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Die junge Kriminalhauptkommissarin Karoline Bartels übernimmt, nach einem Schicksalsschlag wieder einsatzfähig, das neue Team Forensik XII der Berliner Kriminalpolizei. Zum Team stößt der aus Freiburg im Breisgau stammende Psychologe Jan Wilhelm Nordhäuser, zuständig für die operative Fallanalyse. Gleich der erste Fall des Teams ist bizarr: Am Teufelssee in Köpenick wird eine wie ein Engel drapierte tote Frau gefunden, die allerdings nicht ermordet wurde. Was aber ist die Todesursache, und wer hat die Leiche aus Neukölln dorthin transportiert? Als schließlich Fotos des Engels im Internet auftauchen, befürchten Bartels und Nordhäuser, dass dies nur der Anfang war... Der Roman DIE ENGEL AM TEUFELSSEE aus der Feder des deutschen Schriftstellers Max Arno Lennart (Jahrgang 1964) ist der spannende und mitreißende erste Band einer Reihe von Kriminal-Romanen aus Berlin.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
MAX ARNO LENNART
Die Engel am Teufelssee
Roman
Signum-Verlag
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Das Buch
DIE ENGEL AM TEUFELSSEE
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebtes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Sechzehntes Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Neunzehntes Kapitel
Zwanzigstes Kapitel
Einundzwanzigstes Kapitel
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Vierundzwanzigstes Kapitel
Fünfundzwanzigstes Kapitel
Sechsundzwanzigstes Kapitel
Siebenundzwanzigstes Kapitel
Achtundzwanzigstes Kapitel
Neunundzwanzigstes Kapitel
Dreißigstes Kapitel
Einunddreißigstes Kapitel
Zweiunddreißigstes Kapitel
Copyright 2023 © by Max Arno Lennart/Signum-Verlag.
Lektorat: Dr. Birgit Rehberg.
Umschlag: Copyright © by Christian Dörge.
Verlag:
Signum-Verlag
Winthirstraße 11
80639 München
www.signum-literatur.com
Die junge Kriminalhauptkommissarin Karoline Bartels übernimmt, nach einem Schicksalsschlag wieder einsatzfähig, das neue Team Forensik XII der Berliner Kriminalpolizei. Zum Team stößt der aus Freiburg im Breisgau stammende Psychologe Jan Wilhelm Nordhäuser, zuständig für die operative Fallanalyse.
Gleich der erste Fall des Teams ist bizarr: Am Teufelssee in Köpenick wird eine wie ein Engel drapierte tote Frau gefunden, die allerdings nicht ermordet wurde. Was aber ist die Todesursache, und wer hat die Leiche aus Neukölln dorthin transportiert?
Als schließlich Fotos des Engels im Internet auftauchen, befürchten Bartels und Nordhäuser, dass dies nur der Anfang war...
Der Roman Die Engel am Teufelssee aus der Feder des deutschen Schriftstellers Max Arno Lennart (Jahrgang 1964) ist der spannende und mitreißende erste Band einer Reihe von Kriminal-Romanen aus Berlin.
Die Personen, Namen und Handlungen dieses Buches sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit verstorbenen oder lebenden Personen oder auch tatsächlichen Ereignissen wäre rein zufällig und ist nicht gewollt oder beabsichtigt.
Jan Wilhelm Nordhäusers Wohnung war der Traum eines jeden Maklers: Sanierter Altbau mit Sonnenbalkon, 1-A-Lage und Ausblick sowohl auf Freiburg als auch auf den Schauinsland, den Hausberg der Stadt. Dazu die gewundenen Straßen und die Weinstöcke, die dem Ganzen ein südliches Flair verleihen. Jetzt allerdings glich die Traumwohnung einem Schlachtfeld, und auf dem Sonnenbalkon türmten sich die Sachen, die auf den Sperrmüll sollten. Nordhäuser fluchte, als sein Handy klingelte. Bis er es endlich unter dem Bademantel hervorfischen konnte, hatte es bereits zu klingeln aufgehört. Unbekannter Anrufer. Keine Nummer. Gab es das überhaupt noch? Auch keine Nachricht auf der Mailbox. Garantiert die verdammte Möbelspedition. Fünf Minuten später klingelte es wieder. Er meldete sich gereizt.
»Ich will wissen, wo die Umzugskartons bleiben! Ich sitze hier im Chaos. Die sollten doch längst da sein! Hallo? Hören Sie mich? Wer ist denn da?«
Er bekam keine Antwort. Hörte nur ein Atmen. War das Kriminalhauptkommissarin Karoline Bartels, Karo genannt! Konnte es wirklich sein, dass er sie nur am Geräusch ihres Atems erkannte? Als er schluckte, merkte er, dass sein Hals auf einmal ganz trocken war.
»Ärger mit der Spedition?«
Ihre Stimme klang so nüchtern und sachlich, dass er sich fragte, ob er sich das mit dem Atem nur eingebildet hatte.
»Ja. Ich dachte die melden sich endlich mal. Wegen der Umzugskartons.«
»Sie lassen also nicht packen, Nordhäuser? Aus Geiz oder aus Prinzip? Ich weiß, Sie finden, dass wir nicht gut bezahlen, aber so schlecht ja dann doch auch wieder nicht. Oder?«
Wieso nannte sie ihn Nordhäuser? Waren sie nicht schon beim Du gewesen? Karos Ton, der jetzt irgendwo zwischen Ironie und ernsthaftem Interesse lag, irritierte ihn jedenfalls.
»Was gibt’s also, Karo?«, fragte er und verzichtete dabei bewusst darauf, sie zu siezen.
»Erst einmal willkommen im Team, Nordhäuser. Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit und bin sicher, dass auch Ihr Hausstand seinen Weg nach Berlin finden wird.«
Er hätte stundenlang über alles Mögliche mit dieser Frau sprechen können, aber nach Smalltalk stand ihm nicht der Sinn.
»Also, wo brennt’s?«
Auch sie hielt sich jetzt nicht mehr lange mit höflichen Floskeln auf.
