Die Eiserne See - Wilde Sehnsucht - Meljean Brook - E-Book

Die Eiserne See - Wilde Sehnsucht E-Book

Meljean Brook

4,4
8,99 €

Beschreibung

Zwei Jahrhunderte lang lebte England unter dem grausamen Joch der Mongolen. Der Pirat Rhys Trahaearn befreite das Land schließlich aus dem Griff des Feindes und wurde dadurch zum Volkshelden. Inzwischen wird er der Eiserne Herzog genannt und gehört zu den einflussreichsten Männern Englands. Als von einem Luftschiff eine Leiche vor seiner Tür abgeworfen wird, nimmt die Inspektorin Mina Wentworth die Ermittlungen auf. Sie ist fasziniert von dem attraktiven Herzog, weiß jedoch, dass sie sich auf ein Spiel mit dem Feuer einlässt. Der rätselhafte Mordfall bringt sie auf die Spur einer Verschwörung, die ganz England bedroht.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 626

Bewertungen
4,4 (48 Bewertungen)
30
9
9
0
0



Inhalt

Titel

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

Impressum

WILDE SEHNSUCHT

Roman

Ins Deutsche übertragen von Beate Bauer

1

Mina hätte nicht gedacht, dass ausgerechnet Zucker den Ball der Marquise von Hartington scheitern lassen würde; sie hatte eher geglaubt, das Tanzen würde es tun. Allerdings hatte die gute Laune der Gastgeberin die Gäste darüber hinwegsehen lassen, dass weniger als vierzig von ihnen die Schritte kannten und sie trotzdem die ersten Quadrillen gemeistert hatten. Als jedoch die Temperatur im Raum wärmer, das Gelächter lauter und das Getratsche lebhafter wurde, sorgte der Tisch mit den Erfrischungen dafür, dass der Erste Jährliche Siegesball einen katastrophalen Verlauf nahm.

Was bedeutete, dass Mina das Ereignis viel mehr genoss, als sie erwartet hatte.

Nicht, dass es nicht so großartig gewesen wäre, wie alle vorausgesagt hatten; die Instandsetzung von Devonshire House hatte, wie nicht zu übersehen war, Hartington einiges gekostet. Mit zahllosen Kerzen versehene Lüster tauchten alle in dem großen Ballsaal in ein vorteilhaftes Licht. Verborgene Gaslampen beleuchteten die riesigen Wandgemälde, die den Raum schmückten; noch hatte ihr Rauch die mit Seidentapeten ausgekleideten Wände nicht verschmutzt. Auf der Galerie spielten richtige Musiker, und ihre Violinen klangen viel schöner als die mechanischen Instrumente, an die Mina gewöhnt war – und viel schöner als das trockene Husten von vierzig Gästen, die allesamt Bounder waren.

Vor zweihundert Jahren, als ein Großteil der Europäer vor der Kriegsmaschinerie der Horde geflohen war, hatten sich ein paar Engländer angeschlossen. Doch eine Schiffspassage über den Atlantik war nicht billig gewesen, und obwohl nicht alle Familien, die von England aus in die Neue Welt aufgebrochen waren, dem Adel angehörten, waren sie doch fast alle recht begütert gewesen. Nachdem der Eiserne Herzog England von der Macht der Horde befreit hatte, waren viele von ihnen nach London zurückgekehrt, um ihre Titel und ihren Reichtum zur Schau zu stellen. Jetzt, neun Jahre nach dem Sieg Britanniens über die Horde, hatten die adligen Bounder beschlossen, einen Ball zu organisieren, um die neu gewonnene Freiheit des Landes zu feiern, obwohl sie selbst kein Blut vergossen hatten, um sie zu erlangen. Großzügigerweise hatten sie auch all die anderen eingeladen, die keine großen Namen, jedoch Titel trugen.

Auf den ersten Blick konnte Mina keine großen Unterschiede unter den Gästen ausmachen. Die Bounder sprachen mit leichterem Akzent, und die Kleider ihrer Frauen zeigten weniger Haut an Hals und Armen, doch ihre Kleidung entsprach der aktuellen Mode der Neuen Welt. Trotzdem vermutete Mina, dass vierzig der Gäste nicht einmal ahnten, wie sehr dem Rest der Gesellschaft diese Kleider am Herzen lagen.

Und wahrscheinlich ahnten sie auch nicht, wie eigensinnig der Rest der Gesellschaft sein konnte, trotz ihres Hungers und Durstes.

Mina saß mit ihrer Freundin an der südlichen Wand des Ballsaals und wartete darauf, dass die Bewirtung begann. Angesichts von Felicitys Zustand musste sie wahrscheinlich selbst dafür sorgen. Blassblauer Satin bedeckte den hochschwangeren Bauch ihrer Freundin. Beim Anblick eines solchen Bauchs, der versorgt sein wollte, verstand Mina gar nicht, dass Felicity nicht fortwährend hungrig war und alles, was ihr zwischen die Finger kam, verschlang. Wenn keine zuckerfreien Kuchen zur Verfügung standen, konnte sie ja mit den Boundern anfangen.

»Wenn Richmond so lange fortbleibt, hat er bestimmt nichts gefunden.«

Unter dem aufwendig in Locken gelegten blonden Haar, bei dessen Anblick Mina, als sie es vorhin zum ersten Mal gesehen hatte, in Lachen ausgebrochen war, suchte Felicitys Blick die Menge nach ihrem Mann ab. Mit einem Seufzen drehte sie sich zu ihrer Freundin um. »Oh, Mina. Du bist viel zu vergnügt. Ich bezweifle, dass jemand handgreiflich wird.«

»Das sollten sie aber.«

»Denkst du, es ist eine Beleidigung, süße und kräftige Limonade auszuschenken? Und Kuchen aufzutürmen?« Felicity rieb sich den Bauch und blickte sehnsüchtig zu den Kuchenbergen. Mina vermutete, dass sie als Symbol für Englands Sieg über die Horde bereits verschlungen worden sein sollten, doch türmten sie sich noch immer auf. »Bestimmt ist ihnen gar nicht klar, wie viel uns das bedeutet.«

»Oder sie haben gedacht, man muss uns wie Kindern zeigen, dass wir importierten Zucker essen können, ohne zu Sklaven zu werden.«

Vor zweihundert Jahren hatte die Horde ihre Naniten wie unsichtbare Bazillen in Tee und Zucker versteckt und diese billig verkauft. Die Horde hatte keine Kriegsflotte, und während Europa vor der Horde geflohen war, war Britannien durch das Meer und eine starke Schiffsflotte geschützt. Und so hatten sie jahrelang mit Tee und Zucker gehandelt, und England hatte sich in Sicherheit gewiegt.

Bis die Horde die »Bugs« aktiviert hatte.

Deshalb mied seither jeder, der in England geboren war, Zucker, wenn er nicht von Feldern auf britischem Boden kam und in einer der erst kürzlich errichteten Raffinerien verarbeitet worden war – und nach zweihundert Jahren, in denen die Horde horrende Steuern erhoben hatte, hatte sowieso niemand mehr genug Geld, um sich diesen Luxus leisten zu können. Rübenzucker war neu in England und so wertvoll wie Gold für die Franzosen oder wie die Technologie der Horde für die Schmuggler im Indischen Ozean und in der Südsee.

»Du gehst zu hart mit ihnen ins Gericht, Mina. Der Ball selbst ist eine Gefälligkeit. Und er muss sehr teuer gewesen sein.« Felicity blickte sich beinahe verzweifelt um, als würde sie der Gedanke schmerzen, wie viel das alles gekostet haben musste.

»Hartington kann es sich offensichtlich leisten. Schau nur die vielen Kerzen.« Mina wies mit dem Kinn in Richtung der Lüster.

»Sogar deine Mutter benutzt Kerzen.«

Das war nicht das Gleiche. Gas kostete beinahe nichts; Kerzen, vor allem aus Wachs von guter Qualität, konkurrierten als Luxusartikel mit Zucker. Ihre Mutter benutzte Kerzen während ihrer Liga-Treffen, jedoch nur, damit das gedämpfte Licht die schlimmsten Verschleißerscheinungen verbarg. Wiederholtes Reinigen der Wände sorgte dafür, dass die Rauchspuren verschwanden, die jedes Heim in London aufwies, allerdings kam der Putz schon unter den Tapeten hervor, und die Teppiche waren in der Mitte abgewetzt. Das Sofa war nicht erneuert worden, seit die Horde England besetzt hatte. Doch in Devonshire House brauchte man keine Kerzen, um zu verbergen, was hellere Gaslampen offenbarten.

»Meine Mutter will sichergehen, dass sich jeder ihrer Gäste wohlfühlt.« Körperlich wohl, unter allen Umständen. Mina ging jedoch davon aus, dass ihre Mutter nichts gegen das Unbehagen tun konnte, das sie beide den Besuchern einflößten. »Gefälligkeit sollte nicht dazu führen, alte Wunden aufzureißen, Felicity. Eine Gefälligkeit wäre es gewesen, Nachtisch mit Rübenzucker oder Honig anzubieten.«

»Vielleicht«, sagte Felicity, die offensichtlich nicht gewillt war, so schlecht von den Boundern zu denken, aber dennoch zugeben musste, dass man es hätte besser machen können. Sie warf noch einen Blick auf die Kuchenberge. »Meine hätte Mousse angeboten.«

»Deine was hätte Mousse angeboten?«

»Meine Tafel, wenn ich einen Ball geben würde. Lach nicht, Mina. Vielleicht tue ich es eines Tages.«

Selbst wenn die Börse ihrer Freundin besser gefüllt gewesen wäre, konnte Mina sich nicht vorstellen, dass Felicity je so übermütig gewesen wäre, einen Ball auszurichten. Der sehnsüchtige Blick ihrer Freundin überraschte Mina. Sie verkniff sich das Lachen und nickte.

