Die Drachenflotte - Will Adams - E-Book

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Will Adams

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Beschreibung

Ein Paradies im Ozean. Ein Schatz von unfassbarem Wert. Ein Geheimnis, das Vergangenheit und Zukunft ändert. Vor der Küste Madagaskars taucht Unterwasser-Archäologe Daniel Knox nach einem Schatz. Das Schiff soll zur sagenumwobenen Flotte von Admiral Zheng He gehört haben. An Bord: unfassbare Reichtümer. Tatsächlich findet die Crew Münzen und chinesisches Porzellan. Doch kurz darauf erhält Knox eine besorgniserregende Nachricht: Emilia Kirkpatrick, seine engste Vertraute, ist im nahegelegenen Naturschutzgebiet Eden verschwunden. Auch von ihrem Vater fehlt jede Spur. Eine Entführung? Geheimsam mit Emilias Schwester begibt sich Knox auf die Suche. Beinahe zu spät erkennen sie, dass Eden mit seinen paradiesischen Korallenriffen und traumhaften Landschaften zahlreiche Gefahren birgt. Und ein wahrhaft tödliches Geheimnis ...

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Seitenzahl: 511

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Ähnliche


Will Adams

Die Drachenflotte

Thriller

 

 

Aus dem Englischen von Mechthild Sandberg-Ciletti

 

Über dieses Buch

Ein Paradies im Ozean. Ein Schatz von unfassbarem Wert. Ein Geheimnis, das Vergangenheit und Zukunft ändert.

 

Vor der Küste Madagaskars taucht Unterwasser-Archäologe Daniel Knox nach einem Schatz. Das Schiff soll zur sagenumwobenen Flotte von Admiral Zheng He gehört haben. An Bord: unfassbare Reichtümer. Tatsächlich findet die Crew Münzen und chinesisches Porzellan. Doch kurz darauf erhält Knox eine besorgniserregende Nachricht: Emilia Kirkpatrick, seine engste Vertraute, ist im nahegelegenen Naturschutzgebiet Eden verschwunden. Auch von ihrem Vater fehlt jede Spur. Eine Entführung? Geheimsam mit Emilias Schwester begibt sich Knox auf die Suche. Beinahe zu spät erkennen sie, dass Eden mit seinen paradiesischen Korallenriffen und traumhaften Landschaften zahlreiche Gefahren birgt. Und ein wahrhaft tödliches Geheimnis …

Impressum

Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel «The Eden Legacy» bei HarperCollins Publishers, London.

 

Redaktion Werner Irro

 

Rowohlt Digitalbuch, veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Juli 2012

Copyright © 2012 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

«The Eden Legacy» Copyright © 2010 by Will Adams

Umschlaggestaltung und Motiv HAUPTMANN & KOMPANIE Werbeagentur, Zürich

ISBN Buchausgabe 978-3-499-25851-0 (2. Auflage 2012)

ISBN Digitalbuch 978-3-644-46681-4

www.rowohlt-digitalbuch.de

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

 

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Hinweise des Verlags

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Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.

 

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www.rowohlt.de

Inhaltsübersicht

Widmung

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Epilog

[Nachspann]

Karte

Danksagung

FÜR MAX, OSCAR UND ROSE

Prolog

Straße von Mosambik,

1424

Mei Hua hielt sich zusammen mit dem Admiral in seinen Privaträumen auf, als das große Schiff auf das Riff lief. Zunächst war ein dumpfes Knirschen zu vernehmen, bei dem sie sich ein wenig beunruhigt ansahen. Aber draußen tobte ein Sturm, und man meinte immer wieder neue Geräusche an Bord zu hören, selbst nach drei Jahren noch. Dann wurde es wieder still. Lächelnd über ihre Nervosität sahen sie einander an und widmeten sich erneut ihren Beschäftigungen, sie sich der Zubereitung des Tees, er sich der Niederschrift der Anweisungen für die Emailleure, die seinen kostbaren Globus fertigstellen sollten. Er wollte ihn vollendet sehen, bevor sie die Heimat erreichten. Plötzlich folgte jedoch ein donnerndes Krachen, der Bug des Schiffes stieg in die Höhe, und der Schiffskörper kam mit einer so heftigen Erschütterung jäh zum Stehen, dass sie beide quer durch den Raum geschleudert wurden.

Es folgte ein Moment absoluter Stille, als wären das Schiff selbst und alle, die sich darauf befanden, in Fassungslosigkeit über das Geschehene erstarrt. Dann aber brach der Lärm los, Holzspanten ächzten wie sterbende Riesen, Menschen schrien, und ein ohrenbetäubendes Splittern erfüllte die Luft, als praktisch direkt über ihren Köpfen einer der Masten umstürzte und auf das Deck niederkrachte.

Panisch sah sich Mei Hua um. Das Teeservice aus Porzellan und die Öllampen waren zerbrochen, das vergossene Öl bildete auf dem Boden Pfützen aus blauen Flammen, die schon nach den durcheinandergewirbelten seidenen Laken und Wandbehängen züngelten. Mei Hua rappelte sich auf und versuchte, sie auszutreten, bevor sie weiter um sich greifen konnten, als die Tür aufflog und drei Leibwächter in die Kajüte stürmten, einer mit einer klaffenden Kopfwunde und blutüberströmtem Gesicht. Wie eine Truppe grotesker Tänzer trampelten sie auf den Flammen herum, um mit ihr zusammen das Feuer zu löschen. Dann halfen sie dem Admiral auf die Beine und rissen ihn mit sich fort. Nur er konnte angesichts dieser Katastrophe das Kommando übernehmen. Mei Hua blieb allein zurück.

An Bord galten klare, strenge Regeln. Selbst sie, die Favoritin des Admirals, durfte weder den Harem noch die Privaträume des Admirals jemals ohne Begleitung verlassen. Wäre sie bei einer Zuwiderhandlung von einem Mannschaftsmitglied gesehen worden, so wären sie beide unweigerlich dem Tod überantwortet worden. Niemand war hier, der sie hätte begleiten können, weder Eunuchen noch Wachen, sie musste jedoch unbedingt zu ihrem kleinen Sohn und sich vergewissern, dass ihm nichts zugestoßen war. Sie hangelte sich zur Tür und blickte vorsichtig hinaus. Der Gang war dunkel und leer. Da erschütterte von neuem ein so heftiges Beben das Schiff, dass sie das Ende gekommen glaubte. Als es gleich darauf ruhig war, stand für sie fest, dass die alten Regeln nicht mehr galten.

Mit einem Tuch vor dem Gesicht eilte sie zur Treppe, wo ihr zwei Offiziere begegneten, die in wilder Flucht nach oben rannten, um nicht im Bauch des sinkenden Schiffes eingeschlossen zu werden. Sie ließ sie vorbei und lief weiter nach unten. Das Schiff hatte leichte Schlagseite, und sie musste sich mit den Händen an der Wand abstützen, um auf den Füßen zu bleiben. Ein Mann humpelte ihr mit einem verletzten Bein und einem gebrochenen Arm entgegen. Hinter der zersplitterten Tür einer Kajüte schrie jemand laut um Hilfe. Sie rüttelte an der Tür, schaffte es aber nicht, sie zu öffnen. Ihr Kind konnte nicht warten, also riss sie sich schweren Herzens los.

Eine Treppe nach der anderen ging es hinunter, eingehüllt in den Qualm der Räucherstäbchen, die man abbrannte, um den Gestank eines Schiffes zu verschleiern, das zu lange auf See gewesen ist. Wasser umspülte ihre Füße und bedeckte einen Soldaten, der mit dem Gesicht nach unten reglos dalag, die Arme über dem Kopf ausgestreckt, als hätte er sich den Göttern zu Füßen geworfen, in deren Reich er eben eingegangen war. Sie zog ein Messer mit schmaler Klinge aus seinem Gürtel, bevor sie über ihn hinwegsprang. Das Wasser stieg höher, umströmte ihre Knie und dann ihre Oberschenkel. Weiter vorn flackerte Licht, sie hörte die Schreie der anderen Konkubinen. Als sie den Vorraum des Harems erreichte, sah sie Chung Hu, das fettleibige Ungeheuer, und zwei weitere Eunuchen die verschlossene Tür bewachen. In unbeugsamer Ausübung ihrer Pflicht verwehrten sie den Frauen und Kindern, die in dem Raum dahinter zu ertrinken drohten, die Flucht.

Als er sie bemerkte, brüllte Chung Hu wütend auf. Er hasste Frauen, als wärensieschuld daran, dass man ihn seiner Männlichkeit beraubt hatte, und rächte sich täglich mit zahllosen kleinen Grausamkeiten an ihnen. Sie machte kehrt und floh, verzweifelt gegen das Wasser kämpfend. Chung Hu setzte ihr nach und rief seinen Kumpanen zu, ihm zu folgen. Ein Stück weiter war das Wasser nicht mehr so tief, und das Vorwärtskommen wurde leichter, aber natürlich auch für Chung Hu. Als er sie an der Schulter packte, fuhr sie mit einem Ruck herum und stach zu. Die schmale Klinge des Messers glitt mühelos durch das weiche Gewebe seines Auges in die bösartige graue Masse dahinter. Mit einem Grunzen stürzte der Dicke kopfüber ins Wasser. Seine beiden Kumpane starrten sie beinahe ehrfürchtig an, als hätten sie Chung Hu für unverwundbar gehalten. Ein gewaltiger Wasserschwall erinnerte sie an die Gefahr, in der sie sich befanden. Panisch flüchteten sie an ihr vorbei zur Treppe, die Öllampen in den Händen.