»Nordhäuser, ich weiß, dass Sie offiziell erst nächste Woche bei uns anfangen. Aber wir sind hier auf etwas gestoßen. Es ist ziemlich bizarr, und wir fürchten, dass eine üble Geschichte dahintersteckt.«
»Geht’s vielleicht auch etwas detaillierter?«
»Es geht um ein...«, sie zögerte kurz, »Tötungsdelikt. Die ganze Sache ist ein wenig heikel. Aber über die Einzelheiten möchte ich am Telefon nicht sprechen. Es ist ohnehin besser, wenn Sie es sich selbst ansehen. Wann können Sie hier sein?«
Er sah sich kurz in seiner Wohnung um. Der Gedanke, alles einfach stehen und liegen zu lassen, erschien ihm ausgesprochen reizvoll. Andererseits hatte er heute Nachmittag bereits das eine oder andere Bier getrunken, und ihm war klar, dass eine alkoholisierte Autofahrt nicht die perfekte Startbedingung für seinen neuen Job in Berlin sein würde. Er rechnete kurz nach, wie lang er für die Tour brauchen würde und sagte dann: »Morgen Abend.« Das war ein realistisches Angebot, aber er hörte, wie sie scharf die Luft einsog. »Morgen Abend?«
Ihre Stimmlage war um eine Oktave höher geklettert.
»Freiburg-Berlin, das ist kein Pappenstiel! Ich bin Psychologe, kein Zauberer. Das sind mindestens achthundert Kilometer, und ich fahre keinen Rennwagen. Was erwarten Sie?«
»Schon mal was von Fliegen gehört? Oder gibt es da unten keine Flughäfen? Ich brauche Sie hier morgen bis spätestens sechzehn Uhr.«
»Ich fliege nicht«, sagte er.
»Sechzehn Uhr. Spätestens! Die Adresse haben Sie.«
Er starrte das Handy an. Aufgelegt. Das konnte ja heiter werden. Er machte sich noch ein Bier auf. Es dauerte eine Weile, bis sein Ärger über Karos unverfrorenen Befehlston so weit nachgelassen hatte, dass er sich für den Fall zu interessieren begann. Bizarr und übel, das hatte sie gesagt. Das konnte alles oder nichts bedeuten. Im Internet fand er nur das Übliche. Die Hauptstadt wartete dieser Tage auf mit ein paar Prügeleien, einem Geisteskranken mit einer Spielzeugpistole in der U-Bahn, einem mittelschweren Raubüberfall, einer Messerstecherei unter Jugendlichen und einem Hausbrand, bei dem zwei Bewohner ums Leben gekommen waren. Alles eher langweilig denn bizarr. Wahrscheinlich aber hatten die Medien von dem Fall auch einfach noch keinen Wind bekommen. Er würde morgen früh zeitig losfahren.
Am nächsten Morgen stand Jan Nordhäuser in aller Herrgottsfrühe auf, trank einen starken Kaffee und fuhr dann schließlich um sieben Uhr fünfzehn los. Gefühlte Zeit: Vier oder fünf Uhr am Morgen. Normalerweise machte er keine Termine vor dreizehn Uhr. Das Thermometer zeigte trotz der nachtschlafenden Stunde bereits neunzehn Grad Celsius. Blauer Himmel, kein Wölkchen, kein Wind. Am Abend zuvor hatte der Höllentalwind die Stadt vom Sommermief befreit, wie jeden Abend. Nordhäuser nahm an, dass das Wetter in Berlin im Sommer angenehmer sein würde. Platt wie eine Flunder und weit und breit keine richtigen Berge, die sich einem frischen Lüftchen in den Weg stellen würden. Allzu stickig konnte es in der Hauptstadt also nicht werden. Im Großen und Ganzen war er ohnehin optimistisch, was seine Entscheidung betraf, nach Berlin zu gehen. Nur der Gedanke an seine neue Chefin Karo Bartels trieb Nordhäuser, da musste er ehrlich zu sich sein, den Schweiß auf die Stirn. Was nicht nur daran lag, dass er bis jetzt sein eigener Chef gewesen war und er sich immer noch über ihren Befehlston von gestern ärgerte. Klar, Karo sah einfach verdammt gut aus, aber selbst von schönen Frauen ließ er sich nicht hetzen. Niemals! Er fuhr jetzt, nachdem er eine Weile im frühmorgendlichen Berufsverkehr gesteckt hatte, auf die A 5 Richtung Karlsruhe auf und warf einen Blick auf die Uhr. Die ganze Strecke nur Autobahn zu fahren käme jedenfalls nicht in Frage, und er benötigte auch mal eine längere Pause, das stand fest. Vielleicht hätte er doch früher losfahren sollen.
Für die sechshundert Kilometer von Freiburg bis Leipzig benötigte er fast neun Stunden, nachdem er kurz hinter Würzburg auf die Landstraße gewechselt war. Und bei der einzigen Pause kurz vor Eisenach hatte er sich dann auch noch festgequatscht. Doch damit musste man rechnen, wenn man einen Buckelvolvo fuhr, einen PV444L von 1958, in rot, das 85-PS-Modell, noch dazu mit Sicherheitsgurten und top in Schuss. Er hatte den Fehler gemacht, das Drei-Gang-Getriebe mit unsynchronisiertem erstem Gang anzusprechen, worauf der schon ältere Zeitgenosse am Tisch gegenüber erst einmal richtig ausgeholt hatte. Ab Leipzig nahm er dann die A 9 Richtung Berlin. Noch 170 Kilometer. Er würde mit reichlich Verspätung eintreffen. Wahrscheinlich sollte ich Karo anrufen und ihr Bescheid geben, dachte er ein paar Mal. Das wäre vernünftig. Dabei beließ er es.
