Verlag: Piper ebooks in Piper Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

Die dunklen Lichter von Paris E-Book

Cara Black  

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E-Book-Beschreibung Die dunklen Lichter von Paris - Cara Black

Eigentlich ist die Bezahlung für einen einfachen Dechiffrierjob am Computer zu gut. Doch der Auftrag ihres neuen Kunden ist komplizierter, als Privatdetektivin Aimée Leduc zunächst denkt. Als sie endlich den Code geknackt hat, öffnet sich am Bildschirm ein altes Photo, das ein Pariser Straßencafé zur Zeit der Besatzung zeigt. Die Hälfte des Bildes fehlt. Die andere Hälfte findet die Detektivin in der Wohnung von Lili Stein. Doch diese ist bereits tot. Ermordet. Eine Swastika auf der Stirn. Der rätselhafte Mord an der alten Dame und das geheimnisvolle Photo führen zu einem fünfzig Jahre alten Verbrechen, das von höchster Stelle um jeden Preis vertuscht werden soll. Und zu einer Liebesgeschichte zwischen einem deutschen Offizier und einem jüdischen Mädchen, die ergreifend genug ist, um jeden Pflasterstein zum Schmelzen zu bringen.

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Gewidmet der ›echten‹ Sarah und allen Geistern, den heutigen wie denen von damals

Übersetzung aus dem Amerikanischen von Carolin Hoffmann

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Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

1. Auflage 2014

ISBN 978-3-492-96432-6

© 1999 by Cara Black Titel der amerikanischen Originalausgabe: »Murder in the Marais«, Soho Press, New York 1999 © der deutschsprachigen Ausgabe: »Die dunklen Lichter von Paris«, Thiele Verlag in der Thiele & Brandstätter Verlag GmbH, München und Wien 2013 Umschlaggestaltung: Mediabureau Di Stefano, Berlin Umschlagmotiv: Rita Crane und Ayal Ardon/Arcangel Images Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Dem Schicksal ist kein Weg zu weit.

FRANZÖSISCHES SPRICHWORT

PARIS NOVEMBER 1993

MITTWOCH

Mittwochmorgen

Aimée Leduc spürte seine Anwesenheit, noch bevor sie ihn sah. Als wären Geister seiner Spur in die einst so elegante Eingangshalle gefolgt. Sie zögerte einen Moment und zog die schwarze Lederjacke enger um sich, um den Pariser Wintermorgen abzuwehren, der durch das ganze Gebäude kroch, dann griff sie nach ihrem Schlüsselbund. Als sie vor der Milchglasscheibe ihrer Bürotür stand, trat der Mann aus dem Schatten. Von unten drang das Weinen eines Babys durch das Treppenhaus, dann knallte die Tür der Concierge.

»Mademoiselle, ich brauche Ihre Hilfe«, sagte er. Ledrige, sommersprossige Haut spannte sich über seinen kahlen Schädel, und seine Ohren standen fast rechtwinklig ab. Er trug einen verknitterten blauen Anzug und lehnte schief auf einem Gehstock.

»Keine vermissten Personen, Monsieur«, sagte sie. Mit dem andauernden Winter, den grauen Tagen und den vielen Erinnerungen kam bei vielen Menschen die Hoffnung auf, vermisste Personen wiederzufinden. Aimée prüfte mit der Zunge, ob etwas zwischen ihren Zähnen hing, glättete ihr kurzes braunes Haar und lächelte. Das Schoko-Croissant verschwand wieder in der Tüte. »Ich suche nicht nach vermissten Angehörigen. Mein Fachgebiet ist Unternehmenssicherheit.« Sie blickte freundlich auf den alten Herrn hinunter, den sie mit ihren ein Meter zweiundsiebzig deutlich überragte. »Je suis désolée, Monsieur, aber ich bin auf Computerkriminaltechnik spezialisiert.«

»Aber das ist genau das, was ich brauche.« Er richtete sich langsam auf und sah sie aus seinen großen Augen eindringlich an. »Ich heiße Soli Hecht. Ich muss mit Ihnen reden.« Hinter seinem beinahe ängstlichen Blick lagen Trauer und Wachsamkeit. Sie versuchte, höflich zu bleiben. Unangemeldete Kunden waren selten. Die meisten kamen durch Geschäftskontakte oder über persönliche Empfehlung.

»Nicht, dass ich Ihnen nicht helfen möchte, aber wir sind völlig ausgelastet. Ich kann Ihnen jemand sehr Gutes empfehlen, wenn Sie mögen.«

»Ich kannte Ihren Vater, ein ehrenwerter Mann. Er sagte, ich könnte mich an Sie wenden, wenn ich einmal Hilfe bräuchte.«

Sie fuhr zusammen, ließ die Schüssel fallen und blickte zur Seite. »Aber mein Vater wurde vor fünf Jahren ermordet.«

»Er ist noch immer in meinen Gebeten.« Hecht ließ andächtig den Kopf sinken. Als er aufschaute, schien sein Blick sie zu durchbohren. »Ihr Vater und ich lernten uns kennen, als er noch beim Commissariat arbeitete.«

Sie wusste, dass sie ihn anhören musste. Trotzdem zögerte sie. Die Kälte drang durch die Fußbodendielen, aber das war nicht der einzige Grund für ihr Frösteln.

»Bitte kommen Sie rein.«

Sie schloss die Tür mit dem Schriftzug LEDUC DETECTIVE auf, führte ihn in das Büro, das sie nach dem Tod ihres Vaters übernommen hatte, schaltete das Licht ein und warf ihre Jacke über die Stuhllehne. Sepiadrucke von ägyptischen Ausgrabungen hingen über digital bearbeiteten Plänen der Pariser Kanalisation an den Wänden.

