Die Discorsi (Deutsche Ausgabe) - Niccolò Machiavelli - E-Book

Die Discorsi (Deutsche Ausgabe) E-Book

Niccolò Machiavelli

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Beschreibung

In "Die Discorsi", einem der Meisterwerke des politischen Denkens, entfaltet Niccolò Machiavelli eine tiefgehende Analyse der römischen und modernen Politik. Der Text monumentiert Machiavellis einzigartigen literarischen Stil, gekennzeichnet durch prägnante Argumentation und durchdringende Analysen. Durch den Vergleich antiker und zeitgenössischer Herrschaftsformen erforscht er die Notwendigkeit der Tugend, des Schicksals und der politischen Klugheit, um einen stabilen Staat zu sichern. Sein Werk ist nicht nur ein historisches Dokument, sondern auch ein zeitloses Manifest, das die komplexe Beziehung zwischen Macht und Moral beleuchtet und im Kontext des politischen Humanismus des 16. Jahrhunderts verankert ist. Niccolò Machiavelli, ein dritter Staatssekretär der Republik Florenz und eine zentrale Figur der politischen Philosophie, verfasste "Die Discorsi" in einer Zeit großer politischer Turbulenzen. Sein Hintergrund in der republikanischen politischen Theorie und seine Erfahrungen im diplomatischen Dienst formten sein Denken über Macht und Herrschaft. Machiavellis pragmatischer Ansatz, der oft als kalt und machiavellistisch bezeichnet wird, spiegelt seine Überzeugung wider, dass der Zweck die Mittel heiligt, was ihn zu einem Pionier der politischen Realitätstheorie macht. "Die Discorsi" ist ein unverzichtbares Werk für jeden, der sich ernsthaft mit der Theorie und Praxis der Politik auseinandersetzen möchte. Es bietet eine tiefgreifende Reflexion über die Herausforderungen der Staatsführung und die menschliche Natur. Leser finden nicht nur historische Einblicke, sondern auch wertvolle Lektionen, die auch in der gegenwärtigen politischen Landschaft von Bedeutung sind. Dieses Buch fordert dazu auf, über die Normen und Werte der Politik nachzudenken und ist daher eine essenzielle Lektüre für Studenten, Gelehrte und Praktiker der politischen Wissenschaft. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Niccolò Machiavelli

Die Discorsi (Deutsche Ausgabe)

Bereicherte Ausgabe. Gedanken zur Politik, zum Krieg und zur politischen Führung
Einführung, Studien und Kommentare von Stefan Meier
EAN 8596547757832
Bearbeitet und veröffentlicht von DigiCat, 2023

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Die Discorsi (Deutsche Ausgabe)
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Politische Freiheit wächst nicht aus Eintracht, sondern aus gezähmtem Konflikt. Diese unerwartete, bis heute provozierende Einsicht bildet den Grundton der Discorsi, Machiavellis großer Untersuchung über die Bedingungen dauerhafter republikanischer Ordnung. Statt Harmonie als Ideal zu beschwören, richtet er den Blick auf Regeln, Institutionen und Bürgerhaltungen, die Streit fruchtbar machen. Die Discorsi sind kein Handbuch für Machterhalt um jeden Preis, sondern eine Einladung, die Mechanik gemeinsamer Selbstregierung zu verstehen. Wer dieses Buch aufschlägt, betritt ein Labor der politischen Erfahrung, gespeist aus römischer Geschichte und geordnet durch die nüchterne Diagnose eines Autors, der die Zerbrechlichkeit von Freiheit aus nächster Nähe kannte.

Niccolò Machiavelli (1469–1527), Diplomat und politischer Denker aus Florenz, verfasste die Discorsi sopra la prima deca di Tito Livio zwischen etwa 1513 und 1519; gedruckt wurden sie postum 1531. Das Werk kommentiert die ersten zehn Bücher des römischen Historikers Livius und nutzt deren Episoden als Rohmaterial für allgemeine Einsichten über Gemeinwesen. In der deutschen Ausgabe begegnet uns dieser Text als Diskurse über Freiheit, Institutionen und Bürgertugend. Er ist in drei Bücher gegliedert und verbindet historische Beispiele mit systematischen Argumenten. Schon der Entstehungskontext erklärt den Ernst des Unternehmens: die Suche nach Regeln, die politische Ordnung über wechselnde Zeiten tragen.

Die frühen 1510er Jahre waren für Florenz und seinen ehemaligen Staatsbeamten Machiavelli ein Einschnitt. Nach dem Machtwechsel verlor er sein Amt und zog sich ins Studium der Antike zurück. Was wie Gelehrsamkeit anmutet, ist eine Reaktion auf Erfahrung: Die Frage, warum Republiken entstehen, wachsen und verfallen, drängt sich auf, wenn Institutionen stürzen. Indem Machiavelli die römische Geschichte als Werkstatt politischer Regeln liest, zielt er nicht auf antiquarisches Wissen, sondern auf Handlungsorientierung. Sein Blick bleibt dabei konkret: nicht Ideale, sondern Gesetze, Ämter, Verfahren und bewaffnete Bürger bilden die Bühne, auf der Freiheit gesichert oder verspielt wird.

Die Discorsi entfalten sich als Folge von Beobachtungen, die aus einzelnen historischen Fällen allgemeine Lehren gewinnen. In drei Büchern behandelt Machiavelli Gründung und Ausrichtung freier Republiken, ihr Wachstum und ihre äußeren Unternehmungen sowie die Kunst, Ordnung durch Erneuerung und Anpassung zu bewahren. Wiederkehrende Themen strukturieren den Weg: das Verhältnis von Volk und Eliten, die Bedeutung von Gesetzen, die Rolle von Religion im bürgerlichen Sinn, die Organisation von Streitkräften und die Notwendigkeit, Korruption rechtzeitig zu erkennen. Diese Architektur ermöglicht es, Detail und Prinzip, Episode und Regel, in eine produktive Spannung zu bringen.

Als Klassiker gilt dieses Werk, weil es mit seltener Klarheit die politische Erfahrung entmythologisiert. Statt tugendhafter Helden oder göttlicher Vorsehung stehen Institutionen, Anreize und Konflikte im Mittelpunkt. Diese Verschiebung wirkt bis heute nach: Die Discorsi haben Debatten über republikanische Freiheit, gemischte Verfassungen und bürgerliche Beteiligung geprägt und den Blick auf die Produktivität gesellschaftlicher Gegensätze geschärft. Von der frühen Neuzeit über die Aufklärung bis zur Moderne wurde hier ein Grundbestand politischer Begriffe geordnet. Die nüchterne Sprache, die an Beispielen geschulte Argumentation und der Mut zu unbequemen Folgerungen machen das Buch zu einem dauerhaften Bezugspunkt.

Literarisch sind die Discorsi ein Paradox: Sie erscheinen als Kommentar, sind aber ein originelles Werk politischer Theorie. Machiavelli schreibt ungeziert, präzise, oft knapp. Aus kleinen Begebenheiten entwickelt er allgemeine Regeln, prüft Gegenbeispiele und markiert Grenzen. Das Wechselspiel aus Erfahrung, Urteil und Maßstab erzeugt ein Tempo, das Reflexion erzwingt, ohne in scholastische Abstraktion zu verfallen. Stilistisch vertraut er auf die Überzeugungskraft der Sache: klare Struktur, wiederholte Rückkehr zu Leitbegriffen, sorgfältige Unterscheidungen. Auch in deutscher Sprache bleibt dieser Ton spürbar; Begriffe wie 'virtù' und 'fortuna' behalten ihr Eigengewicht und öffnen ein Feld kluger Nuancen.

Zentrale Themen durchziehen das Ganze: Freiheit als herrschaftsfreier Raum politischer Teilhabe; Konflikt zwischen Volk und Vornehmen als Motor guter Gesetze; Institutionen, die Ambitionen bremsen und zugleich Energie sammeln; die Gefahr der Korruption als langsamer Verlust von Maß, Recht und Mut; die Bedeutung einer Bürgermiliz für Unabhängigkeit; die Rolle von Religion, nicht zur Dogmatik, sondern zur Festigung gemeinsamer Sitten. Immer wieder kehren zwei Kräfte wieder: 'virtù' als tätige Tüchtigkeit, die Ordnung stiftet, und 'fortuna' als Unwägbarkeit, die kluge Vorbereitung verlangt. Gemeinsam ergeben sie ein realistisches, aber nicht zynisches Bild politischer Handlungsmacht.

Für Leserinnen und Leser bedeutet das: Man folgt keinem fortlaufenden Plot, sondern einer Reihe von Prüfsteinen politischer Vernunft. Ein Kapitel beleuchtet ein römisches Ereignis, das nächste zieht eine allgemeine Folgerung, ein drittes setzt eine Korrektur. Daraus entsteht eine Landkarte republikanischer Kunst: Wie werden Ämter verteilt? Wann nützen Tribunate oder Senate? Wie verhindert man die Selbstzerstörung erfolgreicher Staaten? Die Discorsi bieten keine Patentrezepte, sondern zeigen, wie aus Regelkonflikten robuste Ordnung entsteht. Damit laden sie dazu ein, eigene Urteile an historischen Erfahrungen zu kalibrieren und die Mechanik der Freiheit geduldig zu studieren.

Der Einfluss des Buches ist weithin bezeugt. Es hat Republikaner der Frühen Neuzeit inspiriert, Streit über Gewaltenteilung und gemischte Verfassungen genährt und Denker der Aufklärung beschäftigt. Spätere Theoretiker von Montesquieu bis Rousseau setzten sich mit den hier entwickelten Begriffen auseinander, ebenso Debatten über Bürgerheere, Bürgertugend und die Erneuerung von Institutionen. Auch die Sprache moderner Verfassungspolitik – Checks, Balances, Amtszeiten, Notstandsbefugnisse – gewinnt durch die Lektüre der Discorsi historische Tiefe. Wer die Genealogie politischer Ideen verstehen will, trifft hier auf eine Kreuzung, an der viele Wege der Moderne zusammenlaufen.

Heute, da Demokratien zwischen Polarisierung und Reformdruck schwanken, lesen sich die Discorsi überraschend aktuell. Sie lehren, dass Regeln wichtiger sind als Rettergestalten, dass produktiver Streit Institutionen stärkt und dass Freiheit ohne wehrhafte Bürgerinnen und Bürger erodiert. Sie erklären, weshalb unklare Zuständigkeiten Korruption begünstigen, wie Gesetz und Sitte zusammenwirken und warum Perioden der Erneuerung notwendig sind. Sie zeigen, wie kluge Verfahrensarchitektur Macht bündelt, ohne sie zu monopolisieren. In einer Zeit beschleunigter Krisen laden sie zu einem nüchternen Optimismus ein: Ordnung ist machbar, wenn man ihre Voraussetzungen ernst nimmt.