Er hatte Karo im vergangenen Jahr zufällig auf einer Tagung in Wiesbaden kennengelernt, bei der Experten einem Haufen Krimi- und Drehbuchautoren Rede und Antwort standen. Die Veranstaltung fand einmal im Jahr statt und war inzwischen beinahe so etwas wie eine Institution. Dieses Mal war der Schwerpunkt »Serienmörder und ihre Opfer« gewesen. Karo war als eine erfolgreiche junge Ermittlerin vorgestellt worden, was sie mit einer lässigen Handbewegung und einem umwerfend kühlen Blick sowohl bestätigt als auch kokett zurückgewiesen hatte. Genauso souverän hatte sie auch ihren Vortrag gehalten. Es ging um weibliche und männliche Serienmörder, die operative Fallanalyse, um Abweichungen vom sogenannten Normalmodell, aber auch um die Neustrukturierung der Forensik in Berlin nach neuesten Erkenntnissen, um im besten Falle einen Serienmörder so frühzeitig wie möglich zu erkennen und zu fassen. Nordhäuser selbst war dieser ganze kriminalistische Kram eigentlich eher zuwider. Er war da zufällig hineingeraten, genauer gesagt wegen des Falls Hilde Knifflinger. Die gute Hilde! Frau Knifflinger war jahrelang seine Patientin gewesen und hatte ihren Rachephantasien drei Mal wöchentlich Luft gemacht. Es waren ziemlich heftige, detaillierte Phantasien gewesen, aber so etwas kam vor. Auf die Realität bezogen hatte das in der Regel keinerlei Bedeutung. Bei einer Kassenpatientin hätte er vielleicht kurzen Prozess gemacht, sie medikamentös eingestellt oder sie für eine Weile irgendwo eingewiesen. Aber er nahm von jeher nur Privatpatienten, denn in Freiburg konnten sich ausreichend viele Menschen das Schimpfen bei einem Psychologen meist locker leisten, so wie notfalls auch einen Anwalt. Durch den Fall Knifflinger hatte er dann zum ersten Mal Kontakt mit der Polizei gehabt, denn nur er allein wusste überhaupt etwas über die Dame. Im Fall eines Mordes war die ärztliche Schweigepflicht natürlich aufgehoben. Danach war er mehrmals in verschiedenen Fällen zu Rate gezogen worden, von der Kriminalpolizei in Freiburg ebenso wie auch zwei, drei Mal vom Bundeskriminalamt in Wiesbaden.
»Wie die Jungfrau zum Kind bin ich dazu gekommen«, hatte er zu Karo gesagt, als sie ihn nach der Wiesbadener Tagung beim Abendessen im Schwarzen Bock angesprochen hatte. »Ich bin als Psychologe ja für die Lebenden da. Wenn Sie so wollen, mache ich ihnen das Leben für eine kleine Gebühr wieder lebenswert. Mord und Totschlag interessieren mich eigentlich gar nicht.«
Sie hatte ihm das nicht abgenommen und großes Interesse an seiner Arbeit gezeigt, speziell am Fall Knifflinger. Leider aber nur daran, denn seine kleinen feinen Flirtversuche hatte sie eiskalt abgeblockt, auch nachdem sie übereingekommen waren, sich zu duzen. Am Ende des Abends war sie dann ein wenig verärgert gewesen, weil er weiterhin abstritt, dass seine wahre Berufung eher im Aufspüren und Jagen und sein eigentliches Talent womöglich im Erstellen von Täterprofilen liege. Ihre Worte und die Leidenschaft, mit der sie ihre Meinung vertrat, hatten ihn sogar ein wenig befremdet. Vielleicht hatte Karo auch ein bisschen zu viel von dem ausgezeichneten Riesling gehabt. Obwohl: Wenn er sich richtig erinnerte, hatte sie den ganzen Abend über nur Wasser getrunken. Er selbst war auf jeden Fall ziemlich betrunken gewesen und war schließlich alleine auf sein Hotelzimmer getorkelt.
»Du bist ein Menschenjäger, das kann ich deinen Augen ansehen«, hatte Karo an diesem Abend gesagt. Mehrmals. Ihre Worte waren ihm noch lange im Kopf herumgespukt. Nicht etwa, weil er glaubte, dass sie recht haben könnte, doch warum er ihr so vehement widersprochen hatte, das wusste er andererseits auch nicht. »Du bist ein Menschenjäger!« Lächerlich, dachte er, so oft ihm dieser Satz wieder einfiel. Und außerdem würde er Karo wohl kaum wiedersehen, dachte er damals. Doch dann hatte er geraume Zeit später ihre Stimme gehört. Nicht in seinem Kopf, sondern aus dem Radio. Er hatte auf der A 5 irgendwo zwischen Basel und Freiburg im Stau gestanden und einen Nachrichtensender gehört, als der Bericht über ein neues Kompetenzzentrum der Kriminalpolizei in Berlin angekündigt wurde. Die Leitung einer der neuen Einheiten sollte eine junge Hauptkommissarin übernehmen: Karoline Bartels. Allein die Erwähnung ihres Namens hatte ihn schon elektrisiert, aber als er dann auch noch ihre raue, dunkle Stimme hörte, versetzte es ihm einen regelrechten Schlag. Sie klang, so fand er, ein wenig nach filterlosen Zigaretten, Whisky pur, schummerigen Bars, Chansons und gedämpfter Klaviermusik. Wie alt mochte sie eigentlich sein? Mitte dreißig? Nordhäuser war klar, dass das alles nicht wirklich zu der nordisch blonden, leidenschaftlichen und gleichzeitig kühl beherrschten Frau passte, die er in Wiesbaden kennengelernt hatte. Überhaupt nicht! Außerdem meinte er sich zu erinnern, dass Karo Bartels eine ernsthafte Läuferin und eine beinahe militante Nichtraucherin war. Er hatte sich damals in Wiesbaden schwer beherrscht und war nur einmal, während sie telefonierte, zum Rauchen vor der Tür gewesen. Trotzdem musste er bei ihrer Stimme an Zigaretten denken, an Whisky, an Chansons und all diese wunderbaren alten Tom-Waits-Songs – an Dinge, die ihm gefielen.
Zwei Tage nach dem Radiobericht rief Karo ihn in seiner Praxis an. »Erinnern Sie sich an mich, Nordhäuser?«, hatte sie mit ihrer rauen Stimme gefragt.
»Karo? Aber sicher erinnere ich mich!«
»Im Moment bin ich bei einer Freundin in Emmendingen. Einen Katzensprung von Ihnen entfernt. Können wir uns treffen? Ich will Ihnen ein Angebot machen, Jäger.«
»Okay«, sagte er und spürte, wie ihm ganz heiß wurde.
Sie verabredeten sich im Art-Café in der Freiburger Innenstadt, ganz nah an der Uni, das Nordhäuser immer auswählte, wenn ein Gespräch tagsüber auf neutralem Boden stattfinden sollte. Wie immer waren viele Studenten da, doch er ergatterte fast sofort einen Platz und bestellte sich einen Kaffee, »einen normalen bitte. Und ein Bier, ein kleines.«
Karo verspätete sich und bestellte, als sie endlich auftauchte, ziemlich schnippisch, wie Jan fand, ein stilles Mineralwasser mit einem Eiswürfel und einer ganzen Zitronenscheibe. Irgendwie hatte sie sich verändert, schien ihm. Vielleicht war sie ja nur müde, doch ihre Augen hatten nicht mehr den Glanz, an den er sich erinnerte. Außerdem schien sie zugenommen zu haben, aber das konnte auch daran liegen, dass sie flache Schuhe trug, wie er enttäuscht feststellte. Karo kam sofort zur Sache. Sie wollte ihn in ihrer Einheit dabei haben, in Berlin. Er sollte für sie arbeiten, mit ihr arbeiten.
