Die Clans der Seeker (2). Die Nacht des Adlers - Arwen Elys Dayton - E-Book
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Beschreibung

Die Wege der jungen Seeker Quin, John und Shinobu haben sich getrennt. Nachdem sie ihre Liebe zueinander entdeckt haben, versuchen Quin und Shinobu, den Rätseln um die Clans der Seeker auf die Spur zu kommen. Warum gibt es nur noch ein Athamé, den magischen Dolch? Wann und warum begannen die Seeker zu töten? Je tiefer die beiden vordringen, desto düsterere Geheimnisse decken sie auf. Sie stoßen auf langverschwundene Seeker-Clans, undurchsichtige Allianzen und noch etwas anderes: einen finsteren Plan mit der Macht, sie alle zu zerstören.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:550


Arwen Elys Dayton

DIE CLANS DER SEEKER

Die Nacht des Adlers

Aus dem Amerikanischen von Sonja Häußler

FÜR MEINE MUTTER UND MEINEN VATER, beide Tolkien-Liebhaber, die mich schon vor vielen Jahren wie eine Erwachsene behandelten, aber mir alle Zeit, die ich brauchte, geschenkt haben, um Kind zu sein.

1. Auflage 2016 Text © Arwen Elys Dayton 2016 © für die deutsche Ausgabe: Arena Verlag GmbH, Würzburg 2016 Published by Arrangement with Arwen Elys Dayton Karte des schottischen Guts © Jeffrey L. Ward 2015 Fuchs- und Widder-Symbol © Shutterstock 2016 Bär-, Keiler-, Adler-, Drachen-, Pferde- und Hirsch-Symbol © John Tomaselli 2016 Zuerst erschienen unter dem Titel Traveler bei Delacorte Press, einem Imprint von Random House Children’s Books, New York Aus dem Amerikanischen von Sonja Häußler Alle Rechte vorbehalten Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen. Cover: unimak ISBN 978-3-401-80548-1

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KAPITEL 1

QUIN

»Shinobu?«, fragte Quin, als sie sah, dass er sich bewegte. »Bist du wach?«

»Ich glaube schon«, erwiderte er.

Shinobu MacBains Stimme klang belegt und erschöpft, doch er hob den Kopf, um sie anzuschauen. Es war das erste Mal seit mehreren Stunden, dass er sich bewegte, und Quin war erleichtert, dass er bei Bewusstsein war.

Vorsichtig steckte sie das ledergebundene Buch, das sie in der Hand gehalten hatte, in ihre Jackentasche und durchquerte das abgedunkelte Krankenhauszimmer, um zu Shinobu zu gelangen. Er lag in einem Bett, das für jemanden von seiner Größe entschieden zu klein wirkte.

Selbst im Dämmerlicht konnte sie die Verbrennungen auf seinen Wangen erkennen. Sie waren fast verheilt und sein Kopf war jetzt wieder gleichmäßig mit dichtem dunkelrotem Haar bedeckt – aber Quin sah immer noch das versengte, blutverkrustete Haar vor sich, das ihm die Krankenschwestern kurz vor der Operation abrasiert hatten.

»Hey«, sagte sie und kauerte sich neben das Bett. »Gut, dass du wach bist.«

»Stimmt.« Er versuchte zu lächeln, brachte aber nur eine Grimasse zustande. »Ich bin wirklich froh, wach zu sein … auch wenn mir jeder einzelne Teil meines Körpers wehtut.«

»Nun, du bist eben gründlich in allem, was du tust, nicht wahr?«, sagte sie und legte ihr Kinn auf die Brüstung des Bettes. »Du hilfst mir, selbst wenn das bedeutet, dass du von einem Gebäude springst, ein Luftschiff abstürzen lässt und aufgeschlitzt wirst.«

»Du bist doch mit mir von diesem Gebäude gesprungen«, merkte er – noch immer schlaftrunken – an.

»Wir waren zusammengebunden, also hatte ich gar keine Wahl.« Es gelang ihr zu lächeln, auch wenn die Erinnerung an diesen Sprung grauenhaft war.

Shinobu lag schon seit zwei Wochen in dem Londoner Krankenhaus. Als er eingeliefert wurde, war er dem Tod nahe gewesen – Quin hatte ihn nach dem Kampf auf der Traveler und dem Absturz des Luftschiffs im Hyde Park hierhergebracht.

Seitdem hielt sie sich ständig in diesem Zimmer auf, ging ruhelos auf und ab, saß und schlief auf einem unbequemen Stuhl. Vor ein paar Nächten hatte sie sogar ihren siebzehnten Geburtstag hier verbracht und war noch bis Mitternacht zwischen Bett und Fenster hin und her getigert.

Hinter Shinobu piepten und surrten Krankenhausmonitore, blinkende Diagramme wanderten über die Bildschirme, während seine Vitalparameter gemessen wurden – ein inzwischen vertrauter Hintergrund für Quin.

Sie schob sein Hemd nach oben, um sich die tiefe Wunde seitlich an seinem Bauch anzusehen. Der beinahe tödliche Hieb, den ihm ihr Vater Briac Kincaid zugefügt hatte, war zu einer zarten purpurnen Linie verheilt, die ungefähr achtzehn Zentimeter lang war. Die Ärzte hatten die Wunde so sorgfältig nähen können, dass die Narbe womöglich ganz verschwinden würde, aber im Moment war die Wunde noch geschwollen, und Shinobus Gesicht nach bereitete sie ihm bei jeder Bewegung schreckliche Schmerzen.

Neben dieser Verletzung und den Brandwunden im Gesicht waren ein Bein und mehrere Rippen gebrochen. Die Ärzte hatten die Wunden in Unmengen von Zellrekonstruktoren gebadet, die die Heilung vorantrieben. Das hatte nur einen Nachteil: Der Prozess war ziemlich qualvoll.

Quin strich mit den Fingern über eine Beule unter der Haut neben seiner Schwertwunde und Shinobu griff nach ihrer Hand.

»Ich will nicht betäubt werden, Quin. Ich will, dass der Arzt diese Dinger herausnimmt. Ich schlafe zu viel.«

Um die rasch heilenden Wunden zu unterstützen, hatte man ihm neben den schlimmsten Verletzungen Schmerzmittelreservoirs eingepflanzt. Wenn die Schmerzen zu stark wurden, wenn er sich zu heftig bewegte oder wenn jemand direkt auf die Reservoirs drückte, setzten sie eine Flut von Betäubungsmitteln frei, die ihn normalerweise das Bewusstsein verlieren ließen. Deshalb war er den Großteil der letzten beiden Wochen bewusstlos gewesen. Dies war bereits eine der längsten Wachphasen, die er seit Tagen gehabt hatte, und Quin wertete das als sehr gutes Zeichen. Die Ärzte hatten ihr erklärt, dass seine Genesung zuerst langsam voranschreiten, sich dann jedoch ganz plötzlich beschleunigen würde.

