Die Clans der Wildnis - Delia Golz - E-Book

Die Clans der Wildnis E-Book

Delia Golz

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Beschreibung

Der siebzehnjährige Elian führt ein scheinbar perfektes, aber auch ereignisloses Leben - behütet und wohlhabend im Villenviertel der Stadt. Als er sich jedoch in die Sklavin Andrina verliebt und sie von dem machthungrigen Morigan entführt wird, ändert sich das schlagartig. Elian beschließt daraufhin, sich gemeinsam mit seinem besten Freund Lysandro auf die Reise durch die Wildnis zu machen, in der vier naturverbundene Clans herrschen, um sich den dunklen Mächten zu stellen. Die beiden lernen eine neue Welt voller Abenteuer und Magie kennen, doch sie setzen sich auch ungeahnten Gefahren aus...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 502




Im­pres­s­um

1. Auf­la­ge 2020 Co­py­right © 2020 De­lia GolzTWEN­TY­SIX – der Self-Pu­blis­hing-Ver­lag Eine Ko­ope­ra­ti­on zwi­schen der Ver­lags­grup­pe Ran­dom Hou­se und BoD – Books on De­mand

Lek­to­rat/Kor­rek­to­rat: An­to­nia Jost

Um­schlag­ge­stal­tung: in­spi­ri­ted books Gra­fik­de­sign

Bild­nach­weis: stock.ad­o­be.com

E-Book Kon­ver­tie­rung: Con­stan­ze Kra­mer, co­ver­bou­tique.de

ISBN 9783740776510

Alle Rech­te vor­be­hal­ten. Das vor­lie­gen­de Werk darf we­der in sei­ner Ge­samt­heit noch in sei­nen Tei­len ohne vor­he­ri­ge schrift­li­che Zu­stim­mung der Recht­e­in­ha­ber in wel­cher Form auch im­mer ver­öf­fent­licht wer­den. Das be­trifft ins­be­son­de­re je­doch nicht aus­schließ­lich elek­tro­ni­sche, me­cha­ni­sche, phy­si­sche, au­dio­vi­su­el­le oder an­der­wei­ti­ge Re­pro­duk­ti­on oder Spei­che­rung und/oder Über­tra­gung des Wer­kes so­wie Über­set­zun­gen. Da­von aus­ge­nom­men sind kur­ze Aus­zü­ge, die zum Zwe­cke der Re­zen­si­on ent­nom­men wer­den.

De­lia Golz wur­de 1995 ge­bo­ren und lebt in der Nähe von Köln.

Schon als Kind hat sie es ge­mocht, sich Ge­schich­ten aus­zu­den­ken und ei­ge­ne Wel­ten zu er­schaf­fen.

Ne­ben dem Schrei­ben liebt sie Fahr­rad­tou­ren durch die Na­tur, das Le­sen und seit Kur­z­em auch das Bo­gen­schie­ßen.

Pro­log

Die schwü­le Luft treibt mir den Schweiß über den Rü­cken, wäh­rend mei­ne Mut­ter mich durch die Men­schen­men­ge des Fo­rums zerrt. Die wür­zi­gen Ge­rü­che und das La­chen der Men­schen wir­ken von al­len Sei­ten auf mich ein und las­sen mich gleich­zei­tig fürch­ten und stau­nen.

Heu­te, an mei­nem sieb­ten Ge­burts­tag, ha­ben mich mei­ne El­tern zum ers­ten Mal auf den gro­ßen Markt­platz mit­ge­nom­men, um mich lang­sam mit der Welt au­ßer­halb un­se­rer gro­ßen Vil­la be­kannt zu ma­chen.

Als wir uns dem Platz nä­hern, an dem Skla­ven ver­stei­gert wer­den, fällt mir plötz­lich ein klei­nes Mäd­chen ins Auge. Sie lehnt trau­rig mit dem Kopf an den Git­ter­stä­ben ih­res Kä­figs und war­tet dar­auf, ge­kauft zu wer­den. Men­schen ge­hen an ihr vor­bei und schät­zen sie wie ein Stück Vieh ab oder schen­ken ihr ein­fach kei­ne Be­ach­tung.

Ich zie­he mei­ner Mut­ter am Zip­fel ih­rer Tu­ni­ka und deu­te auf das Mäd­chen. »Darf ich zu ihr ge­hen?«

Et­was skep­tisch schaut sie das Kind an, nickt aber schließ­lich. »Na gut, aber mach bloß nicht die Skla­ven­händ­ler zor­nig. Nun geh schon.«

Fröh­lich hüp­fe ich zu dem Mäd­chen und lä­che­le es strah­lend an.

»Mein Name ist Eli­an, und wie heißt du?«

Zö­gernd schaut sie auf ihre Hän­de und über­legt ver­mut­lich, ob sie mir ih­ren Na­men ver­ra­ten soll.

Dann aber schenkt auch sie mir ein leich­tes Lä­cheln und ant­wor­tet: »Ich hei­ße An­dri­na.« Auf ein­mal ist ihr Lä­cheln wie weg­ge­wischt. »Aber mein Name ist für dich so­wie­so egal. Bald ge­hö­re ich je­mand an­de­rem und der nennt mich dann so, wie er es möch­te.«

Sie ver­gräbt ihr Ge­sicht in ih­ren Hän­den, und ich sehe eine Trä­ne durch ihre klei­nen Fin­ger si­ckern. Mir wird klar, wie hart es für sie sein muss, be­reits in die­sem Al­ter ei­nem sol­chen Schick­sal aus­ge­setzt zu sein.

Ich will noch et­was sa­gen, doch da höre ich mei­ne Mut­ter nach mir ru­fen. Et­was be­klom­men ren­ne ich zu ihr und dre­he mich noch ein letz­tes Mal zu An­dri­na um. Sie winkt mir leicht, und ich er­wi­de­re die Ges­te.

Dann fol­ge ich mei­ner Mut­ter durch die Men­schen­men­ge und stel­le mich dar­auf ein, das klei­ne Mäd­chen nie wie­der­zu­se­hen.

Ka­pi­tel 1

»Eli­an, hast du heu­te Lust, mich zu­hau­se zu be­su­chen?«, fragt mein Freund Ly­san­dro und schaut mich er­war­tungs­voll an.

»Muss das denn un­be­dingt heu­te sein?«, ent­geg­ne ich müde und er­in­ne­re mich schau­dernd an den ver­gan­ge­nen Schul­tag. Al­les hat­te sich so zäh­flüs­sig hin­ge­zo­gen, und ich will ein­fach nur noch ins Bett fal­len, um ta­ge­lang zu schla­fen.

»Ach, komm schon, bit­te. Wir ha­ben eine neue Skla­vin, die wirk­lich wun­der­bar kocht und«, er zwin­kert mir ver­schwö­re­risch zu, »auch noch sehr schön aus­sieht. Also gib dir einen Ruck, das kannst du dir doch nicht ent­ge­hen las­sen!«

»Na gut, du bist wirk­lich schreck­lich mit dei­ner Über­re­dungs­kunst!«, la­che ich und schla­ge Ly­san­dro freund­schaft­lich auf die Schul­ter. »Ich brin­ge nur noch kurz mei­ne Sa­chen nach Hau­se und kom­me dann so­fort zu dir.«

Schwer­fäl­lig schlep­pe ich mich durch das Vil­len­vier­tel und als ich zu­hau­se an­ge­kom­men bin, las­se ich mir von un­se­rer Skla­vin noch einen Krug Wein ge­ben.

Auf dem Weg zu Ly­san­dro läuft mir eine alte Freun­din mei­ner El­tern über den Weg und ohne, dass ich et­was da­ge­gen un­ter­neh­men kann, ver­wi­ckelt sie mich in ein Ge­spräch über das hei­ße Wet­ter. Da­bei in­ter­es­siert mich das nicht mehr als der Un­ter­richt des über­stan­de­nen Schul­ta­ges.

»Ich muss aber nun wirk­lich wei­ter, Jo­lett.« Ich deu­te viel­sa­gend auf den Krug in mei­ner Hand und bin plötz­lich sehr froh, dass ich ihn mit­ge­nom­men habe.

»Oh, das macht nichts, ich muss auch schnell nach Hau­se. Ach, fast hät­te ich es ver­ges­sen: Mein Mann und ich la­den dei­ne gan­ze Fa­mi­lie zu ei­nem Fest ein, das wir in drei Ta­gen fei­ern wol­len. Habt ihr Lust, zu kom­men?«

Ich kann wohl kaum ab­sa­gen, dar­um set­ze ich ein ge­zwun­ge­nes Lä­cheln auf und ant­wor­te höf­lich: »Aber sehr ger­ne, Jo­lett. Ich freue mich schon sehr dar­auf.«

Sie lä­chelt zu­rück und klopft mir dann auf die Schul­ter. »Wie schön, aber nun will ich dich nicht län­ger auf­hal­ten. Grüß dei­ne El­tern von mir.«

Als Jo­lett end­lich um die Ecke ver­schwun­den ist, seuf­ze ich tief und wi­sche mir den Schweiß von der Stirn. Ich habe die­se Frau schon im­mer als ner­vig emp­fun­den und bin froh, sie end­lich los zu sein. Zu­min­dest für drei Tage.

Ich be­schleu­ni­ge mei­ne Schrit­te und als ich end­lich vor Ly­san­dros Tür ste­he, öff­net mir so­fort die alte Haus­häl­te­rin. Ihre lü­cken­haf­ten Zäh­ne for­men ein Lä­cheln. Mit ih­ren grau­en Haa­ren, die ihr wild vom Kopf ab­ste­hen, und den kur­z­en krum­men Bei­nen ent­spricht sie nicht ge­ra­de dem Bild ei­ner per­fek­ten Die­ne­rin. Den­noch mag ich sie sehr ger­ne, denn sie ist für mich fast wie mei­ne ei­ge­ne Groß­mut­ter. Als Ly­san­dro und ich noch Kin­der wa­ren, hat sie uns stets bei ei­ner Tas­se Tee die fan­tas­tischs­ten Ge­schich­ten er­zählt.

Nun schiebt sie mich in das Ess­zim­mer, wo sich be­reits Ly­san­dros gan­ze Fa­mi­lie ver­sam­melt hat, und mein Freund deu­tet auf den Platz ne­ben sich, auf den ich mich set­zen soll.

»Gleich ser­viert sie das Es­sen«, flüs­tert er mir ins Ohr und igno­riert trot­zig mein Au­gen­ver­dre­hen.

»Du bist echt selt­sam, dass du für dei­ne ei­ge­ne Kü­chen­skla­vin schwärmst«, ent­geg­ne ich lei­se und neh­me einen Schluck aus mei­nem Kelch, wel­cher zu­vor von ei­ner Skla­vin be­füllt wor­den ist.

So­fort tre­ten mir die Trä­nen in die Au­gen, als ich fest­stel­len muss, dass es nicht Trau­ben­saft ist, der mir wie Feu­er die Keh­le hin­un­ter­rinnt. Ich will ge­ra­de nach mei­nem Was­ser­glas grei­fen, als mir Ly­san­dro den El­len­bo­gen in die Rip­pen stößt und zur Tür deu­tet, wo ge­ra­de die Kü­chen­skla­vin durch den Rah­men tritt.

»Das soll doch ein Witz sein«, flüs­te­re ich ihm zu und deu­te mit ei­ner leich­ten Kopf­be­we­gung auf das Mäd­chen, das un­si­cher in die Run­de blickt.

Mir wird so­fort klar, dass sich mein Freund wie­der ein­mal einen Spaß mit mir er­laubt hat. Das Mäd­chen hat trü­be Au­gen, die im­mer wie­der hoff­nungs­voll zu Ly­san­dro hu­schen, und ihr rund­li­cher Bauch deu­tet dar­auf hin, dass sie nicht ge­ra­de sel­ten von den von ihr ge­koch­ten Spei­sen nascht. Sie presst ihre dün­nen Lip­pen zu­sam­men, als sie mei­nen Blick auf­fängt, und au­gen­blick­lich schießt ihr die Röte ins Ge­sicht.

»Ist sie nicht hübsch?« flüs­tert mein Freund und prus­tet los.

