Die Direktiven - Markus Estermann - E-Book

Die Direktiven E-Book

Markus Estermann

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Beschreibung

Was wäre, wenn das System, das uns beherrscht, über Nacht wertlos würde? Die Studentin Kiana Taylor stellt eine radikale Frage: Können wir ohne Geld freier leben? Ihre Rede entfacht weltweit Hoffnung, macht sie für die Mächtigen jedoch zur Zielscheibe. Als ihre Freunde sterben, begreift Kiana, dass sie uralte Machtstrukturen erschüttert hat. Verfolgt von einem Killer und verraten von der Politik, flieht sie nach Washington D.C. Gemeinsam mit einem ausgebrannten Inspektor muss sie beweisen, dass eine Idee mächtiger ist als jede Waffe – bevor die neue Welt verstummt. Ein hochbrisanter Polit-Thriller über Gier, digitale Revolution und den Mut, das Undenkbare zu wagen.

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Seitenzahl: 259

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Markus Estermann

Die Direktiven

Thriller

Impressum

»Die Direktiven« © 2025 Markus Estermann, alle Rechte vorbehalten. Umschlaggestaltung: Perpicx Media Design, www.perpicx.de Veröffentlichung: © 2000 Suspense Verlag Höhenstraße 18, D-61267 Neu-Anspach E-Mail: [email protected]

chaptune

Die musikalische Begleitung zum Buch!

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chaptune.de/ZN48LONLD

Widmung

Dieses Buch widme ich meiner unglaublichen Frau – meiner besten Freundin, meiner Seelenverwandten
und der Liebe meines Lebens:

Monika

Prolog

Washington, D.C., 03:17 Uhr.

Der Regen hämmerte gegen die Panoramafenster im 33. Stock. Ethan Miller stand reglos davor, ein Glas teuren Whisky in der Hand, und blickte auf die Lichter der Stadt. Jeder Punkt dort unten – Senator, Richter, CEO – war für ihn nur ein Schachstein. Manche standen, manche fielen.

Auf dem Mahagonitisch hinter ihm lag ein Tablet, darauf das Foto einer jungen Frau: dunkles Haar, entschlossener Blick, kaum älter als zweiundzwanzig.

Kiana Taylor.

Miller tippte auf das Bild, als prüfe er, wie fest es haftete. »Zu jung, um zu verstehen«, murmelte er. »Aber alt genug, um gefährlich zu sein.«

Er öffnete eine verschlüsselte Nachricht – nur ein Satz: »Phase eins beginnen.«

Seine Gesichtszüge zuckten kurz; mehr brauchte es nicht. Irgendwo da draußen setzte sich eine Kette in Gang, die er entworfen hatte: diskret, tödlich, unumkehrbar.

Der Regen prasselte weiter, als hätte er nichts davon gehört.

1

Schweißgebadet fuhr der Mann aus dem Albtraum hoch. Die Hände krallten sich ins Laken, als suchten sie Halt. Keuchen füllte den Raum, dann brach es ab. Stille. Spärliches Licht. Vergilbte Tapeten lösten sich, abgestandener Alkohol hing in der Luft.

Sein Blick tastete die Ränder der Wirklichkeit ab. Auf dem wackligen Nachttisch: eine halbvolle Flasche, ein zerknittertes Zigarettenpäckchen, ein Feuerzeug. Er trank einen langen Schluck. Der Alkohol brannte; vielleicht würde er die Bilder auslöschen. Daneben lag ein abgegriffenes Foto: eine junge Frau mit offenem Lächeln, Augen voller Licht. Mit zittrigen Fingern strich er über ihr Gesicht, als wollte er einen Moment berühren, der längst vergangen war.

Seine Miene wurde weich. Er legte das Foto behutsam zurück und setzte sich auf die Bettkante. Die Matratze knarzte. Auf dem Boden lagen Kleidung, Pizzakartons, leere Dosen – stumme Belege eines langen Absturzes. Das Tageslicht drückte grau durchs halb verdeckte Fenster; Staub lag dick auf dem Sims. Die Heizung klopfte unregelmäßig, als würde sie sich weigern, aufzugeben.

Im Bad sprang grelles Neonlicht an. Der verschmierte Spiegel zeigte tiefe Ringe, Bartstoppeln, Haut, die das Leben hart gezeichnet hatte. Er hielt dem Blick stand: leer, ausgelaugt, fremd.

Nach der Dusche stand er, nur im Handtuch, wieder im Wohnzimmer. Es klopfte. Zögerlich öffnete er.

Emily. Blonde Haare im losen Zopf. Ihre Augen weiteten sich zuerst über seinem halbnackten Körper, dann über dem Chaos hinter ihm. Über der Schulter hing ihr altmodischer Lederbeutel mit losem Träger – Handtaschen mochte sie nicht, freie Hände schon.

»Emily?« Er blinzelte. »Was machst du hier?«

»Was ist los mit dir, Nathan? Zwei Tage nicht im Büro! Wir machen uns Sorgen.« Ihre Stimme klang sanft, aber fest. Ihr Blick glitt kurz an ihm entlang, kehrte auf Augenhöhe zurück. »Geht’s dir gut?«

»Geht so. Komm rein.« Er trat zur Seite.

Emily betrat die Wohnung und verzog das Gesicht. Alkohol, Schweiß, kalter Rauch.

»Nathan … hier sieht’s aus wie an einem Tatort.«

»Dann passt es ja. Ich bin schließlich Inspektor für Mordfälle.« Der Witz fiel hohl.

