Die Chroniken der Seelenwächter - Band 4: Blutsbande (Urban Fantasy) - Nicole Böhm - E-Book
Beschreibung

Nach der schockierenden Erkenntnis, dass die aktuellen Geschehnisse unmittelbar mit seiner Vergangenheit verknüpft sind, macht sich William auf, mehr über das Wappen seiner Familie herauszufinden. Er begibt sich auf eine gefährliche Reise, in deren Verlauf er nicht nur einen dubiosen Eremiten trifft, sondern auch einer gefährlichen Sagengestalt gegenüber steht. Jess lebt sich unterdessen langsam bei den Seelenwächtern ein und kommt wieder zu Kräften. Leider ist das Zusammenleben mit Jaydee alles andere, als angenehm. Ein gemeinsames Abenteuer führt beide an ihre Grenzen … und darüber hinaus? Magie, Mystery, gefährliche Rätsel und eine dramatische Liebe definieren den ewigen Kampf zwischen den Seelenwächtern und den Schattendämonen. Nicole Böhm verknüpft uralte Sagen mit Ereignissen der Gegenwart. Die Serie erscheint monatlich als E-Book mit ca. 120 Seiten Umfang. Alle zwei Monate werden die E-Books als Taschenbuch gedruckt.

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Table of Contents

Die Chroniken der Seelenwächter

Was bisher geschah

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

Vorschau

Nachwort

Zwei neue Charaktere

Anna

Violet

Glossar

Impressum

Die Chroniken der Seelenwächter

Band 4

„Blutsbande“

von Nicole Böhm

Was bisher geschah

 

Auf der Suche nach ihrer verschollenen Mutter bricht die junge Jess in eine alte Kirche ein. Sie möchte den Geist des toten Pfarrers beschwören, kennt er doch möglicherweise das Geheimnis um deren Verschwinden. Statt Antworten warten nur noch mehr Fragen. Sie lernt die geheimnisvollen Seelenwächter kennen, die seit Jahrtausenden unerkannt unter den Menschen leben und diese vor den tödlichen Schattendämonen schützen.

Im Verlauf turbulenter Ereignisse trifft Jess auf Jaydee, einen jungen Mann mit außergewöhnlichen Fähigkeiten.

Er ist von Anfang an fasziniert von ihr, doch das erste Zusammentreffen endet in einem Desaster: Er versucht, Jess zu töten.

Verängstigt und verwirrt geht sie zurück nach Hause, sieht sich dort aber mit dem nächsten Problem konfrontiert: Polizisten verhaften sie wegen Mordverdachts.

Auf dem Weg ins Revier wird der Wagen von Schattendämonen angegriffen. Jess kann jedoch mit Violet, ihrer Fylgja, einem Schutzgeist, nach Hause fliehen. Die Freude währt kurz: Die Schattendämonin Joanne erwartet sie bereits und zwingt Violet dazu, das Domizil der Seelenwächter in Arizona preiszugeben. Bei dem Versuch zu flüchten stirbt Jess’ Ziehmutter Ariadne durch Joannes Hand. Jess verliert ein weiteres Familienmitglied.

Auch der Seelenwächter Will muss sich neuen Herausforderungen stellen. Er wurde bei einer Attacke durch einen Dämon verletzt. Der Angreifer benutzte ein Messer, auf dem Will sein altes Familienwappen erkannte. Kehren die Geister seiner Vergangenheit zurück oder war es nur Zufall?

In den vergangenen Monaten sind die Schattendämonen immer geschickter geworden. Sie haben sich von primitiven, triebgesteuerten Kreaturen zu denkenden Wesen verändert. Mit Hilfe eines alten Artefakts planen sie, die Seelenwächter anzugreifen.

