Die Digitale Generation - Gerhard Falschlehner - E-Book
Beschreibung

'Die Digitale Generation' nimmt eine Gegenposition zum aktuellen Kulturpessimismus ein, der den Untergang der Schriftkultur und die pauschale Verdummung unserer Jugend durch die digitalen Medien vorhersagt. Tatsächlich lesen Jugendliche heute nicht weniger, sondern mehr als frühere Generationen - sie lesen aber anders. Gerhard Falschlehner beschreibt den Medienalltag der Jugendlichen, erklärt die unterschiedlichen Formen des Lesens von Buchstaben auf Papier über Bilder bis zu multimedialen Informationssystemen und legt Wege zur Leseförderung zu Hause, im Kindergarten und in der Schule dar.

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___Über dieses Buch

›Die digitale Generation‹ nimmt eine Gegenposition zum aktuellen Kulturpessimismus ein, der den Untergang der Schriftkultur und die pauschale Verdummung unserer Jugend durch die digitalen Medien vorhersagt. Tatsächlich lesen Jugendliche heute nicht weniger, sondern mehr als frühere Generationen – sie lesen aber anders. Gerhard Falschlehner beschreibt den Medienalltag der Jugendlichen, erklärt die unterschiedlichen Formen des Lesens von Buchstaben auf Papier über Bilder bis zu multimedialen Informationssystemen und legt Wege zur Leseförderung zu Hause, im Kindergarten und in der Schule dar.

___Für Viktor und Nikolaus

___  Inhalt

___    Von der Steinzeit ins digitale Zeitalter. Vorwort.

___    Lesen – Jugend – Medien

___    Neues Lesen?

___    Jugendkultur ist Medienkultur

___    Möchte wissen, wer ich bin

___    Was ist Lesen?

___    Schrift lesen

___    Digitales Lesen

___    Bilder lesen

___    Informationssysteme lesen

___    Lesen fördern

___    Lesen vor dem Lesen

___    Lesen in der Schule

___    Lesemotivation: Lesen als Freiraum und Freizeit

___    Aus Buchstaben werden Wörter: basales Lesen

___    Aus Wörtern werden Texte: flüssiges Lesen

___    Lese-Strategien: Texte machen Sinn

___    Lesen als Konstruktion

___    Lesevielfalt: Wann Kind und Text zusammenkommen

___    Abschied vom Lesen? Nachwort.

___    Danke

___    Anmerkungen

___    Quellen

___Von der Steinzeit ins digitale Zeitalter. Vorwort.

Ich bin ein Fossil, ein Buchmensch. Ich habe als Kind geschätzte 45 Bände Karl May verschlungen, war Winnetou und Old Shatterhand in einer Person, wenn ich mit Dolch und Revolver durch den Garten meiner Großmutter robbte. Danach kämpfte ich mich durch Gustavs Schwabs Sagen des klassischen Altertums und vor allem den Trojanischen Krieg. War Hektor und deutete die Ilias um, sodass die tapferen Trojaner gegen die arroganten Griechen siegten. Schnappte mir später die Reclam-Heftchen aus einem verstaubten Regal mit alten Schulsachen meines großes Bruders. Brachte mich gemeinsam mit Werther um, wurde in Nikolai Gogols Tagebuch eines Wahnsinnigen selbst verrückt und irrte als einsamer Steppenwolf rat- und rastlos durch Hermann Hesses haarige Sätze. Meine ersten Mädchenliebschaften: Lotte, Hermine, Käthchen. Meine Welterfahrung, mein Weltschmerz, meine Ich-Suche führten durch Bücher.

Als Buchfossil schreibe ich nun unkompetenterweise über digitale Medien und ihre Auswirkungen aufs Lesen.

