

»Ruhe jetzt«, blaffte Officer Kimbell vom Beifahrersitz zurück. Ich blickte zu Officer Robbs, der am Steuer saß und mit stoischer Ruhe den Wagen lenkte, als ginge ihn das alles nichts an. Super, von dem konnte ich also auch keine Hilfe erwarten. Ich blinzelte die Tränen weg, lehnte mich in der weichen Polsterung zurück und schluchzte. Meine Arme waren noch immer hinter meinem Rücken mit Handschellen gefesselt. Mittlerweile waren sie taub und meine Schultern schmerzten bei jeder Drehung. Ich hatte darum gebeten, mir die Handschellen abzunehmen, aber auch darauf erntete ich nur Schweigen. Wovor hatten sie Angst? Dass ich sie von hinten erwürgte? Das ginge schlecht mit den Gittern als Absperrung zwischen Vorder- und Rücksitzen. Die Türen ließen sich auch nur von außen öffnen, ich könnte also nicht mal abhauen. Es sei denn, ich kurbelte das Fenster herunter und quetschte mich hindurch. Es gab keinen verflixten Grund, warum die Handschellen dran bleiben sollten. Das war reine Schikane.

Ich schloss die Augen.

Ich träume. Das war die Lösung! Ich liege zu Hause in meinem Bett, wohlbehütet, eingekuschelt in meinen Laken. Violet döst nebenan und wacht über mich. Meine Fylgja, mein Schutzgeist, der seit meiner Geburt auf mich aufpasst und vor Dämonen warnt. Aber ich war nicht im Gewahrsam von Dämonen, sondern von Menschen. Von lebenden, atmenden Menschen. Gegen diese Art von Gefahr nutzte selbst der beste Schutzengel der Welt nichts. Ich öffnete die Augen wieder und sah zum Fenster hinaus.

Der Wald raste an uns vorbei. Die Bäume verschwammen zu einer Linie aus Grün- und Brauntönen. Die Natur wirkte still und dunkel, so wie immer kurz vor Sonnenuntergang. Normalerweise liebte ich diese Zeit am Tag, wenn das Leben zur Ruhe kam, die Tiere sich zurückzogen und dieser Frieden einzog, in der nur das Rascheln der Blätter und der letzte Vogelgesang zu hören waren. Die Zeit zum Innehalten, zum Reflektieren, zum Genießen. Der Wald würde auch heute genau das tun. Ihn störte nicht, dass ich verhaftet worden war. Für ihn war es ein Tag wie jeder andere.

Ob Violet schon bemerkt hatte, dass ich weg war? Ganz sicher. Mit ihrem Fylgja-Radar behielt sie mich stets im Blick. Vielleicht wartete sie, bis wir anhielten, damit sie sich zu mir teleportieren konnte. Vorausgesetzt, sie war dazu wieder in der Lage. Nachdem ich sie erst mit Schlafmittel ausgeknockt hatte und sie von einer Dämonin und dann von Jaydee verletzt worden war, hatte sie vielleicht nicht mehr genügend Energie dazu. Aber sie wird kommen. Violet lässt mich nicht im Stich. Niemals. Ich verlagerte meine Position, um es bequemer zu haben, doch es nutzte nichts. Meine Schultern schmerzten, als könnten sie jeden Augenblick aus dem Gelenk kugeln. »Können Sie mir wenigstens die Hände vor dem Körper fesseln? So könnte ich mich besser hins…«

»Was habe ich eben gesagt?«

Ich schluckte die letzten Worte herunter, als Officer Kimbell sich zu mir umdrehte. Ihr Blick war eiskalt und herablassend, als wäre es bereits eine Zumutung, mit mir in einem Auto zu sitzen und die gleiche Luft zu atmen. Nie im Leben würde sie es mir nur einen Hauch bequemer machen.

»Haben Sie Kinder?« Ob sie auch so wäre, wenn ihre Tochter hier säße und sie eines Mordes beschuldigt würde, den sie nicht begangen hatte?

Officer Kimbell könnte locker meine Mutter sein. Durch ihre Haare zogen sich die ersten grauen Strähnen, um ihre Augen verliefen tiefe Falten. Ihr Alter war schwer zu schätzen, ihr Gesicht war hart, verlebt.

