Die dreizehnte Geschichte - Diane Setterfield - E-Book

Die dreizehnte Geschichte E-Book

Diane Setterfield

4,5
9,99 €

oder
Beschreibung

Sie gilt als Englands beliebteste Schriftstellerin, und doch weiß keiner, wer Vida Winter wirklich ist. Ihr ganzes Leben lang hat sie Stillschweigen darüber bewahrt, was damals, in jener Nacht vor rund sechzig Jahren, wirklich geschah, als der Familiensitz der Angelfields bis auf die Grundmauern niederbrannte. Nun, dem Tode nah, erleichtert Vida Winter erstmals ihr Gewissen und gesteht die schockierende Wahrheit über sich und ihre Zwillingsschwester.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 644




Das Buch

Die junge Buchhändlerin Margaret Lea lebt sehr zurückgezogen und liebt nichts mehr, als sich in alte Romane zu flüchten. Bis sie eines Tages einen Brief erhält von Englands bekanntester Autorin: Vida Winter. Die alte Dame hat ausgerechnet Margaret, die bisher keinen einzigen ihrer Bestseller gelesen hat, auserkoren, um ihr nun am Ende ihrer Tage die Wahrheit über ihre geheimnisumwobene Vergangenheit preiszugeben. Jahrzehntelang hat Vida Winter, die einstmals Adeline Angelfield genannt wurde, kein Wort darüber verloren, was in jener Nacht vor rund sechzig Jahren geschah, als der Familiensitz der Angelfields bei einer Feuersbrunst in Schutt und Asche gelegt wurde.

Vidas Geständnis führt weit zurück in die Vergangenheit. Sie erzählt von ihrem Großvater, mit dem der Niedergang der einst angesehenen Familie begonnen hat; von ihrer bildschönen Mutter, die jung dem Wahnsinn verfiel; und von ihrer gutmütigen, doch einfältigen Zwillingsschwester Emmeline. Sie buhlte damals um Emmelines Zuneigung und versuchte, die Welt, in der die beiden vollkommen zurückgezogen lebten, vor dem Untergang zu bewahren. Doch dann ging diese Welt in Flammen auf. Nur zögerlich eröffnet Vida ihrer Biografin Margaret, wer die Tote gewesen war, die in jener Feuersnacht ums Leben kam, welches Schicksal Emmeline erlitten hat, welches Adeline – und wer Vida Winter wirklich ist.

Die Autorin

Diane Setterfield, Anfang vierzig, ist promovierte Romanistin. Sie lebte viele Jahre in Frankreich und wohnt heute in Harrogate, Yorkshire, wo sie Französisch unterrichtet. Gegenwärtig schreibt sie an ihrem zweiten Roman.

Inhaltsverzeichnis

Über den AutorWidmungANFANG
Der BriefMargarets GeschichteDreizehn Geschichten Ankunft Begegnung mit Miss Winter Und so Fingen wir an Gärten Merrily und der Kinderwagen Dr. und Mrs. Maudsley Dickens’ Arbeitszimmer Die Almanache In den Archiven des Banbury Herald Ruine Der freundliche Riese Gräber
MITTE
Hester ist da Der Karteikasten mit den Lebensläufen Das Auge in der Eibe Fünf Töne Das Experiment Glauben Sie an Gespenster? Nach Hester Verschwunden Nach Charlie Nochmals Angelfield Mrs. Love wendet die Ferse Das Erbe Jane Eyre und der Feuerofen Zusammenbruch Der Silbergarten Das phonetische Alphabet Die Leiter Ewiges Zwielicht Versteinerte Tränen Unterwasser-Geheimschrift Haar Regen und Kuchen Wiedervereinigung Jeder hat eine Geschichte Dezembertage Schwestern Ein Tagebuch und ein Zug Die Vergangenheit muss weichen Hesters Tagebuch II
ENDE
Das Gespenst in der Geschichte Knochen Das Baby Feuer
ANFANG
Schnee Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag Die dreizehnte Geschichte Postscriptum
Danksagung Copyright

Im Gedenken anIvy Dora und Fred Harold Morris,Corina Ethel und Ambrose Charles Setterfield

»Alle Kinder mythologisieren ihre Geburt. Das ist nur allzu menschlich. Du willst jemanden wirklich kennen lernen? Mit Leib und Seele? Dann frag ihn, wann und wo er das Licht der Welt erblickt hat. Du wirst nicht die Wahrheit zu hören bekommen, sondern eine Geschichte. Und nichts ist so aufschlussreich wie eine Geschichte.«

Geschichten von Wandel und Verzweiflung von Vida Winter

ANFANG

Der Brief

Wir hatten November. Es war noch gar nicht so spät, als ich in die Laundress Passage einbog, und doch schon ziemlich dunkel. Vater hatte Feierabend gemacht, die Lichter im Geschäft ausgeknipst und die Klappläden geschlossen; nur die Lampe über der Treppe zur Wohnung hatte er angelassen, damit ich mich zurechtfinden konnte, wenn ich nach Hause kam. Durch die Scheibe in der Tür warf ihr heller Schimmer ein blasses Rechteck auf den nassen Bürgersteig, und in dem Moment, als ich, den Schlüssel im Schloss, in diesem Viereck stand, entdeckte ich den Brief. Dieses zweite weiße Karree befand sich unübersehbar auf der fünften Stufe von unten.

Ich zog die Tür hinter mir zu und legte den Ladenschlüssel an die gewohnte Stelle hinter Baileys Grundlagen der höheren Geometrie. Armer Bailey. Seit dreißig Jahren wurde seine graue Schwarte verschmäht. Manchmal fragte ich mich, was er von seiner Rolle als Ladenschlüsselhüter hielt. Wahrscheinlich hatte er sich für das Meisterwerk, an dem er zwanzig Jahre geschrieben hatte, ein anderes Schicksal erhofft.

Ein Brief. An mich. Das war schon für sich genommen ein Ereignis. Das an den Ecken steife und in der Mitte von seinem dick gefalteten Inhalt gewölbte Kuvert trug eine Handschrift, die dem Postboten einige Mühe bereitet haben musste. Trotz der überschwänglichen, altmodischen Schnörkel, besonders an den Großbuchstaben, erinnerte sie mich zunächst an die mühsamen Versuche eines Kindes. Die Buchstaben wirkten ungelenk. Ihre krakeligen Striche verloren sich entweder im Nichts oder gruben sich tief ins Papier. Dem Schriftzug, der meinen Namen ergab, fehlte der Fluss; vielmehr hatte sich der Schreiber zu jeder Letter MARGARET LEA einzeln aufgerafft. Doch ich kannte keine Kinder. In dem Moment kam mir der Gedanke, es könnte die Handschrift eines Invaliden sein.

Das war ein seltsames Gefühl. Gestern oder vorgestern hatte sich ganz im Stillen eine mir unbekannte Person – ein Fremder  – die Mühe gemacht, diesen Umschlag mit meinem Namen zu versehen, während ich meinen alltäglichen Geschäften nachging. Wer mochte dieser Jemand sein, der, ohne dass ich etwas davon ahnte, mit seinen Gedanken bei mir war?

Noch in Hut und Mantel ließ ich mich auf der Treppe nieder, um den Brief zu lesen. (Ich lese grundsätzlich nur in einer sicheren Position. Das mache ich so, seit ich mit sieben einmal auf einer hohen Mauer gehockt und in Die Wasserkinder vertieft gewesen war; damals ließ ich mich so sehr von den Schilderungen der Unterwasserwelt gefangen nehmen, dass ich unbewusst die Muskeln entspannte und, statt schwerelos im feuchten Element zu schweben, das mich in meiner Phantasie umgab, unsanft zu Boden stürzte und das Bewusstsein verlor. Bis heute kann ich die Narbe unter meinem Pony fühlen. Lesen kann gefährlich sein.)

Ich öffnete den Brief und zog ein halbes Dutzend gefaltete Blätter heraus, alle in derselben angestrengten Handschrift. Dank meiner Arbeit habe ich Erfahrung im Entziffern unleserlicher Manuskripte. Es ist nichts Geheimnisvolles dabei. Geduld und Übung machen den Meister. Das und die Bereitschaft, einen schärferen Blick dafür zu entwickeln. Wenn man ein Manuskript studiert, das unter Wasser, Feuer, Licht oder auch nur dem Alter gelitten hat, dann muss das Auge nicht nur die Form der Buchstaben genau erfassen, sondern auch andere Merkmale. Das Gleiten der Feder. Den Druck der Hand auf die Seite. Ein Stocken im Fluss. Man muss sich entspannen. An gar nichts denken. Bis man in einer Art Wachtraum zugleich die Feder ist, die über die Seite eilt, und das Pergament selbst, das die Tinte wie ein leichtes Kitzeln spürt. Dann kann man es lesen. Die Absicht des Schreibers, seine Gedanken, sein Zögern, seine Sehnsucht und das, was er sagen will. Man kann all das so deutlich erkennen, als wäre man das Kerzenlicht, das das Blatt Papier erhellt.