»Ich brauche einen guten Psychologen im Team, Nordhäuser, nicht so einen Sesselfurzer. Ihre Aufgabe ist Eintauchen, Nachfühlen, sich Klarheit verschaffen. Und so weiter. Sie kennen die Schlagworte. Kurz, ich brauche einen Profiler, wie man das im angloamerikanischen Bereich nennt.«
Als er nichts sagte, fuhr sie fort.
»Das Verhindern von Straftaten gehört ausdrücklich auch zu unserer Aufgabe, das wurde in der Polizeiarbeit der Vergangenheit zu sehr vernachlässigt. Deswegen ist das Begreifen so wichtig, verstehen Sie! Und das Erstellen einer entsprechenden Datenbank, das natürlich auch. Also, was sagen Sie?«
Na bitte, da war das Funkeln ihrer Augen ja wieder. Sie hatte an ihrem stillen Wasser genippt und ihn über den Rand ihres Glases hinweg angesehen. Es lag nichts Forschendes in ihrem Blick, keine Zweifel, keine Frage, sondern einfach der Ausdruck eines Triumphs, der sich einstellt, wenn man einen anderen richtig eingeschätzt hat. Wenn der genau so reagierte, wie man es vorausgesehen hatte. Sie schien auch nicht einen Moment daran gezweifelt zu haben, dass er sein geliebtes Freiburg verlassen würde, um in diesen grausigen Moloch Berlin zu ziehen. Und das, obwohl das Beraterhonorar, das sie ihm anbieten konnte, für ihn sicher nur ein schlechter Witz sein würde! Aber sie hatte sein Interesse geweckt, das konnte sie sehen, seinen Jagdinstinkt, seine Neugierde auf etwas ganz Neues.
Was für eine Wendung, überlegte er, als er mit Tempo 105 gemächlich eine Lastwagenkolonne überholte. Bis vor einem Monat noch praktizierender Psychologe in Freiburg, und nun fester freier Mitarbeiter der Kriminalpolizei in Berlin. Auf einmal musste er wieder an Hilde Knifflinger denken. Die gute Hilde!, kam es ihm reflexartig in den Sinn. In ihrer Kindheit und Jugend hatten alle sie immer nur die gute Hilde genannt. Ihre Eltern besaßen ein Weinlokal in Eltville, und während Hildes jüngere Schwestern geheiratet und ein eigenes Leben aufgebaut hatten, musste sie jahrelang im Lokal ihrer Eltern schuften. Ein gutes und fleißiges Mädchen, das sich ohne zu murren ausbeuten ließ. Bis sie ihren ersten Mann kennengelernt hatte, Kurt. Als Hilde Knifflinger das erste Mal zu Nordhäuser in die Praxis gekommen war, hatte sie die sechzig bereits überschritten und war zum vierten Mal verheiratet. Die Sitzungen bestanden aus endlosen Schimpftiraden auf ihren Vater und auf die Männer, mit denen sie verheiratet gewesen war: Kurt, Hannes und Adalbert, alle verstorben. Die Sitzungen waren wie ein immer gleiches Theaterstück, das aus einem einzigen zornigen Monolog bestand, nur unterbrochen von einigen wenigen Fragen seinerseits. Am Ende sagte Hilde immer, sozusagen als Schlusswort: »Aber natürlich kümmere ich mich trotzdem um ihre Gräber. Die sehen immer picobello aus, da kann mir niemand was vorwerfen!« Die gute Hilde! Und dann hatte eines Tages die Polizei bei ihm in der Praxis gestanden.
Ein wütendes Hupen riss Nordhäuser aus seinen Gedanken. »Ja doch!«, brüllte er und zog auf die rechte Spur. Er wusste schon, warum er lieber die Landstraße benutzte.
Die gute Hilde hätte das Ende seiner Karriere bedeuten können. Einen schlechten Ruf hat man schnell weg. Als die Polizei bei ihm aufgetaucht war, lag Ehemann Nummer Vier mit einer schweren Vergiftung im Krankenhaus. Die inzwischen siebenundsechzigjährige Hilde hatte sich den Polizisten, die sie zur Vernehmung mit aufs Revier nehmen wollten, mit einem Faustschlag und einem Tritt vors Schienenbein widersetzt und war dann durch die Kellertür und den Garten verschwunden. Unglaublich, dachte er, wie im Film. Nordhäuser trat das Gaspedal durch und glitt elegant wieder auf die linke Spur. Schleichen musste er ja nun auch wieder nicht. Kein Mensch wusste jedenfalls, wo die gute Hilde sich versteckt halten könnte, bei wem und wovon sie lebte. Es war ein kalter Winter und eher unwahrscheinlich, dass sie in irgendeiner Laube oder etwas ähnlichem untergeschlüpft war. Man überprüfte alle Möglichkeiten und forschte in alle Richtungen, so dass ehemalige Klassenkameraden Hildes im Hunsrück oder im Taunus Besuch von der Polizei bekamen, ebenso wie Pensionswirtinnen auf Sylt oder auf Mallorca, wo sie mehrmals in Urlaub gewesen war. Schließlich hatte Jan den entscheidenden Einfall gehabt, wie Hilde vielleicht gefasst werden könnte. Die Polizei hatte dann Fotos von einem Dutzend verwahrloster Gräber machen lassen, darunter die inzwischen tatsächlich unansehnlich gewordenen ihrer drei verblichenen Ehemänner, die mit einem passenden Artikel in den Lokalzeitungen der Region unter der Schlagzeile: »Schandflecken auf dem Friedhof – Niemand kümmert sich!« veröffentlicht wurden. Zwei Tage später war Hilde dann am frühen Morgen mit Gießkanne, Gartenwerkzeug und einem Zwölferpack Stiefmütterchen auf dem Friedhof aufgetaucht. Ein bisschen Glück war natürlich dabei gewesen, das war Jan klar, denn auf Sylt hätte die Gute den Artikel nicht lesen können. Oder wollte sie sich nur schnappen lassen, wenn sie ausgerechnet die Gräber ihrer Opfer pflegte? Das war ihr zuzutrauen. Während des Prozesses hatte sie ihm dann einige Male lächelnd zugenickt. Schließlich wurde sie zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gutachten über ihren Geisteszustand hatte ein Kollege erstellt, der sie als voll schuldfähig einstufte, und der ihn, Jan, dann unter vier Augen der Naivität bezichtigte.