Das Wasser reichte Mei Hua bis zu den Hüften, als sie sich endlich zu dem Vorraum zurückgekämpft hatte, wo sie die Konkubinen immer noch in ohnmächtiger Angst und Verzweiflung um Hilfe schreien hörte. Sie ertastete die beiden Holzschranken und hob sie aus ihrer Verankerung. Unter dem Druck des Wassers sprang die Tür auf, und weinend stürzten ihre Freundinnen mit ihren Kindern heraus. In der Dunkelheit rief sie verzweifelt nach ihrem Söhnchen. Li Wei streckte ihr den Kleinen entgegen, und Mei Hua schloss ihn dankbar in ihre Arme. Das Kind fest an die Brust gedrückt, schob sie sich mit den anderen zum Aufgang. Nur unter größten Anstrengungen gelang es ihr, gegen das einströmende Wasser die Treppen zu erklimmen. Das Deck war voller Menschen, Seeleute, Soldaten und sonstiger Passagiere, und mitten unter ihnen rannten panisch die aus ihren Verschlägen ausgebrochenen Tiere umher, Schweine, Hunde, Ochsen und Hühner.

Oben angekommen, liefen die Konkubinen in alle Richtungen auseinander, um das nackte Leben zu retten. Mei Hua hielt nach dem Admiral Ausschau. Bao Zhi war schließlich sein Sohn, auch wenn er nicht bereit war, ihn als solchen anzuerkennen. Eine halb geborstene Spiere schwang sausend von hoch oben herab, spießte einen alten Mann im Gewand eines Astronomen auf und schnellte ihn himmelwärts, seinen geliebten Sternen entgegen. Alte Männer schlugen sich wie die Teufel um die Rettungsboote. Sie flehte einen von ihnen an, ihr Kind mitzunehmen, aber alle dachten nur daran, die eigene Haut zu retten. Vergeblich bot sie den Schmuck des Admirals als Bezahlung an; was halfen Juwelen, wenn man zu ertrinken drohte? Ein Offizier riss ihr trotzdem das Rubinhalsband aus der Hand, stieß sie zu Boden und schwang seinen Knüppel nach ihr. Sie warf sich herum, und der Hieb traf sie auf den Rücken, bevor sie davonkroch, an der Brust ihr schreiendes Kind, das sie mit Streicheln und zärtlichen Worten zu trösten suchte.

Als ein gewaltiges Wetterleuchten den Himmel erhellte, konnte sie den Regen und die Gischt ausmachen, die sie noch gar nicht wahrgenommen hatte. Sie sah, dass sie fast im Bug des Schiffes war. So weit vorn war sie noch nie gewesen. Im Schein des nächsten Wetterleuchtens erhob sich über ihr die gewaltige drachenköpfige Galionsfigur mit den wie zum Flug ausgebreiteten Flügeln aus der Dunkelheit und trug Mei Hua auf ihrem Rücken hoch über die Welt hinaus. Was hatten sie nicht alles gesehen in den letzten vier Jahren! Alle Ecken der Welt hatten sie bereist. Doch was zählte das jetzt?

Eine schmerzliche Sehnsucht überfiel sie, wenigstens einmal noch ihre Mutter sehen und ihren Schwestern den kleinen Bao Zhi zeigen zu können. Wo sie ihnen doch schon so nahe war. Erst gestern hatte ihr der Admiral auf seinem Globus gezeigt, wie weit sie schon gereist waren und dass nur noch wenige Wochen sie von der Heimat und einem triumphalen Empfang trennten.

Ein neues, gewaltiges Beben durchlief das Schiff, noch ein Mast stürzte um. Überall an Bord schrien die Menschen in Todesangst. Schluchzend drückte Mei Hua den kleinen Bao Zhi an sich. Vor sechs Tagen hatte sie von einer Frau in Rot geträumt, die ihr mit ausgebreiteten Armen winkend über das Wasser entgegenschritt. Tian Fei, die Himmelskönigin, die gekommen war, um sie zu Hause willkommen zu heißen.

Aber nicht so.

Nicht so.

Kapitel 1

I

Ein Korallenriff vor der Westküste Madagaskars

Dreiundsechzig Meter unter Wasser verliert selbst blendendes Sonnenlicht seine Kraft, und die märchenhafte Farbenpracht des Riffs und seiner Fische verblasst zu einem stumpfen Grau. Jeder Versuch, Helligkeit zu schaffen, wäre hier unten vergeudet gewesen – die Natur verabscheute derartige Verschwendung beinahe ebenso sehr wie Leere. Helligkeit strahlte nur der weiße Sand ab, der einen großen Teil des Meeresgrunds bedeckte. Doch auch sie wurde von totem Seegras und abgestorbenen Korallen getrübt, von verstreut umherliegenden dunklen Steinen, Muscheln und rauen schwarzen Felsbrocken. Und nun auch noch von den Wolken grauen Sediments, die Daniel Knox und die anderen Taucher in den zwei Stunden ihrer Suche hier unten aufgewirbelt hatten.

Er spürte einen leichten Klaps auf seinem Arm und drehte sich um. Miles, sein Chef und Tauchgefährte, hatte aufgehört zu filmen und deutete nach oben. Knox brauchte einen Moment, um zu erkennen, was seine Aufmerksamkeit erregt hatte: ein großer Fisch, vielleicht zwanzig Meter entfernt, obwohl es unter Wasser schwierig war, Entfernungen genau zu schätzen. Der unverwechselbaren Silhouette und der unheimlichen Geschmeidigkeit seiner Bewegungen nach zu urteilen ein Hai, aber zu weit entfernt, als dass Knox mit Sicherheit hätte sagen können, was für einer. Bullenhaie, Tigerhaie, Makos, Weißspitzen-Hochseehaie und kleine Schwarzspitzen, ja selbst der große Weiße Hai kamen an der Westküste Madagaskars relativ häufig vor, insbesondere rund um diese Riffe, wo es reichlich Nahrung gab und das Wasser durch den fortwährenden Anprall gegen die Korallen stark mit Sauerstoff angereichert war. Aber nicht einer war so gefährlich, wie ihm nachgesagt wurde, solange man die Nerven behielt und sich nicht zu einer Kurzschlusshandlung hinreißen ließ. Genau aus diesem Grund warnten sie einander stets, wenn sie einen bemerkten, damit sich niemand in Panik zu einem überstürzten Aufstieg oder einem anderen Fehler verleiten ließ, falls ihnen eines der gefährlichen Tiere plötzlich nahe kommen sollte.

Mit einem Nicken gab er Miles zu verstehen, dass er den Hai gesehen hatte, und überprüfte seine Ausrüstung. Zuerst griff er an sein Tauchermesser. Es war beruhigend, es bei sich zu wissen, auch wenn es weniger zur Verteidigung gegen einen angreifenden Hai gedacht war als zum Durchschneiden des Wirrwarrs abgeworfener Netze, das in den Riffen so häufig das Durchkommen behinderte. Als Nächstes prüfte er seine Messgeräte. Der Sauerstoff-Partialdruck schien ihm eine Spur zu hoch, und da sein Ersatzgerät den gleichen Wert anzeigte, veränderte er die Zufuhr entsprechend. Hyperoxie war beim Tauchen mit einem Rebreather, einem Kreislaufatemgerät, eine Gefahr, der man leicht zum Opfer fallen konnte, wie er im letzten Jahr vor den Azoren am eigenen Leib erfahren hatte. Aber dieses geringe Risiko wurde mehr als wettgemacht durch die Fähigkeit des Geräts, die verbrauchte Atemluft von Kohlendioxid zu reinigen und frischen Sauerstoff zuzuführen, sodass man beinahe für unbegrenzte Zeit unter Wasser bleiben konnte.

Eine kalte Strömung traf ihn von der Seite. Er ließ sich von ihr erfassen, bevor er sich neu orientierte und seinen Erkundungsgang wieder aufnahm, nicht ohne sich vergewissert zu haben, dass Miles weiterfilmte. Sie sammelten Material für ihren Dokumentarfilm, zugleich ermöglichten die Bilder es der Projektcrew an Bord, ihnen zu folgen. Viel Interessantes hatte es allerdings bisher nicht zu filmen gegeben, obwohl der Wrackhügel so verheißungsvoll aussah, achtzig Meter lang, tief unter Sandmassen begraben, die mit schartigen Felsbrocken, abgestorbenen Korallen und verstreuten Artefakten übersät waren. Er lag am Fuß einer steilen Felsplattform, die sich jäh vom Meeresgrund erhob wie ein gigantisches Unterwasserpodium. Im Lauf der Jahrhunderte hatten Korallen sie in Besitz genommen, die bei Niedrigwasser bis kaum einen halben Meter unter den Wasserspiegel reichten. Der Fels stellte eine ernste Bedrohung dar für die Schiffe früherer Zeiten, die sich beim Navigieren auf ihre ungenauen Karten und groben Berechnungen, auf Gebete und Opfer an die Götter verlassen mussten.