Nicht, dass diese Handschrift auch nur annähernd so unleserlich gewesen wäre wie manch andere, die ich entziffert habe.

Der Brief begann mit einem knappen »Miss Lea«, danach fügten sich die Hieroglyphen rasch zu erkennbaren Schriftzeichen, dann Wörtern und schließlich Sätzen zusammen, und zwar wie folgt:

Ich habe einmal dem Banbury Herald ein Interview gegeben. Ich such’s bei Gelegenheit raus, für die Biografie. Seltsamer Bursche, den sie mir da geschickt haben. Obwohl so groß wie ein Mann, war er im Grunde noch ein Kind mit seinem Babyspeck. Linkisch in seinem neuen Anzug. Das gute Stück war braun und hässlich und für einen viel älteren Mann gedacht. Es war so einer, wie ihn eine Mutter für ihren Jungen kauft, der nach dem Schulabschluss seine erste Stelle antritt – in der Hoffnung, er wächst vielleicht noch hinein. Aber bloß, weil er die Schuluniform ablegt, ist ein Junge noch nicht erwachsen.

Da war etwas in seiner Art. Eine Intensität. Und ich fragte mich: Was führt der wohl im Schilde?

Dabei habe ich an und für sich nichts gegen Menschen, die sich der Wahrheit verschrieben haben, wenn man davon absieht, dass diese Zeitgenossen fade sind. Nur wenn sie einem dumm kommen, von wegen Ehrlichkeit und Geschichtenerzählen, so wie manche das gerne tun, da hört der Spaß für mich auf.

Im Grunde sind es nicht die Wahrheitsfanatiker, die mir Bauchschmerzen bereiten, es ist die Wahrheit selbst. Welche Hilfe, welchen Trost hat sie zu bieten im Vergleich zu einer Geschichte? Was nützt sie einem im Dunkeln um Mitternacht, wenn Blitze über die Schlafzimmerwände zucken und der Regen mit seinen langen Fingernägeln an die Scheiben trommelt? Nichts! Oder glauben Sie etwa, wenn man vor Angst und Kälte im eigenen Bett zur Salzsäule erstarrt, dass man sich von der beinharten Wahrheit irgendetwas erhoffen darf? Was man in dem Moment braucht, ist der plumpe Beschwichtigungsversuch einer Geschichte, einer Lüge, die einen einlullt und in Sicherheit wiegt.

Natürlich gibt es Schriftsteller, die keine Interviews mögen. »Immer dieselben alten Fragen«, stöhnen sie. Was erwarten sie denn? Reporter sind Schmierfinken. Nur wir verstehen uns auf unsere Kunst, und deshalb geben wir auf die immer gleiche Fragen nicht die gleichen sattsam bekannten Antworten. Ich meine, wir verdienen unseren Lebensunterhalt damit, uns Dinge auszudenken. Jahr für Jahr gebe ich Dutzende Interviews, und anfangs haben die Journalisten noch versucht, mich aufs Glatteis zu führen. Sie haben die eine oder andere Wahrheit in der Hinterhand, um mich im richtigen Moment zum Plaudern zu bringen. Ich musste schon auf der Hut sein; musste gezielt meine Köder auswerfen, ihnen, ehe sie es merkten, den Mund wässrig machen, damit sie bei einer schmackhafteren Geschichte anbissen als der, die sie verfolgten. Der Zipfel Wahrheit, an den sie sich geklammert hatten, glitt ihnen aus den Fingern und blieb unbeachtet auf der Strecke. Das hat noch immer funktioniert. Eine gute Geschichte macht eben mehr her als so ein Fitzelchen Wahrheit.

Seit ich berühmt bin, gehört ein Interview mit Vida Winter zu den höheren Weihen eines Journalisten. Sie wissen in etwa, was sie erwartet, und wären enttäuscht, ohne eine Geschichte von dannen zu ziehen. Die üblichen Fragen im Schnellverfahren und zum Abschluss das, weswegen sie gekommen sind. An dieser Stelle legt sich immer ein verklärter Ausdruck auf ihre Gesichter. Sie sind wie kleine Kinder bei der Gutenachtgeschichte. »Und Sie, Miss Winter«, sagen sie dann, »erzählen Sie ein wenig von sich.«

Und ich habe erzählt. Belanglose, kleine Episoden. Nur ein paar Stränge zu einem gefälligen Muster verwoben, ein eingängiges Motiv hier, ein paar Glanzpunkte dort. Ein tiefer Griff in meine Klamottenkiste: ein Fundus an Stoffresten aus Romanen und Geschichten, aus Handlungsmustern, die sich verlaufen haben, Totgeburten an Charakteren, an pittoresken Szenerien, für die ich sonst keine Verwendung hatte. Schließlich werden die Säume vernäht, die Nähte versäubert, und fertig ist die nächste brandneue Biografie.

Den Notizblock in den Patschehändchen wie Kinder die Bonbons nach der Geburtstagsfeier, ziehen sie glücklich und zufrieden von dannen.

Doch dann kam dieser Junge vom Banbury Herald. Der sagte doch glatt: »Miss Winter, ich will die Wahrheit hören.« Was ist das nun für eine Masche? Es gibt keinen Trick, den sie nicht schon ausprobiert hätten, um mich aus der Reserve zu locken. Und dann das! Ich meine, was hat er denn erwartet?

Eine gute Frage. Was hat er erwartet? Seine Augen glänzten wie vom Fieber. Er sah mich so eindringlich an. So bohrend. Forschend. Er war auf etwas ganz Bestimmtes aus, da war ich mir sicher. Seine Stirn war schweißnass. Vielleicht machte ihn irgendetwas krank. »Ich will die Wahrheit hören«, sagte er.

Ich hatte ein komisches Gefühl im Bauch. Als ob die Vergangenheit zum Leben erwacht wäre. Als ob sich ein früheres Leben in meiner Fruchtblase rührte und eine Flutwelle losträte, die mir in die Adern steigen, die kühle Wellen schlagen und mir von innen gegen die Schläfen schwappen würde. Angstschauder. »Ich will die Wahrheit hören.«

Ich dachte über seine Forderung nach und erwog die möglichen Folgen. Er verstörte mich, dieser Junge, mit seinem blassen Gesicht und seinen brennenden Augen.

»Meinetwegen«, sagte ich.

Eine Stunde später war er schon wieder weg. Mit einem leisen, geistesabwesenden »Auf Wiedersehen«, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Ich habe ihm nicht die Wahrheit gesagt. Warum auch? Ich habe ihm einen kläglichen Schmachtlappen von einer Geschichte erzählt. Kein bisschen Glamour, kein Strass, nur ein paar fade, verblichene Flicken, notdürftig zusammengestoppelt, mit ungesäumten, ausgefransten Rändern. Die Art Geschichte, die man so für das wirkliche Leben hält, was ein gewaltiger Irrtum ist.

Ich sah dem Jungen vom Fenster aus nach. Er schlurfte mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf die Straße entlang davon, als ob ihn jeder Schritt Mühe kostete. Die geballte Energie, die Dynamik, Verve – keine Spur mehr davon. Ich hatte sie zunichte gemacht. Nicht, dass ich mir allein die Schuld dafür geben würde. Er hätte wissen müssen, dass er mir nicht glauben darf.

Ich habe ihn nie wieder gesehen.

Dieses Gefühl, das ich hatte, dieses elektrisierende Gefühl im Bauch, in den Schläfen, sogar in den Fingerspitzen – das blieb noch eine ganze Weile. Es schwoll an und verebbte mit der Erinnerung an die Worte des Jungen. »Ich will die Wahrheit hören.« Nein, sagte ich. Immer und immer wieder. Nein. Aber es hörte nicht auf. Es ließ mir keine Ruhe. Schlimmer noch, es war eine Gefahr. Am Ende gab ich mich zu einer Abmachung her: Noch nicht. Es seufzte, es lehnte sich auf, doch irgendwann rührte es sich nicht mehr. Es verhielt sich so still, dass ich es beinahe vergaß.

Wie lange ist das schon her? Dreißig Jahre? Vierzig? Vielleicht noch länger. Die Zeit vergeht so schnell.