Sie ignorierte ihn und sammelte automatisch Flaschen auf. »Es ist schon Mittag. Kommst du mit ins Büro?«

Er zuckte mit den Schultern. »Gerne. Ich zieh mich schnell um.«

Wenig später kam er angezogen zurück, gefasster. Die Verzweiflung war nicht weg, nur hinter Routine verstaut.

»Also? Gibt’s einen neuen Fall?«

»Deshalb bin ich hier. Es ist … seltsam. Und ich brauche deinen Verstand.«

»Du? Die beste Pathologin der Stadt?« Ein flüchtiges Lächeln.

Emily zwinkerte. »Und du bist der hartnäckigste Inspektor, den ich kenne. Aber das hier musst du sehen.«

»Ein Mord im Hotel The River. Ungewöhnlicher Tatort. Sehr ungewöhnlich. Du wirst es selbst sehen wollen.«

Nathan nickte, runzelte die Stirn. »Wurde am Tatort schon etwas verändert? Du weißt, ich hasse das.«

»Was glaubst du?« Sie verschränkte die Arme. »Wir haben dich zigmal angerufen. Du warst verschwunden.«

Er griff zum Smartphone: 14 verpasste Anrufe. Alle vom 5. Revier.

»Okay. Du hast recht. Ich… war neben mir.«

»Neben dir?« Emily deutete auf die Flaschen. »Nathan, du hast ein Problem. Später. Jetzt komm mit – sofort.«

Er zuckte die Schultern. »Ich hab’s im Griff. Los.«

Sie fuhren schweigend durch das bereits erwachte Chicago; die Scheibenwischer zogen Schlieren ins matte Tageslicht, der Verkehr war dicht.

Kurz vor dem Gebäude der Pathologie bremste Emily ab.

Noch bevor sie die Eingangsstufen erreichten, stellte sich ihnen Chief Duncan Anderson in den Weg, die Miene ernst. »Nathan, gut, dass du da bist. Hat Emily dich gebrieft?«

»Noch nicht.«

»Dann beeilt euch. In dreißig Minuten ist die Pressekonferenz. Du bist dabei.«

Nathan nickte knapp. Emily deutete wortlos Richtung Pathologie. Der Tag hatte gerade erst begonnen – und würde anders werden als die Tage zuvor. Denn diesmal wartete der Tod im Anzug eines Senators.

2

Kiana Taylor saß regungslos in einer mittleren Reihe des Hörsaals. Die Hände gefaltet auf dem Klapptisch, das Notizbuch offen – leer. Der Professor sprach über die psychologische Wirkung politischer Rhetorik; seine Worte wurden zu Geräuschen. Die Brust war eng, der Atem flach; Gedanken kamen wie durch Watte.

Draußen schoben sich dichte Schneewolken über den Himmel von Urbana-Champaign. Dicke Flocken zogen in langsamen Spiralen an den Fenstern vorbei. Kiana starrte hinaus, ließ den Blick in die Ferne gleiten.

Seit dem Tod ihrer Mutter war nichts mehr, wie es gewesen war. Kathrin Taylor – die erste Senatorin von Illinois, leidenschaftlich, standhaft – war innerhalb weniger Tage an COVID-19 gestorben. Ohne Vorwarnung, ohne Abschied. Die Lücke, die blieb, war schwarz und bodenlos.

In Erinnerungen sah sie ihre Mutter in Sitzungen – streitbar für Gerechtigkeit, für Frauen und Minderheiten. Kiana bewunderte sie – und war als Kind oft wütend gewesen, wenn die Abende leer blieben. Jetzt hätte sie alles dafür gegeben, sie noch einmal zu sehen.

Früher hatte der Vater die Leere gemildert. Ein stiller, verlässlicher Mann, Buchhalter. Späte Heimwege, aber nie ohne Gute-Nacht-Kuss. Nach dem Tod zerbrach auch er. Der Trost hieß Alkohol, nicht Kiana.

Die High School war ein täglicher Kampf gewesen. Intelligenz und Ehrgeiz machten sie zur Zielscheibe. Shelly McSinclair, Cheerleader-Kapitänin mit blendendem Lächeln und giftigem Herzen, demütigte sie regelmäßig. Damals war Mia ihre Zuflucht – beste und einzige Freundin. Dann zog Mia mit ihrer Familie nach Kalifornien. Verlust reihte sich an Verlust.

Ein metallisches Klappern riss sie zurück. Der Professor beendete die Vorlesung; Stuhlbeine schabten, Stimmen füllten den Raum. Kiana blinzelte, sammelte mechanisch ihre Sachen ein und ging.

Draußen lag Stille. Schnee legte sich wie ein Schleier über den Campus. Vereinzelte Gestalten, gedämpfte Schritte. Der Wind schnitt kalt ins Gesicht, erinnerte sie daran, dass sie noch da war. Der Schnee schluckte Geräusche – ein geduldiger Zuhörer.

In die Winterjacke gehüllt und die Strickmütze tief gezogen, überquerte sie den Campus zum Wohnheim. Die Bäume ächzten unter weißer Last; auf dem gefrorenen Rasen blitzten einzelne Grashalme. Eine verlassene Märchenkulisse. Gerade in diesen Momenten, wenn alles innehielt, stiegen die Erinnerungen am stärksten auf. Eine Träne löste sich, kalt und schnell.

