Die Chroniken der Seelenwächter - Verlorene Mächte (Die komplette 1. Staffel) - Nicole Böhm - E-Book

Die Chroniken der Seelenwächter - Verlorene Mächte (Die komplette 1. Staffel) E-Book

Nicole Böhm

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Beschreibung

Die komplette 1. Staffel der Erfolgsserie. Die Chroniken der Seelenwächter: Verlorene Mächte. Ein Vermächtnis aus tiefster Vergangenheit stürzt das Leben von Jess ins Chaos. Als ein magisches Ritual anders endet, als erwartet, wird sie nicht nur mit den gefährlichen Schattendämonen konfrontiert, auch die geheime Loge der Seelenwächter greift in ihr Leben ein. Als wäre das nicht genug, scheint ihre Familiengeschichte direkt mit dem ewigen Kampf zwischen Licht und Schatten verknüpft.

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Table of Contents

* Die Suche beginnt

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

* Schicksalsfäden

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

* Schatten der Vergangenheit

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

* Blutsbande

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

* Die Prophezeiung

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

* Spiel mit dem Feuer

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

* Tod aus dem Feuer

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

* Machtkämpfe

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

* Zwischen den Fronten

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

* Liebe vs Vernunft

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

* Bruderkampf

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

* Die Erlösung

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

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36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

Vorschau

* Impressum

Die Chroniken der Seelenwächter

I

* Die Suche beginnt

von Nicole Böhm

 

 

 

 

Die Suche beginnt

Für meinen Mann Andreas,

der meine Worte das Laufen lehrte.

 

Und für Sarah,

die Jaydee aus meiner Gefangenschaft befreite.

1.Kapitel

 

Jaydee

 

Ich rannte durch den Park. Der Kies knirschte unter meinen Stiefeln, das Adrenalin peitschte in meinen Adern und schwemmte meine Hemmschwelle davon. Mein Blut war in Aufruhr wie die See bei einem Orkan. Ich atmete ein, schwelgte in Euphorie, Vorfreude, der Gewissheit, dass mir nichts und niemand entkommen konnte. Der Jäger kontrollierte mich längst und stärkte meine Sinne. Ich hörte die Käfer im Gras kriechen, roch den süßlich-herben Duft der Akazienbäume, spürte das Prickeln des Morgens auf meiner Haut. Es gab mir mit jedem Atemzug, mit jedem Herzschlag neue Kraft. Für die Zeit der Jagd fühlte ich mich lebendig; frei, als wäre es genau das, wofür ich erschaffen wurde.

Ich sah zum Himmel. In etwa einer Stunde löste der Tag die Nacht ab, und in den Morgenstunden war der Park bei Joggern besonders beliebt. Wenn ich ungestört mit meiner Beute bleiben wollte, sollte ich mich beeilen.

Eine Duftnote streifte mich wie die Berührung einer Frau in einer Bar; scheu, aber mit der festen Absicht, mich in ihr Territorium zu locken. Ich stoppte, blickte zur Eiche, die einsam auf einer Wiese thronte. Oh bitte, sie hatte sich nicht ernsthaft hinter diesem Baum versteckt. Ich hasse dumme Beute. Das war wie Sex ohne Höhepunkt: absolute Zeitverschwendung.

Ich bog vom Weg ab und schlich über die Wiese, die nach Morgentau duftete. Die Beleuchtung reichte nicht aus, um diesen Teil aufzuhellen, was nichts machte, denn selbst im Halbdunkel erkannte ich noch die Adern der Blätter an den Bäumen, die Ameisen, die durchs Gras wuselten oder die Läuse in den Büschen. Der Geruch meiner Beute wurde intensiver, je näher ich der Eiche kam. Sie saß tatsächlich dahinter und glaubte, sich verstecken zu können. Unfassbar. Ich legte eine Hand auf den Baumstamm, ließ meine Fingerspitzen über das Holz gleiten. Auf der Jagd zog ich stets fingerlose Lederhandschuhe an, damit ich die Energie der Dinge, die ich anfasste, direkt aufnehmen konnte. Ich sog die Stärke des Baumes in mich, während ich ihn umrundete. Vor meinem geistigen Auge sah ich die Pärchen, die unter seinen Ästen Schatten gesucht hatten; Studenten, die schwatzten, lernten, plauderten, stritten. Und schließlich sah ich meine Beute, die hinter der Eiche kauerte und mich anstarrte. Sie schnaufte schwer. Einige blonde Strähnen hatten sich aus ihrem Zopf gelöst und klebten feucht in ihrem Gesicht. Ich hatte sie in der letzten Stunde vom Restaurant am See einmal quer durch den Park und bis an ihre Grenzen getrieben. Ihre Haut schimmerte blass im kargen Mondlicht. Ich schätzte, sie war um die zwanzig. Sie trug Sportkleidung, als käme sie gerade vom Joggen. Nette Tarnung, doch die würde ihr nichts nützen. Sie krallte die Nägel in die Rinde und erkannte, was für ein schlechtes Versteck sie sich gesucht hatte. Sie würde keine Gelegenheit haben, aus ihrem Fehler zu lernen.

»Was … was willst du von mir?« Ernsthaft? Sie fragte, was ich von ihr wollte? Ihre Stimme klang sanft, weinerlich; die letzten Versuche, mich weichzuklopfen. Sie kramte hektisch in ihren Taschen, zog ein paar Scheine hervor. »Hier, nimm. Das ist alles, was ich bei mir habe. Warte! Den kannst du auch haben.« Sie riss einen Ring vom Finger und warf ihn mir ebenfalls vor die Füße, während sie langsam vor mir zurückwich.

Erbärmlich, wie sie um ihr Leben feilschte. Ich ging langsam auf sie zu. Sämtliche Farbe wich aus ihrem Gesicht, als sie merkte, dass ich nicht auf ihr Geheule einging. Sie musterte mich, ihr Blick blieb in meinem Schritt haften. Jetzt machte sie sich wirklich lächerlich. Ich hatte mich noch nie einer Frau aufgedrängt und gewiss nicht vor, heute damit anzufangen. Ich folgte ihr im gleichen Tempo, in dem sie vor mir davonschlich.

Sie wurde blass vor Panik. »Hilfe! Feuer!«

»Feuer? Im Ernst?« Die Unfähigkeit meiner Beute verdarb mir den Geschmack an der Jagd. Ich sollte es rasch beenden, anstatt weiter mit ihr zu spielen.

»Ich werde überfallen. HILFE!« Sie drehte sich um, wollte abhauen, aber ich war schneller, packte ihren Pferdeschwanz und zerrte sie mit einem kräftigen Ruck von den Füßen. Sie schrie auf, knallte mit dem Rücken auf die Wiese und hustete sich die Lunge aus dem Leib. Was für eine Theatralik. Breitbeinig stellte ich mich über sie und ließ mich gemächlich auf ihr nieder. Sie wimmerte. Wirklich schade, dass ich nichts für Dramen übrig hatte.

»Du könntest deinen Spaß mit mir haben und mich gehen lassen. Ich schreie auch nicht. Versprochen.«

Ich schluckte den Zorn hinunter und klemmte ihre Hände mit den Knien fest. Wenn sie noch einmal mit diesem Thema anfing, würde ich ihr die Zunge herausschneiden. Ich beugte mich nach vorne, berührte mit der Nasenspitze fast ihre Haut. Jetzt roch sie nach Schweiß und Angst. Gut so. Ich strich mit dem Zeigefinger über ihre Wange. Es kribbelte auf meiner Haut, als mich ihre Emotionen trafen: Eine Träne kullerte ihre Wange hinab. Ich strich sie mit dem Daumen weg, suchte in den Abgründen meiner Seele nach etwas wie Mitleid für sie. Ich fand es nicht.

»Wie heißt du?«

»Jo … Joanne.«

»Mhm, ein guter Name. Weißt du, was er bedeutet, Joanne?«

Sie schüttelte den Kopf.

Ich beugte mich nach vorne, strich mit meinen Lippen über ihr Ohr und flüsterte: »Es bedeutet, dass Gott dir gnädig ist. Ziemlich paradox, findest du nicht?«

Sie atmete hektischer. Ihr Brustkorb drückte gegen meine Beine. »Lass mich bitte gehen. Ich hab dir doch nichts getan.«

Mir nicht, das stimmte. Ich griff in meinen Stiefel und zog den Dolch aus seiner Halterung. Sie versuchte, sich zu befreien, wand sich, schrie. Ich verpasste ihr eine Ohrfeige, der kurze Adrenalinkick, den ich dadurch bekam, war berauschend. Es war so überaus befriedigend, anderen Leid zuzufügen. Und so überaus verboten.

»Bitte nicht.« Ihre Stimme brach in ein gequältes Flüstern. Ich strich ihr mit der Klinge über die Wange bis hinunter zu ihrer Kehle. Der Puls jagte unter ihrer Haut, ich hörte jeden einzelnen Herzschlag. Bawumm, Bawumm … Ein Zeichen für das Leben in ihr, obwohl es widersprüchlich war. Ich setzte mein Messer direkt auf ihren Kehlkopf.