Hecht bewegte seinen ausgemergelten Körper mühsam über das Parkett. Etwas an ihm kam ihr bekannt vor. Als er ihr jetzt eine Mappe über den Schreibtisch schob, sah sie die verblassten blauen Ziffern auf dem Unterarm, die aus seinem Jackenärmel herausblitzten. Sie kannte diese Tätowierungen. Wollte er, dass sie Nazibeute auf einem Schweizer Nummernkonto fand? Sie löffelte gemahlenen Kaffee in den Filter, goss Wasser in den Glasbehälter und schaltete die Espressomaschine ein, die brodelnd zum Leben erwachte.

»Monsieur Hecht, was für ein Job ist das genau?«

»Computerhacking ist Ihr Fachgebiet.« Seine Augen musterten die Geräte entlang der Wände. »Knacken Sie einen Computercode für mich. Der Temple Emanuel ist Ihr Auftraggeber.«

»Worum geht es?«

»Wir brauchen Beweise dafür, dass die Verwandten einer bestimmten Frau der Deportation nach Buchenwald entgingen. Aber ich möchte ihr keine großen Hoffnungen machen.« Er schaute nach unten, als könnte er noch mehr sagen, aber er tat es nicht.

»Solche Aufgaben übernehme ich nicht mehr, Monsieur Hecht. Das war eher das Fachgebiet meines Vaters. Und um ehrlich zu sein – wenn ich sein Versprechen halten würde, bekämen Sie nicht das beste Ergebnis.«

»Ich kannte Ihren Vater, ich habe ihm vertraut.« Hechts Hände umklammerten die Tischkante.

»Wie gut kannten Sie ihn?«

»Er war ein Ehrenmann, er sagte, ich könnte mich auf Sie verlassen.« Soli Hecht ließ den Kopf hängen. »Wir hatten vor der … Explosion viel miteinander zu tun. Ich brauche Ihre Fachkompetenz.«

Sie trommelte mit ihren abgestoßenen roten Fingernägeln auf der Schreibtischplatte herum und schob die schmerzlichen Erinnerungen beiseite. Dampfende, schwarze Flüssigkeit tropfte in die wartenden Mokkatassen. »Monsieur, un petit café?«

»Non, merci.« Er schüttelte den Kopf.

Aimée wickelte einen Zuckerwürfel aus und ließ ihn in ihre Tasse plumpsen. »Ich befasse mich mit Computersicherheit«, wiederholte sie. »Keine Vermissten.«

»Er sagte, Sie würden mir helfen … dass ich mich immer an Sie wenden könnte.«

Wenn sie das Wort ihres Vaters nicht brechen wollte, blieb ihr nur eine Wahl. »Also gut«, seufzte sie und gab trotz ihrer Bedenken nach. »Ich zeige Ihnen meinen Standardvertrag.«

»Mein Wort muss reichen.« Er streckte seine Hand aus. »Dieses Gespräch hat nie stattgefunden. Wenn jemand fragt, kennen Sie mich nicht. Einverstanden?«

Sie schüttelte seine knotige Hand.

»Es wird sicher einige Tage dauern, oder? Ich habe gehört, solche Angelegenheiten sind oft eine langwierige Sache.«

»Vielleicht ein paar Stunden. Ich tippe einhundertzwanzig Wörter die Minute.«

Sie lächelte und nahm Platz, schob die Faxe von gestern Abend zur Seite und beugte sich zu ihm.

»Sie waren in Amerika in der Schule, als ich mit Ihrem Vater zu tun hatte.«

Aimée nickte. Voller Hoffnung hatte sie nach ihren amerikanischen Wurzeln gesucht und nach ihrer Mutter, die verschwand, als sie acht gewesen war. In beiden Fällen ohne Erfolg. »Nicht lange. Ich war Austauschschülern in New York.«

»Ihr Vater hat mir damals seine Ermittlungs-Philosophie nähergebracht, und ich habe sie nie vergessen.«

Sie lächelte. »Sie meinen, dass er immer sagte, die Dinge wären meist nicht, wie sie schienen, sonst wäre er nicht mehr im Geschäft?«

Hecht nickte. »Sie arbeiten in eigener Regie, Mademoiselle Leduc, keine Verbindungen oder Zugehörigkeit zu irgendjemandem.« Die Finger seiner knorrigen Hand wackelten über der Tischplatte. »Das gefällt mir an Ihnen.«

Er wusste viel über sie. Und sie hatte den starken Verdacht, dass er etwas verschwieg. »Wir nehmen siebenhundertfünfzig Francs pro Tag.«

Er nickte beiläufig. Da erinnerte sie sich. Sie hatte sein Foto vor Jahren gesehen, als seine Beweise halfen, Klaus Barbie vor Gericht zu bringen.

»Schauen Sie in den Ordner«, forderte Hecht sie auf. Aimée öffnete die Mappe und sah Ziffern und Schrägstriche, typische Merkmale israelischer Militärchiffrierung. Ihre Spezialität bestand darin, sich in die Systeme riesiger Firmen zu hacken, aber dieser Code sprach vom Kalten Krieg – ineinander verschachtelte Protokolle. Sie zögerte.