Warme Luft, Zwiebeln und Tomaten in der Pfanne – Stimmen aus der Küche. Sie waren da. Kiana zog schweigend die Jacke aus, stellte die Schuhe ab und trat in die Küche.

»Hey, du siehst aus, als wärst du durch einen Schneesturm gewandert«, grinste James vom Herd, die Brille beschlagen, Topflappen in der Hand.

»War ich fast«, sagte sie tonlos und setzte sich.

James stellte einen Teller hin. Lisa, Sarah und Matthew saßen schon in Jogginghosen, dampfende Tassen vor sich.

Kiana sah in die Runde. Ihre Leute. Ohne sie hätte sie das letzte Semester nicht geschafft: James, der half, bevor man fragte; Lisa, deren Temperament Mut machte; Sarah, skeptisch mit weichem Kern; und Matthew – klug, sensibel, ein wenig in sich gekehrt, immer da.

Sie aßen, das Gespräch driftete wie so oft zur Politik. Irgendwann sagte Sarah, fast beiläufig: »Politik dient kaum noch den Menschen – Geld setzt die Prioritäten.«

Kiana hob den Kopf. »Was wäre, wenn… wir das Geld abschaffen? Weg damit. Kein Kaufen, kein Verkaufen. Kein Preis auf Menschen, keine Preise, die über Leben entscheiden.«

James sah sie an. »Ganz ohne Geld?«

Die anderen verstummten. Zum ersten Mal seit Wochen fühlte Kiana so etwas wie Klarheit.

»Wenn das Problem das Geld ist, muss man das Problem beseitigen«, sagte sie leise. »Stellt euch vor, es gäbe keine Bezahlung mehr. Keine Abhängigkeit. Kein Machtmittel.«

Lisa schmunzelte. »Ich sag ja, zu wenige Frauen haben das Sagen. Aber … ohne Geld?« Sie wiegte den Kopf.

Matthew runzelte die Stirn. »Klingt gut. Wie setzt du das um?«

Kiana zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Aber wenn wir hätten, was wir brauchen – würden wir nicht gerechter leben?«

Lisa verschränkte die Arme. »Irgendwer würde die Kontrolle übernehmen. Oder es gäbe Chaos. Menschen sind nicht gleich.«

James stützte den Kopf in die Hand. »Gerade deshalb sollten wir’s durchdenken. Vielleicht gibt’s einen besseren Weg.«

Sarah beugte sich vor, die Augen hell. »Perfekt fürs Semesterprojekt. Kontrovers, groß.«

Matthew lachte. »Ein Vortrag, der das Geld abschaffen will? Aufmerksamkeit kriegen wir.«

»Vielleicht mehr, als uns lieb ist«, sagte Sarah – ein Ton, der Kiana Gänsehaut einjagte. Sie stieß Lisa an; ein Blick zwischen Provokation und Komplizenschaft.

Kiana hielt ihren Blick, dann nickte sie. »Lasst es uns probieren.«

Noch wusste sie nicht, wie sehr diese Worte ihr Leben verändern würden.

3

Endlich hatte Kiana wieder eine Aufgabe, die sie fesselte. Etwas, das größer war als sie selbst.

Seit fünf Wochen arbeiteten sie – Kiana, Sarah, Lisa, Matthew und James – bis spät in die Nacht: Diskussionen, Recherchen, hitzige Debatten, leere Kaffeetassen. Die WG wurde zum Labor: Papierstapel, Whiteboard-Skizzen, geöffnete Laptops, Pizzakartons. Ihre Finger zitterten vom Koffein; jemand rieb sich ständig den Nacken, jemand anderes kicherte über übermüdete Insiderwitze. Die Augen brannten, aber die Köpfe liefen heiß. Die Luft war trocken vom Heizen, durchzogen vom Geruch nach kaltem Kaffee und warmen Bildschirmen.

Sie waren erschöpft und lebendig. Zum ersten Mal seit Langem spürte Kiana wieder Sinn – nicht bloß als Studentin oder als Tochter einer Senatorin, sondern als Stimme einer Idee. Aus einem Impuls war eine Form geworden: klar, provokant, mutig. Eine Vision von einer Welt ohne Geld.

Als sie um zwei Uhr nachts endlich das Whiteboard abfotografierten, lachten sie über einen schlechten Wortwitz und merkten erst dabei, wie sehr ihnen die Knie zitterten.

Der Tag der Präsentation war da. Ein Freitag, grau und nass. Der Himmel hing tief über Urbana-Champaign. Dauerregen ritzte die Straßen; Pfützen glänzten wie trübe Spiegel. Knapp über null Grad. Es roch nach Beton, nassem Laub, feuchtem Asphalt.

Die fünf betraten den Campus über eine Stunde zu früh. Keine Worte, nur Blicke und knappe Nicken. In ihren Rucksäcken klapperten USB-Sticks und zerknitterte Notizen. Kianas Herz schlug gegen die Rippen – fluchtbereit. Eiskalte Finger.

Der Hörsaal war geöffnet. Zwei Kameras standen vor dem Podium, der Boden mit Klebeband markiert. Professor Dr. Steven Lee, sanfte Stimme, wacher Blick, justierte die Technik. Als er sie sah, winkte er. »Bereit?«, fragte er mit einem Lächeln zwischen Aufmunterung und Sorge.

Lee deutete auf den Regieraum. »Kleine Vorwarnung: Die Uni hat den Stream eben auf die Startseite gehoben, das Campusradio spiegelt ihn live, und Prof. Alvarez hat den Link getwittert.« Auf dem Kontrollmonitor hüpfte die Zuschauerzahl im Sekundentakt.