»Nicht so laut, sie hört dich doch«, zi­sche ich und ver­spü­re Mit­leid mit dem Mäd­chen, das sich of­fen­sicht­lich in Ly­san­dro ver­liebt hat und sich ver­mut­lich falsche Hoff­nun­gen macht.

Glü­ck­li­cher­wei­se hört mein Freund auf zu la­chen, doch an dem Zu­cken sei­ner Mund­win­kel kann ich er­ken­nen, dass er es kaum schafft, sich zu­sam­men­zu­rei­ßen. In sol­chen Mo­men­ten kann ich über sein Ver­hal­ten bloß den Kopf schüt­teln, auch wenn ich weiß, dass er sonst ein gu­tes Herz hat.

»Fol­ge mir, Eli­an!«, flüs­tert mir das frem­de Mäd­chen zu und streckt die por­zel­l­an­fa­r­be­ne Hand aus.

Ihre gro­ßen blau­en Au­gen kom­men mir be­kannt vor und doch kann ich sie nie­man­dem zu­ord­nen. Ihr blon­des Haar strahlt in dem glei­ßen­den Licht so hell wie Ster­ne und macht mich fast blind. Und trotz­dem schaf­fe ich es nicht, mei­nen Blick von ihr los­zu­rei­ßen.

»Wie ist dein Name?«, fra­ge ich.

Doch sie lä­chelt mich bloß ge­heim­nis­voll an und ant­wor­tet lei­se: »Das Glei­che hast du mich schon mal ge­fragt, weißt du nicht mehr?«

Ein klei­ner Fun­ken von Er­in­ne­rung glüht in mir auf, er­lischt dann je­doch schnell wie­der, ehe ich einen kla­ren Ge­dan­ken fas­sen kann.

»Ich ... weiß es nicht mehr«, stam­me­le ich und sehe, wie ihr Lä­cheln er­lischt und das Strah­len aus ih­ren Au­gen weicht.

Plötz­lich löst sie sich auf, und tau­sen­de schwa­r­ze Schmet­ter­lin­ge er­he­ben sich an der Stel­le, wo sie ge­ra­de noch stand, in die Lüf­te. Ich schreie, als sich ei­ner auf mei­ne Hand setzt und die Haut an der Stel­le an­fängt, wie Feu­er zu bren­nen.

Auf ein­mal las­sen sich alle Schmet­ter­lin­ge auf mei­nen Kör­per nie­der, und ich spü­re, wie mei­ne Haut Bla­sen schlägt. Ent­setzt ver­su­che ich sie ab­zu­strei­fen, doch es ge­lingt mir nicht. Ich schreie im­mer lau­ter, wäh­rend mei­ne Haut ver­brennt.

Lau­ter, lau­ter, lau­ter …

»Wach auf, Eli­an!« Ich wer­de un­sanft an den Schul­tern ge­rüt­telt und schla­ge er­schro­cken die Au­gen auf, um ge­ra­de­wegs in das stren­ge Ge­sicht mei­nes Va­ters zu schau­en.

»Tut mir leid«, murm­le ich be­schämt und ver­wirrt. »Ich hat­te einen Alp­traum. Habe ich sehr laut ge­schri­en?«

Ich wei­che dem fun­keln­den Blick mei­nes Va­ters aus und fürch­te mich vor der Ant­wort.

»Das kann man wohl so sa­gen«, be­stä­tigt er mei­ne Be­fürch­tung mit stren­ger Stim­me. »Ich wet­te, man hat dich bis zum Fo­rum ge­hört. Ver­such dem­nächst, dich zu be­herr­schen, ehe du dich lä­cher­lich machst. Und nun steh auf, Jun­ge, dei­ne Mut­ter hat schon Früh­stück ge­macht.«

Seuf­zend stram­p­le ich mich aus der Bett­de­cke frei und schlur­fe mit nack­ten Fü­ßen über den kal­ten Bo­den. Am liebs­ten wür­de ich mich so­fort aus mei­nen Schlafsa­chen schä­len, da ich durch und durch nass­ge­schwitzt bin.

Als ich die Kü­che be­tre­te und mir der Duft von frisch ge­ba­cke­nem Brot in die Nase steigt, bes­sert sich mei­ne Lau­ne je­doch so­fort wie­der und das Was­ser läuft mir im Mund zu­sam­men. An­ders als in den meis­ten rei­chen Fa­mi­li­en kocht mei­ne Mut­ter selbst. Sie ist noch nie zu­frie­den da­mit ge­we­sen, was un­se­re da­ma­li­gen Kü­chen­skla­ven auf den Tisch zau­ber­ten. Ich bin al­ler­dings froh dar­über, da mei­ne Mut­ter eine be­gna­de­te Kö­chin ist.

Als sie ne­ben mich tritt und mir einen gu­ten Mor­gen wünscht, er­zäh­le ich ihr von Jo­letts Ein­la­dung. Die bei­den sind be­reits seit ih­rem neun­ten Le­bens­jahr mit­ein­an­der be­freun­det, ähn­lich wie Ly­san­dro und ich.

»Muss ich un­be­dingt da­bei sein?«, fra­ge ich schließ­lich mit ei­nem leicht ge­quäl­ten Ge­sichts­aus­druck. »Du muss­test ges­tern schließ­lich auch nicht mit zu Ly­san­dro kom­men.«

Mei­ne Mut­ter lacht tro­cken. »Hät­test du mich ge­fragt, wäre ich ger­ne mit­ge­kom­men.« Sie streicht mir ein paar mei­ner dun­kel­brau­nen Haar­sträh­nen aus der Stirn. »Und du kommst mit, auch wenn es dir nicht ge­fällt.«

Ich wei­che ih­rem sanf­ten Blick aus. Sie be­han­delt mich noch im­mer wie einen klei­nen Jun­gen, und das är­gert mich.

Wort­los gehe ich aus der Kü­che, aber nicht, ohne mir ei­nes von den duf­ten­den, noch war­men Bro­t­en zu schnap­pen, die ver­füh­re­risch in un­se­rem Brot­korb dar­auf war­ten, ge­ges­sen zu wer­den.

Wäh­rend ich auf dem Fo­rum ei­ni­gen Ar­tis­ten bei ih­ren Kunst­stü­cken zu­schaue, wird mir klar, was für ein gro­ßes Los ich im Le­ben ge­zo­gen habe. Ich habe rei­che El­tern, eine si­che­re Zu­kunft und ei­gent­lich al­les, was ich zum Glü­ck­lich­sein brau­che. Und den­noch fehlt mir ir­gen­d­et­was. Frei­heit. Manch­mal wür­de ich am liebs­ten raus in die Wild­nis lau­fen und die Welt er­for­schen. Weit weg von die­ser Stadt, in der ich auf­ge­wach­sen bin. Der ein­zi­gen Welt, die ich ken­ne.

Wäh­rend ich noch vor mich hin grü­bele, fällt mir auf, dass sich die Men­schen­men­ge zu­sam­mendrängt und auf­ge­reg­te Leu­te ein­an­der zu­flüs­tern. Neu­gie­rig mi­sche ich mich un­ter sie und ent­de­cke vor mir auf der Stra­ße eine Ka­ra­wa­ne von fins­ter drein­bli­cken­den Män­nern, wel­che schwa­r­ze Pfer­de ne­ben sich her­füh­ren. Ir­gen­d­et­was kommt mir je­doch selt­sam vor, bis ich er­ken­ne, dass die Pfer­de nur aus schwa­r­zem Ne­bel zu be­ste­hen schei­nen.

Scho­ckiert stel­le ich fest, dass dies ei­ner der fünf Clans sein muss, die weit au­ßer­halb der Stadt in der Wild­nis le­ben – der Clan der Dä­mo­nen­pfer­de.

Ein un­gu­tes Ge­fühl über­kommt mich, als mir klar wird, dass ich die­se Män­ner tief im Her­zen be­wun­de­re. Ob­wohl mich mei­ne El­tern aus­drü­ck­lich vor die­sen wil­den Men­schen ge­warnt ha­ben, las­se ich mich von der Men­ge nach vor­ne schie­ben, bis ich den mod­ri­gen Ge­ruch der Pfer­de in der Nase habe und nur die Hand ausstre­cken müss­te, um sie zu be­rüh­ren.

»Du da, Bur­sche! Wie ist dein Name?«

Er­schro­cken schaue ich nach oben und bli­cke ge­ra­de­wegs in die eis­kal­ten grau­en Au­gen ei­nes frem­den Man­nes. Sein Mund ver­zieht sich zu ei­nem bös­ar­ti­gen Grin­sen, als ich nicht ant­wor­te.

»Macht nichts. Viel­leicht wer­den wir noch­mal das Ver­gnü­gen ha­ben, wenn du dei­ne Stim­me wie­der­ge­fun­den hast.« Sein Blick ist so her­ab­las­send, dass ich mei­ne Wut nur mit Mühe her­un­ter­schlu­cken kann.

Un­auf­fäl­lig ent­fer­ne ich mich von dem Ge­sche­hen. Kaum au­ßer Sicht­wei­te, ren­ne ich los und blei­be erst we­ni­ge Me­ter vor mei­nem Haus ste­hen. Für einen Mo­ment hal­te ich noch nach Luft jap­send inne, ehe ich schließ­lich nach der ver­schnör­kel­ten Klin­ke un­se­rer Vil­la grei­fe.

Als mir je­doch mei­ne im­mer­zu be­sorg­te Mut­ter ein­fällt, be­schlie­ße ich, noch wei­ter durch die Stadt zu strei­fen – al­ler­dings nicht, ohne einen wei­ten Bo­gen um das Fo­rum zu ma­chen. Ich fra­ge mich, ob mei­ne El­tern Recht ha­ben und die Clans wirk­lich ba­r­ba­risch und grau­sam sind. Hin und wie­der habe ich von Über­fäl­len in den Wäl­dern ge­hört, doch bis­her dach­te ich im­mer, dass die Leu­te über­trei­ben. Um die Clans ran­ken sich so vie­le Ge­heim­nis­se, doch nie­mand in der Stadt möch­te über sie spre­chen.

Zu­erst über­le­ge ich, zu Ly­san­dro zu ge­hen, um ihm von all­dem zu er­zäh­len, doch dann wird mir klar, dass ich mit nie­man­dem re­den, son­dern ein­fach nur mei­ne Ge­dan­ken schwei­fen las­sen möch­te.

Wäh­rend ich lang­sam durch die mit glat­tem Stein ge­pflas­ter­ten Gas­sen des Rei­chen­vier­tels schlen­de­re, höre ich hin­ter mir plötz­lich Schrit­te. Ich dre­he mich um, und zu mei­nem Er­stau­nen steht ein Kind vor mir. Das Ge­sicht ist bis zu den Au­gen mit ei­nem wein­ro­ten Tuch ver­hüllt und zu­dem trägt es einen lan­gen schwa­r­zen Um­hang mit gro­ßer Ka­pu­ze. An­statt ein­fach an mir vor­bei­zu­ge­hen, schaut es mich durch­drin­gend mit gro­ßen blau­en Au­gen an, die eine sol­che Ernst­haf­tig­keit ausstrah­len, dass sich so­fort ein un­gu­tes Ge­fühl in mir breit­macht.

»Was ist los?«, fra­ge ich skep­tisch. »Willst du ir­gen­d­et­was von mir?«

Beim nä­he­ren Be­trach­ten bin ich mir fast si­cher, dass es sich um einen Jun­gen han­delt, der ver­mut­lich nicht äl­ter als zehn Jah­re alt ist.

Zu­erst den­ke ich, dass er viel­leicht ein Ta­schen­dieb ist, doch dann ver­wer­fe ich den Ge­dan­ken wie­der. Der Jun­ge, wenn es tat­säch­lich ei­ner ist, sieht nicht aus, als wür­de es ihm an Geld man­geln, doch auch nicht wie je­mand aus mei­ner Stadt. Sein Ge­wand ist aus ed­lem Stoff ge­fer­tigt, und au­ßer­dem trägt er eine etwa hand­flä­chen­gro­ße sil­ber­ne Bro­sche, auf der ein Wap­pen ab­ge­bil­det ist. Als ich es nä­her be­trach­ten will, geht der Jun­ge je­doch wei­ter, ohne auch nur ein Wort mit mir ge­spro­chen zu ha­ben.