In letzter Zeit habe ich öfters an den Jungen denken müssen. »Ich will die Wahrheit hören.« Und dieses Gefühl von damals regt sich wieder. Es ballt sich in meinem Bauch zusammen. Es ist rund und hart, von der Größe einer Pampelmuse. Es saugt mir die Luft aus den Lungen und nagt mir das Mark aus den Knochen. Die lange Latenz hat es verändert. Es ist nicht mehr sanft und fügsam, sondern ein Rabauke. Es lässt nicht mit sich handeln, würgt jede Diskussion ab, besteht auf seinem Recht. Es akzeptiert kein Nein. Die Wahrheit, ruft es dem Jungen hinterher und starrt auf seinen Rücken, als er geht. Und dann dreht es sich zu mir um, schließt seinen Griff noch fester um meine Eingeweide und wringt sie mit den Händen aus. Wir haben eine Abmachung, weißt du noch?

Es ist so weit.

Kommen Sie am Montag. Ich schicke Ihnen einen Wagen an den Zug, der um halb fünf am Bahnhof Harrogate eintrifft.

Vida Winter

Wie lange saß ich noch auf der Treppe, nachdem ich den Brief gelesen hatte? Ich weiß es nicht. Denn ich war wie gebannt. Worte haben diese Wirkung. In der Hand eines Könners, gezielt zum Einsatz gebracht, kann man sich ihnen nicht entziehen. Wie der Faden einer Seidenspinne winden sie sich einem um die Glieder, und wenn man dann so gefesselt ist, dass man sich nicht mehr rühren kann, dringen sie einem unter die Haut, ins Blut, betäuben einem die Gedanken. Tief drinnen entfalten sie ihre Magie. Als ich nach langer Zeit wieder zu mir kam, konnte ich nur raten, was sich im Dunkel meines Unbewussten abgespielt hatte. Was hatte der Brief mit mir gemacht?

Ich wusste sehr wenig über Vida Winter. Natürlich waren mir die verschiedenen Etiketten geläufig, die man mit ihrem Namen verband: Englands beliebteste Schriftstellerin, der Dickens unseres Jahrhunderts, die bekannteste lebende Autorin der Welt und dergleichen mehr. Natürlich wusste ich, dass sie populär war, auch wenn mich die Zahlen und Daten bei meinen späteren Recherchen dann doch erstaunten. Sechsundfünfzig Bücher in sechsundfünfzig Jahren und in neunundvierzig Sprachen übersetzt. Winter wurde von englischen Bibliotheken siebenundzwanzig Mal als die meistausgeliehene Autorin geführt. Neunzehn ihrer Romane wurden verfilmt. Und die Statistiker liefern sich einen heftigen Streit über die Frage, ob sich nun größere Stückzahlen von Vida Winters Büchern verkauft haben als von der Bibel. Dabei besteht das Problem nicht so sehr darin, herauszufinden, wie viele ihrer Bücher tatsächlich vertrieben wurden (eine stark schwankende Zahl in mehrfacher Millionenhöhe), als vielmehr darin, verlässliche Zahlen für die Bibel zu bekommen: Wie immer man zum Wort Gottes stehen mag, so sind seine Verkaufsziffern notorisch unzuverlässig. Die vielleicht interessanteste Zahl für mich war die zweiundzwanzig. So viele Biografen nämlich hatten es irgendwann aufgegeben, die Wahrheit über sie ans Licht zu bringen, sei es wegen der dürftigen Informationen oder der Drohungen seitens Miss Winters. Doch zu dem Zeitpunkt, als ich den Brief in den Händen hielt, wusste ich noch nichts von alledem. Ich kannte nur eine, für mich allerdings wesentliche Statistik: Wie viele Bücher von Vida Winter hatte ich, Margaret Lea, gelesen? Keines.

Ich zitterte dort auf der Treppe, gähnte einmal kräftig und streckte die Glieder. Als ich wieder bei Sinnen war, stellte ich fest, dass sich, während ich weggetreten war, meine Gedanken neu geordnet hatten. Vor allem zwei Erinnerungen waren aus meinem verschütteten Gedächtnis herausgeklaubt und mir vor Augen geführt worden.

Die erste war eine kleine Begebenheit mit meinem Vater, die sich im Laden abgespielt hatte. Wir öffnen gerade einen Karton mit Büchern aus der Auflösung einer Privatbibliothek – und der Karton enthält eine Reihe von Vida Winters Romanen. Im Laden verkaufen wir keine zeitgenössische Erzählliteratur. »Die bringe ich in der Mittagspause zu Oxfam«, sage ich und lasse sie neben dem Schreibtisch liegen. Doch bevor es Mittag ist, sind drei der vier Bücher verschwunden. Verkauft. Eines an einen Priester, eines an einen Kartografen, eines an einen Militärhistoriker. Die Gesichter unserer Kundschaft – mit der typischen äußeren Blässe und der inneren Glut des Bücherwurms – scheinen sich aufzuhellen, sobald sie die satten Farben der Taschenbucheinbände sehen. Nach dem Mittagessen sind wir mit Auspacken, Katalogisieren und Einordnen in die Regale fertig und sitzen, wenn keine Kundschaft kommt, wie gewöhnlich über einer Lektüre. Es ist Spätherbst, es regnet, und die Fenster sind beschlagen. Im Hintergrund zischt der Gasofen, ohne dass wir es hören, weil wir uns, Seite an Seite, zusammen und meilenweit voneinander entfernt, in unsere Bücher vertiefen.

»Soll ich Tee machen?«

Keine Antwort.

Ich brühe trotzdem einen auf und stelle meinem Vater eine Tasse hin.

Eine Stunde später ist der Tee kalt. Ich mache eine frische Kanne Tee und stelle erneut eine dampfende Tasse neben ihn auf den Tisch. Er nimmt meine Bewegungen nicht wahr.

Behutsam drehe ich das Buch, das er in Händen hält, etwas zur Seite, um den Einband zu sehen. Es ist der vierte Roman von Vida Winter. Ich rücke es wieder zurecht und mustere das Gesicht meines Vaters. Er hört mich nicht. Er sieht mich nicht. Er ist in einer anderen Welt, und ich bin Luft für ihn.

Das war die erste Erinnerung.

Die zweite ist ein Bild. Im Dreiviertelprofil, kraftvoll aus Licht und Schatten gemeißelt, ragt ein Gesicht über die Pendlertraube am Bahnhof, die zwergenhaft darunter wartet. Es ist nur ein Werbefoto auf einer Reklametafel, doch es erinnert mich an längst vergessene Königinnen und Göttinnen, von alten Kulturen in Fels gebannt. Ich betrachte den Augenbogen, den glatten Schwung der Wangenknochen, die makellosen Linien und Proportionen der Nase und staune, dass die Willkür menschlicher Vielfalt solch übernatürliche Vollkommenheit hervorbringen kann. Künftigen Archäologen, die diese Knochen entdecken, müssen sie wie ein Artefakt erscheinen  – nicht als das ungeschliffene Werk von Mutter Natur, sondern als höchster Ausdruck künstlerischen Strebens. Die Haut über diesen bemerkenswerten Knochen besitzt den opaken Schimmer von Alabaster; der Kontrast zu den sorgsam um den eleganten Hals gewundenen Locken des kupferfarbenen Haars lässt sie noch heller erscheinen.

Als sei dieses Übermaß an erlesener Schönheit nicht genug, sind da noch diese Augen. Durch einen fotografischen Kunstgriff zu übermenschlichem Grün verstärkt – wie Glas in einem Kirchenfenster oder Smaragde oder Geleebonbons –, blicken sie vollkommen ausdruckslos über die Köpfe der Pendler hinweg. Ich kann nicht sagen, ob die anderen Reisenden an diesem Tag dasselbe bei diesem Bild empfunden haben; sie hatten die Bücher gelesen, folglich hatten sie vielleicht eine andere Sicht. Ich dagegen konnte mich, als ich in die großen grünen Augen sah, nicht gegen die gängige Vorstellung wehren, dass Augen die Fenster der Seele sind. Ich weiß nur noch, wie mir bei diesen grünen Augen mit diesem blinden Blick der Gedanke kam, dass diese Frau keine Seele besitzt.

Das war an dem Abend, als ich den Brief erhalten hatte, schon alles, was ich über Vida Winter wusste. Nicht gerade viel, bei Lichte betrachtet, jedoch nicht weniger, als was jeder andere wusste. Denn obschon jeder Vida Winter kannte – ihren Namen, ihre Romane und ihr Gesicht –, kannte sie in Wahrheit keiner. Gleichermaßen berühmt für ihre Geheimnisse wie für ihre Geschichten, war sie ein Buch mit sieben Siegeln.

Glaubte ich diesem Brief, so wollte Vida Winter die Wahrheit über sich erzählen. Das war an sich schon rätselhaft genug, doch das größte Rätsel war: wieso ausgerechnet mir?