Diese deutsche Ausgabe erschließt das Werk einem Publikum, das in der lebendigen Spannung zwischen Originalbegriffen und präziser Übersetzung Orientierung sucht. Sinnvoll ist eine Lektüre, die das wiederkehrende Spiel aus Beispiel und Regel im Blick behält und die Polemik des Autors als methodische Zuspitzung liest. Wer die italienischen Schlüsselwörter als Fachbegriffe akzeptiert und die römischen Fälle als Denkfiguren versteht, wird gewinnen: ein Instrumentarium, um Gegenwart zu beurteilen, ohne ihr in tagespolitischer Eile zu verfallen. So wird die Übersetzung zum Medium eines Gesprächs über Freiheit, das über Sprachen und Jahrhunderte hinweg trägt.

Warum also heute Machiavellis Discorsi lesen? Weil sie eine seltene Verbindung bieten: historischer Realismus, analytische Strenge und Vertrauen in die Lernfähigkeit freier Bürger. Das Buch bewährt sich dort, wo einfache Antworten versagen. Es zeigt, wie Institutionen Menschen möglich machen, was Einzelne allein nicht leisten können, und wie Erneuerung ohne Zerstörung gelingt. Sein Ton ist klar, sein Urteil prüfbar, seine Beispiele lehrreich. In der Summe entsteht ein zeitloser Maßstab politischer Klugheit. Wer sich auf diese Seiten einlässt, findet kein Rezept, aber eine Schule des Handelns im Namen der Freiheit.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Die Discorsi sind ein politisches Traktat von Niccolò Machiavelli, verfasst im frühen 16. Jahrhundert und 1531 postum veröffentlicht. Es handelt sich um einen ausführlichen Kommentar zu den ersten zehn Büchern der Römischen Geschichte des Titus Livius. Machiavelli nutzt die römischen Beispiele, um allgemeine Regeln über die Entstehung, Erhaltung und Erneuerung freier Gemeinwesen zu gewinnen. Das Werk ist in drei Bücher gegliedert und untersucht nacheinander die Grundlagen republikanischer Ordnung, die Logik von Expansion und Krieg sowie die Mechanismen der politischen Erneuerung. Ziel ist eine nüchterne, erfahrungsbasierte Lehre, die geschichtliche Beobachtung in handlungsleitende Prinzipien für die Politik übersetzt.

Zu Beginn entwickelt Machiavelli die Voraussetzungen dauerhafter Freiheit. Er interessiert sich für Gründungssituationen, für die Rolle eines Gesetzgebers und für das Zusammenspiel von Sitten, Religion und Gesetzen. Im Mittelpunkt steht der Gedanke, dass gut geordnete Konflikte eine Republik stärken, statt sie zu zerstören. Durch eine gemischte Verfassung, klare Kompetenzen und wirksame Gegengewichte lassen sich unterschiedliche Interessen so ausbalancieren, dass sie die Freiheit schützen. Die römische Erfahrung dient als Labor: Aus Einzelfällen destilliert Machiavelli Regeln, wie Institutionen gestaltet sein müssen, damit Bürgerpflicht, öffentlicher Geist und rechtliche Kontrolle ein tragfähiges Fundament bilden.

Ein Kernpunkt des ersten Buches ist die Verbindung von guten Gesetzen und einer wehrhaften Bürgerschaft. Machiavelli betont die Bedeutung eigener Bürgerheere und warnt vor der Abhängigkeit von Söldnern, die Gemeinwesen anfällig machen. Er untersucht Ämter wie Senat, Konsulat und Tribunat, um zu zeigen, wie Zuständigkeiten verteilt und Macht konzentriert oder begrenzt werden kann. Mechanismen öffentlicher Anklage und kontrollierter politischer Konkurrenz dienen der Verantwortlichkeit. Präventive Maßnahmen gegen Bestechung, Amtsmissbrauch und Ehrgeiz gehören zur politischen Hygiene. Die Leitfrage lautet, wie Ordnungen zugleich energisch handeln und dennoch freiheitliche Sicherungen aufrechterhalten können.

Machiavelli widmet sich den Grenzfällen politischer Macht. Er diskutiert, wann außergewöhnliche Vollmachten legitim sind und wie sie wieder abgebaut werden müssen, um nicht in dauerhafte Tyrannei umzuschlagen. Die römische Diktatur erscheint als Instrument, das nur unter strengen Bedingungen zeitweise Ordnung schafft. Religiöse Praktiken und gemeinsame Rituale bewertet er als Quelle gesellschaftlicher Bindung und Disziplin, sofern sie politisch klug gelenkt werden. Ebenso behandelt er den Umgang mit Ehrgeiz und Ruhmsucht, die sowohl Antriebskraft für große Taten sein können als auch gefährliche Triebfedern der Zersetzung, wenn keine Schranken gesetzt sind.

Im zweiten Buch verlagert Machiavelli den Blick auf Expansion und Kriegführung. Er fragt, warum Rom überlegene Kraft entfaltete, und analysiert strategische Entscheidungen, die Sicherheit und Wachstum ermöglichten. Kolonien, Bündnisse und die abgestufte Integration Unterworfener werden als Instrumente dargestellt, um Macht zu festigen, ohne den Zusammenhalt zu gefährden. Erfolgreich ist, wer rechtzeitig vorsorgt, Gelegenheiten erkennt und Risiken abwägt. Dabei geht es weniger um heroische Episoden als um wiederkehrende Muster: Disziplin, vorausschauende Planung und lernfähige Institutionen erweisen sich als entscheidende Faktoren militärischer und politischer Stärke.

Das zweite Buch diskutiert zudem die innere Grundlage äußerer Stärke. Machiavelli verknüpft militärische Tüchtigkeit mit sozialer Ordnung, wirtschaftlicher Mäßigung und der Vermeidung von Luxus, der die Sitten verdirbt. Er behandelt Spannungen um Besitz und Status als politische Realität, die durch Gesetze gezähmt werden muss, damit sie nicht in Bürgerkrieg umschlagen. Politische Klugheit zeigt sich im richtigen Maß: weder lähmender defensiver Starrsinn noch abenteuerliche Eroberungslust. Die römische Praxis liefert Stoff für Überlegungen, wie Gemeinwesen ihre Ressourcen so organisieren, dass sie im Konfliktfall handlungsfähig bleiben, ohne ihre freiheitliche Ordnung preiszugeben.

Im dritten Buch untersucht Machiavelli die Dynamik von Korruption und Erneuerung. Mit der Zeit erlahmen Sitten und Institutionen; daher braucht jede Republik Verfahren, die Rückkehr zu den Gründungstugenden zu erzwingen. Er erörtert harte, aber rechtlich gerahmte Maßnahmen, die gemeinschaftliche Maßstäbe wiederbeleben, und fragt, wie man den Missbrauch solcher Mittel verhindert. Ein zentrales Thema sind Verschwörungen und Umstürze: aus welchen Motiven sie entstehen, welche Fehler sie begünstigen und welche Gegenmittel wirken. Die Lehre zielt darauf, Risiken früh zu erkennen, die Ursachen zu beheben und zugleich den Freiheitsrahmen nicht zu zerstören.

Fortuna und menschliche Tüchtigkeit bilden das Leitmotiv der letzten Analysen. Machiavelli beschreibt, wie günstige Gelegenheiten nur von gut vorbereiteten Gemeinwesen genutzt werden können. Verfassungen brauchen Anpassungsfähigkeit, um auf neue Umstände zu reagieren, ohne ihre Grundstruktur zu verlieren. Vorbilder lassen sich nicht mechanisch übertragen; entscheidend ist, die Intentionen hinter römischen Institutionen zu verstehen und sie dem eigenen Kontext anzupassen. Persönliche Führung und bürgerliche Tugend ergänzen die Architektur der Gesetze. So entsteht ein Bild politischer Klugheit, das aus Erfahrung, Maßhalten und dem bewussten Umgang mit Risiko besteht.

Die Discorsi entfalten eine republikanische Theorie, die Freiheit als Ergebnis institutionalisierter Konfliktregulierung, bürgerlicher Bewaffnung, sozialer Disziplin und rechtlicher Kontrolle begreift. Statt starre Rezepte zu liefern, legt Machiavelli die Logik offen, nach der Gemeinwesen entstehen, wachsen, korrumpieren und sich erneuern. Die nachhaltige Bedeutung des Werkes liegt in der Verbindung historischer Fallstudien mit allgemeinen Einsichten über Verfassungen, Machtgleichgewichte und politische Charakterbildung. Es lädt dazu ein, Geschichte als Schule praktischer Vernunft zu lesen und die eigenen Institutionen so zu gestalten, dass sie sowohl den Wandel bestehen als auch die Freiheit schützen.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Die Discorsi entstanden in einer Epoche intensiver Umbrüche. Anfang des 16. Jahrhunderts war die italienische Halbinsel in rivalisierende Stadtstaaten und Fürstentümer zersplittert, während Papsttum, Frankreich und das Haus Habsburg um Einfluss rangen. Die sogenannten Italienischen Kriege prägten seit 1494 die Politik. Florenz, Machiavellis Heimat, wechselte zwischen republikanischen und mediceischen Ordnungen. Dominiert wurde das öffentliche Leben von städtischen Räten, Zünften, patrizischen Familien und kirchlichen Institutionen. In diesem Spannungsfeld suchte man Orientierung in antiken Vorbildern, die Humanisten edierten und kommentierten. Die Discorsi knüpfen an diese gelehrte Rückwendung an, um die Gegenwart politisch zu deuten und zu kritisieren.

Machiavelli stand seit 1498 im Dienst der florentinischen Republik und erlangte als Zweiter Kanzler und Sekretär der Kriegsbehörde politische Erfahrung. Er war Gesandter bei Fürstenhöfen, beim Papst und bei militärischen Akteuren wie Cesare Borgia. Diese Missionen konfrontierten ihn mit Machtpolitik, wechselnden Bündnissen und der Fragilität diplomatischer Abmachungen. Die Beobachtung der Abhängigkeit italienischer Staaten von Söldnerführern schärfte seinen Sinn für institutionelle Schwächen. Zugleich lernte er die Verwaltungs- und Rechtskulturen verschiedener Territorien kennen. Dieses Erfahrungswissen bildet den realpolitischen Hintergrund, vor dem die Discorsi die römische Geschichte als Reservoir praktischer Lehren erschließen.

Unter dem Gonfaloniere Piero Soderini (ab 1502) verfolgte Florenz eine republikanische Linie mit bürgernaher Ordnung. In diesem Rahmen trieb Machiavelli die Aufstellung einer Bürgermiliz voran, die 1506 an Gestalt gewann. Die Maßnahme sollte die teure und unzuverlässige Söldnerpraxis ersetzen und die Verteidigungskraft auf eine breitere Basis stellen. Der Erfolg blieb begrenzt, doch die Debatten über Wehrpflicht, Disziplin und Führung prägten Machiavellis Denken. In den Discorsi kehren diese Motive wieder: die Vorzugsstellung von Bürgerheeren, die Bedeutung strenger Gesetze und die Gefahren, die von professionellen Söldnern für Freiheit und Stabilität ausgehen.