»Du lehnst Drogen inzwischen ab?«, fragte sie ihn lächelnd. In Hongkong war Shinobu illegalen Substanzen sehr zugetan gewesen, eine Gewohnheit, mit der er erst kürzlich gebrochen hatte. »Du steckst heute Abend voller Überraschungen, Shinobu MacBain.«

Er lachte zwar nicht, wahrscheinlich hätte das nur wehgetan, aber er zog Quin mit der Hand, in der kein Infusionsschlauch steckte, zu sich. Vorsichtig setzte sie sich auf das schmale Bett und ihr Blick schweifte instinktiv durch das Zimmer. Es war ein großes Zimmer, aber außer dem Bett, den medizinischen Geräten und dem Stuhl, auf dem Quin seit dem Absturz praktisch lebte, gab es keine Möbel. Ihr Blick blieb an dem großen Fenster über dem Stuhl hängen. Sie befanden sich in einem der oberen Stockwerke des Krankenhauses und durch das Glas hatte man einen Panoramablick über das nächtliche London. In der Ferne war der Hyde Park zu sehen, über dem geborstenen Rumpf der Traveler brannten noch immer Notleuchten.

Auf dem Bett drückte Shinobu seine Schulter an ihre und brachte sie dadurch wieder zu ihm zurück. Ihre Gedanken wanderten zu dem Tagebuch in ihrer Tasche. Vielleicht war er wach genug, um es sich anzusehen.

»Quin«, flüsterte er, »wir sollten mal über das eine oder andere sprechen, jetzt wo ich wach bin. Du hast mich auf dem Luftschiff geküsst.«

»Ich dachte, du hättest mich geküsst«, erwiderte sie mit hochgezogener Augenbraue.

»Das habe ich auch«, flüsterte er ernst.

Dieser Kuss … sie hatte ihn schon Hunderte von Malen in Gedanken durchgespielt. Sie hatten sich während des albtraumhaften, trudelnden Absturzes der Traveler geküsst und in den Armen gehalten und es war richtig gewesen. Sie hatten sich als Kinder so nahegestanden, ebenso während ihrer gesamten Ausbildung zu Seekern, selbst als John auf dem Anwesen aufgetaucht war und die ganze Dynamik in ihrem Leben durcheinandergebracht und verändert hatte. Doch erst als sie sich in Hongkong wiedergesehen hatten, verändert und älter, sah sie das in ihm, was er war – nicht nur ihr ältester Freund, sondern ihre andere Hälfte.

»Ist es zu seltsam, das mit uns beiden?«, fragte sie, bevor sie es sich verkneifen konnte. Sie hatte auf diesem ungewohnten Territorium der Intimität noch keinen sicheren Halt gefunden.

»Es ist total seltsam«, erwiderte er sofort. Quin gefiel diese Antwort ganz und gar nicht, doch Shinobu zog ihre Hand an seine Brust, bevor sie etwas sagen konnte, küsste ihre Handfläche und flüsterte: »Ich wollte schon so lange mit dir zusammen sein und jetzt bist du da.«

Die Worte und das Gewicht seiner Hand erfüllten sie mit Wärme. »Aber … all diese Mädchen aus Corrickmore …«, sagte sie. In Shinobus Leben hatte es immer jede Menge Mädchen gegeben. Sie hatte nicht ein einziges Mal den Eindruck gehabt, als würde er auf sie warten.

»Ich wollte, dass du eifersüchtig auf diese Mädchen werden würdest, aber du hast sie gar nicht bemerkt.« Er sagte das nicht verbittert, er schüttete ihr einfach sein Herz aus. »Dich hat nur John interessiert.«

»Du hast trotzdem auf mich aufgepasst«, entgegnete sie leise. »Als John das Anwesen angriff … und in Hongkong … auf der Traveler … Du passt immer auf mich auf.«

»Weil du zu mir gehörst«, flüsterte er zurück.

Sie sah ihm ins Gesicht und merkte, wie sich ein schläfriges Lächeln darauf ausbreitete. Er schob ihre Hand näher zu seinem Herzen und hielt sie dort. Sie wandte sich ihm auf dem Bett zu, weil sie dachte, es wäre vielleicht an der Zeit, sich noch einmal zu küssen …

»Au!«, keuchte er.

»Was ist? Habe ich …«

»Es ist … an deiner Hüfte.«

»Tut mir leid! Das ist der Athame.«

Quin rutschte etwas von ihm weg und zog den Steindolch aus seinem Versteck an ihrem Bund, wo er gerade gegen Shinobus Hüftknochen gestoßen war.

»Aha, dort ist er also«, sagte er und nahm ihr das uralte Werkzeug aus der Hand. »Ich habe viel darüber nachgedacht, während ich im Halbschlaf hier gelegen habe – oder vielleicht eher davon geträumt.«

Der Athame war etwa so lang wie Quins Unterarm und trotz seiner Dolchform ziemlich stumpf. Sein Griff bestand aus vielen aufeinanderliegenden runden Einstellringen, die alle aus demselben bleichen Stein bestanden. Dieser spezielle Athame gehörte den Dreads. Die junge Dread hatte ihn nach dem Absturz der Traveler Quin gegeben und irgendwie unterschied er sich von den anderen Athames, die sie und Shinobu während ihrer Seeker-Ausbildung gesehen hatten – er war zierlicher und raffinierter gearbeitet.