»Nehmen Sie mir doch bitte die Handschellen ab.«

Sie schnaubte und drehte sich zurück nach vorne. Ich unterdrückte den Drang, gegen ihren Sitz zu treten und presste die Lippen zusammen. Wie war ich nur in diese Situation geraten? Ich hatte definitiv niemanden umgebracht! Ich wäre schließlich selbst fast draufgegangen, als mich Joanne angefallen hatte. Joanne. Was wohl aus ihr geworden war, nachdem Akil mich mitgenommen hatte? Sie war vor ihm geflohen, und dann? Hatte sie sich eine andere Beute gesucht? War sie vielleicht für diesen merkwürdigen Funkspruch verantwortlich, den ich vorhin mitgehört hatte? Wir haben einen weiteren Sierra Delta im Park. Direkt vor der alten Kirche.

Was war das? Ein weiterer Mord? Eine Leiche? Ein Überfall? Durch Joanne? »Was ist ein Sierra Delta?«

Natürlich erhielt ich auch diesmal keine Antwort. Klar. Ich war eine Mordverdächtige. Eine kranke Irre, die einen Menschen abgeschlachtet hatte. Unschuldig, bis das Gegenteil bewiesen war? Von wegen. Die beiden hatten mich längst zur Mörderin gestempelt.

Ich sank gegen die Lehne und starrte diesmal an die Decke. Der dunkelgraue Stoff war mit Brandlöchern durchsiebt, als hätte jemand da oben eine Zigarette ausgedrückt. Auch sonst war der Polizeiwagen nicht mehr der neueste. An vielen Stellen löste sich der Bezug der Rückbank auf und der Schaumstoff der Polsterung suchte sich einen Weg nach draußen. Es roch muffig, abgestanden. Vielleicht hatte sich der Geruch all der Menschen, die bisher mit diesem Auto transportiert worden waren, in die Poren der Stoffe eingenistet. Penner, Säufer, Mörder, Vergewaltiger. Was für Geschichten hatten sie den Officers da vorne erzählt? Wie sehr hatten sie gefleht und gebettelt, wieder freigelassen zu werden. Wie viele von ihnen hatten behauptet, unschuldig zu sein und waren es am Ende doch nicht?

Aber ich bin unschuldig. Ich weiß, dass ich es bin.

Meine Beine fingen an zu kribbeln, als würden der Dreck und die Verbrechen der ehemaligen Insassen mich infizieren. Ich beugte mich nach vorne, lehnte die Stirn gegen die kühlen Gitterstäbe, die zwischen Vorder- und Rücksitzen gezogen waren, und tippte mit den Füßen. Auf und ab, auf und ab, auf und ab.

»Hören Sie damit auf«, blaffte Kimbell.

Ich schnaubte, richtete mich auf, blickte wieder aus dem Fenster und versuchte, die Ruhe der Natur auf mich wirken zu lassen.

Der Wagen verlangsamte an einer Kreuzung und bog nach links auf die West Oak Road ab. In circa dreißig Minuten wären wir in Riverside Springs. Das Revier lag sogar in der Nähe des Parks und der alten Kirche. Vielleicht konnte ich ja irgendwie erkennen, was dort passiert war, wenn wir daran vorbeifuhren.

Ein Funkeln im Wald erregte meine Aufmerksamkeit. Es war ein kurzes Aufleuchten gewesen, wie von einer hellen Taschenlampe. Ich drehte den Kopf, versuchte etwas zu erkennen, aber wir waren zu schnell an der Stelle vorbei. Vielleicht war es ein Förster, der seine Patrouille durch den Wald lief. Das Leben da draußen ging schließlich weiter. Egal wie es hier drinnen aussah. Ich glotzte auf die Fensterscheibe. Da es im Wagen etwas heller war, konnte ich die Umrisse meines Spiegelbildes erkennen. Meine Haare waren zerzaust, meine Augen verquollen. Als ich das letzte Mal in den Spiegel gesehen hatte, dachte ich, ich wäre aus einem Erholungsurlaub gekommen. Nachdem Akil mich geheilt hatte. Akil. William. Ilai. Die Seelenwächter. Diese Welt war mit einem Schlag in unendliche Ferne gerückt. Die Realität hatte mich eingeholt, mit High-Speed sozusagen.

Auf einmal blitzte es wieder im Wald. Diesmal zweimal hintereinander.