Der Hai hatte einen Bogen geschlagen und glitt jetzt so nahe vorbei, dass Daniel das hässliche Blassgelb seines Bauchs erkennen konnte sowie die dunklen Flecken und Streifen an seinen blaugrauen Flanken. Ein Tigerhai, dreieinhalb bis vier Meter lang. Er wechselte einen Blick mit Miles. Die Tiere waren berüchtigt für ihre Unberechenbarkeit und bekannt dafür, dass sie gern aus reiner Neugier zubissen. Aber sie konnten nur ausharren. Haie griffen mit Vorliebe von unten an, jetzt den Tauchgang zu beenden und nach oben zu steigen, wäre weit gefährlicher gewesen, als in Position zu bleiben. Knox wandte sich wieder dem Meeresboden zu. Die zwei chinesischen Kanonen, von denen sie schon vor ihrer Ankunft gewusst hatten, waren bereits geborgen. Sie hatten außerdem eine Anzahl Münzen aus der frühen Ming-Zeit und Porzellanscherben aus dem 15. Jahrhundert gefunden sowie Teile täglicher Gebrauchsgegenstände, Eisengeräte und Nägel, die schwerer zuzuordnen waren, aber vermutlich alle von demselben Wrack stammten. Doch was war das für ein Wrack? Alles, was sie datieren konnten, deutete auf die chinesische Kultur des frühen 15. Jahrhunderts hin, und das machte es äußerst wahrscheinlich, dass das Schiff einst zu Zheng Hes weithin berühmter Flotte von Schatzschiffen gehört hatte, die etwa um jene Zeit diese Gewässer im Westen Madagaskars befahren hatte. Allerdings hatte die gewaltige Armada damals aus vielen verschiedenen Arten von Schiffen bestanden, größtenteils Dschunken und Versorgungsschiffen. Alles natürlich großartige Funde und historisch bedeutend, aber nicht das, wonach sie suchten.

Die nächste Strömung packte ihn und stieß ihn dem Tigerhai entgegen. Instinktiv suchte er Halt auf dem Meeresgrund, und seine Finger wirbelten den Sand auf, bevor sie etwas Stabiles zu fassen bekamen. Er hielt sich daran fest, bis die Strömung nachgelassen hatte, dann sah er genauer nach. Es war ein gebogenes Stück Metall, rötlich braun und schorfig, das zu ebenmäßig gerundet aus dem Meeresboden hervorragte, um natürlichen Ursprungs zu sein. Als er den Sand wegfegte, zeigte sich der obere Teil eines verrosteten Eisenrings von vielleicht dreißig Zentimetern Durchmesser. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass Miles filmte, winkte er Klaus und bedeutete ihm, eine Absaugpumpe zu bringen. Das dicke graue Rohr, eine Art Unterwasserstaubsauger, sog im Nu Sand und Sedimente auf, bis schließlich ein eiserner Ring am Ende einer langen Metallstange freigelegt war, dem kreisrunden Öhr einer riesigen Nähnadel ähnlich.

Das zweite Team traf mit einer zusätzlichen Pumpe ein, die parallel zu der anderen zu arbeiten begann. Die dicke Eisenstange wurde immer länger. Sie konnte nur zu einem Anker gehören. Knox’ Spannung wuchs. Wie man von der Schrittlänge eines Menschen ziemlich sicher auf seine Körpergröße schließen konnte, ließ sich die Größe eines Schiffes an gewissen Zubehörteilen abschätzen. Die chinesischen Schatzschiffe waren angeblich mit zweieinhalb Meter langen Ankern ausgerüstet gewesen, deren eiserne Ankerflunken sich an Felsen festhakten oder in den Sand gruben und so das Schiff in Position hielten. Knox musste sich zwingen, ruhig zu atmen, während sie fast zwei Meter eines Ankerschafts freilegten. Dann zweieinhalb Meter. Drei Meter, und noch kein Ende. Dreieinhalb. Endlich stießen sie auf die erste Flunke. Knox schaute sich nach Miles um, der unbeirrt weiterfilmte, wie es sich für einen Profi gehörte, aber triumphierend eine Faust in die Höhe stieß. Der Jubel der anderen ließ sich an den Verzerrungen der Gesichter hinter den Taucherbrillen ablesen. Denn jetzt gab es keinen Zweifel mehr. Sie hatten gefunden, was sie suchten.

Ein chinesisches Schatzschiff.

II

Landsitz Nergadse,

georgische Schwarzmeerküste

Boris Dekanosidse war erschüttert, als er Ilja Nergadse erblickte. Der mächtige Mann, den er vor zwei Jahren zuletzt gesehen hatte, war nur noch ein Schatten seiner selbst. Körperlich geschrumpft, bleich, der Kopf völlig kahl, lag er trotz der erstickenden Hitze im Zimmer unter dicken Decken in seinem Krankenbett. Mund und Nase bedeckte eine durchsichtige Atemmaske, Arme und Hals waren mit Schläuchen und Sonden gespickt, die an eine Reihe von Monitoren und andere technische Geräte oberhalb seines Betts angeschlossen waren, und auf einem Hochstuhl hinter seinem Haupt thronte, einem Schiedsrichter bei einem Tennismatch ähnlich, in gestärkter weißer Tracht ein irritierend androgyner Pfleger, der über ihn wachte.

Die Gerüchte trafen also zu: Der alte Ilja lag im Sterben.

Das vollautomatische Bett erlaubte Ilja, sich beinahe in eine sitzende Position aufzurichten, als Boris auf ihn zuging. Mit schwacher, zitternder Hand riss er sich die Atemmaske herunter. Sie hing ihm wie ein groteskes Medaillon am Hals, als er heiser sagte: «Freut mich, Sie zu sehen, Boris», und ein wenig den Kopf hob, um Boris zu gestatten, respektvoll seine Wangen zu küssen.

«Ja, ich freue mich auch, Sir», erwiderte er. «Wir haben uns viel zu lange nicht gesehen.»

«Ja», murmelte Ilja, während er, offenbar schon von diesem kurzen Moment erschöpft, den Kopf auf das Kissen zurücksinken ließ und die Atemmaske wieder hochzog.

Sandro Nergadse, Iljas Sohn und sein Erbe, der Boris zum Bett gefolgt war, räusperte sich, um die Aufmerksamkeit des Pflegers zu gewinnen. «Lassen Sie uns bitte einen Moment allein.»

«Fünf Minuten», sagte der Pfleger förmlich. «Ihr Vater braucht Ruhe.»

«Fünf Minuten», stimmte Sandro mit einem gezwungenen Lächeln zu. Er war höflich für einen Nergadse, aber das hieß nicht, dass er sich von Untergebenen gern Vorschriften machen ließ. Er stellte seinen Aktenkoffer auf den Nachttisch, dann begleitete er den Pfleger zur Tür und schloss sie mit Nachdruck hinter ihm, bevor er ans Bett seines Vaters zurückkehrte. Er postierte sich Boris gegenüber so, dass sein Vater ihr Gespräch mit den Augen verfolgen konnte, auch wenn er zu müde war, um selbst daran teilzunehmen.

«Also?», fragte Boris. «Was kann ich für Sie tun?»

Sandro kräuselte die Lippen, ehe er antwortete. «Sie wissen wahrscheinlich besser als jeder andere, dass sich unsere Familie nie über einen Mangel an Feinden beklagen konnte, Boris.»

Boris nickte. Er war Sandros Sicherheitschef gewesen, bevor trotzdem alles den Bach hinuntergegangen war. «Das ist wahr, Sir.»

«Seit unserem griechischen … Rückschlag ist alles noch schlimmer geworden.»

Griechischer Rückschlag, dachte Boris. So heißt das jetzt? Vor gut zwei Jahren, während Ilja Nergadses vom Pech verfolgter Bewerbung um die Präsidentschaft der Demokratischen Republik Georgien, hatte das Wahlkampfteam einen Tipp erhalten, dass der größte verlorene Schatz ihres Volkes, das Goldene Vlies, in Griechenland wiederentdeckt worden sei. Doch ihre Bemühungen, den Schatz ins Land zurückzuholen und damit Iljas sinkender Popularität neuen Auftrieb zu geben, endeten in einem spektakulären Fiasko, das in letzter Konsequenz zum Tod von Iljas Enkel Michail und zur Vernichtung des Geschäftsimperiums und aller politischen Ambitionen der Familie geführt hatte. «Ich verstehe.»

«Nicht nur sind unsere Feinde mehr geworden», fuhr Sandro fort, «sie sind auch dreister geworden. Sie fürchten uns nicht mehr wie früher. Wir haben die Sicherheitsmaßnahmen verschärft, wie Sie zweifellos bemerkt haben werden, und wir waren gezwungen, ein Programm zur aktiven Gefahrenüberwachung einzuführen.»

«Aktive Gefahrenüberwachung, Sir?»

Sandro wies mit einer Handbewegung zu den Verandatüren und dem herrlichen Blick, der sich über Baumwipfel hinweg auf das Schwarze Meer bot. «Es ist das verdammte Internet», sagte er. «Heutzutage ist es für unsere Feinde ein Kinderspiel, sich Informationen über uns zu beschaffen. Sie laden Satellitenaufnahmen unserer Immobilien und Ländereien herunter. Sie durchsuchen Berichte über öffentliche Veranstaltungen nach unseren Namen. Sie prüfen die Archive lokaler Zeitungen. Sie zerreißen sich den Mund darüber, welche Autos wir fahren, welche Flugzeuge und Yachten uns gehören. Und das alles sicher und bequem von zu Hause aus.» Er wandte sich wieder Boris zu. «Aber es geht auch andersherum, vor allem, wenn man die richtigen Leute anheuert.»

Boris nickte. Die Nergadses hatten nie gezögert, Geld für ihre Sicherheit auszugeben. «Was Sie zweifellos getan haben.»

«Wir haben verschiedene Websites und Chatrooms eingerichtet», berichtete Sandro, «und dort die Art von vertraulichen Informationen gestreut, nach denen sich unsere Feinde die Finger lecken. Einige davon sind sogar echt. Wir sorgen dafür, dass diese Plattformen schwer zu finden sind, sodass nur die engagierteren unserer … Fans sie entdecken. Wir überwachen sie und achten dabei vor allem auf Nutzer, die öfter darauf zugreifen. In den meisten Fällen entpuppen sie sich als Journalisten oder Geschäftskonkurrenten. Lästig, jedoch ungefährlich.»

«Aber nicht immer?», meinte Boris.