»Ich habe Geld. Viel Geld. Ich könnte dafür sorgen, dass du …«

Ich knallte ihr den Griff des Messers auf die Nase. Sie schnappte nach Luft, schluckte hektisch, als ihr das Blut in den Rachen lief. Wenn ich könnte, würde ich stundenlang so weitermachen. Ich drückte die Dolchspitze erneut auf ihren Kehlkopf.

Joanne wimmerte. »Ich bin zu jung zum Sterben.«

»Du bist doch schon längst tot.« Gerade als ich den Schnitt ansetzen wollte, hörte ich Schritte auf mich zukommen. Sekunden später blickte ich in das grelle Licht einer Taschenlampe.

»Gehen Sie von der Frau runter!« Ein Parkwächter stand vor mir und hielt eine Glock auf mich gerichtet. Mist, ich hätte mir ein ruhigeres Plätzchen suchen sollen.

»HILFE! Bitte helfen Sie mir«, schrie Joanne, versuchte den Kopf zu drehen, um den Parkwächter anzublicken.

»Keine Sorge, Miss, okay? Es wird Ihnen nichts geschehen.«

Ich blickte knapp neben dem Strahl der Lampe vorbei. Der Wachmann streckte die Schultern durch, was dazu führte, dass sein fetter Bauch über den Hosenbund quoll. In der Silhouette sah er aus wie eine Boje, und er zitterte so heftig, als würde er tatsächlich auf dem Meer treiben.

»Sie la-sse … sie lassen sofort die Frau los.«

»Sonst was? Erschießt du mich? Hast du überhaupt eine Patrone im Lauf?«

Der Wachmann fummelte am Schlitten seiner Glock, versuchte ihn zurückzuziehen, um die Kugel zu laden. Was für ein Idiot.

»Ich zähle bis drei. Eins …«

Ich hörte ein metallenes Klacken, als die Patrone in den Lauf glitt. Immerhin hatte er das hinbekommen. Mal sehen, ob er auch mit der Waffe umgehen konnte.

»Zwei …«

War ich schnell genug, Joanne zu töten und den Wachmann aufzuhalten?

»D-d-drei.«

Ich knurrte und drückte die Klinge tiefer in Joannes Haut. Sie schrie. In dem Moment fiel der erste Schuss. Ich duckte mich, fühlte einen beißenden Schmerz an der Schulter. Der Idiot hatte mich tatsächlich getroffen. Warmes Blut sickerte aus der Wunde, aber mein Körper würde gleich heilen. Joanne riss ein Knie hoch, rammte es mir mit Wucht in die Weichteile. Ich fluchte und taumelte. Die Mistkröte hatte Kraft.

Sie rollte sich unter mir weg, ich griff nach ihr, da feuerte der Wachmann ein zweites Mal. Diesmal zischte die Kugel haarscharf an meinem Kopf vorbei. Ich ließ Joanne abhauen, warf mich mit einem Satz auf den Wachmann und landete in einem Pool aus Angst. Sie war so stark in ihm, dass sie alle anderen Gefühle überdeckte und ich aufpassen musste, nicht selbst davon beeinflusst zu werden. Er landete auf dem Rücken, ich direkt neben ihm in der Hocke. Während Joanne wie ein Hase auf der Flucht über die Wiese raste, rollte der Wachmann herum und zog seinen Schlagstock vom Gürtel. Ich duckte mich, sein Hieb ging ins Leere.

»Jetzt hab ich echt die Faxen dicke«, sagte ich, nahm ihm den Schlagstock weg und drosch ihm damit auf die Lippen.

Er schrie auf, griff an seinen Mund, versuchte die Blutung zu stillen.

»Wie heißt du?«

Mit der freien Hand fuhr er an sein Funkgerät. Bevor er die erste Taste drücken konnte, riss ich ihm das Ding aus den Knubbelfingern und zerrte ihn in die Höhe. Er stank nach Knoblauch und Zigaretten. Ich versuchte es zu ignorieren, verdrehte den Arm auf seinem Rücken, damit er sich nicht mehr wehren konnte. Er keuchte auf. Der Schweiß rann ihm den Nacken hinab, sein Hemd wurde patschnass.

»Also noch mal: Wie heißt du?«

»Edward. Edward Shoemaker.«

»Okay, Edward Shoemaker, das läuft folgendermaßen: Ich werde deine Erinnerung an dieses schöne Ereignis löschen, du gehst nach Hause zu deiner Frau. Du hast doch eine Frau, oder trägst du den Ring nur zur Deko?«

Er schüttelte den Kopf, dann nickte er. »Ich habe eine Frau.«

Ich beugte mich näher zu ihm, griff in den Beutel in meiner Jackentasche und nahm eine Handvoll Federnstaub heraus.

»Sieh mich an!«, blaffte ich. Er reagierte mehr aus Reflex denn aus Überlegung. Ich pustete ihm den Staub ins Gesicht und strich mit den Fingern über seine Hand, um meine Suggestion zu verstärken. »Geh nach Hause. Erzähl deiner Holden, dass du dir heute Nacht eine Schlägerei mit Jugendlichen geliefert und dabei eine abbekommen hast. Trag’ so dick wie nötig auf, beeindrucke sie. Danach habt ihr beide euren Spaß und du fühlst dich gigantisch dabei. Du hast für Recht und Ordnung gesorgt. Du bist ein Held, Kumpel.« Sein Widerstand bröckelte. Die Muskeln lockerten sich. Der Federnstaub entfaltete seine Wirkung. »Hast du alles verstanden?«

Er nickte so heftig, dass sein Schwabbelkinn Wellen schlug. Ich klopfte ihm auf die Schulter, schickte ihm mit meiner Berührung Ruhe und Vertrauen. Emotionen flossen immer in zwei Richtungen. Ich konnte geben und nehmen. »So ist’s brav.« Ich ließ ihn los und hob meinen Dolch auf. »Ach ja, lass die Qualmerei und such dir ’nen anderen Job. Beides wird dich frühzeitig ins Grab befördern.«

Ich wandte mich ab und folgte der Spur von Joanne. Im Laufen steckte ich den Dolch zurück in meinen Stiefel. Ich hatte dem Jäger ein Opfer versprochen. Er sollte es bekommen.

2. Kapitel

 

Jessamine

 

Mit einem Rums fiel die Tür hinter mir ins Schloss. Das Echo hallte von den hohen Wänden, wie ein Dutzend Kanonenschüsse. Ich japste und zog automatisch den Kopf ein, als könnte mich das Geräusch umnieten. Hastig bekreuzigte ich mich, obwohl ich nicht einmal gläubig war. Aber schaden konnte es nicht, immerhin war ich in die Spukkirche eingebrochen, die seit Jahren leer stand und in die sich höchstens noch Ungeziefer oder arme Irre verirrten. So wie ich …

Einige Sekunden später herrschte wieder Stille.

Fast.

Der Wind pfiff durch die zahlreichen Löcher in der Decke, in den Ecken raschelte es. Vermutlich von den Mäusen, die eilig ein Plätzchen suchten, um sich zu verstecken. Ich hätte mich am liebsten mit ihnen verkrochen, aber jetzt war ich hier und würde das durchziehen.

Ich drehte mich noch einmal zur Tür, drückte die Klinke, nur um sicherzugehen, dass ich nicht eingesperrt war. Sie ließ sich öffnen. Natürlich. Die Kirche war schließlich kein Gefängnis. Nur ein Ort, der Menschen in den Wahnsinn treibt. Das Metall der Klinke schmiegte sich kalt gegen meine Haut. Meine Finger schlossen sich fester um den Griff, als wäre er mein letzter Anker in die Realität. Noch war es nicht zu spät. Noch konnte ich umkehren, ohne Schaden angerichtet zu haben. Bei der Menge des Schlafmittels, das ich Violet in den Tee geschüttet hatte, schlummerte sie ganz sicher noch, und Ariadne weckte nicht mal eine Marschkappelle, die vor ihrem Fenster für das nächste Konzert probte. Ich drückte die Tür einen Spalt auf. Der Duft nach Moder und Staub wehte mir entgegen. Es war ganz einfach. Ich laufe durch den Gang zurück, verlasse das Gebäude übers Büro, nehme wieder ein Taxi und fahre nach Hause.

»Nach Hause.« Die Worte schmeckten schal, wie abgelutschter Kaugummi. Es war kein Zuhause mehr, nachdem, was Ariadne getan hatte. Ich ließ die Klinke los, drehte mich um und lief tiefer in die Kirche.

Der Schutt knirschte unter meinen Stiefeln. Ein tröstliches Geräusch; so als wäre ich nicht mutterseelenallein, sondern in Begleitung hier. Der Vollmond spitzelte durch die Löcher im Dach. Sein Schein genügte nicht, damit ich etwas erkennen konnte, also zog ich die Taschenlampe aus der Seitentasche meines Rucksacks und knipste sie an. Staubpartikel tanzten im Strahl meiner Lampe wie Konfetti. Ich leuchtete in die Dunkelheit, scannte die Wände, den Boden, die Rundbögen. Das künstliche Licht wirkte wie ein Störenfried, der einen mitten in der Nacht aus dem Bett schmiss und die Festbeleuchtung anknipste. Die Statuen und alle heiligen Insignien waren entfernt worden, die Kirche entweiht. Das Gemäuer war wie ein ausgeweidetes Tier, das man zum Verrotten zurückgelassen hatte.