»Sei mir nicht böse, Jan«, hatte er gesagt, »aber das hättest du mitbekommen müssen, dass da eine Mörderin vor dir sitzt. Definitiv.«
Schnurgerade Autobahn, kurz vor der Abfahrt Lutherstadt Wittenberg. Wie fremd ihm das alles immer noch war, so lange Jahre nach der sogenannten Wende. Er sah auf seine Armbanduhr. Inzwischen war er so spät dran, dass der Toleranzbereich fürs Zuspätkommen ziemlich ausgereizt und die zumutbare Schmerzgrenze auch für seinen Geschmack beinahe überschritten war. Noch etwa 60 Kilometer bis Berlin. Die Karl-Marx-Allee würde er dann wohl leicht finden, dachte er, und diese Türme am Frankfurter Tor konnte man sicher nicht übersehen. Die Büroräume der neuen Polizeieinheit, die Karo leitete, befanden sich im nördlichen der beiden Türme. Er hatte Fotos davon im Internet gefunden. Sollte er Karo doch noch anrufen? Anhalten, das Handy aus der Sporttasche kramen, Karo etwas von einem Stau erzählen? Blödsinn, entschied Nordhäuser. Einfach weiterfahren! Wie immer, wenn er gereizt war und sich unter Druck gesetzt fühlte, machte sein Verstand einen kleinen Schlenker zur Seite und ließ der Phantasie für ein paar schöne Momente den Vortritt. Er stellte sich vor, wie Karo sich ganz langsam aus ihrem Kostüm schälte...
Fünf Minuten später klingelte das Handy dumpf in den Tiefen der Tasche. Nordhäuser stellte sich augenblicklich vor, wie Karo in diesem Moment wütend das Telefon ans Ohr presste und über Berlin blickte. Was sie wohl trug an so einem Sommertag? Er atmete tief ein. Jetzt war es aber genug! »Jan!«, sagte er laut, den Innenspiegel zu sich drehend und sich selbst in die Augen blickend, »du fährst nach Berlin, um als fester freier Mitarbeiter des Teams Forensik XII zu arbeiten. Deine Chefin wird Hauptkommissarin Karo Bartels sein, es wird Fälle geben, die unappetitlich sind, und du wirst noch einiges lernen müssen. Und trotzdem ist Karo Bartels die schönste Frau, die du je gesehen hast. Scheiße!« Er wendete den Blick wieder auf das schnurgerade Band der Autobahn und zwang sich, an etwas anderes zu denken. Er hatte seine Praxis an einen ehemaligen Kommilitonen verkauft, zu einem guten Preis sogar. Klar, bei der Patientenliste! Auch die Wohnung hatte er aufgegeben, nicht zuletzt deswegen, weil er dort mit Marie zusammengelebt hatte. Trotz der 1-A-Lage und des Sonnenbalkons war es nach ihrem Auszug einfach nicht seine Wohnung geworden. Zu groß, zu leer, zu tot!
Jetzt keinen Fehler machen. Die A 10, der Berliner Ring, Richtung Frankfurt (Oder), dann auf die A 115. Jan merkte, wie hungrig er war, mehr als ein paar Snacks und drei oder vier Dosen Cola hatte er nicht zu sich genommen seit heute Morgen. Und jetzt klingelte schon wieder das scheiß Handy! »Fick dich!«, brüllte er, bereute es aber sofort, obwohl das lächerlich war. Die B 1, Feierabendverkehr natürlich, Baustellen. Als er endlich in der Nähe des Bersarinplatzes einen Parkplatz gefunden hatte und taumelnd die Straße runter Richtung Frankfurter Tor ging, die Sporttasche über den Rücken geworfen, zeigte seine Armbanduhr 20:07 Uhr. Um 20:12 Uhr drückte er den obersten Klingelknopf, der als einziger unter Dutzenden nicht beschriftet war. Um 20:14 Uhr betrat er den Nordturm und etwas mehr als eine Minute später den kleinen, fast antik wirkenden Fahrstuhl, um dann genau um 20:15 Uhr im zehnten Stockwerk anzukommen. Dreizehn Stunden, null Minuten und null Sekunden nach dem Starten des Wagens heute Morgen und ein paar Stunden zu spät. »Sechzehn Uhr, spätestens«, gellte es in seinen Ohren. Als die Aufzugstür langsam zur Seite ruckelte, gab sie den Blick auf eine Furie frei. Groß, blond und unglaublich sexy, aber trotzdem eine Furie. Instinktiv zog Nordhäuser die Schultern ein.
»Wissen Sie eigentlich, wie spät es ist?«, zischte Karo Bartels ihn an, kaum dass er einen Schritt aus dem Fahrstuhl gemacht hatte. »Sogar ziemlich genau«, hätte er am liebsten geantwortet, aber er beherrschte sich. Sie giftete weiter: »Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind? Und wo wir hier sind? Beim Kaffeekränzchen?« Seine Standardantwort, »das hat mit Glauben nichts zu tun«, konnte er jetzt wohl kaum bringen. Den Kardinalfehler, sich zu entschuldigen, wollte er aber natürlich auch nicht machen.
»Schönen Abend auch, Karo«, sagte er etwas gepresst. »War `ne lange Fahrt. Ich könnte einen Kaffee gebrauchen.« Ein Fehler! Sie starrte ihn an, und einen Moment lang glaubte er, sie würde ihn mit einem einzigen Fausthieb wieder in den Fahrstuhl zurückbefördern und den Abwärts-Knopf drücken. Aber dann machte sie einfach auf dem Absatz kehrt.
»Kommen Sie mit«, sagte sie, einen leichten Parfumduft hinter sich her ziehend, der ihm zugleich mit seinem eigenen Schweißgeruch in die Nase stieg. Das konnte ja heiter werden!