1. Kapitel

 

William klappte den Kragen seines Mantels nach oben, um gegen den kalten Nieselregen geschützt zu sein, und rieb sich die Hände warm, die trotz der Handschuhe klamm und steif waren. Der Wind pfiff um seine Ohren, fraß sich unter seine Kleidung und kühlte ihn von innen her aus. Er war erst zehn Minuten hier und sehnte sich bereits nach der Hitze Arizonas zurück. Warum ausgerechnet Neuseeland? Von allen Orten auf der Welt hatte es ihn ausgerechnet hierher verschlagen müssen, und so stand er mitten im Juni im Cathlins Forest vor einer Hütte, pustete gegen seine Finger und versuchte, sich warm zu bekommen.

Eine dicke Wolkendecke hing am Himmel und drückte gegen den Berg, als wollte sie ihn zur Seite schieben. Die Sonne würde in einer Stunde untergehen, William sollte sich beeilen, denn er musste den gleichen Weg zurück, den er gekommen war.

Er blickte den Pfad hinab, den er eben hochgeritten war. Er war steil und unwegsam, doch für Jack zum Glück kein Problem. Die Parsumi kamen so ziemlich überall hin, egal wie hart das Gelände wurde. Das Einzige, was sie benötigten, war eine freie Strecke, um genügend Tempo aufzunehmen, damit sie in das Portal zwischen den Welten gleiten konnten. Wenigstens störte Jack die Kälte nicht. Er trottete gemütlich zum Gras und begann zu fressen.

William drehte sich um und betrachtete die Hütte. Sie lag direkt am Waldrand, war aus hellgrünen Holzlatten gebaut und so schief zusammengeschustert, dass es einem Wunder glich, dass sie überhaupt noch stand. Hinter dem Haus gab es einen Anbau mit einem Schornstein, aus dem die Rauchschwaden abzogen. William atmete tief ein und ließ den herrlichen Geruch nach Kohle und Feuer in seinen Lungen wirken. Ein Stück Heimat.

Er ging langsam näher. Das Grundstück wurde von einem Zaun begrenzt. Wobei dieses Ding die Bezeichnung Zaun eigentlich nicht verdient hatte. Es war eher eine Abfolge von krummen, knapp eineinhalb Meter hohen Holzlatten, die wahllos in den Boden gestampft worden waren. An einer der Latten hing eine Eisenplatte mit dem eingravierten Namen „Brooke“. Darunter klebte ein vergilbter Zettel, auf dem in krakeliger Handschrift stand: „Wer stört, stirbt“.

Nett.

Leider gab es keine Klingel oder eine Tür im Zaun, also blieb William nichts anderes übrig, als über die Latten zu springen und den ausgetretenen Pfad bis zur Haustür zu laufen.

Hoffentlich war er hier richtig. Nach tagelanger Sucherei in der Bibliothek hatte er endlich in dem Heftchen ‚Schmiedekunst im 19. Jahrhundert‘ einen Hinweis auf sein altes Familienwappen gefunden. Es befand sich auf einem der Schwerter, die in dem Heft abgebildet waren. Der Autor des Heftchens, Conrad Brooke, hatte in einem eigenen Artikel erwähnt, dass das Schwert für eine Familie Namens Blair angefertigt worden war. Bedauerlicherweise hatte William nichts über diese Familie herausfinden können, doch mit etwas Glück wusste Mr. Brooke mehr.

Familie.

Allein das Wort schmeckte nach Verrat. Seine erste Familie hatte ihn bitter enttäuscht. Sein Vater, seine Mutter, selbst sein Bruder hatten ihm jahrelang die grausigen Machenschaften verschwiegen, in die sie verwickelt waren. Der Reichtum seines Vaters basierte nicht auf jahrelanger harter Arbeit, wie William stets annahm: Eine alte Hexe hatte ihre Finger im Spiel und holte sich die Widder, die seine Familie züchtete, für ihre Rituale – so vergrößerte sie nicht nur den Geldbeutel von Williams Vater, auch ihre eigene Macht wuchs.