Felicity verstand es als Aufforderung und sagte: »Ich habe gehört, dass es auf den Antillen eine Mousse aus Liberé-Schokolade gibt, die so leicht ist, dass sie wie ein Luftschiff schweben kann, und Eclairs, gefüllt mit Sahne. In Lusitanien backen sie Massa Sovada …«

Mina verscheuchte eine Vision von schwebenden Moussebällchen mit Eclairs darunter. »Massa was?«

»Süßes portugiesisches Brot.« Felicitys Augen weiteten sich unschuldig. »Die Lamplighter Gazette hat eine neue Seite, auf der sie Nachspeisen aus der Neuen Welt vorstellt. Sie wandelt darin auf den Spuren der Folgen eines Fortsetzungs-Abenteuerromans. Bestimmt hast du dir die Rezepte angesehen, nachdem du die letzte Folge von Archimedes Fox gelesen hast.«

Mina errötete und hoffte, das Kerzenlicht würde es verbergen. Ihre Familie konnte sich gerade mal zwei Hausmädchen und einen Koch leisten. Andere Familien kümmerten sich selbst um ihren Haushalt; wenn man das Mina oder ihren Eltern überlassen würde, würden sie wahrscheinlich Hunger leiden und ihr Stadthaus würde verkommen.

Um von ihrer Verlegenheit abzulenken, sagte sie: »Du würdest deinen Tisch also decken wie auf dem nördlichen amerikanischen Kontinent. Mit Mousse-Inseln von den Antillen, einer Halbinsel lusitanischen Brots, übertroffen von …« Was aß man in der kastilischen Wildnis? Mina hatte keine Ahnung – und einen Bounder konnte sie nicht fragen. Nachdem sie beinahe ihr gesamtes Territorium und die ursprünglichen Handelsrouten zu den Spaniern verloren hatten, redeten die Bounder, als ob sich die Kastilier an Menschenherzen labten.

»Flan«, erwiderte Felicity. Sie rieb sich erneut den Bauch. »Zitroneneis aus Manhattan City und holländische Backwaren aus Johannesland.«

Und Walfischspeck von den Eingeborenen weiter nördlich. Mina starrte ihre Freundin erstaunt an. »So langsam glaube ich, dass du gar nicht schwanger bist. Du bist einfach nur dick geworden, weil du zu viele Rezepte gelesen hast.«

»Wenn man allein vom Lesen dick werden könnte, dann wäre ich es.« Sie warf Mina einen strengen Blick zu. »Tu nicht so, als ob sie dich nicht reizen.«

Mina konnte sehr gut so tun als ob. Sie war sehr geübt darin. »Zumindest weiß ich jetzt, warum die Bounder allesamt so schlechte Zähne haben. Und weshalb ich einen Zugewanderten von einem Bugger unterscheiden kann, wenn ich nur einen Blick in seinen Mund werfe.«

Felicity schlug sich die Hand vor den Mund, und Mina war plötzlich dankbar, dass Bugger nicht an Schwangerschaftsübelkeit litten. Ihre Freundin hatte auch ohne schwanger zu sein einen empfindlichen Magen.

»Mina, du hast es versprochen! Wir hatten doch beschlossen, zumindest einen Abend nicht über Leichen zu sprechen.«

»Ich habe nicht Leiche gesagt.« Obwohl sie das gemeint hatte. Doch es spielte keine Rolle; da war kaum ein Unterschied. »Die Zähne verfaulen auch außerhalb der Köpfe der Lebenden.«

»Schhhh.« Felicity unterdrückte ein Lachen und warf einen Blick in die Runde, um sicherzugehen, dass niemand mitgehört hatte. »Du suchst immer nach dem Schlechtesten in jedem.«

»Ich wäre nicht gut in meinem Job, wenn ich es nicht tun würde.« Das Schlechteste in jedem war es, was zu Mord führte.

»Du liebst es, nach dem Schlechtesten in den Boundern zu suchen. Aber man kann ihnen nicht vorwerfen, dass uns ihre Vorfahren verlassen haben, so wie man uns nicht vorwerfen kann, dass wir Zucker und Tee von der Horde gekauft haben.«

Nein, die Bounder hatten England nicht aufgegeben – und wenn das Minas einziger Groll gegen sie war, dann hätte sie ihre Abneigung auch gleich beerdigen können. Trotzdem konnte sie sich diese Abneigung nicht erklären; Felicity dachte einfach zu gut von ihnen, und sie war von der Neuen Welt allzu begeistert.

Die Bounder waren ein Teil dieser Faszination – und sie waren ein Teil der Neuen Welt, auch wenn sie sich selbst als Engländer begriffen und von allen als Brits bezeichnet wurden, außer von denjenigen, die auf den Britischen Inseln geboren waren.

Zum Teufel mit ihnen, wahrscheinlich hatten sie nicht einmal bemerkt, dass es zwischen England und Britannien einen Unterschied gab.

Was die Bounder auch immer zu sein glaubten, sie waren jedenfalls nicht wie Minas oder Felicitys Familie – oder wie diejenigen in den unteren Schichten, die für die Arbeit verändert und versklavt worden waren. Bounder waren nicht unter der Herrschaft der Horde geboren worden. Und Mina verübelte es ihnen, dass sie nach ihrer Rückkehr davon ausgingen, dass sie besser als die Bugger wussten, wie man lebte. Sie hatten ihre Ballsaison in Manhattan City und waren entschlossen, die Tradition in London fortzusetzen, obwohl die meisten, die hier geboren waren, nicht im Traum daran denken konnten, ihren eigenen Ball auszurichten. Und auch wenn der Ball für vergnügliche Unterhaltung sorgte, hatten die Bugger wichtigere Dinge im Kopf – wovon sie zum Beispiel ihre nächste Mahlzeit bezahlen sollten und ob sie dafür Arbeit finden würden.

Die Bounder hatten solche Sorgen nicht. Sie waren zurückgekommen, und ihre Köpfe waren voller großartiger Ideen und guter Absichten, und sie hatten vor, sie dem Rest von England aufzudrängen.

Doch waren ihre Pläne nicht unbedingt zum Nutzen ihrer früheren Landsleute. Ganz und gar nicht. Innerhalb von Manhattan City war guter Wohnraum unmöglich zu finden, es gab auf der langgezogenen Prince George Island keinen Platz mehr, und die Holländer würden keine Gebiete auf dem Festland abtreten. Die Adligen kehrten also zurück, um ihre Ländereien und ihre Parlamentssitze zurückzuverlangen, die Händler, um zu besorgen, was den Adligen nicht gehörte, und allesamt blickten sie auf die armen Bugger herab, die unter dem Joch der Horde herangewachsen waren.

Oder um von ihnen abgestoßen zu sein. Minas Blick suchte nach ihrer Mutter. Selbst in der Menge war sie leicht auszumachen – eine kleine Frau mit weißblondem Haar, die purpurfarbenen Satin trug. Eine Brille mit getönten Gläsern beherrschte ihr schmales Gesicht. Breite Messingarmreifen in Krakenform schmückten ihre behandschuhten Arme, und sie führte drei anderen Damen – allesamt Bounder – den Mechanismus vor. Als ihre Mutter den kugelförmigen Kopf des Kraken drehte, öffneten sich die Tentakeln, die um ihr Handgelenk geschlungen waren. Die Damen applaudierten sichtbar begeistert, und obwohl Mina nicht hören konnte, was sie sagten, vermutete sie, dass sie ihre Mutter fragten, wo sie diese einzigartigen Armreifen erstanden hatte. Solche Aufziehmechanismen wurden sowohl als technische Neuerung als auch als Schmuck geschätzt – und sie waren teuer. Mina bezweifelte, dass ihre Mutter ihnen erzählte, dass die Armreifen von ihr selbst entworfen und in ihrer kalten Dachwerkstatt hergestellt worden waren.

Jedenfalls lenkten diese neuartigen Armreifen die Damen nicht von ihrem eigentlichen Interesse ab. Während sie sprachen, warfen sie verstohlene Blicke auf die Augen ihrer Mutter. Eine Dame beugte sich sogar vor, als wollte sie die Armbänder aus einem anderen Blickwinkel betrachten – und konnte aus diesem Blickwinkel besser hinter die Augengläser ihrer Mutter schauen. Die Kinnlade klappte ihr herunter.

Nur selten gelang es jemandem, seine Überraschung zu verbergen, wenn er einen Blick auf die schimmernden Augäpfel erhaschen konnte, die sich hinter den Brillengläsern verbargen. Ein paar starrten sie unverblümt an, als wären die künstlichen Augen blind und nicht vielmehr so scharf wie ein Teleskop und ein Mikroskop zugleich. Diese Dame machte da keine Ausnahme. Sie hörte nicht auf, sie mit einem Ausdruck anzuschauen, der eine Mischung aus Faszination und Abscheu war. Wahrscheinlich erwartete sie solche Veränderungen an einem Bergarbeiter – nicht jedoch an der Gräfin von Rockingham.

Aber wenn verspiegelte Augen die Frau noch immer erschreckten, hatte sie wohl noch nie einen Bergarbeiter zu Gesicht bekommen. Und wenn sie die Geschichte von den Augen ihrer Mutter hörte, würde ihr Blick sehr bald nach Mina suchen.

Felicity war anscheinend Minas Blick gefolgt. »Und was ist heute Abend das Ziel deiner Mutter?«, fragte sie. »Ein Ehemann für dich oder neue Mitglieder für die Frauenreformationsliga?«

Minas Freundin unterschätzte die Effizienz ihrer Mutter. »Beides.«

So erfolgreich ihre Mutter auch sein mochte, war es doch wahrscheinlicher, dass sie neue Rekrutinnen für ihre Liga fand. Einen Ehemann für Mina zu finden, war so wahrscheinlich, wie wenn König Edward seinen Namen leserlich schreiben würde. Mina ging auf die dreißig zu, ohne jemals die Aufmerksamkeit eines ebenbürtigen Mannes auf sich gezogen zu haben. Nur Bounder, die das Verbotene reizte, oder Engländer, die sich für die Schrecken der Mongolenherrschaft rächen wollten – und Mina ähnelte diesem Volk –, interessierten sich für sie.

