Die Chroniken der Seelenwächter - Band 3: Schatten der Vergangenheit (Urban Fantasy) - Nicole Böhm - E-Book

Die Chroniken der Seelenwächter - Band 3: Schatten der Vergangenheit (Urban Fantasy) E-Book

Nicole Böhm

4,8

Beschreibung

Das Unfassbare ist geschehen, Ariadne starb durch die Hand von Joanne. Jess hat nach ihrer Mutter ein weiteres Familienmitglied verloren. Gefangen in ihrer Trauer, versucht sie mit der Situation umzugehen und steht erneut vor lebensverändernden Entscheidungen. Eines scheint klar: Ihr altes Leben ist für immer vorbei. Auch Jaydee steht vor weiteren Herausforderungen. Er muss Benjamin Walker gegenübertreten, dem Detective, der die Wahrheit über die unerklärlichen Geschehnisse der letzten Zeit aufdecken will. Das Geheimnis der Seelenwächter scheint in Gefahr, mit katastrophalen Konsequenzen. Magie, Mystery, gefährliche Rätsel und eine dramatische Liebe definieren den ewigen Kampf zwischen den Seelenwächtern und den Schattendämonen. Nicole Böhm verknüpft uralte Sagen mit Ereignissen der Gegenwart. Die Serie erscheint monatlich als E-Book mit ca. 120 Seiten Umfang. Auch als Hardcover mit drei enthaltenen Romanen erhältlich.

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Seitenzahl: 187

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Table of Contents

„Schatten der Vergangenheit“

Was bisher geschah

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

Vorschau

Nachwort

Zwei neue Charaktere

Benjamin Walker

William Michael Heinrich III

Glossar

Die Übersicht der Charaktere

Impressum

Die Chroniken der Seelenwächter

Band 3

„Schatten der Vergangenheit“

von Nicole Böhm

 

Was bisher geschah

Auf der Suche nach ihrer verschollenen Mutter bricht die junge Jess in eine alte Kirche ein. Sie möchte den Geist des toten Pfarrers beschwören, kennt er doch möglicherweise das Geheimnis um deren Verschwinden. Statt Antworten warten nur noch mehr Fragen. Sie lernt die geheimnisvollen Seelenwächter kennen, die seit Jahrtausenden unerkannt unter den Menschen leben und diese vor den tödlichen Schattendämonen schützen.

Im Verlauf turbulenter Ereignisse trifft Jess auf Jaydee, einen jungen Mann mit außergewöhnlichen Fähigkeiten.

Er ist von Anfang an fasziniert von ihr, doch das erste Zusammentreffen endet in einem Desaster: Er versucht, Jess zu töten.

Verängstigt und verwirrt geht sie zurück nach Hause, sieht sich dort aber mit dem nächsten Problem konfrontiert: Polizisten verhaften sie wegen Mordverdachts.

Auf dem Weg ins Revier wird der Wagen von Schattendämonen angegriffen. Jess kann jedoch mit Violet, ihrer Fylgja, einer Art Schutzgeist, nach Hause fliehen. Die Freude währt nur kurz: Joanne erwartet sie bereits und zwingt Violet dazu, das Domizil der Seelenwächter in Arizona preiszugeben. Bei dem Versuch zu flüchten, stirbt Jess’ Ziehmutter Ariadne durch Joannes Hand. Jess verliert ein weiteres Familienmitglied.

Doch nicht nur Jess muss die Ereignisse dieser Nacht verdauen, auch Detective Benjamin Walker sieht sich zum ersten Mal in seinem Leben mit der übernatürlichen Welt der Seelenwächter konfrontiert. Er muss sich entscheiden: Die Wahrheit aufdecken und das Geheimnis der Seelenwächter publik machen – oder alles, was er erlebt hat, als Wahnvorstellung abhaken.

1. Kapitel

 

Benjamin Walker saß auf einem Bett des City Hospitals und zitterte seit Stunden unkontrolliert. Nicht, weil er eines dieser scheußlichen Hemden trug, die alle Patienten in Krankenhäusern anziehen mussten und bei denen man jeden Windhauch im Rücken spürte. Auch nicht, weil seine Füße nackt und eiskalt waren und er kaum noch die Zehen bewegen konnte. Nicht einmal die Attacke des Marines, bei der er die Stichwunde in der Seite davongetragen hatte, oder die anschließende Verfolgungsjagd durch den Wald, bei der er diesem silberäugigen Fremden nachgestellt war, konnte er für das Zittern verantwortlich machen.