Karo Bartels stieg die Wendeltreppe ins Konferenzzimmer hinauf. Eigentlich hatte sie gedacht, Jan alles in Ruhe zu zeigen, doch das war jetzt natürlich passé. Als sie selbst die Räume zum ersten Mal gesehen hatte, war sie beeindruckt gewesen. Von jedem Raum aus bot sich ein atemberaubender Blick auf die Stadt. Die Unterbringung ihres Teams ganz oben über den Wohnetagen in der doppelstöckigen Kuppel und dem Geschoss darunter war allerdings nur temporär, und bei dem Gedanken, hier wieder raus zu müssen, blutete ihr jetzt schon das Herz. Man konnte sogar bei gutem Wetter auf der viereckigen, umlaufenden Dachterrasse arbeiten, und um den Turm oben lief auch noch eine Balkon rundherum, ideal zum Nachdenken, fand sie.
Karo Bartels war vierunddreißig Jahre alt und leitete das neue Team Forensik XII, das zur Polizeidirektion I gehörte, zuständig für Delikte am Menschen und für Prävention. Forensik XII war ein Pilotprojekt, das die Effektivität der polizeilichen Ermittlungsarbeit erhöhen sollte, indem in sogenannten Kernteams gearbeitet wurde. Ein Team bestand meistens nur aus einem Hauptkommissar und einem oder zwei Spezialisten aus den Bereichen Chemie, Biologie, IT und so weiter. Allerdings arbeiteten nicht alle dieser Spezialisten hauptberuflich für die Polizei, einige waren an einer Uni oder einem Institut beschäftigt oder hatten eigene Praxen oder Firmen. Alles natürlich auch aus Kostengründen, das Land Berlin musste sparen. Doch wenn es Karo Bartels gelang, das Pilotprojekt erfolgreich zu etablieren, gäbe es womöglich mehr Geld und mehr Planstellen. Jedenfalls war das jetzt ihre Chance, und ihr Ehrgeiz war angestachelt wie nie!
Augenblicklich aber war sie vor allem damit beschäftigt, ihren Ärger auf Nordhäuser in den Griff zu bekommen. Der Ärger war natürlich berechtigt, denn was bildete sich dieser Kerl überhaupt ein! Sie atmete tief durch. Beruhig dich, sagte sie sich, für die Arbeit, die jetzt ansteht, brauche ich einen klaren Kopf. Leider aber weigerte sich ihr Kopf gerade irgendwie, die Gedanken wieder in vernünftige Bahnen zu lenken. Und vor ihm die Treppe hinaufzugehen ist natürlich falsch gewesen, dachte sie jetzt unwillkürlich, sozusagen gegen ihren Willen. Wenn der Typ wüsste, wie schwer es gewesen ist, auch nur annähernd wieder in Form zu kommen! Eine Hollywood-Diät war das Einzige, das geholfen hatte, und ihre Ärztin hatte natürlich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen! Ein Glück aber wenigstens, dass ich heute diesen nicht auftragenden Slip angezogen habe, dachte sie weiter – es war wie ein Zwang. Die Verkäuferin hatte extra noch betont, wie sehr sich diese Slips für Hosenanzüge eigneten, vor allem im Sommer. Nur überhaupt nichts darunter anzuziehen ist noch besser, hatte die Verkäuferin gesagt. Himmel, Karo!, ermahnte sie sich. Dieser Typ starrt dir auf den Hintern und du denkst gleich über deine Unterwäsche nach! Reiß dich gefälligst zusammen! Eine Frau ist tot und du...Der Gedanke an die tote Frau ließ sie mit einem Schlag wieder klar werden. Arbeit wirkte bei Karo Bartels immer. Wie Medizin. Auch wenn sie manchmal bitter schmeckte, man nahm sie doch ein. Weil sie half. Immer. Naja, fast immer.
Der Konferenzraum befand sich in der Kuppel des Turms. Karo ging direkt auf den Tisch zu. Nordhäuser, der hinter ihr die Treppe heraufgeschnauft gekommen war, blieb erstaunt stehen. Er schaute zu der hohen, kuppelartigen Decke hinauf, die mit weiß getünchten, leicht hervorstehenden Rechtecken verziert war. Die Häuser an der Karl-Marx-Allee, das wusste er, waren Prestigeobjekte der neu gegründeten DDR gewesen und hatten mit ihrer Pracht und Weitläufigkeit die Stärke und Überlegenheit des sozialistischen Staates demonstrieren sollen. Auch der Turm stammte aus den Fünfzigerjahren. Aber wenn man sich hier oben unter dieser Kuppel befand, konnte man durchaus das Gefühl haben, in einer altehrwürdigen Kirche zu stehen. Auch Karo staunte jedes Mal, wenn sie den Konferenzraum betrat, aber Nordhäuser wollte sie dafür heute keine Sekunde Zeit geben.
»Setzen Sie sich«, sagte sie barsch und hätte beinahe mit der Faust auf den Tisch gehauen, als er ihrer Aufforderung nicht umgehend folgte. Sie mahlte mit den Zähnen. Er ließ sich noch drei, vier Sekunden Zeit, dann kam er zu ihr an den Tisch.
»Gibt’s Kaffee?«, fragte er.
Der Typ hatte Nerven!
»Wasser«, sagte sie. »Treppe runter und rechts ist das Klo. Sie dürfen sich gerne am Wasserhahn bedienen. Dieser Tisch, ein paar Stühle, Strom- und Wasseranschluss und W-LAN. Mehr haben wir hier noch nicht. Alles andere kommt erst in ein paar Tagen, am Freitag, wenn wir Glück haben.«
Er ließ sich schulterzuckend auf einen Stuhl fallen und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Tatsächlich fühlte es sich ein bisschen so an, als wären sie auf einen nicht isolierten Dachboden geklettert. Obwohl die beiden, knapp nebeneinander liegenden Türen zum umlaufenden Balkon geöffnet waren, regte sich kein Lüftchen und es herrschten mindestens dreißig Grad. Karo sah ihn herausfordernd an, sagte aber nichts. Sein zerknittertes, ehemals wohl weißes Oberhemd stand weit offen, so dass die dunklen Brusthaare fast schon hervorquollen, und als er jetzt auch noch sich streckend die Arme nach oben reckte, zog ihr ein scharfer Schweißgeruch in die Nase. Sie fühlte sich leicht angewidert und musste sich zwingen, den Blick von seinem Oberkörper abzuwenden und ihm in die Augen zu sehen.
»Ich habe mehrmals versucht, Sie auf dem Handy zu erreichen. Wo waren Sie?«
»Ich dachte, damit wären wir durch«, erwiderte er, ohne eine Miene zu verziehen.
»Schon mal was von Probezeit gehört?«, fragte sie.