Ein lautes Husten zog Minas Aufmerksamkeit auf sich. Ein Bounder, rot im Gesicht, nahm sein Taschentuch vom Mund. Sein Blick traf den von Mina und schnellte zur Seite.

Sie blickte Felicitiy mit gerunzelter Stirn an und wartete auf ihren Kommentar.

Felicity sah, wie der Mann wegging. »Ich nehme an, es spielt keine Rolle. Sie werden sich bald aufs Land zurückziehen oder in die Neue Welt zurückkehren.«

Ja, bald würden sie verschwinden. Der Erfolg in Amerika hatte sie zu selbstsicher gemacht. Sie hatten sich in unbesiedeltem Land ein neues Leben geschaffen, hatten es so gezähmt, dass es ihren Bedürfnissen entsprach. Und jetzt dachten sie, sie könnten zurückkommen und London ummodeln – stattdessen wurden sie von London umgemodelt. Der einzige Weg, in der Stadt zu überleben, war, sich selbst mit den winzigen Apparaten zu infizieren, vor denen ihre Vorfahren vor zweihundert Jahren geflohen waren. Ohne die Bugs würden ihre Lungen so schwarz wie ein Schornstein werden.

Ein paar Bounder gaben schließlich nach und ließen sich das infizierte Blut spritzen. Doch selbst mit denselben Naniten in ihren Körpern waren sie noch lange nicht wie die Bugger, die in England geboren waren. Noch immer dachten sie wie Bounder, redeten wie Bounder und hatten die Interessen von Boundern. Die Bugs änderten daran nichts.

Direkt neben Mina erklang ein Räuspern. Sie wandte sich um. Ein rothaariges Mädchen in einer schwarzen Uniform machte einen Knicks. Obwohl Mina aufgefallen war, dass die Dienstboten aus der Neuen Welt normalerweise ihren Blick senkten, schien das Mädchen sich nicht dazu durchringen zu können. Fasziniert und argwöhnisch blickte sie Mina an. Die Handelsrouten der Horde führten nicht über den Atlantik in die Neue Welt, und nur wenige von der Horde waren in England geblieben. Möglich, dass das Mädchen nie zuvor einen Mongolen gesehen hatte – oder, in Minas Fall, eine Mongolin.

Mina zog die Brauen hoch.

Das Mädchen errötete und verbeugte sich. »Ein Herr möchte Sie gerne sprechen, Mylady.«

»Oh, sie ist keine Lady«, sagte Felicity sorglos. »Sie ist eine Kriminalinspektorin.«

Die übertriebene Betonung des letzten Wortes schien das Mädchen zu verwirren. Sie wurde rot und nervös. Vielleicht fragte sie sich, ob Inspektorin eine Beleidigung der Bugger war?

»Was für ein Herr?«

»Ein Konstabler Newberry, Mylady. Er möchte Ihnen eine Nachricht überbringen.«

Mina runzelte die Stirn und erhob sich, wurde aber von Felicitys »Mina, du wirst doch nicht etwa –!« zurückgehalten.

Mina konnte zwar die Motive von opiumbenebelten Kriminellen ermitteln, jedoch nicht jedem von Felicitys Gedankensprüngen folgen. »Was werde ich nicht?«

»Deinem Assistenten ein Telegramm geschickt haben, damit du dich davonmachen kannst.«

Oh, sie hätte es tun sollen. Es wäre ganz einfach gewesen; alle von den Boundern restaurierten Häuser hatten Fernschreiber.

»Du misstrauische Kuh! Natürlich habe ich das nicht.« Sie senkte die Stimme und fügte hinzu: »Beim nächsten Ball werde ich es aber tun, wo du mich jetzt darauf gebracht hast.« Als Felicity ein Lachen hinter ihrer Hand verbarg, fuhr Mina fort: »Sagst du bitte meinem Vater und meiner Mutter Bescheid, dass ich gegangen bin?«

»Gegangen? Es ist nur eine Nachricht.«

Newberry wäre nicht persönlich gekommen, wenn es sich nur um eine Nachricht handeln würde.

»Nein.«

»Oh.« Verstehen huschte über das Gesicht ihrer Freundin und wischte ihre Erheiterung weg. »Dann lass den armen Kerl nicht warten.«

Die Augen des Mädchens weiteten sich, bevor es sich umdrehte, um Mina aus dem Ballsaal zu führen. Sie konnte sich vorstellen, was das Mädchen dachte, doch Newberry war nicht der arme Kerl.

Wer auch immer ermordet worden war, war der arme Kerl.

Man hatte Newberry in ein Arbeitszimmer im Ostflügel geführt – wahrscheinlich, um die Gäste angesichts seiner Größe oder seines Konstabler-Paletots nicht nervös zu machen. Er stand in der Zimmermitte, seine Melone in den großen, kräftigen Händen. Mina konnte nicht umhin, seine Stärke zu bewundern. Kleine Automaten füllten die Bücherregale des Arbeitszimmers. Wenn sie mehr als ein paar Sekunden Zeit gehabt hätte, hätte sie nicht widerstehen können, sie aufzuziehen und zu sehen, wie sie funktionierten. Sie erkannte ein paar der profaneren Kreationen ihrer Mutter, die über das Geschäft des Schmieds verkauft worden waren – einen Hund, der mit dem Schwanz wedeln und Salto schlagen konnte, eine singende mechanische Nachtigall – und war den Gastgebern gegenüber nachsichtiger gestimmt. Sie hatten vielleicht kein Dessert serviert, doch hatten sie unwissentlich für Essen auf ihrem Tisch gesorgt.

Newberrys Augen weiteten sich kurz, als er sie sah. Sie hatte in seiner Anwesenheit noch nie einen Rock getragen, geschweige denn eine gelbe Satinrobe, die ihr Schlüsselbein und mehrere Zentimeter Haut zwischen ihren Flügelärmeln und den langen weißen Handschuhen freiließ.

Doch er musste gewusst haben, dass sie nicht wie sonst gekleidet war, und war bei ihr vorbeigefahren. Ihr Überzieher, Waffen und die Schutzweste hingen über seinem linken Unterarm. Es gab keinen Zweifel daran, dass sie gehen würden, und er hatte es so eilig gehabt, dass er sich nicht einmal rasiert hatte. Abendliche Bartstoppeln umgaben den roten Schnurrbart, der an den Mundwinkeln herabhing und über die Kinnbacken bis zu den Koteletten reichte. Der Bart ließ ihn viel älter als zweiundzwanzig erscheinen und gab ihm das Aussehen eines großen, beschützenden Hundes – ein passender Eindruck. Newberry glich einem Wolfshund: freundlich und treu, bis ihn jemand bedrohte. Dann bestand er nur noch aus Zähnefletschen.

Nicht jeder Bounder, der zurückkehrte, hatte einen Titel und eine dicke Brieftasche. Newberry war zurückgekommen, damit seine junge Frau, die an Schwindsucht litt, mit den Bugs infiziert werden und überleben konnte.

»Berichten Sie, Newberry.« Sie nahm die ärmellose, eng anliegende Schutzweste, deren Drahtgeflecht sie vom Hals bis zu den Hüften schützte. Normalerweise trug sie sie unter ihrer Kleidung, doch diese Möglichkeit hatte sie jetzt nicht. Mina legte sie an und begann, die Schnallen auf der Vorderseite zu schließen.

»Wir müssen zur Isle of Dogs, Sir. Inspektor Hale hat ausdrücklich Sie damit betraut.«

»Oh?« Womöglich hatte dieser Mord mit einem anderen zu tun, den sie untersucht hatte. Die Docks im Osten von London waren nicht mehr so rau, wie sie es früher einmal waren, doch sie war noch oft genug dort. »Wer ist es diesmal?«

»Der Herzog von Anglesey, Sir.«

Was? Ihr Blick schnellte von einer Schnalle hinauf zu Newberrys ernstem Gesicht. »Der Eiserne Herzog ist getötet worden?«

Sie war dem Mann nie persönlich begegnet, und trotzdem machte ihr Herz einen schmerzhaften Satz. Rhys Trahaearn. Ehemals Piratenkapitän, kürzlich mit dem Titel des Herzogs von Anglesey versehen – und, nachdem er den Turm der Horde zerstört hatte, Englands gefeiertster Held.

»Nein, Inspektor. Es ist nicht Seine Hoheit. Er hat den Mord nur gemeldet.«

Newberry klang entschuldigend. Vielleicht hatte er nicht erwartet, dass sie die gleiche Verehrung für den Eisernen Herzog verspürte, wie es beinahe ganz England tat. Mina tat es auch nicht, obwohl ihr beschleunigter Herzschlag ihr verriet, dass sie sich ein paar Geschichten über ihn zu Herzen genommen hatte. Die Nachrichtenblätter zeichneten ihn als verwegene Gestalt, romantisierten seine Vergangenheit, doch Mina hatte den Verdacht, dass er einfach ein Opportunist war, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen war.

»Dann hat er jemanden getötet?« Es wäre nicht das erste Mal.

»Ich weiß nicht, Sir. Nur, dass in der Nähe seines Hauses eine Leiche gefunden wurde.«

Mina runzelte die Stirn. In Anbetracht der Größe des Parks konnte das alles Mögliche bedeuten.