Ver­wirrt schaue ich ihm hin­ter­her und wun­de­re mich, was für ein selt­sa­mer Tag heu­te ist.

Wäh­rend ich mit mei­nen El­tern zwei Tage spä­ter auf dem Weg zu Jo­letts Fest bin, er­teilt mir mein stren­ger Va­ter wie­der ein­mal Be­feh­le, wie ich mich zu be­neh­men habe. Ich las­se es mit star­rer Mie­ne über mich er­ge­hen

»Wenn du die Tisch­ma­nie­ren ver­gisst, die ich dir bei­ge­bracht habe, wirst du was er­le­ben. Ich habe viel Mühe in dei­ne Er­zie­hung ge­steckt.«

Na klar, und so­bald ich mich schlecht be­neh­me, ta­delt er mei­ne Mut­ter, wie schlecht sie mich er­zo­gen hat.

»Und wehe dir, du bringst Schan­de über mich! Ich ar­bei­te hart, um dir und dei­ner Mut­ter ein schö­nes Le­ben zu er­mög­li­chen.«

Stimmt, er ist fast nie zu­hau­se und wenn doch, hat er nur schlech­te Lau­ne.

»Mei­ne Ge­schäf­te lau­fen nur, so­lan­ge wir bei den Kun­den ge­fragt sind. Und da­für wäre mir ein schlech­ter Ruf al­les an­de­re als hilf­reich«, be­en­det er sei­nen Vor­tag und lässt mich bei­na­he laut auf­seuf­zen.

Er re­det stän­dig da­von, dass ich ei­nes Ta­ges in sei­ne Fuß­stap­fen tre­ten soll, doch nie­mand fragt mich, ob ich es über­haupt will. Ja, es wür­de mich sehr reich ma­chen, als Vil­len­ver­käu­fer Kar­rie­re zu ma­chen. Doch ich will nicht so ein stren­ger Mensch wie mein Va­ter wer­den, der sich nur um Geld und Per­fek­ti­on schert.

Kum­mer­voll lege ich den Kopf in den Nacken und be­ob­ach­te die klei­nen Wol­ken, die trä­ge am ma­kel­los blau­en Him­mel da­hin­schwe­ben. Wie ger­ne wäre ich jetzt frei wie ein Vo­gel, da­mit ich vor all mei­nen Pro­ble­men ein­fach da­von­flie­gen könn­te.

Ich wer­de aus mei­nen Ge­dan­ken ge­ris­sen, als mich mein Va­ter grob am Arm packt und wü­tend dar­auf hin­weist, wür­de­vol­le Hal­tung zu be­wah­ren. Nein, so wie mein Va­ter will ich nie­mals wer­den.

Als uns ei­ner von Jo­letts Skla­ven die mor­sche Tür öff­net, scheint das Fest schon längst an­ge­fan­gen zu ha­ben. Lau­tes La­chen dringt aus dem Spei­se­zim­mer zu uns und der in­ten­si­ve Ge­ruch nach def­ti­gen Ge­rich­ten kit­zelt mir in der Nase.

Ich mer­ke, dass neue Skla­ven ge­schäf­tig im Haus her­um­schwir­ren. Jo­lett ist lei­den­schaft­li­che Spie­le­rin und es kommt stets auf ihr Glück an, wie viel Geld ihre Fa­mi­lie hat. An­schei­nend hat sie end­lich wie­der eine gute Wo­che, was wahr­schein­lich der Grund für das Fest und die neu­en Skla­ven ist.

Als wir den Spei­se­saal be­tre­ten, stau­ne ich nicht schlecht über das auf­ge­deck­te Ge­la­ge. Knusp­ri­ge braun­ge­ba­cke­ne Wach­teln ver­strö­men einen wun­der­vol­len Ge­ruch, der mei­nen Ma­gen laut knur­ren lässt, und die pral­len Früch­te in al­len mög­li­chen Fa­r­ben schei­nen nur dar­auf zu war­ten, von mir ge­ges­sen zu wer­den.

Als ich mich auf mei­nen Platz set­ze, wird mir so­fort Wein ein­ge­gos­sen, je­doch auf Wunsch mei­ner Mut­ter nur ein Schluck. Ich lade mei­nen Tel­ler voll mit fri­schem Brot, Fleisch, Pil­zen und Sa­lat. Nach­dem ich al­les mit gro­ßem Ap­pe­tit auf­ge­ges­sen habe, je­doch nicht, ohne mei­ne Tisch­ma­nie­ren un­ter dem stren­gen Blick mei­nes Va­ters zu be­fol­gen, neh­me ich noch ein paar von den Früch­ten.

Die Leu­te um mich her­um ha­ben be­reits vom Al­ko­hol ge­röte­te Ge­sich­ter und fan­gen an, un­ver­ständ­li­ches Zeug zu lal­len. Nur mei­ne El­tern sit­zen et­was ver­lo­ren au­ßer­halb der Men­ge und un­ter­hal­ten sich lei­se. Ich glau­be, sie ha­ben das Ge­fühl, dass ein sol­ches Fest un­ter ih­rer Wür­de liegt.

Nach­dem end­lich alle Gäs­te auf­ge­ges­sen ha­ben, klet­tert die be­trun­ke­ne Jo­lett et­was un­be­hol­fen auf ih­ren Stuhl und wäre fast wie­der her­un­ter­ge­fal­len. Mei­ne Mut­ter hält er­schro­cken die Hand vor den Mund, doch dann fängt sich Jo­lett wie­der und be­ginnt zu spre­chen.

»Dan­ke an euch, dass ihr ge­kom­men seid, mei­ne lie­ben Freun­de.« Sie ki­chert un­ge­hal­ten los und be­kommt sich erst wie­der ein, als mein Va­ter sich un­ge­dul­dig räus­pert. »Ah ja … tut mir leid, Clau­dio. Also wo bin ich ste­hen ge­blie­ben? Ja ... ich woll­te mich be­dan­ken, dass ihr ge­kom­men seid. Und des­halb wird euch nun mei­ne neue Skla­vin auf der Ha­r­fe ein Lied spie­len. Ich hof­fe, es ge­fällt euch.«

Mit die­sen Wor­ten steigt sie schwan­kend vom Stuhl und setzt sich hin. Mei­ne Mut­ter lä­chelt hoff­nungs­voll über et­was ni­veau­vol­le Un­ter­hal­tung, wäh­rend die an­de­ren Gäs­te eher ge­lang­weilt drein­bli­cken.

Als die Skla­vin den Raum be­tritt, raubt es mir den Atem, denn es ist das glei­che Mäd­chen wie in mei­nem Traum. Fas­sungs­los star­re ich sie an, wäh­rend sie sich ihre weiß­blon­den Haa­re hin­ter das Ohr streicht und ihr Blick et­was schüch­tern über die Run­de schweift. Als sie mich ent­deckt, glänzt in ih­ren hell­blau­en Au­gen so et­was wie Er­kennt­nis auf und auf ih­ren Lip­pen zeich­net sich ein zar­tes Lä­cheln ab. Un­si­cher lächle ich zu­rück, doch ich kann ih­rem in­ten­si­ven Blick nicht stand­hal­ten. Dar­um schaue ich mich im Raum um und be­mer­ke, dass die an­de­ren Män­ner ge­nau­so von der hüb­schen Skla­vin fas­zi­niert sind wie ich.

Schließ­lich fängt sie an zu spie­len und es ist, als wür­den die Göt­ter höchst­per­sön­lich ihre Ha­r­fen er­klin­gen las­sen. Hin­ge­ris­sen lau­sche ich der zar­ten Me­lo­die und fra­ge mich, wo sie so gut spie­len ge­lernt hat.

Nach ei­ner Wei­le sind mei­ne Fra­gen über die­ses Mäd­chen je­doch in den Hin­ter­grund ge­rückt und ich sehe nur noch ihre Schön­heit.

Schließ­lich be­en­det sie ihr Lied für mei­nen Ge­schmack viel zu früh und es kommt mir so vor, als wä­ren gleich­zei­tig Jah­re und nur Se­kun­den ver­gan­gen.

Plötz­lich er­hebt sich Jo­letts lau­te Stim­me und lässt die Stim­mung wie Glas zer­split­tern. »Dan­ke, An­dri­na, aber nun geh wie­der und nimm dei­ne Ha­r­fe mit. Und schick die Kü­chen­skla­ven her, da­mit sie den Tisch ab­de­cken.«

An­dri­na. Die­sen Na­men ken­ne ich. Doch mir will ein­fach nicht ein­fal­len, wo­her.

Wäh­rend mei­ne El­tern Arm in Arm durch die Nacht schlen­dern, las­se ich mich meh­re­re Schrit­te zu­rück­fal­len, um in Ruhe über den Tag nach­zu­den­ken.

Ich fra­ge mich, ob ich An­dri­na wie­der­se­hen wer­de oder ob Jo­lett sie bald ver­kauft, weil sie mal wie­der ihr Geld ver­spielt hat. Ich muss an die­se kla­ren blau­en Au­gen den­ken, die eine un­glaub­li­che Ausstrah­lung hat­ten. Noch nie ist mir ein so schö­nes Mäd­chen be­geg­net und noch nie habe ich eine Per­son ken­nen­ge­lernt, die mich so hin­ge­ris­sen hat.

Un­will­kür­lich ver­glei­che ich sie mit den ober­fläch­li­chen Mäd­chen aus mei­ner Klas­se, die sich für kaum et­was an­de­res in­ter­es­sie­ren als die neu­es­te Mode und da­für, einen rei­chen Mann zu fin­den. Ich be­mer­ke, dass der Ver­gleich sinn­los ist. Mit An­dri­na kann man kein ein­zi­ges Mäd­chen ver­glei­chen. Und doch hat sie das Pech, in der Skla­ve­rei ge­lan­det zu sein. Ich fra­ge mich, ob sie ei­ner rei­chen Fa­mi­lie be­raubt wur­de oder ob ihre El­tern sie für ein we­nig Geld zum Über­le­ben weg­ge­ge­ben ha­ben. Viel­leicht ist sie auch in ei­nem Heim groß ge­wor­den oder aber auch ihre Mut­ter ist eine Skla­vin.

Es gibt so vie­le Mög­lich­kei­ten, al­ler­dings kommt mir An­dri­na viel fei­ner vor als die üb­li­chen Skla­vin­nen, die mit dre­cki­gen Hän­den die Fischres­te in den Hin­ter­hof ent­sor­gen. Sie könn­te die Toch­ter des Kö­nigs sein, ohne dass es je­mand an­zwei­feln wür­de.

Schon bald kom­men wir zu­hau­se an und mit mü­den Schrit­ten er­klim­me ich die stei­nern­den Trep­pen­stu­fen. Nach­dem mir un­se­re ein­zi­ge Skla­vin ein hei­ßes Bad ein­ge­las­sen hat, schä­le ich mich müde aus mei­ner Tu­ni­ka und las­se mich seuf­zend in das damp­fen­de Was­ser glei­ten. Die Kopf­stüt­ze ist mit wei­chen Hand­tü­chern aus­ge­pols­tert und gibt mir das Ge­fühl, auf Wol­ken zu lie­gen.

Bald schon wer­den mei­ne Li­der schwer und ich schlie­ße die Au­gen, um ein we­nig vor mich hin zu dö­sen. Doch ohne, dass ich et­was da­ge­gen tun kann, ver­sin­ke ich in einen tie­fen Schlaf.

Ein sü­ßer Duft kit­zelt in mei­ner Nase, und im Au­gen­win­kel sehe ich ein Stück Stoff, das hin­ter ei­nem knor­ri­gen Baum her­vor­blitzt. Mich packt die Neu­gier und wäh­rend ich auf den Baum zu­ge­he, be­stau­ne ich die Land­schaft. Ich be­fin­de mich in ei­nem un­be­kann­ten Wald und ne­ben mir stürzt ein klei­ner Was­ser­fall in einen glit­zern­den kris­tall­kla­ren Teich. Die Vö­gel zwit­schern ihre fröh­li­che Sin­fo­nie, und wäh­rend ich mich dem Baum nä­he­re, wird der süße Duft im­mer in­ten­si­ver, bis er mich an­ge­nehm ein­hüllt.