»In diesem Umschlag sind zweitausend Francs. Die Ergebnisse Ihrer Ermittlung übergeben Sie an Lili Stein in der Rue des Rosiers 64. Sie ist nach Ladenschluss zu Hause, ich habe ihr gesagt, dass sie mit Ihrem Besuch rechnen kann.«

Aimée hatte das Gefühl, ehrlich sein zu müssen. Einen Code zu knacken und zu dechiffrieren dauerte niemals so lange, als dass das hohe Honorar gerechtfertigt gewesen wäre. »Sie haben mir zu viel gegeben.«

Er schüttelte den Kopf. »Behalten Sie’s. Die alte Dame ist nicht mehr so gut zu Fuß. Was immer Sie auch finden, geben Sie es Lili Stein persönlich!«

Sie zuckte mit den Achseln. »Kein Problem.«

»Sie müssen es ihr direkt in die Hand geben.« Mit einem Mal war sein Ton von eindringlich zu flehend gewechselt. »Schwören Sie mir das beim Grab Ihres Vaters. Bei seiner Ehre.« Er starrte sie unverwandt an. Was für ein Holocaustgeheimnis war das? Sie nickte langsam.

»Ich denke, wir werden uns nicht mehr sehen, Mademoiselle.« Soli Hechts Gelenke knackten, und sein Gesicht verzog sich schmerzlich, als er sich jetzt aufrichtete.

»Sie hätten mir Ihre Anfrage auch faxen können, Monsieur Hecht. Dann hätten Sie sich den Weg erspart.«

»Aber dann hätten wir nie miteinander gesprochen und uns nie kennengelernt, Mademoiselle Leduc«, sagte er.

Aimée behielt ihre Erwiderung für sich und öffnete ihm die Tür. Verzogene Dielenbretter, ein angelaufener Spiegel und bröckelnder Putz zierten den unbeheizten Treppenabsatz.

Sie trat zu dem Eisengitter und rief den alten Aufzug, der noch aus der Jahrhundertwende stammte, und hörte, wie er geräuschvoll knirschend den Schacht hochkroch. Langsam und auf seinen Stock gestützt absolvierte Hecht den Weg in den Flur.

Zurück im Büro stopfte sie die Banknoten in ihre Tasche. Die überfällige Telefonrechnung und Fleisch für ihr Bichon-Frisé-Hündchen Miles Davis – ausgesprochen Miiils Daviz – mussten noch warten, bis der Job erledigt war.

Der Telekommunikationsriese Eurocom hatte die Finanzen der Detektei total ins Wanken gebracht, als er Leducs Servicevertrag kündigte und ein Konkurrenzunternehmen aus Seattle anheuerte – die einzige Firma, die sich auf dieselbe Arbeit spezialisiert hatte wie ihr Partner und sie. Aimée hoffte, dass nach Begleichung aller überfälligen Rechnungen noch genug Geld übrig blieb, um ihr Kostüm bei der Reinigung auszulösen.

Ihr Standard-Software-Key erlaubte es ihr, codierte Verschlüsselungen zu knacken. Sie öffnete die in einer Datenbank gespeicherten Informationen. In diesem Fall vermutete sie einen militärischen Hintergrund.

Nach Eingabe ihres Standardschlüssels leuchtete »Access denied« auf dem Bildschirm. Zugriff verweigert. Sie versuchte einen anderen Key, Réseau Militaire, ein obskures militärisches Netzwerk. Ein weiteres Mal blinkte »Access denied« auf. Fasziniert versuchte sie weitere Schlüssel, ohne Erfolg.

Aus dem Morgen wurde Nachmittag; die Schatten wurden länger, die Abenddämmerung brach herein.

Nach mehreren Stunden wurde ihr klar, dass sie ihre Francs in diesem Fall doch noch redlich verdienen würde. Denn bisher funktionierte nichts.

Mittwochabend

Später am Abend, bei einem ihrer letzten Entschlüsselungsversuche, benutzte sie einen alten Nachkriegs-Wiederherstellungsschlüssel. Sie war überrascht, als das System reagierte. »Zur Freigabe Audio/Video-Format eingeben.« Ein seltener, aber nicht unbekannter Zugriffsweg.

Mit Audio passierte nichts. Sie öffnete die Datei mit der visuellen Entschlüsselungs-Software der NATO. Plötzlich wurde der Bildschirm schwarz-weiß. Nach ein paar Sekunden konnte sie eine Fotografie erkennen. Keine Schrift, nur ein Foto. Sie bearbeitete die Pixelqualität und vergrößerte es so stark es ging, ohne das Bild zu verzerren.

Das zerrissene Schwarz-Weiß-Foto mit dem fleckigen weißen Rand zeigte ein Café neben einem Park voller Kinder. Offenbar ein Schnappschuss. Im Straßencafé saßen und standen Menschen in kleinen Gruppen. Die Stehenden waren SS-Männer. Sie kehrten dem Betrachter den Rücken zu, aber Aimée erkannte die blitzenden Abzeichen auf den Kragen.

Keiner schaute in die Kamera. Die meisten Zivilisten trugen dunkle, formlose Kleidung. Ein ungestelltes Foto aus dem besetzten Paris. Fast die Hälfte des Bildes war abgerissen.

Aufgewühlt starrte Aimée auf das Foto. Sie hatte oft in diesem Café gegessen, kannte viele der Stammkunden. Jetzt würde sie immer an die Nazis denken müssen, die vor ihr dort gewesen waren. Es war das erste Mal, dass sie eine Verschlüsselung knackte und nur ein Foto ohne Text erhielt. Wie sollte das für diese alte Dame einen Beweis darstellen? Dann rief sie sich in Erinnerung, dass dies nicht mehr ihr Job war.

Nachdem sie das Bild gespeichert hatte, machte sie einen Ausdruck und fragte sich, wie die Empfängerin wohl auf das Bild reagieren würde.