Die Rückkehr der Medici 1512, gestützt auf spanische Waffen, beendete die Soderini-Ära. Die republikanischen Institutionen wurden umgebaut, Machiavelli entlassen, verbannt und 1513 kurzzeitig inhaftiert und misshandelt. Nach seiner Freilassung zog er sich nach Sant’Andrea in Percussina zurück. Diese erzwungene Muße lenkte seine Energie auf das Schreiben. In Briefen aus dieser Zeit erscheint die bewusste Hinwendung zu antiken Autoren als Gegenmittel zur politischen Ohnmacht. Die Umstände seiner Absetzung, verbunden mit der Einsicht in die Instabilität florentinischer Politik, bilden den unmittelbaren Anlass, die Grundlagen freier Ordnungen grundsätzlich zu überdenken.

Die Discorsi sopra la prima deca di Tito Livio entstanden vor allem zwischen 1513 und den späten 1510er Jahren. Sie kommentieren die erste Dekade von Livius’ römischer Geschichte und entfalten dabei ein eigenständiges politisches Argument. Die drei Bücher behandeln grundlegend die Ordnung republikanischer Institutionen, die Ursachen militärischer und territorialer Expansion sowie die Erhaltung und Erneuerung von Gemeinwesen. Das Werk zirkulierte zunächst handschriftlich in Florenz und befreundeten Kreisen. Erst nach Machiavellis Tod gelangte es in den 1530er Jahren in den Druck. So verbinden sich Gelehrtenkultur, politische Erfahrung und Schreibsituation zu einem besonderen Entstehungskontext.

Wichtige Impulse bezog Machiavelli aus Florentiner humanistischen Zirkeln, voran den sogenannten Orti Oricellari, den Gärten der Familie Rucellai. Dort trafen sich in den 1510er Jahren Literaten, Politiker und junge Adelige, um antike Texte und zeitgenössische Fragen zu diskutieren. Aus dieser Umgebung stammen Widmungen und Adressaten der Discorsi. Die humanistische Arbeitsweise – philologische Exegese, Vergleich von Quellen, moralische und politische Exempla – prägte Aufbau und Ton. Zugleich setzte sich Machiavelli von idealisierenden Lesarten ab: Livius dient ihm nicht zur bloßen Moralisierung, sondern als Prüfstein für institutionelle Mechanik und historische Kausalitäten.

Die Italienischen Kriege lieferten ein ununterbrochenes Lehrstück über Fortuna – den wechselhaften Verlauf politischer Ereignisse. Französische, spanische und päpstliche Truppen verwüsteten Städte, wechselten Bündnisse, setzten und stürzten Regierungen. Diese Unberechenbarkeit verstärkte das Interesse an resilienten Institutionen, die nicht allein vom Genie eines Herrschers abhängen. Die Discorsi reagieren darauf, indem sie kollektive Tugend, Gesetzesbindung und die produktive Nutzung gesellschaftlicher Konflikte betonen. Der römische Fall erscheint als Modell, wie ein Gemeinwesen äußere Schocks übersteht, wenn innere Ordnung, militärische Bürgerkraft und kluge Machtteilung ineinandergreifen.

Dominierende Institutionen der Epoche waren neben Republiken auch fürstliche Signorien sowie das Papsttum mit territorialen Ambitionen. Der Heilige Stuhl verband geistliche Autorität mit weltlicher Herrschaft in Mittelitalien. Der Kaiser beanspruchte Oberhoheit, konnte sie aber in Italien nur punktuell durchsetzen. In vielen Städten konkurrierten Ratsverfassungen, Zünfte und Patriziate um Einfluss. Die Medici standen exemplarisch für die Verschmelzung wirtschaftlicher, sozialer und politischer Macht. In den Discorsi reflektiert Machiavelli diese Gemengelage, indem er gemischte Verfassungen, strenge Gesetze und die Begrenzung persönlicher Macht als Sicherung gegen Tyrannis und Oligarchie diskutiert.

Die soziale Struktur florentinischer Politik blieb von Zünften, Handelsnetzwerken und großen Familien geprägt. Tuch- und Bankwesen erzeugten Wohlstand, aber auch Abhängigkeiten und Krisenanfälligkeit. Steuerlasten, Kriegsabgaben und Produktionsschwankungen schufen regelmäßige Spannungen zwischen Volk und Eliten. Machiavelli deutet solche Konflikte nicht als bloße Störung, sondern als Quelle freiheitssichernder Gesetzgebung, sofern sie institutionell kanalisiert werden. Der römische Gegensatz von Plebs und Patriziern dient ihm als konstruktives Beispiel. Vor dem Hintergrund florentinischer Unruhen wirkt diese Deutung als Plädoyer, gesellschaftliche Kräfte nicht zu unterdrücken, sondern in eine rechtsgebundene Ordnung einzubinden.

Religion strukturierte Alltagsleben, Rituale und Legitimität. Zugleich verstrickten sich Päpste in Kriege und Bündnisse, was die Autorität der Kirche politisch belastete. In den Discorsi würdigt Machiavelli die Rolle von Religion bei der Stärkung bürgerlicher Tugend und Disziplin, nimmt aber Distanz zu kirchlicher Machtpolitik der Gegenwart. Die Bewunderung der römischen „bürgerlichen Religion“ zielt auf ihre ordnungsstiftende Funktion. Damit greift er humanistische Debatten über Tugend, Sitten und Institutionen auf und setzt ihnen eine nüchterne, zweckorientierte Betrachtung entgegen, die Frömmigkeit als politisch wirksame, aber auch instrumentalisierbare Ressource versteht.

Militärisch veränderten Feuerwaffen und Artillerie die Kriegsführung. Schweizer Pikeniere und spanische Formationen setzten neue Maßstäbe. Italienische Staaten blieben häufig von Condottieri abhängig, was zu kostspieligen und unzuverlässigen Operationen führte. Die florentinische Milizreform bot Machiavelli Anschauungsmaterial über Ausbildung, Führung und Rekrutierung. In den Discorsi erscheinen römische Legionen als historisches Lehrbeispiel eines Bürgerheeres, das Disziplin, Mobilisierung und republikanische Loyalität verbindet. Moderne Technik wird nicht ignoriert, doch betont Machiavelli vor allem Organisation und Geist: Wer kämpft, aus welchen Motiven, unter welchen Gesetzen – diese Fragen stehen für ihn zentral.

Der Buchdruck, seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts in Italien fest etabliert, veränderte die Zirkulation von Texten. Antike Autoren wurden in kommentierten Ausgaben verbreitet, und politische Schriften fanden neue Leserkreise. Machiavelli schrieb in toskanischer Volkssprache statt auf Latein, was den Zugang erleichterte und seine Argumente in die städtische Öffentlichkeit trug. Dennoch zirkulierten die Discorsi zunächst als Manuskripte im vertrauten Kreis, bevor sie in den 1530er Jahren gedruckt wurden. Die Spannung zwischen Geheimbesprechung und öffentlicher Debatte gehört zum historischen Kontext einer Schrift, die provokante Einsichten mit gelehrter Form verbindet.

Die Discorsi entfalten ihr Programm im Spiegel Roms: Gesetze, Gründungsakte, Ämter und Rituale sichern Freiheit, wenn sie Konflikte zügeln, nicht zum Schweigen bringen. Ideen einer gemischten Verfassung, in der Volks- und Eliteninstitutionen einander balancieren, waren in der humanistischen Kultur präsent, auch durch Lektüren wie Polybios. Machiavelli entwickelt daraus eine eigenständige, handlungsorientierte Theorie: Virtù als bürgerliche Tüchtigkeit trifft auf Fortuna, und nur kluge Ordnungen bändigen den Zufall. Diese Perspektive kommentiert indirekt Florenz, wo personalisierte Macht, Patronage und Söldnerwesen die republikanische Freiheit bedrohten.

Die politischen Turbulenzen kulminierten 1527 im Sacco di Roma, der die Schwäche der Halbinsel gegenüber auswärtigen Mächten drastisch vor Augen führte. In Florenz brach in derselben Zeit die mediceische Herrschaft zusammen, und erneut wurde eine Republik ausgerufen. Machiavelli, 1527 verstorben, erlebte nur den Beginn dieser erneuten Wendung. Kurz darauf verbreiteten Freunde und Bewunderer seine Schriften im Druck; die Discorsi erschienen 1531. Die Publikationsgeschichte spiegelt die Brisanz des Inhalts: Ein republikanisches Lehrbuch, geschärft an römischer Geschichte, trat in eine politische Öffentlichkeit, die nach tragfähigen Ordnungsmodellen suchte.

Frühe Leser reagierten gespalten. Einige sahen in Machiavelli einen Verteidiger bürgerlicher Freiheit und nüchterner Tugend, andere warfen ihm Irreligiosität und Kälte vor. In der Frühen Neuzeit wirkte der „republikanische Machiavelli“ auf Debatten über gemischte Verfassungen, Bürgermilizen und Gesetzesstrenge. Später griffen Autoren der englischen und niederländischen Traditionen, der Aufklärung und des Atlantikraums auf seine römischen Lektionen zurück. Gemeinsam mit Il Principe entstand die Doppelwahrnehmung: hier Regierungslehre für Fürsten, dort Grundlegung republikanischer Politik – zwei Perspektiven, die sich historisch ergänzen, weil sie denselben Krisenkontext unterschiedlich ausleuchten.

Im deutschen Sprachraum setzte die Rezeption schrittweise ein. Mit der Verbreitung humanistischer Bildung und der Ausweitung des Buchmarkts fanden Machiavellis Schriften wachsende Aufmerksamkeit. Deutsche Übersetzungen der Discorsi verbreiteten sich spätestens im 18. und 19. Jahrhundert und wurden in Debatten über konstitutionelle Ordnung, Bürgertugend und Militärorganisation diskutiert. Universitäre Lektüren und politische Publizistik nutzten das Werk, um Fragen der Gewaltenteilung, der Bürgerbeteiligung und der Wehrverfassung historisch zu rahmen. Die deutsche Machiavelli-Rezeption ist damit Teil einer europäischen Auseinandersetzung mit römischen Vorbildern und moderner Staatlichkeit.