William spuckte aus, zog das Kreuz hervor, das er am Hals trug, und küsste es. Die Kraft Gottes hatte ihn schon durch so viele Täler in seinem Leben geführt, er hatte immer darauf vertraut, immer gebetet, auch wenn er fast den Glauben aufgegeben hätte, als er seine Frau Vivian eines Tages mit seinem eigenen Bruder im Bett fand, während die gemeinsame Tochter Emma nebenan schlief.

Danach war William gegangen und hatte sich Ilai angeschlossen. Er hatte allen und jedem den Rücken gekehrt, den er je gekannt hatte. Zum Glück war der Übergang in das Seelenwächterleben leicht für ihn gewesen. Im Gegensatz zu manch anderem Wächter hatte er nicht das Flashback-Syndrom entwickelt. Manchmal passierte das. Manchmal konnte die Seele einfach nicht loslassen und klammerte sich mit aller Kraft an das zurückgelassene Menschenleben. Erinnerungen, Gedanken, Gefühle: Alles wurde tausend Mal intensiver. William bewunderte Anna stets aufs Neue, wie sie mit den Dämonen ihrer Vergangenheit kämpfte und sie besiegte. Wobei er sich zähneknirschend eingestehen musste, dass es besser geworden war, seit Jaydee bei ihnen lebte. Dieser Typ schaffte es tatsächlich, Anna irgendwie zu erden und ihr die Sicherheit zu vermitteln, die ihr abhandengekommen war.

William erreichte die verwitterte Haustür. Hoffentlich war Mr. Brooke überhaupt zu Hause. Er hätte ja vorher angerufen, doch er hatte keine Telefonnummer von Conrad Brooke gefunden, außerdem war es schwer für Seelenwächter, ein Telefon zu benutzen. Die einzigen, die halbwegs funktionierten, waren Münzsprecher, und auch da konnte es passieren, dass mitten im Telefonat die Verbindung abbrach.

Der Wind pfiff erneut um seine Ohren und brachte ein Mobile aus alten Nägeln zum Klingen. Dieser Ort war trostlos und kalt, es war Zeit, dieses Gespräch hinter sich zu bringen und wieder in die warmen Gefilde zurückzukehren. William wischte einen Rest Eis vom Mantel, der noch von dem Ritt zwischen den Welten an ihm haftete, und klopfte an.

Ein Hund kläffte; dem Ton nach zu urteilen war es ein großer Hund. William presste das Ohr an die Tür und lauschte auf Schritte. Bedauerlicherweise war sein Gehör nicht so gut wie das von Akil oder Jaydee. Sie hätten bereits am Herzschlag erkannt, ob jemand da war oder nicht.

Es rührte sich nichts.

Er klopfte erneut.

Der Hund bellte nun direkt hinter der Tür und kratzte von innen gegen das Holz.

„Was is‘, verdammt?“, rief eine kratzige Männerstimme.

„Mr. Brooke? Mein Name ist William Hennings, ich möchte gerne mit Ihnen sprechen.“ Wenn er sich Menschen vorstellte, verwendete er stets eine Abwandlung seines ursprünglichen Namens. William Michael Henrich III. war einfach zu umständlich und hochtrabend. „Es wird nicht lange dauern.“

Schritte näherten sich. William trat zurück, und schon flog die Tür auf und er blickte direkt in den Lauf einer Schrotflinte.

„Kannst du nicht lesen?“, blaffte Mr. Brooke.

„Doch, natürlich. Ich habe nur eine kurze Frage zu Ihrem Buch: Schmiedekunst des 19. Jahrhunderts, welches Sie …“

„Zieh Leine!“

Neben Mr. Brooke baute sich ein schwarzer Hund in der Größe eines Wolfes auf und hob die Lefzen zu einem leisen Knurren.

William legte die Finger auf den Lauf der Flinte und drückte sie ein Stück hinunter, damit er seinem Gegenüber besser in die Augen blicken konnte. Vor ihm stand ein kleiner hagerer Mann mit wettergegerbter Haut und grauen Haaren, die fettig am Kopf klebten. Er trug eine Schürze, wie sie Schmiede benutzten, und er roch nach Rauch. William blickte rasch ins Innere des Hauses. Leider konnte er nicht erkennen, ob noch jemand da war.