»Pass auf!«, brüllte Officer Kimbell ihrem Kollegen zu.

Ich drehte mich nach vorne und schrie vor Schreck.

Mitten auf der Straße stand ein junger, glatzköpfiger Mann. Er trug eine schwarze Ledermontur wie ein Motorradfahrer. Zu seinen Füßen breitete sich eine dunkle Flüssigkeit aus, als hätte er einen Kanister mit Öl verschüttet. Officer Robbs riss das Steuer herum, der Wagen scherte nach links aus, ich wurde in den Sitz gepresst. Der Sicherheitsgurt rastete ein und grub sich schmerzhaft in meine ohnehin lädierte Schulter. Officer Kimbell krallte sich in die Armaturen, während Officer Robbs versuchte, den Wagen unter Kontrolle zu bekommen. Wir drehten uns um die eigene Achse, einmal, zweimal, vielleicht auch dreimal. Ich verlor die Orientierung. Officer Robbs fluchte wie ein Rohrspatz, die Straße war so glitschig, als wäre sie mit Eis überzogen.

Nach einer Unendlichkeit kam der Wagen zum Stehen. Der Riemen des Gurtes hatte mir in die Haut geschnitten. Meine Schulter brannte lichterloh. Officer Kimbell drehte sich kurz zu mir, um zu sehen, ob ich unverletzt war. Ich spähte nach vorne durch die Windschutzscheibe. Der Mann stand nach wie vor regungslos an der gleichen Stelle, seine Miene war entspannt, er lächelte sogar ganz leicht, als würde er sich einen spannenden Actionfilm im Fernsehen anschauen. Ich kniff die Augen zusammen und versuchte, seinen Gesichtsausdruck zu deuten.

Officer Robbs stellte den Motor ab, Kimbell griff zum Funkgerät und rief die Zentrale. Robbs prüfte den Sitz seiner Waffe, öffnete die Autotür und stieg aus dem Wagen. Der Duft aus Wald und Natur wehte ins Innere. Gemischt mit einer anderen Note. Etwas Herberem. Mit einer Hand auf der Waffe ging Robbs auf den Fremden zu. Ich rutschte, so weit es der Gurt zuließ, zur Seite und lugte zwischen den Gitterstäben durch. Officer Robbs sagte etwas zu dem Fremden, leider verstand ich nicht was.

»Hier Wagen JS52«, sagte Kimbell in das Mikro. »Wir stehen bei Markierung 44 der West Oak Road Richtung Ost. Ein unbekannter Mann ist plötzlich auf der Straße aufgetaucht. Wir konnten einen Unfall vermeiden.«

Am anderen Ende der Leitung antwortete eine Frauenstimme. Ich blendete sie aus und fokussierte mich auf den Fremden, der jetzt die Arme verschränkte und keine Anstalten machte, Robbs zu antworten. Er stand einfach nur da, als gehörte ihm die Straße.

Ich versuchte, weiter nach vorne zu rutschen, doch der Gurt gab nicht mehr Spielraum. Officer Kimbell bemerkte es natürlich.

»Bleiben Sie zurück«, schnauzte sie, während sie immer noch das Funkgerät festhielt.

Irgendetwas stimmte mit dem Fremden nicht. Dieser Gesichtsausdruck kam mir bekannt vor. Dieses leicht diabolische Grinsen, die glimmenden Augen.

Oh mein Gott. »Officer Robbs muss sofort zurückkommen«, sagte ich.

»Seien Sie still!«, blaffte Officer Kimbell.

»Nein, nein! Er ist in Gefahr. Das ist kein Mensch. Das ist ein …« Schattendämon! Seine Mimik erinnerte mich an Joannes Ausdruck, als sie mich aus der Kirche gelockt hatte. Genau so hatte sie mich gemustert, mich abgecheckt. Vermutlich überlegte auch der Fremde gerade, wie bekömmlich Officer Robbs schmecken würde. »Er muss von dem Mann fernbleiben, bitte glauben Sie mir!«

»Sie setzen sich sofort zurück in Ihren Sitz«, befahl Officer Kimbell. Ihre Augenbrauen waren zusammengezogen, eine Hand lag auf einer Spraydose an ihrem Gürtel. »Sofort!«

Ich schüttelte den Kopf. »Rufen Sie bitte Ihren Partner, bevor es zu spät ist!«

Officer Robbs war bis auf zwei Meter an den Schattendämon herangetreten, als dieser sich in Bewegung setzte. Es ging so schnell, dass ich nur seinen schwarzen Schatten flirren sah. In der nächsten Sekunde kippte Officer Robbs nach hinten und landete auf der Straße. Der Schattendämon setzte sich auf ihn, presste eine Hand auf die Stirn des Officers, die andere auf den Brustkorb. Ich schrie. Officer Kimbell sprang aus dem Auto, zog die Waffe aus ihrem Gürtel und legte an.