Mit einer geübten Bewegung drehte Shinobu an den Einstellringen des Steindolchs, sein Infusionsschlauch folgte den Bewegungen seiner linken Hand und hüpfte dabei auf und ab. »Er hat mehr Einstellringe, deshalb kann man damit bestimmt die Orte genauer auswählen als mit anderen Athames, meinst du nicht auch?«

Quin nickte. Sie hatte in dem stillen Krankenhauszimmer Stunden damit verbracht, diesen Athame zu untersuchen. Wie auf allen Athames war auf jedem Einstellring eine Reihe von Symbolen eingraviert. Wenn man an den Einstellringen drehte, konnte man diese Symbole in scheinbar endlos vielen Varianten aneinanderreihen. Jede Kombination stellte einen Koordinatensatz dar – einen Ort, an den ein Seeker mithilfe des alten Werkzeugs reisen konnte. Die zusätzlichen Einstellringe auf diesem speziellen Dolch bedeuteten tatsächlich, dass man diese Orte mit sehr viel größerer Präzision auswählen konnte. Während ihres Kampfes auf der Traveler hatten ihn die Dreads dazu benutzt, um auf das sich bewegende Luftschiff zu gelangen. Diese Meisterleistung wäre mit keinem der anderen Athames möglich gewesen. Nur der Athame der Dreads konnte einem Zutritt zu einem sich bewegenden Ort verschaffen.

Während sie beobachtete, wie Shinobu den Dolch eingehend studierte und die Einstellringe so gekonnt drehte, beschloss Quin, dass es keinen Grund gab zu warten; er war wach genug, um mehr zu hören. Sie zog das ledergebundene Buch aus der Tasche und hielt es ihm hin.

»Ist das …?«, fragte er.

»Es ist heute Nachmittag gekommen.«

Es war eine Kopie des Tagebuchs, das Johns Mutter, Catherine, gehört hatte. Quin hatte das Originaltagebuch dabeigehabt, als sie und Shinobu in dieser verrückten Nacht vor zwei Wochen mit dem Fallschirm auf der Traveler gelandet waren, aber sie hatte es verloren – beziehungsweise John hatte es während der wilden Auseinandersetzung auf dem Luftschiff gefunden und an sich genommen.

Diese Kopie hatte Quin vor Wochen in Hongkong gemacht, bevor sie nach London gekommen waren. Ihre Mutter Fiona war beim Absturz ebenfalls auf der Traveler gewesen und danach im Krankenhaus. Vor ein paar Tagen war Fiona nach Hongkong zurückgekehrt und das Erste, was sie nach ihrer Ankunft getan hatte, war, die Kopie des Tagebuchs an Quin zu schicken. Sie hatte die Seiten auch in Leder gebunden, sodass es nun in Größe und Form sogar Catherines Original entsprach.

Quin blätterte darin herum, während Shinobu ihr über die Schulter schaute.

»Einiges davon ist schon so alt, dass ich es nicht so richtig entziffern kann, aber in den Teilen, die ich lesen kann, geht es um verschiedene Seeker-Clans.«

»Andere außer unseren?«

»Ja, aber auch um unsere«, antwortete sie.

Während Quin und Shinobu auf dem schottischen Anwesen lebten und aufwuchsen, wussten sie die ganze Zeit – theoretisch –, dass es früher einmal viele andere Seeker-Clans dort gegeben hatte. Praktisch sah es jedoch so aus, dass sie immer nur Mitgliedern ihres eigenen Clans begegnet waren. Quins Clan, dessen Symbol ein Widder war, und Shinobus – dem Clan des Adlers. John stammte aus einem anderen Seeker-Clan, doch seine Familie war bereits zerfallen und zum großen Teil noch vor ihrer Geburt verschwunden. Quin und Shinobu hatten keine Gedanken an seine Vorfahren – oder an die von jemand anderem – verschwendet. Quins Vater, Briac, hatte sogar die Insignien der anderen Clans vom Anwesen entfernt.

Andere Seeker-Familien waren für sie kaum mehr als ferne Geschichte. Sie waren Teil der alten Sagen, die Shinobus Vater ihnen erzählt hatte, als sie noch Kinder waren – über Seeker, die grausame Könige gestürzt, Mörder gejagt, Verbrecher von mittelalterlichen Ländereien verjagt und in der Geschichte eine gute Macht dargestellt hatten. Wenn …, dachte Quin wütend, da überhaupt irgendetwas dran war. Sie waren in dem Glauben aufgewachsen, dass Seeker edel waren, doch Briac hatte ihre Welt verändert. Er hatte ihre alten Werkzeuge und ihre besonderen Fähigkeiten dazu benutzt, die Seeker in so etwas wie gedungene Mörder zu verwandeln, die dem Geld hinterherjagten und ihre Macht ausnutzten, und Quin konnte sich nur fragen: Wie lange ging das schon so?

»Wir wissen, dass Catherine und John zum Clan des Fuchses gehörten.« Quin blätterte weiter, bis sie zu einer Seite kam, auf der oben die schlichte, elegante Zeichnung eines Fuchses zu sehen war. Unter dem Bild befanden sich Abschnitte in einer kleinen, ordentlichen mädchenhaften Schrift, die sich über mehrere Seiten hinzog. »Hier geht es um die älteren Mitglieder vom Clans des Fuchses«, stellte sie fest und strich mit dem Finger über eine Liste von Namen, Daten und Orten. »Catherine schrieb über ihre Großeltern und Vorfahren. Sie hat versucht zu erfassen, wo jeder war und was mit allen passiert ist.«

»Mit Catherine meinst du Johns Mutter?«, fragte Shinobu.

Quin nickte. »Das ist ihre Schrift. Siehst du?«

Sie blätterte ganz zum Anfang des Tagebuchs. Unter dem Deckblatt befand sich eine kleine Inschrift in derselben Handschrift auf einer ansonsten leeren Seite:

Catherine Renart, eine Reisende

»Eine Reisende?«

»So bezeichnet sie sich hier selbst. Ihre Handschrift taucht überall im Tagebuch auf. Aber in den früheren Einträgen bin ich auch auf viele andere Handschriften gestoßen.«

»Okay … du hast das Buch also gerade erst bekommen und das Erste, was du dir anschaust, ist Johns Familie?«, fragte er, stieß dabei jedoch den Kopf auf dem Kopfkissen leicht gegen ihren, um seinen Worten die Spitze zu nehmen.

Sie verdrehte die Augen und schubste ihn sanft mit dem Ellbogen an. »Das liegt daran, dass ich immer noch total in ihn verliebt bin. Offensichtlich.«

»Ich wusste es«, flüsterte er und zog sie näher zu sich heran.

Quin dachte darüber nach, das Buch wieder zuzuklappen, aber Shinobu betrachtete es so aufmerksam – sie wollte, dass er es sich noch ein wenig genauer ansah, bevor er wieder abdriftete.