Die Discorsi reagieren zudem auf die ökonomische Verschiebung der Epoche. Während die atlantischen Routen an Bedeutung gewannen und Handelskrisen italienische Häuser trafen, blieb Florenz auf hochwertige Produktion und Finanzgeschäfte angewiesen. Politische Instabilität verteuerte Kredite, erschwerte Steuereinzug und förderte Klientelismus. Machiavellis Betonung strenger, allgemein geltender Gesetze und transparenter Ämtervergabe adressiert diese Probleme indirekt. Ein verlässlicher Rechtsrahmen sollte Eigentum sichern, Militärdienst verteilen und die Lasten gerecht ordnen. So verbindet sich seine historische Analyse Roms mit konkreten Antworten auf fiskalische und soziale Spannungen der eigenen Zeit in der Stadtstaatenwelt Italiens.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Niccolò Machiavelli, geboren 1469 in Florenz und gestorben 1527 ebenda, gilt als einer der prägenden politischen Denker der Renaissance. Sein Name ist untrennbar mit Der Fürst verbunden, einem knappen Traktat über Herrschaft, Machtmittel und politische Entscheidungsfindung. Daneben festigte er mit den Discorsi sopra la prima deca di Tito Livio, der Dell’arte della guerra und den Istorie fiorentine seinen Rang als stilbildender Prosaautor in italienischer Sprache. Aus praxisnaher Verwaltungserfahrung und klassischer Lektüre formte er eine nüchterne, oft als realistisch bezeichnete Sicht auf Staat und Gesellschaft, deren analytische Schärfe bis in die moderne Theorie politischer Ordnung nachwirkt.

Machiavelli wirkte zunächst als hoher Beamter der Republik Florenz, bevor ihn die Rückkehr der Medici 1512 aus dem Amt drängte. In der folgenden Exilphase entstand ein Großteil seines Hauptwerks, das in Handschriften zirkulierte und erst teilweise postum gedruckt wurde. Seine Texte kreisen um die Bedingungen stabiler Herrschaft, die Rolle von Institutionen und die Handlungsräume politischer Akteure unter Druck. Sie verbinden Beobachtungen aus diplomatischen Missionen, Kriegszeiten und städtischer Verwaltung mit gelehrten Beispielen der römischen Antike und prägen so einen Stil, der Argument, Anekdote und Fallstudie eng verschränkt.

Bildung und literarische Einflüsse

Machiavelli erhielt eine humanistische Ausbildung in Florenz, die ihn früh zu den lateinischen Klassikern führte. Seine intellektuelle Formung speiste sich aus der Lektüre von Autoren wie Livius, Sallust, Cicero, Tacitus und Polybios, deren Geschichtsschreibung und Staatsreflexion ihm methodische Modelle boten. Er eignete sich eine klare, präzise Prosa an, die das Italienische der Zeit auf ein neues analytisches Niveau hob. Juristische und rhetorische Schulung sowie Kanzleipraxis schärften seinen Blick für administrative Verfahren, schriftliche Evidenz und die Kunst kurzer, zweckmäßiger Mitteilungen – Voraussetzungen für die spätere Verbindung von Historiografie, Theorie und Handreichung.

Neben den Büchern prägten Reisen und Beobachtungen sein Denken. Als Sekretär der Zweiten Kanzlei der Republik war er an Gesandtschaften beteiligt und sah Höfe, Feldlager und Stadtrepubliken in Bewegung. Begegnungen mit Herrschern und Militärführern, die Dynamik der Italienischen Kriege und die Erfahrung wechselnder Bündnisse vertieften sein Interesse an Machtgleichgewichten, militärischer Organisation und institutioneller Elastizität. Das Zusammenspiel aus klassischer Autorität und unmittelbarer Anschauung führte zu seiner methodischen Haltung: historische Beispiele nicht ehrfürchtig zu wiederholen, sondern auf ihre wirkende Ursache zu befragen und daraus Regeln für wechselhafte Lagen abzuleiten.

Literarische Laufbahn

Nach Jahren im Staatsdienst konzentrierte sich Machiavelli im Exil auf das Schreiben. 1513 verfasste er Il Principe, adressiert an einen Medici-Prinzen, als kompaktes Handbuch zur Erwerbung und Sicherung von Herrschaft. Das Werk kreist um Entscheidungslagen unter Unsicherheit, die Spannungen zwischen Notwendigkeit und Tüchtigkeit sowie die kluge Nutzung von Gelegenheiten. Es zirkulierte zunächst als Manuskript und wurde erst nach seinem Tod gedruckt. Stilistisch besticht es durch nüchterne, anschauliche Beispiele und eine dramatische Zuspitzung von Alternativen, die Leserinnen und Leser an die Logik politischer Zwänge heranführt.

Etwa zeitgleich begann er die Discorsi sopra la prima deca di Tito Livio, eine weiträumige Auslegung römischer Geschichte mit Blick auf republikanische Ordnungen. Hier tritt er als Theoretiker von Mischverfassungen, bürgerlicher Teilhabe und konfliktfähigen Institutionen hervor. Die Discorsi ergänzen den Fürsten nicht widersprüchlich, sondern als Betrachtung einer anderen Ebene: weniger die Kunst des Einzelherrschers als die Dynamik von Gesetzen, Sitten und kollektiver Machtbildung. Die Argumentation entfaltet sich über Fallstudien, in denen antike Beispiele mit Erfahrungen der eigenen Zeit verschränkt werden, um Regeln des politischen Gelingens herauszuarbeiten.

Mit Dell’arte della guerra legte Machiavelli ein Dialogwerk zur Kriegsordnung der Neuzeit vor, das die Überlegenheit einer Bürgermiliz gegenüber unzuverlässigen Söldnern betonte. Es verbindet taktische Überlegungen mit organisatorischen Vorschlägen und knüpft an römische Vorbilder an, übersetzt sie aber in die Bedürfnisse italienischer Städte. Parallel erprobte er komödiendramatische Formen: La Mandragola, wohl um 1518 entstanden, wurde ein Bühnenerfolg und zeigt seine Meisterschaft in Dialogführung, Charakterzeichnung und gesellschaftlicher Satire. Spätere Stücke wie Clizia adaptierten antike Motive und trugen zur Festigung seines Rufs als Autor lebendiger Volkssprache bei.

Seine historiografische Leistung kulminierte in den Istorie fiorentine, die er auf Medici-Auftrag ausarbeitete und Mitte der 1520er Jahre vorlegte. Diese Geschichte der Stadt behandelt Konfliktzyklen, Parteienbildung und institutionelle Wendepunkte von den Ursprüngen bis an die Schwelle der eigenen Zeit. Stil und Urteilskraft verbinden analytische Distanz mit erzählerischer Anschaulichkeit. Ergänzend verfasste er die Vita di Castruccio Castracani, eine knappe Herrscherbiografie mit exemplarischer Zuspitzung. Zusammen entfalten diese Schriften einen Kanon, in dem Politik, Geschichte, Militärwesen und Literatur nicht getrennte Felder, sondern wechselseitig erhellte Praktiken bilden.

Überzeugungen und Engagement

Machiavellis Schriften bekennen sich zu einer republikanischen Sensibilität, die Freiheit nicht als Ruhe, sondern als produktiv gezähmten Konflikt versteht. Er betont die Rolle von Gesetzen, gemischten Ordnungen und sozialer Beteiligung für dauerhafte Stärke. Individuelle Tüchtigkeit und Fortuna erscheinen als Kräfte, die durch kluge Institutionen und entschlossenes Handeln gebändigt werden können. Aus der römischen Geschichte gewinnt er die Einsicht, dass Ambition und Gegenmacht gemeinsam Stabilität erzeugen, wenn sie institutionell gefasst sind. So entsteht ein Denken, das weder puren Moralismus noch blanken Zynismus pflegt, sondern Wirkung, Anreiz und Regel miteinander vermittelt.

Seine bekannteste praktische Forderung betrifft das Militärwesen: Er misstraute Söldnerheeren, weil sie teuer, eigenwillig und politisch gefährlich sein konnten, und plädierte für bürgerliche Wehrkraft. Politische Klugheit bedeutete für ihn, rechtliche Ordnungen und bewaffnete Mittel so auszubalancieren, dass Innen- wie Außengefahren kontrollierbar bleiben. Religion erscheint in seinen Analysen als bürgerlich nützliche Kraft, sofern sie Sitten und Gemeinsinn stärkt. Insgesamt verbindet er historische Empirie mit handlungsorientierter Normativität: Maßstab ist, ob Institutionen in widrigen Umständen bestehen und Freiheit, Sicherheit und Erweiterung der eigenen Handlungsräume gewährleisten.

Letzte Jahre & Vermächtnis

Nach vorübergehender Wiederannäherung an die Medici erhielt Machiavelli literarische und diplomatische Aufträge, darunter das langfristige Projekt der Florentiner Geschichte. Die Rückkehr der Republik 1527 nach der Krise um den Sacco di Roma beendete diese Phase abrupt. Er suchte erneut öffentlichen Dienst, blieb jedoch politisch umstritten und starb 1527 in Florenz. In seinen letzten Jahren arbeitete er an überarbeiteten Fassungen und vertiefte die Reflexion über institutionelle Brüche, Kriegslagen und städtische Loyalitäten. Der späte Machiavelli erscheint als Autor, der die Lektionen eines bewegten Lebens in konzentrierte, praxisnahe Prosa überführte.

Sein Nachruhm überschritt früh die Grenzen Italiens. Der Fürst erschien 1532 im Druck und prägte Debatten über Realismus, Staatsräson und Verantwortung von Regierenden. Die Discorsi boten Republikanern eine differenzierte Theorie der Mischverfassung, während die Kriegsabhandlung und die Komödien seine Vielseitigkeit bezeugten. Der Begriff Machiavellismus wurde zum Schlagwort, oft polemisch, zugleich Ausdruck anhaltender Faszination für seine Analyse der Wirkungskräfte politischer Ordnungen. Moderne Politikwissenschaft, Geschichtsschreibung und Staatsphilosophie setzen sich bis heute mit seinen Kategorien auseinander; seine klare, bildkräftige Prosa bleibt ein Modell wirkungsorientierten Denkens.