Kianas Magen zog sich zusammen. »Okay«, sagte sie – und merkte erst da, wie trocken ihre Lippen waren.

Sie nickten. Kiana nicht. Nicht annähernd.

Mit jeder Minute wurde ihr übler. Die Knie weich, der Magen ein Knoten; die Hände kalt trotz Jacke. Die Sitzreihen füllten sich – mehr Menschen als in jeder anderen Vorlesung dieses Semesters.

Schweiß lief ihr über den Rücken, trotz der Kälte.

»Ich … ich schaffe das nicht«, murmelte sie. Ohne ein weiteres Wort stürmte sie hinaus, rannte den Flur entlang, riss die Tür zu den Toiletten auf.

Am Waschbecken klammerte sie sich fest, starrte ins Spiegelbild. Blass; die Pupillen groß, der Blick flach im Neon. »Du schaffst das nicht«, flüsterte sie – wie ein Mantra. Kaltes Wasser über die Hände, ins Gesicht. Die Kälte schnitt durch das Zittern.

Sarah trat ein. »Kiana? Hey. Alles okay?«

Kiana antwortete nicht. Sarah kam näher, ruhig, eindringlich: »Hör zu. Du hast das ins Leben gerufen. Ohne dich gäbe es das nicht. Wir stehen hinter dir. Und selbst wenn du stotterst oder schwitzt – egal. Deine Worte zählen.«

Ein kurzes Lächeln zuckte über Kianas Gesicht. Ihre Mutter wäre stolz. »Wenn du nervös bist, stell dir vor, alle sitzen nackt da«, hatte sie früher gesagt. Kiana lachte leise. Absurd. Es half.

Zurück im Saal warteten die anderen. Professor Lee sah auf die Uhr, dann zu ihr. Kiana nickte. Sie trat ans Pult, spürte das Licht auf der Stirn, das Rascheln, das verstummte.

Der Livestream startete. Tausende schalteten sich über die Uni-Homepage zu. Ein Moment, der bleiben würde – als Erfolg oder Desaster.

Professor Lee stellte kurz vor und übergab.

»Was wäre, wenn wir das Geld abschaffen?«

Ein Raunen ging durch die Reihen. Kiana ließ die Frage stehen, fuhr dann fort – ruhig, fest:

»Ja, das klingt utopisch. Genau deshalb müssen wir es denken.«

Blicke, Gesichter, neugierige Augen.

»Geld war einmal ein neutrales Tauschmittel. Heute ist es ein System, das unser Denken, Handeln, ja, unser Menschsein formt.«

Sie legte die Hände auf das Pult.

»Wir leben in einer Welt voller Möglichkeiten. Es gibt genug Nahrung, Wissen, Technologie, um jeden Menschen zu versorgen. Und doch hungern Millionen. Kinder schlafen auf der Straße. Menschen sterben, weil sie Medikamente nicht bezahlen können.«

Pause.

»Warum? Weil der Zugang über Geld geregelt ist – nicht über Bedarf.«

Ihre Stimme wurde fester.

»Wir halten ein System am Laufen, das künstlich Knappheit erzeugt, Profit über Menschen stellt und sagt: Du darfst nicht leben, wenn du nicht zahlst.«

Stille.

»Viele sagen: Der Mensch ist egoistisch. Ist er das? Oder macht ihn das System so? Ein Kind fragt nicht: ›Was bekomme ich dafür?‹ Es will geben, sich verbinden, dazugehören. Erst später lernen wir zu rechnen, statt zu teilen.«

Sie trat einen Schritt zur Seite, sprach freier:

»Von klein auf lernen wir, dass alles einen Preis hat. Dass man sich alles ›verdienen‹ muss – oft in Jobs, die Zeit, Gesundheit, Seele kosten.«

Ein Blick in die Kamera, zurück ins Publikum.

»Wir funktionieren statt zu leben. Vergleichen statt begegnen. Besitzen statt erfüllt sein.«

Köpfe nickten, andere runzelten die Stirn. Jetzt entschied sich etwas.

»Was wäre, wenn wir diese Vorstellung loslassen? Wenn wir sagen: Jeder Mensch hat ein Grundrecht auf das, was er zum Leben braucht – ohne Gegenleistung. Nicht, weil er gearbeitet hat, nicht, weil er brav war. Sondern weil er lebt.«

Ein kurzer Blick zu ihren Freunden in der ersten Reihe.

»Was, wenn Arbeit Ausdruck von Sinn wäre – nicht Pflicht aus Angst? Wenn jeder frei das tun könnte, was er gut kann?«

Leises Murmeln – Zustimmung, Skepsis, beides.

»Ja, es gibt tausend Fragen: Wer erledigt Unangenehmes? Wer verteilt? Wie verhindert man Machtballung? Aber zuerst die Gegenfrage: Was, wenn wir es nicht einmal versuchen?«

Sie hob die Stimme.

»Dann bleiben wir in einem vertrauten, aber zutiefst ungerechten System. Dann akzeptieren wir, dass viele leiden, damit wenige gewinnen. Dann sterben Menschen – für den Erhalt eines Konstrukts aus bedrucktem Papier und digitalem Nichts.«

Atem holen.

»Vielleicht reicht die Kurierung von Symptomen nicht mehr. Vielleicht müssen wir an die Ursache. Vielleicht ist das Geld selbst diese Ursache.«

Sie trat zurück, senkte die Stimme.