»Ich habe mich zuerst mit Johns Familie befasst, weil seine Mutter die besten Notizen über seinen Clan hinterlassen hat«, erklärte sie und versuchte, vorübergehend all die Stellen zu ignorieren, an denen ihr Bein, ihr Arm und ihre Schulter Shinobu berührten. »Aber es sieht so aus, als hätte Catherine lange Zeit versucht, den Spuren aller Seeker-Clans nachzugehen. Sie wollte wissen, wohin sie alle verschwunden waren.«

»Und wohin sind sie verschwunden?«, fragte Shinobu.

»Das ist immer noch die Frage.« Quin blätterte durch das Tagebuch. »Wenn ich das alles gelesen habe, werden wir vielleicht ein paar Antworten bekommen.«

»Quin.«

Shinobu versuchte vergeblich, sich ein wenig aufzusetzen, und sank schließlich auf das Bett zurück. Er griff wieder nach ihrer Hand und sah sie ernst an.

»Quin, was genau machst du da eigentlich?«, fragte er.

Sie blickte auf das Tagebuch hinunter und schlug es zu. »Ich dachte, wir sollten nachverfolgen …«

»Wir sind keine Seeker-Lehrlinge mehr«, sagte er zu ihr. »Wir sind deinem Vater und John entkommen. Wenn ich aus dem Krankenhaus entlassen werde, müssen wir nicht irgendwer sein. Wir könnten zusammen irgendwohin gehen und einfach leben.«

Quin schwieg eine Weile und dachte darüber nach. Es klang herrlich, was Shinobu ihr da anbot: die Aussicht auf eine unkomplizierte Zukunft. Er hatte sich den Athame auf die Brust gelegt, seine linke Hand schützend darüber. Quin legte ebenfalls ihre Hand darauf, spürte den kalten Stein und die Wärme seiner Hand. Warum konnten sie nicht irgendwohin gehen und einfach leben – wie ganz normale Menschen? Ihr Leben als Seeker würde doch ohnehin niemals so sein, wie man es ihnen in ihrer Kindheit versprochen hatte: Das war eine Lüge gewesen. Warum also nicht etwas ganz anderes werden?

Doch sie kannte die Antwort bereits.

»Die junge Dread hat diesen Athame in meine Obhut gegeben – für eine Weile zumindest«, sagte sie zu ihm. »Sie wollte, dass ich ihn nehme.«

»Das heißt aber nicht, dass wir ihn auch benutzen sollen«, erwiderte er sanft.

»Vielleicht doch.«

Er betrachtete sie für einen langen Moment, dann fragte er: »Was möchtest du denn tun, Quin?«

Shinobu sah müde aus, doch sein Blick hatte diese Intensität, die so charakteristisch für ihn war. Was immer sie jetzt sagen würde – Quin wusste, dass er ihr seine unerschütterliche Loyalität schenken würde, so wie er es immer getan hatte.

»Ich wurde dazu erzogen, ein Seeker zu werden«, flüsterte sie. »Ein wahrhaftiger Seeker. Jemand, der verborgene Pfade im Dort – im Dazwischen – findet, den richtigen Weg findet und alles zum Guten wendet.«

»Tyrannen und Übeltäter, nehmt euch in Acht …«, murmelte Shinobu. Das war einst das Motto der Seeker gewesen und Quins und Shinobus Mantra während ihrer Lehrzeit. »Ich habe mir gewünscht, dass das wahr wäre«, sagte er.

Quin blätterte zur letzten Seite des Tagebuchs, wo Catherine die drei Gesetze der Seeker in Druckbuchstaben notiert hatte:

Ein Seeker darf einer anderen Familie nicht den Athame wegnehmen.

Ein Seeker darf keinen anderen Seeker töten, außer in Notwehr.

Ein Seeker darf der Menschheit keinen Schaden zufügen.

Ihr Vater hatte sich nicht die Mühe gemacht, ihr diese Gesetze beizubringen; sie hatte erst später von ihnen erfahren, durch die junge Dread. Doch das war der ursprüngliche Kodex der Seeker. Diesen Kodex zu brechen, konnte mit dem Tod bestraft werden.

»Früher einmal waren wir wahrhaftig«, flüsterte sie, während sie mit den Fingern die Worte nachfuhr. Sie dachte an den Nachmittag am Feuer, als die junge Dread – Maud – über die Geschichte der Seeker gesprochen hatte. »Es gab sehr viele gute Seeker. Jetzt ermordet mein Vater, wen er will – und zwar für Geld. John glaubt, für seine Familienehre zu kämpfen, aber dafür ist er bereit, genau wie Briac zum Mörder zu werden.«

»Ja, das ist leider wahr«, stimmte Shinobu ihr zu.

»Wann also sind Seeker wie Briac geworden? Und wenn es noch mehr von uns gibt, wo sind sie jetzt?«

Sie blätterte zu den ersten Seiten des Tagebuchs zurück. Dort schien es sich um eine uralte Handschrift zu handeln; der Eintrag war sehr eng geschrieben und voller Tintenkleckse, sodass Quin nur wenig entziffern konnte – außer dem Wort »Dread«, das häufig vorkam. Diese frühen Seiten waren offenbar Briefe und Notizen, die von anderen Leuten in der fernen Vergangenheit verfasst und dann von Catherine in dieses Buch geklebt worden waren.

»Es sieht so aus, als ginge es in der ersten Hälfte um die Dreads. Als wären sie näher an den Anfängen der Seeker dran. Und dann sind da noch Catherines eigene Einträge … sie war auf der Suche nach anderen Seeker-Clans und versuchte herauszufinden, wohin sie verschwunden sind.«

»Du glaubst, das Tagebuch könnte dir zeigen, ab wann alles schiefgegangen ist«, sagte er und erriet damit genau ihre Gedanken.

»Ich möchte herausfinden, wann das mit diesen unehrenhaften Seekern angefangen hat.«

Shinobu ließ den Finger über die Seite des Steindolchs gleiten, als würde er ihn messen oder vielleicht über all das nachdenken, wofür er stand. »Und dann kannst du alles zum Guten wenden?«, flüsterte er schließlich.

»Ja«, sagte sie. »Vorausgesetzt, das ist überhaupt möglich.«

Sie spürte, wie Shinobu nickte, sein Kopf bewegte sich an ihrem, doch sie merkte, dass sein plötzlicher Energieschub allmählich verpuffte.

»Das will ich auch«, sagte er.

Sie schlug das Tagebuch zu und legte es auf seine Brust. Seine Hand lag auf ihrer, die oben auf dem Buch lag; seine Haut fühlte sich fast fiebrig an. Ihr langes Gespräch strengte ihn an.