Ich kann mich noch gut an meine ersten Schritte ins World Wide Web erinnern. Ich hatte für alle BuchklubmitarbeiterInnen ein Seminar an der Donau-Universität Krems zur Einführung des Internets in unserem Büro organisiert. Nach einigen Einführungsvorträgen durften wir am Nachmittag selbstständig drauflossurfen, wussten aber alle nicht, was wir mit der großen Freiheit anfangen sollten: In der ehemaligen Tabakfabrik in Stein sitzend, gab ich als erste Internetadresse meines Lebens die Website der unmittelbar benachbarten Stadt Krems ein und kam mir vor wie ein verwegener Wildwestpionier oder wie Neil Armstrong bei seinen ersten Schritten auf dem Mond. Dass ich genauso gut nach New York, Delhi oder Moskau reisen hätte können, war mir damals noch nicht klar. Typisch »Digital Immigrant«, wie man uns Buchfossile nennt.

Wenn ich sehe, wie sich meine beiden Söhne sicher und selbstverständlich in den digitalen Welten bewegen, spüre ich diesen enormen Generation Gap, der die Vorinternetgeneration plagt. Ob wir Buchmenschen es wollen oder nicht, ob wir es gut finden oder nicht, das Rad lässt sich nicht zurückdrehen. Die digitalen Medien verändern unser Leseverhalten ähnlich dramatisch, wie es wohl einst die Erfindung der Schrift und später der Buchdruck getan haben.

___Generation Gap

Es gibt eine spürbar große Diskrepanz zwischen dem Kindsein, so wie Kinder ihre Welt erleben, und dem Bild von Kindheit, wie Eltern, Erzieher und Printmedien die Welt der Kinder einschätzen. Zwei Generationen stehen einander ziemlich verständnislos gegenüber: Die Schriftgeneration, die noch vollständig mit Buchstaben auf Papier sozialisiert wurde (auf Werbedeutsch würde man sagen: »Generation 40 plus«), und die junge Generation, die mit digitalen Medien aufwächst. Wenn von Kindheit und Jugendkultur gesprochen oder geschrieben wird, geschieht das meist noch aus der Perspektive der Schriftgeneration und ist oft von jenem unsäglichen Kulturpessimismus geprägt, der seit rund 6 000 Jahren jeweils die ältere Generation über die jüngere jammern lässt. Wäre nicht weiter erwähnenswert, würde nicht die Digitalisierung diese Kluft verschärfen. Analoge Schriftmenschen wie ich, die sich mühsam eine Schneise durchs Internet bahnen, erziehen und beurteilen Menschen, die die digitale Welt von Geburt an verinnerlicht haben. Schon der Begriff »Neue Medien« ist verdächtig: Was wir Erwachsenen noch immer als »neu« empfinden, ist für unsere Kinder selbstverständlich und längst ein alter Hut.

Was wird nicht alles über die Kinder geraunzt: dass sie weniger und schlechter lesen; dass Computerspiele sie faul und unkonzentriert oder gar aggressiv machen; dass SMS und Facebook ihren Wortschatz auf ein Gestammel reduzieren; dass das Internet sie süchtig und einsam macht. Derartige Vorwürfe jedoch stimmen in dieser pauschalen Form nie und sind vor allem wenig hilfreich.

Natürlich betrachte ich berufsbedingt – als Geschäftsführer des Österreichischen Buchklubs der Jugend – die Entwicklung des Lesens mit Sorge. Ich stelle aber auch eine Diskrepanz fest zwischen dem subjektiven Empfinden vieler Erwachsener von der kaum mehr lesefähigen Jugend und den zahlreichen objektiven Befunden, die belegen, dass Jugendliche so viel lesen und schreiben wie noch nie; es haben sich bloß Medien und Lesetechniken geändert. Es gibt kein Indiz dafür, dass Büchernarren wie ich früher einen höheren Bevölkerungsanteil ausmachten. Ich stelle mit Verwunderung fest, wie reihenweise PublizistInnen, JournalistInnen, WissenschaftlerInnen angesichts der digitalen Medien in die alte Kulturpessimismus- und Weltuntergangsfalle tappen. Die Verbindung »digitale Medien und Jugend« löst fast reflexartig Wehklagen und düstere Zukunftsprognosen aus. Dabei kennen die geschätzten KollegInnen so wie ich all die nicht erfüllten Prophezeiungen über die verderbte Jugend, die schon im alten Ägypten existierten. Selbst der weise Sokrates hat sich fundamental geirrt, als er seinerzeit voraussagte, dass die Schrift den jungen Menschen das selbstständige Denken rauben würde.