Plötz­lich er­scheint ein Mäd­chen in ei­nem lan­gen sei­de­nen Kleid. Es ist An­dri­na. Das hel­le Haar um­spielt ihre Hüf­ten und ver­schmilzt fast mit dem wei­ßen Kleid.

»Eli­an, nun weißt du end­lich, wer ich bin.« Ihre Stim­me klingt so me­lo­disch wie ihr Ha­r­fen­spiel. »Und doch weißt du nicht mehr al­les. Du musst dich er­in­nern!«

»Ich weiß nicht, was du meinst«, sage ich ver­zwei­felt und möch­te nach ih­rer Hand grei­fen.

Doch durch die Be­rüh­rung löst sie sich wie­der in un­zäh­li­ge schwa­r­ze Schmet­ter­lin­ge auf, die um mich her­um­flat­tern. Ich rech­ne er­neut mit gro­ßen Schmer­zen, aber dies­mal strei­cheln mich die zar­ten Flü­gel und lö­sen in mir eine gro­ße Wär­me aus.

Plötz­lich krie­ge ich je­doch kei­ne Luft mehr und ver­su­che mich ver­zwei­felt frei zu kämp­fen. Mei­ne Lun­ge schmerzt und ich re­a­li­sie­re ent­setzt, dass ich er­sti­cke.

Prus­tend kämp­fe ich mich an die Was­ser­o­ber­flä­che und schnap­pe jap­send nach Luft. Beim Schla­fen bin ich wohl mit dem Kopf in das Ba­de­was­ser ge­rutscht und da­durch bei­na­he er­trun­ken.

Schnell stei­ge ich aus der Wan­ne und wäh­rend ich mir mit noch im­mer ra­sen­dem Her­zen ein Tuch um die Hüf­te wi­cke­le, schwö­re ich mir, nie wie­der beim Ba­den ein­zu­schla­fen.

Ka­pi­tel 2

Wäh­rend un­ser Leh­rer uns einen lang­wei­li­gen Vor­trag über ver­schie­de­ne Stern­bil­der hält und alle Schü­ler im Klas­sen­raum eif­rig In­for­ma­ti­o­nen auf ihre Wachs­ta­feln schrei­ben, bli­cke ich nur geis­tes­ab­we­send aus dem Fens­ter. Ich igno­rie­re Ly­san­dro, der mich im­mer wie­der warnt, dass ich lie­ber mit­schrei­ben soll­te und auch, dass der Leh­rer an­fängt durch die Klas­se zu wan­dern, um den Schü­lern über die Schul­ter zu gu­cken.

Erst als ich ein star­kes Bren­nen am Ober­arm ver­neh­me, wer­de ich hell­wach. Er­schro­cken dre­he ich mich um und bli­cke ge­ra­de­wegs in die stren­gen Au­gen des Leh­rers, der be­droh­lich sei­nen Stock schwingt, be­reit, mir einen wei­te­ren Schlag zu ver­pas­sen. Schnell wen­de ich mich mei­ner Wachs­ta­fel zu und be­gin­ne, Buch­sta­ben hin­ein­zu­rit­zen, bis ich höre, dass der Mann sich wie­der ent­fernt. Er­leich­tert las­se ich den Grif­fel sin­ken, neh­me mir je­doch vor, mich dies­mal nicht beim Träu­men er­wi­schen zu las­sen.

Nach ei­ner ge­fühlt end­lo­sen Zeit wird end­lich der Gong ge­schla­gen und ich schlen­de­re mit Ly­san­dro zum Fo­rum, um Es­sen zu kau­fen.

Nach­dem wir uns eine Wei­le an­ge­schwie­gen ha­ben, fragt mein Freund plötz­lich: »Wes­halb be­nimmst du dich in letz­ter Zeit so sel­tam? Du wirkst stän­dig ab­we­send und bist noch ver­schlos­se­ner als sonst.«

Ich zu­cke je­doch nur mit den Schul­tern und kann es nicht ver­mei­den, leicht zu er­rö­ten.

Wis­send grinst Ly­san­dro mich an. »Es steckt also ein Mäd­chen da­hin­ter, habe ich es mir doch gleich ge­dacht. Wur­de aber auch Zeit. Es ist doch nicht etwa un­se­re wun­der­hüb­sche Kü­chen­skla­vin?«

Ich ver­dre­he nur die Au­gen und gebe ihm einen freund­schaft­li­chen Stoß. Still lächle ich in mich hin­ein und bin froh, dass Ly­san­dro nicht wei­ter auf das The­ma ein­geht. Er weiß wahr­schein­lich, dass ich ihn frü­her oder spä­ter so­wie­so ein­wei­hen wer­de.

Nach­dem wir uns kurz dar­auf einen Tel­ler mit Kar­tof­feln und gol­de­nem Mais ge­kauft ha­ben, set­zen wir uns auf die klei­ne Mau­er, die das Fo­rum um­gibt, und schau­feln das Es­sen hung­rig in uns hin­ein. Ich ge­ni­e­ße die kur­ze Pau­se trotz des Ge­dan­kens, gleich wie­der Un­ter­richt zu ha­ben.

Die Rufe der Händ­ler, die an den Stän­den ihre Ware an­prei­sen, ver­mi­schen sich mit Kin­der­la­chen. Ich be­ob­ach­te, wie sie an der Göt­t­er­sta­tur in der Mit­te des Fo­rums Fan­gen spie­len und da­bei den ein oder an­de­ren bö­sen Blick ern­ten.

Plötz­lich ver­neh­me ich im Au­gen­win­kel einen Schat­ten, der schnell an uns vor­bei­huscht und in der Men­schen­men­ge ver­schwin­det, ehe ich er­ken­nen kann, um wen es sich han­delt.

Al­ler­dings bin ich mir si­cher, einen Blick auf den we­hen­den, schwa­r­zen Um­hang er­hascht zu ha­ben, der mir nur all­zu be­kannt vor­kommt. Doch auch wenn es der klei­ne Jun­ge war, dem ich vor ein paar Ta­gen be­geg­net bin, ist er schon längst mit dem Tru­bel der Stadt ver­schmol­zen.

Schul­ter­zu­ckend wid­me ich mich wie­der mei­nem Mit­tag­es­sen und rede mir ein, dass es bloß Ein­bil­dung war. Auf kei­nen Fall wer­de ich heim­lich von ei­nem Jun­gen mit ver­hüll­tem Ge­sicht ver­folgt und be­ob­ach­tet.

Ich kom­me erst ge­gen Abend er­schöpft nach Hau­se und möch­te mich ein­fach nur noch auf un­ser Sofa fal­len las­sen. Al­ler­dings wer­de ich be­reits im Ein­gangs­be­reich von mei­ner Mut­ter auf­ge­hal­ten und be­kom­me einen gro­ßen Korb in die Hän­de ge­drückt.

»Eli­an, könn­test du bit­te noch­mal schnell auf das Fo­rum ge­hen und fri­schen Hecht kau­fen? Die Skla­vin ist au­ßer Haus, und ich kann nicht ge­hen, weil ich Soße ko­che.«

Em­pört will ich et­was er­wi­dern, doch mei­ne Mut­ter schiebt mich schon wie­der vor die Tür. Frus­triert la­che ich auf und be­gin­ne mit schmer­zen­den Fü­ßen, den gan­zen Weg zu­rück­zu­ge­hen.

Und als ob mir die noch im­mer sen­gen­de Hit­ze nicht schon ge­nug Be­schwer­den be­rei­ten wür­de, fliegt auch noch eine fet­te Flie­ge brum­mend um mei­nen Kopf her­um.

»Jetzt reichts!« Wü­tend wer­fe ich den Korb auf den Bo­den und schla­ge die Flie­ge mit ei­ner schnel­len Be­we­gung tot. Zu­frie­den und weit­aus bes­ser ge­launt neh­me ich den Korb wie­der an mich.

Lang­sam geht auch schon die Son­ne un­ter und ein küh­ler Luft­zug fährt mir sanft durch die Haa­re. Die Gril­len am Weges­rand stim­men ihr abend­li­ches Lied an, und bun­te Ei­dech­sen krab­beln aus ih­ren Ver­ste­cken.

Und noch et­was er­füllt die Luft: Von ir­gend­wo­her er­tönt ein zar­tes Klim­pern, das so­fort Er­in­ne­run­gen in mir weckt. Ich fol­ge der Me­lo­die und be­mer­ke zu­frie­den, dass ich mich im­mer wei­ter Jo­letts Haus nä­he­re. Viel­leicht lie­ge ich mit mei­ner Ver­mu­tung rich­tig.

Und tat­säch­lich: Als ich an der let­zen Ecke vor­bei­spä­he, er­bli­cke ich An­dri­na, die mit ih­rer Ha­r­fe vor der Ein­gangs­tür sitzt. Ihr Blick schweift ver­träumt in der Fer­ne, und ich kann eine tie­fe Sehn­sucht in ih­ren Au­gen er­ken­nen. Als ich einen Schritt auf sie zu­ge­he, schnellt ihr Kopf so­fort wach­sam in mei­ne Rich­tung, doch als sie mich er­kennt, er­scheint ein Lä­cheln auf ih­ren Lip­pen.

»Ich … habe dich spie­len ge­hört«, stam­me­le ich und be­kom­me zu mei­ner Ver­är­ge­rung wei­che Knie. Schnell sen­ke ich den Kopf, um die ein­tre­ten­de Röte zu ver­ber­gen.

»Es ist schön, dass du hier bist«, sagt An­dri­na sanft. Aber plötz­lich ver­schwin­det ihr Lä­cheln schlag­ar­tig. »Weißt du, ich sit­ze hier fast je­den Abend, und du bist der Ers­te, der sich für mich in­ter­es­siert. Nie­mand be­ach­tet eine Skla­vin. Die­ses furcht­ba­re Ge­fühl kannst du dir gar nicht vor­stel­len.«

Eine ein­sa­me Trä­ne rollt ihre Wan­ge her­un­ter, und ich su­che ver­zwei­felt nach trös­ten­den Wor­ten. Schließ­lich gehe ich ein­fach nur zu ihr und set­ze mich ne­ben sie.

»Ich weiß ge­nau, wie du dich fühlst«, sage ich und neh­me ihre Hand. »Auch bei mir se­hen fast alle nur mei­nen ge­sell­schaft­li­chen Stand, nicht aber, wie es wirk­lich in mir aus­sieht. Nur we­ni­ge Men­schen ken­nen mich wirk­lich.«

Bei die­sen Wor­ten blickt An­dri­na auf und lässt zu, dass ich ihre Trä­ne weg­wi­sche.

»Hast du nie­man­den, der auf dich war­tet? Kei­ne Fa­mi­lie, der du weg­ge­nom­men wur­dest?« Fra­gend schaue ich sie an, doch sie weicht mei­nem Blick aus.

»Ich bin schon so lan­ge eine Skla­vin, auf mich war­tet nie­mand mehr.«

»Aber …«

»Nein, Eli­an. Ich brau­che kein Mit­leid. Ich will ein­fach nur, dass es auf­hört. Um je­den Preis.« Noch ehe ich et­was ant­wor­ten kann, ist An­dri­na auf­ge­sprun­gen und zu­sam­men mit ih­rer Ha­r­fe im Haus ver­schwun­den.

Rat­los blei­be ich in der Nacht sit­zen und will ge­ra­de ge­hen, als ich et­was Sil­ber­glän­zen­des auf dem Bo­den lie­gen sehe. Er­staunt hebe ich es auf. Es ist eine hand­flä­chen­gro­ße Bro­sche in Form ei­nes Wap­pens, und so­fort muss ich wie­der an den Jun­gen den­ken. Dar­auf ist ein Hirsch ab­ge­bil­det, auf des­sen Ge­weih ein Schmet­ter­ling sitzt. Zwei Bäu­me um­rah­men das stol­ze Tier. Ich ste­cke das Schmuck­s­tück in mei­ne Gür­tel­ta­sche und be­schlie­ße, es am nächs­ten Tag ge­nau­er zu un­ter­su­chen.

Auf hal­b­em Weg nach Hau­se blei­be ich er­schro­cken ste­hen. Ich tre­te ver­är­gert ge­gen einen Stein, denn ich habe ver­ges­sen, den Fisch zu kau­fen.