Die Discorsi (Deutsche Ausgabe)

Hauptinhaltsverzeichnis
Einleitung
Widmung
Erstes Buch
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebtes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Sechzehntes Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Neunzehntes Kapitel
Zwanzigstes Kapitel
Einundzwanzigstes Kapitel
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Vierundzwanzigstes Kapitel
Fünfundzwanzigstes Kapitel
Sechsundzwanzigstes Kapitel
Siebenundzwanzigstes Kapitel
Achtundzwanzigstes Kapitel
Neunundzwanzigstes Kapitel
Dreißigstes Kapitel
Einunddreißigstes Kapitel
Zweiunddreißigstes Kapitel
Dreiunddreißigstes Kapitel
Vierunddreißigstes Kapitel
Fünfunddreißigstes Kapitel
Sechsunddreißigstes Kapitel
Siebenunddreißigstes Kapitel
Achtunddreißigstes Kapitel
Neununddreißigstes Kapitel
Vierzigstes Kapitel
Einundvierzigstes Kapitel
Zweiundvierzigstes Kapitel
Dreiundvierzigstes Kapitel
Vierundvierzigstes Kapitel
Fünfundvierzigstes Kapitel
Sechsundvierzigstes Kapitel
Siebenundvierzigstes Kapitel
Achtundvierzigstes Kapitel
Neunundvierzigstes Kapitel
Fünfzigstes Kapitel
Einundfünfzigstes Kapitel
Zweiundfünfzigstes Kapitel
Dreiundfünfzigstes Kapitel
Vierundfünfzigstes Kapitel
Fünfundfünfzigstes Kapitel
Sechsundfünfzigstes Kapitel
Siebenundfünfzigstes Kapitel
Achtundfünfzigstes Kapitel
Neunundfünfzigstes Kapitel
Sechzigstes Kapitel
Zweites Buch
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebtes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Sechzehntes Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Neunzehntes Kapitel
Zwanzigstes Kapitel
Einundzwanzigstes Kapitel
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Vierundzwanzigstes Kapitel
Fünfundzwanzigstes Kapitel
Sechsundzwanzigstes Kapitel
Siebenundzwanzigstes Kapitel
Achtundzwanzigstes Kapitel
Neunundzwanzigstes Kapitel
Dreißigstes Kapitel
Einunddreißigstes Kapitel
Zweiunddreißigstes Kapitel
Dreiunddreißigstes Kapitel
Drittes Buch
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebtes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Sechzehntes Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Neunzehntes Kapitel
Zwanzigstes Kapitel
Einundzwanzigstes Kapitel
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Vierundzwanzigstes Kapitel
Fünfundzwanzigstes Kapitel
Sechsundzwanzigstes Kapitel
Siebenundzwanzigstes Kapitel
Achtundzwanzigstes Kapitel
Neunundzwanzigstes Kapitel
Dreißigstes Kapitel
Einunddreißigstes Kapitel
Zweiunddreißigstes Kapitel
Dreiunddreißigstes Kapitel
Vierunddreißigstes Kapitel
Fünfunddreißigstes Kapitel
Sechsunddreißigstes Kapitel
Siebenunddreißigstes Kapitel
Achtunddreißigstes Kapitel
Neununddreißigstes Kapitel
Vierzigstes Kapitel
Einundvierzigstes Kapitel
Zweiundvierzigstes Kapitel
Dreiundvierzigstes Kapitel
Vierundvierzigstes Kapitel
Fünfundvierzigstes Kapitel
Sechsundvierzigstes Kapitel
Siebenundvierzigstes Kapitel
Achtundvierzigstes Kapitel
Neunundvierzigstes Kapitel
Anhang

Einleitung

Inhaltsverzeichnis

Von Friedrich von Oppeln-Bronikowski

»I tre libri de' Discorsi sopra la prima deca di Tito Livio, di Niccolò Machiavelli, cittadino e segretario fiorentino« (Die drei Bücher der Erörterungen über die erste Dekade des Titus Livius, von Niccolò Machiavelli, Bürger und Staatssekretär von Florenz), so lautet der wenig einladende Titel eines der gehaltreichsten Bücher der politischen Literatur. Obwohl ein Eckstein in der Geschichte des politischen Denkens, wird dies Werk heute nur noch von Fachgelehrten und einzelnen Staatsmännern gewürdigt. Und doch hat die geschichtliche Entwicklung ihm vielfach recht gegeben, ja, sein Inhalt ist gerade heute in einer Zeit politischer Umwälzungen und Problemstellungen so zeitgemäß, daß es die Beachtung jedes Politikers und überhaupt aller verdient, die über die politische Tagesweisheit hinaus nach allgemeinen politischen Grundsätzen, nach Erkenntnis geschichtlicher Zusammenhänge streben. Das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert hat dies Buch zwar eifrig studiert, wie die zahlreichen Ausgaben und Übersetzungen ins Lateinische, Französische, Deutsche und Englische beweisen. Mehr und mehr aber wandte sich das Interesse der kleinen, erfolgreichen Gelegenheitsschrift des großen Florentiners, dem »Principe« zu, die nur einen Einzelfall aus dem Lehrgebäude der »Diskurse« methodisch entwickelte. Ja, Machiavellis Name ist nur durch diese Schrift unsterblich geworden und mit ihr im allgemeinen Bewußtsein derart zusammengewachsen, daß die darin entwickelten Gedanken über den fürstlichen Absolutismus mehr und mehr als Machiavellis Lehre überhaupt aufgefaßt wurden und den Gegenstand leidenschaftlicher Erörterung bildeten. So schrieb Friedrich der Große als Kronprinz seinen einseitigen »Antimachiavelli«, Deutsch von mir im Verein mit dem »Fürsten« von Machiavelli (2. Aufl., Jena 1921) in der von Voltaire besorgten Fassung. Die ursprüngliche Fassung deutsch in den »Sämtlichen Werken« Friedrichs des Großen, Berlin 1914, Bd. VII, S. 1 ff. und ebenso nahm Fichte in seiner kleinen, aber kraftvollen Verteidigungsschrift »Über Machiavelli als Schriftsteller, und Stellen aus seinen Schriften.« fast nur Bezug auf den »Fürsten«. Selbst Leopold von Ranke geht in seiner »Geschichte der romanischen und germanischen Völker von 1494 bis 1515« ausführlich nur auf den »Fürsten« ein. Ergänzung und Berichtigung ist daher geboten; ja, das volle Verständnis Machiavellis und seines Denkens ist nur möglich, wenn sein Hauptwerk, die »Diskurse über die erste Dekade des Titus Livius«, wieder zu Ehren gebracht wird. Wir haben es richtiger » Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte« betitelt; denn Machiavelli bezieht sich ja nicht nur auf die ersten zehn Bücher der »Römischen Geschichte« des Livius, sondern auf alle, die uns erhalten sind, und auf eine Fülle anderer lateinischer und griechischer Autoren Von lateinischen Autoren kannte Machiavelli nachweislich, neben den Dichtern Virgil, Ovid, Horaz und Tibull, die Philosophen Cicero und Seneca, von Historikern außer Livius den Cäsar, Tacitus, Sallust, Sueton, Justin und Quintus Curtius. Die griechischen Schriftsteller kannte er wohl nur aus lateinischen und italienischen Übersetzungen (ob er griechisch verstand, bleibt strittig), insbesondere Aristoteles' Politik, Plutarchs Lebensbeschreibungen, Xenophons Kyropädie u. a. Schriften, den Redner Isokrates, die Geschichtsschreiber Herodot, Thukydides, Polybios, Diodor, Diogenes von Laërte, Herodian und Prokop. Eine eingehende Untersuchung über die von Machiavelli benutzten antiken Schriftquellen gab Dr. G. Ellinger in »Die antiken Quellen der Staatslehre Machiavellis«, Tübingen 1888 (In der »Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft«, X, 1-58). Sie liegt den Quellenangaben dieser Verdeutschung größtenteils zugrunde. und geschichtlicher Ereignisse in Hellas und Rom, und dazu tritt eine Menge italienischer Geschichtsbeispiele, die meist die düstere Folie politischer Verkehrtheiten zu den leuchtenden Vorbildern des Altertums bilden. Beide Bestandteile verraten deutlich den Zweck des Werkes: nicht gelehrte Studien zu treiben, sondern durch Entwicklung politischer Grundsätze aus einzelnen Ereignissen, durch anfeuernde und abschreckende Beispiele praktisch zu wirken.

Aus ihrer Zeit hervorgewachsen und durch sie bedingt, vielfach in schroffem Gegensatz zu ihr und bestimmt, bessernd und wegweisend auf sie einzuwirken, setzen diese »Betrachtungen« zum vollen Verständnis nicht nur die allgemeine Kenntnis der politischen, religiösen und sittlichen Zeitverhältnisse voraus, wie sie Rankes Geschichte veranschaulicht, Besonders ausführlich geht auf die Zeitereignisse ein Luca Landuccis »Florentinisches Tagebuch« (1450-1516), deutsch von Marie Herzfeld, Jena 1913, 2 Bde., mit wertvollen gelehrten Anmerkungen. sondern auch viele, den Zeitgenossen Machiavellis geläufige Einzelheiten, die heute nur noch den Fachgelehrten bekannt sind. Ebenso unerläßlich für das Verständnis von Werk und Autor ist auch die Kenntnis seiner Lebensschicksale. Ich habe deshalb beide vereint als » Lebenslauf Machiavellis und wichtigste Zeitereignisse« am Schluß des Bandes zusammengefaßt und dadurch zugleich die Verknüpfung seiner Lebensumstände mit den Zeitläuften veranschaulicht. Diese Angaben waren um so nötiger, als die älteren Verdeutschungen Die älteren deutschen Ausgaben der »Diskurse«, die auch für diese Verdeutschung benutzt wurden, sind: 1. »Unterhaltung über die erste Dekade der römischen Geschichte des Titus Livius«, Danzig 1776, mit einem Titelkupfer (Bild Machiavellis). 3 Bde. Die ungenannten Übersetzer sind J. G. Scheffner und F. G. Findeisen. 2. In »Sämtliche Werke«, deutsch von Joh. Ziegler, Karlsruhe 1832, Bd. 1, unter dem Titel: »Vom Staate, oder Betrachtungen über die ersten zehn Bücher des Tit. Livius«. Diese Ausgabe (8 Bde., Karlsruhe 1832-41) enthält alle damals bekannten Schriften Machiavellis, zu denen nur noch wenige archivalische Funde getreten sind. Sie bietet dem deutschen Leser noch jetzt eine brauchbare Handhabe. 3. In der »Historisch-politischen Bibliothek« (Berlin 1870, Bd. 11): »Erörterungen über die erste Dekade des Titus Livius«, übersetzt von W. Grüzmacher. Als Vorläufer dieser Verdeutschungen sind die zahlreichen lateinischen Übersetzungen zu betrachten, die namentlich in Universitätsstädten erschienen sind: in Mömpelgard 1588 und 1599, in Straßburg und Ursel 1599, in Frankfurt a. M. 1608 und 1619, in Straßburg 1619, in Marburg (von Jul. Reichenberg) 1620, in Leipzig 1629. Ferner in Holland: Leyden 1643 und 1649. Hierzu kommt noch die lateinische Abhandlung von J. F. Christ »De Nicolao Machiavelli libri tres«, Halle 1731. Auch eine italienische Ausgäbe seiner Hauptwerke (ohne die »Kriegskunst«) erschien 1786 in Berlin und Stralsund (3 Bde.). sowie die italienischen Ausgaben ganz ohne Fußnoten und Erklärungen sind, mit einziger Ausnahme der Schulausgabe von Giuseppe Piergili (Florenz 1892), deren Anmerkungen aber teils lückenhaft und falsch sind, teils durch philologische Exkurse und Randbemerkungen aller Art viel zu weit gehen.

Für die antike Geschichte habe ich mich mit den notwendigsten Anmerkungen und Quellennachweisen begnügt, zumal die angeführten Beispiele meist für sich selbst sprechen. Viele werden dem Leser noch aus der Schulzeit geläufig sein. Wer sie bei Livius nachlesen will, dem sind die deutschen Liviusausgaben zugänglich, ebenso für die römische und griechische Geschichte die Werke von Mommsen, Curtius u. a. m.