Dort, wo der Brandherd gewesen war, klebte Ruß an den Wänden. An einer Stelle waren die Marmorfließen im Boden gesplittert, wie Hitzerisse in einer ausgedörrten Wüste. Hier war es wohl geschehen. Hier musste die Statue umgefallen sein, die den Pfarrer unter sich begraben und getötet hatte. Ich konnte mich noch gut an den Brand erinnern, obwohl ich erst neun Jahre alt gewesen war. Meine Mum war danach zu Tode erschüttert gewesen. Sie hatte den Pfarrer gekannt und war mit mir, als ich klein war, einige Male in seinem Gottesdienst gewesen.

Mich schüttelte es trotz der Bullenhitze. Ich atmete tief ein. Statt nach verbranntem Fleisch und Tod roch es mittlerweile nach Dreck und Staub. Der Duft, der alten Gebäuden anhaftete, in die sich keine Menschenseele mehr verirrte. Nicht, nachdem ein Penner kurz nach dem Brand hier übernachtet hatte. Am nächsten Morgen war er nackt über die Straßen gerannt und hatte behauptet, der Geist des Pfarrers würde ihn verfolgen. Der Alte saß immer noch in der Geschlossenen. Armer törichter Mann. Oder arme törichte Jess. Je nachdem, wie das heute ablief, könnte ich ihm bald Gesellschaft leisten. Was für eine tolle Schlagzeile für die morgige Ausgabe der Morning News: Spuk-Kirche fordert nächstes Opfer.

Verwirrt und offenbar nicht bei Verstand: 18-Jährige nach Geisterbeschwörung von Polizei auf Straße aufgegriffen. Zerrüttete Familienverhältnisse als Auslöser? Alle Hintergründe auf Seite 3.

Ich biss auf meine Unterlippe, bis der Schmerz meine Gedanken zur Ruhe zwang. Geister und Dämonen. Es wäre wesentlich einfacher, wenn ich wüsste, dass diese Wesen nicht existierten, dass der Penner sich das nur ausgedacht hatte; aber ich lebte mit einem dieser Wesen Seite an Seite, denn meine beste Freundin Violet war eine von ihnen.

Etwas Graues flitzte von rechts nach links. Ich machte einen Hüpfer, mein Schuh verhedderte sich zwischen zwei Holzlatten und ich landete beinahe im Schutt.

»Herrgott noch eins. Reiß dich zusammen!« Das waren nur Ratten. Wie ich sie tagtäglich im Wald sah. Keine Monster, Ungeheuer oder sonst etwas. Ich befreite meinen Fuß aus dem Unrat und ging weiter zu dem Platz, an dem früher der Altar gestanden hatte. Die Ränder und Einkerbungen waren noch deutlich zu erkennen.

Ich kniete mich in die Mitte und öffnete die Sporttasche. Nacheinander räumte ich erst die Kerzen, dann das Stück Kreide, die Holzkohle, die Feder und die Myrrhe aus der Tasche. Meine Bewegungen liefen so mechanisch ab, als hätte ich sie tausendfach einstudiert, aber das hatte ich nicht. Das Ritual hatte mir eine Hexe aus England zusammengestellt, die ich in einem Internetforum kennengelernt hatte. Sie versprach, es würde funktionieren, wenn ich mich genau an ihre Anweisungen hielte. Also würde ich das tun. Entweder führte es mich zum Ziel oder in den Abgrund, wie Violet es prophezeit hatte.

Meine Zunge klebte pelzig am Gaumen, von meiner Stirn tropften die Schweißperlen. Hätte ich auf Violet hören sollen? Immerhin war sie mein Schutzgeist. Meine Fylgja, die meine Aura abdeckte. Von meiner Mum kurz nach meiner Geburt gerufen und in einen menschlichen Körper gebannt, damit sie an meiner Seite aufwachsen und über mich wachen konnte.

»Du leuchtest wie der Abendstern, Jess«, sagte Violet zu mir, als ich sie fragte, warum das nötig war. »Es gibt Wesen da draußen, die sich von diesem Strahlen angezogen fühlen, daher dämme ich es ein.«

Das mochte alles so stimmen, aber heute hätte ich nicht meine Fylgja, sondern meine Freundin gebraucht. Für eine Nacht hätte sie ihre Kontrollsucht zurückstellen können. Für eine Nacht hätte sie mal unvernünftig sein können. Ich legte den Kopf in den Nacken.

Nein hätte sie nicht.

Violet war, was sie war, und sie konnte genauso wenig aus ihrer Haut wie ich. Ich schloss die Augen. Wie hatte Mum früher zu mir gesagt, wenn ich mich im Wald verirrt hatte: Wenn du nicht weiter weißt, gehe dorthin zurück, wo du hergekommen bist.

Also gut. Zurück zum Anfang: Warum war ich hier? Weil ich den Geist von Pfarrer Stevens beschwören wollte.

Wieso? Vor einigen Wochen fand ich, nach einem Wasserrohrbruch im Büro, einen Brief von Pfarrer Stevens, den er, einen Monat vor Mums Verschwinden, an sie geschickt hatte. Außerdem lag ein USB-Stick in dem Umschlag. In seinem Schreiben bat er Mum, keine Dummheiten zu machen, sondern mir die Wahrheit zu sagen. Über was oder wen, erwähnte er leider nicht. Und dann war Mum fort. Sie hatte uns verlassen; ohne Abschied, ohne Nachricht - ohne alles.

Was waren die Alternativen? Es gab keine. Die einzige, die etwas über den Brief oder die Dateien auf dem Stick wissen könnte, war Ariadne, mein Vormund. Sie hatte Mum besser als jeder andere gekannt. Stattdessen hatte Ariadne die Sachen verbrannt und gesagt, ich müsse das alles endlich hinter mir lassen und weiterleben. Immerhin hatten wir Mum jahrelang vergeblich gesucht. Vielleicht war sie schon gar nicht mehr am Leben.

Ein Kribbeln durchfuhr mich, zusammen mit diesem wohligen Gefühl, das einen befiel, wenn man begriffen hatte, wie es weiterging. Ich nickte, auch wenn niemand hier war, der es sehen konnte und öffnete die Augen. »Los geht’s.«

Eine halbe Stunde später war alles vorbereitet. Die Kerzen waren in einem Kreis rings um den ehemaligen Altar aufgestellt, das Pentagramm mit Kreide auf den Boden gemalt. An jeder der fünf Ecken stand je ein Gegenstand: eine Schale mit Myrrhe, eine Feder, ein Glas mit geweihtem Wasser und ein Topf mit Erde. Auf der Spitze des Pentagramms stand der Kelch, der mein Blut auffangen sollte; der Part, vor dem mir am meisten graute.

Ich öffnete meinen Rucksack und holte das letzte Utensil für die Beschwörung aus der Tasche: einen Silberdolch. Ariadne hatte die Waffe unter Mums Kopfkissen gefunden am Tag, als Mum aus der Klinik verschwunden war. Der Dolch war das einzige, was sie uns hinterlassen hatte. Erst dachten wir an ein Verbrechen, aber es hatte weder Anzeichen eines Kampfes noch sonstige Hinweise gegeben. Das Zimmer sah aus, als wäre sie zu einem Spaziergang aufgebrochen. Ariadne hatte den Dolch eingesteckt, bevor die Polizei hinzugeschaltet worden war, und ein paar Monate später schenkte sie ihn mir. Jetzt war er meine letzte Verbindung zu Mum. Er war bei ihr gewesen, als sie verschwand. Er hatte sie gesehen, er war im gleichen Raum gewesen wie sie. Er war mein Zeuge, obwohl er nur ein Gegenstand war. Albern irgendwie, aber in den letzten Jahren hatte mich dieser Gedanke getröstet. Es erschien mir passend, den Dolch bei dem Ritual zu verwenden.

Vorsichtig zog ich ihn aus seiner Scheide. Das Metall schimmerte silbern. Filigrane Linien zogen sich über den Griff, die sich in einem symmetrischen Muster auf der Klinge fortsetzten. Als Ariadne ihn mir geschenkt hatte, begann ich sofort, das Internet zu durchforsten, um herauszufinden, woher der Dolch war oder was die Linien und Muster symbolisierten. Ariadne hatte Kontakt mit einem Waffenexperten in der Schweiz für mich hergestellt. In gebrochenem Englisch und mit einigen Bildern hatten wir uns recht gut verständigen können. Er hatte den Dolch einigen Kollegen gezeigt, aber niemand wusste etwas über die Waffe. Schließlich gab ich es auf.