Sie steckte das Foto in ihre Hermès-Tasche, einen Flohmarktfund, legte sich ihren Schal mit dem Leopardenmuster um den Hals, zog den Reißverschluss ihrer Lederjacke hoch und schloss die Bürotür ab.

Draußen winkte sie ein Taxi heran, das in der regennassen Rue du Louvre schlingernd zum Halten kam. Trotz der späten Stunde saßen noch Gäste in den überdachten Straßencafés. Die Seine glitzerte zu ihrer Rechten, und die angestrahlten grauen Steine des Pont Neuf glitten an ihr vorbei.

Die Bauten änderten sich, als das Taxi in das Marais einfuhr, den jüdischen Bezirk mit seinen hôtelsparticuliers aus dem sechzehnten Jahrhundert, die lange Zeit leer gestanden hatten, bevor man begonnen hatte, sie zu restaurieren. Passanten huschten über das schimmernde Kopfsteinpflaster. In der nebligen, schmalen Rue des Francs Bourgeois holperte das Taxi über die Bordsteinkante und ließ sie aussteigen. Abgestandene Luft sickerte aus den bouches d’égouts, den Abflussöffnungen der Kanalisation.

Am Ziel, dem Gebäude mit der Nummer 64 in der Rue des Rosiers, warben über einem staubigen Fenster verblichene goldene Lettern auf Hebräisch und Französisch für die DÉLICES DE STEIN: KOSCHERE LEBENSMITTEL. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite guckte ein Falafelstand mit Schalen voll gehacktem Weißkraut, Zwiebeln und eingelegten Karotten unter einem gestreiften Baldachin hervor.

Von dem bogenförmigen dunkelgrünen Eingangstor vor ihr blätterte die Farbe ab. Sie drückte das Tor auf und ging an einem an die Mauer gelehnten Fahrrad vorbei. An der Wand hing schief ein altes Zirkusplakat, das sich teilweise vom Mauerwerk gelöst hatte. Der gepflasterte Innenhof roch nach dem Müll von gestern. Zu ihrer Linken bewachte eine verlassene Hausmeisterloge den Eingang.

Die dunkle Holztür von Lili Steins Wohnung, die sich im zweiten Stock befand, war nur angelehnt. Von drinnen dröhnte ein Radiosender in voller Lautstärke. Aimée klopfte mehrmals und vernehmlich. Keine Antwort. Sie schob die quietschende Tür auf.

»Allô?«

Langsam trat sie in den schummrigen Flur der muffigen Wohnung. Sie zögerte, es war ihr nicht ganz wohl dabei, die Privatsphäre von jemand Fremdem zu stören. Immer noch keine Antwort.

Ihre Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit. Aus dem Flur spähte sie in das Wohnzimmer, aus dem das Radio noch immer tönte, und trat dann ein. Auf einem Sideboard aus Kiefernholz lag ein mit dem Judenstern bestickter Läufer, darauf standen Messingleuchter. Ein altmodisches Radio, neben dem ein Ohrensessel mit zerschlissenem Polster aufragte. Als sie zum Radio hinüberging, fiel ihr an der Wand ein gerahmtes sepiafarbenes Foto auf. Ein junges Mädchen in altmodischer Schuluniform, Arm in Arm mit einer stämmigen Frau, die eine Schürze trug. Beide standen vor einem Ladenfenster und hatten Sterne auf der Brust, die mit JUIF bestickt waren. Aimée blieb betroffen stehen. Sie erkannte das Schaufenster von DÉLICES DE STEIN, das sie eben unten an der Rue des Rosiers gesehen hatte. Vor das Foto hatte jemand eine einzelne weiße Rose in einer Vase gestellt.

Lili Stein musste halb taub sein, dass sie das Radio so laut stellte, dachte sie. Offenbar litt die alte Dame an einem beträchtlichen Hörverlust.

Sie trat zu dem Radio, einem alten Detektorgerät mit knubbeligen Knöpfen und vergilbten Frequenzbändern, und drehte die Lautstärke herunter. Dann fielen ihr die gebrauchten Papiertaschentücher auf, die überall auf dem Boden verstreut lagen. »Madame Stein? Ich bringe Ihnen Ihre Unterlagen!«

Keine Antwort.

Aimées Nacken verspannte sich. Irgendwo draußen im Flur tröpfelte Wasser. Irgendetwas stimmte nicht. Die alte Dame sollte sie doch erwarten.

Unschlüssig blieb sie in der Wohnzimmertür stehen. Gegenüber im Badezimmer tropfte ein undichter Hahn auf einen braunen Fleck im Waschbecken. Ihre Hand tastete an der dunklen, vertäfelten Wand nach einem Schalter. Das Holz war schmierig. Einen Schalter fand sie nicht.

Ihre Unruhe nahm zu. Sie ging an dem düsteren Bad vorbei und schob sich weiter den schmalen Flur entlang. Am Ende befand sich eine Tür, die halb aufstand und offenbar ins Schlafzimmer führte. Aimée fischte in ihrer Handtasche nach dem Schlüsselbund und schlang die Finger um die scharfen Kanten, um sie zu einer Waffe zu machen, wie sie es in ihrer ersten Stunde im Dojo-Kampfsport gelernt hatte.

Vorsichtig drückte sie die Tür weiter auf. Im Halbdunkel lag eine Frau ausgestreckt auf dem Bett, die Strümpfe heruntergerollt.