»Weißt du noch, wie das mit uns angefangen hat?«, murmelte er dicht an ihrem Ohr.

»Ja«, sagte sie leise. »Es war auf der Wiese des Anwesens. Dort hast du mich geküsst, als wir neun waren.«

Seine Augen waren halb geschlossen, doch sein Gesicht verzog sich zu einem Lächeln und sie spürte seinen schläfrigen Blick auf sich. »Ich hätte nicht gedacht, dass du dich daran erinnerst.«

»Ich fand Küssen damals eklig.«

»Und wie findest du es jetzt?«

Sie spürte, wie auch ihre Lippen ein Lächeln umspielte. »Ich könnte der Küsserei eine zweite Chance geben.«

Shinobu schob seinen Arm unter sie und zog sie an sich. Quins Lippen trafen die seinen und ihr ging auf, dass sie darauf schon seit zwei Wochen gewartet hatte. Als er sich jedoch zu ihr drehte, um seinen anderen Arm um sie zu legen, stieß er einen Schmerzensschrei aus.

»Shinobu?«

Seine Arme wurden schlaff und sein Kopf rollte zurück auf das Kissen. Es dauerte einen Augenblick, bis Quin klar wurde, dass das Schmerzmittelreservoir an seinem Bauch gerade eben eine ordentliche Dosis freigesetzt hatte. Mit geschlossenen Augen lag er neben ihr, ein Lächeln auf seinen Lippen, den einen Arm immer noch unter ihr.

Sie lehnte ihren Kopf an seinen und lachte leise. »Tut mir leid.«

Es war spät und sie war schon lange wach. Nachdem sie das Tagebuch in ihrer Jackentasche und den Athame an ihrer Taille verstaut hatte, zog sie Shinobu noch ein wenig an sich und ließ zu, dass ihr ebenfalls die Augen zufielen.

KAPITEL 2

QUIN

John war da, in Quins Traum. Sie erkannte ihn so klar und deutlich, wie er da vor ihr stand – war das wirklich ein Traum? Sie sah schließlich jedes Detail seines Gesichtes und seines Körpers, beleuchtet vom Mondschein.

Es war kalt. Sie waren draußen. Sein Atem bildete Wölkchen in der Luft. Auch sie selbst spürte die schneidende Kälte, die in jeden Muskel eindrang. Und doch gelang es ihr, diese Unannehmlichkeit zu ignorieren und das Gefühl der Kälte auf Distanz zu halten, als wäre es gar nicht da. John schenkte der eisigen Luft ebenfalls keine Beachtung; er trug nur ein dünnes Unterhemd und Shorts und fröstelte nicht einmal.

Er war ein ganzes Stück von ihr entfernt, aber Quin konnte trotzdem eine kleine Wunde an seiner Schulter ausmachen, als würden ihre Augen in diesem Traum sehr viel weiter sehen als im normalen Leben. Briac hat auf dem Luftschiff auf ihn geschossen, fiel ihr wieder ein. Und dort hat ihn die Kugel getroffen. Sie selbst hatte eine ähnliche Wunde – eine, die John ihr zugefügt hatte, damals, als er alle, die sich auf dem schottischen Anwesen aufhielten, angegriffen hatte.

Sie fragte sich, weshalb sie keinen Hass empfand, als sie zu John hinübersah. Er hatte sie und diejenigen, die sie liebte, so viele Male verletzt, um zu bekommen, was er wollte. Doch in diesem Traum – wenn es denn ein Traum war – empfand sie weder Hass noch Liebe, bloß Nachsicht.

John fing an zu laufen und sie warf Gegenstände nach ihm, ihre Arme bewegten sich mit einer Geschwindigkeit, der ihr Verstand kaum folgen konnte. Sie spürte, wie ihre Muskeln auf ihre mentalen Befehle blitzartig reagierten, sie warf und warf mit einer Geschwindigkeit und Kraft, die sie im Wachzustand niemals gehabt hätte …

»Er hat uns angelogen«, sagte eine Kinderstimme irgendwo in der Nähe. »Unser Meister ist nicht hier.«

»Sein Athame ist hier!«, zischte eine andere Stimme nahe an Quins Gesicht. »Sieh nur! Wie kann das sein?«

»Wirst du ihn dir holen?«

Der Geruch von toten Nagetieren stieg Quin in die Nase.

Sie riss die Augen auf. Sie lag auf dem Krankenhausbett neben Shinobu und noch jemand war da und beugte sich über sie. Schmutzige Hände glitten über ihren Hosenbund.

Quin riss die Arme nach oben, als ihr klar wurde, was da gerade passierte, und schlug den Eindringling weg. Er taumelte nach hinten, stürzte sich aber rasch wieder auf sie. Quin packte ihn an den Schultern und schob ihn von sich weg, als seine Hände an ihrer Taille rissen.

»Gib ihn zurück!«, zischte der Angreifer. Seine Nähe füllte ihre Nase wieder mit dem überwältigenden Gestank toter Tiere.

Er war hinter dem Athame her. Der Griff war noch sichtbar, auch wenn Quin den Athame im Hosenbund versteckt hatte, bevor sie neben Shinobu eingeschlafen war. Der Eindringling würde ihn gleich zu fassen bekommen.

Sie presste die Hände stärker gegen seine Schultern, um ihn in Schach zu halten.

»Hör auf!«, fauchte er.

Der Junge war stark. Jetzt änderte er seine Taktik und griff stattdessen nach ihrer Kehle.

Er war jünger, als sie zuerst gedacht hatte, fünfzehn vielleicht; er hatte intelligente, grausame Augen, die schwarz wie Kohle waren, und verfilztes Haar, das dunkelbraun sein mochte, aber so schmutzig war, dass es grau wirkte. Seine Finger bewegten sich tastend über ihren Hals, während sie sich bemühte, ihn wegzustoßen.

Quin ließ ihren Blick durch das Zimmer schweifen. Da war noch jemand. Ein Junge – deutlich jünger als der erste, vielleicht zwölf – trat in dem dämmrigen Nachtlicht von einem Fuß auf den anderen und wartete offensichtlich auf eine Gelegenheit zu helfen. Er hatte Sommersprossen und hellere Haut, war aber genauso schmutzig wie sein Begleiter.