„Ich habe eine weite Reise hinter mir, um mit Ihnen zu sprechen. Dürfte ich vielleicht reinkommen?“

„Nein.“ Mr. Brooks Finger bogen sich um den Abzug der Flinte. Natürlich könnte er William nicht erschießen. Ein Treffer wäre schmerzhaft, könnte jedoch mit dem Heilsirup, den er immer dabei hatte, rasch behoben werden.

William griff in seine Jackentasche und zog das Heftchen heraus, das Mr. Brooke geschrieben hatte. „Es geht um dieses Werk.“

Der Alte schnaubte. „Nette Bezeichnung für das Ding, Bübchen. Wie gesagt, ich habe kein Interesse.“ Er trat zurück, um die Tür wieder zu schließen, doch William schob flink einen Fuß dazwischen. Der Wolfshund knurrte lauter, bewegte sich langsam auf William zu. Tiere reagierten meist instinktiv freundlich auf Seelenwächter, weil diese mit den vier Elementen und folglich mit der Natur verbunden waren. Der Wolfshund jedoch stellte die Nackenhaare, zeigte seine langen Eckzähne. Mr. Brooke machte dem Tier Platz, als wollte er es auffordern, jederzeit zuzuschlagen.

„Auf einem der Schwerter ist ein Widderwappen abgebildet“, redete William weiter. „Sie schreiben, dass dieses Wappen für die Familie Blair angefertigt wurde. Können Sie mir sagen, wo ich sie finde?“

„Warum willst du das wissen?“

„Weil ich mich selbst für Schmiedekunst interessiere und dieses Wappen einzigartig und wunderschön ist. Ich würde das Schwert gerne kaufen.“

„Ich denke nicht, dass sie es hergeben. Jetzt schwirr ab!“

Wieder wollte Mr. Brooke die Tür vor Williams Nase zuschlagen, doch er stemmte sich mit seinem Körpergewicht dagegen. Ein Fehler, denn in dem Moment stürzte sich der Wolf auf ihn. William sah nur noch etwas Schwarzes auf sich zufliegen. Er riss den Arm hoch, der Wolf verbiss sich in seinem Mantel und krallte sich in seiner Kleidung fest. William stolperte nach hinten und versuchte, das Tier abzuwehren. Die Fänge trieben sich durch den Stoff, bis sie schließlich in seine Muskeln eindrangen. Es brannte wie Feuer. William griff nach dem Nacken des Wolfes, um ihn von sich zu reißen, aber er hing fest, als wäre er mit ihm verwachsen.

Mr. Brooke lehnte sich gegen den Türrahmen und beobachtete das Spektakel gelassen. „Die gute Alexis wird dich rausbegleiten, Bübchen.“

Alexis hieß der Wolf also. Sehr gut. William wich nach hinten und stellte die Gegenwehr ein. Die Wölfin lockerte ihren Biss leider nicht. Mittlerweile brannte Williams Unterarm, als würde ihm die Haut herausgerissen, außerdem waren seine Finger taub. Vermutlich hatte sie ihm einige Nerven durchgebissen. Alexis knurrte, die gelben Augen waren fest auf ihn gerichtet und behielten jede seiner Bewegungen im Blick.

„Ruhig, Alexis. Ich tue dir nichts.“ Er stellte sich in Gedanken ihren Namen vor, sah ihn als goldene große Lettern vor sich schweben. Eine warme, sonnige Energie strahlte von ihnen aus. Eine Energie, die Frieden schenkte und Freundschaft. Eine Energie, von der keine Gefahr drohte. Sobald man den Namen eines Wesens kannte, bekam man ein Stück weit die Möglichkeit, es zu beeinflussen. William hielt sich an diesen sechs Buchstaben fest, stellte sich gedanklich vor, wie er die Wölfin streichelte und beruhigte. Dabei flüsterte er immer wieder ihren Namen, ruhig und sanft. Schmeichelnd. Alexis blinzelte. Ihr Kiefer entspannte sich leicht.