»Ich habe keine fertige Lösung. Ich habe eine Frage. Vielleicht die wichtigste.«

Ein letzter Blick ins Publikum.

»Was wäre, wenn wir das Geld abschaffen – und endlich anfangen, wirklich Mensch zu sein?«

Sie trat zurück. Stille. Dann Applaus. Zögernd. Lauter. Schließlich: stehende Ovationen.

Professor Lee kam nach vorn. »Das war … mehr als ein Vortrag. Ein Impuls.«

Kiana atmete tief. Sarah, Lisa, Matthew und James umarmten sie. »Du warst großartig«, flüsterte Matthew. Zum ersten Mal seit dem Tod ihrer Mutter fühlte Kiana sich lebendig.

Der Applaus hallte noch nach, als sie später allein über den Campus ging. Später Nachmittag. Die Sonne drang kaum durch den bleigrauen Himmel. Feuchte Luft; die Wege glänzten im Niesel, als hätte der Tag noch nicht entschieden. Das Echo ihrer Schritte auf nassem Pflaster klang fremd – als wäre sie neu geworden.

Sie hatte nicht erwartet, dass ihre Worte so wirken würden. Nicht so tief. Nicht so weit.

Ein Vortrag, idealistisch – und doch hatte sich etwas verschoben. In ihr. In anderen.

Im Wohnheim war das Wohnzimmer voller Leben. James saß mit Laptop am Küchentisch; daneben ein zweiter Bildschirm mit Liveticker. Matthew stand am Fenster, Tee in der Hand. Lisa scrollte, die Stirn gerunzelt. Sarah kritzelte Notizen auf das Whiteboard an der Wand.

»Kiana!«, rief James, ohne aufzusehen. »Du glaubst nicht, was hier abgeht.«

»Was meinst du?«

»Der Livestream wurde massenhaft geteilt. Die Uni hat ihn auf der Startseite verlinkt. Blogs greifen’s auf. Und das ist nicht alles …«

Sarah schnitt ihm das Wort ab: »Drei lokale Zeitungen wollen Interviews und ein Radiosender aus Chicago hat angefragt.«

»Was?« Kiana blieb stehen.

»Sie nennen es die No-Money-Speech«, sagte Lisa mit kleinem Lächeln. »Es gibt schon einen Hashtag: #WorldWithoutMoney.«

Matthew drehte sich um. »Zu spät, um es kleinzuhalten. Es ist … unterwegs.«

Kiana setzte sich. Leer und elektrisiert zugleich.

»Aber das war nur ein Impuls«, sagte sie leise. »Ein Gedanke.«

»Genau deshalb funktioniert er«, entgegnete Sarah. »Er kam aus dem Herzen, nicht aus Kalkül.«

James drehte den Bildschirm. »Schau. Jemand hat deine Rede auf drei Minuten geschnitten. Über Hunderttausende in 24 Stunden – allein auf TikTok.«

Kiana sah sich selbst, leise Stimme, fremd und nah zugleich. Mit jeder Sekunde wuchs das Gefühl, dass etwas Größeres begonnen hatte. Nicht aufzuhalten.

Später saßen sie auf dem Boden, umringt von Notizen, Laptops und halb gegessenen Sandwiches. Ein Teelicht flackerte auf dem Couchtisch. Die Stimmung war ruhig, fast andächtig.

»Was machen wir jetzt?«, fragte Lisa. Es war keine rhetorische Frage.

»Wir machen weiter«, sagte Matthew.

»Womit genau?«, fragte Sarah.

»Mit der Idee«, warf James ein. »Wir machen sie konkret.«

»Wie?«, hakte Lisa nach. »Bisher war’s ein Vortrag.«

Kiana sah auf ihre Hände. »Wir gehen einen Schritt weiter. Die Idee braucht ein Zuhause. Einen Namen.«

»Ein Manifest?«, fragte Sarah.

»Ein Projekt. Eine Bewegung. Ein Netzwerk«, sagte Kiana.

Blicke trafen sich. Erkenntnis. Mut. Furcht.

»Das wird groß«, sagte James leise.

»Oder es scheitert grandios«, ergänzte Lisa.

»Oder beides«, schloss Sarah.

Kiana lächelte zum ersten Mal an diesem Tag. »Dann versuchen wir’s. Nicht allein. Mit allen, die glauben, dass eine andere Welt möglich ist.«

Matthew hob seinen Teebecher. »Auf den Anfang?«

Becher, Gläser, Hände hoben sich. »Auf den Anfang.«

Draußen begann es wieder zu schneien.

4

In Washington, D.C., gut 1.100 Kilometer von Urbana-Champaign entfernt, fiel der erste Schnee. Der Tag begann im Regen; am Nachmittag fiel die Temperatur. Der Wind drehte auf. Innerhalb von Minuten wurde aus Nieselregen nasser, schwerer Schnee.

Flocken jagten über Gehwege, kringelten um Laternen, legten sich als tastender Film auf Dächer und Fassaden.

Ein Mann wagte noch eine Runde mit seinem Parson Russell Terrier. Der Wind peitschte den Schnee ins Gesicht, Eiskristalle stachen wie Nadeln in die Haut. Der Terrier stoppte, schüttelte sich, riss an der Leine und drehte um. Der Mann blinzelte in die stechenden Kristalle und folgte. Der Hund hatte entschieden.