Margarets Geschichte

Ich erhob mich von der Treppenstufe, auf der ich gesessen hatte, und trat in das Dunkel des Ladens. Ich brauchte den Lichtschalter nicht, um mich zurechtzufinden. Ich kenne den Laden so gut, wie man die Orte aus seiner Kindheit kennt. Der Geruch von Leder und altem Papier beruhigte mich sogleich. Ich strich mit den Fingerspitzen über die Buchrücken wie ein Pianist über die Tasten. Jeder Band hat seine eigene, unverwechselbare Note: die körnigen Leinenrücken von Daniels’ Geschichte der Kartografie, das aufgesprungene Leder von Lakunins Sitzungsprotokolle der St. Petersburger Kartografischen Akademie, eine abgenutzte Mappe mit handgezeichneten und -kolorierten Karten. Man könnte mir die Augen verbinden und mich irgendwo in dem dreistöckigen Laden abstellen, und ich könnte anhand der Bücher unter meinen Fingerspitzen sagen, wo ich bin.

Wir haben wenig Kundschaft in Leas Antiquariat, im Durchschnitt kaum ein halbes Dutzend am Tag. Im September, wenn die Studenten kommen, um sich ihre Pflichtlektüre für das neue Jahr zu kaufen, und dann noch einmal im Mai, wenn sie dieselben Texte nach dem Examen zurückbringen, sind es etwas mehr. Mein Vater nennt diese Bücher Nomaden. Zu anderen Jahreszeiten können Tage vergehen, ohne dass wir einen Kunden zu Gesicht bekommen. Jeden Sommer verirrt sich der eine oder andere Tourist hierher, der von der üblichen Route abgekommen ist und den die Neugier hereintreibt. Er tritt aus der Sonne in den Laden, bleibt einen Moment stehen und blinzelt, um seine Augen an das Dunkel zu gewöhnen. Je nachdem, wie leid er es ist, Eiscreme zu essen und den Stakkähnen auf dem Fluss hinterherzusehen, verweilt er vielleicht und genießt den Schatten und die Ruhe oder auch nicht. Die Mehrzahl derer, die den Laden aufsuchen, folgen Empfehlungen von Freunden und machen, wenn sie schon mal in der Gegend sind, eigens einen Abstecher nach Cambridge. Sie sehen gespannt aus, wenn sie über die Schwelle treten, und entschuldigen sich nicht selten für die Störung. Sie sind nett, so unaufdringlich liebenswürdig wie die Bücher selbst. Meistens allerdings sind Vater, ich und die Bücher unter uns.

Wie wir davon leben können, mag man sich fragen, wenn man die spärliche Kundschaft sieht. Dazu muss man wissen, dass der Laden finanziell gesehen nur ein Nebenerwerbszweig ist. Das eigentliche Geschäft findet andernorts statt. Unseren Lebensunterhalt verdienen wir mit vielleicht einem halben Dutzend Transaktionen im Jahr.

Und so funktioniert’s: Vater kennt alle großen Sammler der Welt, und er kennt die bedeutenden Sammlungen. Wenn man ihn auf den Auktionen oder Buchmessen beobachtet, dann würde einem nicht entgehen, wie oft ihn unauffällig gekleidete Personen ebenso unauffällig auf ein Wort unter vier Augen beiseite nehmen. Ihr Blick allerdings ist alles andere als unauffällig. Weiß er wohl zufällig etwas über…, fragen sie ihn, hat er irgendwo gehört, ob … Dann wird ein Buch genannt. Vater antwortet ausweichend. Er kann ihnen keine großen Hoffnungen machen. Diese Dinge führen gewöhnlich nicht weiter. Und falls er sie nicht schon hat, schreibt er sich die Adresse desjenigen in ein kleines grünes Notizbuch. Dann passiert eine ganze Weile nichts. Aber später – das kann ein paar Monate oder auch länger dauern, unmöglich im Voraus zu sagen – erkundigt er sich auf einer anderen Auktion oder Messe bei einer anderen Person sehr behutsam, ob vielleicht… und wieder wird das Buch erwähnt. Meistens war’s das dann. Doch manchmal folgt diesen Unterhaltungen eine Korrespondenz. Vater verbringt eine Menge Zeit damit, Briefe zu verfassen. Auf Französisch, Deutsch, Italienisch, manchmal sogar Latein. In neun von zehn Fällen ist die Antwort eine kurze, wenn auch höfliche Absage. Hin und wieder allerdings – ein halbes Dutzend Mal im Jahr – bildet die Antwort den Auftakt zu einer Reise. Einer Reise, auf der Vater ein Buch an Punkt A entgegennimmt, um es an B abzuliefern. Er ist selten mehr als achtundvierzig Stunden weg. Sechs Mal im Jahr. Davon bestreiten wir unseren Lebensunterhalt.

Der Laden selbst wirft herzlich wenig ab. Er ist ein Ort, an dem man Briefe schreibt und empfängt. Ein Ort, an dem man sich die Wartezeit vor der nächsten internationalen Buchmesse vertreibt. Nach Meinung des Leiters unserer Bank ist das ein Luxus, den sich mein Vater mit seinem Erfolg verdient. In Wirklichkeit jedoch – in der Wirklichkeit, die mein Vater und ich uns teilen, denn ich behaupte ja nicht, die Wirklichkeit sei für alle gleich – ist der Laden das Herzstück des Ganzen. Er ist ein Aufbewahrungsort für Bücher, ein sicherer Hort für all die Bände, die einmal so hingebungsvoll geschrieben wurden und für die sich derzeit offenbar niemand interessiert.

Und es ist ein Ort zum Lesen.

A wie Austen, B wie Brontë, C wie Charles und D wie Dickens. Ich habe in diesem Laden das Alphabet gelernt. Indem mein Vater, mit mir auf dem Arm, die Regalreihen abschritt und mir das Buchstabieren zugleich mit der alphabetischen Reihenfolge der Bücher beibrachte. Ich habe dort auch schreiben gelernt; ich kritzelte Namen und Titel auf Karteikarten, die wir dreißig Jahre später noch immer in unserem Kasten haben. Der Laden war meine Arbeitsstelle wie auch mein Zuhause. Er war für mich eine bessere Schule, als es die Schule je war, und später dann meine eigene Privatuniversität. Er ist mein Leben.

Mein Vater hat mir nie ein Buch in die Hand gedrückt und mir nie eines verboten. Stattdessen ließ er mich selber stöbern und meine eigene mehr oder weniger gute Auswahl treffen. So las ich blutrünstige Erzählungen von historischen Heldentaten, die Eltern im neunzehnten Jahrhundert kindgerecht fanden, und schaurige Gespenstergeschichten, die es gewiss nicht waren; ich las Berichte von beschwerlichen Reisen durch tückische Gefilde, die alte Jungfern in Reifröcken unternahmen, und schmökerte in Handbüchern zu Benimm und Etikette für junge Damen aus gutem Hause; ich verschlang Bücher mit Bildern und Bücher ohne Bilder, Bücher auf Englisch, Bücher auf Französisch, Bücher in Sprachen, die ich nicht verstand und zu denen ich mir mithilfe einer Handvoll erratener Wörter Geschichten ausdachte. Bücher, Bücher und nochmals Bücher.

Zwar versuchte ich in der Schule, meine Lektüre geheim zu halten. Doch die Brocken archaisches Französisch, die ich aus alten Grammatiken kannte, schlichen sich in meine Aufsätze ein. Meine Lehrer aber hielten sie für Rechtschreibfehler, auch wenn es ihnen nie gelang, sie mir auszutreiben. Zuweilen rührte eine Geschichtsstunde an einen tiefen, wenn auch beliebigen Wissensfundus, den ich bei meiner planlosen Lektüre angehäuft hatte. Charlemagne? Karl der Große, dachte ich. Was, mein Charlemagne? Aus dem Laden? Bei solchen unverhofften Zusammenstößen zweier sonst so getrennter Welten verschlug es mir die Sprache.

Wenn ich nicht las, half ich meinem Vater bei seiner Arbeit. Mit neun durfte ich Bücher in braunes Packpapier einschlagen. Mit zehn lief ich mit diesen Paketen zum Postamt, um sie an unsere entfernten Kunden zu schicken. Mit elf nahm ich meiner Mutter ihre einzige Aufgabe im Laden ab: das Saubermachen. Mit Kopftuch und Hauskittel gegen Schmutz, Bakterien und die ganze Bösartigkeit bewaffnet, die in »alten Büchern« steckt, schritt sie, die Lippen fest zusammengepresst, um nichts Schädliches einzuatmen, mit ihrem unermüdlichen Wedel die Regale ab. Von Zeit zu Zeit wühlten die Federn eine imaginäre Staubwolke auf, und sie fuhr hüstelnd zurück. Unweigerlich blieb sie mit ihren Strümpfen an einer Bücherkiste hängen, die natürlich mit voller Absicht gerade hinter ihr stand. Ich bot ihr an, das Staubwischen für sie zu übernehmen, und sie war die Arbeit nur zu gerne los; von da an brauchte sie nicht mehr in den Laden zu kommen.