„Sehr gut.“ William legte die Kraft seiner ureigenen Magie in seine Worte, er baute eine Brücke von sich zu der Wölfin und drang so direkt in ihre Seele ein. Es dauerte nur wenige Minuten, bis Alexis endlich ihren Biss lockerte und sich langsam auf dem Boden ablegte. William folgte ihr, kniete sich ebenfalls hin, damit sie beide auf gleicher Höhe blieben. Er wollte sie beruhigen, nicht unterwerfen. Vorsichtig streckte er die freie Hand aus und streichelte sachte ihren Kopf. Sie stockte kurz, fixierte misstrauisch seine Finger, doch sie ließ ihn gewähren.

„So ist’s brav“, sagte William leise. „Gib mich frei.“

Alexis knurrte noch einmal, als wäre sie unschlüssig, was sie tun sollte, aber schließlich lockerte sie ihren Biss. Er stieß erleichtert die Luft aus und kraulte ihr Ohr. Sie schloss die Augen, schmiegte sich gegen seine Hand und ließ sich auf die Seite fallen.

„Wer zum Henker bist du?“, fragte Mr. Brooke, der das ganze Schauspiel vom Türrahmen aus verfolgt hatte.

„Wie gesagt, ich wollte nur kurz mit Ihnen wegen des Schwertes sprechen. Mir liegt nichts ferner, als Ärger zu bekommen.“

Alexis legte eine Pfote über Williams verletzten Arm und nahm ihn in Beschlag. Er unterdrückte einen Schmerzenslaut. Sobald er hier fertig war, würde er Heilsirup benötigen, um den Ritt zurückzuschaffen. In Momenten wie diesen bedauerte er zutiefst, dass er keine Selbstheilungskräfte wie die Seelenwächter der Erde besaß.

„Na schön. Viel kann ich dir jedoch nicht sagen.“ Mr. Brooke drückte sich vom Türrahmen ab und lief langsam zu William. „Das Schwert war die außergewöhnlichste Waffe, die ich je in den Händen halten durfte. Die Klinge war so scharf, dass sie Seide hätte schneiden können, und so leicht, als wäre sie aus Luft. Das Schwert hatte eine Seele, so wahr ich hier stehe. Das Wappen war detailliert ausgearbeitet. Ein Widderschädel mit Verzierungen auf den Hörnern. Die Familie hatte noch mehr dieser Waffen. Eine war schöner als die andere.“

„Wie kann ich zu der Familie Kontakt aufnehmen?“

„Ach, Bübchen, das solltest du besser nicht tun.“ Mr. Brooke pfiff einmal und Alexis erhob sich sofort. Sie schüttelte sich kräftig, leckte einmal über Williams Hand und lief zurück zu ihrem Herrn.

William stand ebenfalls auf und klopfte Blätter von seiner Hose. An seinem Arm fühlte er etwas Warmes herabsickern. Das Blut durchtränkte bereits den Stoff. „Es ist wirklich wichtig, dass ich mit diesen Leuten spreche. Wenn Sie mir sagen könnten, wie ich sie erreiche, bin ich auch schon wieder weg und vergeude nicht länger ihre wertvolle Zeit.“

Mr. Brooke tätschelte Alexis den Kopf, zog eine Zigarettenschachtel aus seiner Hemdtasche. „Auch eine?“

„Nein. Danke.“

Der Alte tastete seine Taschen nach Feuer ab. „Ach, verdammt. Hab schon wieder die Streichhölzer vergessen. Moment.“ Er wandte sich zum Haus.