Ich kniete mich vor das Pentagramm, setzte die Schneide auf meine Handinnenfläche und atmete hörbar aus. Mein Puls hämmerte, meine Hände wurden schwitzig. Was, wenn ich zu tief schnitt? Eine Sehne verletzte und es immer weiter blutete?

Was, wenn ich aufhöre, so eine Memme zu sein? Ich kniff die Augen zusammen, drehte den Kopf und zog die Klinge mit einem Ruck durch. »Au, verdammt!« Das schmerzte eindeutig mehr, als ich erwartet hatte. Ich saugte die Luft zwischen meinen zusammengepressten Zähnen ein, während ich meine Finger zur Faust ballte, damit mein Blut in den Kelch tropfen konnte.

»Ich rufe die Geister dieser und der nächsten Welt. Nehmt mein Blut als Opfer und bringt mir Mikael Bartholomäus Stevens.«

Die Worte wiederholte ich erst leise, dann lauter und schneller. Meine Stimme hallte von den hohen Wänden, vermehrte sich in den Gemäuern, bis aus einer Stimme viele wurden. Ich sprach den Satz wieder und wieder. Jedes Mal schneller, jedes Mal lauter. Die Kerzen flackerten, als wollten sie in meinen Singsang einstimmen. Bald war meine Stimme überall. In den Wänden, der Decke, auf meiner Haut. Ich sprach die Worte ein letztes Mal und verstummte. Alle Kerzen erloschen gleichzeitig mit einem Puff. Hastig griff ich nach einem Taschentuch und drückte es auf die Wunde, um die Blutung zu stillen. Der Schnitt pulsierte im Rhythmus meines Herzschlags – schnell und hektisch. Ich ließ mich auf die Fersen sinken und starrte gebannt auf das Pentagramm. Jetzt hieß es warten.

 

Nach zehn Minuten waren meine Füße eingeschlafen. Ich verlagerte meine Position, meine Knie knackten erbost, als ich sie ausstrecke. Ich massierte meine Muskeln, betrachtete den Schnitt auf meiner Hand. Vermutlich hätte ich Desinfektionsspray mitnehmen sollen. Wer weiß, wie viel Keime an der Klinge hafteten. Wenigstens hatte es aufgehört zu bluten.

Ich zog die Beine zum Schneidersitz, nahm die Baseballmütze ab, band meine Haare noch mal zum Pferdeschwanz und wartete.

Und wartete …

Und wartete …

Nach weiteren dreißig Minuten unterdrückte ich ein Gähnen. Mein Körper fühlte sich an, als wäre sämtliches Blut in den Adern gestaut. Der Schweiß lief mir den Rücken hinunter und pappte mein Shirt an die Haut. Wie lange brauchte ein Geist, bis er den Weg zur Erde fand? Hatte ich etwas falsch gemacht? Dabei war ich so penibel mit allem gewesen. Vielleicht war meine vermeintliche Hexe gar keine Hexe und sie hatte sich einen Spaß erlaubt. Das wär’s noch. Die ganze Aktion, damit sich jemand auf der anderen Seite des Atlantiks gehörig einen ins Fäustchen lachen konnte.

Ich kniff mir in den Nasenrücken. Mein Schädel pochte. Die Erschöpfung und Müdigkeit zogen an mir wie die Wellen am Treibgut. Es wurde stetig heller in der Kirche, und die ersten Vöglein zwitscherten. Ich sollte bald nach Hause. Weiß der Geier, ob das Schlafmittel bei Violet noch wirkte oder ob sie auf dem Weg hierher war. Oh, ich sah es genau vor mir: Sie würde aufwachen, spüren, dass ich nicht mehr im Haus war und mich sofort orten. Dann dauerte es sicher nur noch Sekunden, bis sie sich hierher teleportierte und mir derart die Hölle heißmachen würde, bis ich nicht mehr wusste, wie ich hieß.

Ein Luftzug streifte mich im Nacken, ich fuhr herum. »Violet?«

Ich richtete mich auf, kniff die Augen zusammen, um in dem Halbdunkel mehr zu erkennen.

Außer Steinen, Schutt und Dreck war niemand da.

»Vi?«, fragte ich noch mal. Oder war das der Pfarrer? Vielleicht wollte er mir Angst einjagen, weil ich seine Ruhe störte, sein Haus entweihte, indem ich ein heidnisches Ritual abhielt.

Da drüben!

War da etwas gehuscht? »Hallo?«

Als Antwort hallte nur meine Stimme von den Wänden.

»Pfarrer Stevens?«

Als Kind fand ich es lustig, durch Gebäude mit Echo zu laufen und meinen Namen zu rufen. Im Moment konnte ich nicht darüber lachen. Ich schluckte, aber mein Mund war so trocken, dass mir die Zunge am Gaumen festpappte.

Ich öffnete die Lippen, wollte zum Sprechen ansetzen, ohne genau zu wissen, was ich sagen sollte. Auf einmal hämmerte es gegen eine der zahlreichen Seitentüren. Ich schrie auf. Heilige Maria Muttergottes, mein Nervenkostüm würde mir diese Nacht nie verzeihen.

Es klopfte erneut. Härter diesmal.

Geister klopften nicht an Türen. Und Violet erst recht nicht.

»Hilfe. Ist jemand da?«, rief eine Frau von draußen. Ihre Stimme klang nasal und brüchig, als hätte sie Schnupfen. »Ich wurde überfallen! Hilfe!«

Ach herrje.

Ich sprang auf und rannte so schnell ich konnte zu der Seitentür, von der die Stimme kam. »Hallo?«, rief ich und rüttelte gleichzeitig an der Klinke. Abgeschlossen.

»Oh, zum Glück ist jemand da«, rief die Frau von draußen. »Bitte, hilf mir.« Sie trommelte wieder gegen die Tür. »Dieser Kerl. Er ist mir auf den Fersen. Lass mich rein!«

Ich rüttelte erneut an der Klinke. »Ich bekomm sie nicht auf. Warte.« Ich zog mein Handy aus der Hosentasche. Der Balken für den Empfang stand bei null. »Ich muss nach draußen, von da kann ich Hilfe rufen.«

»Nein. Bitte nicht. Lass mich nicht allein.«

»Aber ich kann die Tür nicht von hier drinnen öffnen. Du musst um die Kirche herumgehen. Bis zur Rückseite. Da gibt es einen Eingang in den Garten und von da kommst du ins Büro. Die Tür steht offen. Ich laufe dir entgegen.«

Ich wollte schon gehen, doch es war auf einmal verdächtig ruhig draußen. Ich wandte mich der Tür zu. »Bist du noch da?«

»Ja. Ich … ich habe Angst. Wenn der Kerl mich findet …« Sie schniefte. »Ich glaube, meine Nase ist gebrochen.«

Deshalb klang sie so nasal. Ich legte meine Hand flach auf die Tür. Reden. Ich musste mit ihr reden. Sie irgendwie dazu bringen, mir zu vertrauen. Und vor allem, sich in Bewegung zu setzen. »Wie heißt du?«

»Joanne. Oh Gott, ich hätte nicht um diese Uhrzeit in den Park gehen …« Sie japste erschrocken auf. »Ich höre Schritte. I-ich glaube, es ist dieser Kerl.«

Oh nein, bitte nicht. »Lauf irgendwohin. Du musst dich verstecken.« Ich brauchte einen Hebel. »Moment.« Ich rannte ein Stück in die Kirche hinein, suchte den Schutt und Unrat nach etwas Brauchbarem ab.

»HILFE.«

Ihr Schrei ging mir durch Mark und Bein. Hier musste doch irgendetwas sein, mit dem ich die Tür aufbekam. Ich wuselte hektisch umher und fand schließlich ein altes, verbogenes Brecheisen. Ich hob es auf, raste zurück zur Tür und verkantete es zwischen Schloss und Rahmen.

»Joanne?«

Wieder keine Antwort.

Ich hebelte so fest, wie es mir möglich war. Das morsche Holz splitterte und knirschte. Ein Riss nach dem anderen breitete sich aus. Noch ein Ruck. Wenn ich die Klinke herausdrücken konnte … ich keuchte, umklammerte das Brecheisen fester und legte mich mit meinem ganzen Gewicht drauf. Es rumste laut, als die Klinke endlich nachgab.

Ich riss die Tür auf und stürzte ins Freie.

»Joanne?« Wo war sie hin? War dieser Typ da? Hatte er sie geholt?

Vorsichtig ging ich ein Stück weiter, umklammerte das Brecheisen fester und linste um die Kirchenmauer. Ein Weg ging um das Gebäude herum. Er war mit Unkraut und wildem Wein zugewuchert. Es gab keinerlei Spuren, die erkennen ließen, ob vor kurzem jemand hier durchgekommen war. Ich drehte mich zurück und ging an der Außenmauer entlang in die andere Richtung. Wenn Joanne von dieser Seite gekommen war, musste sie über die Mauer geklettert sein, obwohl ich mir das kaum vorstellen konnte. Das Ding war gute vier Meter hoch. Ich erreichte den Haupteingang der Kirche und blinzelte ein paar Mal. Mich schüttelte es. Ein taubes Gefühl machte sich in meinen Eingeweiden breit; so als stünde ich vor einem geöffneten Tigerkäfig, ohne zu wissen, ob der Tiger zu Hause war.