Wäh­rend ich mei­ne Au­gen öff­ne, mer­ke ich, dass ich mich wie­der in ei­nem die­ser selt­sa­men Träu­me be­fin­de. Ich hal­te Aus­schau nach An­dri­na, doch ich kann sie nir­gend­wo ent­de­cken.

Plötz­lich flat­tert ein schwa­r­zer Schmet­ter­ling um mei­nen Kopf her­um und scheint mich auf­zu­for­dern, ihm zu fol­gen. Von ir­gend­wo aus der Fer­ne höre ich An­dri­nas Ha­r­fen­me­lo­die, doch egal, wie weit ich lau­fe, ich schei­ne mei­nem Ziel nicht nä­her zu kom­men.

Der Schmet­ter­ling fliegt im­mer schnel­ler, oder aber ich wer­de im­mer lang­sa­mer. Ver­zwei­felt ver­su­che ich schnel­ler zu lau­fen und stre­cke mei­ne Hand nach dem In­sekt aus, doch ich wer­de von ei­ner un­sicht­ba­ren Macht zu­rück­ge­ris­sen.

Ich öff­ne den Mund zu ei­nem Schrei, als sich der Bo­den un­ter mir öff­net und ich hin­ab in eine un­end­li­che Tie­fe fal­le. Ein fürch­ter­li­ches Krib­beln er­fasst mei­nen Kör­per, aber noch schlim­mer ist die Angst vor dem un­ver­meid­li­chen Auf­prall.

Als ich dies­mal auf­wa­che, pres­se ich mir recht­zei­tig die Hand auf den Mund, ehe ich wie­der an­fan­ge, laut los­zu­schrei­en. Schlecht ge­launt fra­ge ich mich, ob ich von nun an jede Nacht sol­che Träu­me ha­ben wer­de. Ich wun­de­re mich, war­um mich nie­mand ge­weckt hat, bis mir er­leich­tert ein­fällt, dass heu­te kei­ne Schu­le ist.

Ich will mich ge­ra­de wie­der in mei­ne De­cke ku­scheln, als je­mand die Tür auf­schlägt. Ver­schla­fen blinz­le ich und ent­de­cke mei­nen Va­ter, der mit in die Hüf­te ge­stemm­ten Hän­den im Rah­men steht.

»Raus aus dem Bett. Heu­te kommst du mit zu ei­nem mei­ner Auf­trä­ge.«

Seuf­zend schä­le ich mich aus der dün­nen Lei­nen­de­cke, wage es aber nicht, zu wi­der­spre­chen.

»Ge­gen Mit­tag bre­chen wir auf. Ich rate dir, dich zu be­ei­len.«

Als mein Va­ter wie­der ge­gan­gen ist, schnap­pe ich mir schnell mei­ne bes­ten Kla­mot­ten aus dem Schrank. Ich darf mei­nen Va­ter na­tür­lich nicht mit schlech­tem Auf­tre­ten bla­mie­ren. In Re­kord­ge­schwin­dig­keit schlüp­fe ich hin­ein und be­trach­te mich zu­frie­den im Spie­gel, ehe ich in die Kü­che stür­me, um mein Früh­stück in mich hin­ein­zu­sch­lin­gen.

Vor un­se­rer Vil­la ste­hen schon zwei Pfer­de be­reit, ein schwa­r­zes für mich und ein fuchs­fa­r­be­nes für mei­nen Va­ter. Ein Skla­ve hält die bei­den pracht­vol­len Tie­re an den Zü­geln. Strah­lend lau­fe ich zu dem mir zu­ge­teil­ten Pferd und schwin­ge mich auf den kräf­ti­gen Rü­cken. Es ist lan­ge her, seit ich zu­letzt ge­rit­ten bin, da man die Stadt nur zu Fuß durch­que­ren darf – au­ßer na­tür­lich, man ist eine be­son­de­re Per­sön­lich­keit oder hat Wa­ren zu lie­fern.

Ich fol­ge mei­nem Va­ter durch das Stadt­tor und muss mich zu­sam­men­rei­ßen, um nicht laut los­zu­jauch­zen, als mir zum ers­ten Mal duf­ten­de Wald­luft ent­ge­gen­schlägt. Mein gan­zes Le­ben muss­te ich bis­her in der Stadt ver­brin­gen, weil es au­ßer­halb an­geb­lich von wil­den Tie­ren und Räu­bern wim­meln soll. Wahr­schein­lich ist da­von oh­ne­hin das Meis­te aus­ge­dacht.

Ich be­nei­de mei­nen Va­ter da­für, dass er re­gel­mä­ßig die Stadt ver­las­sen darf, um Vil­len im na­hen Nach­bar­dorf zu ver­kau­fen. Ei­gent­lich han­delt es sich bei die­sem Dorf eher um ein Rei­chen­vier­tel mit Men­schen, die das ru­hi­ge Land­le­ben be­vor­zu­gen. Lä­chelnd den­ke ich dar­über nach, ei­nes Ta­ges selbst dort hin­zu­zie­hen. Nahe der Na­tur und weit weg vom hek­ti­schen Groß­stadt­le­ben.

Hin­ten­rum wird oft schlecht über die An­woh­ner dort ge­re­det, da sie an­geb­lich ein bau­ern­glei­ches Le­ben füh­ren sol­len. Doch ver­mut­lich ist nie­mand von den Leu­ten, die sol­che Ge­rüch­te ver­tei­len, schon dort ge­we­sen. Gleich wer­de ich es wohl bes­ser wis­sen.

Schon kur­ze Zeit spä­ter kann ich Vil­len­dä­cher über den Baum­wip­feln auf­ra­gen se­hen. Der Weg, auf dem wir rei­ten, ver­wan­delt sich in eine sau­ber ge­pflas­ter­te Stra­ße, und als wir das Stadt­tor durch­que­ren, lau­fen uns ei­ni­ge Hüh­ner ent­ge­gen. Ihre Fe­dern glän­zen und ihre fet­ten Bäu­che ver­ra­ten, dass sie rei­chen Be­sit­zern ge­hö­ren.

Auf bei­den Sei­ten ste­hen pracht­vol­le Vil­len mit ge­pfleg­ten Gär­ten und Was­ser­be­cken, die von Säu­len und Zy­pres­sen um­ge­ben sind. Die Men­schen, die uns über den Weg lau­fen, wir­ken zu­frie­den und ge­las­sen und schei­nen es über­haupt nicht ei­lig zu ha­ben.

Schließ­lich blei­ben wir vor ei­ner eher klei­nen, aber sehr hüb­schen Vil­la ste­hen. Ein schnee­wei­ßer Kies­weg führt zu ei­ner kunst­vol­len Ein­gangs­tür mit ver­schnör­kel­tem gol­de­nem Griff.

Mein Va­ter scheint je­den kleins­ten Ma­kel skep­tisch zu be­ob­ach­ten, doch schließ­lich nickt er und sagt zu­frie­den: »Da­mit kann ich ar­bei­ten. Nun wer­den wir uns erst mal an­schau­en, wie es in­nen aus­sieht.« Mit die­sen Wor­ten klopft er ge­gen die Tür und schüt­telt dem al­ten Mann, der kurz dar­auf öff­net, freund­lich die Hand.

»Seid ge­grüßt«, sagt die­ser. »Ich habe küh­len Saft für euch, die­se Hit­ze ist ja kaum zu er­tra­gen. Nun kommt schon rein, ich will euch mein Haus zei­gen.«

Mein Va­ter gibt mir mit ei­nem be­deu­ten­den Blick das Zei­chen, ihm in die Vil­la zu fol­gen. In­nen sieht es nicht we­ni­ger präch­tig aus als von au­ßen. An den Wän­den der groß­zü­gi­gen Räu­me hän­gen Bil­der von traum­haf­ten Land­schaf­ten, und die De­cke ist mit prunk­vol­len Ma­le­rei­en ge­schmückt. Die Hälf­te der Mö­bel scheint schon hin­aus­ge­schafft wor­den zu sein.

»Nun, war­um willst du denn die Vil­la zum Ver­kauf an­bie­ten?«, fragt mein Va­ter ge­schäft­lich und mus­tert den al­ten Mann prü­fend.

»Seit mei­ne ge­lieb­te Ame­lia ge­stor­ben ist, ist es hier zu groß für mich al­lein«, sagt er müde. »Ich wer­de zu mei­ner Toch­ter in die Stadt zie­hen, auch wenn es mich schmerzt, die­ses Haus zu ver­las­sen.«

Mit­lei­dig mus­te­re ich den Mann. Er kommt mir plötz­lich noch äl­ter vor als am An­fang. Sein spär­li­ches grau­es Haar steht in alle Rich­tun­gen ab, und die hell­blau­en trü­ben Au­gen wirk­ten fast durch­sich­tig.

Mei­ne Ge­dan­ken wer­den un­ter­bro­chen, als mir ein Skla­ve einen Kelch mit ge­kühl­tem Saft in die Hand drückt. Be­wun­dernd las­se ich die Fin­ger über die Edel­stei­ne glei­ten, die in das prunk­vol­le Ge­fäß ein­ge­ar­bei­tet sind. An Geld hat es die­sem Mann wohl noch nie ge­man­gelt.

Als ich mei­nem Va­ter durch das Haus fol­ge, ste­chen mir noch viel mehr Schmuck­s­tü­cke ins Auge so­wie ein Por­trät ei­ner hüb­schen jun­gen Frau.

»Ist das Ame­lia?«, fra­ge ich neu­gie­rig und ern­te einen bö­sen Blick von mei­nem Va­ter.

»Ja, das ist sie«, ant­wor­tet der alte Mann und be­trach­tet trau­rig das Bild. »Sie war wun­der­schön, nicht wahr? Mei­ne Toch­ter ist ihr wie aus dem Ge­sicht ge­schnit­ten.«

Als auch mein Va­ter das Bild be­trach­tet, kneift er er­staunt die Au­gen zu­sam­men. »Heißt dei­ne Toch­ter Yo­se­fi­na?«

Über­rascht dreht sich der Mann zu mei­nem Va­ter um. »Du kennst sie? Bist du mit ihr be­freun­det?«

»Nein, ich ken­ne sie nur flüch­tig«, ent­geg­net er leicht ver­le­gen.

Plötz­lich fällt mir wie­der ein, wer Yo­se­fi­na ist. Sie ver­kauft auf dem Fo­rum Kräu­ter und stammt von ei­nem der Clans ab, wes­halb sie von al­len Leu­ten ge­mie­den wird.

Man merkt mei­nem Va­ter an, dass ihm die Si­tua­ti­on sicht­lich un­an­ge­nehm ist, zu­mal er sie wohl von al­len Leu­ten am meis­ten ver­spot­tet hat. Na­tür­lich nicht in der Öf­fent­lich­keit, da dies sei­nem Ruf schä­di­gen könn­te.

Doch mir geht ge­ra­de et­was ganz an­de­res durch den Kopf. Der Mann vor mir, oder aber sei­ne Frau, war einst An­ge­hö­ri­ger ei­nes Clans!

Mei­ne Füße krib­beln, und ich muss mich be­herr­schen, kei­ne neu­gie­ri­gen Fra­gen zu stel­len. Viel­leicht wird sich noch eine Ge­le­gen­heit er­ge­ben, mit ihm al­lein zu re­den und mir so ein bes­se­res Bild von dem mys­te­ri­ösen Le­ben der Clans zu ma­chen. In der Stadt wur­de die­ses The­ma bis­her im­mer ge­mie­den, denn die Leu­te sind zu­frie­den mit ih­rem ein­ge­schränk­ten Le­ben.

Um ehr­lich zu sein habe ich mir da­mals auch kei­ne Ge­dan­ken dar­über ge­macht und nur hin und wie­der schnapp­te ich In­for­ma­ti­ons­fet­zen auf, um die ich mich je­doch nicht son­der­lich küm­mer­te. Aber seit ich die Män­ner auf dem Fo­rum ge­trof­fen habe, ist mein In­ter­es­se trotz ih­res bar­schen Ver­hal­tens und der ge­fähr­li­chen Ausstrah­lung ge­weckt.