Der ältere Junge stemmte sich mit seinem ganzen Gewicht gegen Quins Arme und seine Hand glitt vollends um ihren Hals. Wütend und triumphierend blickte er auf sie hinunter, als gehörte es zu seinen Lieblingsfreizeitbeschäftigungen, Leute zu würgen, und als könne er es gar nicht abwarten, endlich damit anzufangen. Er zog die Lippen zurück und entblößte schmutzige schwarze Zähne.

Quin rutschte zur Seite, wobei sie darauf achtete, nicht gegen Shinobu zu stoßen, der immer noch unter Betäubung zu stehen schien und schlief. Sie hob die Füße vom Bett, zog die Beine an und kickte damit gegen die Brust des älteren Jungen – und zwar so heftig, dass er gegen den Infusionsständer stieß und mit ihm zu Boden stürzte, während sie auch schon auf die Füße sprang.

»Shinobu!«, zischte sie. Mit einer raschen Bewegung zog sie ihr Peitschenschwert aus seinem Versteck unter ihrem T-Shirt und ließ es aufschnappen. Sie ließ ihr Handgelenk kreisen, um die Waffe in die Form eines langen, breiten Schwertes zu bringen, und das ölige schwarze Material formierte sich entsprechend und wurde fest.

Der Jüngere der beiden, der mit den Sommersprossen, sprang auf sie zu, dann wieder weg, als sie mit der Waffe nach seinem Gesicht schlug. Keiner der Jungen zeigte sich überrascht über das Auftauchen ihres Peitschenschwerts.

»Was ist?«, murmelte Shinobu und rieb sich über seine Hand – als der Ständer umstürzte, war auch der Infusionsschlauch herausgerissen worden.

Der kleinere Junge zog eine Waffe, und Quin merkte schockiert und einen Augenblick zu spät, dass er auch ein Peitschenschwert hatte. Sie hob ihr Schwert, um ihn abzuwehren, verfehlte ihn jedoch. Irgendwie glitt das Schwert des Jungen geradewegs an ihrem eigenen vorbei. Sie taumelte nach hinten, ihr Arm hatte direkt unter dem Ellbogen einen Schnitt abbekommen.

»Haha«, sagte der Junge und stolperte rückwärts, als Quin sich erneut auf ihn stürzte. Der Ältere kam taumelnd und unsicher wieder auf die Füße.

Sie hatten Peitschenschwerter – waren sie Seeker? Quin glaubte das nicht: Ihr Kampfstil war kühn, aber sehr wild und unkoordiniert. Und die beiden waren so schmutzig und ungepflegt. Aber was konnte sie schon über andere Seeker wissen? Ihr Vater hatte ihr ja sogar deren schiere Existenz verheimlicht.

Wer immer diese Jungs waren, ihre kämpferischen Fähigkeiten waren erstaunlich gut. Nach einer raschen Einschätzung kam Quin dennoch zu dem Schluss, dass die beiden nicht besser waren als sie selbst; am Ende würde sie beide schlagen. Doch Shinobu lag ungeschützt in diesem Krankenhausbett, wo sie ihn verletzen konnten, wenn sie es darauf anlegten. Sie musste diesen Kampf schnell beenden.

»Hilfe!«, rief sie, während sie sich auf die Tür zubewegte. »Hilfe!«

Shinobu hatte sich heftig blinzelnd auf den Ellbogen gestützt und versuchte zu begreifen, was da gerade vor sich ging. Quin sorgte dafür, dass die Jungen das nicht bemerkten, und bewegte sich weiter in Richtung Tür. Die beiden folgten ihr und in dem Moment, als sie sich gleichzeitig auf sie stürzten, sah Quin, weshalb ihre Peitschenschwerter zuvor an ihr vorbeigeglitten waren: Die Waffen der Jungen waren nur halb so lang wie üblich. Selbst wenn sie schmal und vollständig ausgefahren waren, so wie jetzt, waren ihre Schwerter nicht länger als Quins Unterarm, und die Spitzen waren nicht so spitz, wie sie sein sollten. Sie sahen aus wie Peitschenschwerter, die sehr unelegant halbiert worden waren.

»Ihr habt wohl ein Peitschenschwert zusammen?«, fragte sie und schwang ihres weit und schnell, um sich beide vom Hals zu halten. »Sind das zwei Hälften desselben Schwertes? Seid ihr auch jeder nur ein halber Mensch?« Sie sprach weiterhin laut und provozierend, als wäre sie eine Kämpferin, die ihre Gegner gern mit spöttischen Sprüchen ködert. In Wahrheit versuchte sie, Shinobu aufzuwecken und auch das Krankenhauspersonal auf der anderen Seite der Tür auf sich aufmerksam zu machen, gleichzeitig jedoch dafür zu sorgen, dass die Blicke der Jungen weiterhin auf sie geheftet waren. »Wenn ihr zwei Hälften derselben Person seid, könnte dann nicht wenigstens einer von euch lernen, wie man sich wäscht?« Ihr Geruch erfüllte den ganzen Raum.

»Wenigstens sind wir keine Diebe«, sagte der Kleine; er lächelte gehässig und entblößte dabei seine schmutzigen Zähne, die wie die des älteren Jungen mit Ruß beschmiert zu sein schienen. »Gib uns den Athame, der unserem Meister zusteht!«

Der ältere Junge schlug mit heimtückischem Geschick nach ihr, doch Quins größere Waffe wehrte seine Schläge rasch ab und er prallte gegen seinen Begleiter.

Sie drehte sich zur Tür.

Und entdeckte ihren Vater, der sie mit unbewegter Miene anstarrte.

Briac Kincaid hatte sich in der dunklen Nische neben der Zimmertür versteckt gehalten. Nun zog er sein eigenes Peitschenschwert und versperrte die geschlossene Tür. Eine Handvoll bunter Funken tanzte um seinen Kopf.

Funken.

Bevor sie über irgendetwas davon nachdenken konnte, ließ Briac sein Schwert aufschnappen und erhob es gegen sie.

Quin zögerte.

Diesen kurzen Moment nutzten die beiden Jungen, um sich von hinten auf sie zu stürzen. Im selben Augenblick krachte ein Metalltablett gegen den Kopf des größeren, sodass er taumelte. Shinobu war hinter ihm aufgetaucht, seinen Infusionsschlauch in einem langen Wirrwarr hinter sich herziehend. Er schwang das Tablett ein zweites Mal und es krachte gegen die Schläfe des älteren Jungen, woraufhin dieser zu Boden ging. Nun griff der kleinere Junge Shinobu an, doch der benutzte das Tablett nun als Schild, während das halbe Peitschenschwert wieder und wieder dagegenklirrte. Quin konnte nur erahnen, wie viel Betäubungsmittel bei jeder Erschütterung in Shinobus Blut gepumpt wurde.