Als sie die eng sitzende Schutzweste umgeschnallt hatte, drückten die Schnürbänder der Robe unangenehm gegen ihr Rückgrat. Sie schlang sich den Pistolengurt um die Hüften; eine der Waffen war mit Patronen geladen, die andere mit Opiumpfeilen, die auf einen außer Kontrolle geratenen Bugger eine größere Wirkung hatten. Sie hielt inne, nachdem Newberry ihr die Messerscheide gereicht hatte. Normalerweise trug Mina Hosen und befestigte die Waffe an ihrem Oberschenkel. Wenn sie das Messer unter ihren Röcken an derselben Stelle befestigte, würde sie es unmöglich ziehen können. Nachts ohne ausreichend Waffen durch Ost-London zu fahren wäre allerdings leichtsinnig. Die Wade müsste ausreichen.

Sie ging auf ein Knie und raffte ihre Röcke. Newberry wirbelte herum – zweifelsohne mit hochroten Wangen. Guter Mann, ihr Newberry. Stets korrekt. Manchmal tat er Mina leid; er war ihr zugewiesen worden, kaum dass er das Luftschiff aus Manhattan City verlassen hatte.

Dann wieder dachte sie, dass es ihm guttun müsste. In den zwei Jahrhunderten waren die Briten, die in die Neue Welt geflohen waren, prüde geworden. Wahrscheinlich weil sich Cromwell und seine Separatisten dort Jahrzehnte, bevor die anderen England verließen, niedergelassen hatten, und weil alle, die in Manhattan City lebten, nicht miterlebt hatten, wie die Horde die Überreste jeglicher Religion vernichtet hatte. Ein paar wenige Traditionen waren in England übrig geblieben, doch nicht viel mehr.

Mina befestigte die Scheide unterhalb des Knies und verzog angesichts ihrer Schuhe das Gesicht. Newberry hatte ihre Stiefel nicht mitgebracht – oder ihren Hut, aber wahrscheinlich war es besser so. Sie war sich nicht sicher, ob sie ihn über ihren Haarknoten hätte ziehen können, den das Dienstmädchen zu schwarzen Locken gekämmt hatte. Sie nahm ihm den schweren Paletot ab und wandte sich zur Tür, wobei sie ein Stöhnen unterdrückte, als sie mit jedem Schritt ihre gelben Röcke hochkickte.

Von der äußeren Erscheinung her war sie eine Kriminalinspektorin, darunter eine Dame. Sie hoffte, Felicity würde sie so nicht sehen. Sie würde Mina von Stund’ an damit aufziehen.

Am Fuß der Vortreppe wartete Newberrys Zweisitzer, aus dessen Kofferraum Dampf aufstieg und der erschrockene Blicke der begleitenden Dienerschaft auf sich zog. Nach den anderen Fahrzeugen in der Auffahrt zu urteilen, waren die Diener an größere, schickere Kutschen gewöhnt, mit Messingverzierungen und Samtsitzen. Der Polizeiwagen hatte vier Räder und einen Motor, der noch nicht explodiert war, und das war das Beste, was man darüber sagen konnte.

Da es nicht regnete, war das Segeltuchverdeck aufgeklappt, und der Wagen war offen. Der Kohlenbehälter stand auf dem Beifahrersitz, weil Newberry den Brennstoff während der Fahrt eingefüllt hatte.

Newberry wurde rot und brummelte etwas, während er den Behälter auf die Holzplanken stellte. Mina zwängte ihre Röcke durch die Türöffnung des Blechrahmens, während er vorn um den Wagen herumging. Sie zog ihre Röcke auf ihre Knie hoch, und die Wangen des Konstablers brannten erneut, als er sich auf seinen Sitz schwang. Der Wagen neigte sich, und die Bank knarrte unter seinem Gewicht. Sein Bauch war zwar straff, berührte jedoch beinahe die Lenkwelle.

Newberrry schloss die Dampfklappe. Das Zischen hörte auf, und der Wagen setzte sich langsam in Bewegung. Mina seufzte. Obwohl der Lärm der Stadt nie aufhörte, verlangte es die Höflichkeit, dass die Bewohner eines Privatanwesens nicht mit Motorgeräuschen belästigt wurden. Newberry, der stets höflich war, wollte warten, bis sie die Auffahrt verlassen hatten, bevor er den Motor voll auf Touren brachte.

»Wir sind in Eile, Konstabler«, rief sie ihm in Erinnerung.

»Ja, Sir.«

Er zog den Gashebel zurück, und Minas Zähne klapperten, als der Wagen davonschoss. Rauch stieg in einer dicken, schwarzen Wolke vom Heck auf und versperrte die Sicht. Wirklich schade. Sie hätte gern den Ausdruck der Dienerschaft gesehen, als der Motor ihnen ins Gesicht hustete, doch sie und Newberry passierten das Tor, bevor die Luft wieder klar war.

Auf der breiten Piccadilly Street war nur wenig Verkehr. Die Fahrt wurde ungemütlicher, nachdem sie den Haymarket überquert hatten. Die Wohnblöcke standen nun dicht an dicht an der Straße, die Fenster wegen des Lärms geschlossen. Die Nacht verbarg das rußige Grau, das sämtliche Gebäude in London bedeckte, und kaschierte den Rauch, der im Laufe des Tages eine Dunstglocke gebildet hatte – verstärkt noch durch die Brände, die in der Vorwoche im Armenviertel von Southwark gewütet hatten. Obwohl die Feuersbrunst auf der anderen Seite der Themse beinahe erloschen war, schwelte es noch an manchen Stellen. Wenn heute Nacht Nebel aufsteigen würde, wären die Gaslaternen entlang der Straßen allesamt nutzlos. Und genauso die Laternen, die auf beiden Seiten der Vorderräder des Zweisitzers hingen.

Das Rattern des Wagens und das Motorengeräusch machten es schwer, etwas zu verstehen, und eine Unterhaltung war beinahe unmöglich, während Newberry auf die Viktrey Road starrte, die Handelsstraße, welche die Horde vom Turm zu den Docks angelegt hatte. Die Straße war einst nach Londons darga benannt gewesen – doch vor neun Jahren, als Revolutionäre die Straße entlangmarschierten, hatte man die Schilder, die den Namen des Anführers der Horde trugen, zerstört. Jemand hatte stattdessen »Viktrey« hineingekratzt, und die Straße hatte den Namen behalten. In den letzten paar Jahren waren die verunstalteten Schilder durch offizielle ersetzt worden, doch man hatte die falsche Schreibweise beibehalten.

Obwohl kein Verkehrschaos herrschte, war die Straße noch immer verstopft. Newberry bremste ab, als eine Spinnen-Rikscha vor ihnen einscherte. Die Füße des Fahrers traten rasch auf die hydraulischen Kolben, die das Fahrzeug antrieben, das wie ein Krebs über die unebene Straße kroch. Die Fahrgäste klammerten sich mit weißen Fingerknöcheln an dem Fahrzeug fest, als die Rikscha nach links schoss und gerade noch einen Zusammenstoß mit zwei Frauen vermeiden konnte, die einen Pedal-Buggy fuhren. Zu Newberrys Rechter schob sich ein riesiges Fahrzeug die Mittelspur entlang, dessen Ladefläche voller blökender Schafe war.

»Dieser Laster ist kaum an uns vorbeigekommen!«, rief Mina über den Lärm hinweg.

»Kein Wunder – er hat eine Entlüftung von der Größe des Hinterns der kastilischen Königin!« Je lauter Newberry redete, desto unanständiger wurde er. Mina fuhr gern mit ihm. »Mit genug Platz zwischen ihm und dem Motor, damit er, wenn er schneller fährt, nicht geröstet wird!«

Mina hätte sich gerne ein wenig rösten lassen. Ihr Satinkleid mochte passend für einen Ballsaal sein. Doch selbst mit dem Wollumhang drang die feuchte Kälte durch. Ihr Kleid – auf Drängen ihrer Mutter und von Geld, das man für tausend andere Dinge sinnvoller hätte verwenden können, erworben – war wie die Kerzen im Salon ihrer Mutter: reine Show. Minas Unterwäsche darunter war geflickt und abgetragen.

»Zumindest wäre es dann wärmer.«

Newberry blickte sie fragend an. Er musste gesehen haben, dass sie etwas gesagt hatte, hatte die Antwort jedoch nicht verstanden.

»Es zieht unter dem Rock!«, rief sie.

Selbst in der Dunkelheit war Newberrys Erröten zu sehen.

Weiter östlich herrschte Stau. An der Grenze von Whitechapel verkauften Kinder Kleidung und Modeschmuck auf den Bürgersteigen. Umgeben von dicken Steinmauern lebten in dem Bezirk viele Kinder noch immer in Horten, wo sie ihre eigene Hierarchie bildeten und ihre eigenen Produkte für den Verkauf herstellten – und sie waren besser dran als viele Familien außerhalb. Mina beobachtete, wie zwei halbwüchsige Kinder, die beide ein Rohrstück trugen, das Gespräch mit den Kleineren beendeten, die die Waren verkauften. Die Kinder patrouillierten ihr eigenes Territorium, und Menschendiebe hielten sich in der Nähe des Kinderhorts nicht sehr lange. Mina hatte einmal die Prügelspuren auf der Leiche eines Erwachsenen inspiziert, nachdem die Kinder ihre Art von Gerechtigkeit ausgeübt hatten.

Wie nicht anders zu erwarten, hatte niemand etwas gesehen, als sie die Kinder dazu befragt hatte.