Auf dem Weg nach Hau­se kann ich mei­nen Va­ter dazu über­re­den, einen Um­weg über einen brei­ten Tram­pel­pfad ein­zu­schla­gen. Ich weiß, dass er da­mals ger­ne auf Jagd ge­gan­gen ist, und las­se mir dar­um von ihm er­klä­ren, wie man mit Pfeil und Bo­gen ein Reh er­legt. Zwar nur the­o­re­tisch, da wir kei­ne Waf­fen da­bei­ha­ben, doch da­für ver­spricht er mir, ir­gend­wann mit mir auf die Jagd zu ge­hen. Ei­ner­seits reizt mich der Ge­dan­ke, doch bei der Vor­stel­lung, ein Tier zu tö­ten, wird mir dann doch et­was mul­mig zu­mu­te.

Ich wer­fe einen Blick zu mei­nem Va­ter. Zum ers­ten Mal er­le­be ich ihn voll­kom­men ent­spannt, als wür­de die fri­sche Wald­luft den Ne­bel aus sei­ner See­le ver­trei­ben.

Doch auch mir geht es bes­ser. Das me­lo­di­sche Zwit­schern der Vö­gel und das sanf­te Rau­schen der Baum­kro­nen be­ru­hi­gen mich und las­sen mich das hek­ti­sche Stim­men­ge­wirr der Stadt, das ich Tag und Nacht hö­ren muss, ver­ges­sen. Auf dem sich rhyth­misch be­we­gen­dem Rü­cken mei­nes Pfer­des füh­le ich mich eng ver­bun­den mit der Na­tur und ich er­lau­be mir, ein we­nig vor mich hin­zu­träu­men. Die Son­ne, die sich in Spren­keln durch die Blät­ter bricht, wärmt mei­nen Rü­cken, ohne dass mir un­an­ge­nehm heiß wird.

Als vor uns die Stadt wie­der zum Vor­schein kommt, bin ich ent­täuscht. Sehn­süch­tig atme ich noch ein­mal die fri­sche Luft ein und knei­fe die Au­gen zu­sam­men, als mich die Son­ne bei dem Ritt aus dem Wald wie­der un­barm­her­zig blen­det.

Kurz kommt es mir so vor, als hät­te ich eine mensch­li­che Ge­stalt durch das Un­ter­holz hu­schen se­hen, doch im nächs­ten Mo­ment ver­wer­fe ich die­sen Ge­dan­ken wie­der.

Die schnee­wei­ßen Stadt­mau­ern leuch­ten grell und schei­nen die Hit­ze in die Stadt zu lo­cken.

Mir schwir­ren die Fra­gen im Kopf her­um wie die Flie­gen an den Flan­ken mei­nes Pfer­des. Wer­de ich noch­mal die Mög­lich­keit ha­ben, mit dem al­ten Mann zu re­den? Könn­te ich mög­li­cher­wei­se auch Yo­se­fi­na auf­su­chen? Wer­den sie mir über­haupt et­was er­zäh­len wol­len? Seuf­zend schütt­le ich den Kopf, um mei­ne Ge­dan­ken zu klä­ren.

Als ich durch das gro­ße Tor der Stadt­mau­er rei­te, keh­re ich gleich­zei­tig in mei­nen ver­hass­ten All­tag zu­rück.

Am nächs­ten Mor­gen schwin­ge ich mich vol­ler Ta­ten­drang aus dem Bett. Doch als mir ein­fällt, dass heu­te wie­der Schu­le ist, stöh­ne ich auf und ver­gra­be mein Ge­sicht in den Hän­den.

Vor un­se­rer Haus­tür war­tet schon Ly­san­dro auf mich und reicht mir ein frisch ge­ba­cke­nes Brot. Hung­rig bei­ße ich hin­ein und las­se mir von mei­nem Freund von sei­nem gest­ri­gen Tag er­zäh­len. Er war bei sei­nem On­kel, um sei­ne Fä­hig­kei­ten im Schwert­kampf ver­bes­sern.

»Er ist Le­gi­o­när und ge­hört ei­nem ziem­lich ho­hen Rang an«, er­klärt Ly­san­dro be­geis­tert zwi­schen zwei Bis­sen. »Und er hat mich ge­lobt, dass ich es ei­nes Ta­ges auch schaf­fen kann, ein an­ge­se­he­ner Schwert­kämp­fer zu wer­den.«

Nei­disch bli­cke ich ihn von der Sei­te an. Wäh­rend mein Freundbeim Schwert­kampf der Bes­te ist, schaf­fe ich es ge­ra­de mal, mich mit den Schwächs­ten an­zu­le­gen. Da­für kann ich je­doch ge­schickt mit Pfeil und Bo­gen um­ge­hen, wäh­rend Ly­san­dro meis­tens an der Ziel­schei­be vor­bei­trifft. Ich kann es kaum er­war­ten, mein Kön­nen bei der Jagd un­ter Be­weis zu stel­len. Viel­leicht ist mein Va­ter dann end­lich stolz auf mich.

Als Ly­san­dro in der Fer­ne ei­ni­ge Mäd­chen aus un­se­rer Klas­se ent­deckt, fährt er sich grin­send durch sein blon­des wel­li­ges Haar und läuft zu ih­nen. Ich blei­be ver­dutzt zu­rück und be­ob­ach­te, wie er et­was zu ih­nen sagt und sie dar­auf­hin ner­vös ki­chern.

Kopf­schüt­telnd gehe ich wei­ter und wun­de­re mich aufs Neue, wie mein Freund es stets schafft, so un­be­küm­mert zu sein.

Wäh­rend ich durch den Säu­len­gang des Schul­gar­tens trot­te, hal­te ich Aus­schau nach ei­nem be­stimm­ten Jun­gen, näm­lich Edu­ar­do, dem Sohn von Yo­se­fi­na. Er ist zwei Jah­re jün­ger als ich und wird ge­nau­so ge­mie­den wie sei­ne Mut­ter.

Tat­säch­lich ent­de­cke ich ihn auf ei­ner Stein­bank in der Nähe des Ein­gangs. Ich set­ze mich zu ihm und ern­te sei­nen er­staun­ten Blick. Es ist das ers­te Mal, dass ich ihn von Na­hem sehe. Er hat brau­ne kinn­lan­ge Haa­re und eine leicht ge­bräun­te Haut. Sei­ne man­del­för­mi­gen Au­gen glei­chen de­nen sei­ner Groß­mut­ter, de­ren Por­trät ich am Vor­tag ge­se­hen habe. Er sieht ei­gent­lich nach ei­nem le­bens­fro­hen Jun­gen aus, doch ich weiß, dass es ihm sei­ne Mit­schü­ler al­les an­de­re als leicht ma­chen.

»Was willst du?«, fragt er miss­trau­isch. Ich kann es ihm nicht ver­den­ken, denn schon oft habe ich mit­be­kom­men, wie er ge­hän­selt wur­de, ohne dass ich ein­ge­grif­fen habe.

»Kei­ne Sor­ge, Edu­ar­do. Ich habe nicht vor, mich über dich lus­tig zu ma­chen«, sage ich be­schwich­ti­gend. »Ich möch­te dich nur et­was fra­gen. Ich war näm­lich ges­tern bei dei­nem Groß­va­ter und habe er­fah­ren, dass er einst Clan­an­ge­hö­ri­ger war. Mich in­ter­es­siert die gan­ze Sa­che sehr und dach­te, dass du mir viel­leicht et­was dar­über er­zäh­len könn­test.«

Hoff­nungs­voll lächle ich, doch er guckt mich an, als wür­de mir ge­ra­de ein drit­tes Auge wach­sen.

»Wenn das ein Scherz sein soll …«

»Nein!«, rufe ich lau­ter als be­ab­sich­tigt. Ei­ni­ge Kin­der, die an uns vor­bei­lau­fen, be­trach­ten mich ver­wirrt. »Nein«, wie­der­ho­le ich et­was lei­ser. »Es in­ter­es­siert mich wirk­lich. Wenn du Lust hast, kön­nen wir uns nach der Schu­le auf dem Fo­rum tref­fen.«

Edu­ar­do über­legt, nickt dann je­doch. »Na gut, wenn es dir so wich­tig ist. Und üb­ri­gens war es mei­ne Groß­mut­ter, die von den Clans in die Stadt kam.«

Fas­zi­niert ni­cke ich und den­ke dar­über nach, wie die­se Lie­bes­ge­schich­te vor lan­ger Zeit wohl ent­stan­den ist.

Nach­dem wir einen Treff­punkt aus­ge­macht ha­ben, tren­nen wir uns und ge­hen zu un­se­rem Un­ter­richt. Tri­um­phie­rend grin­se ich und bin ge­spannt auf das, was Edu­ar­do mir über sei­ne Vor­fah­ren und das ge­sam­te Cl­an­le­ben er­zäh­len wird.

End­lich habe ich den Schul­tag über­stan­den und ma­che mich gut ge­launt auf den Weg zum Fo­rum. An un­se­rem Treff­punkt, dem Stoffs­tand, ent­de­cke ich schon Edu­ar­do, der läs­sig an ei­ner Säu­le lehnt. In sei­ner Hand hält er zwei Schüs­seln mit Obst­sa­lat. Er reicht mir eine da­von und räus­pert sich. »Also, willst du jetzt et­was Be­stimm­tes über die Clans wis­sen oder soll ich al­les er­zäh­len, was ich weiß?«

»Et­was Be­stimm­tes will ich ei­gent­lich nicht wis­sen. Ich will das Cl­an­le­ben ein­fach bes­ser ver­ste­hen.«

Edu­ar­do nickt, und wir ma­chen es uns auf ei­ner klei­nen Stein­mau­er be­quem.

»Al­les weiß ich auch nicht über die Clans«, sagt der Jun­ge nach­denk­lich. »Schließ­lich bin ich in der Stadt auf­ge­wach­sen. Und es gibt auch Sa­chen, die du nicht wis­sen darfst. Aber ich lege jetzt ein­fach mal los.«

Ge­spannt beu­ge ich mich vor.

»Wie du viel­leicht schon weißt, gibt es ins­ge­samt fünf Clans. Ein­mal den Clan des grau­en Wolfes, wel­cher im war­men Wald zu­hau­se ist. Ihr Re­vier ist am nächs­ten un­se­rer Stadt. Doch es ist der wohl wil­des­te al­ler Clans. Die Men­schen dort ver­ab­scheu­en das hek­ti­sche Stadt­le­ben mehr als al­les an­de­re.

Dann gibt es noch den Clan des wei­ßen Hirsches. De­ren Ter­ri­to­ri­um, der kal­te Wald, grenzt an das Ge­bir­ge.« Sein Blick schweift in die Fer­ne, doch er scheint nicht zu fin­den, wo­nach er sucht. »Scha­de, von hier aus kann man das Ge­bir­ge nicht se­hen. Ob­wohl es rie­sig ist!«

Er macht eine nach­denk­li­che Pau­se und räus­pert sich dann. »Und dort lebt der Clan des gro­ßen Ad­lers. Die Leu­te dort sind mir ein we­nig un­heim­lich. Sie ver­hül­len ihre Ge­sich­ter bis zu den Au­gen und ihre Haa­re sind meist ra­ben­schwa­rz. Sie sind ei­gent­lich nicht ge­fähr­lich, doch wenn ich je­man­dem aus die­sem Clan be­geg­ne, gehe ich ihm lie­ber aus dem Weg.«

Ein un­gu­tes Ge­fühl über­kommt mich. Heißt das etwa, dass der selt­sa­me klei­ne Jun­ge An­ge­hö­ri­ger die­ses Clans ist? Ich schlu­cke schwer und höre mir an, was Edu­ar­do noch zu sa­gen hat.

»Und dann gibt es noch den Clan des schnel­len Le­o­par­den.« Er grinst stolz. »Von dem stam­me ich ab. Das Re­vier liegt in der Sa­van­ne, di­rekt hin­ter dem Ge­bir­ge. Die Men­schen dort sind die wohl freund­lichs­ten al­ler Clans, und das sage ich nicht nur, weil dort mei­ne Wur­zeln lie­gen. Wenn du mal in Not bist, kannst du mit de­ren Hil­fe rech­nen, doch wehe, du hast et­was Bö­ses im Sinn. Ge­nau­so wie sie freund­lich sind, kön­nen sie sich auch von ih­rer gna­den­lo­sen, un­barm­her­zi­gen Sei­te zei­gen.«

Ich rut­sche bei dem Ge­dan­ken un­ru­hig auf mei­nem Sitz­platz hin und her. Als Edu­ar­do das be­merkt, re­det er has­tig wei­ter.