William vergewisserte sich, dass Mr. Brooke nicht hinsah, bückte sich und hob ein Ästchen auf. Er schnippte gegen das Stück Holz, und sofort flackerte eine kleine Flamme auf. „Warten Sie! Ich habe Feuer.“ Er hielt sein improvisiertes Streichholz hoch. „Das sind … das sind spezielle Naturstreichhölzer. Sehr praktisch.“

„Aha.“ Mr. Brooke drehte sich wieder um und beäugte skeptisch das Stückchen Holz. Er kam näher, zündete die Zigarette an, ohne William auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen.

William betrachtete sehnsüchtig das Feuer und löschte es schließlich. Sobald er zurück zu Hause war, würde er sich einen Ausflug zu seinem Kraftplatz gönnen.

„Also.“ Mr. Brooke nahm einen tiefen Zug seiner Zigarette. „Die Familie lebt zurückgezogen in einem alten Herrenhaus in Schottland. Oben an der Küste. Ich schreib dir die Adresse auf, aber du kannst da nicht mit leeren Händen hin. Jeder Besucher muss ein Geschenk mitbringen, vor allen Dingen, wenn er etwas von ihnen will.“ Er pustete den Rauch aus.

„Das sollte kein Problem sein. Was mögen sie?“ Geld war für die Seelenwächter irrelevant. Jeder in der Gemeinschaft bekam monatlich eine feste Summe auf ein Konto überwiesen. William besaß mehr, als er je ausgeben konnte.

„Ich habe ihnen die Kralle eines Wendigo gebracht.“

„Eines …“ Hatte er richtig gehört? Eines Wendigo? Woher wusste Mr. Brooke, was ein Wendigo ist?

Der Alte lachte leise und nahm einen weiteren Zug. „Ich weiß, dass du kein Mensch bist, Bübchen. Von denen lässt Alexis sich nicht streicheln.“

„Ich bin …“

„Auch kein dämonisches Wesen, denn in dem Falle hätte Alexis dich zerfleischt.“ Er legte den Kopf schräg und betrachtete William. „Schätze, du bist einer dieser Wächter, oder? Die mit den vier Elementen, deshalb hast du auch den Trick mit dem Feuer abgezogen.“

Die meisten übernatürlichen Wesen wussten über die Seelenwächter Bescheid. Sie lebten schon zu lange auf dieser Erde und hatten schon zu viele Dämonen getötet. Jedoch traf William nicht oft auf Menschen, die eingeweiht waren. „Was hat mich verraten?“

„Wenn man weiß, worauf man achten muss, so ziemlich alles. Die Art, wie du sprichst, dein Blick aufs Feuer … und du riechst nach abgebrannter Kohle. Außerdem ist dein Pferdchen da drüben auch kein normaler Vierbeiner.“ Mr. Brooke tippte sich an die Schläfe. „Ich spüre so was, genau wie Alexis. Das Mädchen lässt mich nie im Stich.“

William sah zu dem Wolfshund. Sie saß ein paar Meter von ihnen entfernt und leckte sich die Vorderpfote.

„Na gut. Sie haben recht. Ich bin kein Mensch. Nichtsdestotrotz muss ich mit der Familie Blair sprechen. Sie möchten also die Kralle eines Wendigos?“ So etwas war äußerst schwer zu bekommen. Wendigos waren wolfsähnliche Geschöpfe, mit Herzen aus Eis, die zurückgezogen in den Wäldern lebten und jedweden Kontakt mieden. Zudem waren sie gefährlich: Ihr Biss konnte einen selbst verwandeln, ähnlich wie bei den Werwölfen.

„Nein, damit brauchst du denen nicht mehr zu kommen. Die Kralle haben sie ja schon von mir. Aber sie haben mich beim letzten Mal gefragt, ob ich noch die Locke einer Undine besorgen könnte. Die Hausherrin ist ganz verrückt nach dem Zeug, weil es angeblich eine Wunderkur gegen Falten ist. Ja, ich glaube, damit könntest du sie glücklich machen.“