Es wäre schön, wenn es so wäre.

Denn all diese Dinge hätte er erklären können. Das wären gute Gründe. Solide Gründe und vor allem Gründe, die er den Kollegen begreiflich machen konnte. Sie würden ihm auf die Schulter klopfen und tröstende Worte sprechen wie »Macht nichts, Ben«, »Das war ein schwerer Tag«, »Doppelschicht mit einem Mord, einem Schwerverletzten und einem explodierten Wagen! Das geht an die Nieren, Ben. Vor allem, wenn zwei Kollegen betroffen sind, die noch im Auto saßen«.

Ja, damit wäre Ben wirklich zurechtgekommen. Das war sein täglich Brot, sein Leben. Er ging schon seit über zwölf Jahren auf Streife. Er hatte Erfahrung auf der Straße und war in etliche Schusswechsel verwickelt gewesen. Das war sein Alltag, und bisher glaubte Ben, alles gesehen zu haben, was es in diesem Job zu sehen gab.

Er hatte sich getäuscht.

Heute war ein Tornado durch seine perfekt strukturierte Welt gerauscht und hatte keinen Stein auf dem anderen gelassen. Heute war sein Verstand über die Maßen strapaziert worden. Ab heute würde nichts mehr so sein wie zuvor, denn er hatte Dinge gesehen, die ihn noch in seinen Albträumen verfolgen würden.

Und das war der Grund, weshalb er zitterte.

Er rieb sich über das Gesicht. Die Worte seines Großvaters Abraham drängten sich ihm in den Sinn. »Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als du mit deinem Verstand begreifen kannst, mein Junge.«

Ben hatte dieses Gewäsch jahrelang ignoriert. Seine Familie hatte schon immer versucht, ihn für die alten Bräuche und Rituale seiner Ahnen zu begeistern, doch für ihn zählte nur eins: Fakten. Dinge, die er anfassen, riechen, schmecken konnte. Logik. Verstand. Wissenschaft. Darauf konnte Ben sich wenigstens verlassen. Zumindest war das bisher so gewesen.

Ein Stechen fuhr durch die Wunde. Er verlagerte sein Gewicht, damit es nicht so sehr drückte. Wo blieb nur dieser Arzt? Er hatte in spätestens zehn Minuten zurück sein wollen. Ben atmete durch, streckte die Hände aus und betrachtete seine dreckverkrusteten Finger. Sie zitterten immer noch. Natürlich. Zum ersten Mal in seinem Leben verspürte Ben tatsächlich den Wunsch, ein Gebet an die Götter seiner Urahnen zu sprechen.

Die Tür ging auf und Kate steckte den Kopf herein. »Bist du wach?«

»Ja.« Hatte er überhaupt geschlafen? Die letzten Stunden waren irgendwie verschwommen. Er wusste nicht einmal mehr genau, wie er ins Krankenhaus gekommen war.

Kate zog ihre Bluse straff und trat ein. Sie trug eine Sporttasche bei sich. Auf ihrer Hose waren Dreckflecken, ihre dunkelblonden Haare, die im Dienst stets sorgsam frisiert in einem Dutt steckten, standen wirr von ihrem Kopf. Unter ihren Augen lagen tiefe Schatten. Heute sah Kate deutlich älter als achtunddreißig aus, doch Ben würde einen Teufel tun und ihr das sagen. Dann hätte er gleich einen weiteren Grund, im Krankenhaus zu bleiben.

»Wie geht es dir?«, fragte sie und blieb vor seinem Bett stehen.

»Ganz gut, danke.« Ben steckte rasch die Hände unter seine Oberschenkel, damit sie sein Zittern nicht sah. Sie machte sich eh immer zu viele Gedanken.

Kate hievte die Sporttasche aufs Bett. »Ich habe dir Sachen zum Wechseln mitgebracht. Duschgel, Shampoo und so weiter und natürlich deine Dienstwaffe, auch wenn der Captain das nicht gerne sieht.«

»Das ist nett. Danke.« Tatsächlich fühlte Ben sich ohne seine Waffe nackt.