»Joanne?«, flüstere ich. »Wo bist du?«

Hielt der Typ sie fest? War er hier und lauerte mir auch auf? Oh Gott, oh Gott. Was tue ich da? Meine Finger wurden feucht, ich schloss sie fester um die Brechstange, bis die Knöchel weiß hervortraten. Gerade, als ich noch einmal nach Joanne rufen wollte, sah ich sie.

Sie stand ein paar Meter von mir entfernt. An ihrer Nase klebte getrocknetes Blut, ihre Kleidung war zerrissen, in ihren Haaren hingen Blätter und Dreck. Sie musterte mich mit einem merkwürdig schrägen Grinsen im Gesicht.

Mir wurde heiß und kalt zugleich. Wir mochten in modernen Zeiten leben und die Höhlen und Wälder unserer Urahnen verlassen haben. Unsere Nahrung lauerte uns auch nicht mehr im Gebüsch auf, sondern wartete schön sauber verpackt im Supermarktregal. Aber egal, mit wie viel neumodischem Schnickschnack wir uns umgaben, eine Sache würde sich nie ändern: der angeborene Urinstinkt für Gefahr. Er saß irgendwo in der Magengegend, breitete sich als Ziehen bis zum Herz, der Lunge und der Kehle aus, bis man kaum noch atmen konnte.

Joanne grinste wie diese verzerrten, roten Teufelsmasken, die es zu Halloween gibt und mir schon als Kind eine Heidenangst eingejagt hatten. »Oh, deine Aura ist großartig, Süße.«

Du leuchtest wie der Abendstern, Jess. Es gibt Wesen da draußen, die sich von diesem Strahlen angezogen fühlen, daher dämme ich es ein. Großer Gott, was hatte ich getan?

Joanne kam näher, leckte sich über die Lippen. »Du wirst verdammt nahrhaft sein.«

Ich hatte es stets für Unfug gehalten, wenn jemand sagte, das Blut gefriere einem in den Adern, aber nun wusste ich, wie es sich anfühlte. Jede Bewegung schien unmöglich. Jeder Muskel wurde steif, verkrampft. Ich wollte schreien, rufen, wegrennen, aber ich stand da wie das Reh auf der Straße und glotzte in Joannes Augen wie in das Scheinwerferlicht eines heranrasenden Wagens.

Joanne spannte die Muskeln und sprang auf mich zu.

Das letzte, was ich sah, waren ihre gelben Zähne …

3. Kapitel

 

Jaydee

 

Ich verließ den Park und blieb auf dem Gehsteig stehen. Wohin war Joanne gelaufen? Rechts, links, geradeaus? Ich schloss die Augen, fokussierte mich auf meinen Geruchssinn. Joannes Verwesungsgeruch sollte leicht aus der Umgebung herauszufiltern sein, auch wenn das erwachende Stadtleben gegen mich hielt und mir Ablenkungsmanöver schickte. Autoabgase, Dämpfe aus den Gullideckeln, die Düfte der Restaurants, die ihre Brötchen zum Frühstück aufbuken … Eine Müllabfuhr fuhr an mir vorbei, fast glaubte ich, Joannes Note gefunden zu haben, aber der Duft war zu herb für sie. Joanne roch süßlicher, mehr nach Tod. Ich drehte den Kopf nach links, blähte die Nasenflügel. Weit kann sie noch nicht gekommen sein. So wenig Gegenwehr wie sie geleistet hatte, war sie ziemlich am Ende ihrer Kräfte. Eine Böe streifte mich. Ich grinste. Hab ich dich. Sie war die Paradise Road hinunter gerannt. Gerade als ich mich in Bewegung setzte, hörte ich ihn.

»Hey.« Akil kam aus dem Park gerannt, steckte einen seiner Jostäbe in die Halterung am Rücken. Zum Glück blendete ihn sein Amulett aus dem Bewusstsein der Passanten aus, so dass ihn niemand beachtete. Ein muskelbepackter Kerl in lederner Kampfmontur erregte die Art von Aufmerksamkeit, die wir bei unserer Arbeit nicht brauchen konnten. Akil schloss zu mir auf. Der Geruch nach Wut vermischte sich mit seinem eigenen Duft aus Erde und Moos. »Wer oder was hat dir ins Hirn geschissen?«

Ich lief weiter, ohne darauf zu achten, ob er mitkam oder nicht.

»Ich rede mit dir, Jaydee.« Er packte mich am Arm und bremste mich so heftig aus, dass ich beinahe über meine Füße stolperte.

»Lass mich los!« Sein Griff bohrte sich schmerzhaft bis auf meine Knochen, aber ich versuchte erst gar nicht, mich zu befreien. Akil war stärker als ich, daran würde sich in hundert Jahren nichts ändern. »Ich werde ihre Spur verlieren.«

Er schüttelte mich grob, zerrte mich zu sich heran. »Erst wenn ich weiß, was für ein Film da oben läuft.« Er tippte auf meine Stirn. »Und wage es nicht, mich anzulügen. Mir wächst eher ein drittes Ei, ehe dir ein Dämon entkommt«

»Dann mach dir schon mal Gedanken, mit wie vielen Fingern du dir künftig den Sack kratzen musst.«

»Es liegt an dieser Stadt, oder? Es ist zu früh für dich, um hier auf Einsätze zu gehen.«

»Red’ keinen Blödsinn, ich war … es war keine Absicht.« Oder doch? Natürlich hätte ich Joanne in dem Moment töten können, als ich sie hinter dem Baum fand. Nein, ich hätte es bereits gekonnt, als ich sie von den anderen Dämonen aus dem Restaurant getrieben hatte. Joanne war nur noch am Leben, weil ich meinen Spaß mit ihr wollte. »Ein Wachmann hat auf mich geschossen. Die Chance hat sie genutzt.«

Akil taxierte mich. Er wollte wissen, ob ich ihm etwas vorspielte, ob ich wieder dabei war, das Monster zu entfesseln. »Ich glaube dir kein Wort, Jay.«

»Tja, daran kann ich wohl nichts ändern.«

Er kniff die Augen zusammen, quetschte meinen Oberarmmuskel fester, bis er taub wurde.

»Lass mich los, bevor sie ganz weg ist.«

Akil schnaubte, aber immerhin gab er mich frei. Ich rieb mir den Arm, um ihn wieder zu durchbluten. Das war kein Sieg für mich, Akil wollte lediglich keine Zeit mehr vergeuden. Ich drehte mich um und heftete mich sofort an Joannes Fährte.

»Ich werde dich begleiten«, sagte Akil.

Bevor ich etwas erwidern konnte, hob er den Zeigefinger.

»Widersprich mir, und ich kette dich an den Baum da drüben.«

Der Jäger in mir protestierte. Die Beute zu teilen, war keine Option, aber Akil hatte Recht. Ich durfte dem Kick der Jagd genauso wenig nachgeben wie ein trockener Alkoholiker einer Flasche Whiskey. Wenn ich Joanne alleine erwischen würde, wusste ich nicht, was ich mit ihr machen würde. Ich zeigte die Paradise Road hinunter, die als Rundweg um den Park führte. »Dort entlang.«

Akil klopfte mir auf die Schulter. »Dann los.«

Ohne uns abzustimmen, verfielen wir in einen lockeren Dauerlauf und kamen trotz der Menschen, die die Stadt zum Leben erweckten, rasch voran. Akil blieb dicht bei mir, hütete mich, als wäre er mein großer Bruder, der auf den Jüngeren achtgeben musste.

»Eins sag ich dir, Jay: Wenn wir zurück sind, lass ich dich so lange trainieren, bis dir die Kraft fehlt, deinen Lümmel beim Pinkeln festzuhalten. Vielleicht hilft das, deine Energien in die richtigen Bahnen zu lenken.«

Ein sehr strenger Bruder …

Obwohl ich immer wieder anhalten musste, um Joannes Duft zu orten, kamen wir rasch vorwärts. Ihr Geruch lotste uns am Park entlang, der sich über fünfzehn Häuserblocks zog und mehrere Eingänge besaß. War Joanne auf dem Weg hierher Passanten begegnet? Äußerlich wirkte sie wie eine junge, unschuldige Frau, und dank mir war jetzt ihre Kleidung blutbefleckt. Das musste doch jemanden aufgefallen sein, oder waren die Menschen in dieser Stadt genauso abgestumpft wie in anderen Städten? Kümmerte es auch hier niemanden mehr, wenn ein anderer Hilfe brauchte?

»Sie hat mich übrigens gefragt, was ich von ihr will«, sagte ich.

»Ach ja? Hatte sie dich nicht erkannt?«

»Doch, ich glaube schon. Ich hatte eher das Gefühl, sie hoffte, dass ich sie nicht erkennen würde.«

Vor dem Torbogen aus Efeu blieb ich stehen. Jetzt war mir klar, wohin Joanne gerannt war. Gott verdammt, ich hätte sie töten sollen, als sie unter mir lag.