Zur selben Zeit kämpfte, ein paar Blocks weiter, eine Frau im knielangen, eleganten Mantel gegen andere Widrigkeiten. Bluse, Rock, hohe Absätze – der Heimweg aus dem Büro. Ihre Absätze sanken im Matsch ein. Der Mantelsaum war nass. Sie hob den Arm, wieder und wieder fuhr jedes Taxi leer an ihr vorbei. Mit jeder Minute wich die Hoffnung, Zorn trat an ihre Stelle.

Im 8. Stock sah ein älterer Mann nichts davon. Auf dem Glastisch: sein Smartphone, daneben eine kalte Tasse. Auf dem Monitor lief noch der Fortschrittsbalken des Livestreams aus Urbana-Champaign. Die Stimme der Studentin hallte nach – nicht wegen des Inhalts, sondern wegen der Resonanz.

Er starrte ins Leere, verknüpfte und ordnete die Informationen. Dann griff er mechanisch zum Smartphone, wählte die Kurzwahl ›Emergency‹.

Zwei Freizeichen. Keine Anrede. »Wir haben ein Problem. Wir treffen uns morgen. Gleiche Zeit. Gleicher Ort.«

»Verstanden.« Klick.

Er verharrte, atmete durch, wählte erneut. Dieses Mal dauerte es länger – gedämpft, aber intensiv. Die Falten in seinem Gesicht vertieften sich. Finger trommelten gegen die Sessellehne. Sein Blick glitt zum Fenster, hinaus ins unbarmherzige Schneetreiben.

Etwas hatte sich verschoben. Diese Studentin hatte etwas losgetreten, das sich nicht mehr aufhalten ließ.

5

Einige Stunden später kehrten die fünf in ihr Apartment zurück. Der Regen hatte nachgelassen, ein heller Spalt brach durch die Wolken und färbte den Himmel silbrig. Die Kälte blieb – scharf, durchdringend.

Sie ließen sich am großen Esstisch nieder, ein schmaler Sonnenstreif lag über der Platte. Stühle knarrten, Tassen dampften. James rieb sich den Nacken, Sarahs Finger zitterten, Lisa unterdrückte ein Gähnen und grinste darüber.

Niemand ahnte, dass sich aus dem Osten ein Sturm näherte – kein Wetter, sondern eine Welle, die sie prüfen würde.

Kiana sank auf einen Stuhl und schloss kurz die Augen. Das Adrenalin wich, die Erschöpfung kam. Vor so vielen zu sprechen, noch dazu online, hatte Kraft gekostet. Sie hasste das Rampenlicht – und wusste zugleich, dass sich dort etwas bewegt hatte.

Matthew reichte ihr Wasser. »Hier.«

Sie nickte. Sarah klappte den Laptop auf und zog ihn in die Mitte. Ihre Finger flogen. Die Startseite ihres Projekts sprang auf – gestern noch Platzhalter, jetzt mit Teaserclip. Die Uni hatte den Stream auf der Startseite gepinnt; Prof. Lee teilte die 3-Minuten-Kurzfassung.

Was kaum jemand wusste: Sarah war nicht nur begabt – sie war ein Genie. Und sie trug eine Vergangenheit, über die sie schwieg. Mit neun hatte sie den Unfall überlebt, der ihre Eltern tötete; danach folgten Pflegefamilien, wechselnd und brüchig. Im Teenageralter fand sie Computer – Macht, Kontrolle, Flucht. Mit sechzehn drang sie in Netzwerke ein, die sie hätte meiden sollen, sogar ins Pentagon. Das FBI war schneller. Statt Strafe: ein Deal. Sicherheitslücken finden, im Gegenzug eine Chance. Eine Agentin namens Louisa Winter wurde zur Betreuerin – streng, wach, mit verstecktem Herz. Bei ihr fühlte Sarah sich zum ersten Mal seit Jahren sicher. An der University of Illinois begann ihr neues Kapitel – Freundschaft, Vertrauen, und eine Idee, die sie nun alle band.

Jetzt zählte nur der Moment. Staub tanzte im Licht; in Sarahs Blick lag ein Funkeln. »Seht euch das Intro an.«

Die Bilder starteten: verbrannte Wälder, überschwemmte Straßen, verdorrte Felder; ›Die Erde heute‹ stand darüber. Musik, die drückte. Müllberge, Flüchtlingslager, Börsenticker.

Dann der Schnitt. Die Musik hellte auf. Vertikale Gärten, klares Wasser, Menschen in grünen Städten – weniger Hektik, mehr Miteinander. »Die Erde der Zukunft«.

Schwarzblende. Auf weißem Grund erschien der Präsentationstext.

Einen Moment sagte niemand etwas. »Das ist … stark«, meinte Matthew leise.

»Du hast ein Talent für Wirkung«, sagte Kiana. Sarah grinste. »Wartet. Kommentare.«

Ein Klick. »16.753 Aufrufe«, murmelte Lisa – dann rief sie: »Es werden minütlich mehr!«

»Über 48.000 Likes und Teilungen!«, rief James. »Leute, das geht viral.«

»Ich lade das Video hoch«, sagte Sarah. Wenige Klicks später war es online.

Kiana atmete tief. Zahlen rauschten vorbei – beeindruckend und beunruhigend. Das hier war kein Impuls mehr. Es war ein Aufbruch.

»Wir müssen überlegen, wie wir weitermachen«, sagte sie.