Sandro öffnete seinen Aktenkoffer und entnahm ihm ein einzelnes, gefaltetes Blatt Papier. «Einer der beharrlichsten Nutzer gehört zu einem britischen Bergungsunternehmen namens MGS», sagte er. «Relativ kleine Firma, nur fünfzehn Mitarbeiter. Bei Bedarf werden Subunternehmer beauftragt. Für den kommenden Herbst hat die Firma eine einmonatige Vermessung des östlichen Schwarzen Meers angesetzt.»

«Aha», sagte Boris mit einem Blick zu den Verandatüren.

«Hier habe ich einen Ausdruck ihrer Homepage mit dem üblichen ‹Wir über uns›.» Sandro reichte Boris das Blatt. «Kennen Sie da jemanden?»

Boris entfaltete das Blatt, acht kleine Fotos junger und etwas älterer Männer, vermutlich die Führungskräfte. Aber die Bilder waren so klein, dass er nicht viel erkennen konnte; auch die Namen und Positionsbezeichnungen sagten ihm nichts. «Tut mir leid», sagte er.

«Untere Reihe», hakte Sandro nach, «der Zweite von rechts.»

Boris sah sich das Bild noch einmal an. Ein Mann namens Matthew Richardson. Die Aufnahme war nicht nur klein, sie war obendrein unscharf, wie aus der Bewegung geschossen. Jetzt, während er sie genauer betrachtete, kam ihm der Mann tatsächlich bekannt vor, auch wenn er zunächst nicht sagen konnte, woran es lag. Doch dann ging ihm auf, wen Sandro und Ilja dahinter vermuteten, weil sie ihn sonst bestimmt nicht so eilig hierhergeholt hätten. Eine unangenehme Erinnerung ließ ihn zurückschrecken, und er schüttelte den Kopf.

«Daniel Knox ist tot», sagte er entschieden. «Er ist an Nierenversagen infolge der Verbrennungen gestorben, die er erlitten hat, als er und Michail …» Er sprach nicht weiter, er wollte den Gedanken nicht zu Ende führen.

«Das hat man gesagt», stimmte Sandro zu.

«Warum hätten die Leute lügen sollen?», fragte Boris. Aber er wusste es natürlich. Sie hatten gelogen, um Knox zu schützen, auf den Ilja Nergadse aus Rache für den Tod seines Enkels ein Kopfgeld von fünf Millionen Euro ausgesetzt hatte. Boris atmete einmal tief durch, bevor er das Foto von neuem betrachtete. Keine Frage, eine gewisse Ähnlichkeit war tatsächlich vorhanden. Der Mann auf dem Bild war kahl geschoren und trug einen dünnen Bart, aber das konnte ein Trick von Knox sein, um nicht erkannt zu werden. Doch der Mann hatte seiner Erinnerung nach auch höhere Wangenknochen als Knox, sein Nasenrücken war breiter, er sah dunkler, älter, zorniger aus, insgesamt gefährlicher. Er schüttelte erneut den Kopf, als er den Blick wieder Sandro zuwandte. «Das ist er nicht.»

«Sind Sie sicher?», fragte Sandro. «Sie sollten nicht vergessen, dass Sie vielleicht nicht der Einzige sind, der sich bei einem plastischen Chirurgen unters Messer begeben hat.»

«Wie können Sie dann von mir erwarten, dass ich ihn anhand dieses Bildchens da identifiziere?», protestierte Boris. «Ich müsste den Mann persönlich vor mir haben, sehen, wie er sich bewegt, hören, wie er spricht und wie –» Er brach ab, als ihm klar wurde, was er da sagte. «Keine Chance», erklärte er schroff. «Die Europäer haben meine biometrischen Daten. Sie haben meine DNS. Die würden mich gleich bei der Landung festnehmen. Und diesmal käme ich nicht wieder raus.»

«Beruhigen Sie sich», sagte Sandro. «Wir verlangen ja gar nicht, dass Sie nach Europa zurückkehren. Sie haben ganz recht, es war schwierig genug, Sie das letzte Mal herauszuholen.» Er legte eine kleine Pause ein, um Boris die Gelegenheit zu geben, sich daran zu erinnern, dass er immer noch in seinem elenden Loch in einem griechischen Gefängnis säße, wenn die Nergadses nicht für seine Befreiung gesorgt hätten. «Aber dieser Mann hält sich zurzeit nicht in England auf. Nicht einmal in Europa. Deshalb wollten wir Sie so dringend hier haben. Wir haben es selbst erst heute Morgen erfahren.»

«Und wo ist er?»

«Vor der Westküste von Madagaskar», antwortete Sandro, klappte seinen Aktenkoffer wieder auf und entnahm einen dicken weißen Umschlag, den er Boris reichte. «Im Rahmen eines Bergungsprojekts.»

Die Klappe des Umschlags war nur eingeschoben. Als Boris sie herauszog, schnitt er sich an dem steifen Papier in den Daumen, und der winzige Blutstropfen hinterließ mehrere verschmierte rote Flecke auf den Papieren, die er auf dem Nachttisch ausbreitete: zehntausend Euro in mehreren Bündeln, ein Stapel Zeitungsausschnitte über irgendein chinesisches Schiffswrack; ein Flugschein erster Klasse auf seinen neuen Namen für einen Flug über Istanbul und Johannesburg nach Antananarivo, der madagassischen Hauptstadt; ein weiteres Ticket für einen Flug in eine Provinzstadt namens Morombe, von der er noch nie gehört hatte. «Und was genau erwarten Sie von mir, wenn ich in diesem Nest bin?»

«Sie werden diesen Richardson ausfindig machen», erklärte Sandro. «Sie werden feststellen, ob er wirklich Daniel Knox ist.»

«Und wenn er es ist?»

Mit erkennbarem Unbehagen blickte Sandro zu Boden. Doch ein Geräusch zu Boris’ Linken schreckte ihn auf. Er hatte beinahe vergessen, dass Ilja anwesend war. Der alte Mann riss sich noch einmal die Maske herunter, um zu sprechen. Der Ausdruck seines Mundes und seiner Augen spiegelte grausame Entschlossenheit, auch wenn seine Stimme so schwach war, dass Boris sich zu ihm hinunterbeugen musste, um seine Worte zu verstehen.

«Töten Sie ihn», sagte er.

Kapitel 2

I

Der Tigerhai zeigte sich erneut, als Knox und die anderen aus dem Team in drei Meter Tiefe den Dekompressionsprozess abschlossen. Er umkreiste sie mehrmals mit beunruhigendem Interesse, aber dann traf das Schlauchboot ein, um sie aufzunehmen, und das Knattern und Quirlen des Außenbordmotors schien ihn abzuschrecken, denn er kehrte um und glitt davon.

Die Maritsa tuckerte ihnen gemächlich entgegen, als sie auftauchten. Gewöhnlich hielt sie reichlich Abstand von einer Wrackfundstelle, auch aus Respekt vor den nahen Riffen, doppelt gefährlich infolge der Riesenwellen, die an dieser Küste manchmal wie aus dem Nichts heranrollten, vor allem aber, um es Beobachtern zu erschweren, die Fundstelle im Geist zu markieren. Doch Artefakte von der Größe des Ankers ließen sich am leichtesten mit dem Heckkran bergen, und dafür musste er direkt über dem Fundfeld platziert werden.

Als Archäologe war Knox es gewohnt, sich reichlich Zeit zu nehmen, um Artefakte vor der Bergung in ihrem archäologischen Kontext zu untersuchen; aber das war hier nicht möglich. Sie hatten die Maritsa nur sechs Wochen zur Verfügung, und danach konnten sie diesen Fundort nicht, wie das an Land möglich gewesen wäre, bis zum nächsten Jahr mit einem Zaun absperren und von Wachpersonal sichern lassen. Jeder skrupellose Schatzsucher mit einer Taucherausrüstung, vielleicht sogar einem Industriebagger hätte freie Bahn. Deshalb mussten sie heraufholen, was möglich war, solange es möglich war.

Sie kletterten das Fallreep an Steuerbord hinauf, stiegen auf dem Achterdeck aus ihren Anzügen und spritzten sich mit Süßwasser ab. Im auffrischenden Wind flog krachend eine Tür auf, und aus dem Besprechungsraum trat Ricky Cheung, eine seiner übelriechenden Selbstgedrehten zwischen den Lippen. Er war der Leiter dieser Bergungsaktion, ein übergewichtiger Amerikaner mit chinesischen Wurzeln, Mitte fünfzig, der mit seinem ewig verschlafenen Blick stets aussah, als wäre er gerade erst wach geworden. Er blieb einen Augenblick stehen, um auf die zwei Leute zu warten, die ihm folgten – eine hellhaarige Frau mit übergroßer Sonnenbrille und einem Baseballcap und Rickys persönlicher Kameramann Maddow, den alle Maddow the Shadow nannten. Als er Knox bemerkte, winkte er ihm gut gelaunt zu und ging ihm mit seinen zwei Begleitern entgegen. «Der Held der Stunde», verkündete er aufgekratzt. «Tolle Arbeit da unten.»

«Danke», sagte Knox.

Ricky nickte und wandte sich der Frau zu. «Das ist der Mann, von dem ich Ihnen erzählt habe, Lucia», sagte er. «Matthew Richardson. Den aber aus irgendeinem Grund alle Danny nennen.» Er sah Knox fragend an. «Wie kommt das eigentlich?»