Sie hatte ihn als einen seriösen und gepflegten, vierzigjährigen Psychologen aus Freiburg kennengelernt. Dann, später, hatte sie den Eindruck gewonnen, er lasse sich nur gar zu gern überreden, die Privatpraxis aufzugeben und sich in ein berufliches Abenteuer in Berlin zu stürzen. Dass da ein Ehering am Ringfinger fehlte, war ihr natürlich sofort aufgefallen, noch bevor er in einem kurzen Nebensatz seine Scheidung erwähnt hatte. Es dauerte immer eine Weile, bis das nicht mehr zu sehen war, vor allem, wenn man ihn lange getragen hatte. Sie selbst trug ihren Ring auch nicht mehr. Aber aus einem ganz anderen Grund als Nordhäuser. Der Gedanke an ihren Mann versetzte ihr einen kurzen schmerzhaften Stich in die Brust. Dann fing sie sich wieder und wandte ihre ganze Aufmerksamkeit dem schmierlappigen Typ zu, der da jetzt vor ihr saß. Sie betrachtete ihn ganz genau, so als sei er ein Verdächtiger, der gut und gerne schon in ein paar Minuten ein Beschuldigter sein konnte. Das war immer eine gute Übung, wenn man es nicht übertrieb. Gut ein Meter achtzig groß, dunkelbraune, halblange Haare, gewellt, begann sie in Gedanken der Reihe nach, kantiges Gesicht, blass, länglich, normale Nase, keine angewachsenen Ohrläppchen, blaue Augen, unauffälliges Gebiss, großes Kinn, kein sichtbarer Adamsapfel, Brustbehaarung, schlank und mittelprächtig muskulös, ziemlich kräftige Unterarme – und außerdem, schloss sie ihre Beobachtung ab, ist er unrasiert und stinkt nach Schweiß.
Jan schob den Unterkiefer vor wie ein trotziges Kind.
»Ich habe mich verspätet. Aber jetzt bin ich hier. Können wir dann also anfangen,« sagte er.
»Sicher«, erwiderte sie und setzte ein süßliches Lächeln auf, »womit wollen wir denn anfangen? Vielleicht mit den Arbeitsstrukturen? Also gut, zunächst mal zu den forensischen Teams, damit Sie einen Überblick bekommen. Passen Sie auf.«
Eigentlich hatte sie weder Lust noch Zeit für Spielchen, aber der Typ ärgerte sie. Von der forensischen Traumatologie bis hin zur digitalen Bildforensik zählte sie nun ein Team nach dem anderen auf und genoss es dabei zuzusehen, wie Nordhäusers Ungeduld wuchs.
»Und schließlich wir: Forensik XII. Zwölf ist meine Lieblingszahl.«
Er nickte nur, sie fuhr fort. Während sie sprach, beobachtete sie Nordhäuser unablässig. Inzwischen war er immer mehr auf dem Stuhl nach vorne gerutscht und hatte die Beine weit von sich gestreckt. Das Hemd klebte ihm an den Schultern. Er sah aus, als stehe er kurz vor einem Hitzschlag. Auch sie hatte das Gefühl, hier oben gebacken zu werden, aber zum Glück schwitzte sie nicht so leicht. Vielleicht setzte in ihrem Gehirn aber auch schon etwas aus, auf jeden Fall hatte sie keine Ahnung, wie sie jetzt auf semiotische Grundlagen und hermeneutische Polizeiforschung gekommen war, über die sie nun gerade wie automatisch sprach. Doch auch ihr war schließlich so heiß, dass ihr Körper Gegenmaßnahmen einleitete. Sie bekam eine Gänsehaut und wurde von einem leichten Frösteln geschüttelt.
»Im Grunde aber«, sagte sie schnell, »üben wir uns ab einem gewissen Punkt der Untersuchung alle in der Kunst der Heuristik!«
Nordhäuser reagierte nicht. Sie blickte ihn herausfordernd an.
»Sie haben keine Ahnung, was das bedeutet. Habe ich recht?«
Das war ein Angriff, den sie sich nicht verkneifen konnte, der Gipfel der Unverschämtheit. Natürlich wusste Nordhäuser, was Heuristik bedeutete, das war ihr natürlich klar, denn in seinem Fach ging es trotz allen Fachwissens am Ende immer auch darum, aus wenig Informationen viel herauszulesen und daraus schnell Schlüsse zu ziehen. Eigentlich musste man sogar ziemlich oft mit dem gesunden Menschenverstand vorgehen, um komplexe Situationen zu beurteilen, zum Beispiel um festzustellen, wo in einer Ordnung die Unordnung beginnt. An diesem Punkt besaß die Arbeit von Kriminalisten und Psychologen unverkennbar eine Schnittmenge. Am besten machte man sich sogar ein Bild von einem Menschen, oder der Situation an einem Tatort, noch bevor konkrete Informationen vorlagen. Denn wer wusste schon, ob sich überhaupt etwas Stimmiges fand. Kopf- und Gefühlssache eben, aber erlernbar. Ihre Provokation schien Nordhäuser nun doch zu erreichen. Mit schräggelegtem Kopf und geschürzten Lippen sah er sie an.
»Hör zu, Karo«, sagte er, »ich habe eine immerhin halbtägige Reise hinter mir.« Er sah auf die Uhr. »Ich möchte dich also bitten, mir einen Gefallen zu tun. Ich bin müde und will mir nur noch ein Hotelzimmer nehmen und mich aufs Bett schmeißen. Also komm endlich zu Sache.«
Wenn Blicke töten könnten!
»Aber sicher doch. Und keine Sorge, Hotelzimmer gibt es in Berlin wie Sand am Meer«, sagte Karo, während sie in ihren Papieren zu kramen begann. Sie blickte dabei zwei, drei Mal hoch und lächelte ihn an. Er wirkte jetzt auf sie tatsächlich wie ein Verdächtiger, der Angst hatte, dass nun der entscheidende Beweis gegen ihn aufs Tapet kommt, dachte sie vergnügt. Sogar sein Brusthaar war jetzt klatschnass und klebte auf der Haut, die kleinste Bewegung ließ den herben Schweißgeruch zu ihr herüberströmen. Schon bei der Tagung damals war ihr das mit dem Schwitzen aufgefallen, doch da war es frischer Schweiß gewesen. Nordhäuser hatte ihr gefallen, sie konnte ihn gut riechen, wie man so schön sagte. Trotzdem hatte sie ihn nach dem Abendessen einfach stehen lassen. Eiskalt abserviert. So war es ihm wahrscheinlich vorgekommen. Aber was hätte sie ihm denn sagen sollen? Dass sie schwanger war? Immerhin hatte sie den ganzen Abend weder Alkohol getrunken noch geraucht, während er wie ein Irrer gesoffen hatte und am liebsten alle paar Minuten zum Rauchen rausgerannt wäre. Man musste doch wohl kein Psychologe sein, um daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen!