Matthew runzelte die Stirn. »War das nicht der Plan?«

»Das war der Start«, entgegnete Lisa. »Jetzt beginnt die Arbeit.«

»Du vergleichst das mit einer Bewegung?«, fragte James.

»Ich meine es ernst«, sagte Kiana ruhig. »Wollen wir zusehen, wie es sich verselbstständigt – oder es steuern?«

Stille. Dann nickten sie – erst Lisa, dann Sarah, dann alle.

Sie verabredeten sich für den nächsten Tag: Brainstorming. Nächster Schritt. Das, was jetzt kam.

Keiner ahnte, in welches Fahrwasser sie gerieten. Für sie war es ein Experiment. In Wirklichkeit hatten sie eine Tür geöffnet – und dahinter warteten die Mächtigen.

6

Ein Schneesturm tobte über Washington, D.C. Dicke Flocken peitschten wie Splitter gegen die Scheiben. Im neunten Stock eines anonymen Apartmentblocks saß ein Mann am Tisch, das Telefon noch in der Hand. Sein Blick: starr, kalt. Ein leises Grollen, dann tippte er den Bildschirm dunkel und legte das Telefon flach auf den Tisch.

Er hatte gewartet. Über einen Monat. Geputzt, trainiert, geschwiegen. Jetzt: ein neuer Auftrag. Etwas regte sich in ihm – kein Gefühl, ein Instinkt. Wie das Vibrieren einer Waffe, die wieder in den Einsatz darf.

Die Wohnung: makellos. Alles an seinem Platz, wie im Operationssaal. Küche, Bad, Waffenlager wirkten klinisch. Er duldete keine Unordnung. Seine Religion: Kontrolle.

Diese Präzision hatte ihn mehr als einmal vor dem Gefängnis bewahrt. Und sie war nötig – sein Beruf verzieh keine Fehler.

Er war jederzeit abrufbar. Ein Schatten für Aufträge, die offiziell nicht existierten. Die Bezahlung war hoch – hoch genug für maßgeschneiderte Anzüge. Der Stil gehörte zur Maske: teure Stoffe, perfekter Sitz, diskreter Schnitt. Er genoss das. Die Garderobe. Die Fassade. Und die Arbeit.

Seine Gedanken glitten zum letzten Einsatz. Ein Desaster. Unsauber, ungewollt. Ein Zucken im Arm – winzig, folgenschwer. Das Ziel griff zum Brieföffner; dreimal fuhr die Klinge in seinen rechten Oberarm. Die Narben pulsierten noch heute. Er beendete es mit einem Schuss zwischen die Augen. Effizient. Zu spät.

Er stand auf, öffnete den kleinen Waffenschrank und nahm die MK25 – seine Waffe seit SEAL-Zeiten. Er legte sie auf den Tisch, holte das Reinigungsset.

Ritual. Kontrolle. Beruhigung.

Finger glitten über Lauf, Griff, Magazin. Bilder stiegen auf: sandige Außenposten, nächtliche Häuserkämpfe, blutige Flure. Ein Leben im Schatten – zuerst fürs Vaterland. Die Ausbildung war brutal, effizient. Sie hatte seine Neigung zur Gewalt nicht gedämpft, sondern veredelt. All diese Ziele sind Feinde des Staates. Es ist notwendig, hatten sie gesagt. Er glaubte. Gehorchte. Lieferte.

Bis zu jenem Tag. Der letzte Militäreinsatz geriet außer Kontrolle. Ein Mann sollte verschwinden – leise. Er trank. Er ließ sich hinreißen. Er erschoss nicht nur das Ziel, sondern auch dessen Frau. Und die beiden Kinder. Kopfschüsse. Kalt. Systematisch. Zu viel. Zu sichtbar. Zu laut.

Der Mediensturm kam. Das System, das ihn geschaffen hatte, verleugnete ihn. Unehrenhafte Entlassung.

Er tauchte nicht unter – er änderte die Richtung seines Schattens. Im zivilen Untergrund wurde er zur Legende. Spezialist für Unfälle, Verschwinden, kompromisslose »Lösungen«. Keine Spuren. Keine Zeugen. Manchmal eine Leiche – sauber als Unfall inszeniert.

Man nannte ihn Ghost. Nicht, weil er unsichtbar war, sondern weil sein Wirken lautlos blieb – unerklärlich, endgültig.

Und doch: Die Verletzung am Oberarm war mehr als eine Narbe. Sie erinnerte ihn daran, dass selbst der Tod Fehler macht. Er schwor: nie wieder.

Die MK25 glänzte frisch geölt. Er betrachtete sie, lehnte sich zurück. Ein schmaler, hämischer Zug legte sich auf seine Lippen. In der Brust: stille Vorfreude. Nicht auf das Geld. Nicht auf den Auftrag. Auf den Moment, in dem wieder alles unter Kontrolle sein würde.

Draußen peitschte der Wind den Schnee in Wirbeln über die Stadt. Drinnen roch es nach Öl und kaltem Metall. Ghost wartete. Bereit.

7

Fahles Morgenlicht lag über dem Apartment. Kiana saß allein am Esstisch, trug einen verwaschenen Pyjama, die Hände um eine dampfende Tasse gelegt. Normalerweise gehörten ihr diese stillen Minuten – heute nicht.