»Aber du brauchst vor ih­nen kei­ne Angst zu ha­ben – vor dem Clan der Dä­mo­nen­pfer­de al­ler­dings schon.« Ich spit­ze neu­gie­rig die Oh­ren. »Der Clan ist nicht na­tür­lich ent­stan­den, son­dern wur­de von Mo­ri­gan, dem An­füh­rer, ge­grün­det. Er tausch­te sei­ne See­le mit ei­nem Dä­mon ge­gen das Ge­heim­nis der Un­s­terb­lich­keit.«

Edu­ar­do senkt un­heil­voll die Stim­me. »Sei­ne Trup­pe be­steht aus macht­hung­ri­gen Men­schen aus al­len Clans, die wie er die Un­s­terb­lich­keit er­lan­gen woll­ten. Un­heim­lich, nicht wahr?«

Be­un­ru­higt ni­cke ich. »Führt Mo­ri­gan denn Krieg ge­gen die an­de­ren Clans?«

»Nein, aber er wird kri­tisch im Auge be­hal­ten. Trotz des Vor­teils der Un­s­terb­lich­keit kann es sein Clan noch nicht mit den an­de­ren auf­neh­men. Doch wenn du mich fragst, ist das nur eine Fra­ge der Zeit.«

Als wür­de es sei­ne Wor­te un­ter­strei­chen wol­len, bricht plötz­lich ein Ge­wit­ter über das Fo­rum her­ein. Schnell flüch­ten wir uns un­ter das Dach des Stoffs­tan­des, als auch es auch schon hef­tig an­fängt zu reg­nen. Ich atme gie­rig die fri­sche Luft ein, die von dem Som­mer­ge­wit­ter be­glei­tet wird.

»Oh nein, ich muss so­fort nach Hau­se!«, ruft Edu­ar­do ent­setzt. »Mei­ne Mut­ter hat Kräu­ter zum Trock­nen auf­ge­han­gen, sie dür­fen nicht nass wer­den. Tut mir leid, ich er­zäh­le dir ein an­der­mal den Rest.«

Mit die­sen Wor­ten läuft er los, und ich be­ob­ach­te, wie sei­ne Tu­ni­ka in Se­kun­den­schnel­le klatsch­nass wird. Dann ver­schmel­zen sei­ne Um­ris­se mit dem Re­gen und es scheint fast so, als wäre er nie da ge­we­sen.

Ka­pi­tel 3

Eine Wo­che spä­ter habe ich es auf­ge­ge­ben, Edu­ar­do noch ein­mal in der Schu­le ab­zu­fan­gen. Ich kann ihn nir­gend­wo fin­den, und sei­ne Klas­sen­ka­me­ra­den sa­gen, er sei auch nicht mehr im Un­ter­richt auf­ge­taucht. Der Kräu­ter­stand sei­ner Mut­ter ist eben­falls weg.

Ver­wirrt fra­ge ich mich, ob der Jun­ge mit sei­ner Fa­mi­lie die Stadt ver­las­sen hat und sie mög­li­cher­wei­se zu ih­rem Clan zu­rück­ge­kehrt sind.

Nie­der­ge­schla­gen las­se ich mich auf die Bank sin­ken, auf der Edu­ar­do ge­ses­sen hat, als ich zum ers­ten Mal mit ihm ge­re­det habe. Ge­dan­ken­ver­lo­ren zeich­ne ich mit mei­nem Fuß klei­ne Mus­ter in den san­di­gen Bo­den.

Nun wer­de ich wohl fast ge­nau­so ah­nungs­los blei­ben wie die an­de­ren Stadt­be­woh­ner.

Am Abend lockt mich die küh­le Luft aus dem Haus. Wäh­rend ich die schwach be­leuch­te­ten Wege ent­lang­schlen­de­re, ma­che ich mir noch im­mer Ge­dan­ken über Edu­ar­do, aber auch über An­dri­na.

Und als hät­te eine über­na­tür­li­che Kraft mei­ne Ge­dan­ken ge­hört, ver­neh­me ich plötz­lich ein lei­ses Klim­pern, das von ei­ner küh­len Bri­se zu mir ge­tra­gen wird. Lä­chelnd fol­ge ich den Tö­nen, ob­wohl ich schon weiß, wo­hin sie mich füh­ren wer­den.

Dies­mal sitzt An­dri­na auf ei­ner klei­nen Mau­er am Ran­de ei­nes schma­len Ba­ches. Das Was­ser glit­zert im Mond­licht, wäh­rend sie mit sehn­suchts­vol­lem Blick ihre Ha­r­fe er­klin­gen lässt. Sie scheint mich ge­hört zu ha­ben, denn sie dreht sich um, und ihre Au­gen fla­ckern er­staunt auf.

»Eli­an, was tust du denn schon wie­der hier?«

Ver­le­gen strei­che ich mei­ne dun­kel­ro­te Toga glatt. »Ich muss­te ein­fach raus. Und was tust du hier, so al­lein in der Nacht? Hier in der Stadt ist es schließ­lich nicht ganz un­ge­fähr­lich, wenn es dun­kel wird.«

Är­ger­lich stellt An­dri­na ihre Ha­r­fe bei­sei­te. »Schön, dass du be­sorgt um mich bist, aber ich kann gut selbst auf mich auf­pas­sen.«

Sie will ge­ra­de auf­sprin­gen und ins Haus zu­rück­ge­hen, doch ich lege mei­ne Hand auf ih­ren Arm.

»Bit­te geh nicht, so habe ich das doch nicht ge­meint.«

Prü­fend blickt An­dri­na mich an und nickt schließ­lich.

»Ich glau­be dir.« Et­was ver­le­gen senkt sie den Blick. »Ich habe wohl et­was über­re­a­giert. Und für eine Skla­vin ge­hört es sich nicht, zu rei­chen Men­schen un­freund­lich zu sein. Also, bit­te ver­zeih mir.«

Ich muss bei ih­ren reue­vol­len Wor­ten lä­cheln, und auch sie presst ver­rä­te­risch die Lip­pen auf­ein­an­der.

»Du musst mich nicht be­han­deln, als wäre ich je­mand Bes­se­res als du«, stel­le ich klar, und sie lä­chelt mich dank­bar an.

»Es ist sehr un­ge­wöhn­lich, dass je­mand von dei­nem Stand so freund­lich zu mir ist. Wenn über­haupt wol­len Män­ner …« Sie schlägt be­schämt die Au­gen nie­der. »Du bist so an­ders«, flüs­tert sie kaum hör­bar.

Er­schro­cken bli­cke ich sie an. »Hat dir je­mals ein Mann et­was an­ge­tan?«

Be­schwich­ti­gend nimmt sie mei­ne Hand, was mir einen an­ge­neh­men Schau­er über den Rü­cken jagt.

»Kei­ne Sor­ge, bis jetzt ist nichts pas­siert. Al­ler­dings habe ich da mehr Glück als vie­le an­de­re Skla­vin­nen.« An­dri­nas Stim­me bricht, und sie streicht sich has­tig eine Sträh­ne hin­ters Ohr.

»Ich hole dich da raus«, ver­spre­che ich ihr und drü­cke ihre Hand.

»Das willst du für mich tun?«, fragt sie mit gro­ßen Au­gen und plötz­lich scheint sich die Luft um uns her­um auf­zu­la­den.

Wir bli­cken uns tief in die Au­gen, und ich strei­che ihr sanft über ihre por­zellan­wei­ße Wan­ge. Doch ge­ra­de, als sich un­se­re Ge­sich­ter lang­sam nä­hern, wird eine Tür in un­se­rer Nähe jäh auf­ge­ris­sen.

Er­schro­cken zu­cke ich zu­sam­men und sto­ße mit mei­nem Kopf ge­gen An­dri­nas. Als ich mir mit schmerz­ver­zerr­tem Ge­sicht den Kopf rei­be, er­tönt Jo­letts Stim­me in der Stil­le.

»Skla­vin! Komm so­fort hin­ein, mein Mann wünscht, dass du ihm et­was vor­spielst!«

Trau­rig er­hebt sich An­dri­na und nimmt ihre Ha­r­fe. Der ma­gi­sche Mo­ment ist zer­stört.

»Wann se­hen wir uns wie­der?«, fra­ge ich lei­se.

Ein Lä­cheln um­spielt die Lip­pen des Mäd­chens. »Mor­gen um die glei­che Zeit am glei­chen Ort.«

Dann ver­schwin­det sie mit we­hen­den Haa­ren ins Haus, und ich ste­he wie­der al­lein da. Dies­mal je­doch mit dem Un­ter­schied, dass ich rest­los glü­ck­lich und vol­ler Vor­freu­de auf den mor­gi­gen Tag bin.

Am fol­gen­den Abend gehe ich zu un­se­rem ver­ab­re­de­ten Ort. In mir kriecht die stil­le Angst hoch, dass An­dri­na mich mög­li­cher­wei­se ver­setzt ha­ben könn­te oder viel­leicht nicht aus dem Haus ge­las­sen wird.

Doch schon von Wei­tem sehe ich ihre an­mu­ti­ge Ge­stalt am Bach sit­zen. Schat­ten tan­zen über ihr Ge­sicht und ver­ber­gen ihre Mi­mik. Beim Nä­her­kom­men er­ken­ne ich je­doch ein zar­tes Lä­cheln, das sie so­gar noch schö­ner aus­se­hen lässt.

»Da bist du ja end­lich«, sagt sie sanft und nimmt mei­ne Hand.

Ich set­ze mich zu ihr auf die Mau­er und bli­cke sie mit ei­nem ner­vö­sen Flat­tern in der Ma­gen­gru­be an.

»Ich hat­te schon Angst, dass du nicht kommst«, ge­ste­he ich. »Schließ­lich habe ich mich ges­tern Abend nicht ge­ra­de ge­schickt be­nom­men. Hast du dir ei­gent­lich am Kopf weh­ge­tan?« Be­sorgt war­te ich auf ihre Ant­wort.

»Nicht wei­ter schlimm«, sagt An­dri­na ab­we­send. Mit ih­ren Ge­dan­ken scheint sie ganz weit weg zu sein.

»Wor­an denkst du ge­ra­de?«, fra­ge ich und bei­ße im nächs­ten Mo­ment auf mei­ne Zun­ge, weil mir klar wird, wie auf­dring­lich die­se Fra­ge ist.

An­dri­na scheint mich je­doch gar nicht ge­hört zu ha­ben. Aber dann wen­det sie sich wie­der an mich, als wäre nichts ge­we­sen.

»Er­zähl mir et­was über dich«, bit­tet sie. »Bis­her ha­ben wir fast nur über mich ge­re­det.«

»Na gut, lass mich über­le­gen.« Ich schür­ze nach­denk­lich die Lip­pen. »Ich hei­ße Eli­an, bin sieb­zehn Jah­re alt und habe an­schei­nend eine Schwä­che für Mäd­chen, die gut Ha­r­fe spie­len kön­nen.«

Wir fan­gen bei­de an zu la­chen, und An­dri­na legt ih­ren Kopf auf mei­ne Schul­ter.

»Ich habe noch nie einen Jun­gen wie dich ge­trof­fen.« Plötz­lich wird ihr Blick wie­der ernst. »Doch – ich weiß nicht, ob das zwi­schen uns wirk­lich re­a­lis­tisch ist.«

»War­um denkst du das?«, fra­ge ich mit ei­nem mul­mi­gen Ge­fühl. Ich kann mir schon un­ge­fähr den­ken, was sie jetzt sa­gen wird. »Es ist, weil du eine Skla­vin bist, oder? Aber du brauchst dir kei­ne Sor­gen zu ma­chen, wir krie­gen das ge­mein­sam hin.«

Ver­le­gen senkt An­dri­na den Kopf. Ich habe plötz­lich das Ge­fühl, dass sie et­was an­de­res sa­gen woll­te. Ich war­te dar­auf, dass sie mit der Spra­che her­aus­rückt, doch ihr Blick schweift er­neut ge­dan­ken­ver­lo­ren in die Fer­ne.