»Madame … Madame?«

Sie schaltete das Licht ein. Das fahle Gesicht der Frau war ausdruckslos zur Decke gewandt. Aimée ging zum Bett und blieb wie angewurzelt stehen. Jemand hatte ein Hakenkreuz in die Stirn der Frau geritzt. Aimée rang nach Luft und hielt sich am Bettpfosten fest, weil ihre Beine einzuknicken drohten. Ihr Herz hämmerte. Sie atmete tief durch und zwang sich, die Wange der Frau zu berühren. Glatt und kühl wie Marmor …

Was, wenn der Mörder noch hier war?

Sie tastete nach dem Kreuzschraubenzieher, der Teil des Miniwerkzeugsets war, das sie in ihrer Tasche trug, und sah sich vorsichtig im Zimmer um. Aber das einzige andere Lebewesen im Raum war ein aufgedunsener Engelhai, seine silbrigen Luftblasen blubberten im Aquarium auf dem alten Schreibtisch. Holzlatten waren über das einzige Fenster im Zimmer genagelt und ließen nur einen schmalen Lichtstrahl herein.

Vorsichtig ging sie um das Bett herum. Nach Überprüfung des Kleiderschranksund einem Blick auf die Wollmäuse unter der durchgelegenen Matratze war sie sicher, dass kein Mörder mehr im Schlafzimmer lauerte. Eine Fliege summte und kreiste um die weit geöffneten Augen der Toten, die immer noch starr gegen die Decke gerichtet waren. Angewidert verscheuchte sie sie.

Dann schlich sie wieder den Flur zurück und untersuchte jeden Schrank, erkundete jedes Zimmer. Nichts.

Seit die Zusammenarbeit mit ihrem Vater ein jähes Ende genommen hatte, war sie nicht mehr mit einem Mord konfrontiert gewesen. Am liebsten wäre sie aus der Wohnung gerannt, hätte die flics gerufen und Soli Hecht sein Geld zurückgegeben. Aber sie zwang sich, noch einmal ins Schlafzimmer zurückzugehen.

Diesmal betrachtete sie die tote Frau genauer. Tief, aber blutleer zog sich das Hakenkreuz von ihren Augenbrauen bis hin zu den feinen grauen Haaren ihres Haaransatzes. Man konnte sogar den Knochen sehen. Eine Goldkette mit hebräischen Buchstaben klebte verdreht im blutigen Strangulationsmal um den Hals der toten Frau.

Fluchend verscheuchte sie abermals die aufdringliche Fliege, die auf dem zerknitterten, knielangen Wollrock der alten Frau gelandet war. Geschwollene Fesseln quollen aus abgetragenen Schuhen. Aimée fielen die Kratzer und blauen Flecken auf den teigigen Beinen der Toten auf. Ihre Hände lagen seitlich am Körper, zu Fäusten geballt, als hätte sie sich noch im Sterben gewehrt.

»Lili Stein in die Hand«, hatte sie Soli Hecht versprochen. Doch das machte nun keinen Sinn mehr. Sie war nicht abergläubisch, aber sie beugte sich trotzdem herunter und betrachtete Lili Steins Hand. Kleine Holzsplitter waren in der Handfläche eingegraben. Aimée sah sich um. Keine Kratzspuren auf den Holzlatten über dem Fenster. Am Boden lagen die Krücken der alten Dame nutzlos herum. Ihre Fingernägel waren abgebrochen und rau. Wie ein in die Enge getriebenes Tier hatte Lili Stein versucht, sich freizukämpfen, dachte Aimée.

Vorsichtig legte sie ihre Finger um das blau geäderte Handgelenk der Toten. Sie zog den Umschlag mit dem Foto aus der Tasche und berührte damit Lilis kalte Hand, die noch nicht ganz steif war.

In diesem Augenblick hatte sie das Gefühl, den Mörder in dem dunklen Zimmer zu spüren. Eine düstere Vorahnung überkam sie. Sie hörte die nasale Stimme des Radiomoderators. Dann eine Aufnahme von Cazaux, dem französischen Wirtschaftsminister und Anwärter auf das Amt des Premierministers, der gestern vor dem Gewerkschaftsverband in Lille strenge Einwanderungsquoten versprochen hatte. »Französische Industrie, französische Arbeiter, französische Produkte!«

Cazaux’ bekannte Stimme ereiferte sich, während die Menge tobte. Genau was Frankreich braucht, dachte Aimée, mehr Faschismus.

»Maman?« Die tiefe Stimme eines Mannes drang aus dem Flur. Hastig stand sie auf und stieß gegen den Schreibtisch.

Das Aquarium mit dem Engelhai wankte, und sie griff danach, um es zu sichern. Da bemerkte sie das zerrissene Foto unter dem Aquarium, das durch den schwarzen Kies auf dem Grund desselben kaum zu sehen war. Sie zog es hervor und verglich es mit dem unvollständigen Bild in ihrer Hand. Die beiden Teile passten perfekt zueinander. Erschüttert realisierte sie, dass sie die fehlende Hälfte des Fotos in Händen hielt, wegen der die alte Frau vielleicht ermordet worden war.

»Maman,ça va?«

Sie schob beide Fotos in den Umschlag und stecke ihn rasch in den Schaft ihres Lederstiefels.

»Monsieur, kommen Sie bitte nicht hier herein«, rief sie und versuchte, ihrer Stimme Autorität zu verleihen. »Rufen Sie die Polizei.«

»Aber wer …?« Ein Mann mittleren Alters, spindeldürr und groß, trat ins Zimmer. Er ging gebeugt, als wolle er sich für seine Anwesenheit auf der Welt entschuldigen. Sein Stirnhaar trug er im chassidischen Stil lang unter einem schwarzen Filzhut, dessen Krempe hochgedreht war.