»Sind Sie Seiner Hoheit schon begegnet?«

Mina blickte zu Newberry, als dieser ihr die Frage zurief. Er wollte oft etwas über die Persönlichkeit erfahren, bevor sie am Tatort waren, doch Mina hatte nichts Konkretes vorzuweisen. »Nein.«

Immerhin hatte sie Reisnudeln zu Trahaearns Füßen gegessen. In der Nähe des Polizeireviers von Whitehall hatte man in der Mitte des Anglesey Square eine gusseiserne Statue von ihm aufgestellt. Da sie in sechs Metern Höhe stand, hatte man keinen guten Blick auf seine Gesichtszüge. Doch von den Karikaturen in den Nachrichtenblättern wusste sie, dass er ein markantes Kinn, eine falkenartige Nase und dichte Brauen hatte, die seinen stechenden Blick finster aussehen ließen. Er wirkte kraftvoll und attraktiv, doch Mina vermutete, dass die Künstler versuchten, Englands Retter herauszuputzen, wie ihre Mutter es mit dem Salon tat, indem sie dort Kerzen anzündete.

Vielleichtwarallesanihmübertrieben.DieNachrichtenblätterspekuliertendarüber,obseineElternwalisischeGrundbesitzergewesenwarenundihnalsBabyadoptierthatten,dochwarüberseineFamilienichtswirklichbekannt.WahrscheinlichhatteseinVaterstarkeHämmeralsBeinegehabt,undseineMutterwarmitBohrernstattArmenausgestattetgewesen,underwarneunMonatenacheinemSinnenrauschineinerKohlenmineaufdieWeltgekommen,herausgepresstineinenstaubigenEimer,bevorseineMutterwiederandieArbeitgegangenwar.

Vor zwanzig Jahren war sein Name zum ersten Mal in Kapitän Baxters Logbuch auf der HMSIndomitable aufgetaucht. Trahaearn, sechzehn Jahre alt, war auf einem Sklavenschiff gewesen, das in die Neue Welt unterwegs war, und wurde mit der gesamten Mannschaft gewaltsam in die Marine gezwungen. Nach zwei Jahren war er von der Indomitable auf ein anderes englisches Schiff, die Unity, versetzt worden, eine drittklassige Fregatte, welche die Handelsrouten der Südsee überwachte.

Bevor sie Australien erreichten, hatte Trahaearn eine Meuterei angeführt, das Kommando als Kapitän übernommen und die Fregatte in Marco’s Terror umbenannt. Mit der Terror hatte er sich auf eine acht Jahre währende Piratenfahrt begeben – keine Handelsroute, keine Nation, kein Handelsschiff war vor ihm sicher gewesen. Selbst in London, wo die Horde sämtliche Nachrichten unterdrückte, die eine Schwäche in ihrer Verteidigung nahe legten, gingen Gerüchte über Trahaearns Piraterie um. Die Nachrichtenblätter verkündeten mehrfach, dass er von der Horde geschnappt worden sei. Zweimal war er sogar für tot erklärt worden.

Vielleicht hatte die Horde deshalb nicht damit gerechnet, dass er mit der Marco’s Terror die Themse hinaufsegeln und ihren Turm sprengen würde.

»Ist er verändert?«

Fast hätte Mina gelächelt. Selbst bei dem Lärm brachte Newberry es nicht über sich, das Word Bugger zu benutzen. Verändert war der höfliche Begriff dafür, mit Millionen mikroskopischer Apparate im Körper zu leben. Bugger war einmal eine Beleidigung gewesen – und war es in Manhattan City noch immer. Allerdings schien das nur noch die Bounder zu kümmern. Kein einziger Bugger, den Mina kannte, nahm Anstoß an der Bezeichnung.

Natürlich würde sie Newberry, wenn er sie bei dem Namen nennen würde, den die Horde für sie benutzt hatte –zum bi, die Seelenlosen –, die veränderten Zähne einschlagen.

»Ist er«, bestätigte sie.

»Wie hat er es gemacht?« Als Mina die Stirn runzelte, rief Newberry, der glaubte, sie hätte die Frage nicht verstanden, erklärend: »Den Turm!«

Er war nicht der Erste, der danach fragte. Die Horde hatte ein Funksignal auf kurze Reichweite um ihren Turm herum geschaffen, um so Bugger davon abzuhalten, sich ihm zu nähern. Trahaearn war infiziert worden, aber nicht gelähmt, als er das Sendegebiet betreten hatte. Minas Vater vermutete, dass die Frequenz sich verändert hatte seit damals, als Trahaearn als Kind in Wales gelebt hatte, und es ihm deshalb bei seiner Rückkehr nichts ausmachte. Die Theorie war von anderen Buggern übernommen worden, doch die Bounder glaubten lieber, dass er nicht mit Naniten infiziert worden war – obwohl Trahaearn selbst behauptete, dass er die Bugs seit seiner Kindheit in sich trage.

Die Theorie ihres Vaters klang so vernünftig wie jede andere auch. »Frequenzen!«

Newberry blickte zweifelnd, nickte jedoch.

Frequenzen oder nicht, Mina und den Buggern war es egal. Dank des Eisernen Herzogs wurden sie von den Naniten nicht länger kontrolliert, sondern unterstützt. Die Horde unterdrückte nicht länger ihre Gefühle – Gewalt, Lust, Ehrgeiz – oder versetzte sie in sinnliche Ekstase, wenn der darga ihre Vermehrung wollte.

Nach neun Jahren waren viele, die unter der Herrschaft der Horde groß geworden waren, noch immer dabei zu lernen, starke Gefühle zu kontrollieren und heftige Impulse zu unterdrücken. Nicht jeder hatte Erfolg damit, und an dieser Stelle schritt Mina ein.

Mit ein wenig Glück gehörte dieser Mord ebenfalls dazu; ein unkontrollierter Impuls, leicht nachweisbar – und der Mörder war einfach zur Rechenschaft zu ziehen.

Und mit etwas mehr Glück wäre der Mörder nicht der Eiserne Herzog. Wenn er es nämlich wäre, würde niemand zur Rechenschaft gezogen werden. Er war zu beliebt – beliebt genug, dass ganz England seine Vergangenheit, in der er vergewaltigt, gestohlen und gemordet hatte, ignorieren würde. Beliebt genug, dass man versuchen würde, seine Geschichte neu zu schreiben. Und selbst wenn die Beweise gegen Trahaearn sprechen würden, wäre er deshalb nicht ruiniert.

Doch als Ermittlerin, die ihn verhaftet hätte, wäre Mina es.

2

Als sie und Newberry die Isle of Dogs erreichten, war die kühle Abendluft beißend kalt geworden. Die Insel, die im Grunde keine war, war auf drei Seiten von einer Flussbiegung umgeben. Die Horde hatte das Marschland trockengelegt und einen Teil davon zu ihrem Geschäfts- und Handelszentrum ausgebaut – das während der Revolution geplündert und niedergebrannt worden war. Danach hatte die Krone Trahaearn Teile der Insel gemeinsam mit dem Titel offeriert, und er hatte die Docks neu errichten lassen, die jetzt den Schiffen seiner Handelsgesellschaften und den Miete zahlenden Händlern dienten. In der Inselmitte, nahe der Marshwall Docks, hatte er die Überreste von den Gebäuden der Horde niederreißen lassen und auf den Trümmern seine Festung errichtet.

Der hohe schmiedeeiserne Zaun, der den Park umgab, hatte ihm den Spitznamen Eiserner Herzog verschafft – das Eisen schloss den Rest von London aus und welche Reichtümer auch immer ein. Die eisernen Spitzen auf dem Zaun hielten jeden davon ab, ihn zu überklettern, und niemand wurde in die Festung eingeladen. Zumindest niemand aus dem Kreis von Mina oder ihrer Mutter.

Sie war sich nicht sicher, ob dieser gesellschaftlich zu hoch oder zu niedrig angesiedelt war.

Newberry hielt vor dem Tor. Als ein Gesicht an dem kleinen Fenster des Pförtnerhauses auftauchte, rief er: »Kriminalinspektor Wentworth im Polizeieinsatz! Öffnen Sie!«

DerPförtnererschien,eingrauhaarigerMannmiteinemlangengrauenBartundschwerem,klirrendemSchritt,dereineBeinprotheseverriet.EinfrühererPirat,nahmMinaan.ObwohldieKronedaraufpochte,dassTrahaearnundseineMännerFreibeutermitköniglicherBilligunggewesenseien,glaubtennureinpaarKinder,dieesnichtbesserwussten,daran.Denanderenwarklar,dassdieseGeschichteerfundenwordenwar,umnachderRevolutiondasVertrauenindenKönigundseineMinisterzustärken.TrahaearneinenTitelzugebenwareinederletztenüberzeugendenHandlungenvonKönigEdwardgewesen.DieMannschaftwarzuMitgliedernderMarineernanntunddieMarco’sTerrorindenDienstderKöniglichenMarinegezwungenworden –zuderdasSchiffangeblichschonimmergehörthatte.

Der Eiserne Herzog hatte die Terror für einen Titel und eine Festung inmitten einer Armensiedlung verhökert. Mina fragte sich, ob er diesen Tausch wirklich für lohnenswert hielt.

Der Pförtner blickte sie an. »Und das Weibsstück?«

Newberry nahm neben Mina eine drohende Haltung an. »Sie ist Lady Wilhelmina Wentworth, die Kriminalinspektorin.«

Oh Newberry. In Manhattan City bedeutete ein Titel vielleicht noch etwas. In England bedeutete er lediglich, dass ihre Familie nicht den schrecklichen Dingen ausgesetzt gewesen war, die die Unterschichten unter der Horde erlitten hatten. Und als der Pförtner sie erneut anblickte, wusste sie, was er sah – und das war nicht die Dame. Es waren auch nicht die Schulterklappen, die ihren Rang verrieten, oder das rote Band, das an ihren Ärmel genäht war und bedeutete, dass sie während der Revolution Hordenblut vergossen hatte.

Nein, er sah ihr Gesicht, schätzte ihr Alter und wusste, dass sie bei einem Sinnenrausch gezeugt worden war. Und dass aufgrund des Ansehens ihrer Familie ihre Mutter und ihr Vater sie hatten behalten dürfen, anstatt dass sie in einen der Horte gesteckt wurde.

