Die Enklave - Ann Aguirre - E-Book

Die Enklave E-Book

Ann Aguirre

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Beschreibung

Aus den Trümmern der Welt erblüht eine unsterbliche Liebe …

New York wurde in einem längst vergessenen Krieg zerstört. Die Oberfläche ist durch Säureregen und glühende Hitze unbewohnbar geworden. In den U-Bahn-Tunneln der Stadt leben die junge Jägerin Zwei und ihr Partner Bleich, die sich Tag für Tag bemühen, genug Nahrung für ihren Stamm zu erlegen. Da wird Zwei an die Oberfläche verbannt. Ein sicheres Todesurteil! Darum kann sie kaum glauben, dass Bleich beschließt, sie zu begleiten. Doch der würde alles tun, um Zwei nicht zu verlieren …

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Inhaltsverzeichnis

WidmungBUCH EINS
ZWEIANHÖRUNG
Copyright

Für Andres, immer.Auch wenn der Weg manchmal dornig war,du warst immer da, hast meine Hand gehaltenund mich aufgefangen, wenn ich fiel.

BUCH EINS

Unten

… in der fensterlosen Gruft einer blinden Mutter wurde mitten in der finstersten Nacht im fahlen Schein einer Alabasterlampe ein Mädchen in die Dunkelheit geboren. Es schrie.

– aus Tagjunge und Nachtmädchen von George MacDonald

ZWEI

Ich wurde während des zweiten Holocaust geboren. Man erzählte uns Legenden von einer Zeit, in der die Menschen länger lebten; ich hielt sie für nichts weiter als Gerüchte. In meiner Welt erreichte niemand auch nur das vierzigste Lebensjahr.

Heute war mein Geburtstag. Mit jedem Jahr wuchs die Angst, und dieses Mal war es noch schlimmer. Ich lebte in einer Enklave, in der der Älteste gerade fünfundzwanzig geworden war. Sein Gesicht war verwittert, und seine Finger zitterten bei jeder noch so kleinen Tätigkeit. Manche flüsterten sich zu, dass man ihm einen Gefallen tun würde, wenn man ihn tötete. Aber was sie wirklich meinten, war, dass sie durch die immer tiefer werdenden Furchen in seiner Haut nicht an ihre eigene Zukunft erinnert werden wollten.

»Bist du so weit?« Zwirn wartete im Dunkeln auf mich.

Er trug bereits die Male. Er war zwei Jahre älter als ich, und wenn er das Ritual überlebt hatte, würde ich es auch schaffen. Zwirn war klein und zierlich, all die Entbehrungen hatten tiefe Falten in seine Wangen gegraben und ihn altern lassen. Ich betrachtete meine blassen Unterarme, dann nickte ich. Es war an der Zeit für mich, eine Frau zu werden.

Die Tunnel waren breit und am Boden mit parallel verlaufenden Metallstangen ausgelegt. Wir hatten Wracks gefunden, und sie mochten einmal als eine Art Fortbewegungsmittel gedient haben, aber jetzt lagen sie auf der Seite wie große tote Tiere. Manchmal, in Notfällen, benutzten wir sie als Unterschlupf. Wenn ein Jagdtrupp angegriffen wurde, bevor er die Zuflucht erreichte, konnte eine Metallwand zwischen den Jägern und ihren hungrigen Feinden lebensrettend sein.

Ich war natürlich noch nie außerhalb der Enklave gewesen. Sie war alles, was ich von der Welt kannte, in Dunkelheit gehüllt und in wabernden Rauch. Ihre Mauern waren alt, aus rechtwinkligen Quadern erbaut. Einst waren sie bunt gewesen, aber die Jahre hatten sie ergrauen lassen. Für Farbe sorgten einzig und allein die Dinge, die wir in den Tiefen des Tunnellabyrinths zusammenklaubten.