Ich blickte in die Allee, die sich vor mir erstreckte, und fühlte die Schlingen der Vergangenheit sich um meinen Hals schnüren. Wieso war sie ausgerechnet hierher gekommen? Von allen möglichen Wegen, die sie hätte wählen können, nahm sie den in mein ehemaliges Zuhause.

Akil blickte mich an. »Du musst nicht rein. Ich stelle sie allein.«

»Sicher.« Ich machte einen ersten vorsichtigen Schritt durch den Torbogen und griff automatisch an meinen Hals, dort wo früher der weiße Jadestein gehangen hatte und jetzt nur noch Leere übrig war. Ich wagte noch einen Schritt und noch einen, bis ich wieder mein Jagdtempo erreichte und in den vertrauten Modus umschalten konnte. Es wäre gelacht, wenn ein Stück Erde es schaffte, mich von meiner Beute abzulenken.

Akil blieb dicht an meiner Seite, behielt die Umgebung im Auge, während ich mich darauf konzentrierte, weiterzugehen. »Was für eine gottverlassene Gegend«, sagte er. »Dein Dämon ist nicht sehr schlau bei der Nahrungssuche.«

»Sie ist nicht mein Dämon.« Aber schlau war sie tatsächlich nicht, mehr als Ratten oder Vögel würde sie in diesem Teil des Parks kaum finden. Seit dem Brand und den Schauermärchen traute sich kaum eine Seele hierhin.

Wir kamen an dem kleinen Teich vorbei, der mittlerweile trocken gelegt war. Bestimmt, um die Froschinvasion zu stoppen, für die ich verantwortlich gewesen war, weil ich als Kind Kaulquappen dort ausgesetzt hatte. Eine Erinnerung an ein Leben, das tausend Jahre zurückzuliegen schien und trotzdem noch schmerzte.

»Jaydee?«

»Mhm?« Wir waren stehen geblieben. Wann hatten wir angehalten? Eben waren wir doch noch gerannt.

Akil zeigte auf die Weggabelung vor uns. »Ich hab gefragt, wo lang? Rechts oder links?«

Oder doch umkehren?

Akil legte eine Hand auf meine Schulter, grub seine Finger in meine Schultern. Anders als vorhin schmerzte sein Griff diesmal nicht. Ich glaubte, mit dem Boden zu verschmelzen, als mich seine Ruhe und Kraft durchströmten. Akil verankerte mich in der Erde, seinem Element. Ich schloss die Augen, um mich wieder auf meinen Geruchssinn zu konzentrieren und nahm einen tiefen Atemzug. Lavendel, Rosen, Holunder, Kindheit, Liebe, … Joanne.

»Nach … nach links.« Tiefer in den Park. Tiefer in meine Vergangenheit.

Wir liefen weiter. Das Tempo kam mir langsamer vor, doch vermutlich bildete ich es mir nur ein, denn wir erreichten viel zu schnell die Anhöhe, auf der die Kirche thronte. Ich blickte den Hügel hoch. Da oben war es. Mein ehemaliges Zuhause. Das Grün der Bäume schmerzte in den Augen, so grell wirkte es gegen die blassgraue Mauer.

»Willst du wirklich rein?«

Nein. Aber es war völlig egal, was ich wollte oder wie weit ich floh: Ein Teil von mir war an diesen Ort gebunden; und er lauerte dort auf mich, bereit, mir in den Rücken zu stechen, sobald ich mich umdrehte.

Ich zeigte zur Kirche. »Nach dem Brand haben sie das Haupttor verriegelt. Da drüben führt ein Pfad an der Mauer entlang. So kommen wir zum Privatgarten von … von Mikael.« Der Name ging mir schwer über die Lippen, als hätte ich verlernt, ihn auszusprechen. »Der Zugang dort könnte frei sein.«

»Jay, du brauchst niemandem etwas zu beweisen, ich kann das auch alleine …«

Ich rannte die ausgetretene Treppe hoch. Joannes Geruch vermischte sich mit dem meiner Kindheit. Ein fetter Klumpen, der meine Eingeweide verschnürte und mir die Luft zum Atmen entzog. Mein Herz raste. Nicht wegen des bevorstehenden Kampfes, sondern wegen diesem Ort. Ich war ein Narr, wenn ich glaubte, er hätte keine Macht mehr über mich.

Bis wir endlich oben waren, war ich patschnass geschwitzt, und alles in mir bockte dagegen auf, weiterzugehen. War der Kick der Jagd wirklich so berauschend, um das auf sich zu nehmen?

Ich bog nach links ab. Lief weiter, weiter, immer weiter. Meine Füße konnten sich kaum von der Erde heben, ich musste jeden einzelnen Schritt herauszwingen.

Der Pfad wurde unbeständiger, verwirrter, fast so, als wolle er sich meiner Gemütslage anpassen. Wir erreichten die Mauer, die von Rosenranken und anderem Gestrüpp überwuchert war. Ich zog den Dolch aus meinem Stiefel, schnitt die verknöcherten Zweige und Büsche ab, hackte mir den Weg frei und versuchte, dieses vertraute Kribbeln auf meiner Haut zu ignorieren. Die Mauer, die Bäume, die Sträucher: All das atmete Mikaels Energie aus, als wäre er erst gestern hier entlang geschlendert – obwohl es neun Jahre her war. Meine Bewegungen verschwammen zu einem abstrakten Rhythmus. Gestrüpp wegschneiden, einen Schritt gehen, atmen, irgendetwas wegschneiden, einen Schritt gehen …

»Das müsste es sein«, sagte Akil plötzlich und zeigte auf das Eisentor.

Ich ging langsam näher und spähte durch die Gitterstäbe. Das Wohnhaus lag im Schatten wie ein scheues Tier, das nicht zu viel Aufmerksamkeit erregen wollte. Der Putz war abgebröckelt, die Fenster zugenagelt, der wilde Wein wuchs unkontrolliert an der Hauswand hoch, als wollte er das Haus zum Einsturz bringen. Mein Magen war ein einziger Klumpen. Jeder Baum, jede Wurzel, jedes Blatt schrie es mir entgegen: Geh weg! Du bist ein Eindringling, ein Fremdkörper.

»Beeindruckend«, sagte Akil.

»Das war es einst, ja.«

Ich fuhr vorsichtig mit den Fingern über das rostige Tor, und damit brachen die Dämme, die ich so mühevoll als Schutz um mich gebaut hatte. Ich war wieder sechzehn und flüchtete mit Alfred, unserem Gärtner, vor den Flammen. Er zog und zerrte mich mit sich, bis mir der Arm schmerzte. Ich folgte ihm, obwohl ich das gar nicht wollte. Körperlich wäre ich sogar in der Lage gewesen, mich aus Alfreds Griff zu winden, meine einzige und lästigste Schwäche damals war die Empathie. Sobald mich jemand berührte, nahm ich dessen Gefühle in mich auf, als wären es meine eigenen. Alfreds Angst machte mich derart handlungsunfähig, dass ich wie ein Hase vor der Gefahr flüchtete. Und während mich meine Beine von dem Feuer weg, hierher in den Garten trugen, war mir die ganze Zeit über bewusst, dass die Flammen mich zwar verletzen, nicht aber hätten töten können. Ich hätte Mikael unter der brennenden Holzstatue herausziehen können. Ich wäre wieder geheilt. Jetzt war Mikael tot. Es war meine Schuld, weil ich ein Empath bin.

»Jay.«

Akil schüttelte mich, ich riss die Augen auf.

»Lass los, verdammt!«

Ein stechender Schmerz fuhr durch meine Hand. Ich hatte mich in den Verzierungen des Tores verkrallt, ein Dorn bohrte sich mitten durch meine Handfläche. Mit einem Ruck löste ich sie und taumelte rückwärts. Ich hatte die Erinnerung angelockt, wie ein Stück saftiges Fleisch ein ausgehungertes Tier. Jetzt verbiss sie sich in meinem Nacken, sie wollte mich zu Fall bringen. Ich starrte auf meine Handinnenfläche, der Schnitt heilte vor meinen Augen. Alles an mir heilte. Immer und immer wieder.

»Ich … ich kann nicht …«

Ich drehte um und floh erneut vor einer Gefahr, die eigentlich keine war.

4. Kapitel

 

Jessamine

 

Das war das Ende. Joanne saß rittlings auf mir, fixierte mit ihren Beinen meine Arme. Ich war unter ihr eingeklemmt. Meine Rippen ächzten vor Schmerz, ich hustete, versuchte Luft in meinen Körper zu pumpen.

Spuk-Kirche fordert ihr nächstes Opfer.

»Mhm …«, sagte sie mit süßer Stimme. Ihr Atem stank, als hätte sie eine tote Ratte gefressen. Sie beugte sich tiefer zu mir. Ich drehte mein Gesicht weg. Die schwüle Wärme ihres Körpers, vermischt mit ihrem Verwesungsgestank, trieben mir die Tränen in die Augen.