Sie sah, wie ihr Vater mit dem Schwert gegen sie ausholte, und drehte sich, um den Schlag zu parieren. Briac blockierte noch immer die Tür. Auf der anderen Seite waren gedämpfte Schreie zu hören – Krankenhauspersonal versuchte hereinzukommen.

»Dummes Weib! Fiona!«, fauchte er. »Gib den Athame zurück.«

Es war schon seltsam, ihren Vater hier anzutreffen, aber noch seltsamer war es, dass er sie auf diese Art und Weise ansprach.

Shinobu schlug dem kleineren Jungen das Tablett geradewegs ins Gesicht und streckte ihn damit nieder, doch auch Shinobu brach daraufhin zusammen.

Quin traf rasch eine Entscheidung. Sie machte einen Satz von ihrem Vater weg, der an der Tür festgeklebt zu sein schien, und packte Shinobu an seinem Oberteil. Sie schleifte ihn quer durch das Zimmer und brachte das Bett zwischen sie beide und ihre Angreifer. Das Fenster war direkt hinter ihr.

Die beiden Jungen versuchten, vor der nächsten Attacke wieder in die Senkrechte zu gelangen, auch wenn sie offenbar beinahe bewusstlos geschlagen worden wären.

»Halt sie mir vom Hals, wenn du kannst!«, sagte Quin zu Shinobu, der sich nur mit Mühe aufrecht halten konnte.

Krankenhauspersonal hämmerte an die Tür, doch Briac schaffte es, sie geschlossen zu halten.

Quin zog den Athame von ihrer Taille.

»Wag es bloß nicht!«, schrie der ältere Junge beim Anblick des Athame. Er hatte es geschafft, sich auf die Knie zu stemmen, und schüttelte sich, als versuchte er, wieder klar im Kopf zu werden. »Du darfst diesen Athame nicht benutzen! Es ist dir verboten!«

»Ich kann nicht mehr stehen«, sagte Shinobu. Er neigte sich zur Seite.

»Deine Implantate betäuben dich«, flüsterte Quin. »Dagegen hilft Adrenalin. Stell dir vor, du würdest gleich gegen sie kämpfen!«

Sie stellte die Einstellringe des Athames, so gut es ging, ein – sie waren anders, als sie es gewohnt war.

Inzwischen waren beide Jungen wieder auf den Beinen. Shinobu hielt sich aufrecht und trat schwankend gegen die Bremsen der Räder am Krankenhausbett. Dann rollte er das Bett direkt auf die Jungen zu.

Quin schnippte das Peitschenschwert aus dem Handgelenk nach vorne und machte es kurz und breit, dann drehte sie sich um und schlug damit das Fenster ein. Es zerbrach und die kalte Nachtluft strömte ins Zimmer.

Sie drückte auf einer Seite der Athame-Klinge mit dem Daumen nach unten und ein langer, schmaler Stab aus Stein löste sich mit einem leisen Klicken von der Klinge. Es war der Blitzstab des Athames, sein Partner und notwendiges Gegenstück, das Objekt, das den alten Dolch zum Leben erwecken würde.

Sie schlug den Blitzstab gegen den Athame und ein tiefes, durchdringendes Vibrieren erfüllte die Luft. Möbel begannen zu scheppern. Das Hämmern an der Tür verstummte, als sich das Vibrieren über das Krankenhauszimmer hinaus verbreitete.

»Stopp!«, schrie der kleinere Junge; er griff nach dem Bett, um sich daran auf die Füße zu ziehen. »Er gehört dir nicht! Du bist eine Diebin!«

Quin hielt den bebenden Athame aus dem zerbrochenen Fenster und beschrieb damit einen großen Kreis unter dem Sims. Dort, wo sie diesen Kreis gezogen hatte, zerschnitt der Athame so leicht das Gewebe der Welt wie eine Flosse das Wasser des Ozeans. Dabei wurden Ranken aus Hell und Dunkel sichtbar und diese schlängelten sich voneinander weg, um einen Durchgang zu bilden, eine Anomalie, die vor Energie summte. Auf der anderen Seite des Durchgangs lag Dunkelheit.

»Steig auf den Sims!«

Sie schob Shinobu an das offene Fenster, hielt aber ihren eigenen Blick von der Aussicht abgewandt. Die vierzig Stockwerke unter ihnen bereiteten ihr Schwindel.

Die Tür hinter Briac erbebte unter einem weiteren Ansturm von außen. Quin sah, dass sich ihr Vater anstrengen musste, um sie geschlossen zu halten.

Mühsam kletterte Shinobu auf die Fensterbank, Quin hielt ihn von unten.

»Schaffst du es, das Gleichgewicht zu halten?« Sie versuchte, nicht daran zu denken, dass er hinunterstürzen könnte.

»Ja, alles in Ordnung«, flüsterte er. Dann taumelte er nach vorne und fiel direkt in die Anomalie. Quins Magen sackte ab, als sie ihm dabei zusah. Dann sprang sie selbst auf die Fensterbank. Die Straßen Londons weit unter ihr schienen sich zu neigen und zu schwanken.

Ich habe Höhenangst, stellte sie fest. Schlimmer noch: Sie hatte absolute Panik! Diese Angst war ihr völlig neu und in diesem Augenblick total lästig.

Der ältere Junge schwankte durch das Zimmer auf sie zu, in seinen dunklen Augen stand Wut.

»Ich werde dich schon noch in deine Schranken weisen!«, schrie er.

Ein lautes Krachen ertönte und beide Jungen drehten sich zur Tür des Krankenzimmers um. Briac war endlich zur Seite geschubst worden und uniformierte Wachen stürmten ins Zimmer.

Quin wandte sich der Nacht zu und warf einen kurzen Blick auf die Lichter Londons, die sich vor ihr und unter ihr ausbreiteten. Dann verschwamm die Aussicht und ihr Magen hob sich. Sie fiel durch die kalte Luft, durch die Anomalie, die sie vom Hier ins Dort erschaffen hatte.

KAPITEL 3

SHINOBU

Shinobu trieb im Drogennebel davon. Er war aus dem Fenster geglitten und es war ihm gelungen, an die richtige Stelle zu fallen, sodass es sein ganzer Körper durch die Anomalie schaffte. Jetzt war er im Dort, hatte die gut beleuchtete Dunkelheit der Londoner Nacht hinter sich gelassen und war nun von dieser anderen Finsternis umgeben, die weitaus schwärzer war – ein karges leeres Nichts.