Mit zwölf ließ mich Vater nach verloren gegangenen Büchern suchen. Wir erklärten Bestände als verloren, wenn sie laut Kartei auf Lager waren, an ihrem angestammten Platz im Regal jedoch fehlten. Sie konnten gestohlen sein, waren vermutlich aber nur von jemandem, der in den Büchern geblättert hatte, geistesabwesend falsch eingeordnet worden. Der Laden verfügte über sieben Räume, mit Tausenden Büchern bis unter die Decke.

»Und wenn du schon dabei bist, überprüfe doch auch gleich die alphabetische Reihenfolge«, sagte Vater.

Das war ein endloses Unterfangen; heute frage ich mich, wie ernst es ihm mit diesem Auftrag war. Um ehrlich zu sein, spielte das im Grunde keine Rolle, denn ich habe mich mit aller Ernsthaftigkeit in diese Arbeit gestürzt.

Die Vormittage eines ganzen Sommers vergingen dabei, doch als Anfang September die Schule begann, hatte sich jedes verlorene Buch wieder eingefunden, war jeder verstellte Band zurück an seinem Platz. Davon abgesehen war noch etwas anderes geschehen, das im Nachhinein viel wichtiger scheint: Meine Finger waren, wenn auch nur kurz, mit jedem Buch im Geschäft einmal in Berührung gekommen.

Als Teenager ging ich meinem Vater dann so zur Hand, dass es an ruhigen Nachmittagen kaum noch Arbeit gab. War die Vormittagsroutine erledigt – die Neuzugänge in die Regale gestellt, die Briefe geschrieben, die Sandwiches draußen am Fluss gegessen und dabei die Enten gefüttert –, ging es zum Lesen zurück in den Laden. Allmählich war meine Lektüre weniger vom Zufall bestimmt. Immer öfter ertappte ich mich dabei, durchs zweite Geschoss zu schlendern. Literatur des neunzehnten Jahrhunderts, Biografien, Autobiografien, Memoiren, Tagebücher und Briefe.

Meinem Vater entging die gezielte Auswahl nicht, und so kam er von seinen Messen und Verkaufsreisen mit Lesestoff zurück, von dem er annahm, dass er mich interessieren könnte. Schäbige kleine Bücher, zumeist in Form von Manuskripten, vergilbte Seiten, mit einer Kordel oder Schleife zusammengehalten, manchmal auch von Hand gebunden. Das gewöhnliche Leben gewöhnlicher Menschen. Ich habe sie nicht einfach nur gelesen. Ich habe sie verschlungen. In dem Maße, wie mein Appetit beim Essen nachließ, war ich im Hinblick auf Bücher unersättlich. Es war der Anfang meiner Berufung.

Ich bin keine richtige Biografin, im Grunde darf ich mich so gar nicht nennen. Vor allem zu meinem eigenen Vergnügen habe ich eine Reihe kurzer biografischer Studien zu unbedeutenden Persönlichkeiten der Literaturgeschichte verfasst. Mein Interesse hat immer schon dem Schicksal von Leuten gegolten, die zu Lebzeiten im Windschatten des Ruhms gestanden hatten und nach ihrem Tod völlig in Vergessenheit geraten waren. Lebensläufe auszugraben, die seit mehr als hundert Jahren auf Archivregalen in ungeöffneten Tagebüchern geschlummert haben, bereitet mir mehr Vergnügen als irgendetwas sonst. Es gibt kaum etwas Reizvolleres für mich, als Memoiren neues Leben einzuhauchen, die seit Jahrzehnten vergriffen sind.

Von Zeit zu Zeit stoße ich dabei auf einen Gegenstand, der immerhin das Interesse eines Universitätsverlags erregt, und so habe ich es zu ein paar Publikationen unter meinem Namen gebracht. Keine Bücher. Nichts von Format. Im Grunde nur Essays, ein paar dürftige, in einem Schnellhefter gebündelte Seiten. Einer meiner Aufsätze, Die brüderliche Muse, über die Gebrüder Jules und Edmond Landier und das gemeinsame Tagebuch, das dieses Gespann hinterlassen hatte, fiel eines Tages einem Historiker ins Auge, der ihn in eine leinengebundene Anthologie über das Schreiben und die Familie im neunzehnten Jahrhundert aufnahm. Dieser Aufsatz musste mich wohl Vida Winter empfohlen haben, auch wenn er in dem Band nichts verloren hatte. Er reiht sich dort nämlich in die Arbeiten von gestandenen Akademikern und Autoren ein, sodass es den Anschein erweckt, als wäre ich eine richtige Biografin – und dabei bin ich doch nur eine dilettante, eine talentierte Amateurin.

Lebensläufe – die von Toten – sind nur ein Hobby von mir. Meine eigentliche Arbeit ist die Tätigkeit im Laden. Ich bin nicht für den Verkauf der Bücher zuständig – das macht mein Vater –, sondern ich kümmere mich um sie. Dabei ziehe ich immer mal wieder einen Band heraus und lese ein, zwei Seiten. Schließlich passe ich auf die Bücher auf, und sie zu lesen gehört in gewisser Weise dazu. Selbst wenn sie nicht alt genug sind, um für Sammler interessant zu sein, so sind mir auch diejenigen meiner Schützlinge lieb und teuer, deren Inhalt mich genauso wenig inspiriert wie ihre Hülle. Wie banal der Inhalt auch sein mag, so gibt es immer etwas, das mich berührt, denn jemand, der inzwischen verstorben ist, fand diese Worte einmal bedeutsam genug, um sie niederzuschreiben.

Menschen verschwinden, wenn sie sterben. Ihre Stimme, ihr Lachen, ihr warmer Atem. Ihr Fleisch. Irgendwann auch ihre Knochen. Doch einige entgehen dieser völligen Vernichtung, denn in den Büchern, die sie geschrieben haben, leben sie fort. Wir können sie wieder entdecken. Ihren Humor, ihren Tonfall, ihre Launen. Durch ihr geschriebenes Wort können sie einen ärgern oder glücklich machen. Sie können einen trösten, können verblüffen, können einen verändern. Und das alles, obwohl sie nicht mehr leben. Wie in Bernstein eingeschlossene Fliegen, wie Kadaver im ewigen Eis bleibt ihr Leben, das nach dem Gang der Natur hätte vergehen müssen, durch das Wunder der Tinte auf Papier gebannt. Das ist eine Form von Magie.

So wie man die Gräber der Toten hegt, so hege ich die Bücher. Ich reinige sie, nehme kleinere Reparaturen vor, halte sie in Stand. Und jeden Tag schlage ich ein, zwei Bände auf, lese ein paar Zeilen oder auch Seiten und erlaube den Stimmen der vergessenen Toten, in meinen Gedanken widerzuhallen. Spüren sie es, diese toten Verfasser, wenn ihre Bücher gelesen werden? Erscheint eine Nadelspitze Licht in ihrem Dunkel? Regt sich ihre Seele unter der federleichten Berührung eines anderen Geistes, der sich in ihre Gedanken vertieft? Ich hoffe, ja. Denn tot zu sein muss ziemlich einsam sein.

Auch wenn ich hiermit meine sehr persönlichen Vorlieben preisgebe, so ist mir dennoch klar, dass ich das Entscheidende hinausgezögert habe. Ich trage nun einmal nicht das Herz auf der Zunge: Es sieht vielmehr ganz so aus, als hätte ich in dem Bemühen, meine natürliche Verschlossenheit zu überwinden, alles Mögliche heruntergeschrieben, um ja nicht das eine schreiben zu müssen, das wirklich zählt.

Aber ich werde es tun. »Schweigen ist kein natürliches Umfeld für Geschichten«, hat Miss Winter einmal zu mir gesagt. »Sie sind auf Worte angewiesen, sonst werden sie blass, kränkeln dahin und sterben schließlich ab. Und dann lassen sie einen nicht mehr los.«

Da hat sie Recht. Hier also ist meine Geschichte.

Ich war zehn, als ich das Geheimnis lüftete, das meine Mutter vor mir hatte. Das war wichtig für mich, denn es stand ihr nicht zu, es zu bewahren; es betraf mein Leben.