«Mein Vater hieß auch Matthew», erklärte Knox mit sorgfältig einstudierter Unbefangenheit. «Also haben sie mich Daniel genannt, um Verwechslungen vorzubeugen.» In Wahrheit war er in den ersten Monaten nach den Athener Ereignissen, nach dem Tod von seiner Verlobten Gaille, die von Michail Nergadse brutal ermordet worden war, so sehr mit sich und seiner Trauer beschäftigt gewesen, dass er oft gar nicht auf seinen neuen Namen reagiert hatte. Einmal hatte Miles – einer der wenigen, die seine Vergangenheit kannten – ihn in seiner Verzweiflung darüber im Büro bei seinem richtigen Namen gerufen und damit die neuen Kollegen zur naheliegenden Frage provoziert. Knox war gezwungen gewesen, aus dem Stegreif eine Erklärung zu liefern. Seine Kontaktmänner beim MI5 hatten bewundernswertes Verständnis gezeigt und seine neuen Personendaten mit dem Zweitnamen Daniel ergänzt. Seitdem war er Daniel, außer bei Geschäftsgesprächen und anderen formellen Anlässen.

«Muss irre spannend gewesen sein», sagte Ricky. «Ich meine, als ihr da unten auf den Anker gestoßen seid.»

«Ja», stimmte Knox zu.

«Die meisten Archäologen können ein Leben lang graben, ohne je so einen Fund zu machen.»

«Stimmt.»

Rickys Miene trübte sich flüchtig, als verdächtigte er Knox, sich über ihn lustig zu machen. Aber gleich strahlte er wieder. «Lucia ist zu uns gekommen, weil sie einen Artikel über mich schreiben möchte.»

«Eigentlich über die Bergung.» Sie nahm die Sonnenbrille ab, und auffallend blaue Augen kamen zum Vorschein. Sie war schätzungsweise Mitte vierzig, hatte ein hübsches, offenes Gesicht und den hellen, sommersprossigen Teint, der Schutz vor der madagassischen Sonne nötig hatte.

«Freut mich, Sie kennenzulernen», sagte Knox.

«Ich lasse Sie beide allein, wenn es Ihnen recht ist», sagte Ricky. «Unser Danny-Boy ist genau der Richtige, um Ihnen all Ihre Fragen über Geschichte und Archäologie zu beantworten.» Er nickte ihnen jovial zu, dann ging er zügig nach hinten zum Kran, wo gerade die Bergung des Ankers anlief, und gab Maddow the Shadow lauthals die völlig überflüssige Anweisung, diesen Moment für die Nachwelt festzuhalten.

«Na, der ist echt gut», bemerkte Lucia missfällig. «Der will Ihnen doch die Schau stehlen.»

«Er hat dreißig Jahre auf diesen Moment hingearbeitet», erwiderte Knox. «Ich bin noch nicht mal eine Woche hier.»

«Ich habe noch nie einen Mann erlebt, der so viel von sich selbst redet», sagte sie. «Immer nur ich, ich, ich.»

Knox beschränkte sich auf ein höfliches Lächeln, zu klug, um einer Journalistin billig Material über interne Unstimmigkeiten zu liefern. «Sie haben ein paar Fragen an mich?»

«Ja.» Sie bedachte ihn mit einem sonnigen Lächeln, mit dem sie wohl seine Sympathie gewinnen wollte. «Ich bin eigentlich Reiseautorin. Damit finanziere ich meine Urlaubsreisen. Wenn ich für einen Monat oder so mit einem bestimmten Ziel losziehe, nehme ich immer einen Haufen Ideen für mögliche Dokumentationen und Reportagen mit, aber ich weiß nie genau, aus welchen davon wirklich etwas wird und aus welchen nicht.»

«Ah ja.»

«Eigentlich wollte ich heute zum Eden-Naturschutzpark hinunter.»

«Zu den Kirkpatricks?»

«Sie kennen sie?»

Knox antwortete mit einem nichtssagenden Schulterzucken. «Sie sind hier an der Küste ziemlich bekannt.»

«Sie wollten mir eine Nachricht hinterlassen, um welche Zeit mein Besuch ihnen am besten passt. Aber bei mir im Hotel ist nichts angekommen. Da habe ich es für das Gescheiteste gehalten, mir auf jeden Fall noch eine andere Story zu sichern. Der Hotelportier meinte, ich solle doch mal hier herausfahren, und hat es dann netterweise gleich für mich arrangiert. Aber ich hatte natürlich keine Gelegenheit, mich in das Thema einzulesen, und Ihr Chef ist ja nicht zu bremsen, wenn er erst mal in Fahrt gekommen ist. Diese ganzen Geschichten über China und die Schatzflotten – ehrlich, die meiste Zeit hatte ich keine Ahnung, wovon er redet.»

Knox nickte. Ricky war bekannt dafür, dass er, statt Fragen zu beantworten, lieber Vorträge hielt. «Es geht Ihnen also um Hintergrundwissen?»

«Ja, genau.»

«Okay», sagte Knox. «Dann wollen wir mal einen kleinen Abstecher ins China des dreizehnten Jahrhunderts machen.»

II

Als Sandro Nergadse Boris zum Hof hinausbegleitete, zog er ihn zur Seite, außer Hörweite von Personal und Leibwächtern. «Eine Frage noch», sagte er.

«Ja?»

«Was halten Sie von Davit Kipshidse?»

Boris wurde rot vor Wut. Davit war ein ehemaliger Rugby-lock, einer von diesen wuchtigen Zweite-Reihe-Stürmern, ein Mann fürs Grobe, den er ein paarmal eingesetzt hatte, weil der Riesenkerl einem allein durch seine Anwesenheit einen Haufen Ärger ersparen konnte. Aber als das griechische Unternehmen gescheitert war, war er umgefallen wie ein morscher Baum und hatte gar nicht mehr aufgehört zu quasseln. «Sie hätten ihn in Athen verrotten lassen sollen», sagte er verbittert.

«Damit er dann in einer öffentlichen Gerichtsverhandlung ausgepackt hätte?», fragte Sandro. «Außerdem gehört er zu uns. Sein Vater hat einige Male hervorragende Arbeit für uns geleistet; seine Schwester ist mit meinem Cousin verheiratet. Und bei vielen unserer Leute ist er beliebt. Sie behaupten, dass das, was in Athen passiert ist, nicht seine Schuld war. Ihrer Meinung nach hätte man ihn gar nicht erst für so eine Aufgabe einsetzen dürfen.»

Boris wehrte sich. Er selbst hatte Davit für diesen Auftrag ausgesucht, wie Sandro sehr wohl wusste. «Er hat vorher immer gut gespurt.»

«Natürlich», sagte Sandro scheinbar einsichtig. «Wahrscheinlich bekomme ich deshalb immer häufiger zu hören, dass wir ihm eine zweite Chance geben sollten.»

Boris erkannte, dass er zum zweiten Mal an diesem Tag zu spät gemerkt hatte, wie geschickt Sandro das Gespräch in die von ihm gewünschte Richtung zu lenken wusste. «Nein», erwiderte er heftig. «Ich nehme ihn nicht mit. Was passiert, wenn er am Flughafen erkannt wird? Er reitet mich garantiert mit rein.»

«Beruhigen Sie sich. Wir würden ihn in eine spätere Maschine setzen. Sie würden erst in Madagaskar wieder zusammentreffen.»

«Ich trau ihm nicht. Und ich werde ihm nicht trauen. Außerdem würde er es sowieso nicht tun. So ein Gutmensch wie er.»

«Vielleicht doch. Wenn er von Ihrem wahren Auftrag nichts weiß.» Sandro wies mit einer Kopfbewegung zum gepflasterten Hof hinaus, wo ein weißer Lieferwagen mit getönten Fenstern wartete. «Bisher weiß er lediglich, dass wir eventuell einen Auftrag für ihn haben. Wir könnten ihm doch sagen, dass Knox möglicherweise noch am Leben ist und er und Sie feststellen sollen, ob das zutrifft, um Knox, wenn dem so ist, zu einem Waffenstillstand zu überreden.»

«So blöd ist er auch wieder nicht.»

«Sie irren sich», widersprach Sandro. «Männer wie Davit nehmen von ihren Mitmenschen immer das Beste an. Deswegen mögen ihn ja die Leute. Außerdem wird er es glauben wollen. Es wäre für ihn eine Chance, sich nach Athen zu rehabilitieren.»

«Da braucht’s schon mehr», sagte Boris verächtlich.

«Und Ihnen wäre er nützlich. Er ist ja außer Ihnen der Einzige von unseren Leuten, der weiß, wie Knox aussieht. Er hat Bärenkräfte und kennt sich mit moderner Technik aus. Denken Sie nur an die Computerfirma, die er gründen wollte.»

«Und?»

«Meinem Vater liegt diese Angelegenheit sehr am Herzen, wie Sie gemerkt haben. Wir stellen Ihnen deshalb eigens ein satellitengestütztes Videophon zur Verfügung.»

«Soll das ein gottverdammter Witz sein?», fragte Boris aufgebracht. «Ich soll Knox live im Fernsehen umlegen? Und was ist, wenn diese Schweine in Tiflis zuschauen?»

«Halten Sie uns eigentlich für Idioten?», gab Sandro zurück. «Unsere Geräte sind alle mit unserer eigenen Verschlüsselungssoftware ausgestattet. Wir verwenden sie ständig bei heikleren Geschäften.»

Boris nickte. Die Nergadses hatten ihr Vermögen mit Waffen- und Heroinschmuggel gemacht. Wenn Sandro behauptete, ein Kommunikationsweg sei sicher, dann war er sicher. «Okay», sagte er brummig.

«Gut. Das wird es uns wesentlich erleichtern, mit Ihnen zu kommunizieren und die notwendige logistische Unterstützung bereitzustellen.»