Die Medienkluft erkennt man an unterschiedlichen Problemlösungsstrategien. Während meine Schriftgeneration das Lesen von Gebrauchsanweisungen, Merkblättern und Anleitungen als Pflicht vor dem Tun ansieht, arbeiten die »Digital Natives« nach dem Trial-and-Error-Prinzip fast immer schneller und effizienter. Ich erinnere mich an den ersten Flugsimulator meines älteren, damals zirka neunjährigen Sohnes am PC. Während ich im Handbuch ungefähr auf Seite 27 über das »Einsteigen ins Flugzeug« las, flog er bereits zwischen San Francisco und Los Angeles hin und her. Er konnte zwar nicht landen, ich aber war noch meilenweit vom Starten entfernt.

Bildgebende Verfahren der Neurowissenschaften zeigen, dass unsere Gehirn-Hardware zwar nicht veränderbar ist (wir denken immer noch mit dem alten Steinzeithirn), dass aber das Netzwerk der Neuronen sehr flexibel auf Veränderungen in der Kommunikation reagieren kann. Dass der Mensch die Schrift erfinden und lesen und schreiben lernen konnte, ist ein Beweis für die Fähigkeit, sich an veränderte Umweltbedingungen anzupassen und neue Denkstrategien zu entwickeln. Der Übergang zur Sesshaftigkeit brachte einerseits persönlichen Besitz von Gegenständen aller Art und Tauschhandel, andererseits Zeit und Muße, über seine eigene Vergangenheit und Herkunft nachzudenken. Beides machte die Entwicklung von Aufzeichnungen sinnvoll und die Fähigkeit, diese zu lesen, erforderlich. In den frühen Hochkulturen wurde die Schrift entwickelt, und das Gehirn fand Wege, sie zu lesen.

Der Schritt von der realen in die virtuelle Welt der digitalen Medien ist möglicherweise ein ähnlich großer wie vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit und erfordert von uns das Lesen in völlig neuen Formen, Medien und Modi und damit auch neue Denk- und Problemlösungsstrategien. Ich bin überzeugt, dass die digitale Generation mit großem Erfolg daran arbeitet und dass sich das menschliche Gehirn flexibel auch an diese und alle weiteren Veränderungen jeweils ebenso anpassen wird.

Ich möchte in diesem Buch einige aktuelle Erkenntnisse aus der Leseforschung vorstellen, die meiner Meinung nach in eine zeitgemäße Leseförderung einfließen sollten. Ich plädiere dafür, den Lesebegriff um digitales Lesen sowie das Lesen von Bildern und dreidimensionalen Informationssystemen zu erweitern. Und ich möchte zeigen, wie die digitalen Medien das Leseverhalten der jungen Menschen verändern und wie ErzieherInnen und Eltern darauf reagieren können/sollen. Mein Buch ist keine Lesedidaktik (obwohl eine solche im digitalen Zeitalter dringend erforderlich wäre) und auch kein Ratgeber (weil ich Bücher dieser Kategorie oft betulich bzw. bevormundend finde). Ab und zu kann ich mir aber einen Seitenblick/-hieb auf meine frühere Profession, das Lehren, nicht verkneifen. Es gibt wunderbare Literatur zur Leseforschung und über digitale Medien aus diversen wissenschaftlichen Sparten – Entwicklungspsychologie, Neurowissenschaften, Pädagogik, Sprachwissenschaften, Kulturphilosophie, Publizistik –, die ich zurate gezogen, aus der ich viel geklaut und hemmungslos simplifiziert habe. Ich habe mich bemüht, meine Vorlagen getreu zu zitieren oder zumindest zu erwähnen. Ich bedanke mich bei allen IdeenspenderInnen für die Anregungen und entschuldige mich bei jenen, deren Erwähnung ich möglicherweise vergessen habe.