Das wurde ja immer besser. Undinen waren noch komplizierter zu fangen als ein Wendigo. Außerdem würde William es als Feuerwächter nicht alleine hinbekommen. Das Element der Undinen war das Wasser, und das konnte er nicht einfach so betreten. Er würde Hilfe brauchen. „Nehmen wir an, ich schaffe es, die Locke zu besorgen: Wie kann ich die Familie kontaktieren?“

„Du musst ’ne Nummer anrufen und dich dann mit einem Boten treffen, den sie dir schicken. Dem gibst du dein Geschenk, und wenn es ihnen gefällt, darfst du sie besuchen.“

„Was, wenn nicht?“

„Dann war alle Mühe umsonst und du kannst dich wieder verpissen.“

„Sind Sie sicher, dass es keine andere Möglichkeit gibt? Ich bin …“

Mr. Brooke zog an seiner Zigarette. „Jetzt hör mal zu, Bübchen. Ich habe dir gesagt, was ich weiß. Zisch ab oder ich denke mir doch noch etwas aus, was dir Schmerzen zufügen kann.“

William seufzte. Er könnte natürlich in anderen Bibliotheken nach dem Wappen suchen, vielleicht fand sich ein weiterer Hinweis oder er fand eine Alternative, wie er die Familie kontaktieren konnte. Vielleicht, vielleicht auch nicht. „Sie haben recht. Ich werde sie nicht länger behelligen. Könnten Sie mir netterweise noch die Kontaktnummer aufschreiben?“

Mr. Brooke nahm einen letzten Zug und schnippte die Zigarette weg. Offenbar hatte er keine Angst vor Waldbränden, wobei die Erde so feucht war, dass keine Gefahr bestand. „Ich hole sie. Warte hier.“

William blickte dem Alten nach, der zurück in seine Hütte wackelte. Alexis horchte auf, wirkte für einen Moment unentschlossen, ob sie mit sollte oder nicht. Sie entschied sich dafür, noch einmal zu William zu gehen und stupste ihn mit der Nase an, damit er sie streichelte. Er bückte sich und fuhr der Wölfin über die Ohren. Sein Arm schmerzte von dem Biss, doch er konnte ihr keinen Vorwurf machen. Sie erledigte nur ihren Job.

„Und? Hast du eine Ahnung, wie ich einen Vollidioten davon überzeugen kann, mir zu helfen?“ William würde Jaydee fragen müssen, ob er ihm die Locke einer Undine besorgte. Er war der Einzige in ihrer Familie, der mit dem Element Wasser kompatibel war. Das würde ein Freudenfest werden. Vermutlich würde Jaydee schon aus Prinzip ablehnen. „Ich bin für alle Vorschläge offen.“

Alexis leckte William über das Gesicht. Er lachte und schob sie von sich weg. „Also küssen wollte ich ihn lieber nicht. Danke auch.“

Vielleicht sollte es William tatsächlich mit Freundlichkeit versuchen, aber allein bei dem Gedanken daran, Jaydee um etwas zu bitten, stellten sich ihm die Nackenhaare auf. Vermutlich könnte William einen anderen Wasserwächter fragen. Doch dann müsste er diese Sache offiziell machen. Wenn er sich irrte und diese Spur würde im Sand verlaufen, hätte er umsonst die Zeit der anderen Seelenwächter beansprucht. Es blieb tatsächlich nur Jaydee, wenn er weiterkommen wollte. „Da werde ich wohl über meinen Schatten springen müssen.“

 

 

2. Kapitel

 

Jaydee

 

Ich verließ den schmalen Tunnel, der mich tief unter die Erde geführt hatte, und betrat den Tempel, in dem der Rat der Seelenwächter seinen Sitz hatte. Das war nun das zweite Mal, dass ich hierher eingeladen war, und genau wie bei meinem ersten Besuch schlang sich sofort die Jahrtausende alte Energie, die in diesen Gemäuern wohnte, um mich. Mir wurde schwindelig, als wäre ich aus dem Liegen zu schnell aufgestanden.