»Ich war heute auch schon da, wo du jetzt bist.« Sie dehnte die Wörter, als hätte sie alle Zeit der Welt. »Das hat keinen Spaß gemacht.«

Ich zappelte, versuchte, sie von mir zu schieben. Doch genauso gut hätte ich versuchen können, einen Güterzug mit bloßen Händen zu bewegen.

Joanne lachte über meine lächerlichen Bemühungen. »Du musst keine Angst haben, Mäuschen, es wird nur ganz kurz weh tun.« Sie legte die Hand auf meine Stirn, drehte meinen Kopf zu sich, damit ich sie wieder anblicken musste. Joanne lachte und legte die andere Hand auf meinen Brustkorb. In diesem Moment kippte die Welt.

Joanne warf den Kopf in den Nacken, stöhnte vor Genuss. »Deine Energie ist fantastisch. Viel stärker als bei anderen Menschen. Damit entkomme ich den Seelenwächtern für die nächsten Monate mit Leichtigkeit.«

Joanne goss flüssiges Feuer in mich. Es lief in meine Stirn, füllte meinen Kopf, meine Brust, meine Blutbahnen, bis ich wie ein Dampfkessel unter Druck stand und Gefahr lief, zu explodieren. Mein Inneres hob sich, wie beim Achterbahnfahren. Meine Organe stülpten sich nach außen, ich konnte nicht mehr atmen, nicht mehr denken, nicht mehr sehen. Der Sog war übermächtig. Joanne zerrte irgendetwas aus mir heraus. Meine Seele? Mein Herz? Mein Leben? Keine Ahnung. Und je mehr sie von mir nahm, umso weniger kümmerte es mich. Die Geräusche verschwanden, die Schmerzen ebenso – und mit einem Mal fühlte ich mich leicht und losgelöst.

Vielleicht war Sterben so …

Plötzlich verschwand das Gewicht auf meinem Oberkörper. Ich atmete gierig die Luft ein, die beinahe meine Lunge verätzte. Neben mir rumpelte es, Joanne keuchte gedämpft, und dann herrschte Stille. Um mich herum und in mir drinnen.

»Jess.«

Violet?

»Jess, bist du in Ordnung?«

Violet! Sie war es tatsächlich. Ich streckte eine Hand in die Höhe, versuchte, meine Augen zu öffnen, aber die Lider pappten zusammen, als wären sie aneinander getackert.

»Mach langsam.« Violet kniete sich neben mich, schob eine Hand unter meinen Rücken, um mir hoch zu helfen. Sie trug das gleiche Shirt, mit dem sie sich vorhin schlafen gelegt hatte. Ihre blonden Haare standen wirr zu allen Seiten weg.

»Violet.« Ich schaute sie an, blinzelte ein paar Mal, bevor ich scharf sah. »Wieso bist du so struppig?«

Sie lächelte erleichtert und zog mich an sich. »Oh, Jess.«

Ich erwiderte ihre Umarmung, atmete den Duft ihres Lavendelshampoos ein. Der Duft unserer Freundschaft, der Duft von Geborgenheit; der Duft, den ich heute Nacht verraten hatte. Ich vergrub meine Nase an ihrem Hals und schluchzte. »Danke.« Es kam viel zu leise über meine Lippen. Viel zu unbedeutend.

Violet half mir auf die Beine. Ich wäre lieber sitzen geblieben, aber sie zog mich ungnädig hoch, bis ich stand. Mein Kopf fuhr Karussell. Ich drohte umzukippen, doch Violet ließ mich nicht los; sie bot mir Halt, den ich nicht verdient hatte. Ich schaute zu Joanne, sie lag auf dem Bauch. In ihrem Rücken steckte die Brechstange, mit der ich vorhin die Tür aufgehebelt hatte. Unter ihr bildete sich eine schwarze Blutlache, in der Brocken schwammen, wie Fettaugen in einer Suppe.

Und es stank.

Wie im Hochsommer, als sich eine Bisamratte in den Fußraum unseres Vans verirrt hatte und den Weg nicht mehr nach draußen fand. Als Ariadne und ich nach drei Wochen zum ersten Mal die Türen öffneten, kippten wir fast in Ohnmacht …

Mein Magen hob sich, ich schaffte es gerade noch, mich vorzubeugen, bevor ich mich übergab.

Violet tätschelte mir den Rücken, wartete geduldig, bis ich fertig war.

»’tschuldige, Vi.«

»Macht nichts.«

Ich wischte den Mund mit meinem Handrücken ab und deutete auf Joanne. Allein bei dieser kleinen Bewegung hatte ich das Gefühl, auf einer Drehscheibe zu stehen. »Was … was ist das?« Mein Rachen fühlte sich an, als hätte ich mit Säure gegurgelt.

»Das ist ein Schattendämon.«

»Schattendämon«, wiederholte ich.

»Sie entstehen aus den Seelen der Menschen, die ihren Weg ins Licht nicht finden.«

»Aha«, sagte ich, ohne ein Wort verstanden zu haben.

»Ich erkläre es dir, wenn wir zu Hause sind, okay? Wir müssen verschwinden, bevor noch mehr von denen auftauchen.«

»Schattendämon.«

Violet legte einen Arm um meine Taille. Ich stützte mich auf sie, dankbar, wieder ihre Wärme zu spüren. »Ist sie … ist sie tot?«

»Keine Ahnung. Wir bleiben auch nicht hier, um es herauszufinden.« Sie bugsierte mich Richtung Mauer.

»Ein Schattendämon?«, sagte ich noch einmal.

»Später, Jess, später. Erst gehen wir nach Hause.«

»Wir werden aber nicht teleportieren, oder?« Beim letzten Mal war mir drei Tage lang schwindelig und ich musste mich ständig davon überzeugen, dass noch alle Finger und Zehen da waren.

»Nein. Ich habe zu viel Energie verbraucht, um das Schlafmittel abzubauen und herzukommen. Für die nächsten Stunden bin ich auf meine Füße angewiesen. Ich nehme an, du bist mit dem Taxi gefahren?«

»Ja. An der Paradise Road ist ein Taxistand.« Ich zeigte zur Rückseite der Kirche.

Sie seufzte. »Und wie kommen wir am schnellsten da hin?«

»Ich kenne nur den Weg, den ich genommen habe. Durch den Verbindungsgang zwischen Kirche und Wohnhaus. Von dort gelangt man ins Büro und da durch die Hintertür in den Garten. Oder wir klettern über die Mauer, aber ich glaube, das schaffe ich nicht mal, wenn es mir gut geht.«

Sie nickte, drückte mich fester an sich. »Wir nehmen den Weg, den du kennst.«

»Okay.«

Wir liefen zurück in die Kirche, machten einen großen Bogen um Joannes Körper, die in einem See aus schwarzem Blut lag. Nur langsam kamen wir voran, meine Beine wollten mir kaum gehorchen. Ich musste mich mit meinem gesamten Gewicht auf Violet stützen, um überhaupt einen Fuß vor den anderen zu setzen. Sie muckte kein einziges Mal, ging schweigsam neben mir her, konzentrierte sich darauf, mich auf dem bestmöglichen Weg durch den Schutt zu navigieren. Ein Stich fuhr mir durchs Herz: Heute Nacht hatte ich unsere Freundschaft mit Füßen getreten. Ich hatte ihre Warnungen nicht ernst genug genommen, geglaubt, diese Geisterbeschwörung würde mir helfen, Mum zu finden. Jetzt stand ich wieder genau dort, wo ich angefangen hatte – mit dem Unterschied, dass ich meine beste Freundin verärgert hatte und fast von einem Dämon getötet worden wäre. »Danke, Vi.«

»Ich würde dich nie einem Schattendämon überlassen, egal wie sauer ich auf dich bin.«

»Nein, dafür, dass du nicht sagst, ich hätte auf dich hören sollen.«

Sie grummelte. »Sei froh, dass Ariadne nichts von deiner Aktion heute Nacht mitbekommen hat.«

»Sie schläft noch?«

»Ich habe ihr einen Zettel hingelegt und geschrieben, dass wir zum Morning Creek gepaddelt sind.«

Das machten wir oft. Wir schnappten uns das Kanu, packten Picknicksachen ein und brachen noch in der Nacht auf, um den Sonnenaufgang im Creek anzusehen. »Danke auch dafür.«

»Bitte.«

Wir erreichten die Verbindungstür, durch die ich in der Nacht gekommen war. Violet öffnete sie. Wir passten geradeso zu zweit hindurch und gelangten in den Flur. Die einzige Lichtquelle kam von der offenen Bürotür, durch die die Sonne schien. Meine Glieder fühlten sich steif an. Das Pochen von dem Schnitt in meiner Hand war zu einem dumpfen Begleitgefühl geworden. »Oh, warte.«

Violet hielt sofort an. »Geht es dir wieder schlechter?«

»Nein. Mein Dolch! Also Mums Dolch. Den können wir nicht hier lassen.«

»Darum werde ich mich später kümmern.«

»Was, wenn er geklaut wird?«

»Ach, Jessamine.«

»Ich gehe ihn rasch holen. Du kannst hier warten.«

»Natürlich tust du das. Schaffst du es bis zum Garten?«

Ich nickte.