Allerdings ist gerade Mommsen für die älteste römische Geschichte sehr kurz gefaßt und kritisch, wogegen Machiavelli ganz der Darstellung des Livius folgt und ihr kritiklos glaubt. Vieles, was er als wahr annahm, wie die Urgeschichte Roms, ist von der neueren Wissenschaft ins Fabelbuch geschrieben worden, und für viele geschichtliche Vorgänge (wie die Fälle des Spurius Maelius und Manlius Capitolinus) ist uns die gefärbte Darstellung des Livius nicht mehr maßgebend. Somit scheinen die Schlüsse, die Machiavelli daraus zieht, selbst hinfällig zu werden. Aber diese Annahme ist falsch, denn es sind nicht sowohl die Voraussetzungen, von denen Machiavelli ausgeht, als vielmehr die Schlußfolgerungen, die er zieht, was den unvergänglichen Wert seines Buches bildet. Was er für geschichtliche Wahrheit nahm, wird für uns also vielfach zum Idealfall, von dem er ausgeht, und seine Schlußfolgerungen verlieren dadurch nichts von ihrem Wert.

Auch im Stil eifert er – in bewußtem Gegensatz zur Schönrednerei vieler italienischer Renaissanceschriftsteller – der schlichten Größe des antiken Schrifttums nach. »Kraftvoll, schmucklos und gerade zum Ziel treffend, wie Cäsar, ist er dabei tief und gedankenreich wie Tacitus, aber klarer und deutlicher als dieser. Nicht irgendeiner ist sein Vorbild gewesen, sondern vom Geist des Altertums überhaupt durchdrungen, ist ihm ohne alle Nachkünstelung zur anderen Natur geworden, stark, lebendig und angemessen zu schreiben wie die Alten. Die Kunst der Darstellung findet sich bei ihm nur wie von selbst, sein stetes Ziel ist der Gedanke.« Soweit Friedrich Schlegel Sämtliche Werke, Wien 1822, II, so. in seiner geistreichen Kritik. Auch für die »Diskurse« gilt vollauf, was Machiavelli selbst in der »Zueignung« seines »Fürsten« sagt: »Dies Werk habe ich nicht ausgeschmückt, noch mit schönen Phrasen und prunkhaften Worten oder mit anderen Reizen und äußeren Stilmitteln aufgeputzt, wie so viele Schriftsteller. Ich wollte, daß die Sache sich selber ehrt und daß allein die Mannigfaltigkeit des Stoffes und der Ernst des Gegenstandes dies Buch auszeichnen.« Klarheit und Ehrlichkeit, Schlichtheit und gedrängte Kürze sind die Vorzüge dieses rein sachlichen Stils. »Wenn es überhaupt wahr ist«, sagt R. von Mohl, »daß der Stil den Menschen zeigt, so beweist der seine die ausgeprägteste und klarste Männlichkeit.« Sein besonderer Reiz ist, daß sich in ihm der analysierende Gelehrte mit dem Dramatiker und dem erfahrenen Staatsmann die Hand reicht.

Freilich darf man nicht vergessen, daß diese Sprache vierhundert Jahre alt ist und daß die Stilgewohnheiten der Römer und Romanen den heutigen deutschen nicht immer entsprechen. Auch Machiavelli türmt bisweilen ciceronianische Periodenbauten, die in deutscher Sprache unmöglich sind, Wer sich von solchen stilistischen Unmöglichkeiten überzeugen will, lese die wortgetreue Verdeutschung von 1870. und es fehlt bei ihm auch nicht an altertümlichen Schwerfälligkeiten, Unklarheiten und Wiederholungen, denen man das Ringen des abstrakten Denkens mit einer Sprache anmerkt, die noch ohne wissenschaftliche Tradition und feste Denkformen war und sich den Ausdruck bisweilen erst mühsam prägen mußte. Trotz dieser kleinen Einschränkungen zählt Machiavelli in Italien noch heute zu den ersten klassischen Autoren und »Testi di lingua«. Einige Einzelheiten dieser Abhängigkeit Machiavellis von den antiken Vorbildern sind für die Fassung des deutschen Textes zu beachten. Von den antiken und italienischen Stadtstaaten ausgehend, vertauscht er häufig die Begriffe Stadt, Staat und Republik (Freistaat). Die Verdeutschung ist ihm hierin gefolgt, bisweilen hat sie den Sammelbegriff »Gemeinwesen« benutzt. Im zweiten Buch (Äußere Politik) fällt sogar öfter der Begriff »Fürst« und »Republik« zusammen, da Machiavelli bei den auswärtigen Beziehungen immer nur den Leiter eines Staatswesens, sei es monarchisch oder republikanisch, im Auge hat. Ebenso ist der Begriff der »Tugend«, der italienischen virtù, aus dem Begriff der antiken virtus entwickelt und durchaus »moralinfrei«. Der nicht immer eindeutige Sinn: Fähigkeit, Begabung, Talent, Verdienst, Tapferkeit, kurz Mannes- oder Bürgertugend, ist in der Verdeutschung meist mit diesen Worten übersetzt worden; wo das Wort »Tugend« stehengeblieben ist, hat es jedenfalls nichts mit Tugend im Sinne der christlichen oder kantischen Ethik zu tun. Vgl. Ed. Wilh. Mayer »Machiavellis Geschichtsauffassung und sein Begriff virtù«, München und Berlin 1912. In der Wiedergabe antiker Namen verfährt Machiavelli bisweilen sehr sorglos. Kleinere Unrichtigkeiten sind im deutschen Text selbst verbessert, größere in Anmerkungen.

Machiavelli gehört zu den großen problematischen Naturen der Weltgeschichte. »Kaum«, sagt Mohl, »dürfte sich in der Geschichte, der menschlichen Geistesentwicklung ein zweiter finden, dessen Lebensschicksale so unzweifelhaft vorliegen, der sich so unumwunden selbst ausgesprochen hat, der so viel schrieb und über den doch die Urteile so weit auseinandergehen.« Der Grund liegt erstens, wie schon gesagt, darin, daß die Mehrzahl seiner Beurteiler sich einseitig an den »Fürsten« hielt, statt ihn im Zusammenhang mit den anderen Werken zu würdigen. Zweitens in dem teilweisen Gegensatz zwischen seinen beiden gleichzeitigen Hauptschriften, dem »Fürsten« und den »Diskursen«, sowie in seinem eigenen Verhalten, denn der überzeugte Republikaner buhlte um die Gunst der Medici, die seinem Vaterlande die Freiheit geraubt hatten, und diente ihnen mit Rat und Tat. Drittens liegt er in der Umstrittenheit der von ihm aufgeworfenen politischen Probleme und der von ihm empfohlenen Maßregeln.

1.

Vom »Fürsten« ausgehend, sagt ein Staatsmann wie Bacon als Wortführer vieler: »Wir danken es Machiavelli und ähnlichen Schriftstellern, daß sie offen und ungeschminkt sagen, was die Menschen tun, nicht was sie tun sollen.« Und doch hat gerade Machiavelli in seinen »Politischen Betrachtungen« vielmehr gezeigt, was die Menschen tun sollen, ja, er hat ihr Tun aufs schärfste gegeißelt. Durch gleich einseitiges Ausgehen vom »Fürsten« und durch Mißverstehen seiner Grundsätze hat Friedrich der Große in seinem »Antimachiavelli« ein Zerrbild des Florentiners geschaffen. Ihm ist er ein Ungeheuer an Unmoral, ein Lehrer des Verbrechens, ein Teufel in Menschengestalt. Und doch war gerade Friedrich später als Staatsmann oft genug gezwungen, die Wege Machiavellis zu beschreiten, und ebenso hat er ihm in späteren Jahren an Menschenverachtung nichts nachgegeben. In der gleichen Optik befangen war auch der Anreger dieser Jugendschrift, Voltaire, obwohl er selbst in seinen Geschäftspraktiken eine oft recht machiavellitische Skrupellosigkeit bewiesen hat. Ja, unter Machiavellis ärgsten Feinden waren die Jesuiten, die Meister des »Machiavellismus« und der durch den Zweck geheiligten Mittel! Überhaupt ist es recht wunderlich, welche buntgemischte Gesellschaft die Verehrer und Feinde des Florentiners bilden. Neben leidenschaftlichen Patrioten wie Alfieri und Fichte finden sich Theoretiker des Immoralismus wie Beyle-Stendhal und Nietzsche, und während in Deutschland die Auffassung Friedrichs des Großen noch lange nachwirkte, wurde Machiavelli von dem Geschlecht Cavours und des Risorgimento als Vorkämpfer für die Einheit Italiens geradezu zum Nationalheiligen gemacht. Nur ganz allmählich hat sich mit der Entfernung von den Zeitverhältnissen, dem sich erweiternden Gesichtskreis und der sich mehrenden Kenntnis aller Umstände eine Auffassung durchgesetzt, die vom Hosianna wie vom Crucifige gleich weit entfernt ist. Ja, das Fortschreiten von oberflächlichen und einseitigen Ansichten zu gründlicherer Prüfung und sachlichen Urteilen ist »sehr auffallend« (Mohl). Wir können also heute das Problem Machiavelli zu lösen versuchen.

2.

Die Gegensätze zwischen seinen beiden wichtigsten Schriften zwingen uns, auf Machiavellis Leben kurz einzugehen. Wie der »Lebenslauf« zeigt, kam der Jüngling noch unter der kunstfrohen und glänzenden Herrschaft Lorenzos des Prächtigen in die Lehre eines Staatsmannes und Altertumsfreundes, Marcello Adriani. Mit neunundzwanzig Jahren wurde er Staatssekretär des Florentiner Kriegs- und Außenministeriums, nachdem die Medici vertrieben waren und Florenz sich unter dem Einfluß des Reformators Savonarola in einen rauhen, religiös gerichteten Freistaat verwandelt hatte. Fünfzehn Jahre lang sehen wir Machiavelli nun, wenn auch nicht in den höchsten Würden, so doch in wichtigen Staatsgeschäften rastlos tätig, als Kommissar bei der Belagerung Pisas und als Hauptleiter bei seiner Eroberung, dem großen Ziel der damaligen Republik, als Schöpfer des ersten modernen Volksheeres, als Gesandten in über zwanzig Sendungen, teils einem Vornehmeren beigesellt, meist aber allein und mit folgenschweren Verhandlungen betraut, viermal in Frankreich, zweimal in Deutschland und mehrfach in Rom, also bei den Lenkern der großen Politik seiner Zeit, und – entscheidend für seine Anschauung, aber auch für seinen Nachruf – bei dem furchtbaren Papstsohn Cäsar Borgia[1], insbesondere während der berüchtigten Mordtat von Sinigaglia[2], über die wir von ihm einen eiskalten Bericht besitzen. Dieser langjährigen, praktischen Erfahrung des Staatsmannes dankt unser Buch die Fülle zeitgenössischer Geschichtsbeispiele, die in seine Geschichte eingeflochten sind; ja, es dankt ihr überhaupt den politischen Weitblick.