Kate nickte und strich über den kleinen Höcker auf ihrer Nase. Bei einem Einsatz vor einem Jahr hatte sie eine Faust ins Gesicht bekommen, die ihr Nasenbein zerschmettert hatte. »Du hast uns einen ganz schönen Schrecken eingejagt.«

»Das tut mir leid.«

»Geht es dir wirklich gut?«

»Ja. Die Verletzung ist nicht schlimm. Waren nur fünf Stiche.«

Kate zuckte. Mit fünf Stichen genäht zu werden, war für sie gleichbedeutend mit einer Operation am offenen Herzen. Ben hatte noch nie einen Menschen gekannt, der sich auf der einen Seite mit einem zwei Meter großen Gangsterboss anlegte und auf der anderen in Ohnmacht fiel, wenn er eine Spritze sah. »Du hast ganz schön Glück gehabt.«

»Das habe ich.« In der Tat. Er schloss kurz die Augen. Sofort blitzten die Bilder auf: Er sah sich selbst, wie er um die Kirchenmauer lief und mitten in eine Szene wie aus einem Film platzte; die beiden Marines, der Junge, das schwarzhaarige Mädchen, das die weißhaarige Frau bedrohte; schwarz und weiß; Ying und Yang. So hatten sie sich an der alten Kirche gegenübergestanden und miteinander gestritten.

Auf einmal war alles ganz schnell gegangen. Ben hatte den Marine aufhalten wollen, doch es war ihm nicht gelungen. Stattdessen wurde er attackiert und verwundet. Die weißhaarige Frau hatte diese Kiste geöffnet und kurz darauf war ein grelles Licht emporgestiegen und hatte alles verschlungen. Ben wurde zu Boden gerissen. Vermutlich war er kurz in Ohnmacht gefallen, denn als er wieder klar denken konnte, waren auf einmal alle Beteiligten verschwunden. Nur Kate war da und zwei Sanitäter. Sie hatten ihm aufgeholfen, seine Wunde versorgt und wollten ihn ins Krankenhaus bringen. In dem Moment war der Funkspruch von dem explodierten Wagen auf der West Oak Road hereingekommen. Ab da überstürzten sich die Ereignisse. Ben hatte auf einmal das dringende Bedürfnis, an genau diesen Tatort zu fahren und sich das Auto anzusehen.

»Habt ihr den silberäugigen Mann noch gefunden, den ich verfolgt habe?«

»Nein.« Kate verzog das Gesicht, als hätte sie auf eine Zitrone gebissen.

»Was? Ist noch etwas passiert?«

»Nichts ist passiert. Es ist nur …« Sie griff nach dem Henkel seiner Sporttasche und spielte damit herum. »Du jagst alleine, ohne Verstärkung und verletzt, einem Verdächtigen hinterher.«

»Ich weiß, das war dumm.«

»Ja, verdammt noch mal, das war es! Ich hätte dich nie zur West Oak fahren sollen, sondern gleich ins Krankenhaus.«

Ben hatte Kate gedroht, er würde so oder so dorthin fahren. Ob im Taxi oder im Dienstwagen war ihm egal gewesen. »Ich habe dir ja keine große Wahl gelassen.«

»Du bist ein elender Sturkopf, weißt du das?«

»Liegt in der Familie.«

Kate schnaubte.

Die Verfolgung des Mannes mit den silbernen Augen war leichtsinnig gewesen, doch Ben hätte schwören können, dass er die Kollegen und auch Kate aufgefordert hatte, ihn zu begleiten. Keiner von ihnen wollte mit. Als hätte sie eine unsichtbare Barriere davon abgehalten, weiterzugehen. Ben war schließlich an dieses Haus am See gelangt und hatte gesehen, wie eine blonde Frau in einem Lichtbogen verschwand. Die Weißhaarige von der Kirche war auch dort gewesen. Sie hatte sich mit dem Silberäugigen unterhalten oder gestritten oder sonst was. Irgendwann war Ben einfach aufgesprungen und davongerannt.

»Ich kann mich kaum noch an die letzten Stunden erinnern«, sagte er leise, als wäre das eine logische Erklärung.