Sie stellte sich so vor das Bett, dass sie ihm die Sicht blockierte. »Ist Lili Stein Ihre Mutter?«

»Was ist passiert?« Er versteifte sich. »Ist Maman krank?« Er spähte über Aimées Schulter, bevor sie ihn aufhalten konnte. »No, no«, sagte er dann und begann fassungslos den Kopf zu schütteln.

Sie trat näher und versuchte, ihn zu beruhigen.

»Wer sind Sie?«, fragte er misstrauisch.

»Ich arbeite für …« Sie nahm sich zusammen, um Hechts Namen nicht zu erwähnen. »Den Temple Emanuel. Ich bin private Ermittlerin, wir hatten einen Termin.« Sie führte ihn zu einer Nische mit Bildern von Bibelzitaten. »Setzen Sie sich.«

Er wehrte sich. »Wie sind Sie hereingekommen?« Seine Augen weiteten sich voller Angst.

»Monsieur Stein?« Sie kniete sich auf Augenhöhe vor ihn und sah ihm direkt in die Augen.

Er nickte.

»Es tut mir leid. Die Tür war offen. Ich habe Ihre Mutter vor ein paar Minuten gefunden.«

Er sackte schluchzend zusammen. Sie zog ihr Mobiltelefon heraus und wählte 15 für SAMU, den Rettungsdienst, und nannte die Anschrift. Dann war 17 dran, die Polizeizentrale.

»Yisgadal v’yiskadash shmei raboh.« Er wiegte sich verzweifelt hin und her und begann das hebräische Gebet für die Toten aufzusagen.Dann hielt er abrupt inne. Sie wollte ihren Arm um seine schmalen Schultern legen, das Zeichen des Kreuzes machen. Stattdessen flüsterte sie einfach: »Möge sie in Frieden ruhen.«

Als der Rettungswagen kreischend im Innenhof hielt, waren schon einige Mitarbeiter der Brigade Criminelle und anschließend die der Brigade Territoriale durch die Wohnung getrampelt. Die Beamten vom 4. Arrondissement waren die nächsten. Eine rundliche Gestalt kam schnaufend die Treppe hoch, ein Gesicht mit einem schlaffen Schnurrbart über einem halben Lächeln sah ihr entgegen. Aimée blinzelte überrascht. »Inspecteur Morbier!«

Sie hatte Morbier, ein alter Freund ihres Vaters und ihr Taufpate, seit Jahren nicht mehr gesehen. Seit dem Tag der Explosion, wenn man es genau nahm. Plötzlich überkamen sie die Erinnerungen: der beißende Geruch des Kordits und des TNTs, das Zischen des Regens auf verbogenem, heißem Metall, ihre verbrannte Handfläche auf dem rot glühenden Griff des Überwachungsbusses. Sie hatte mit ansehen müssen, wie die Wucht der Explosion ihren Vater in Rauch verwandelte.

»Aimée …!«, rief Morbier aus, dann korrigierte er sich rasch, denn die ganze Brigade-Truppe folgte ihm. »Mademoiselle Leduc.«

Er hatte sich kaum verändert. Die blauen Hosenträger spannten sich über seinen stattlichen Bauch. Er zündete sich mit dem Streichholz eine Gauloise an und inhalierte tief. Im stickigen Flur konnte sie fast den Geschmack des Tabaks auf der Zunge spüren.

»Rauchen am Tatort, Morbier?«

»Ich bin derjenige, der hier die Fragen stellt.« Er aschte in seine gewölbte Handfläche.

Die Spurensicherung mit ihren Laborkitteln unter den kurzen gelben Regenjacken glitt effizient zwischen den gedämpften Unterhaltungen hindurch die Stufen hinauf und hinab.

»Erzähl mir nicht, dass du in diesen Schlamassel verwickelt bist«, sagte er.

»Bin ich nicht.« Das war nicht einmal wirklich gelogen. Sie sah zu Boden, konnte ihm nicht in die Augen schauen. Als sie klein war, hatte er sie immer schneller durchschaut als ihr eigener Vater. Der abgenutzte türkische Teppich im Flur wies schon eine Schmutzspur auf von all den Menschen, die sich hier drängten. Stein wippte in seinem Sessel vor und zurück und schüttelte benommen den Kopf.

Aimée und Morbier wichen dem Fotografen mit seiner Ausrüstung aus und wollten gerade den Flur entlang zur Küche gehen, als es plötzlich aus Stein herausbrach: »Ich bin Abraham Stein. Diese Frau war hier, als ich Maman fand.«

Morbiers Augen verengten sich. »Dann erklär mir mal, wie du über die Leiche gestolpert bist.«

Sie schüttelte den Kopf, um anzudeuten, dass sie nicht vor Stein sprechen wollte, zog an Morbiers Ärmel und nickte in Richtung Küche. Er verdrehte die Augen, kam aber hinter ihr her.

»Der Temple Emanuel hat mich angeheuert. Ich sollte ihr folgen.« Sie sprach leise und dachte daran, dass ein guter Angriff die beste Verteidigung war. »Und jetzt erklär du mir mal bitte, warum die BRI anrollt und den Tatort sichert« – lautes Scheppern erklang aus dem Flur, wo die Transportliege gegen den Türrahmen schlug, und Aimée starrte ihn an –, »bevor du hier aufgetaucht bist.«

»Inspecteur Morbier!« Eine heisere Beamtenstimme rief nach ihm. »Die Gerichtsmediziner brauchen Sie.«

Morbier grummelte etwas vor sich hin und ging. Sie wandte sich ab, um ihre Erleichterung zu verbergen. Nach ein paar Schritten hielt er an und zeigte ruckartig mit dem Daumen in Richtung eines pockennarbigen Beamten, der auch im Flur stand.