Bezüglich »gegenderter« Sprache habe ich mich entschieden, die weiblichen Formen bzw. das Binnen-»I« zu verwenden; das ist zwar sprachlich oft ein wenig verkorkst, aber so viel Platz muss sein, um die Leserinnen der Literatur explizit mitzudenken, die ja den weit größeren Anteil stellen als die Leser.

___Lesen – Jugend – Medien

___Neues Lesen?

Das Buch als Wissensmonopol hat ausgedient und wird als Nischenmedium seinen Platz finden. Lesen ändert seinen Charakter: Das lineare Lesen von Schrift bleibt als Basiskompetenz zwar unverändert wichtig, viel häufiger benötigen wir aber digitales Lesen, um uns in multimodalen und multimedialen Räumen zu orientieren.

___Abschied vom Buch

Es ist Zeit, sich von den Büchern zu verabschieden. Sie haben rund 500 Jahre als Leitmedium unserer europäischen Kultur gedient und ihre Sache ganz gut gemacht. Andererseits: Wunder konnten sie auch keine bewirken. Sie konnten keine Tyrannen stürzen, sie haben die beiden Weltkriege nicht verhindert, und die Weltwirtschaftskrisen auch nicht. Bücher sind nicht einmal a priori gut. Weder sprachlich noch moralisch. Schließlich gibt es ja auch Druckwerke wie Mein Kampf oder Zehn Wundermittel gegen Cellulite oder Fifty Shades of Grey. Bücher als Transportmittel des Humanismus sind ein frommer Wunsch selbst ernannter HumanistInnen. Bücher waren auch nicht immer demokratiefördernd, denn letztlich blieben sie früher meist der Oberschicht vorbehalten, die gut lesen und es sich leisten konnte. Fernsehen, Radio und Internet heute sind viel demokratischer: Dazu hat sozusagen jede/r Zugang, und das kann jede/r, beim Internet mit der kleinen Einschränkung, dass man lesen können muss. Bücher halten oft nicht, was sie versprechen: Kein/e LeserIn wurde in 30 Tagen schlank, reich oder berühmt, selbst wenn der Buchtitel das verhieß. Und schließlich wurden Abertausende Schulkinder mit Klassenlektüre und Reihumlesen gequält.

Zeit, Adieu zu sagen. Aber kein Grund, traurig zu sein. Das Buch verschwindet ja nicht wirklich, es verliert nur seine etwas angegraute Rolle als moralische Instanz und als bildungsbürgerliches Prestigeobjekt. Ein ähnliches Schicksal erfuhren übrigens einst auch die Bilder, die jetzt wiederum das Buch und dessen -staben abzulösen scheinen. Jahrtausendelang erzählten und erklärten Bilder den Menschen die Welt, dokumentierten und fabulierten – von den Höhlenmalereien bis zu den Biblia pauperum (Armenbibeln) in Kirchen –, bis die schier grenzenlosen Reproduktionsmöglichkeiten des Buchdrucks die Bildwelten ablösten. Doch auch die Bilder verschwanden durch den Aufstieg des Buches nicht völlig aus unserem Leben, sie bekamen nur einen neuen Stellenwert. Bilder hängen auch heute noch als Original oder in Kopie in Wohn- und Schlafzimmern und tagtäglich besuchen Millionen Menschen Museen und Galerien – freiwillig. Und als Foto erfuhren sie letztlich eine wundersame Transformation. So wird es auch den Büchern gehen, und darin steckt ihre Chance. Sie werden ihren moralinsauren Beigeschmack verlieren, ihre Aura des Verpflichtenden, und bleiben ein wertvolles Kulturgut neben anderen. Menschen, die bisher Bücher lasen, werden das weiter tun. Kinder werden sie als bereicherndes Medium erfahren, neben Tablet und Konsole oder sogar darauf. Und wie eh und je werden Kids in ihrem Zimmer hocken und mit ihrem Buch oder Tablet in ferne Galaxien oder Zauberwelten fliegen. Nicht alle, aber auch nicht weniger als in der Vergangenheit, die zu Unrecht glorifiziert wird. Denn zu keiner Zeit war Buchlesen mehrheitsfähig, sondern immer bloß eine Drittelgesellschaft: Ein Drittel der Population waren und sind gute und überzeugte LeserInnen, ein Drittel sogenannte »potenzielle LeserInnen«, die es grundsätzlich können und es tun, wenn es erforderlich ist, und ein (starkes) Drittel waren zu allen Zeiten NichtleserInnen. Alle anderen Behauptungen von der Lesegesellschaft anno dazumal sind sozialromantischer Schmarren. In vielen ländlichen oder proletarischstädtischen Kreisen gab es keine Bücher und auch keine Zeit dafür.