»Der Arzt sagte, das könne passieren, wenn man unter großem Stress steht.« Kate ließ sich auf das Bettende nieder. »Die Fahndung nach dem Verdächtigen im Wald läuft übrigens. Warten wir ab.«

»Gut. Ich bin gespannt.« Obwohl er sich nicht viele Chancen ausrechnete. Die Spuren waren zu vage. »Was ist eigentlich mit dem Mann, den ich an der Kirche gefunden habe? Dem Verletzten?« Ben hatte erst geglaubt, er wäre tot gewesen, doch er hatte sich getäuscht.

»Der liegt auf der Intensivstation, aber Dr. Simmons sagt, er könne nichts mehr für ihn tun. Er ist hirntod. Gerade suchen sie nach Angehörigen. Außerdem sind die Kollegen von der Spurensicherung vor Ort, um herauszufinden, wer dich angegriffen hat. Deine Personenbeschreibung war etwas ungenau.«

»Ich weiß. Tut mir leid.« Ben hatte aus irgendeiner Eingebung heraus gesagt, dass er von maskierten Männern überfallen worden war. Die weißhaarige Frau, den Jungen und das Mädchen hatte er nicht erwähnt.

»Der Captain meint, du sollst erst mal zusehen, dass du wieder fit wirst. Du kannst deinen Bericht im Laufe der Woche abgeben.«

»Danke.« Dann hatte Ben noch etwas Zeit sich zu überlegen, was genau er schreiben sollte. »Wie geht es der Frau und den beiden Männern, die wir im Wald gefunden haben?«

»Die liegen ebenfalls hier im Krankenhaus. Der Doc wollte gerade zu ihnen, als ich hergekommen bin. Sie sind alle drei stabil, aber noch bewusstlos.«

»Habt ihr sie identifiziert?«

»Sie hatten keine Papiere dabei. Die Frau trug fünf kleine Wurfmesser bei sich und der Mann zwei Kurzschwerter. Wir haben natürlich alles beschlagnahmt.«

Ben glaubte nicht, dass sie viel über die drei Unbekannten herausfinden würden. Er lehnte den Kopf gegen die Wand hinter seinem Bett und stöhnte leise. Diese Nacht war wirklich die merkwürdigste seines Lebens.

»Hast du schlimme Schmerzen?«, fragte Kate.

»Nein. Ich bin nur müde. Das war ein verflucht langer Einsatz. Was gibt es über den explodierten Polizeiwagen? Ist es bestätigt?«

Kate zupfte einen Fussel von Bens Bettdecke. »So wie es aussieht, waren es Allison, Daniel und die Verdächtige, Calliope Jessamine Harris. Wir warten allerdings noch auf die Rückmeldung. Es sollte nicht zu lange dauern bis sie … also, bis man weiß, ob sie es waren oder nicht.«

Ben hatte die beiden Officers natürlich gekannt, wenn auch nur oberflächlich. Seit er als Detective im Morddezernat arbeitete, hatte er nicht so viel mit ihnen zu tun gehabt. »Das tut mir leid.« Es war bescheuert das zu sagen, leider fiel Ben nichts Besseres ein.

»Das ist unfassbar. Mit Allison war ich gestern noch auf dem Schießstand. Sie hat sich so gefreut, dass sie in den nächsten fünf Jahren von der Straße weg kann und bis zur Altersteilzeit einen Schreibtischjob innehat.«

»Allison hatte eine Tochter, oder?«

»Ja. Sie ist siebzehn, fast genau wie das Mädchen, das noch im Auto saß.« Kate strich sich eine Strähne zurück. »An diesen Teil des Jobs werde ich mich echt nie gewöhnen. Wir müssen auch Ariadne Lewis informieren. Sie ist als Vormund für Calliope Harris eingetragen.«

»Sie war die Hauptverdächtige im Shoemaker-Mord, oder?« Ben hatte natürlich davon mitbekommen. Mark kümmerte sich um diesen Fall, insofern hatte Ben sich nicht explizit eingelesen.