Der Pförtner schaute ihren Assistenten an. »Wer sind dann Sie?«

»Konstabler Newberry.«

Der alte Mann kratzte sich am Bart, während er mit klirrenden Schritten zum Pförtnerhaus zurückging. »In Ordnung. Ich schicke dem Kapitän ein Telegramm.«

Er nannte den Herzog noch immer Kapitän? Mina war sich nicht sicher, ob das mehr über Trahaearns Haltung zu seinem neuen Rang verriet oder über den Pförtner. Doch egal, was das Personal von seinem Titel hielt, Trahaearn schien eine solche Anrede offensichtlich zu erwarten.

Der Pförtner kam nicht zurück – und ob nun Pirat oder nicht, er musste lese- und schreibkundig sein, wenn er ein Telegramm verfassen und die Antwort aus dem Haupthaus lesen konnte. Die Antwort kam rasch. Sie und Newberry hatten kaum eine Minute gewartet, als das Tor in gut geölten Angeln aufschwang.

Der Park war riesig, und grüner Rasen erstreckte sich weit in die Dunkelheit hinein. Hunde verfolgten Spuren entlang des Zauns, und ihre Aufseher waren wegen der Kälte dick eingepackt. Wenn sich jemand auf das Anwesen geschlichen hätte, würde er auf dem Gelände nicht viele Verstecke finden. Büsche und Bäume waren noch jung und erst gepflanzt worden, nachdem Trahaearn das Grundstück vermacht worden war.

Das Haus konnte es mit Chesterfield aufnehmen, bevor dieses große Gebäude während der Revolution niedergebrannt worden war. Zwei rechteckige Flügel ragten nach vorn und bildeten einen großen Vorplatz. Schmucklose Rahmen umgaben die zahlreichen Fenster, und die klotzige Steinfassade wurde lediglich durch das Fensterglas und das Geländer entlang des Dachrandes aufgelockert. In der Mitte des Vorplatzes plätscherte ein Brunnen. Dahinter führte die Haupttreppe in zwei Halbkreisen zum Eingang hinauf.

In der Mitte der Treppe bedeckte ein weißes Laken einen körperähnlichen Gegenstand. Das Laken wies keine Blutflecken auf. Ein Mann stand oben an der Treppe, und Mina konnte seine schmächtigen Umrisse in kerzengerader Haltung nicht sofort zuordnen. Dann war es ihr schlagartig klar: Marine. Wahrscheinlich noch ein Pirat, obwohl der hier zuvor Seemann gewesen war – oder Offizier.

Ein Haus dieser Größe erforderte ein Heer von Bediensteten, und sie und Newberry würden jeden Einzelnen befragen müssen. Bald würden sie wissen, wie viele von Trahaearns Piraten mit ihm an Land gegangen waren.

Als sie den Brunnen erreichten, wandte sie sich an Newberry. »Halten Sie hier. Bauen Sie Ihre Kamera neben dem Leichnam auf. Machen Sie Fotos von allem, bevor wir ihn bewegen.«

NewberryhieltanundkletterteausdemWagen.Minawartetenicht,biserseineAusrüstungbeisammenhatte.SiemarschierteaufdasHauszu.DerMannkamdieTreppeherunter,umsiezubegrüßen,undsiemussteihreEinschätzungrevidieren.SeineHaltungwarnichtstrikteDisziplin,sondernderAusdruckkontrollierterEnergie.SeindunklesHaarwarglattauseinemerhitzten,schmalenGesichtgekämmt.ImGegensatzzudemMannamTorwarergepflegtundplatztebeinahevorDiensteifer.

»Inspektor Wentworth.« Mit tintenschwarzen Fingern wies er auf den Leichnam, damit sie einen Blick darauf warf.

Sie hatte es nicht eilig. Der Leichnam würde nirgendwohin gehen. »Mr. …?«

»St. John.« Er sprach den Namen eher wie ein Bounder aus, mit zwei kurzen Silben. »Gutsverwalter Seiner Hoheit.«

»Dieses Gutes oder des Gutes in Wales?« Das er, soweit Mina wusste, nicht häufig besuchte.

»Des Gutes von Anglesey, Inspektor.«

Newberry ging mit der schweren Fotoausrüstung an ihnen vorbei. St. John drehte sich um, als wollte er ihm Hilfe anbieten, wandte sich jedoch wieder an Mina, als diese fragte: »Wann sind Sie aus Wales angereist, Mr. St. John?«

»Gestern.«

»Waren Sie Zeuge dessen, was hier vorgefallen ist?«

Er schüttelte den Kopf. »Ich war im Arbeitszimmer, als ich hörte, wie der Diener Chesley die Hauswirtschafterin darüber informierte, dass jemand gestürzt sei. Mrs Lavery hat dann Seine Hoheit unterrichtet.«

Mina runzelte die Stirn. Sie war doch nicht etwa hierher gerufen worden, weil sich jemand wie ein ungeschickter Tölpel benommen hatte. »Jemand ist auf der Treppe gestolpert?«

»Nein, Inspektor. Gestürzt.« Seine Hand deutete einen Sturzflug an.

Mina blickte erneut zu dem Leichnam und dann hinauf zu dem Geländer, das an der Dachkante entlangführte. »Wissen Sie, wer es ist?«

»Nein.«

Das überraschte sie nicht. Wenn er das Gut in Wales verwaltete, kannte er das Personal in London nicht besonders gut. »Wer hat ihn mit dem Laken zugedeckt?«

»Ich, nachdem Seine Hoheit das Personal ins Haus zurückgeschickt hat.«

Sie waren also alle herausgekommen, um zu gaffen. »Hat ihn irgendjemand identifizieren können?«

»Nein.«

Vielleicht hatte auch einfach nur keiner etwas gesagt. »Wo ist das Personal jetzt?«

»Sie haben sich im großen Salon versammelt.«

Wo sie die Geschichte so lange erzählen würden, bis sie davon überzeugt wären, dass sie deren Augenzeuge waren. Verdammt. Mina presste die Lippen zusammen.

Als ahnte er ihre Enttäuschung, fügte St. John hinzu: »Der Diener ist allein im Arbeitszimmer. Seine Hoheit hat ihn gebeten, dort zu bleiben. Er hat mit niemandem gesprochen, seit Mrs. Lavery es Seiner Hoheit mitgeteilt hat.«

Der Diener war ins Arbeitszimmer gebracht worden und hatte nichts gesagt?

»Aber er hat mit dem Herzog gesprochen?«

Die Antwort kam von hinten, von einer Stimme, die ihren Befehlen über ein Schiff hinweg Gehör verschaffen konnte. »Das hat er, Inspektor.«

Sie drehte sich um und erblickte einen Mann, dessen Größe der seiner Stimme in nichts nachstand. Oh, verfluchte Nachrichtenblätter. Sie waren nicht besonders nett mit ihm umgegangen – sie waren nett zu ihren Lesern gewesen, indem sie diese vor der Wirkung des Mannes beschützt hatten. Dumpfe Angst ließ sie erschaudern, ähnlich wie beim ersten Mal, als sie mit einem Rattenfänger mit messerscharfen Krallen in einer Gasse zusammengestoßen war – das instinktive Gefühl, dass sie es mit etwas Gefährlichem zu tun hatte, das sie nicht ganz einschätzen konnte.

Nicht, dass er so seltsam oder entstellt ausgesehen hätte wie ein Rattenfänger. Er war genauso markant und attraktiv, wie ihn die Karikaturen dargestellt hatten – sein Ausdruck dunkel und abweisend und mit einem so stechenden und kontrollierenden Blick wie der Zaun, dem er seinen Spitznamen verdankte. Der Eiserne Herzog war nicht so groß wie diese Statue, aber noch immer größer als ein Mann sein sollte und in den Schultern so breit wie Newberry, doch ohne die überschüssigen Pfunde.

Doch war es nicht seine Größe, die sie misstrauisch machte. Und zum ersten Mal verstand sie, warum ihm seine Mannschaft durch krakenverseuchte Gewässer oder auf das Gebiet der Horde gefolgt und dann mit ihm zurück an Land gegangen und bei ihm geblieben war. Wenn er diesen kalten, distanzierten Blick auf sie gerichtet hatte, als wäre es ihm vollkommen egal, ob sie tot vor ihm umfielen, waren sie einfach zu erschrocken gewesen, um irgendetwas anderes zu tun. Jetzt richtete er ihn auf Mina, und die Botschaft in seinen Augen war klar.

Er wollte sie nicht hier haben.

Wegen ihrer Herkunft oder wegen ihres Berufs? Mina war sich nicht sicher. Außerdem spielte es sowieso keine Rolle – sie war nun einmal hier.

Sie sah den Mann an, der neben ihm stand: groß, braunhaarig und mit gelangweilter Miene. Mina kannte ihn nicht. Wie der Eiserne Herzog trug er einen eleganten Überzieher, Reithosen und Stiefel. Eine rote Weste wölbte sich wie ein Brustpanzer über ein weißes Hemd mit schlichtem Kragen, der an den Kasack der Horde erinnerte. Vielleicht ein Bounder und, falls ja, ein Adliger – und wahrscheinlich wollte er als solcher behandelt werden.

Bravo.

Sie blickte zurück zum Herzog. Obwohl sie noch nie jemandem von seinem Stand vorgestellt worden war, hatte sie gesehen, wie Chefinspektor Hale mit einem Markgrafen zusammengetroffen war, ohne ihm mit einer einzigen Geste zu erkennen zu geben, dass er über ihm stand. Mina folgte diesem Beispiel und nickte kurz, bevor sie sich an ihn wandte.