Der Sturz der Republik und die Rückkehr der Medici schleudert ihn mitten in den rüstigsten Mannesjahren ins Nichts. Umsonst bietet er den neuen Machthabern seine Dienste an; sie mißtrauen dem Staatssekretär der Republik. Als eine Verschwörung ausbricht, wird er verdächtigt, eingekerkert, gefoltert, aber als unschuldig freigelassen und zieht sich nun in drückendster Armut auf sein vom Vater ererbtes Landgütchen zurück. In dem bekannten Brief an Vettori vom 10. Dezember 1513 schildert er selbst sein Dasein.

»Mit der Sonne erhebe ich mich und gehe nach einem Gehölz, das ich umschlagen lasse. Um Geld zu gewinnen. Hier bleibe ich zwei Stunden, um die Arbeit des vorigen Tages in Augenschein zu nehmen und die Zeit mit den Holzhackern hinzubringen. Dann gehe ich nach einer Quelle und von da nach einer Vogelhütte, die mir gehört, mit einem Buch unterm Arm, Dante, Petrarca, oder auch einem kleineren Dichter, Tibull oder Ovid oder dergleichen. Da lese ich von ihren verliebten Leidenschaften, erinnere mich der meinen und ergötze mich eine Weile an solchem Sinnen. Dann gehe ich nach einer Schenke an der Landstraße, rede mit den Vorbeigehenden, frage nach ihren Neuigkeiten, erfahre mancherlei und beobachte die mannigfachen Neigungen und Grillen der Menschen. Indes kommt die Essensstunde heran, wo ich mit den Meinigen solche Speisen genieße, wie sie mein armes Landgut und geringes Erbe mit sich bringt. Nach Tisch gehe ich wieder in die Schenke; da treffe ich in der Regel den Wirt, einen Fleischer, einen Müller und zwei Ziegelbrenner. Mit diesen verspiele ich dann den ganzen Tag mit Cricca oder Tricktrack, wobei es tausend Händel gibt und tausend Schimpfereien, meist um einen Quattrino, und schreien hört man uns bis nach San Casciano. In dies gemeine Leben versenkt, schleppe ich mein schimmelndes Gehirn hin und lasse meinem widrigen Schicksal freien Lauf. Ich füge mich darein, so von ihm mit Füßen getreten zu werden. Ich will doch sehen, ob es sich nicht endlich darüber schämt. Des Abends kehre ich heim, werfe auf der Schwelle meinen schmutzigen Bauernkittel ab und lege königliche Gewänder an, wie sie sich bei Hofe ziemen. So würdig angetan, besuche ich die Hofhaltungen der Alten, werde freundlich von ihnen empfangen und nähre mich von solcher Speise, die mir allein gehört und für die ich geboren ward ... Vier Stunden lang empfinde ich nicht den geringsten Verdruß, vergesse allen Kummer, alle Furcht vor Mangel; ja selbst der Tod schreckt mich nicht. Ich versenke mich ganz in sie, und was ich in ihrer Unterhaltung gewonnen habe, habe ich in ein Werkchen de principatibus Der »Fürst« hineingearbeitet ... Einem Fürsten, besonders einem neuen, dürfte es sehr willkommen sein, deshalb will ich es Seiner Erlaucht, Herrn Giuliano, widmen ... Giuliano Medici, der ältere Bruder von Papst Leo X. Hernach hätte ich den Wunsch, daß die Herren Medici mir zu tun geben, sollte ich anfangs auch Steine wälzen, denn ich müßte mir selbst leid tun, wenn ich sie nicht mit der Zeit gewinnen sollte. Wenn man's läse, würde sich zeigen, daß ich die fünfzehn Jahre meines Staatsdienstes nicht verschlafen noch verspielt habe ... An meiner Treue braucht niemand zu zweifeln; denn wer 43 Jahre treu und redlich war, wie ich, von dem könnte man doch annehmen, daß er seine Natur nicht ändert.«

Diese und andere Notschreie an den Florentiner Gesandten am Hofe des Mediceerpapstes bleiben zunächst ungehört. Aber Machiavelli läßt nicht nach. Spätestens nach Giulianos Tode (1516) widmet er den »Fürsten« dem Lorenzo, der sich damals einen Staat in Norditalien schaffen will. Wenn dieser »von seiner Höhe herabblicken« wolle, heißt es in der ›Zueignung›, so werde er erkennen, »wie sehr zu Unrecht ich ein großes und andauerndes Mißgeschick ertragen muß«. Das ist deutlich gesprochen, aber es ist auch wahr. Er steht in vollster Manneskraft, ist unbeschäftigt, verarmt und im Vollgefühl seiner Fähigkeit. Sein Traktat ist ehrlich gemeint, denn seit Leo X. auf dem Papstthron sitzt, scheint ihm das Schicksal von Florenz und ganz Italien mit dessen Hause verknüpft, und nur von einem aufgeklärten Despoten erhofft er, selbst um den Verlust der heimischen Freiheit, für die er bis zuletzt gekämpft hat, die Rettung Italiens aus dem Elend politischer Zersplitterung, Fremdherrschaft und Sittenverderbnis. An Stelle des Kleinstaatideals der Stadtrepublik tritt das Großstaatideal des einigen Italien. Aber es ist nicht groß von ihm, daß er von seinen Ratschlägen selbst den entsprechenden Vorteil haben will. Er hat sie nur aus Not erteilt, aus der Not Italiens und aus der eigenen. Er wird zwar nie schmutzige Geldgeschäfte machen, wie sein Kritiker Voltaire; seine Armut ist, wie er in jenem Brief selbst betont, »der beste Beweis für seine Redlichkeit«. Aber er ist trotz aller idealen Absichten doch keineswegs ein selbstloser Patriot. Er erniedrigt sich zwar nie zu platten Schmeicheleien vor den neuen Machthabern, aber er buhlt doch um ihre Gunst und findet zu seiner Beschämung trotz jahrelangen Liebeswerbens taube Ohren. Erst allmählich erhält er einige kümmerliche Aufträge, die im Vergleich zu seiner Begabung und früheren Stellung lächerlich sind, wie die Besorgung eines Predigers für die Wollweberzunft oder die Sendung an die Franziskaner in Carpi. Er, der von sich bekennt, »daß er nicht von Seiden- und Wollweberei, noch von Gewinn und Verlust zu reden wisse, sondern allein vom Staate«, muß sich mit ein paar Sendungen in Handelssachen begnügen. Der spätere literarische Auftrag des Kardinals von Medici, die Geschichte von Florenz zu schreiben, war gewiß ehrenvoll und seiner würdig, sicherte ihm auch einen bescheidenen Jahressold, brachte ihn aber seinem Ehrgeiz nicht näher und war auch wieder mit einem Gesinnungsopfer verbunden, denn er konnte diese Geschichte, die seit fast hundert Jahren im Zeichen der Medici stand, unmöglich so unbefangen schreiben, wie er es nach seiner Gesinnung hätte tun müssen. Auch die zwei Gutachten über die Verfassung von Florenz, worin er ein Kompromiß zwischen demokratischen und monarchischen Einrichtungen suchte, hatten weder für den Staat noch für ihn eine unmittelbare praktische Wirkung. Erst an seinem Lebensabend kommt sein Name wieder in den Wahlbeutel für öffentliche Ämter, und nun spielt er unter dem neuen Mediceerpapst Clemens VII., seinem alten Gönner, noch ein kurzes Intermezzo als Staats- und Kriegsmann, bis des Papstes schwache und tückische Greisenpolitik Italien aufs neue in den Abgrund fremder Invasionen stürzt. Noch einmal flammt in Florenz die alte Freiheitsliebe auf; die Medici werden ein letztes Mal verjagt, und Machiavellis Laufbahn findet wiederum ein jähes Ende. Den Verräter an der Volkssache will die neue Regierung nicht beschäftigen, so wenig wie früher die Medici den Republikaner, und so stirbt er, aus allen Himmeln seines Ehrgeizes und seiner politischen Träume gestürzt, mitten im drohenden Untergang seiner Vaterstadt und Italiens, gehaßt und verbittert, in tiefster Armut.

Und doch: gerade sein Unglück, der jähe Sturz von 1512, kam dem politischen Schriftsteller und damit der ganzen gebildeten Welt zugute. Schon früh hatte sich Machiavelli mit Schriftstellern im Kleinen befaßt, mit Berichten, Denkschriften und geschichtlichen Abrissen, ja, er hatte zu seiner Zerstreuung zwei Lustspiele geschrieben. Aber das alles wäre im Drang der Staatsgeschäfte doch nicht über die ersten Ansätze hinaus gediehen, hätte ihn sein hartes Schicksal nicht zum freien Schriftsteller gemacht und den Staatslehrer in ihm entwickelt.

»Versagt ist's ihm, auf anderen Gebieten Die ihm verlieh'nen Gaben zu erproben, Weil seinem Streben Anerkennung fehlt,«

heißt es im »Prolog« zur »Mandragola«. In dem Bedürfnis, wenigstens theoretisch in Staatssachen weiterzuarbeiten und dadurch zu wirken, daneben auch, sich bei den Medici beliebt zu machen, schrieb er nun seinen »Fürsten« und später als biographisches Gegenstück dazu das »Leben des Castruccio Castracani«, sowie seine »Kriegskunst«, in der er fast als einziger seiner Zeit mit zwingender Logik die Notwendigkeit von Volksheeren anstatt der damals üblichen Söldnerhorden nachwies. Zugleich entstanden seine »Florentiner Geschichte«, seine Lustspiele »Mandragola« und »Clizia«, bis auf die Mönchsgestalt des Bruders Timoteo Anlehnungen an die antike Komödie, ein komisches Gedicht, der »Goldene Esel«, zwei Lehrgedichte vom Undank und Ehrgeiz, eine komische Erzählung »Belfagor« u. a. m., vor allem aber sein umfassendstes Werk, die Politischen Betrachtungen«. Diese und die »Kriegskunst« gingen aus den Vorträgen und Diskussionen hervor, die der gewiegte Staatsmann im Kreise der vornehmen jungen Gäste der Orti Oricellarii[3] veranstaltete, einer Art Akademie im ursprünglichen Sinne, wie die Lehrstätte Platos in Athen; und gleichzeitig waren diese Vorträge wohl Anlaß und Vorwand zur Unterstützung des Verarmten durch seine Zuhörer, deren zweien er diese »Betrachtungen« widmete.