«Logistische Unterstützung», prustete Boris abfällig. Der gute Sandro mit seinem Hang zur Wortkosmetik. Gemeint war, dass sie ihm eine Kanone besorgen mussten, wenn er in Madagaskar angekommen war, weil es im Moment völlig ausgeschlossen war, so etwas im Flugzeug mitzunehmen. «Und was wird unser Freund Davit wohl dazu sagen?»

«Ich habe nicht die Absicht, dieses Gespräch in seinem Beisein zu führen», antwortete Sandro. «Sie vielleicht?»

«Okay», sagte Boris wieder. «Aber umsonst mach ich das nicht. Nicht vor laufender Kamera, verdammt noch mal. Sie haben fünf Millionen Euro auf Knox’ Kopf ausgesetzt. Ich nehme an, das Angebot steht noch.»

«Nein, wir haben es zurückgezogen, als wir hörten, Knox sei tot.»

«Aber er ist nicht tot.»

«Wir zahlen Ihnen hunderttausend Euro für die Identifizierung», sagte Sandro. «Wenn er es ist, warten weitere vierhunderttausend, die mein Vater für die … für die Ausführung seiner Wünsche genehmigt hat.»

Boris nickte. Fünfhundert Riesen waren anständiges Geld, und es würden sich bestimmt Gelegenheiten für mehr bieten. Der Ruf und die Geschäfte der Nergadses hatten unter den Nachwirkungen des griechischen Fiaskos schwer gelitten, aber Ilja war immer noch steinreich, und er wollte offensichtlich seine Rache haben, bevor er abkratzte. Mit der Rache war es wie mit dem Champagner: Je mehr sie kostete, desto besser schmeckte sie.

«Was ist mit Davit?», fragte er. «Sie erwarten doch nicht, dass ich mit ihm teile?»

«Nein», antwortete Sandro. «Mit Davit treffe ich eine gesonderte Vereinbarung. Ihr Geld gehört Ihnen. Und seins gehört ihm. Einverstanden?»

«In Ordnung», sagte Boris. «Einverstanden.»

«Gut.» Sandro deutete noch einmal auf den Lieferwagen. «Dann wollen wir jetzt mal mit ihm reden.»

III

Lucia nahm einen Digitalrecorder aus ihrer Handtasche. «Sie haben doch nichts dagegen?», fragte sie.

«Aber nein», antwortete Knox.

Sie zeigte auf den Kran, der zu knirschen und zu ächzen begann, als er den Anker mit seinem ganzen Gewicht vom Meeresgrund anhob. «Vielleicht können wir irgendwohin gehen, wo es ruhiger ist?»

Er führte sie eine Gangway hinauf, an der Dekompressionskammer des Schiffes vorbei, und blieb an der Steuerbordreling stehen. Der Wind hatte aufgefrischt, die See wurde kabbelig. Doch das dynamische Positionier-System des Schiffes war bereits in Gang gesetzt und hielt es mit seinen GPS-Sensoren, Kreiselkompassen und Strahlrudern eindrucksvoll auf Position, was beim Einsatz eines Krans auf See unerlässlich war. Eine gewaltige Welle rauschte an ihnen vorbei und brach sich am Riff. Hinten in der Lagune konnte er die weißen Baumwollsegel mehrerer Fischerpirogen erkennen, die alle auf die Küste zuhielten. «Besser so?», fragte er.

«Perfekt», sagte Lucia. «Sie wollten mich ins China des dreizehnten Jahrhunderts entführen.»

«In die Zeit der mongolischen Khans, ja», sagte Knox. «Dschingis Khan war ein Eroberer. Er überrannte Russland und China und stürzte die Europäer in apokalyptische Ängste. Im wahrsten Sinn des Wortes: Die Christen hatten gefürchtet, er und seine Horden brächten die Erfüllung der Endzeitprophezeiung von Gog und Magog. Aber seine Nachfolger waren von anderem Schlag, vor allem sein Enkel Kublai.»

«‹In Xanadu schuf Kublai Khan ein prunkvolles Vergnügungsschloss›», zitierte Lucia.

«Genau der ist es», stimmte Knox zu. «Er sah sich alsHerrscher und weniger als Heerführer, und China war das Juwel in seiner Krone. Er errichtete auf den Trümmern von Peking eine neue Hauptstadt und berief seine chinesischen Untertanen in Schlüsselpositionen, um sie für sich zu gewinnen. Aber so richtig klappte das nicht. Die Han und die Mongolen achteten einander nicht, jeder betrachtete den anderen als minderwertig. Es waren ohnehin schwere Zeiten. Der Schwarze Tod wütete in China beinahe genauso heftig wie in Europa, es gab gewaltige Überschwemmungen, Inflation, Armut und Hungersnöte. Die Han und andere ethnische Gruppen erhoben sich. Die ersten Aufstände wurden niedergeworfen, aber jeder neue schwächte die Macht der Mongolen weiter, bis das Reich schließlich im Jahr 1368 zusammenbrach. Einer der Rebellenführer, ein Han namens Zhu Yuanzhang, riss den Drachenthron an sich und erklärte sich zum ersten Kaiser der Großen Ming.»

«Womit, nehme ich an, die Ming-Dynastie gegründet war?»

«Richtig. Zhu Yuanzhang blieb ungefähr dreißig Jahre an der Macht, aber mit seiner Nachfolge gab es Probleme. Sein ältester Sohn, der Kronprinz, starb vor ihm, sodass er sich entscheiden musste, ob er den fähigsten seiner überlebenden Söhne – einen Mann namens Zhu Di – zum Thronerben ernennen wollte, oder nicht doch lieber seinen Enkel Zhu Jianwen. Er entschied sich für seinen Enkel.»

«Und Zhu Di hat getobt.»

«Es kommt darauf an, wem man glaubt», sagte Knox. «Wir wissen, dass Zhu Jianwen extreme Angst vor Rivalen hatte. Nach der Thronbesteigung untersagte er Zhu Di sogar, seinem toten Vater die letzte Ehre zu erweisen – eine schlimme Demütigung –, und nahm seinen Anhängern Rang und Ämter, womit er ihn faktisch zwang, entweder aufzugeben oder gegen ihn in den Kampf zu ziehen. Zhu Di entschied sich für den Kampf. Scharmützel mit den kaiserlichen Truppen weiteten sich zu einem kleineren Bürgerkrieg aus. 1402 marschierte Zhu Di auf Nanjing, Chinas neue Hauptstadt, und sein Neffe floh. Daraufhin erklärte er sich zum Kaiser Yongle, Kaiser der immerwährenden Freude.»

Lucia lächelte. «Er war offensichtlich nicht besorgt, falsche Erwartungen zu wecken.»

«Na ja, alles in allem hat er seine Sache nicht schlecht gemacht. Er löschte den Namen seines Neffen aus den Geschichtsbüchern und beseitigte seine Berater und Anhänger; das war nicht unüblich. Er schlug die Mongolen und die Vietnamesen zurück, führte erfolgreiche Landreformen ein, ließ den Großen Kanal ausbauen und verlegte seine Hauptstadt zurück nach Peking. Und er gab den Bau einer großen Flotte in Auftrag.»

«Ah, die berühmte Schatzflotte.»

«Ein beispielloses Unterfangen. Die Han waren Konfuzianer, in ihrer Wahrnehmung hatte einzig China Bedeutung. Wer mit China zu tun haben wollte, musste nach China kommen. Aber Zhu Di dachte anders. Er wollte Macht demonstrieren, vielleicht wollte er alle in der Region davor warnen, sich mit ihm anzulegen. Immerhin gab es Gerüchte, dass sein Neffe noch am Leben sei, da konnte er Zweifel an der Rechtmäßigkeit seines Thronanspruchs am allerwenigsten gebrauchen. Wie dem auch sei, er beauftragte einen Mann namens Zheng He, eine große Flotte zu bauen und alle Regionen rund um das Chinesische Meer zu erkunden, um diplomatische Beziehungen und Handelsverbindungen zu knüpfen, Unruhen in Chinas Territorien in Übersee zu unterdrücken und dergleichen mehr.»

«Zheng He. War das nicht der Eunuch?»

«Ja. Er war der Sohn einer muslimischen Familie, die bei den Mongolen in Diensten stand. Noch als Kind geriet er in Gefangenschaft und wurde als Dreizehnjähriger kastriert. Das war damals keine Seltenheit. Aber er schaffte den Aufstieg und eroberte sich einen Platz als einer von Zhu Dis Favoriten.» Als Lucia eine Augenbraue hochzog, lachte Knox. «Nicht in dem Sinn», erklärte er. «Zhu Di mochte Frauen, bevorzugt Koreanerinnen. Genau aus diesem Grund vertraute er den Eunuchen. Er konnte sicher sein, dass sie nicht in seinem Harem wildern würden und keine eigenen dynastischen Ambitionen verfolgten.»

«Okay. Der Herr der immerwährenden Freude schickte also seinen Lieblingseunuchen auf große Fahrt. Und es wurde eine ganze Reihe von Fahrten daraus, nicht?»

«Sieben insgesamt, die letzte fand allerdings erst viel später statt. Sie war eher so eine Art Nachtrag. Größtenteils entsprachen die Routen dem, was man erwarten würde: Sumatra, Java und andere Hauptinseln des indonesischen Archipels. Vietnam, Thailand, Sri Lanka, die Malaiische Halbinsel, Indien. Gegenden, die den Chinesen recht gut bekannt waren. Die vierte Reise führte bis nach Arabien und Ost-Afrika, aber die weitaus interessanteste ist die sechste. Zheng He selbst kam gar nicht so weit, aber jeder seiner Vizeadmirale führte seine eigene Armada, und wir können nicht mit absoluter Gewissheit sagen, in welche Regionen diese Verbände vorstießen. Vor allem auch deshalb nicht, weil kurz nach dem Auslaufen der Schiffe in Peking ein großer Brand ausbrach, was der Kaiser als göttliche Warnung vor weiteren Reisen der Schatzflotte auslegte. Er ließ deshalb alle Aufzeichnungen über diese Reise vernichten.»