Ich folgte Zwirn durch das Gassengewirr und ließ meinen Blick über vertraute Objekte schweifen. Mein Lieblingsgegenstand war ein Bild von einem Mädchen auf einer weißen Wolke. Ich konnte nicht erkennen, was sie in der Hand hielt, dieser Teil des Bildes war zu verwittert. Aber die Worte »HIMMLISCHER SCHINKEN«, in leuchtendem Rot geschrieben, sahen wunderbar aus. Ich wusste zwar nicht, was das war, aber dem Gesichtsausdruck des Mädchens nach zu urteilen, muss es wundervoll geschmeckt haben.

Am Tag der Namensgebung versammelte sich die gesamte Enklave. Das heißt jeder, der lange genug überlebt hatte, um einen Namen zu bekommen. Wir verloren so viele, wenn sie noch ganz jung waren, dass wir die Bälger einfach »Junge« oder »Mädchen« nannten, dazu eine Nummer. Da unsere Enklave klein war – und immer noch kleiner wurde –, kannte ich jedes der im Zwielicht nur spärlich beleuchteten Gesichter. Ich tat mein Bestes, um zu verhindern, dass mein Magen sich in Erwartung der bevorstehenden Schmerzen zusammenkrampfte; hinzu kam noch die Angst, dass man mir einen fürchterlichen Namen verpassen könnte, der dann bis zu meinem Tod an mir kleben würde.

Bitte lass es etwas Gutes sein.

Der Älteste, der mit dem Namen »Dreifuß« geschlagen war, ging in die Mitte des Kreises. Er blieb vor dem Feuer stehen, und im Schein der Flammen leuchtete seine Haut in den schrecklichsten Farbtönen. Mit einer Hand winkte er mich heran.

Als ich bei ihm war, erhob er das Wort: »Möge jeder Jäger sein Geschenk bringen.«

Die anderen trugen ihre Geschenke herbei und stapelten sie vor meinen Füßen. Es war eine Ansammlung interessanter Gegenstände, und bei manchen hatte ich nicht die geringste Ahnung, welchem Zweck sie einmal gedient haben mochten. Zur Dekoration vielleicht? Die Menschen in der Welt vor der unseren schienen von Dingen besessen gewesen zu sein, die nur dazu da waren, hübsch auszusehen. Ich selbst konnte mir so etwas nicht einmal vorstellen.

Nachdem sie fertig waren, wandte sich Dreifuß an mich: »Es ist an der Zeit.«

Die Gruppe wurde still. Schreie hallten durch die Tunnel. Irgendwo ganz in der Nähe litt jemand Schmerzen, aber er war nicht alt genug, als dass ich einen Namen für ihn gehabt hätte. Es schien, dass wir einen weiteren Einwohner verlieren würden, noch bevor das hier zu Ende war. Fieber und Krankheit setzten uns zu, und der Medizinmann unserer Enklave richtete mehr Schaden an, als er Gutes vollbrachte, wie es schien. Doch ich hatte gelernt, seine Behandlungsmethoden nicht in Frage zu stellen. Hier in der Enklave war es nicht ratsam, zu viel eigenständiges Denken an den Tag zu legen.

Diese Regeln ermöglichen es uns zu überleben, sagte Dreifuß immer. Wenn du dich nicht daran halten kannst, steht es dir frei, Oben dein Glück zu versuchen. Es lag etwas Bösartiges in seinem Charakter, und ich wusste nicht, ob er schon immer so gewesen war oder ob das Alter ihn so hatte werden lassen. Und jetzt stand er vor mir, bereit, mein Blut zu nehmen.