»Sofort loslassen!«, brüllte sie den Dämon an. Er blickte kurz auf und bleckte die Zähne. Eine weitere Windböe wehte durch die geöffneten Türen und nun wusste ich auch, was diese herbere Unternote vorhin war. Verwesung. Der Gestank von Schattendämonen. Es roch jetzt noch stärker als vor einer Minute. Das konnte nur eines bedeuten.

Der erste Dämon war nicht alleine.

Es raschelte im Wald. Ich drehte den Kopf und sah den zweiten Mann hervorpreschen.

»Achtung!«, schrie ich. Officer Kimbell wirbelte herum und feuerte instinktiv. Der Dämon torkelte. Sie hatte ihn an der Schulter getroffen. Bedauerlicherweise hielt ihn das nicht auf. Er machte einen Satz und warf Officer Kimbell von den Füßen. Sie landete auf dem Beton, direkt vor dem Wagen und außerhalb meines Blickfeldes. Kurz hörte ich ihren Schrei – und dann war sie still. Ich blickte mich hastig im Wagen um, versuchte den Sicherheitsgurt zu öffnen, was nicht einfach war mit den gefesselten Händen.

Ich brauchte eine Waffe!

Klar doch, Jess. Unter dem Sitz liegt eine geladene Glock, damit die Verbrecher, die unschuldig festgenommen werden, sich im Falle eines Angriffes durch Schattendämonen zur Wehr setzen können. Ich verdrehte meinen Oberkörper, erreichte die Schnalle des Gurtes und öffnete. Draußen stöhnte Officer Kimbell leise. Ich riskierte einen kurzen Blick. Weiter vorne lag Officer Robbs regungslos auf dem Asphalt. Vom Glatzkopf keine Spur. Ich drehte mich um, rollte mich auf den Rücken, hob die Füße und kickte so fest ich konnte gegen die Fensterscheibe. Nicht mal ein Riss. Super. Ich spannte die Bauchmuskeln an und trat noch einmal zu und noch mal und noch mal. Beim letzten Kick riss jemand die Autotür von außen aus den Angeln. Mein Tritt ging ins Leere. Ich richtete mich auf und erstarrte.

Der Glatzkopf, der Officer Robbs gekillt hatte, schob sich in den Rahmen. »Hallo, Zuckerschnecke«, sagte er und leckte sich über die Lippen. Der Gestank nach Verwesung drang ins Wageninnere. Ich rutschte auf der Rückbank nach hinten, bis ich die gegenüberliegende Tür erreicht hatte. Der Dämon musterte mich von oben bis unten.

»Was für ein Leckerbissen.« Er schob sich in den Wagen und war so bullig, dass er die Arme einziehen musste, um durch die Tür zu passen. An seinem Hals baumelte ein Goldkettchen mit Buchstaben daran: Whiny. War das sein Name? Whiny? Über seinen kahl rasierten Schädel zog sich ein Drachentattoo. Das Maul des Drachen stand weit aufgerissen und entblößte lange Eckzähne, von dem der Sabber troff. Whiny tat es seinem Tattoo gleich, zog die Lippen hoch und zeigte seine Zähne.

Ich hob die Beine, um ihm ins Gesicht zu treten, doch er fing mich ab, packte meinen Knöchel und zog mich zu sich heran, als würde er einen Angelhaken einholen. Ich schrie, kickte, boxte, so gut es mit den gefesselten Händen ging. Er schob sich auf mich und stank, als hätte er sich in Aas gewälzt. Ich atmete flach, wand mich, versuchte irgendwie unter ihm wegzukommen.