»Euer Hoheit, wenn ich richtig verstanden habe, wart Ihr nicht anwesend, als der Mann starb.«

»Nein.«

»Und Euer Begleiter?«

»Hat ebenfalls nichts gesehen«, sagte der andere.

Sie hatte recht gehabt; sein Akzent verriet, dass er ein Bounder war. Allerdings musste sie ihre Einschätzung von ihm korrigieren. Er war nicht gelangweilt vom Tod – nur zu vertraut damit, um bei einem weiteren aufgeregt zu sein. Sie begriff das nicht. Je mehr Tod sie sah, desto stärker berührte sie die Ungerechtigkeit. »Ihr Name, Sir?«

Sein Lächeln kam beinahe einem Lachen gleich. »Mr Smith.«

Ein Scherzbold. Wie witzig.

Sie meinte, eine leichte Verwirrung im Ausdruck des Herzogs zu erkennen. Doch als er den richtigen Namen seines Begleiters nicht nennen wollte, beließ sie es dabei. Jemand vom Personal würde ihn kennen.

»Mr St. John hat mir gesagt, dass niemand den Toten kennt und lediglich der Diener seinen Sturz gesehen hat.«

»Ja.«

»Hat Euer Diener Euch noch mehr erzählt?«

»Nur, dass er nicht geschrien habe.«

Kein Schrei? Entweder war der Mann betrunken, im Schlaf oder bereits tot gewesen. Das würde sie bald herausfinden.

»Wenn Ihr mich entschuldigen wollt.« Mit einem Nicken wandte sie sich zur Treppe um, wo Newberry den Blitz befestigte. Sie hörte, wie der Eiserne Herzog und sein Begleiter ihr folgten. Solange sie die Leiche nicht anfassten oder ihr bei ihrer Untersuchung helfen wollten, war es ihr egal.

Mina blickte auf ihre Hände. Sie würde den Leichnam berühren müssen, und Newberry hatte ihre Baumwollhandschuhe nicht mitgebracht, um sie gegen die eleganten weißen Handschuhe einzutauschen. Sie waren nur aus Satin – weder die Basteleien ihrer Mutter noch ihr Lohn reichten für Ziegenleder –, aber sie waren trotzdem zu teuer, um sie zu ruinieren.

Sie zog an den Fingerspitzen, doch die Verschlüsse an den Handgelenken verhinderten, dass sie sie ausziehen konnte. Vergeblich versuchte sie, kleine Knöpfe durch genauso kleine Satinschlaufen zu schieben. Die Nähte an den Fingerspitzen machten diese zu sperrig, und der Stoff war zu glatt. Sie blickte sich nach Newberry um und sah, dass der schwarze Staub der Ferrotypie-Kamera bereits seine Finger beschmutzte. Verdammt. Sie würde sie durchbeißen, wenn es sein müsste. Selbst die verhasste Tätigkeit, die Knöpfe wieder annähen zu müssen, wäre einfacher als …

»Geben Sie mir Ihre Hand, Inspektor.«

MinasNackenhaaresträubtensichbeidieserAufforderung.SieblickteaufinTrahaearnsGesichtundhörte,wieseinBegleitereinGeräuschmachte,einhalbunterdrücktesprustendesLachen,alswäreTrahaearnbeieinemeinfachenTestdurchgefallen.

Der Ausdruck des Herzogs wurde nicht weicher, auch wenn seine Worte es waren.

»Es geht schneller, wenn ich Ihnen helfe. Erlauben Sie?«

Nein,dachtesie.Fassmichnichtan,kommmirnichtzunahe.DochdieLeicheaufderTreppeerlaubteeinesolcheAntwortnicht.

»Ja. Danke.«

Sie streckte ihm die Hand entgegen und beobachtete, wie er seine eigenen Handschuhe abstreifte. Ziegenleder, mit Zobel gefüttert. Allein sich die luxuriöse Weichheit vorzustellen, wärmte sie.

Minahätteesnichtgewundert,wennseinebloßeAnwesenheitdiesebenfallsgetanhätte.MitseinerbeeindruckendenGrößeschienTrahaearnsiealleindurchseineNähemitWärmezuumgeben.SeineHändewarengroß,seineFingerlangunddieNägelquadratisch.AlserihrHandgelenkinseinelinkeHandflächenahm,kratztenSchwielenhörbarüberdenSatin.SeinGesichtverdunkeltesich.Siekonntenichtsagen,obesvorÄrgeroderSchamwar.

Trotz der rauen Haut waren seine Finger geschickt. Flink öffnete er den ersten Knopf, dann den zweiten. »So hatten Sie sich Ihren Abend nicht vorgestellt.«

»Nein.«

Sie sagte nicht, dass dies hier einem Siegesball vorzuziehen war, doch vielleicht verriet es ihre Stimme. Zu ihrer Überraschung blitzten seine Zähne unter einem Lächeln auf – dann wurde sein Gesicht wieder verschlossen, als wäre er selbst von seinem Lächeln überrascht gewesen. Er beugte sich wieder über ihre Hand, und Mina starrte auf seine kurzen Wimpern, die so dicht und dunkel waren, dass seine Augenlider einen Kajalstrich zu tragen schienen. Sie blickte zur Seite, doch Gold, das durch sein volles Haar blitzte, zog ihren Blick erneut an.

Drei winzige Ringe schmückten den oberen Rand des Ohres. Seine Ohrläppchen waren ebenfalls durchstochen, obwohl er darin keinen Schmuck trug.

Und so hatten ihn die Nachrichtenblätter dargestellt. In einer Zeichnung wären seine Wimpern und sein Schmuck feminin erschienen. Doch nicht aus der Nähe, nicht leibhaftig. Die Wirkung war stattdessen …primitiv.

Unsicher konzentrierte sie sich auf ihr Handgelenk. Nur noch zwei Knöpfe waren übrig, dann konnte sie an die Arbeit gehen.

Sie musste an die Arbeit gehen. »Haben die Hunde das Grundstück kontrolliert, bevor die Leiche entdeckt wurde?«

Mina dachte an den Eisenzaun. Vielleicht konnte ein Kind zwischen den Stangen hindurchschlüpfen; ein Erwachsener konnte das nicht. Und wenn ihn jemand hereingelassen hatte …?

»Habt Ihr mit Eurem Mann am Eingangstor gesprochen?«

»Wills?«

Sie hatten den Pförtner nicht nach seinem Namen gefragt. »Wenn Wills links eine Beinprothese trägt und einen Teil seines Abendessens fürs Frühstück in seinem Bart trägt, dann meinen wir denselben Mann.«

»Das ist Wills.« Er betrachtete sie mit undurchdringlichem Blick. »Er hätte niemanden hereingelassen.«

Ohne meine Erlaubnis, beendete Mina den Satz für ihn. Vielleicht hatte er recht, obwohl sie das mit dem Pförtner selbst klären und die Hauswirtschafterin nach Lieferungen befragen würde. Vielleicht hatte sich jemand darin versteckt.

Sein Blick fiel erneut auf ihren Handschuh. »Das wär’s also«, sagte Trahaearn. »Jetzt zu …«

Sie zog in dem Augenblick die Hand weg, als Trahaearn die Satinfingerspitzen umfasste. Er zog daran. Der Satin glitt mit einem warmen Streicheln über ihren Ellbogen und Unterarm.

Ihre Wangen erröteten. »Sir …«

Sein Ausdruck veränderte sich, als er weiterzog, wirkte überrascht, als hätte er nicht bemerkt, dass der Handschuh weit über ihr Handgelenk reichte. Dann ein durchdringendes Gefühl, als der lange Handschuh langsam herabglitt und schließlich zwischen seinen Fingern baumelte, was Mina so intim erschien, als hielte er ihren Strumpf.

Der Ärmel bedeckte noch immer ihren Arm, doch sie fühlte sich entblößt. Nackt. So würdevoll wie möglich verlangte sie nach dem Handschuh.

»Danke. Mit dem anderen komme ich klar.« Sie stopfte den Handschuh in ihre Tasche. Mit bloßen Fingern waren die Knöpfe am linken Handgelenk rasch geöffnet.

Mina blickte auf und bemerkte, dass er sie anstarrte. Seine Wangen röteten sich, und sein Blick war hitzig.

Sie hatte Begierde schon zuvor gesehen. Doch es war das erste Mal, dass sie weder Ekel noch Hass dahinter erkennen konnte.

»Danke«, sagte sie und war vom ruhigen Klang ihrer Stimme überrascht, da sie innerlich zitterte.

»Inspektor.« Er senkte den Kopf und blickte dann hinter sie zur Treppe.

Als sie sich umdrehte, war das Zittern verschwunden. Ihr Schritt war fest, als sie auf die Treppe zuging, und ihr Kopf klar.

»Sag, Kapitän, hattest du vor, ihr zu helfen oder sie auszuziehen?«, hörte sie den Begleiter fragen. Trahaearn antwortete nicht, und Mina schaute sich nicht zu ihm um.

Nicht einmal die Anziehungskraft des Herzogs war stärker als der Tod.

Mina war dazu in der Lage, Muster bestimmter Todesarten zu erkennen – ob Berechnung oder Leidenschaft die Ursache war, ob ein Unfall oder Vorsatz vorlag. Doch als sie sich über den Leichnam auf der Treppe von Trahaearns Anwesen beugte, brachten sie diese Muster nicht weiter.

Der braunhaarige Mann lag nackt mit dem Gesicht nach unten da, sein linker Arm unter dem Körper eingeklemmt, die Beine gespreizt. Sein Körper wies keinerlei äußerlich sichtbaren Verletzungen oder Wunden auf.

Doch das war kein frischer Leichnam. Die Haut war dunkel und schockierend kalt – viel kälter als die umgebende Luft. Der Körper war nicht aufgedunsen, doch der Aufprall auf die Treppe hatte womöglich die Gase wie bei einem geplatzten Ballon entweichen lassen. Nur eine kleine Menge Blut, dickflüssig und geronnen, war auf die Treppe gespritzt.