Auch wenn ich noch nie bei dem Ritual zugesehen hatte, wusste ich, was mich erwartete. Ich streckte meine Arme aus. Das Rasiermesser glänzte im Schein des Feuers. Es war unser wertvollster Besitz, und der Älteste hielt es immer blitzblank und scharf. Er machte drei gezackte Schnitte in meinen linken Arm, und ich hielt den Schmerz so lange im Zaum, bis er sich zu einem stummen Schrei in meinem Inneren zusammenkrümmte; ich würde der Enklave keine Schande bereiten, indem ich weinte. Mir blieb gerade noch genug Zeit, mich innerlich auf die nächsten Schnitte vorzubereiten, da ritzte er schon meinen rechten Arm auf. Ich biss die Zähne zusammen, und heißes Blut tropfte zu Boden. Nicht viel. Die Schnitte waren nur oberflächlich, symbolisch.

»Schließ deine Augen«, sagte er.

Ich gehorchte. Der Älteste beugte sich nach vorn und breitete die Geschenke vor mir aus, dann nahm er meine Hand. Seine Finger waren kalt und dünn. Der Gegenstand, auf den mein Blut fiel, würde meinen Namen bestimmen. Mit geschlossenen Augen hörte ich den Atem der anderen, still und andächtig. Eine Bewegung neben mir.

»Öffne deine Augen und begrüße die Welt, Jägerin. Von heute an soll dein Name ›Zwei‹ sein.«

Ich sah, dass der Älteste eine Karte in der Hand hielt. Sie war vergilbt, hatte Risse und Flecken. Die Rückseite zierte ein hübsches rotes Muster, und auf der Vorderseite war etwas abgebildet, das aussah wie das Blatt einer Schaufel, daneben die Zahl zwei. Außerdem war sie mit meinem Blut gesprenkelt, was bedeutete, dass ich sie immer bei mir tragen musste. Ich nahm die Karte entgegen und murmelte meinen Dank.

Seltsam. Ich war nicht mehr Mädchen15. Ich würde mich erst an meinen Namen gewöhnen müssen.

Die Zuschauer zerstreuten sich wieder, nickten mir respektvoll zu, während sie sich abermals an ihre Aufgaben machten. Die Zeremonie der Namensgebung war vorüber, und jemand musste unser Essen erlegen, aufsammeln, was brauchbar war. Unsere Arbeit nahm nie ein Ende.

»Du warst sehr tapfer«, sagte Zwirn. »Jetzt kümmern wir uns um deine Arme.«

Es war nur gut, dass kein Publikum mehr anwesend war, denn jetzt ließ mich meine Tapferkeit im Stich. Ich weinte, als er das heiße Metall auf meine Haut presste. Sechs Narben, die beweisen würden, dass ich stark genug war, mich eine Jägerin zu nennen. Andere Bürger erhielten weniger: Schaffer bekamen drei Narben; Zeuger nur eine. Solange irgendjemand zurückdenken konnte, hatte die Zahl der Narben auf den Armen für die Aufgabe gestanden, die ein Bürger hatte.

Aus zwei Gründen konnten wir die Schnitte nicht auf natürliche Art verheilen lassen: Sie schlossen sich nicht richtig, und dann infizierten sie sich. Im Lauf der Jahre hatten wir zu viele wegen des Namensgebungsrituals verloren, weil sie schrien und bettelten. Sie hielten den rot glühenden Abschluss des Rituals nicht aus. Mittlerweile ließ sich Zwirn vom Anblick der Tränen jedoch nicht mehr beeindrucken, und ich war froh, dass er sie gar nicht erst zur Kenntnis nahm.

Ich bin Zwei.

Tränen strömten über meine Wangen, während die Nervenenden abstarben, und die Narben erschienen. Eine nach der anderen, als Beleg, dass ich überstehen würde, was auch immer mir in den Tunneln begegnen mochte. Mein ganzes Leben lang hatte ich für diesen Tag trainiert. Ich konnte mit meinen Messern ebenso gut umgehen wie mit der Keule. Jeden Bissen meiner Nahrung hatte ich in dem Bewusstsein verzehrt, dass jemand anderer ihn erlegt hatte und eines Tages ich an der Reihe sein würde, das Essen für die Bälger heranzuschaffen.

Dieser Tag war nun gekommen. Mädchen15 war tot.

Lang lebe Zwei.