Er sollte den Zeitzauber sprechen, um konzentriert zu bleiben.

»Ich kenne mich selbst, ich kenne …«, begann er. Was kam als Nächstes? »Quin?«, krächzte er.

»Ich bin hier«, antwortete sie und packte ihn an der Schulter. Ihre Hand zu spüren, half ein wenig. »Halt dich an mir fest«, flüsterte sie. »Mir ist ein bisschen schwindlig.«

Shinobu war mehr als nur ein bisschen schwindlig, aber er ließ seine Hände an Quins Armen hinauf bis zu ihren Schultern wandern und hielt sich daran fest. So hatten sie auch ganz zuletzt auf diesem Wolkenkratzer in London dagestanden: eng zusammengeschirrt und kurz vor dem Fallschirm-Sprung hinunter auf die Traveler. Er musste damals seinen Freund Brian auf dem Dach des Gebäudes zurücklassen und stellte sich nun unwillkürlich vor, wie Brian ganz allein dort oben auf dem leicht schwankenden Gebäude gestanden hatte. Bestimmt hatte er sich gefragt, was um alles in der Welt nach diesem Sprung mit Shinobu passiert war.

Jetzt, in der Dunkelheit, konnte er beinahe hören, wie Brian sagte: Wo bist du gewesen, Barrakuda? Ich musste ganz allein nach Hongkong zurückfinden.

Shinobu blinzelte gegen die Betäubungsmittel an und wollte antworten: Ich weiß nicht so genau, wo ich bin, Barsch. Doch dann wusste er es plötzlich wieder. In der Dunkelheit konnte er die Umrisse von Quins Gesicht im schwachen Schein des Athames ausmachen, den sie in der Hand hielt. Dieser Athame – der Athame der Dreads – leuchtete heller als die anderen, die er bisher gesehen hatte, und sein Vibrieren war viel stärker, als würde er mehr Energie enthalten und lenken als jeder andere.

Sag den Zeitzauber auf!, befahl er sich selbst. Bevor es zu spät ist.

»Ich kenne mich selbst«, brachte er heraus.

»Ich kenne mich selbst«, flüsterte Quin neben ihm, »ich kenne mein Heim, ich weiß genau, woher ich kam, wohin ich will, und im geschäftigen Treiben dazwischen finde ich sicher zurück. Ich kenne mich selbst …«

Quin musste sie beide dieses Mal ohne Shinobus Hilfe hier durchziehen und er konnte nur hoffen, dass diese Worte Quins Verstand auf den Zeitstrom, den sie hinter sich gelassen hatten, ausrichten würden – denn sonst würde sie sich selbst im Dort verlieren, wo Zeit eigentlich nicht existierte.

Die Luft um ihn herum klang falsch, als wäre er in einem winzigen, schalldichten Raum und gleichzeitig in einer riesigen Höhle. Quin ließ ihn los und er hatte sich selbst trotz des Zeitzaubers schon so weit verloren, dass er befürchtete, sie könnte für immer weg sein. Dann sah er, wie sich ihre Finger über die Einstellringe des Athame bewegten. Sie war direkt neben ihm.

»Wohin gehen wir?«, fragte er. Seine Stimme war dünn und gedehnt. Wie lange waren sie schon hier? Sekunden? Stunden?

»Hongkong«, flüsterte sie. »Ich hoffe, dass ich gerade Hongkong einstelle.«

Ich sollte atmen, dachte er. Atme ich eigentlich? Bebend holte er Luft. Er konnte das sanfte Klicken der Einstellringe des Athames hören, doch die leisen, durchdringenden Geräusche drangen wie ein fernes, langsames Pochen an seine Ohren. Die Zeit verlangsamte sich. Wieder war ein Vibrieren zu hören, es war tief und grollend.

Ihre Hand war unter seinem Arm. Quin, du berührst mich, dachte er. Das reichte in diesem Moment aus, jegliche Angst im Zaum zu halten. Ihre Nähe war ein Anker in der Finsternis, der ihn zu sich selbst zurückholte. Die Zeit beschleunigte sich wieder, als sie eine weitere Anomalie schnitt. Die Finsternis riss auf, Ranken aus Licht und Dunkelheit schlangen sich ineinander und bildeten den Rand eines neuen, kreisrunden Durchgangs, dessen Energie nach außen floss, von der sie umgebenden Dunkelheit in die Welt auf der anderen Seite des Durchgangs.

Bäume und ein Morgenhimmel waren da draußen zu erkennen. Plötzlich konnte er Quin deutlich sehen, ihre dunklen Haare und Augen, ihr hübsches helles Gesicht und die Lippen, die ihn geküsst hatten, kurz bevor er eingeschlafen war.

»Kannst du gehen?«, fragte sie, während sie ihn über den wallenden Rand zog.

»Klar«, erwiderte Shinobu und fiel prompt hin.

KAPITEL 4

JOHN

Nachdem sie einiges von dem Schutt aus dem Hof der Burg gekehrt hatten, stand John jetzt am Rande dieser freien Fläche der jungen Dread gegenüber. Sie hatte sich in der Mitte des Hofes positioniert und sah ihn ebenfalls an. Ihr Körper war vollkommen reglos.

Es war weit nach Mitternacht. Der Mond stand tief an einem teilweise bewölkten Himmel; er warf lange dunkle Schatten auf den Boden und hob die Umrisse der verfallenen Burg hervor.

Und es war kalt. Die Temperaturen waren zwar noch nicht am Gefrierpunkt, aber nicht mehr weit davon entfernt.

Die junge Dread – oder Maud, wie er sie inzwischen nennen durfte – hatte John befohlen, sich bis auf die Unterwäsche auszuziehen und seine Schuhe abzulegen. Immer wenn John gerade anfing, sich mit seinem Trainingsplan ein wenig wohlzufühlen, fand Maud einen Weg, dafür zu sorgen, dass er sich wieder unbehaglich fühlte. Sein Atem bildete kleine Wölkchen in der Luft, während er auf ihren ersten Befehl wartete. Doch John hatte in den vergangenen Wochen gelernt, sich so gut zu konzentrieren, dass er seinen Körper davon abhalten konnte, vor Kälte zu zittern – zumindest für eine Weile.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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