»Gut. Warte dort auf mich.«

Violet ließ mich los. Ich musste mich an der Wand abstützen, um nicht umzukippen.

»Es geht wirklich, Vi. Alles gut.«

»Also schön.« Sie drehte um und rannte zurück in die Kirche. Die Verbindungstür fiel erneut ins Schloss, ließ mich diesmal auf der anderen Seite zurück.

Ich hangelte mich an der Wand entlang, bis ins Büro. Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne fielen durch die Schlitze des zugenagelten Fensters und der offenen Tür, die in den Garten hinausführte. Warme, nach Sommer duftende Luft erfüllte den Raum. Langsam flachte das Adrenalin ab, und die Erkenntnis über meine Taten kam angerollt wie ein Tsunami. Der Weg in den Garten erschien mir plötzlich unendlich weit, jeder Schritt zu mühsam.

Ich ließ mich auf die einzige Sitzgelegenheit plumpsen, einem altersschwachen Holzstuhl, stützte meinen Nacken auf die Lehne und schloss die Augen. Nur kurz ausruhen. Das Blut pumpte zäh durch meine Beine, der bittere Geschmack nach Erbrochenem lag auf meiner Zunge, und ich musste dringend duschen.

»Tze, tze, tze … was für ein unartiges Mädchen.«

Ich zuckte zusammen, fuhr herum. Joanne stand in der Tür. Ihr Shirt war an der Brust durchlöchert, wo die Brechstange gesteckt hatte. Sie grinste mich mit einem Ich-mach-dich-fertig-Kleine-Lächeln an. Von ihren Händen tropfte frisches, rotes Blut. Violet.

»Deine Fylgja ist erledigt.« Joanne fuhr mit dem Zeigefinger an ihrer Kehle entlang und machte ein Ritsch-Geräusch. »Ging ganz schnell.«

Die Worte zogen mir den Boden unter den Füßen weg. Sie log. Sie musste! Violet konnte nichts passiert sein. Sie war eine Fylgja. Was hatte sie mir gesagt? Fylgjas können nicht sterben, solange ihr Schützling lebt. So war es doch gewesen, oder? Sofort war ich auf den Beinen. Der Schwindel schoss mir erneut in den Kopf. Für eine Sekunde drehte sich alles um mich herum.

Joanne lachte und leckte das Blut von den Fingern. »Fylgjas schmecken nicht. Du hingegen …« Sie kam näher, musterte mich, wie ein kostbares Juwel, das sie gleich um ihren Hals legen würde. »Schade, dass du vorhin so schnell schlappgemacht hast. Ich hätte nicht gedacht, dass du so wenig aushältst.«

Ich wirbelte herum und stürzte hinaus in den Garten. Das grelle Licht trieb mir die Tränen in die Augen, ich taumelte im Blindflug irgendwohin. Wo war der Ausgang? Welchen Weg war ich gekommen? Er musste hier irgendwo …

Plötzlich fuhr ein beißender Schmerz durch meinen Schädel. Joanne hatte meinen Pferdeschwanz gepackt, zerrte mich zurück und schleuderte mich auf den Boden. »Cooler Trick, oder? Hab ich heute gelernt.«

Ich blieb auf dem Rücken liegen, sah nur noch weiße Punkte vor meinen Augen flirren. Joannes Silhouette schob sich zwischen den Himmel und mich. Sie beugte sich zu mir hinunter, grub ihre Fingernägel in meine nackten Schultern. Ich schrie. Es fühlte sich an, als würde sie glühende Stäbe in mir versenken. Mit einer Hand griff ich um mich, suchte nach etwas, das ich als Waffe verwenden konnte. Einen Stein, einen Stock, irgendetwas …

»Du weißt ja, was dich erwartet. Diesmal mache ich es langsamer.«

Sie legte die Hand auf meine Stirn, wollte die andere auf meine Brust setzen. Oh nein, das machte sie nicht noch einmal mit mir! Ich griff in den Sand und rieb ihn Joanne in die Augen. Sie zuckte nicht einmal, presste stattdessen die zweite Hand auf meinen Brustkorb. Ich wand mich, war so wehrlos wie ein Schmetterling, der gerade auf ein Holzbrett gepinnt wurde. Joanne holte tief Luft, und der Sog setzte ein. Mir wurde schwarz vor Augen. Verzweifelt tastete ich weiter umher, meine Finger fühlten etwas Knöchriges, Holziges. Ich schloss sie darum, holte aus und rammte es Joanne ins Ohr. Sie brüllte, ließ kurz von mir ab.

»Miststück«, donnerte sie.

Ich zog die Hand zurück, blickte auf den Gegenstand, den ich gefunden hatte. Es war ein spitzer Ast, der jetzt zur Hälfte in Joannes Ohr steckte. Sie richtete sich auf, keuchte vor Schmerz. Ich nutzte meinen Spielraum, um nach hinten wegzurobben. Sie wollte nach mir greifen, verfehlte mich aber, weil ihr Gleichgewichtssinn sie im Stich ließ. Ich holte mit dem Fuß aus und trat ihr ins Gesicht. Ihre Nase war zwar wieder geheilt, aber vielleicht noch eine Schwachstelle, die schmerzte; ich hoffte es. Joanne zog den Ast aus ihrem Ohr und blickte mich an. Ihre Augen glühten vor Zorn, sie bleckte die Zähne, machte einen Satz auf mich zu. Ich rollte mich auf die Seite, zwang mich in die Höhe und rannte davon. Ich musste raus aus dem Garten. Ich musste in den Park. Ich musste um Hilfe rufen, doch ich war viel zu langsam. Es fühlte sich an, als würde ich in einem Sumpf waten. Joannes Schritte kamen rasch näher; viel zu rasch. Das schaffte ich nie und nimmer. Ich erreichte die Eisentür. Der Ausgang! Joanne hatte mich fast eingeholt. Ich passierte das Tor, rannte blindlings in irgendeine Richtung und krachte voll in jemanden hinein.

»Holla, Kleine.«

Zwei starke Arme hielten mich fest. Ich blickte auf in fast schwarze Augen. Verdammt unnatürliche Augen. Oh Gott, das war noch einer dieser Dämonen. Ich wand mich, versuchte, aus dem Griff zu entkommen.

»Duck dich«, sagte er, schob mich zur Seite, als wäre ich aus Pappe und zog einen silbernen Stab vom Rücken.

Ich taumelte gegen die Mauer, versuchte, mich zu orientieren. Der Typ rannte Joanne hinterher. Die beiden verschwanden hinter der nächsten Ecke. Mit einem Arm stützte ich mich an der Mauer ab. Wenn ich es bis auf die Straße schaffte, konnte ich Hilfe holen: ein Auto anhalten, Passanten ansprechen. Ich musste unter Leute.

Ich war am Ende der Mauer, als der Typ zurückkehrte.

»Hey, warte.«

Er schloss zu mir auf, packte mich am Arm. Ich schrie aus Leibeskräften und schlug mit der freien Hand auf ihn ein, versuchte loszukommen.

»Hör auf damit! Du wirst nur stärker bluten.«

Ich blickte auf den Arm, den er festhielt. Dort, wo Joanne ihre Krallen versenkt hatte, verzweigte sich ein Rinnsal aus blutigen Flüssen. Die Wunde pochte und brannte. Das … das ist verdammt viel Blut.

»Ich kann dir helfen«, sagte er ruhig. Er steckte den silbernen Stab zurück in die Halterung am Rücken. Ich sackte zusammen, als hätte mir jemand die Beine unter dem Körper weggezogen. Hätte er mich nicht gehalten, läge ich schon längst auf der Erde. Er manövrierte mich zur Mauer, half mir, mich hinzusetzen. Meine Lider flatterten, ich stöhnte.

»Halt still, ich werde dich heilen.« Er streckte eine Hand aus, wollte sie mir auf die Stirn legen. Oh nein, nicht schon wieder. Ich schlug nach seinen Fingern und versuchte, mich aufzustemmen. Seine Arme umschlangen mich wie die Ranken eines Baums und zogen mich fest an seinen Körper.

»Lass mich … los«, brachte ich noch heraus, dann klappten meine Augen zu. Ich stürzte in die Dunkelheit.

5. Kapitel

 

Jessamine

 

Ich bin tot.

Alles war ruhig. Still. Friedvoll.

Ich hatte das Leben hinter mir gelassen, meinen Verstand abgeschaltet und mich in mich selbst zurückgezogen. Mein Geist schwebte außerhalb, glitt über Wolken und Sterne. Ich fühlte Hände an meinem Körper. Starke Hände, sanfte Hände. Sie trugen mich, beruhigten mich. Aber ich war nicht aufgeregt. Ich war in Sicherheit.

Ich hörte das Wiehern von Pferden, gefolgt von Hufgetrappel. Die Hände hoben mich hoch.