»Genau. Allison und Daniel wollten sie gerade ins Revier fahren.«

»Verstehe.« Obwohl er das nicht tat. Ben verstand überhaupt nichts mehr. Sein Schädel pochte, die Gedanken tanzten Tango. Er rieb sich durchs Gesicht. Sobald er zu Hause war, würde er alles aufschreiben müssen, was passiert war. Die Erinnerungen waren einfach zu wirr und verschwommen. »Wie bin ich eigentlich ins Krankenhaus gekommen?«

»Etwa eine Stunde nachdem du im Wald verschwunden warst, hat man dich auf der West Oak fünf Kilometer östlich gefunden. Du bist einfach vor ein Auto gerannt. Zum Glück konnte die Fahrerin rechtzeitig bremsen. Sie meinte, du hättest die ganze Zeit von Dämonen und Geistern und Lichtbögen gefaselt. Sie hat dich schließlich hergebracht.«

Sollte er Kate in seine Erlebnisse einweihen? Sie waren seit drei Jahren Partner. Er vertraute ihr mit seinem Leben, aber würde sie verstehen, was er ihr erzählen würde, wenn er es selbst nicht verstand? »Kate, wenn du an …«

Die Tür ging auf und Dr. Greene kam endlich mit einer Schwester zurück. »Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat, Detective Walker. Heute steppt hier der Bär.«

»Kein Problem. Meine Partnerin hat mir Gesellschaft geleistet.«

Dr. Greene war ein älterer Arzt mit einer Halbglatze und zu viel Speck auf den Hüften. Er setzte die Brille auf und begrüßte Kate mit einem offenen Lächeln. »Wenn Sie uns kurz entschuldigen würden. Wir müssen noch einige Untersuchungen durchführen.«

»Natürlich. Ich warte draußen.« Sie drückte kurz Bens Hand und lief zur Tür. »Wir sehen uns später, ja?«

»Mach lieber Feierabend. Das war auch für dich ein langer Tag. Ich bin hier in den besten Händen.«

Sie zögerte und blickte zu Dr. Greene, der über seine Plauze strich. »Sie können ruhigen Gewissens gehen. Wir werden die Untersuchungen abschließen und Detective Walker noch eine Nacht hierbehalten. Wenn morgen alles normal ist, kann er gehen.«

»Okay. Danke.« Kate öffnete die Tür. »Ruf mich an, Ben.«

»Mach ich.«

Sie verließ den Raum. Ben lehnte sich zurück und überließ sich den Untersuchungen. Kate hatte gesagt, die drei Unbekannten aus dem Wald lägen hier im Krankenhaus. Sobald der Doc mit ihm fertig war, musste er ihnen dringend einen Besuch abstatten.

 

2. Kapitel

 

Jessamine

 

Ich stehe auf der Wiese vor unserem Haus und blicke auf den See. Das Wasser glitzert nicht dunkelblau wie üblich, sondern glutrot.

»Du warst ein sehr unartiges Mädchen.«

Ich fahre herum. Hinter mir steht Joanne und grinst. Sie trägt eine Ritterrüstung, die in der untergehenden Sonne leuchtet. Joanne hebt eine Hand, von ihren Fingern tropft Blut. Sie nimmt sie in den Mund und lutscht genüsslich daran. »Köstlich. Gib mir mehr.« Joanne kommt auf mich zu, streckt ihre Klauen nach mir aus. Ich weiche zurück. Weiter und weiter und weiter. Meine Füße treten in etwas Nasses. Ich blicke nach unten und sehe, dass ich im See stehe, aber es ist kein Wasser, was mich umgibt. Es ist Blut.

»Es tut mir so leid, Calliope. Ich wusste nicht, dass es so viel sein würde.«

Ich blicke wieder hoch. Joanne ist weg, jetzt steht meine Mutter vor mir.

»Mum?« Meine Stimme klingt jung und kindlich, als wäre ich wieder zehn Jahre alt.

Mums lange braune Haare wehen um ihren schlanken Körper. Sie trägt ein weißes Kleid, das sich am Saum mit meinem Blut vollgesogen hat. Sie sieht genauso wunderschön aus, wie ich sie in Erinnerung habe. Weich und zart und liebevoll. Ihre dunklen Augen ruhen auf mir. Sie lächelt, aber es ist kein Lächeln, das von Herzen kommt. Es ist ein Lächeln des Bedauerns. Sie kommt auf mich zu und drückt mich an sich.

Ich seufze auf und lasse mich in ihre Umarmung fallen. »Du bist wieder da«, flüstere ich.