Hier brauchte er keine Rücksicht auf einen Gewalthaber zu nehmen, seine Optik nicht auf einen Spezialfall einzustellen. Hier konnte er seine republikanischen Grundsätze frei aussprechen und alle Staatsformen und politischen Ereignisse, die in seinem Gesichtskreise lagen, erörtern. War im »Fürsten« der furchtbare Borgia sein Vorbild und Lorenzo der Mann seines Hoffens gewesen, so war hier der römische Freistaat, oder doch wenigstens der etruskische Städtebund das Ziel. Aber das Jahrhundert war für das Ziel nicht reif, wogegen der fürstliche Absolutismus, anfangs aus dem Ehrgeiz einiger Machthaber entsprungen, durch Machiavellis Schrift einen höheren politischen Sinn bekam. Er ist sich der Tragweite dieser Schrift wohl selbst nicht bewußt gewesen, aber die Richtung der Gesamtentwicklung Europas, die auf eine Abrechnung mit dem Mittelalter hindrängte, ist doch in ihr zum ersten Male deutlich ins Bewußtsein getreten und in Worte gefaßt worden. Blieb auch ihre Wirkung auf Italien, für das sie berechnet war, aus, so war sie doch der Ausspruch einer Übergangszeit über sich selbst und über die Verhältnisse, die sich unmittelbar aus dem Untergang des mittelalterlichen Staatswesens entwickeln mußten. So wurde sie zum Katechismus für die kommenden Geschlechter, zum Brevier des Absolutismus und damit bestimmend für den Gang der Entwicklung selbst. Karl V. kannte den »Fürsten« fast auswendig; der gewaltige Papst Sixtus V. machte sich einen eigenhändigen Auszug davon; Katharina von Medici, die Tochter des Mannes, dem er gewidmet war, beherzigte ihn in Frankreich als Gattin Heinrichs II.; in Heinrichs II. Tasche wurde er gefunden, als er ermordet ward; das gleiche wird von Heinrich IV. behauptet, als ihn die Kugel Franz Ravaillacs traf. Der fürstliche Absolutismus führte Frankreich schließlich aus den Wirren der Religionskriege und der Fronde zum machtvollen Einheitsstaat, und ebenso hob der Absolutismus des großen Kurfürsten und der ersten preußischen Könige Brandenburg-Preußen aus dem Jammer des Dreißigjährigen Krieges zu neuer innerer Erstarkung und äußerer Machtstellung empor. Noch Napoleon I. hat einen eigenhändigen Kommentar zum »Fürsten« verfaßt. Das Buch hat also eine welthistorische Mission erfüllt, trotz aller Anfeindungen, trotzdem es sogar auf den Index der verbotenen Bücher kam. Dieselbe päpstliche Offizin, die Machiavellis Werke gedruckt hatte, veröffentlichte 1557, in der Zeit der Gegenreformation, den Index der verbotenen Bücher[4], in dem unter den ersten Büchern »Der Fürstenspiegel« und die »Politischen Betrachtungen« standen. Das Konzil von Trient bestätigte 1564 dies Verbot. In diesem Sinne gehört also Machiavelli zu den ersten Zerstörern der mittelalterlichen Staatsform.

Seiner weit vorausschauenden »Kriegskunst« war ein gleiches Los nicht beschieden. Die Aufstellung straff disziplinierter Volksheere, wie er sie selbst betrieben hatte, gedieh damals über die ersten Ansätze nicht hinaus. Er sagt zwar: »Welcher Staat das zuerst tut, wird so viel erreichen wie Philipp von Mazedonien, als er die Manneszucht bei Epaminondas gelernt. Dieser Staat wird Herr der anderen sein und ganz Italien beherrschen.« Aber seine Mahnungen fanden nur taube Ohren. Erst Frankreich und Brandenburg-Preußen traten in seine Fußstapfen, und zwar völlig ohne Kenntnis seiner Lehren, rein aus politischer Notwendigkeit. Friedrich Wilhelm I. von Preußen sah in der Gottesfurcht einen Kitt der Heere, genau wie Machiavelli, und wie dieser gelehrt hatte, war Friedrich der Große sein eigener Feldherr; aber Friedrich Wilhelm verschmähte alle Lehren der Schriftsteller, und sein Sohn haßte besonders die des Florentiners. Selbst die Französische Revolution, die das Volksheer erst vollkommen durchführte, nahm sich ihr Vorbild nicht an ihm, sondern an seinem eigenen Vorbild, der altrömischen Republik.

Vollends die »Politischen Betrachtungen«, in die das Thema der »Kriegskunst« vielfach hineinklingt, blieben eine akademische Lehre für junge Florentiner, denen sie höchstens die Köpfe zu einer mißglückten Revolution erhitzten, und für lateinisch schreibende Universitätsprofessoren, die daran ihre gelehrte Dialektik erprobten. Sie waren ja auch ihrer ganzen Anlage nach mehr ein Kompendium der Staatswissenschaft, als eine Lehre für einen bestimmten Fall. Denen, die dem Verfasser vorwarfen, er habe die Fürsten gelehrt, Tyrannen zu sein, entgegnete er ingrimmig, er habe auch die Völker gelehrt, wie sie die Tyrannen ausrotten sollten. Wie wahr dies ist, zeigt das Beispiel des Dezemvirs Appius (I, 40), wo Machiavelli dem Volk seine Fehler bei der Verteidigung der Freiheit, dem Appius die seinen beim Streben nach der Alleinherrschaft vorrechnet. Ebenso rät er den Fürsten, wie sie sich vor Verschwörungen zu hüten haben, aber er zeigt auch, wann und wie Verschwörungen gelingen können. Mit kalter Sachlichkeit erörtert er die verschiedensten politischen Lagen und Vorgänge, teils im geschichtlichen Rückblick, teils in ihrer allgemeinen Möglichkeit; denn wie er sagt: »Es ist gut, alles zu erörtern[1q].« Wie der Arzt mit dem Messer und mit Giften an Leichen und kranken Körpern, arbeitet hier der Politiker in seinem Laboratorium mit allen politischen Mitteln, völlig jenseits von Gut und Böse, zunächst der Wissenschaft halber, dann aber auch, um mit Hilfe der erworbenen Kenntnisse praktisch zu wirken. Soweit besteht also kein problematischer Gegensatz zwischen den »Betrachtungen« und einem herausgelösten Einzelfall wie der »Fürst«. Hatte doch Machiavelli in seinem Hauptwerk selbst betont, daß die Einrichtung oder Neuordnung eines Staatswesens, einerlei ob die Republik oder Monarchie, nur durch einen einzigen möglich ist, der sich diktatorische Gewalt zulegt und dem jedes Mittel zu seinem Zwecke, auch der politische Mord, erlaubt ist. Außerordentliche Verhältnisse, sagt er (I, 55), verlangen außerordentliche Mittel. Angesichts des verzweifelten Zustandes seines Vaterlandes war er nach Rankes Wort »kühn genug, ihm Gift zu verschreiben«. In der Praxis freilich kommt dieser wohlmeinende Despotismus der von Machiavelli gebrandmarkten Tyrannis sehr nahe, und damit beginnen die schwer entwirrbaren Widersprüche seiner politischen Lehre, nicht nur zwischen seinen beiden Werken, sondern in den »Diskursen« selbst. Schließlich ist es nur die gute Absicht, die seinen »idealen« Alleinherrscher von dem schlimmen Tyrannen unterscheidet (I, 19). Da sich eines Machthabers Herz jedoch schwer ergründen läßt und die Taten des einen wie des anderen jenseits von Gut und Böse stehen, wird der Herrscher sich in Wirklichkeit von einem Borgia wenig unterscheiden, und Machiavelli gesteht dann auch selbst, Brief an Vettori vom 31. 1. 1515. daß er als neuer Herrscher, »dessen Taten überall nachahmen würde«. Daß Güte und Menschlichkeit zur Lenkung der Menge besser seien als Grausamkeit, außer wenn das Volk den Herrscher mit Füßen tritt (III, 19), bleibt daher ebenso eine ideale »Forderung«, wie die, daß er sich Liebe erwerben solle (III, 22). Die schlimme Zeit verlangt eben schlimme Mittel, und die Hauptsache bleibt, daß überhaupt ein Monarch sich aufwirft und behauptet.

Ist darum aber das florentinische Freiheitsideal begraben? Keineswegs! Das ganze Buch handelt von nichts als von dem konstitutionellen Freistaat nach römischem Muster. Hier liegt ein neuer Widerspruch, anscheinend der tiefste, sowohl in der allgemeinen Richtung von Machiavellis Denken wie in den praktischen Zwecken. Er verfolgt gleichzeitig zwei entgegengesetzte Methoden, die sich in ihrer Wirkung praktisch aufheben. Die Lösung dieses Widerspruchs ist darin zu suchen, daß er sich die Verwirklichung seiner beiden Theorien in der Zeitfolge nacheinander dachte. Der »Fürst« ist das Werk der Gegenwart, die »Betrachtungen« über den Volksstaat im wesentlichen das der Zukunft. Für die Gegenwart ein diktatorisches Genie, das Italien aus seinem inneren und äußeren Verderben reißt, wie später Napoleon Frankreich aus dem Abgrund der Revolution emporriß; für die Zukunft die freie Verfassung, die die Errungenschaften dieses einzelnen festhält und ausbaut, wie die römische Republik das Werk des Romulus und der Königszeit fortsetzte, wie Lykurg und Moses ihre Verfassungen gaben und sie dann der Obhut vieler anvertrauten. Das Ideal wäre, daß solche Staatengründer oder Neuordner nach Vollendung ihres Werkes freiwillig abträten, wie wir es von Sulla wissen; da dies aber fast nie geschieht, bleibt nur der gefährliche Weg gewaltsamer Befreiung, wie in Rom durch den Sturz der Tarquinier. Die Kritik dieser Theorie wollen wir im dritten Abschnitt vornehmen; hier gilt es nur, die Einheit von Machiavellis Denken trotz des Gegensatzes seiner Theorien aufzuzeigen.

Sein persönliches Verhalten freilich kommt dabei schlechter weg. Seine Zeitgenossen haben ihm seinen Opportunismus vielfach grimmig verübelt. Er wurde nicht nur 1521 vom eifrigen Republikaner zum willfährigen Fürstendiener und suchte 1527, als Fürstendiener gekennzeichnet, umsonst wieder Anschluß an die Republikaner; er blieb auch in der ganzen Zwischenzeit ein Zwitterwesen von Fürstendiener und Republikaner und übte die von ihm empfohlene Kunst, sich den Zeitverhältnissen anzupassen, gleichgültig gegen Spott und Verachtung, die der spottsüchtige Menschenverächter zehnfach heimzahlte, aber auch unangefochten in seinem Gewissen. Darin war er vollkommen das Kind seiner skrupellosen Zeit und ein rechter Italiener. Aber wie alle Abgefeimtheit des sacro egoismo das damalige Italien nicht vom Verderben rettete, wie alle Virtuosität politischen Verbrechens das eine, was nottat, nicht herbeiführte, so hat auch er von seinem »Machiavellismus« wenig Segen, aber viele Enttäuschungen und Demütigungen gehabt, und all seine politische Weisheit konnte doch die rettende Tat nicht herbeiführen. Diese Gegensätze in seinem Verhalten spiegeln deutlich die heillose Verworrenheit der politischen Lage seines Landes. Auch Italien hatte umschichtig die beiden Wege eingeschlagen, die er selbst einschlug, und doch nicht die Kraft gehabt, einen bis zu Ende zu gehen. Es war seine und Italiens Tragödie.