Whiny lachte, fixierte mich mit seinem Körpergewicht und hob eine Hand. »Jetzt wird gegessen.«

Eine Sekunde später lag sie auf meiner Stirn.

 

2. Kapitel

 

Einige Stunden zuvor

 

Verwesung.

Ariadne roch es ganz deutlich. Das konnte nur eines bedeuten: Es war ein Schattendämon in der Nähe. Sie sprang auf und blickte sich um. Die Kirche war leer, bis auf den Unrat und den Schutt, der herumlag. Durch die Löcher im Dach drangen die letzten Sonnenstrahlen des Tages. Die Vögel zwitscherten draußen ihre Abendlieder. Es könnte fast idyllisch sein, wäre der Grund für ihr Hiersein nicht so beunruhigend.

Ariadne schulterte ihren Rucksack, in den sie die Sachen gestopft hatte, die Jess für das Ritual verwendet hatte und in dem ebenso das Kästchen mit dem Kranich lag. Ihre einzige Möglichkeit, die Kraft der Urmutter Sophia herbeizurufen. Ariadne hatte heute viel der alten Magie verwenden müssen, um Jess’ Energie zu neutralisieren. Was es wohl diesmal gekostet hatte? Ein Jahr? Zwei? Fünf? Ariadne streckte die Arme aus und betrachtete ihre Hände. Noch war kein Alterungsprozess zu sehen, noch fühlte sie sich fit, doch das könnte sich in ein paar Tagen ändern. Sie würde mehr Falten bekommen, vielleicht etwas Sehkraft einbüßen oder bald ein Hörgerät benötigen.

»Immerhin können meine Haare nicht noch grauer werden.« Sie war bereits komplett weiß auf dem Kopf.

Sie lief tiefer in die Kirche hinein und schnupperte erneut. Nichts mehr. Hatte sie es sich vielleicht nur eingebildet? Es war immerhin schon fünfzehn Jahre her, seit Ariadne das letzte Mal mit einem Schattendämon zusammengestoßen war. Wie groß war die Wahrscheinlichkeit, gerade heute auf einen zu treffen? Dazu in einer Kleinstadt wie Riverside? So weit Ariadne wusste, jagten Schattendämonen bevorzugt in größeren Ortschaften. Auf der anderen Seite konnte es natürlich gut sein, dass Jess durch ihre Aktion in der Kirche heute Nacht Schattendämonen angelockt hatte. Wenn Violet nicht bei ihr war, um ihre Aura abzuschatten, strahlte Jess wie ein Signalfeuer. Und das konnte nicht nur die Aufmerksamkeit Ariadnes alter Feindin erregen, sondern auch die der Dämonen.

Langsam lief Ariadne weiter. Ihre Schritte hallten von den hohen Kirchenwänden zurück. Sie stieg über den Schutt und Dreck hinweg, der sich über die Jahre angesammelt hatte und die Steinfliesen bedeckte. Es war eine Schande, wie dieses einst so prachtvolle Gebäude verkam. Ariadne konnte sich noch gut an die Zeit erinnern, als hier Messen abgehalten worden waren, Hochzeiten gefeiert oder Kinder getauft. Diese Gemäuer waren ein Ort des Wohlfühlens gewesen, der inneren Einkehr. Jetzt stank es nur noch nach Urin und Dreck und rottete vor sich hin. Sie erreichte eine der Seitentüren, die einen Spalt offen stand.

»Zentrale, hier ist Officer Walker, bitte kommen.«

Ariadne horchte auf, als sie die Männerstimme draußen hörte.

»Zentrale hier. Sprechen Sie«, antwortete ein zweiter Mann aus einem Funkgerät. Die Stimme klang blechern und hohl.

»Wir haben einen weiteren Sierra Delta im Park. Direkt vor der alten Kirche«, sagte Walker.

Ein Sierra Delta? Was war das? Ariadne huschte zur Tür und spähte hinaus. Es war niemand da.

»Verstanden«, sagte Walker erneut. Er musste direkt hinter der vier Meter hohen Mauer stehen, die die Kirche vom Park abtrennte.

Das Funkgerät knackte erneut.

»Kate, bist du da?«, sagte Walker.