»Ich würde dich nie im Stich lassen, mein Schatz. Ich passe auf dich auf. Für immer.«

Sie wiegt mich hin und her. Das hat sie oft getan, als ich noch kleiner war. Sie hat mir Kränze aus Blumen geflochten und für mich gesungen. Es waren schöne Lieder. Von Liebe und Freude und Glück. Sie haucht einen Kuss auf meine Haare, aber er fühlt sich nicht mehr liebevoll an. Ihre Lippen sind hart und heiß, als wollten sie mich verschlingen. Ich will mich wegdrehen, aber es geht nicht mehr. Ich sitze fest. Gefangen. Gefesselt. Angekettet. Etwas Heißes rinnt über meinen Kopf, hinab an meine Schläfe, über meine Stirn. Ich muss blinzeln und sehe auf einmal nur noch rot.

Blut. Alles ist voller Blut.

Ich schreie, kippe nach hinten und versinke in dem See aus Blut. Es schwappt über meinen Kopf, rinnt in meine Kehle. Ich muss husten, es schmeckt widerlich. Ich bekomme keine Luft mehr. Meine Lungen ächzen, ich huste und würge und …

 

Ich stieß einen spitzen Schrei aus, fuhr hoch und blickte mich hastig um.

Ein Traum!

Es war nur ein Traum.

Ich saß in unserem Wohnzimmer. Die Fensterscheiben waren eingeschlagen, eine sanfte Böe wehte herein. Nein, sie wurden nicht eingeschlagen. Sie waren explodiert. Ich streckte die Arme aus, tastete meinen Körper ab, der wieder der einer erwachsenen Frau war, und ließ mich zurück in die Sofakissen plumpsen. Diese Couch war das letzte Möbelstück, das meine Mum für das Haus ausgesucht hatte. Wir waren damals zusammen in einen dreistöckigen Laden gefahren, nur sie und ich, und hatten den ganzen Tag dort verbracht. Wir hatten Cola getrunken – obwohl ich erst zehn war und eigentlich keine trinken durfte – und Eis gegessen, bis uns schlecht wurde. Wir hatten alle Sofas Probe gesessen und uns bei jedem vorgestellt, wir wären zu Hause vor dem Fernseher und würden uns gemeinsam Disney-Filme ansehen. Diese Couch hatten wir dann schließlich ausgesucht, weil sie die bequemste von allen war. Meine Mum hatte sich nach hinten fallen lassen und gelacht. »Auf diesem Sofa vergisst man glatt all seine Sorgen, so gemütlich ist es.«

»Dann ist das ab jetzt die Hakuna-Matata-Couch«, hatte ich daraufhin gerufen. Mum hatte gelacht und mich so ordentlich durchgekitzelt, dass ich fast meinen Eisbecher auf die Polster verschüttete.

Eine Woche nach diesem Ausflug war Mum verschwunden. Weg. Einfach so. Auf Nimmerwiedersehen. Als ein Vierteljahr später die Möbelspediteure vor der Tür standen und das Sofa abliefern wollten, war ich in Tränen ausgebrochen. Die beiden Männer hatten sich angesehen, sichtlich verwirrt, warum ein Mädchen bei dem Anblick einer Couch heulte, als gäbe es kein morgen mehr. Ariadne konnte mich nur trösten, indem sie mir gestattete, von nun an auf der Couch statt im Bett zu schlafen. Jeden Abend lag ich hier und wartete, bis meine Sorgen sich in Luft auflösten. Ich versuchte sogar Hakuna-Matata zu singen, aber ich brachte keinen Ton heraus. So als wäre mit dem Fortgang meiner Mum auch meine Stimme gegangen.

Und jetzt war Ariadne gegangen.

Sie war tot.

Ein Splitter hatte sich in ihren Hals gebohrt. Ich hatte es mit eigenen Augen gesehen, und Jaydee hatte daneben gesessen und mich angestarrt.