«Und der Anker da unten müsste von dieser sechsten Reise stammen?»

«Höchstwahrscheinlich», stimmte Knox zu. «Allerdings waren die chinesischen Schiffe damals hoffnungslos überfordert, wenn es galt, gegen den Wind zu kreuzen; sie mussten im Grunde genommen fahren, wohin der Wind sie trieb. Meistens ging das gut, weil die Passatwinde zwischen Afrika und China sehr zuverlässig sind. Aber wenn ein Schiff der chinesischen Flotte tatsächlich im falschen Moment vom Wind abgedrängt worden wäre, hätte es beinahe zwangsläufig hier oben ankommen müssen. Und diese Flottenverbände waren riesig. Allein an der ersten Reise sollen dreihundertsiebzig Schiffe beteiligt gewesen sein, mit mehr als achtundzwanzigtausend Menschen an Bord. Selbst wenn wir eine gewisse Übertreibung berücksichtigen, ist das ziemlich beeindruckend. Der Bedarf an Holz war so gewaltig, dass in China ganze Wälder abgeholzt wurden. Die meisten Schiffe waren Versorgungsschiffe, Truppentransporter und dergleichen. Hinzu kamen große Frachtschiffe, denn diese Expeditionen waren ja auch Handelsreisen, bei denen chinesische Seidenstoffe und Porzellanprodukte gegen hochbegehrte Waren wie Perlen, Elfenbein und exotische Hölzer getauscht wurden. Doch zu jedem Kontingent gehörte auch eine Anzahl sogenannter Schatzschiffe. Das waren praktisch schwimmende Paläste; oder, genauer gesagt, eher Botschaften, eigens dazu gedacht, fremde Mächte zu beeindrucken und ihnen gehörigen Respekt einzuflößen. Sie sollen mehr als vierhundert Fuß lang und hundertachtzig Fuß breit gewesen sein. Sie müssen sich das ungefähr so vorstellen, als würde man mit einem ganzen Fußballstadion in See stechen. Das war mehr als neunzig Jahre vor Kolumbus, und diese Ungetüme waren doppelt so breit, wie die Santa Maria lang war. Sie hatten neun Masten, der höchste soll mehr als hundert Meter hoch gewesen sein.»

«Hundert Meter?» Lucia verzog skeptisch das Gesicht. «Ist das überhaupt möglich?»

«Nach Ansicht vieler Historiker und Schiffsbauer nicht. Ihrer Meinung nach waren die Schatzschiffe eher Sechsmaster und höchstens zweihundert Fuß lang.» Er lachte und wies mit einer Kopfbewegung aufs Meer. «Genau deshalb ist das hier so spannend. Gewissheit werden wir erst bekommen, wenn –»

Lauter Jubel im Heck unterbrach ihn, und als er sich umdrehte, sah er den Anker den Wasserspiegel durchbrechen wie ein gewaltiger Wal, der zum Luftholen auftauchte. Das Wasser rann in Strömen an seinem Schaft herab, an dem Stahlkabel und den Hebegurten an beiden Enden, während er langsam höher stieg.

«Wow!» Lucia holte einen Fotoapparat aus ihrer Tasche.

«Wollen Sie näher ran?», fragte Knox. Als sie bejahte, führte er sie wieder nach unten, wo inzwischen alle weit zurückgetreten waren.

Kabel und Schlingen ächzten vernehmbar unter der Belastung, als der Kranarm sich zu drehen begann und den schwarzen, teilweise von Rost rötlich verfärbten Anker über das Deck schwenkte. Sobald er sich über den geöffneten Luken des Laderaums befand, hielt der Kranführer die Bewegung an und wartete einige Augenblicke, um den Anker zur Ruhe kommen zu lassen. Von allen Seiten traten Besatzungsmitglieder heran, um ihn mit ausgestreckten Armen am Schwingen zu hindern und dafür zu sorgen, dass er nicht gegen die Seiten schlug, als er in den Laderaum hinuntergelassen wurde, wo schon die Projektkonservatoren warteten.

«Das ist wirklich beeindruckend», sagte Lucia, die ein Foto nach dem anderen schoss. «Ich hatte mir nicht vorgestellt, dass es so –» Sie fuhr heftig zusammen, als es hinter ihr plötzlich laut knallte. Es hörte sich an, als hätte es einen Kurzschluss gegeben. Alle drehten sich um. Das Schiff krängte ein wenig nach Backbord, und der Anker begann von neuem zu schwingen, wie ein gigantisches Pendel, das von einem himmlischen Finger angestoßen wurde. Knox warf Miles einen raschen Blick zu und sah in seinem Gesicht die gleiche Besorgnis, die auch ihn ergriffen hatte.

Eines der Strahlruder ihres dynamischen Positionier-Systems hatte den Geist aufgegeben. Und das bedeutete, dass sie ein echtes Problem hatten.

Kapitel 3

I

Hauptsitz der Firma Kirkpatrick Films,

Covent Garden, London

Rebecca Kirkpatrick gab sich die größte Mühe, den Ausführungen Titch Osmonds, des Leiters ihrer Finanzabteilung, konzentriert zu folgen, aber mit Nicolas schnell hingekritzelter Notiz auf dem Schoß fiel es ihr schwer. Schon wieder sah sie verstohlen auf den Zettel.

Pierre Demullin (???) hat angerufen. Aus Madagaskar (!?!). Ruft später noch mal an.

All diese Ausrufe- und Fragezeichen machten sie kribbelig. Sie erhielt ständig Anrufe aus allen Teilen der Welt, und es war kein Geheimnis, dass ihre Mutter Madagassin gewesen war, das verriet schon ihr eigenes Aussehen, in dem sich polynesisches, afrikanisches und europäisches Erbe mischte. Was also an dieser Nachricht hatte all die Ausrufezeichen notwendig gemacht? Sie atmete mehrmals tief durch, um ruhig zu bleiben. So eine Sensation war ein Anruf von Pierre auch wieder nicht. In ihrer Kindheit war er ihr Nachbar gewesen und der beste Freund ihres Vaters; heute war er der Geliebte ihrer Schwester Emilia und der Vater von Emilias kleinem Sohn Michel. Allerdings hatte Rebecca ihn seit elf Jahren nicht mehr gesprochen, und sie konnte sich nicht recht vorstellen, was ihn veranlasst haben könnte, sie plötzlich anzurufen, praktisch aus heiterem Himmel.

«Du bist mit den Gedanken woanders», sagte Titch. «Wollen wir das später machen?»

Rebecca lächelte bemüht. Sie konnte ohnehin nichts tun, bevor Pierre zurückrief. «Nein, nein, ist schon gut», versicherte sie. «Wir waren gerade beim Cashflow der Firma.»

«Richtig.» Titch blätterte weiter in seinem Ordner. «Wir brauchen weitere siebenundsechzig, wenn wir über den Juli kommen wollen.»

«Siebenundsechzig?» Sie krauste die Nase. «Das ist alles?»

Er lachte verdrossen. «Siebenundsechzig sind kein Pappenstiel.»

«Können wir nicht etwas aufnehmen?» Wieder blickte sie zu dem Zettel auf ihrem Schoß hinunter. Es stimmte nicht ganz, dass sie sich nicht vorstellen konnte, warum Pierre sie anrufen sollte. Deshalb erschreckte die Nachricht sie ja so. Er wäre derjenige, der sich in einem Notfall bei ihr melden würde, wenn aus irgendeinem Grund weder Adam noch Emilia selbst telefonieren konnten.

«Ja, glaubst du denn, das habe ich nicht versucht?», fragte Titch in einem Ton, als hätte sie ihn persönlich beleidigt. «Kein Mensch leiht uns mehr was.»

«Warum nicht? Wir machen doch Gewinne.»

«Ja, auf dem Papier.» Er hob den Kopf und blickte ihr einen Moment in die Augen, bevor er, knallrot im Gesicht, hastig wieder wegschaute. Vor zwei Monaten hatte er bei einem Arbeitsessen unversehens ihre Hand genommen und ihr ewige Liebe erklärt. Sie hatte es damals dem Alkohol und der kürzlich erfolgten Trennung von seiner Frau zugeschrieben, aber in Momenten wie diesem fragte sie sich, ob nicht etwas Ernsteres dahintersteckte. Sie hoffte sehr, dass es nicht so war. Sie hatte Titch von Herzen gern und schätzte ihn sehr, aber mehr auch nicht. Er senkte den Kopf und blätterte zur nächsten Seite in seinem Ordner. «Aber wir können praktisch keine Sicherheiten bieten», fuhr er fort, «und haben immer wieder mit den üblichen Liquiditätsproblemen zu kämpfen. Beides zusammen wirkt auf die Banken natürlich wie ein fettes rotes Warnsignal.»

«Und was schlägst du vor?» Was für ein Notfall war vorstellbar, der beide, sowohl Adam als auch Emilia, am Telefonieren hindern würde?

«Na ja», sagte Titch, «wir haben grundsätzlich drei Möglichkeiten. Bitte versteh mich nicht falsch, ich spreche hier ausschließlich als Vertreter der Firma. Die erste wäre, die Außenstände bei unseren Schuldnern einzutreiben.»

«Damit meinst du mich, nehme ich an?»

Er drehte verlegen den Füller in seiner Hand. «In erster Linie, ja.»

«Wie viel ist es inzwischen?»