Nach ei­ner pein­li­chen Re­de­pau­se steht sie schließ­lich auf und drückt mir einen Ab­schieds­kuss auf die Wan­ge. Ich mer­ke, wie mir das Blut in den Kopf schießt.

»Es ist spät, mei­ne Her­rin wird sich schon fra­gen, wo ich blei­be.«

»Aber ich bin doch ge­ra­de erst ge­kom­men, hast du nicht noch et­was …«

»Bis mor­gen, Eli­an«, un­ter­bricht sie mich und springt auf. Nach­dem An­dri­na mir noch einen letz­ten Blick zu­ge­wor­fen hat, wird sie von der Dun­kel­heit ver­schlun­gen.

Ich blei­be noch bis tief in die Nacht nach­denk­lich auf der Mau­er sit­zen, weil ich mich ein­fach nicht dazu über­win­den kann, die Er­in­ne­rung die­ses Or­tes zu ver­las­sen. Und im­mer wie­der spukt der Ge­dan­ke in mei­nem Kopf her­um, dass An­dri­na mir et­was Wich­ti­ges ver­heim­licht.

Auch an den dar­auf­fol­gen­den Aben­den tref­fe ich mich mit An­dri­na am Fluss. Ich ler­ne sie mit der Zeit im­mer bes­ser ken­nen und im­mer mehr lie­ben. Trotz ih­res lan­gen Da­seins als Skla­vin hat sie eine un­glaub­lich star­ke Per­sön­lich­keit, die mei­ne Un­si­cher­heit aus­gleicht.

Wir trau­en uns zwar nie, uns zu­sam­men in der Öf­fent­lich­keit zu zei­gen, doch wir ma­len uns Aben­teu­er aus, die wir ei­nes Ta­ges zu­sam­men er­le­ben wol­len.

An ei­nem be­son­ders schö­nen Abend, die Luft ist an­ge­nehm warm und eine fri­sche Bri­se trägt fri­sche Wald­luft mit sich, neh­me ich An­dri­nas Hand und ver­kün­de: »Ich habe an­ge­fan­gen zu spa­ren, um dich frei­zu­kau­fen. Mei­nen Va­ter kann ich lei­der nicht um Geld bit­ten, doch ich habe an­de­re Wege ge­fun­den.«

Dass ich ein paar mei­ner Sa­chen ver­kauft habe, ver­schwei­ge ich ihr.

»Oh, Eli­an, ich weiß gar nicht, was ich sa­gen soll.« Sie strahlt über das gan­ze Ge­sicht und wirkt da­bei fast wie ein klei­nes Mäd­chen.

Und dann drückt sie plötz­lich zärt­lich ihre Lip­pen auf mei­ne. Zu­erst hal­te ich über­rascht inne, doch dann er­wi­de­re ich über­g­lü­ck­lich den Kuss. Sel­ten habe ich mich so le­ben­dig ge­fühlt. An­dri­na setzt sich auf mei­nen Schoß und ver­gräbt ihre Hän­de in mei­nen Haa­ren. Der Kuss wird im­mer lei­den­schaft­li­cher, und ich habe das Ge­fühl, vor Ver­lan­gen zu er­sti­cken.

Doch dann löst sie sich mit ge­röte­ten Wan­gen von mir und lässt sich von mei­nem Schoß glei­ten. Sie blickt mir noch ein­mal tief in die Au­gen und dann ist sie plötz­lich ver­schwun­den.

Auf­ge­wühlt und schwer at­mend blei­be ich al­lein auf der Mau­er zu­rück und kann nicht be­grei­fen, was ge­ra­de pas­siert ist. Doch dann sto­ße ich einen lau­ten Jauch­zer aus und ren­ne über­mü­tig durch die Nacht nach Hau­se.

Nach ei­ni­ger Zeit hält der Herbst Ein­zug ins Land. Doch trotz der kal­ten Win­de, die vom Nor­den her­bei­we­hen, ist mein Herz warm, so­lan­ge An­dri­na nur in mei­ner Nähe ist.

Manch­mal tref­fen wir uns auch tags­über, wenn Jo­lett ge­ra­de nichts für ihre Skla­vin zu tun hat.

Im Wald, in wel­chen ich mich mitt­ler­wei­le im­mer öf­ters hin­ein­traue, sam­meln wir bunt ge­tupf­te Blät­ter und be­wer­fen uns la­chend mit Laub.

Für mich ist es die schöns­te Zeit mei­nes Le­bens. Das Mäd­chen ver­kör­pert all mei­ne Sehn­süch­te nach Frei­heit, ob­wohl ich da­für nicht ein­mal die Stadt ver­las­sen muss.

Selbst die selt­sa­men Träu­me habe ich mitt­ler­wei­le nicht mehr. Als ich An­dri­na ein­mal da­von er­zäh­le, kann sie ein La­chen kaum un­ter­drü­cken und macht sich dar­über lus­tig, dass sie mir so­gar nachts nicht aus dem Kopf geht. Dass ich je­des Mal das Ge­fühl hat­te, dass es kein ein­fa­cher Traum war und sie mir dar­in so­gar schon be­geg­net ist, als ich sie noch nicht kann­te, ver­schwei­ge ich ihr.

»Willst du ei­nes Ta­ges die Stadt ver­las­sen?«, fragt mich An­dri­na ein­mal, wäh­rend wir Rü­cken an Rü­cken auf dem tro­ckenen Wald­bo­den sit­zen und ein­fach nur die Stil­le ge­ni­e­ßen.

»Ich den­ke schon«, er­wi­de­re ich zö­ger­lich. »Die Welt da drau­ßen ist so groß, aber ich bin mir nicht si­cher, ob ich wirk­lich den Mut dazu habe.«

Dann kommt mir ein Ge­dan­ke und ich dre­he mich zu ihr her­um. Blitz­schnell drü­cke ich sie an mich, wäh­rend sie einen ver­gnüg­ten Schrei ausstößt.

»Was hältst du da­von, wenn wir die Welt ein­fach ge­mein­sam ent­de­cken? Mit dir zu­sam­men wäre es si­cher­lich wun­der­bar.«

An­dri­na schmiegt sich an mich und über­legt einen Mo­ment. »Das wür­de ich wirk­lich ger­ne«, ant­wor­tet sie schließ­lich lä­chelnd.

Gleich­zei­tig spü­re ich je­doch ihre Sor­ge über un­se­re un­si­che­re Zu­kunft. Es ist mir noch im­mer nicht ge­lun­gen, ge­nug Geld auf­zu­trei­ben, ob­wohl ich mitt­ler­wei­le so­gar ei­ni­ge wert­vol­le Stü­cke mei­ner El­tern ver­kauft habe. So­fort ver­spü­re ich wie­der ein schlech­tes Ge­wis­sen, auch wenn sie die­se Sa­chen si­cher­lich nicht ver­mis­sen wer­den.

Den­noch ist mir klar, dass ich mo­men­tan al­les an­de­re als ein gu­ter Sohn bin.

Wäh­rend ich ei­nes Ta­ges mal wie­der aus dem Haus gehe, um An­dri­na zu tref­fen, be­mer­ke ich, dass die Men­schen un­ru­hig ge­wor­den sind und in Rich­tung des Fo­rums lau­fen. Ich runz­le ver­wun­dert die Stirn. Ir­gend­wie kommt mir die Si­tua­ti­on sehr be­kannt vor.

Ich ver­su­che mir einen Weg durch die Men­ge zu bah­nen, doch dies­mal wer­de ich von vie­len Hän­den wie­der zu­rück­ge­sto­ßen.

Neu­gie­rig stel­le ich mich auf Ze­hen­spit­zen. Ge­ra­de noch kann ich schwa­r­zen Ne­bel er­ken­nen, der un­heil­voll in die Luft steigt. Mir ist so­fort klar, dass wie­der der Clan der Dä­mo­nen­pfer­de so viel Auf­re­gung ver­ur­sacht.

End­lich schaf­fe ich es, durch die Men­ge hin­durch­zu­sch­lüp­fen, aber zu mei­ner Ver­wun­de­rung ist der Clan der Dä­mo­nen­pfer­de weit und breit nicht zu se­hen.

Plötz­lich wer­de ich von ei­ner har­ten Schul­ter an­ge­rem­pelt, doch ge­ra­de als ich mich be­schwe­ren will, ent­de­cke ich Ly­san­dro ein paar Schrit­te wei­ter. Nach­dem ich ihn mehr­mals beim Na­men ge­ru­fen habe, blickt er sich ver­wirrt um und als er mich ent­deckt, hellt sich sei­ne Mie­ne auf.

»Was machst du denn hier?«, ruft er laut, um die Stim­men der Men­schen­men­ge zu über­tö­nen.

»War der Clan der Dä­mo­nen­pfer­de hier?«, rufe ich zu­rück und zie­he mei­nen Freund am Arm durch das Ge­drän­gel in eine ru­hi­ge­re Ne­ben­stra­ße.

»Du hast es auch mit­be­kom­men?«, fragt Ly­san­dro auf­ge­regt. »Ir­gend­wie ha­ben die et­was Un­heim­li­ches an sich, fin­dest du nicht auch?«

Ich ni­cke und will ihm ge­ra­de noch mehr Fra­gen stel­len, als mir ein­fällt, wes­we­gen ich über­haupt un­ter­wegs bin. Ich habe An­dri­na schon viel zu lan­ge war­ten las­sen, und sie wun­dert sich be­stimmt schon, wo ich blei­be.

»Ich muss los«, sage ich des­we­gen und las­se den ver­dutz­ten Ly­san­dro al­lein zu­rück.

Keu­chend lau­fe ich Ab­kür­zun­gen durch ver­win­kel­te Gas­sen, wo sich Ob­da­ch­lo­se und Stra­ßen­kin­der her­um­trei­ben und auf der Su­che nach et­was Ess­ba­rem sind. Ei­nem Jun­gen mit Klein­kind an der Hand wer­fe ich schnell ein Geld­s­tück zu, ehe ich um die nächs­te Ecke lau­fe.

Als ich end­lich an un­se­rem Treff­punkt an­ge­langt bin, be­mer­ke ich ent­täuscht, dass An­dri­na nicht mehr da ist. Doch ich über­le­ge nicht lan­ge. Mu­tig klop­fe ich an die Tür von Jo­letts Haus und eine Skla­vin öff­net mir.

»Ist Jo­lett da?«, fra­ge ich hoff­nungs­voll. »Ich möch­te wis­sen, ob ich mir eine von eu­ren Skla­vin­nen für ein Fest aus­lei­hen kann, wel­ches ich heu­te Abend ge­ben möch­te. Ich glau­be, sie heißt An­dri­na und sie kann ein­fach wun­der­voll Ha­r­fe spie­len. Das wür­de mei­nen Gäs­ten si­cher­lich ge­fal­len.«

Na­tür­lich ist al­les, was ich sage, frei er­fun­den, doch mir ist es jede Lüge wert, um An­dri­na zu se­hen.

»Da muss ich dich lei­der ent­täu­schen«, sagt die Skla­vin mit ei­nem trau­ri­gen Klang in der Stim­me. »Jo­lett war ge­zwun­gen, das Mäd­chen zu ver­kau­fen, weil wie­der mal das Geld knapp war.«

Das Blut rauscht mir in den Oh­ren, als ich die­se Wor­te höre, und pure Ver­zweif­lung brei­tet sich in mir aus.

»Aber das kann nicht sein!« Mei­ne Stim­me über­schlägt sich und ich rau­fe mir vor der über­rasch­ten Skla­vin ent­setzt die Haa­re.

Aber dann wei­che ich zu­rück und ren­ne los, ohne zu wis­sen, wo­hin. Mei­ne Lun­ge brennt, doch ich ge­ni­e­ße den Schmerz. Er be­täubt den, der am schlimms­ten ist. Ich blin­ze­le Trä­nen weg, denn kei­ner der ah­nungs­lo­sen und na­i­ven Men­schen um mich her­um soll er­ken­nen, was in mir vor­geht.

Ir­gend­wann, es kommt mir vor wie nach Stun­den, wird mein Kopf wie­der kla­rer, und ich kom­me schwer at­mend zum Ste­hen.