Vieles wird in Zukunft nicht mehr in Büchern stehen, weil sie technisch überfordert sind und das Internet praktischer ist: Bücher sind am Tag nach dem Druck schon veraltet, Texte in digitalen Medien können jederzeit aktualisiert, ergänzt, mit anderen verknüpft werden. Können in allen Schriftgrößen gelesen, ausgedruckt, übersetzt werden. Können Bücher alles nicht.

Wenn wir endlich aufhören, Bücher gegen die digitalen Medien auszuspielen, dann werden sie freilich einen neuen, wichtigen Platz in der Geistesgeschichte einnehmen: als wunderbares, bereicherndes Nischenprodukt für Menschen, die sich auf Tiefgang begeben und auf Geschichten einlassen wollen. Als in sich geschlossenes, stimmiges Ganzes im Gegensatz zu Medientexten, die ständig in Fluss sind. Und auch die Buchwirtschaft braucht sich nicht zu grämen: Als preiswertes und dekoratives Geschenk ist das Buch immer noch konkurrenzlos.

___Vom Kleingedruckten zum Überkopfwegweiser

Auch vom klassischen Lesen müssen wir uns weitgehend verabschieden: Die »reine« Schrift, also Texte, die wir Buchstabe für Buchstabe von links oben nach rechts unten lesen, ist heute nur mehr die Ausnahme. Bilder, Symbole, Icons und allerlei blinkendes Zeug haben sich unter die Schrift gemischt, sie ergänzt oder gar ersetzt. Hypertext hat die Linearität nachhaltig durchbrochen. Lesen ist nicht mehr, was es einmal war. Verschwinden wird es aber auch nicht. Allen Kassandrarufen zum Trotz haben die digitalen Medien Lesen nicht überflüssig gemacht, sondern sind die wichtigsten Forderer und Förderer des Lesens geworden. Surfen Sie einmal im Internet oder bearbeiten Sie eine E-Mail, wenn Sie AnalphabetIn sind! Im digitalen Zeitalter gibt es kaum einen Beruf, der ohne Rezeption schriftlicher Informationen auskommt: vom Mechaniker, der Ersatzteile via E-Mail bestellen muss, bis zum Landwirt, der neben dem Acker auch noch jede Menge EU-Formulare durchpflügen muss, ist die Berufswelt von Lesenotwendigkeiten durchdrungen, auch in Berufen, in denen das früher nicht nötig war. Auch abseits der digitalen Medien leben wir in einer Informationswelt: Plakate, Hinweisschilder, Bestellformulare, Gebrauchsanweisungen, Sicherheitsbestimmungen. Vom Kleingedruckten zum Überkopfwegweiser: Lesestoff allerorten, den wir benötigen, um irgendeinen Zutritt, eine Erlaubnis, eine Vergünstigung zu erhalten.

Aber ist das noch Lesen? Was tut jemand, der eine Website rezipiert, in der Bilder, Icons, Töne und Buchstaben zusammenstoßen? Wenn jemand versucht, sich auf einem fremden Flughafen anhand von Infoscreens zum richtigen Gate zu bewegen? Hat Lesen immer und hauptsächlich mit Schrift zu tun oder ist es Wahrnehmen von Zeichen im allerweitesten Sinn?