Ich nahm mir eine Minute, um mich an dieses Gefühl zu gewöhnen, und gleichzeitig, um dieses beeindruckende Bauwerk zu bewundern. Der Tempel lag tief unter der Erde in einer Höhle auf der kanarischen Insel El Hierro und war etwa so groß wie ein Fußballstadion. Die beiden einzigen Möglichkeiten, ihn zu betreten, führten entweder über einen der vier Gänge, die allerdings nur von den Seelenwächtern benutzt werden konnten, oder durch den schmalen Tunnel, durch den ich eben gekommen war. Nur wer hierher eingeladen wurde, durfte auch eintreten. Im Zentrum stand ein runder Granittisch auf einer kleinen Empore, die vier Ratsmitglieder saßen um ihn herum und blickten zu mir.

„Jaydee Stevens. Da ist er ja endlich.“ Sorajas Stimme troff vor Verachtung, als sie sich umdrehte. Schön, dass sie sich nicht mal die Mühe machte, ihre Missachtung für mich zu verbergen. Seelenwächter, die dem Element Wasser zugeordnet waren, trugen ihr Herz auf der Zunge, und da Soraja eine der ältesten lebenden Wasserwächterinnen war, hatte sie das Wörtchen „Offenheit“ quasi erfunden.

Ich durchquerte den Tempel in Richtung Zentrum. Meine Schritte hallten von den Wänden zurück, was das Gefühl der Größe dieses Ortes nur verstärkte. Die einzige Lichtquelle war die Sonne, deren Schein sich durch ein verschnörkeltes Mosaik in den Oberlichtern brach und so ein diffuses Schimmern erzeugte. Auf dem Steinboden war ebenfalls ein Muster eingelassen, das fast den kompletten Boden bedeckte. Zwei übereinanderliegende Achten in den Farben rot, grün, blau, weiß. Die Farben der vier Elemente, vereint in einem Unendlichkeitssymbol. Fehlte eigentlich nur noch etwas mystischer Nebel und eine musikalische Untermalung.

Ich blieb direkt neben Soraja stehen und blickte in die Runde. Da saßen sie: Ilai, Kirian, Logan und Soraja. Feuer, Luft, Erde und Wasser. Auf dem Tisch lagen die Unterlagen verstreut. Zettel mit Notizen, Bilder von den Goldkettchen, die Joanne verwendet hatte, um Akil, Anna und Will mit einem Zauber ins Krankenhaus zu befördern.

Soraja lehnte sich im Stuhl zurück und schlug die Beine elegant übereinander. Ihre hellbraunen Haare hatte sie zu einem grotesken Gebilde aus Zöpfen hochgesteckt, in die Muscheln eingeflochten waren. Es erinnerte mich eher an ein Möwennest nach einem Sturm als an eine Frisur, aber vielleicht war das ja gerade der neueste Schrei. Was wusste ich schon? Sie trug ein langes blaues Kleid, das aus mehreren Stoffschichten bestand, die so geschickt übereinandergelegt waren, dass die Falten, die dadurch entstanden, wie Wellen aussahen und bei jeder ihrer Bewegungen hin und her schwappten. Eine sanfte Brise aus frischer Seeluft wehte von ihr zu mir hoch.

Die Seelenwächter rochen alle unterschiedlich und waren für mich anhand ihrer Nuancen leicht auseinanderzuhalten. So wusste ich sofort, mit was für einem Element ich es zu tun hatte. Sie legte einen Arm über die Lehne und musterte mich von oben bis unten. Ich trug, wie meistens, dunkle Jeans und ein Shirt. Darüber eine Kapuzenjacke, auf der noch die letzten Reste der Eisschicht von der Reise zwischen den Welten hafteten.

„Ihr habt mich gerufen“, sagte ich.

„So ist es.“ Soraja streckte mir ihre Hand hin. An ihrem Gelenk baumelten goldene Armreife, an ihrem Mittelfinger steckte der Ring des Elements Wasser: ein reiner Diamant geformt als Tropfen und gleichzeitig das Symbol, das Soraja als Ratsmitglied auswies.