Meine Eltern waren an jenem Abend aus. Sie gingen selten aus, doch wenn sie es einmal taten, schickten sie mich nach nebenan in Mrs. Robbs Küche. Die Raumaufteilung war im Nachbarhaus genau wie bei uns, nur spiegelverkehrt, und in dieser verdrehten Umgebung wurde mir speiübel, sodass ich, wenn wieder einmal ein elterlicher Ausgang drohte, sie erneut davon zu überzeugen versuchte, ich sei alt und vernünftig genug, um ohne Aufpasser zu Hause zu bleiben. Ich machte mir keine große Hoffnung, doch diesmal stimmte Vater zu. Mutter ließ sich nur unter der Bedingung überreden, dass Mrs. Robb um halb neun einmal nach dem Rechten sah.

Sie verließen das Haus um sieben, und ich begoss den Anlass mit einem Glas Milch, das ich auf dem Sofa trank – voller Bewunderung für meine eigene Größe. Margaret Lea, alt genug, um allein daheim zu sein. Nach der Milch war mir unerwartet langweilig. Was sollte ich mit der neuen Freiheit machen? Ich begab mich auf die Wanderung und schritt mein Territorium ab: das Esszimmer, den Flur, die Toilette im Erdgeschoss. Das alles war nicht anders als sonst. Aus keinem besonderen Grund fiel mir eine meiner Ängste ein, die mich als Kleinkind geplagt hatten, vor dem Wolf und den drei Schweinchen. »Ich werde husten und prusten / Und dir das Haus zusammenpusten.« Es wäre ihm ein Leichtes gewesen, das Haus meiner Eltern zusammenzupusten. Die unscheinbaren, dünnwandigen Räume waren nicht stabil genug, um standzuhalten; und die zarten, brüchigen Möbel brauchte der Wolf nur anzusehen, um sie wie Streichhölzer einknicken zu lassen. Ja, dieser Wolf bräuchte nur mit den Krallen zu schnippen, und er würde uns drei zum Frühstück verspeisen. Ich wünschte mir, ich wäre im Laden gewesen, da hatte ich nie Angst. Da mochte der Wolf so lange husten und prusten, wie er wollte. Inmitten des bücherverstärkten Gemäuers waren Vater und ich so sicher wie in einer Festung.

Oben schaute ich in den Badezimmerspiegel. Um mich zu vergewissern, wie ich als erwachsenes Mädchen aussah. Den Kopf nach links, dann nach rechts geneigt, betrachtete ich mich von allen Seiten und versuchte mit aller Macht, jemand anderen zu sehen als sonst. Aber da war nur ich.

Mein eigenes Zimmer gab nichts her. Ich kannte jeden Winkel, und das Zimmer kannte mich, wir hatten uns nicht mehr viel zu sagen. Stattdessen stieß ich die Tür zum Gästezimmer auf. Der leere Frisiertisch und der kahle Kleiderschrank deuteten halbherzig daraufhin, dass man sich hier die Haare kämmen und anziehen konnte, doch irgendwie wusste man auf Anhieb, dass sich hinter den Türen und in den Schubladen gähnende Leere befand. Das Bett mit seinen glatten, festgezurrten Decken und Bezügen war wenig einladend, und die dünnen Kissen sahen aus, als wäre ihnen das Leben wie Luft entwichen. Meine Eltern nannten es immer das Gästezimmer, doch wir hatten nie Gäste. Hier schlief meine Mutter.

Ratlos ging ich rückwärts aus dem Zimmer und blieb auf dem Treppenabsatz stehen.

Das war es. Der Initiationsritus. Erstmals allein daheim. Ich rückte in die Riege der älteren Kinder auf, und morgen würde ich auf dem Schulhof sagen können: Gestern Abend hat nicht unsere Nachbarin auf mich aufgepasst, ich bin allein zu Hause geblieben. Die anderen Mädchen würden große Augen machen. So lange schon hatte ich mir das gewünscht, und jetzt, da es so weit war, wusste ich nicht, was ich damit anfangen sollte. Ich hatte erwartet, dass ich augenblicklich und unwillkürlich in die neue Erfahrung hineinwachsen würde. Ich hatte gehofft, an diesem Abend einen ersten Blick auf die Person zu erhaschen, die ich einmal werden würde. Ich hatte mir gedacht, die vertraute, kindhafte Welt würde weichen, um mir das Geheimnis der erwachsenen Welt zu offenbaren. Stattdessen fühlte ich mich in meiner Unabhängigkeit nur noch kleiner. Stimmte etwas nicht mit mir? Würde ich je lernen, wie man erwachsen wird?

Ich überlegte tatsächlich, ob ich zu Mrs. Robb hinübergehen sollte. Nein. Es gab einen besseren Ort. Ich ging in das Zimmer meines Vaters und kroch unter sein Bett.

Der Abstand zwischen Boden und Gestell war geringer geworden, seit ich das letzte Mal unter dem Bett gelegen hatte. Der Ferienkoffer, bei Tage nicht weniger grau als jetzt im Dunkeln, drückte sich mir in die Schulter. Er enthielt unsere gesamte Sommerausstattung: Sonnenbrille, neue Filme für den Fotoapparat, den Badeanzug, den meine Mutter nie trug, aber trotzdem aufbewahrte. Auf der anderen Seite war ein Pappkarton. Ich fuchtelte mit den Fingern an den gewellten Deckelklappen herum, bahnte mir einen Weg hinein und wühlte darin herum. Die verdrehten Schnüre von einer Christbaum-Lichterkette. Federn am Rock des Engels. Damals, als ich ohne Probleme unter dieses Bett gepasst hatte, hatte ich noch an den Weihnachtsmann geglaubt. Jetzt nicht mehr. Konnte ich daraus schließen, dass ich groß geworden war?

Als ich mich unter dem Bett hervorwand, stieß ich gegen eine alte Keksdose aus Blech. Da war sie, zur Hälfte vom Volant des Betts bedeckt. Ich erinnerte mich an die Dose, sie war schon immer dort gewesen. Ein Bild mit schottischen Felsen und Fichten auf einem Deckel, der zu fest saß, um sich öffnen zu lassen. Halb in Gedanken versuchte ich, ihn zu lösen. Unter meinen älteren, kräftigeren Fingern gab er so leicht nach, dass ich erschrak. In dem Behälter fanden sich Vaters Pass und verschiedene Papiere unterschiedlichen Formats. Formulare, teils gedruckt, teils handgeschrieben. Hier und dort eine Unterschrift.

Für mich ist Sehen gleichbedeutend mit Lesen. So war es schon immer. Flüchtig ging ich die Dokumente durch. Die Heiratsurkunde meiner Eltern. Ihre Geburtsurkunden. Meine eigene Geburtsurkunde. Rot gedruckt auf cremeweißem Papier. Der Namenszug meines Vaters. Ich faltete sie wieder sorgsam zusammen, legte sie zu den anderen Formularen, die ich bereits gelesen hatte, und wandte mich der nächsten Urkunde zu. Sie war identisch mit meiner Geburtsurkunde. Ich war verwirrt. Wieso sollte ich zwei davon haben?

Dann sah ich es. Derselbe Vater, dieselbe Mutter, dasselbe Geburtsdatum, derselbe Geburtsort, anderer Name.

Was passierte in dem Moment mit mir? In meinem Kopf zerbrach alles in tausend Stücke und setzte sich anders wieder zusammen.

Ich hatte einen Zwilling.

Ich ignorierte den Aufruhr in meinem Kopf und entfaltete mit neugierigen Fingern ein zweites Blatt Papier.

Ein Totenschein.

Mein Zwilling war tot.

Jetzt wusste ich, was mit mir nicht stimmte.

Auch wenn mich die Entdeckung bestürzte, war ich nicht wirklich überrascht. Denn da war schon immer dieses Gefühl gewesen. Die Gewissheit – zu vertraut, als dass sie je der Worte bedurfte –, dass da etwas war. Eine andere Beschaffenheit der Luft zu meiner Rechten. Eine Verstärkung des Lichts. Etwas Eigentümliches an mir, das leeren Raum in Schwingung versetzte. Mein blasser Schatten.

Indem ich mir die Hände in die rechte Seite stemmte, neigte ich den Kopf, sodass die Nase fast die Schulter berührte. Es war eine alte, unwillkürliche Geste bei Schmerz, Verwirrung oder unter irgendeinem Zwang. Zu vertraut, als dass ich mir bis zu diesem Moment, in dem ihre Bedeutung zu Tage trat, darüber Gedanken gemacht hätte. Es war die Suche nach meinem Zwilling. Da, wo er hingehörte. An meine Seite.

Als ich die beiden Papiere sah und als sich die Welt so weit erholt hatte, dass sie sich wieder gemächlich um ihre Achse drehte, dachte ich: Das ist es also. Verlust. Traurigkeit. Einsamkeit. Da war dieses Gefühl, das mich schon mein Leben lang abgesondert hatte und mein ständiger Begleiter gewesen war, und jetzt, da ich die Urkunden gefunden hatte, wusste ich, woher es kam. Von meiner Schwester.