»Ermittlungsbeamter, untersuchen Sie den Inhalt ihrer Tasche.«

Aimées Schultern sanken herab. »Warum?«

»Eine Tatverdächtige sollte bei einem Mordfall kooperieren!«, polterte er.

Sie versuchte, ihren aufflammenden Ärger zu unterdrücken, und entgegnete ruhig: »Ich habe nichts zu verbergen.«

Dann packte sie ihr Handy, die abgelaufene Métro-Monatskarte, ein Ersatz-Modemkabel, zwei Hüllen mit blauschwarzer Wimperntusche, Visitenkarten, eine Packung Nicorette-Kaugummi, den Miniwerkzeugsatz sowie ein oft gelesenes Handbuch über Software-Entschlüsselung, das mit rotem Nagellack verschmiert war, aus.

In der Tür, die zu Lili Steins Schlafzimmer führte, drehte Morbier sich noch einmal um, sein Gesichtsausdruck war schwer zu deuten. »Wir sehen uns im Commissariat. Gleich morgen früh.« Er nickte dem Beamten zu. »Bringen Sie sie nach Hause.«

Mittwochabend

Hartmut Griffe, Wirtschaftsberater aus Deutschland, meinte einen bitteren Geschmack im Mund wahrzunehmen, als der Pilot den Anflug auf Charles de Gaulle ankündigte. Doch es hatte nichts mit der trockenen Kabinenluft zu tun, das wusste er.

Fünfzig Jahre, und nun kam er zurück. Sein Herz raste. Trotz der Operationen hatte er Angst, nach all den Jahren erkannt zu werden. Und was, wenn sie trotz allem irgendwie noch am Leben war?

Plötzlich glänzten kleine Stecknadellichter durch die neblige Abenddämmerung. Das Fahrwerk rumpelte beschwerlich unter ihm, und sein Magen zog sich zusammen. Er kämpfte gegen die Übelkeit, als das Flugzeug aufsetzte und quietschend entlang der blaugrünen Leuchtstreifen über die Landebahn rollte. Griffe hatte sich geschworen, niemals hierher zurückzukommen. Das Flugzeug hielt mit einem Ruck.

»Wie geht es Ihnen, mein Herr?« Ilse Häckl, seine Ansprechpartnerin im Ministerium, begrüßte ihn am Gate mit einem breiten Lächeln, das ihre Grübchen zeigte.

Griffe fing sich und verzog die Mundwinkel zu einem kurzen Lächeln. Was machte sie hier?

Mit ihrer fülligen Figur, den rosigen Wangen und ihrem schneeweißen Haar, das sie zu einem Dutt aufgesteckt trug, wurde Ilse von Kollegen, die neu im Büro waren, oft für irgendjemandes Großmutter gehalten. In Wahrheit leitete sie einen Bereich des Wirtschaftsministeriums, und Neulinge begriffen das schnell – oder sie waren bald weg vom Fenster.

»Hallo Ilse, sollten Sie nicht im Urlaub sein, in …« Er zögerte und überlegte. Wo wollte sie noch mal hin?

»Tirol, ja.« Sie zuckte die Schultern und strich ihr formloses Kleid glatt. »Aber mein Auftrag, ich meine, mein Job, Herr Griffe, besteht darin, Ihnen in jedweder Form zur Seite zu stehen.« Sie stand stramm, so gut wie eine ältere Dame in hautfarbener Stützstrumpfhose das eben konnte.

»Danke schön, Ilse. Ich weiß das zu schätzen«, sagte er etwas verwirrt, aber entschlossen, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen.

An der Bordsteinkante verfrachtete sie ihn in einen schwarzen Mercedes. Sie nahmen die Autoroute 1 nach Paris, schmale Lichtschlitze ließen die eintönigen Reihen des sozialen Wohnungsbaus erahnen. Nach dem Autobahnkreuz tauchte rechts die Sacré-Cœur auf, wie eine elliptische Perle, die im Mondlicht badete.

Die Skyline von Paris erstrahlte, aber anders, als er es in Erinnerung hatte. Sie war größer, heller, ein zerklüftetes Lichtermeer, das bereit schien, ihn zu verschlingen. Schon in diesem Moment wäre er am liebsten geflohen.

Ilse saß neben ihm auf der Rückbank. Sie räusperte sich. »Die kamen heute Nachmittag«, sagte sie und reichte ihm einen Stapel Faxe. »Und dies gerade eben, eine Nachricht aus Bonn.«

Überrascht von der direkten Einmischung des Ministeriums beugte er sich vor. Was war denn plötzlich los?, fragte er sich.

»Haben Sie es gelesen?« Griffes Augen verengten sich beim Überfliegen des Ausdrucks aus Bonn.

»Mein Herr …«, begann sie.

»Ja, ja«, unterbrach Griffe und sah sie direkt an. »Aber Sie sind hier, um sicherzustellen, dass ich mich für dieses Handelsabkommen einsetze.« Er schlug auf das Papier. »Oder etwa nicht?«

Ilse rutschte ein wenig hin und her, hielt aber den Kopf hoch erhoben. Dann steckte sie eine lose weiße Haarsträhne zurück in ihren Haarknoten. »Unter den Linden, mein Herr«, sagte sie leise.

Hartmut Griffe spürte, wie er eine Gänsehaut bekam. Mein Gott, sie war eine von ihnen.