Nach der Namensgebung gaben zwei Freunde eine Feier für mich. Sie warteten im gemeinsamen Bereich auf mich. Als Bälger hatten wir uns angefreundet, aber charakterliche Veranlagung und körperliche Fähigkeiten hatten unsere Lebenswege in verschiedene Richtungen gelenkt. Dennoch waren Fingerhut und Stein meine beiden engsten Kameraden. Ich war die Jüngste der drei, und nachdem sie ihren Namen bekommen hatten, hatten sie es immer ganz besonders genossen, mich Mädchen15 zu nennen.

Fingerhut war ein zierliches Mädchen und ein bisschen älter als ich. Sie war Schafferin und hatte dunkles Haar und braune Augen. Wegen ihres spitzen Kinns und der großen Augen wurde sie manchmal gefragt, ob sie die Zeit als Balg überhaupt schon hinter sich hatte. Sie hasste das, und es gab nichts, womit man sie leichter wütend machen konnte.

Weil sie mit ihren Händen arbeitete, waren ihre Finger oft dreckverschmiert, und der Dreck fand schnell den Weg auf ihre Kleidung und in ihr Gesicht. Wir hatten uns an den Anblick gewöhnt, wie sie sich die Wange kratzte und dabei schwarze Streifen auf ihrem Gesicht hinterließ. Aber ich zog sie nicht mehr damit auf, denn sie war sehr sensibel. Eines ihrer Beine war ein Stückchen kürzer als das andere, und wenn sie ging, humpelte sie ein bisschen – nicht wegen einer Verletzung, sondern wegen dieses kleinen Geburtsfehlers. Hätte sie den nicht gehabt, wäre sie mit Sicherheit eine Zeugerin geworden.

Stein war Zeuger, weil er stark und schön war, aber nicht besonders schlau. Dreifuß war der Meinung, dass er gutes Zuchtmaterial in sich trug, und wenn man ihn mit einer klugen Frau zusammenbrachte, würde das gute, gesunde Nachkommen ergeben. Nur Bürger mit Eigenschaften, die weiterzugeben sich lohnte, durften sich fortpflanzen, und die Ältesten wachten aufmerksam über die Zahl der Geburten. Wir konnten nicht zulassen, dass mehr Bälger auf die Welt kamen, als wir versorgen konnten.

Fingerhut kam herbeigelaufen, um meine Unterarme zu begutachten. »Wie schlimm war es?«

»Ziemlich schlimm«, sagte ich. »Zweimal so schlimm wie bei dir.« Ich blickte Stein scharf an: »Und sechsmal so schlimm wie bei dir.«

Er machte immer Witze darüber, dass er die angenehmste Aufgabe in der ganzen Enklave hatte. Vielleicht stimmte das auch, aber ich wollte die Verantwortung, dafür zu sorgen, dass unser Volk auch bis zur nächsten Generation überlebte, nicht auf meinen Schultern tragen. Stein musste nicht nur Nachkommen zeugen, er musste sich auch um die Bälger kümmern, und ich glaubte nicht, dass ich mit so viel Tod zurechtgekommen wäre. Bälger waren unglaublich zerbrechlich. Dieses Jahr hatte er einen Jungen gezeugt, und ich wusste nicht, wie er mit der Angst umgehen konnte. An meine eigene Zeugerin konnte ich mich kaum erinnern. Selbst für unsere Verhältnisse war sie jung gestorben. Eine Krankheit wütete in der Enklave, als sie achtzehn war. Wahrscheinlich war sie von den Händlern aus Nassau eingeschleppt worden. In jenem Jahr wurden zahlreiche unserer Leute von ihr dahingerafft.