»Ich hab’s gleich«, sagte sie, »ich hab’s gleich. Ah, da ist es ja! Es lag mit der Oberseite nach unten. Da kann ich ja lange suchen.«
Sie zog vorsichtig ein Blatt aus dem Stapel. Ein Farbfoto, auf normalem DIN-A4-Papier ausgedruckt, mit einem weißen Rand. Das Bild selber war überwiegend grün und braun, in der Mitte etwas Hellblaues auf etwas Weißem. Karo Bartels schob es über den Tisch.
»Das hier ist unser Fall!«
Die Qualität des Bildes war schlecht. Als Karo aufgezählt hatte, was der neugegründeten Einheit bis jetzt zur Verfügung stand – Wasseranschluss, W-Lan und so weiter – hatte sie wohl vergessen, den Drucker zu erwähnen, der offenbar aus dem vorherigen Jahrhundert stammte.
»Tut mir leid, aber damit müssen Sie zunächst mal vorlieb nehmen. Die Abzüge des Fotografen kommen erst morgen.«
Nordhäuser beugte sich über das Bild. Da lag jemand, eine Frau, wie es aussah. In einem blauen Kleid. Auf einem weißen Laken. Offensichtlich im Wald. Er studierte die Details einige Minuten lang, ohne dabei etwas Interessantes zu entdecken. Dann sah er auf und Karo direkt in die Augen.
»Nicht viel zu erkennen«, sagte er. »Wie ist sie ermordet worden?«
Auf Karos Gesicht breitete sich ein Lächeln aus.
»Wer spricht von Mord? Diese Frau hat sich selbst umgebracht. Klarer Fall von Suizid.«
Nordhäuser spürte, wie sich sein Mund öffnete und wieder schloss. Eine mechanische Bewegung, die nicht mehr seiner Kontrolle oblag. Was sollte das sein? Eine Art Test? Wollte Karo ihn irgendwie vorführen? Er wusste, dass er diesen Job Karo und nur Karo verdankte. Natürlich, nach der Sache mit der guten Hilde war er ein paar Mal in beratender Funktion angefragt worden. Er hatte Gutachten für Prozesse angefertigt, in Freiburg und Frankfurt. Einige Male hatte er beim BKA in Wiesbaden bei operativen Fallanalysen mitgearbeitet, sich Videos angesehen und wissenschaftliche Auswertungen und Diagnosen zusammengefasst, also sozusagen alles ins Deutsche übersetzt. Vor jedem Fall hatte er ein halbes Dutzend Erklärungen unterschreiben müssen, dann war er einem Ermittler zugeteilt worden, meist nur für ein oder zwei Tage, und dabei war er immer nur eine Nebenfigur und für die Ermittler einer von Draußen gewesen. Aber das sollte hier ja anders werden! Weil Karo es so gewollt hatte. Weil sie ihn für einen Jäger hielt! Waren ihr nun plötzlich Zweifel gekommen? Führte sie ihn etwa mit einer Finte aufs Eis und wollte ihn einbrechen sehen – bloß weil er sich ein wenig verspätet hatte?
Er sah sich das Bild noch mal an. Eine tote Frau auf einem großen Laken im Wald, Tod durch Selbsttötung. Das war also alles. Doch sich selbst umzubringen konnte allenfalls als Sünde gelten, ein Verbrechen war es allerdings nicht. Er zwang sich zur Ruhe und atmete tief ein und aus.
»Okay. Ein Selbstmord also. Traurig, sehr traurig, aber so etwas kommt eben vor. Vor allem«, fügte er mit einem schalen Lächeln hinzu, »wenn man keinen guten Psychologen gehabt hat. Oder überhaupt keinen. Aber das ist nicht unser Problem, oder? Selbstmord ist kein Fall für eine Mordkommission, sondern für die Hinterbliebenenbetreuung.«
Er schob das Foto in die Mitte des Tisches.
»Was also ist unser Fall?«
Sie schob das Foto zu ihm zurück.
»Die Selbsttötung ist unser Fall«, sagte sie und lächelte wieder. »Diese Frau«, sie tippte auf das unscharfe blaue Etwas, »wurde tot im Wald aufgefunden. Die Kollegen von Eins bis Elf haben temporäre Teams gebildet und ihre Untersuchungen heute Nachmittag abgeschlossen. Schlaftabletten und Alkohol. Ziemlich eindeutig Suizid. Aber eben nicht dort.«
Sie tippte jetzt auf die undeutlichen grünen Umrisse, vor denen die Tote lag.
»Nicht in diesem Wald. Sondern in ihrer Wohnung.«
Nordhäuser setzte sich auf. Seine Brust juckte. Er kratzte sich. Als er Karos Blick bemerkte, ließ er die Hand sinken.
»Was willst du damit sagen? Sie hat sich also in ihrer Wohnung umgebracht und dann...«
Er führte den Satz nicht zu Ende. Karo nickte.
»Dann ist die Leiche vom Totenbett auferstanden – in ihrem Fall war es wohl eine Art Couch – hat sich hübsch zurecht gemacht und ist von ihrer Wohnung aus quer durch Berlin zu dieser lauschigen kleinen Waldlichtung gewandert. Dort hat sie ein frisches Bettlaken ausgebreitet und sich darauf endgültig zur Ruhe gebettet. Übrigens mit gefalteten Händen und ein Bein hübsch neben das andere gelegt.«
Unwillkürlich zog Nordhäuser das Foto noch einmal näher an sich heran und versuchte, die gefalteten Hände zu erkennen. Wieder stieg ihm sein eigener Schweißgeruch in die Nase. Wenn man sich selber riecht, dachte er, ist eigentlich schon alles zu spät. Außerdem hatte er Hunger und sehnte sich nach einem kalten Bier. »Du meinst, dass sie irgendjemand aus ihrer Wohnung in den Wald gebracht und sie dort so drapiert hat?«, sagte er und sah wieder Karo an. Ihr Grinsen hatte etwas Arrogantes, fand er.