Jetzt verstand er, warum er ohne Vorwarnung nach Paris geschickt worden war. Die Werwölfe, eine geheime Nachfolgeorganisation der alten SS, operierten immer noch in Blitzkrieg-Manier.

Der Mercedes fuhr auf den gepflasterten Innenhof des Hôtel Pavillon de la Reine, das seit dem siebzehnten Jahrhundert unauffällig in dieser Ecke des Marais versteckt lag. Dieser Teil des Viertels, in dem der Adel residiert hatte, bis der Hof nach Versailles zog, war einstmals voller heruntergekommener Villen und baufälliger Stadtpalais gewesen – den hôtels particuliers – und später zu einem jüdischen Ghetto geworden, bis Malraux den Großteil der Bauten vor der Abrissbirne rettete. Die Gentrifzierung hatte auch vor diesem Stadtteil nicht haltgemacht, und die alten Häuser und Wohnungen waren nach und nach renoviert worden. Mittlerweile galt das Marais als eins der angesagtesten Viertel von Paris.

Griffe hätte sich nicht gewundert, wenn ein livrierter Diener in gepuderter Perücke zur Begrüßung auf ihn zugeeilt wäre. Stattdessen wurde die Tür von einem nichtssagenden Gesicht mit Headset und Mikrofon unter dem Kinn geöffnet.

»Willkommen et bienvenu, Monsieur«, sagte der Typ mit dem Headset.

Oben verschwand Ilse in dem Zimmer neben Griffes Suite. Er starrte auf sein Gepäck, ohne es auszupacken, und seine Finger zitterten, als er sich durch das immer noch volle weiße Haar fuhr. Die alten Narben waren kaum noch zu spüren, aber er wusste natürlich, dass sie immer noch da waren.

Mit seinen achtundsechzig Jahren, von schlanker Statur und braun gebrannt, war Griffe zu eitel, um eine Brille zu tragen, und ein permanentes Zwinkern prägte sein markantes Gesicht. Als er jetzt allein zwischen den antiken Schränken und goldgerahmten Gemälden stand, fühlte er eine große Leere in sich aufsteigen.

Er öffnete die Balkontüren und trat hinaus in die eisige Luft. Unter ihm lagen ein verlassener Spielplatz und der Brunnen des abgesperrten Place des Vosges.

Warum hatte er den Minister nicht einfach ignoriert? Nun – er kannte den Grund. Als heimlicher Strippenzieher vorausgegangener Handelsvereinbarungen und Abkommen hielt nur seine Lobbyarbeit die EU-Abgeordneten zusammen. Aber musste der Handelsgipfel ausgerechnet hier stattfinden?

Unter dem mit Taubendreck beschmutzten Denkmal, das Louis XIII. auf seinem Pferd zeigte, hatte er sich vor so vielen, vielen Jahren von der einzigen Frau verabschiedet, die er jemals geliebt hatte. Einer Französin. Einer Jüdin.

Sarah.

Er hörte das Gurren der Tauben, und die klamme Kälte des frühen Novemberabends zog durch die offenen Balkontüren herein. Er umklammerte den Türgriff, um das Zittern seiner Hände in den Griff zu bekommen. Was, wenn ihn jemand erkannte und seine Vergangenheit lauthals herausposaunte?

Unter den Linden – das war der Befehl. Zugleich war es der Code der Werwölfe für: Eines Tages werden wir unter den blühenden Lindenbäumen Berlins zu einem neuen Reich zusammenfinden. Das Dritte Reich wird wiederauferstehen.

Er fühlte sich nicht in der Lage zu arbeiten und starrte auf die restaurierten rosafarbenen Häuserfassaden auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes. Ich bin nur ein alter Mann mit alten Erinnerungen, dachte er schließlich. Alle anderen hatten sich vor langer Zeit in Staub aufgelöst.

Vor fünfzig Jahren war er jung gewesen, und Paris hatte sich vor ihm ausgebreitet wie ein Lichterfeld, dessen Früchte man nur pflücken musste. Ein leichtes Spiel, denn damals war Hartmut Griffe Offizier der SiPo-SD – der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdiensts der Gestapo. Und er war zuständig dafür, das Marais von den Juden zu säubern.

DONNERSTAG

Donnerstagmorgen

Aus der silbrig fließenden Seine stieg kalter Morgendunst. Aimée spazierte den moosbewachsenen steinigen Quai entlang und überlegte, ob sie diesen Hecht anrufen sollte. Keinen Kontakt, hatte er gesagt. Aber zumindest für ihre Person hatten sich die Regeln verändert, seit sie Lili Stein tot aufgefunden hatte.

Sie überquerte den Pont Neuf, immer noch glitten unter der Brücke vereinzelt einige erleuchtete bâteaux mouches dahin, während die Morgennebel über den Fluss krochen wie Gespenster. Auch vor dem Café Magritte, das sich unter ihrem Büro in der Rue du Louvre befand, hing dichter Nebel.

Drinnen am Zinktresen tauchte sie ihr Croissant in eine dampfende Schale café au lait. Die Espressomaschine zischte wie ein Düsenflieger beim Start.

Sie hatte einen einfachen Auftrag angenommen, aber der Einsatz war mit diesem grausamen Mord in die Höhe geschnellt. Morbier hatte sie wie eine Verdächtige behandelt und nach Hause eskortieren lassen, ob nun, um sich Autorität vor seinen Lakaien zu verschaffen, oder … Sie wollte den Gedanken lieber nicht zu Ende denken. Nichts an der ganzen Sache fühlte sich richtig an. Sie fröstelte bei der Erinnerung an den Ausdruck auf Lili Steins Gesicht.

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