Einen schönen Beitrag zu dieser Frage lieferte der argentinische Schriftsteller Alberto Manguel:

»Das Lesen von Buchstaben auf einer Seite ist nur eine ihrer Erscheinungsformen. Der Astronom liest am Himmel in Sternen, die längst nicht mehr existieren; [...] Jäger und Naturforscher lesen die Wildfährten im Wald; Kartenspieler lesen die Gesten und Mienen ihrer Partner, bevor sie die entscheidende Karte ziehen. Balletttänzer lesen die Notierungen des Choreographen, und die Zuschauer lesen dann die Figuren des Tanzes auf der Bühne. Teppichweber lesen die verschlungenen Muster eines gewebten Teppichs, Organisten lesen mehrere simultane Stimmen, um sie zu einem orchestralen Klang zusammenzuführen, Eltern lesen im Gesicht ihres Babys, um nach Anzeichen der Freude, der Angst oder des Staunens zu suchen. Chinesische Wahrsager lesen uralte Zeichen, die in den Panzer einer Schildkröte geritzt sind, Liebende lesen den Körper der Geliebten nachts im Dunklen unter der Decke. Psychologen helfen ihren Patienten, die eigenen befremdlichen Träume zu lesen; hawaiische Fischer lesen die Meeresströmungen, indem sie die Hand ins Wasser halten; der Bauer liest am Himmel, welches Wetter zu erwarten ist, und alle teilen sie mit den Lesern von Büchern die Fähigkeit, Zeichen zu erkennen und mit Bedeutung zu füllen.«1

Die digitale Medienwelt legt einen weitgefassten Lese- und Textbegriff nahe. »Lesen« kommt vom Lateinischen »legere« und heißt »sammeln«; »Textur« bezeichnet ein Gewebe. Das passt gut ins digitale Zeitalter: Wir sammeln Informationen aus einem Gewebe von Zeichen. Bilder übernehmen bedeutungstragende Funktionen, Icons und Fotos ersetzen und ergänzen die Schrift. Wir lesen in unterschiedlichsten Modi und Medien, mit allen Sinnen, hörend, fühlend und riechend: Pieps- und Signaltöne weisen Computer- und MobiltelefonbenutzerInnen zurecht, Rüttellinien wecken uns auf Autobahnen, weil wir über die Fahrspurbegrenzung geraten sind, Duftspuren locken uns in U-Bahngängen zur nächsten Bäckerei mit frischen Croissants.

Was früher zwischen Buchdeckeln oder Heftseiten gedruckt wurde, der Text, löst sich immer öfter vom Papier und begegnet uns in vielfältigen realen und virtuellen Räumen und in multimodalen Informationssystemen. Das Design, das Layout, die Gesamtarchitektur der Information übernimmt eine tragende Rolle, um die verschiedenen Modi zusammenzuführen: das Leitsystem eines Flughafens oder einer U-Bahn, das weltweit gleiche Corporate Design von Handels- oder Restaurantketten, das Display von Smartphones oder das Layout einer Website – all das sind multimodale Texte, in denen Schrift zumeist eine wichtige, aber nicht unbedingt die dominante Rolle spielt und in denen dem Design eine zentrale Orientierungsfunktion zukommt. Wie wichtig dies ist, merken wir oft erst dann, wenn wir uns im Dschungel der Botschaften verirren: wenn wir auf einem fremden Flughafen das richtige Gate, im Einkaufszentrum den gewünschten Shop, auf der Website den gesuchten Link nicht und nicht finden können und stattdessen in einer Infosackgasse oder einer Datenbesenkammer landen.