Die Nacht hatte sie hin und her geworfen; Träume rissen sie immer wieder an die Oberfläche. Müdigkeit spannte ihre Züge, als hätten sich die Schatten in ihr Gesicht gekrallt. Seit dem Tod ihrer Mutter kamen diese Nächte wieder. Eine Frau wie sie – stark, leidenschaftlich, unermüdlich – fort, plötzlich und brutal. Der Fixstern war nicht mehr da.

Schlurfen in der Küche kündigte Leben an.

»Morgen, Sarah«, sagte Kiana, ohne sie anzusehen.

»Meine Wohlfühlsocken haben mich verraten, oder?« Ein schiefes Lächeln in der Stimme.

Kiana drehte sich um und musste grinsen. »Und dein Gang. Niemand schlurft so charmant. Aber … wie siehst du aus?«

Sarahs blonde Kurzhaarfrisur stand in alle Richtungen. Augenringe zogen Schatten, das T-Shirt war zerknittert.

Sie klickte eine Espressokapsel in die Maschine. »Ich habe die halbe Nacht Kommentare gelesen«, murmelte sie und streckte sich. »Zum Glück ist Samstag. Du glaubst nicht, was da abgeht.«

»Drei Millionen Aufrufe in zwölf Stunden. Kein Witz. Die Seite schießt durch die Feeds. Studierende schreiben aus allen Ecken – viel Zustimmung, richtig viel Rückenwind.«

Sarah drehte den Laptop zum Tisch, ein Strom aus Nachrichten rollte vorbei. Kiana beugte sich vor, las, nickte langsam.

James und Lisa tauchten gleichzeitig auf. James in Jogginghose, T-Shirt wie frisch vom Wäscheberg; sein Blick war noch halb im Traum. »Was geht hier vor sich? Und warum seid ihr so früh wach?«, gähnte er und sank auf einen Stuhl.

»Bei dem Lärm kann niemand schlafen«, sagte Lisa mit gespielter Entrüstung. Boxershorts, gelbes ärmelloses Shirt; die Locken platt, die Präsenz hellwach. Sie warf eine Kapsel in die Maschine, drückte Start, gab einen Schuss Milch dazu und setzte sich.

Sarah fasste rasch zusammen: Reichweite, Kommentare, Wucht.

»Frühstück zuerst«, entschied Kiana. »Dann sehen wir weiter.«

James stöhnte, stand auf. »Ich hol Matthew. Sonst pennt er bis Mittag.«

Wenig später trottete Matthew herein – verstrubbelte Haare, Kissenabdruck auf der Wange. »Ihr seid verrückt. Samstagmorgen und alle wach?«, murmelte er, während er sich setzte.

»Komm, setz dich, Langschläfer«, grinste Kiana. »Wir haben was zu besprechen.«

Die Müdigkeit wich ihm aus dem Gesicht, je mehr Kaffeeduft und frisches Brot den Raum füllten. Sarah trank ihre zweite Tasse hastig aus. Die Stimmung war gelöst, vertraut – und doch vibrierte etwas im Raum, mehr als Koffein. Entscheidung. Aufbruch.

8

Stanton Park auf Capitol Hill wirkte, als hätte jemand Watte über die Stadt gelegt. Ein zarter Neuschnee bedeckte Rasen, Wege und Bänke und dämpfte für einen Moment den Lärm der Avenues.

Der Ort trug Geschichte: Seit 1867 öffentlich, 1871 nach Edwin M. Stanton benannt. Auf dem gusseisernen Sockel im Zentrum: General Nathanael Greene hoch zu Ross, das Gesicht zur Constitution Avenue. In der Kälte schimmerte die Bronze stumpf – und hielt den Morgen zusammen.

Der Sturm vom Vortag hatte sich gelegt. Ein paar letzte Wolkenfetzen verzogen sich über den grauen Himmel, als ein einzelner Mann den Park betrat. Er wirkte wie ein Fremdkörper in dieser Szenerie aus Schnee, Stille und nackten Ästen: imposante Statur, ein maßgeschneiderter, dunkelblauer Anzug, darunter ein schwarzer Rollkragen. Keine Mütze, kein Schal, keine Handschuhe. Nur Eleganz – unpassend für das Wetter, perfekt für seinen Ruf.

Ghost.

Er stand reglos an einer verschneiten Parkbank. Sein Blick glitt langsam über den Platz, taxierte die Umgebung. Jeder Fluchtweg, jede mögliche Bewegung der wenigen Passanten wurde registriert. Ein älterer Herr mit Golden Retriever überquerte gemächlich den Weg, zog die Mütze tiefer und schenkte ihm keinen Blick.

Ghost blieb unberührt – von der Kälte wie von der Gesellschaft. Er mochte diesen Ort. Nicht nur wegen der Nähe zum Kapitol, zum Supreme Court oder zur Union Station, sondern weil der Park für ihn wie eine strategische Kreuzung lag: offene Ausgänge in alle Richtungen, genug Deckung für einen Rückzug, falls nötig. Und heute lieferte der Schnee die beste Tarnung: gesenkte Blicke unter Mützen, beschlagene Brillen, dumpfe Schritte – Kameras sahen Weiß, nicht Gesichter. Im Frühling kam er manchmal einfach nur, um zu beobachten. Dann blühte der Park auf – rosa Wolken aus Kirschblüten, Vogelgezwitscher, spielende Kinder. Manchmal setzte er sich auf diese Bank. Still. Niemand wusste davon. Niemand durfte es wissen. Ein Rest Menschlichkeit, den er tief in sich verborgen hielt – wie ein Organ, das man nicht benutzt, aber nicht entfernt.