Nach langer Zeit hörte ich, wie sich unten die Küchentür öffnete. Mit taubem Kribbeln in den Waden ging ich bis zum Treppenabsatz, und unten erschien Mrs. Robb.

»Alles in Ordnung, Margaret?«

»Ja.«

»Hast du alles, was du brauchst?«

»Ja.«

»Sonst komm einfach rüber.«

»Mach ich.«

»Dauert nicht mehr lange, bis sie wiederkommen, deine Mama und dein Papa.«

Sie ging.

Ich legte die Dokumente in die Dose zurück und schob sie wieder unters Bett. Dann verließ ich das Schlafzimmer und schloss die Tür hinter mir. Vor dem Badezimmerspiegel zuckte ich unter dem Schock des Augenkontakts zurück, als mein Blick auf den einer anderen traf. Unter ihren Augen brannte mein Gesicht. Ich spürte die Knochen unter der Haut.

Später dann die Schritte meiner Eltern auf der Treppe.

Ich öffnete die Tür, und auf dem Treppenabsatz nahm mich Vater in die Arme.

»Gut gemacht«, sagte er. »Eine glatte Eins.«

Mutter sah bleich und müde aus. Der Ausgang hatte ihr wahrscheinlich einen ihrer Migräneanfälle beschert.

»Ja«, sagte sie, »braves Mädchen.«

»Und? Wie war’s, so ganz allein zu Hause?«

»Gut.«

»Hatte ich mir gedacht«, antwortete er. Und dann konnte er nicht an sich halten und umarmte mich noch einmal, so richtig mit beiden Armen, und küsste mich auf den Kopf. »Zeit zum Schlafen. Und lies nicht mehr so lange.«

»Nein.«

Später hörte ich meine Eltern zu Bett gehen. Wie Vater den Arzneischrank öffnete, um Mutter ihre Pillen zu holen, und dann ein Glas Wasser für sie besorgte. Seine Stimme mit den vertrauten Worten: »Wenn du erst geschlafen hast, wirst du dich besser fühlen.« Dann das Schließen der Tür zum Gästezimmer. Wenig später knarrte das Bett im anderen Zimmer, und ich hörte, wie das Licht bei meinem Vater ausgeknipst wurde.

Ich wusste über Zwillinge Bescheid. Aus einer Zelle, die eigentlich zu einem Menschen heranreifen soll, werden aus unerfindlichen Gründen zwei identische Wesen.

Ich war ein Zwilling.

Mein Zwilling war tot.

Was sagte das über mich?

Unter der Bettdecke drückte ich meine Hand gegen den rosa-silbrigen Halbmond an meinem Rumpf. Den Schatten, den meine Schwester hinterlassen hatte. Wie eine auf Fleisch spezialisierte Archäologin untersuchte ich meinen Körper auf Spuren seiner im Dunkeln liegenden Geschichte. Ich fühlte mich so kalt an wie eine Leiche.

Den Brief noch immer in der Hand, verließ ich den Laden und ging nach oben in meine Wohnung. Auf jedem der drei mit Büchern voll gestopften Geschosse verengte sich die Treppe. Während ich das Licht hinter mir ausschaltete, legte ich mir Sätze für eine höfliche Absage zurecht. Ich sei, so viel könne ich ihr sagen, die falsche Biografin. Ich interessierte mich nicht für zeitgenössische Literatur und hätte keines ihrer Bücher gelesen. Ich sei in Büchereien und Archiven zu Hause und hätte noch keinen einzigen lebenden Schriftsteller interviewt. Ich fände mich besser mit Toten zurecht, die Lebenden dagegen machten mich, um ehrlich zu sein, eher nervös.

Der letzte Satz allerdings hatte in dem Brief nicht unbedingt etwas zu suchen. Ich konnte mich nicht dazu aufraffen, mir eine Mahlzeit zuzubereiten. Eine Tasse Kakao musste genügen. Ich wartete, bis die Milch heiß war, und sah aus dem Fenster. In der Scheibe erschien ein so bleiches Gesicht, dass der schwarze Himmel durchschimmerte. Wir drückten uns, Wange an kalte, glasige Wange, aneinander. Für jeden, der uns so gesehen hätte, wäre klar gewesen, dass man uns, sah man einmal von der Scheibe ab, nicht auseinander halten konnte.

Dreizehn Geschichten

Ich will die Wahrheit hören. Die Worte aus dem Brief schwirrten mir im Kopf herum wie ein Vogel, der durch den Kamin hereingeflattert und nun unter der Schräge meiner Mansarde gefangen war. Es schien mir nur natürlich, dass die flehentliche Bitte des Jungen mir nicht gleichgültig war, nachdem ich selber nie die Wahrheit zu hören bekommen hatte, sondern allein und heimlich mit ihr konfrontiert wurde. Ich will die Wahrheit hören. Ganz recht.

Dennoch beschloss ich, mir die Worte und den Brief aus dem Kopf zu schlagen.

Es war bald so weit. Ich beeilte mich. Im Badezimmer seifte ich mir das Gesicht ein und putzte mir die Zähne. Um drei vor acht wartete ich im Nachthemd und in Schlappen darauf, dass der Kessel kochte. Schnell, schnell. Eine Minute vor acht. Meine Wärmflasche war fertig, und ich füllte ein Glas mit Wasser aus dem Hahn. Zeit war alles, denn um acht Uhr abends blieb die Welt für mich stehen. Es war Lesezeit.

Die Stunden zwischen acht Uhr abends und ein oder zwei Uhr früh sind schon immer meine magischen Stunden gewesen. Auf dem blauen Chenilleplüsch des Bettüberwurfs leuchteten die weißen Seiten meines aufgeschlagenen Buchs im Lichtkegel einer Lampe – das war das Tor zu einer anderen Welt. Doch an diesem Abend wirkte der Zauber nicht. Die Handlungsfäden, die über Nacht die Spannung gehalten hatten, waren tagsüber erschlafft und hingen durch, und ich merkte, dass ich nicht die Konzentration aufbrachte, um zu sehen, wie sie sich auf den nächsten Seiten verwoben. Ich setzte alles daran, mich an einem Erzählstrang festzuhalten, doch kaum war es mir gelungen, mischte sich eine Stimme ein: Ich will die Wahrheit hören. Die Spannung löste sich auf, sodass die Erzählfäden einzeln herunterbaumelten.

Dann wollte ich es mit den alten Lieblingsbüchern versuchen: Die Frau in Weiß, Sturmhöhe, Jane Eyre…

Doch da war nichts zu machen. Ich will die Wahrheit hören.

Ich machte das Licht aus, bettete meinen Kopf auf dem Kissen und versuchte zu schlafen.

Echos von fernen Stimmen, Teile einer Geschichte. Im Dunkeln wurden sie lauter. Ich will die Wahrheit hören.

Um zwei Uhr morgens stand ich dann wieder auf, zog mir Socken an, schloss die Wohnungstür auf und huschte die schmale Treppe hinunter in den Laden. Vom hinteren Teil geht ein winziger Raum ab, nicht viel größer als eine Kammer, in dem wir die Bücher zum Verschicken verpacken. Er verfügt über einen Tisch und, auf einem Regal, über Bögen Packpapier, ein Knäuel Bindfaden und eine Schere. Außerdem gibt es einen Wandschrank aus Holz mit etwa einem Dutzend Bücher.

Der Inhalt des Schränkchens bleibt fast immer unverändert. Würden Sie heute hineinsehen, dann sähen Sie darin dasselbe wie ich in jener Nacht: ein Buch ohne Einband, das auf der Seite liegt, und daneben ein Exemplar in einem hässlichen Ledereinband. Zwei aufrecht stehende Schwarten auf Latein. Eine alte Bibel. Drei Bände über Botanik, zwei über Geschichte und einer über Astronomie. Ein Buch auf Japanisch, ein weiteres auf Polnisch und eines mit altenglischen Gedichten. Wieso wir diese Bücher gesondert aufbewahren? Wieso sie nicht bei ihren Gefährten in unseren fein säuberlich gekennzeichneten Regalen stehen? In diesem Schrank bewahren wir die kostbaren Raritäten auf. Diese Bände sind so viel wert wie der gesamte übrige Laden, eher mehr.