«Zweihundertachtzig und ein paar Zerquetschte. Und unsere Abmachung sieht ausdrücklich die Rückzahlung innerhalb von –»

«Und die zweite Möglichkeit?» Wenn Emilia etwas passiert wäre, hätte ihr Vater selbst angerufen. Wenn ihrem Vater etwas passiert wäre, hätte Emilia angerufen. Sie schloss einen Moment die Augen, nicht bereit, diesen Gedankengang weiterzuverfolgen.

«Wir haben in letzter Zeit sehr schnell expandiert. Wir haben neue Leute eingestellt. Aber die meisten unserer Projekte kosten weit mehr, als sie einbringen.»

«Du meinst, ich soll einen Teil der Leute feuern?»

«Du hast mich nach den Möglichkeiten gefragt. Das ist eine von ihnen.»

«Und die dritte?»

«Du hast hier ein feines kleines Unternehmen aufgebaut, Rebecca», sagte Titch. «Wir sind schon von mehreren Konzernen angesprochen worden. Sie würden Spitzenpreise bezahlen.»

«Nein», wehrte sie aufgebracht ab. «Das ist meine Firma.»

«Bitte, Rebecca. Denk wenigstens mal darüber nach. Du bist eine großartige Fernsehmoderatorin. Aber du bist keine Geschäftsfrau. Schau mal, du bist doch gar nicht so oft hier, du bist ständig unterwegs, um zu drehen. Und wenn du mal ehrlich bist, interessiert dich das Geschäftliche im Grunde gar nicht.»

«Ich habe aber keine Lust, mir von anderen Vorschriften machen zu lassen.»

«Niemand würde dir Vorschriften machen.» Titch lachte ein wenig bitter. «Das würde niemand wagen. Wenn du gehen würdest, wäre die Firma am Ende.»

Er schmeichelte ihr, sie wusste es, aber es wirkte. «Es muss doch eine Alternative geben», sagte sie. «Können wir es nicht einfach aussitzen, bis die Amerikaner einsteigen?»

«Es gibt keine Garantie dafür, dass die Amerikaner wirklich einsteigen», entgegnete Titch. «Und selbst wenn, wird es Wochen dauern, bis wir Gewissheit haben; und selbst dann können wir monatelang noch nicht mit Einnahmen rechnen. Inzwischen müssen wir aber Löhne und Miete zahlen, müssen unsere Lieferanten –»

Ein kurzes Klopfen an der Tür unterbrach ihn. Nicola streckte den Kopf herein. «Du hast gesagt, ich soll dir Bescheid geben, wenn dieser Franzose noch mal anruft», sagte sie.

Rebecca bekam einen trockenen Mund, und ihr Herz fing heftig zu klopfen an. «Pierre?»

«Er hängt in der Warteschleife, ja.»

«Okay. Stell ihn durch.»

«Sofort.»

«Können wir bitte einen Moment unterbrechen?», fragte sie Titch. «Ich muss kurz rangehen.»

«Natürlich.» Er stand auf. «Wir können das ja später klären.»

Sie nickte, holte tief Atem und wischte sich die Hände an ihrer Hose. Das Telefon auf ihrem Schreibtisch begann zu läuten.

II

Die Maritsa sackte in das nächste Wellental, und der Anker schlug über der offenen Luke aus wie eine Abrissbirne. Knox duckte sich und winkte die beiden Konservatoren im Laderaum eilig zurück. Schon wurden sie von einer neuen Welle erfasst. Die Maritsa begann heftiger zu stampfen, der Anker geriet immer stärker in Schwingung. Die Arme weit vorgestreckt, versuchte Klaus, ihn aufzuhalten, aber das eiserne Monster stieß ihn einfach rückwärts, bis er über einen Ladebaum stolperte und auf den Hintern fiel. Es war ein komischer Anblick, aber niemand lachte. Ein so schweres Gerät konnte unerhörten Schaden anrichten. Der Anker bewegte sich auf Lucia zu. Unschlüssig, wohin sie ausweichen sollte, zögerte sie endlos, bis Knox sie kurzerhand so grob wegstieß, dass es sie zu Boden schleuderte.

Der Kranführer wandte den Blick aufs Meer, offensichtlich mit der Überlegung, den Anker wieder ins Wasser hinunterzulassen. Aber das hätte das Taucherteam, das noch unten war, in größte Gefahr gebracht. Knox wartete, bis der Anker den nächsten Umkehrpunkt seiner Pendelbewegung erreichte, dann packte er zu und zog sich hoch. Wie ein Kind, das eine Spielplatzschaukel abbremst, begann er, mit seinem Körpergewicht gegen den Schwung zu arbeiten. Miles, der sofort begriff, was er tat, hievte sich ebenfalls hoch, und gemeinsam gelang es ihnen, den Anker so weit zu beruhigen, dass der Kranführer ihn gefahrlos durch die offene Luke abwärts führen konnte. In dem Moment, als der Lukenrand passiert wurde, sprangen sie ab, sodass die anderen die Luke schließen konnten. Dem Anker war damit der Raum zum Schwingen genommen, die Gefahr, dass er Schaden anrichten würde, war gebannt. Sie hörten ihn krachend auf dem Boden des Laderaums aufschlagen und kurz hin und her kippen, bis er seine Ruhelage gefunden hatte.

Als sie die Luke wieder öffneten, waren die Konservatoren schon dabei, den Anker aus den Schlingen zu lösen. Irgendwie hatte es auch Ricky schon nach unten geschafft und brüllte Maddow mit seiner Kamera die gewohnten Befehle zu. Knox schaute sich um. Niemand schien ernstlich verletzt zu sein, wenngleich Lucia, ein wenig blass im Gesicht, immer noch auf ihren vier Buchstaben auf dem Deck hockte.

«Tut mir leid», sagte Knox und half ihr auf.

«Wahnsinn!», sagte sie. «So ein Riesending. Der hätte mich plattgemacht.» Sie klopfte sich ab und sah ihn mit einem leicht ironischen Lächeln an. «Ich hoffe, Sie haben nicht vor, alles auf diese Art heraufzuholen.»

«Keine Sorge», versicherte er. «Das kam nur daher, dass im ungünstigsten Moment eines unserer Strahlruder ausgefallen ist. Wir haben Ersatz. Und es ist höchst unwahrscheinlich, dass wir noch ein Stück von dieser Größe finden.»

«Wenn Sie das sagen.»

Er blickte aufs Wasser hinaus, als er eine Bewegung wahrnahm: Gary am Steuer ihres Bayliner, der Dieter Holm zu seiner Präsentation brachte. Er beugte sich über die Seite, um das Motorboot zu beobachten, das wenig elegant durch die unruhige See pflügte und weit mehr Wasser fasste, als gut war.

«Wollten Sie heute Abend noch nach Morombe zurück?», fragte er.

«Oh-oh», sagte Lucia. «Das klingt nicht gut.»

«Das Wetter ist ziemlich übel», sagte er. «Wenn es sich nicht bald bessert …»

«Könnte ich denn hier irgendwo übernachten?»

«Natürlich. Aber wahrscheinlich wird es dazu gar nicht kommen.»

«Na, dann hoffe ich mal das Beste. Darf ich Ihnen noch eine Frage stellen?»

«Klar. Schießen Sie los.»

Mit einem fast entschuldigenden Lächeln sagte sie: «Ihr Chef hat mir da so ein Stück Familienfolklore von sich erzählt.»

«Aha.»

«Angeblich ist einer seiner Vorfahren auf einem riesigen Schiff von China aus nach Kalifornien gelangt. Er sagt, das sei vor mindestens fünfhundert, wenn nicht sogar sechshundert Jahren gewesen, also gut hundert Jahre, bevor der erste Europäer dort ankam.»

«Das ist durchaus plausibel», meinte Knox. «Nachdem die Spanier 1520 die Philippinen entdeckt hatten, entwickelte sich ein reger Warenaustausch zwischen Manila und Mexiko. Ganz sicher kamen damals einige Chinesen bis nach Amerika. Vielleicht war Rickys Vorfahr einer von ihnen.»

«Er behauptet etwas anderes.»

«Das weiß ich», sagte Knox. Ricky war überzeugt, dass seine Vorfahren lange vor Kolumbus und den Spaniern auf einem von Zheng Hes Schatzschiffen Amerika erreicht hatten; und folglich die Chinesen die wahren Entdecker und die ersten Siedler Amerikas waren.

«Und? Glauben Sie, er ist ein Spinner?»

«Man hat auch Schliemann für einen Spinner gehalten», erwiderte Knox. «Und er hat Troja entdeckt. Viele hielten Kolumbus seinerzeit für einen Spinner. Und er entdeckte die Neue Welt.»

«Und Sie würden Ihren Chef dieser Kategorie zuordnen?»

«Manchmal machen Menschen wichtige Entdeckungen, weil sie trotz des Spotts von allen Seiten an ihren unorthodoxen Überzeugungen festhalten. Die meisten hätten längst das Handtuch geworfen, aber Ricky hat sich nicht beirren lassen, und dafür bewundere ich ihn.»

Das war nicht gelogen. Vor dreißig Jahren hatte Ricky sich vorgenommen zu beweisen, dass die Familienüberlieferung auf Wahrheit beruhte, und an der ganzen Westküste der USA nach Zeugnissen dafür gesucht, dass hier im 15. Jahrhundert chinesische Schiffe gelandet waren. Als er am Ende mit leeren Händen dastand, begann er an der Ostküste zu suchen und arbeitete sich von da durch Mittel- und Südamerika nach Süden vor. Er beackerte sämtliche Strände, führte zahllose Gespräche mit den Leitern lokaler Museen und Hobbyhistorikern, und als kein Stück amerikanischer Küste mehr übrig war, wandte er sich zuerst den Inseln im Atlantischen und Pazifischen Ozean zu und schließlich Afrika. Insgesamt