»Ja. Hab deinen Funkspruch mitbekommen. Meld dich nicht immer mit Officer. Du bist Detective.«

»Ja, ich weiß. Macht der Gewohnheit.«

»Was ist denn heute los?«

»Keine Ahnung. Also, hier liegt ein männlicher Weißer, circa vierzig Jahre alt, trägt einen dunkelgrauen Anzug. Dieser hier hat allerdings keine Brechstange in der Brust stecken wie der Parkwächter. Sieht eher aus, als wäre er ausgetrocknet.«

»Wie meinst du das?«

»Seine Haut ist ledrig und eingefallen und … Warte mal.« Es folgte eine Pause und Geraschel. »Heiliger Ikandu!«

»Was ist?«

»Seine Augen haben sich bewegt. Er lebt noch! Ruf einen Krankenwagen!«

»Geht klar.«

Ariadne schlug die Hand vor den Mund. Ledrige Haut, Augen, die sich bewegten, obwohl der Körper tot aussah. Es gab nur ein Wesen, das so etwas anrichten konnte. Ariadne drückte die Tür weiter auf und blickte sich um. Hatte der Dämon sich nach seinem Mahl verzogen oder war er noch in der Nähe? Sie wagte einen Schritt nach draußen. Die Abendsonne leuchtete mittlerweile glutrot auf der Außenwand der Kirche. War sie wirklich schon so lange hier?

»Hallo?«, rief Walker auf der anderen Seite der Mauer. »Hören Sie mich, Sir? Ich bin Detective Walker.«

Er wird dir nicht mehr antworten können, auch wenn du glaubst, dass er noch lebt. Das, was da draußen lag, war nur noch eine leere Hülle. Ariadne kannte den Anblick leider zu genau. Die Haut war über die Knochen gespannt, als wäre sie zu stramm aufgezogen worden. Sämtliche Flüssigkeit, Muskeln, Gewebe, das was einen Körper ausfüllte, war weg. Die Augen wanderten wild hin und her, der Brustkorb hob und senkte sich in raschen Zügen. Er hatte sogar noch einen Puls, denn sein Herz pumpte weiter Blut durch die Adern, als könne es dadurch das Unvermeidliche verhindern. Nach außen hin mochte es so aussehen, als wäre der Mann noch lebendig, aber das Essenzielle fehlte ihm: seine Seele. Die hatte sich der Dämon einverleibt. Nach ein paar Tagen würde der Körper des Opfers den Kampf aufgeben. Er würde sterben, wie eine Blume, die nicht mehr gegossen wurde. Es war ein grausamer, langsamer Tod. Wenn Detective Walker wüsste, mit was er es zu tun hatte, würde er seine Pistole ziehen und den armen Mann erlösen, statt zu versuchen ihn zu retten.

»Halten Sie durch, Hilfe ist unterwegs, Sir.« Walker redete weiter geduldig auf seinen Patienten ein, obwohl es zwecklos war.

Ariadne blieb jetzt nur noch eine Möglichkeit: mit Zachary abhauen. Das hier war nicht ihr Kampf. Dafür gab es die Seelenwächter, und Ariadnes Aufgabe war es, Jess zu schützen. Genau das würde sie tun.

Sie huschte zurück in die Kirche und rannte zur Verbindungstür, durch die sie vorhin gekommen war. Die Scharniere quietschten, als Ariadne öffnete. Sie fluchte und schlüpfte rasch hindurch. Hoffentlich hörte Detective Walker sie nicht. Die Kirche war immer noch Eigentum der Stadt. Falls man sie hier erwischte, müsste sie sich wegen unbefugtem Betreten oder Vandalismus rechtfertigen und Ariadne hatte keine Lust, sich zu erklären.

Sie erreichte das Büro. Zachary hatte bei ihrem gemeinsamen Eintreffen gesagt, dass er sich den Garten anschauen wollte. Hoffentlich hatte er noch nicht die Polizei oder den Toten bemerkt, sonst würde Ariadne ihm wieder irgendeine Geschichte auftischen müssen. Gott, wie ich diese Lügerei hasse. Eine führte zur nächsten, die zu einer weiteren. So ging das jeden Tag. Manchmal hatte sie das Gefühl, sich derart in Ausreden und Erfindungen verstrickt zu haben, dass sie selbst nicht mehr wusste, was richtig und was falsch war.

Plötzlich durchbrach ein greller Schrei die Stille. Ariadne zuckte zusammen. »Zachary!«