Die nächsten Ereignisse bekam ich nicht mehr so recht auf die Reihe. Ich hatte den Splitter aus Ariadnes Hals gezogen, mich auf sie geworfen und rumgebrüllt. Ich glaubte, ich hatte auch Jaydee angeschrien, dass er ihr helfen sollte, aber er tat nichts dergleichen. Er hatte die Hand zur Faust geballt, mich angesehen und die Show genossen. Gerade als ich ihn am Kragen packen wollte, hatte mich Violet weggezogen. Sie hatte die Arme schützend um mich gelegt und mich ins Haus geführt. Ab da versank alles Weitere in einem Rausch aus wirren Gefühlen, Trauer und unendlicher Schwere. Ich wusste weder, wie viel Zeit vergangen war, noch wer sich um Ariadnes Leiche gekümmert hatte noch was mit Zac geschehen war.

Und es war mir egal.

Ich drehte mich um, schmiegte meine Nase in den Stoff und pulte an einem der Löcher im Bezug.

»Jess?«, fragte Violet. Sie stand an dem Durchgang zum Esszimmer. Ich hörte es an der Richtung, aus der ihre Stimme kam.

Violet. Mein Fels in der Brandung. Mein Anker, mein Schutzengel, meine Fylgja. Würde sie mich eines Tages auch verlassen?

»Ich habe frischen Tee gekocht, magst du welchen?«

Nein, das ginge nicht. Fylgjas waren an ihren Schützling gebunden, und so lange ich am Leben war, konnte sie nicht sterben. Sie hatte es bereits mehrfach unter Beweis gestellt. Violet war der letzte Halt, der mir noch blieb.

Das Geschirr auf dem Tablett klimperte, als sie es auf den Couchtisch stellte. Ich drehte mich um und sah ihr zu, wie sie dampfenden Tee in die Tasse goss und sich dann neben mich setzte. »Es wäre gut, wenn du etwas trinkst. Ich kann dir auch eine heiße Schokolade machen, wenn dir das lieber ist.«

»Ariadnes Allheilmittel«, sagte ich und richtete mich auf. Meine Kehle brannte, meine Stimme klang rau. Entweder von der Schreierei vorhin oder weil Joanne mich an einen Baum geknüpft hatte. »Schokolade hilft immer, schmeckt immer und tut immer gut. Warum sollte man also nicht immer welche zu sich nehmen?« Das hatte sie stets gesagt und dann noch eine extra Portion Schlagsahne in die Tasse gegeben. Ich zog die Beine an und legte meinen Kopf auf die Knie. Vermutlich konnte ich ab heute nie wieder heiße Schokolade trinken, ohne an sie zu denken.

Violet strich mir über die Haare und ließ einige Strähnen durch ihre Finger wandern.

»Weißt du, was das letzte war, was Ariadne und ich getan haben?«, fragte ich.

Sie schüttelte den Kopf.

»Kurz bevor die Explosion losbrach, hatte ich mit ihr herumdiskutiert und mir gewünscht, sie würde endlich die Klappe halten.«

Violet sagte nichts darauf. Was sollte sie auch? Tut mir leid? Ist nicht so schlimm? Bestimmt hat sie dir verziehen? Sie rückte näher an mich heran und lehnte ihre Stirn gegen meinen Kopf. Der Duft nach Lavendel wehte zu mir. Violets Lieblingsweichspüler.

»Was macht Zac eigentlich?«, fragte ich nach einer Weile.

»Der schläft oben seinen Rausch aus. Er ist draußen endgültig zusammengeklappt und war nicht mehr fortzubewegen. Logan hat mir geholfen, ihn ins Bett zu bringen.«

»Wer?«

Sie rückte ein Stück von mir ab, um mir ins Gesicht zu blicken. »Logan Salvorian. Er ist ein Seelenwächter aus London. Er ist vorhin mit seinen Leuten und Ilai gekommen.«

»Er ist auch da?«

»Diese Nacht war wohl nicht nur für uns chaotisch. Ilai hatte heute Nacht erst Will und Anna losgeschickt, um nachzusehen, ob alles in Ordnung ist, weil die Phiole, die er dir gegeben hat, zerstört wurde.«

»Zusammen mit dem Polizeiwagen.« Ich erinnerte mich.

»Ilai wird informiert, wenn eine Phiole kaputtgeht. Da Anna und Will nicht zurückkehrten, schickte er Akil und Jaydee hinterher.« Violet erzählte weiter, dass auch Akil zusammengebrochen war und nun mit den anderen beiden im Krankenhaus lag.