Das Buch, auf das ich es abgesehen hatte – ein schmales Leinenbändchen, etwa zehn mal fünfzehn Zentimeter und nur etwa fünfzig Jahre alt –, fiel unter diesen Antiquitäten aus dem Rahmen. Es war erst vor wenigen Monaten aufgetaucht, von meinem Vater wohl versehentlich hier eingeordnet; bei Gelegenheit würde ich ihn danach fragen und es in eines der Regale stellen. Dennoch zog ich vorsichtshalber die weißen Handschuhe an. Wir halten sie im Schrank bereit, um sie zu tragen, wenn wir diese Bücher anfassen, denn, so paradox es auch klingt, erwecken wir die Bücher zwar durchs Lesen zum Leben, zerstören sie aber zugleich beim Blättern durch die Fette an unseren Fingerspitzen. Jedenfalls befand sich dieses Buch, das zu einer beliebten, anspruchsvollen Reihe eines nicht mehr existierenden Verlags gehörte, mit seinem unbeschädigten Schutzumschlag und den sauberen, spitzen Ecken in einem tadellosen Zustand. Ein wunderschöner Band und eine Erstausgabe, aber nicht das, was man in der Schatztruhe vermutete. Auf Flohmärkten und Volksfesten wechseln andere Bände aus der Reihe für wenige Pennys den Besitzer.

Der Schutzumschlag war cremefarben und grün: Ein regelmäßiges Motiv, das an Fischschuppen erinnerte, bildete den Hintergrund, und zwei Rechtecke waren frei gelassen – das eine für die Strichzeichnung einer Meerjungfrau, das andere für den Titel und den Namen der Verfasserin. Vida Winter, Dreizehn Geschichten von Wandel und Verzweiflung.

Ich schloss den Schrank wieder ab, legte den Schlüssel und die Taschenlampe an ihren Platz und kehrte die Treppe hinauf ins Bett zurück.

Ich hatte nicht vor zu lesen. Nicht richtig. Lediglich ein paar Sätze. Etwas Markantes, etwas Ungewöhnliches, das die Worte aus dem Brief, die mir im Kopf widerhallten, verstummen ließ. Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben, wie der Volksmund sagt. Ein paar Sätze, vielleicht eine Seite, dann würde ich schlafen können.

Ich entfernte den Schutzumschlag und legte ihn zur Sicherheit in das eigens dafür vorgesehene Schubfach. Selbst mit Handschuhen kann man nicht vorsichtig genug sein. Sobald ich das Buch aufschlug, atmete ich tief ein. Der Geruch von alten Büchern, so scharf, so trocken, dass man ihn schmecken kann.

Das Motto. Nur ein paar spärliche Worte.

Doch kaum hatte ich die erste Zeile überflogen, konnte ich mich nicht mehr lösen.

»Alle Kinder mythologisieren ihre Geburt. Das ist nur allzu menschlich. Du willst jemanden wirklich kennen lernen? Mit Leib und Seele? Dann frag ihn, wann und wo er das Licht der Welt erblickt hat. Du wirst nicht die Wahrheit zu hören bekommen, sondern eine Geschichte. Und nichts ist so aufschlussreich wie eine Geschichte.«

Es war wie ein Sprung ins Wasser.

Prediger und Prinzen, Büttel und Bäckersbursch, Eselstreiber und Elfen schienen auf Anhieb vertraut. Ich hatte diese Geschichten hundert, ja schon tausend Mal gelesen. Es waren Geschichten, die jeder kannte. Doch während ich las, fiel nach und nach das Vertraute von ihnen ab. Sie wurden fremd. Sie wurden neu. Diese Charaktere waren nicht die bunten Knirpse aus den Bilderbüchern meiner Kindheit. Es waren Menschen. Das Blut, das vom Finger der Prinzessin tropfte, als sie das Spinnrad berührte, war nass, und es hinterließ den strengen Geschmack von Metall auf ihrer Zunge, als sie es sich ableckte, bevor sie in tiefen Schlummer fiel. Beim Anblick seiner bewusstlosen Tochter brannte dem König das Salz seiner Tränen auf den Wangen. Die Geschichten schillerten in einer irritierenden Stimmung. Jedem erfüllte sich sein Herzenswunsch: Die Tochter des Königs wurde durch den Kuss eines Fremden wieder zum Leben erweckt, das Biest warf den Pelz ab und blieb als nackter Mann zurück, die Seejungfer konnte laufen; doch erst, als es zu spät war, erkannten sie, welchen Preis sie dafür zahlen mussten, ihrem Schicksal zu entrinnen. Jedes »Glücklich bis ans Ende ihrer Tage« hatte einen bitteren Beigeschmack. Das Schicksal, das sich erst so gefügig, so kompromissbereit gezeigt hatte, forderte am Ende einen grausamen Tribut.

Die Geschichten waren schneidend und herzzerreißend brutal. Ich liebte sie.

Noch während ich die Geschichte von der Seejungfer – die zwölfte Geschichte – las, überkam mich eine Unruhe, die nichts mit dem Verlauf der Erzählung selbst zu tun hatte. Ich war verwirrt. Mein Daumen und mein rechter Zeigefinger schickten mir ein Signal: Nicht mehr viele Seiten übrig. Dieser Gedanke setzte mir so lange zu, bis ich das Buch umdrehte, um nachzusehen. Es stimmte. Die dreizehnte Geschichte war demnach sehr kurz.

Ich las die zwölfte zu Ende und blätterte weiter.

Eine leere Seite.

Ich blätterte zurück und wieder vor. Nichts.

Es gab keine dreizehnte Geschichte.

Mir rauschte das Blut im Kopf. Mir wurde flau, ich fühlte mich wie ein Tiefseetaucher, der zu schnell an die Oberfläche schwimmt.

Nach und nach blieb mein Blick wieder an den Einzelheiten meines Zimmers haften. Der Überwurf auf dem Bett, das Buch in meiner Hand, die Lampe, die immer noch blass im ersten Tageslicht schien, das durch die dünnen Gardinen kroch.

Es war Morgen.

Ich hatte die ganze Nacht gelesen.

Es gab keine dreizehnte Geschichte.

Im Laden saß mein Vater, den Kopf in die Hände gestützt, am Schreibtisch. Er hörte mich die Treppe herunterkommen und sah mit bleichem Gesicht auf.

»Was ist passiert?«, fragte ich und schoss auf ihn zu.

Er war zu schockiert, um etwas zu sagen; er hob die Arme zu einer stummen, verzweifelten Geste, bevor er die Hände langsam wieder über die vor Entsetzen aufgerissenen Augen legte. Er stöhnte.

Meine Hände schwebten über Vaters Schultern, doch ich bin es nicht gewöhnt, andere zu berühren, und so ließ ich sie auf seine Strickjacke sinken, die über der Stuhllehne hing.

»Gibt es irgendetwas, das ich tun kann?«, fragte ich.

»Wir werden die Polizei rufen müssen. Gleich. Gleich…« Es klang, als verkündete er das Ende der Welt.

»Die Polizei? Vater – was ist passiert?«

Ich sah mich verdutzt im Laden um. Alles schien in bester Ordnung. Die Schreibtischschubladen ließen keine Zeichen von Gewalteinwirkung erkennen, die Regale waren nicht durchwühlt, die Fenster nicht eingeschlagen.

»Der Schrank«, sagte er, und mir dämmerte es.

»Die Dreizehn Geschichten.« Ich sprach in festem Ton. »Oben in meiner Wohnung. Ich hab sie mir ausgeborgt.«

Vater sah zu mir auf. In seinem Gesicht mischte sich Erleichterung mit äußerstem Staunen.

»Du hast sie dir ausgeborgt?«

»Ja.«

»Du?«

»Ja.« Ich war irritiert. Er wusste, dass ich mir Bücher aus dem Laden borgte.

»Aber Vida Winter …?«

Ich war ihm tatsächlich eine Erklärung schuldig.

Ich las Romane aus früheren Jahrhunderten. Es gibt einen schlichten Grund dafür: Ich bevorzuge ein richtiges Ende. Heirat und Tod, ein selbstloses Opfer, eine wundersame Wiederherstellung des Rufs, eine tragische Trennung, ein unverhofftes Wiedersehen, ein tiefer Absturz und die Erfüllung eines Traums. Ein solcher Schluss ist meiner Meinung nach das Warten wert. Es sollte auf Abenteuer und Gefahren, auf scheinbar ausweglose Konflikte folgen – Krönung und Auflösung der gesamten Handlung. Einen solchen Schluss trifft man eher bei alten als bei neuen Romanen an, und deshalb lese ich die alten.

ENDE DER LESEPROBE

Die Originalausgabe THE THIRTEENTH TALE erschien bei Orion, London

Vollständige deutsche Taschenbuchausgabe 07/2008 Copyright © der Originalausgabe 2006 by Diane Setterfield Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2007 by Karl Blessing Verlag GmbH, München in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München Copyright © dieser Ausgabe 2008 by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München, Übernahme der Gestaltung durch Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, München-Zürich, unter Verwendung der US-Amerikanischen Ausgabe von © Honi Werner Satz: Uhl + Massopust, Aalen

eISBN 978-3-641-14153-0

www.heyne.de

www.randomhouse.de