___Wo bleibt das lineare Lesen?

Frohe Botschaft für die Schriftmenschen: Lineares Schriftlesen ist zwar vielleicht quantitativ weniger, aber qualitativ nicht weniger wichtig geworden. Komplexe Informationen, differenzierende Aussagen, Formulieren von Nuancen, Darstellen schwierigerer Sachverhalte erfordern nach wie vor die Schrift. Bilder sind Texten oft emotionell und an Wahrnehmungsgeschwindigkeit überlegen, an Eindeutigkeit und Präzision gewinnt aber oft die Schrift. Piktogramme sind zwar einprägsam und kommunikativ, aber versuchen Sie einmal, Sprachnuancen wie ein »vielleicht« oder ein »manchmal« als Icon auszudrücken! Selbst hoch elaborierte Zeichensysteme wie Diagramme haben Grenzen der visuellen Darstellung und müssen verbalisiert werden, wollen wir sie in unserem Gedächtnis als Information abspeichern oder jemand anderem erklären.

Schrift ist unverändert die Basis gesellschaftlichen und politischen Lebens: Gesetze, Verträge, Verordnungen und politische Programme sind nur in Schrift denkbar. Die Vorstellung, dass die Macht des gelesenen Wortes in die Hände einer kleinen Minderheit gerät, ist ein demokratiepolitischer Albtraum so wie auch das umgekehrte Szenario: dass politische Entscheidungsträger nicht lesen können. In der Lesekompetenz steckt gesellschaftspolitische Sprengkraft: Nur wer komplexe Texte lesen kann, verfügt über Wissen – und über Macht. Wer Verträge, politische Programme und juristische Texte lesen kann, kann an der Gesellschaft aktiven Anteil nehmen, mitbestimmen, sein persönliches Recht einfordern. Letztlich ist alles Wissen dieser Welt gespeichert in Schrift – sei es naturwissenschaftlich, sei es geisteswissenschaftlich-philosophisch –, auch in den digitalen Archiven.

Kommunizieren in unserer komplexen Welt, Teilhabe an der Gesellschaft verlangt unverändert Schreib- und Lesekompetenz. Die grandiose Erfindung unserer Vorfahren, die Schrift, ist unumkehrbar. Und auch wenn manche Zukunftsfanatiker von sprachunterstützten Programmen schwärmen und Mobiltelefone und Navigationsgeräte mit uns sprechen: Überall dort, wo Informationen komplex und/oder umfangreich werden, wo eine Speicherung sinnvoll und notwendig ist, braucht es Schrift – und Menschen, die diese schreiben und lesen können. Vorfreude künftiger SchülerInnen ist daher unangebracht: Selbstverständlich steht am Anfang der Sozialisierung das Lesenlernen von Schrift. AnalphabetInnen sind heute und in Zukunft gesellschaftliche AußenseiterInnen, die sich unendlich mühsam einen Weg durch den Schriftdschungel bahnen müssen und die von wesentlichen Bereichen unserer Welt und unserer Gesellschaft ausgeschlossen bleiben. Je besser jemand Schrift lesen kann, desto kompetenter ist er/sie auch im digitalen Raum unterwegs und desto anspruchsvollere Informationen kann er/sie dort verarbeiten.

Lesen im digitalen Zeitalter ist Sowohl-als-auch: sowohl analoges, lineares Lesen als auch Navigieren und Interagieren in multimodalen Text- und Informationsräumen. Zweiteres muss daher ebenso erlernt werden wie das Alphabet auf dem Papier. Lesen ist das Orientieren in großen Räumen ebenso wie das konzentrierte Suchen im Kleingedruckten.

___Jugendkultur ist Medienkultur

Jugendliche sind 24 Stunden am Tag in digitalen Medien unterwegs und trennen nicht mehr zwischen realer und virtueller Welt. Sie passen ihr Rezeptionsverhalten an die Notwendigkeiten der Medienwelt an, und sie lesen und schreiben mehr denn je – vorausgesetzt sie können es.

___Sie sind immer drin!

Unser Sohn Nikolaus lebt im Cyberspace. Umgeben von und verkabelt mit Fernseher, Konsolen allen Art und diversen -pods und -pads und -phones, notfalls mit Kopfhörern, schwebt er von der familiären Außenwelt abgeschottet auf seinem Teppichraumschiff durch Zeit und Raum und unser Wohnzimmer, während seine Eltern daneben am Esszimmertisch altmodisch Konversation (auf Neudeutsch »Face-to-Face-Kommunikation«) pflegen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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