Mina drehte seinen Kopf. Das Gesicht war vollständig zerschmettert. Ihn zu identifizieren würde schwierig werden. Sie öffnete den gebrochenen Kiefer. Die Zähne waren zertrümmert, und die Zunge … Stirnrunzelnd steckte sie einen Finger in den Mund. Der dicke hintere Zungenmuskel fühlte sich so fest und kalt an wie Eis. Obwohl sie inzwischen auftaute, war die Leiche dieses Mannes irgendwann gefroren gewesen.

Sie blickte über ihre Schulter zu Newberry. »Sind Sie fertig mit dem Fotografieren? Ich muss ihn umdrehen.«

Als der Konstabler nickte, schob sie ihre Hände unter die Schultern des Toten und drehte ihn um. Der Oberkörper war steif. Das Bein hingegen kippte herum wie ein halb gekochter Pudding, der in einer Wurstpelle steckte.

Von hinten hörte Mina, wie Newberry würgte, doch er beherrschte sich. St. John tat es nicht. Der Begleiter des Eisernen Herzogs murmelte etwas, bevor er sich abwandte.

Mina musste schwer schlucken, doch sie setzte ihre Untersuchung fort. Die Knochen waren beim Sturz offensichtlich zerschmettert worden, doch konnte sie ansonsten keine Verletzungen entdecken. Vielleicht war er ins Gesicht geschlagen worden, und die Spuren waren durch den Sturz nicht mehr erkennbar.

Als sie seinen linken Arm hob, blieb er steif, als befände er sich noch vollständig in Totenstarre. Wie seltsam. Im Gegensatz zu den Beinen und seinem rechten Arm waren die Knochen nicht gebrochen. Sie kratzte leicht über die graue Haut, und ihre Nägel hinterließen keine Spuren – wahrscheinlich eine Prothese, die aus künstlichem Fleisch hergestellt worden war.

Wenn es stimmte, war jemand hinter dem Mann her gewesen. Künstliches Fleisch war nicht billig.

Doch sie musste ihre Untersuchung auf dem Polizeirevier beenden. Sie zog das Laken wieder über den Leichnam, als die Eingangstür aufging.

Eine untersetzte, lockige Frau, an deren umfangreicher Taille Schlüssel baumelten, kam heraus. »Verzeihen Sie, Euer Hoheit, doch ein Telegramm von Mr Wills ist gerade gekommen. Ein Polizeifahrzeug ist hier, um den Leichnam abzuholen.«

Die Hauswirtschafterin wirkte unsicher. Mina fragte sich, ob der Herzog es ablehnen würde, den Wagen auf sein Grundstück zu lassen. Trahaearn schien es übel zu nehmen, dass man den Leichnam wegbringen wollte – seine Lippen waren schmal geworden, als wollte er eine unwillkürliche Erwiderung unterdrücken.

Trahaearns Blick traf auf ihren. Ein kurzer Moment verging, bis er sagte: »Lassen Sie es herein.«

Sein Begleiter hinter ihm schüttelte den Kopf, er sah blass aus. Er begann die Treppe hinaufzugehen. »Ich habe vor zu trinken, bis dieses Bein in meiner Vorstellung wieder steif ist.«

Mina hatte sich erhoben, bevor der Herzog sich ihm anschloss. »Wenn Ihr erlaubt, würde ich mir gerne das Dach anschauen.«

St. John trat näher. »Gewiss, Inspektor. Ich werde …«

»Bleiben Sie beim Konstabler, während ich ihr das Dach zeige«, sagte Trahaearn.

St. John wurde rot. Mina blickte zu Newberry, und er nickte. Sie musste ihm keine ausdrückliche Anweisung geben. Newberry wusste, dass er bei dem Toten bleiben musste, bis er in den Wagen verladen wurde.

Sie folgte dem Herzog ins Haus. Obwohl das Foyer riesig war und Gaslampen den Eingangsbereich erhellten, vermittelten dunkle Wandvertäfelungen den Eindruck einer Höhle. Sie hatte kaum Gelegenheit, sich weiter umzusehen. Trahaearn wandte sich nach links dem ersten düsteren Salon zu und ging auf die gegenüberliegende Wand zu, wo sich ein Metallgitter befand. Er schob das Gitter beiseite, ein kleiner Fahrstuhl kam zum Vorschein, und er betrat die Kabine.

Sobald sie sich neben ihn gezwängt hatte, betätigte er den Hebel. Mit einem kräftigen Rütteln begann der Aufzug hinaufzufahren. Mina drückte ihren Rücken an die Kabinenwand. Der Eiserne Herzog starrte auf sie herab, als wäre sie ein Wurm. Nur ein paar Zentimeter trennten sie voneinander, und ihre Fantasie – so brauchbar sie war, wenn es darum ging, das Motiv eines Mörders zu bestimmen – war nicht besonders hilfreich dabei, einen engen Raum mit einem Piraten zu teilen.

Sie kämpfte gegen ihre Nervosität an und versuchte, sich zu konzentrieren.

»Benutzt sonst noch jemand den Fahrstuhl?«

»Nein.«

»Gibt es einen Treppenaufgang?«

»Ja.«

Sie würde das Personal fragen, ob sie jemanden auf der Treppe gesehen hatten. Mina vermutete allerdings, dass der Tote nicht vom Dach gefallen, sondern aus größerer Höhe gestürzt war.

Zu ihrer Erleichterung hielt der Fahrstuhl einen Augenblick später mit einem Ruckeln an. Trahaearn öffnete das Gitter, und sie erkannte, dass bei der Dachgestaltung Verteidigung nach außen eine Rolle gespielt hatte. Kanonen und Schienengewehre standen aufgereiht am Geländer wie auf einem Schiffsrumpf. Die großen Rasenflächen gewährten keinen Schutz für jemanden, der versuchen würde, den Park zu durchqueren. Hinter dem Zaun lagen die Docks und Lagerhäuser, die Gebäude, die sich am Flussufer drängten, und dahinter die Laternen der Schiffe und Frachtkähne auf der Themse.

Ohne Verkehr oder nahe gelegene Gebäude war die Nacht still. Entsetzlich still sogar.

Sie hätte genau das beinahe ausgesprochen, als sie zu dem Eisernen Herzog blickte und feststellte, dass er sie anstarrte.

Verunsichert von dem durchdringenden Blick, schaute sie nach oben. Luftschiffe durften ohne Sondererlaubnis nicht über die Stadt fliegen. Hinter der Wolkendecke und dem Nebel konnte sich allerdings eins verbergen. Solange die Mannschaft nicht die Flugmotoren einschaltete, konnte es still über London schweben, ohne bemerkt zu werden.

Sie wandte sich zum Herzog um. »Wart Ihr draußen, als es passiert ist?«

»Nein. Ich habe zu Abend gegessen.«

Wenn er unterbrochen worden war, würde das ein Blick ins Speisezimmer bestätigen. »Habt Ihr irgendwelche ungewöhnlichen Geräusche gehört während des Abendessens? Einen Motor zum Beispiel?«

»Nein.«

»Und nachdem man den Toten entdeckt hatte?«

Sie sah, wie er überlegte, bevor er sagte: »Nein.«

»Habt Ihr irgendwelche Drohungen erhalten?« Diese Frage war von höchster Bedeutung für Chefinspektor Hale und jeden, dem Mina Rede und Antwort stehen musste. Die Sicherheit des Eisernen Herzogs musste gewährleistet sein.

»Ja.« Ein kurzes Lächeln begleitete seine Antwort.

Natürlich hatte er das. »Drohungen von jemandem, der sie auch in die Tat umsetzen würde?«

»Nein.«

Falls das jemand gewagt hätte, wäre sie, wie Mina vermutete, wahrscheinlich nie gerufen worden. Weil er seinen eigenen Gesetzen gehorchte, hätte er den Beweis versteckt. Tatsächlich war sie überrascht, dass er das nicht mit diesem hier gemacht oder die Sache selbst in die Hand genommen hatte. Was folgende Frage aufwarf: »Warum habt Ihr die Polizei kontaktiert?«

Als er nicht antwortete, wurde ihr klar: »Das habt Ihr gar nicht. Wer dann?«

Sein Blick wurde schärfer, als hätte sie ihn überrascht. Doch noch immer schwieg er sich aus. Wollte er seine Leute schützen? Sie war sich nicht sicher.

»Sagt, Sir, seit wann ist Mr St. John Mitglied Eures Personals?«

»Seit drei Tagen«, antwortete er diesmal.

Der neue Verwalter hatte es also nicht besser gewusst und die Polizei gerufen, anstatt Trahaearn die Angelegenheit selbst zu überlassen »Und wenn ich in drei Tagen Fragen an ihn habe, werde ich ihn dann noch in Euren Diensten vorfinden?«

»Das kommt darauf an, Inspektor. Wenn Sie herausfinden sollten, dass er den Mann unter dem Laken gekannt hat, dann nicht.«

Hatte er gerade versprochen, dass er St. John umbringen würde, wenn der Verwalter mit dem toten Mann in Beziehung gestanden hatte? In ihrer Brust machte sich ein Gefühl der Empörung breit.

»Und wenn er ihn nicht kennt?«

»Dann wird St. John noch hier sein.«

Aber nicht besonders erpicht darauf, mit ihr zu sprechen, wie Mina vermutete. Also müsste es jetzt sein. »Ich bin hier fertig. Wenn Ihr mir also einen Raum zur Verfügung stellen könntet, ich würde gerne mit Eurem Personal sprechen.«

Er ließ seinen Blick über sie gleiten, bevor er nickte. Sie trat erneut vor ihm in den engen Fahrstuhl –