Manche waren der Überzeugung, dass die Nachkommen von Zeugern dieselbe Aufgabe erfüllen sollten. Und unter den Jägern gab es eine stille Bewegung, die es für eine gute Idee hielt, wenn auch die Jäger sich in ihren eigenen Reihen fortpflanzten, dass ein Jäger, sobald er zu alt war, um selbst auf Patrouille zu gehen, für die nächste Generation sorgen sollte. Ich war nicht dieser Meinung. Seit ich gehen konnte, hatte ich dabei zugesehen, wie die Jäger in den Tunneln verschwanden, und gewusst, dass dies auch meine Bestimmung war.

»Ich kann nichts dafür, dass ich so hübsch bin«, erwiderte er grinsend.

»Hört auf, ihr beiden.« Fingerhut zog ein Geschenk heraus. Es war in ein abgewetztes Stück Stoff gewickelt. »Da.«

Das hatte ich nicht erwartet. Mit nach oben gezogenen Augenbrauen nahm ich das Bündel entgegen, wog es in der Hand und sagte: »Du hast neue Dolche für mich gemacht.«

Fingerhut funkelte mich wütend an: »Ich hasse es, wenn du das tust.«

Um sie zu besänftigen, faltete ich den Stoff auseinander. »Sie sind wunderschön.«

Und das waren sie. Nur eine Schafferin konnte so etwas Schönes herstellen. Sie hatte sie nur für mich gegossen. Ich dachte an die vielen Stunden über dem Feuer, an das Abkühlen in der Gussform und das Härten, das Polieren und das Schärfen am Schluss. Die Dolche schimmerten im Fackelschein. Ich probierte sie aus. Sie waren perfekt ausbalanciert. Dann führte ich ein paar Bewegungen aus, um Fingerhut zu zeigen, wie sehr sie mir gefielen. Stein machte einen Luftsprung, als könnte ich ihn unabsichtlich treffen. Er konnte ein richtiger Idiot sein. Eine Jägerin traf nie aus Versehen.

»Ich wollte, dass du die Besten von allen hast.«

»Und ich auch«, sagte Stein.

Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, sein Geschenk einzuwickeln, es war einfach zu groß. Die Keule war nicht so gut, wie ein Schaffer sie gemacht hätte, aber Stein hatte ein Händchen fürs Schnitzen, und er hatte ein schönes Stück Holz für sein Geschenk ausgesucht. Ich hatte den Verdacht, dass Fingerhut ihm bei den Metallbändern am Griff geholfen hatte, aber die detailreichen Schnitzereien stammten zweifellos von ihm. Ich erkannte nicht alle Tiere, aber die Keule war schön, und sie war stabil. Mit ihr auf meiner Schulter würde ich mich sicherer fühlen. Stein hatte die Schnitzereien mit irgendeiner Farbe behandelt, damit sie sich von der Maserung abhoben. Eigentlich machten die Verzierungen es schwieriger, die Waffe sauber zu halten, aber Stein war ein Zeuger, und man konnte nicht von ihm erwarten, dass er an solche Dinge dachte.

Ich lächelte bewundernd. »Sie ist wundervoll.«

Die beiden umarmten mich und zogen dann den Gegenstand hervor, den wir für meine Namensgebung aufbewahrt hatten. Fingerhut hatte die Dose bereits vor langer Zeit extra für diesen Tag eingetauscht. Schon allein der Behälter war ungewöhnlich schön, weil er leuchtend rot und weiß glänzte, viel heller als das meiste, was wir sonst hier unten fanden. Wir wussten nicht, was sich darin befand, wir wussten nur, dass wir ein Werkzeug brauchen würden, um es aufzubekommen, so gut war es verschlossen.

Ein angenehmer Duft drang daraus hervor. Noch nie hatte ich etwas Derartiges gerochen, es roch frisch und süß. Im Inneren der Büchse konnte ich nur farbigen Staub erkennen. Es war unmöglich zu sagen, was das einmal gewesen sein mochte, aber der Duft allein machte meinen Namensgebungstag zu etwas ganz Besonderem.

»Was ist das?«, fragte Fingerhut.

Zögernd berührte ich den rosafarbenen Staub mit der Fingerkuppe. »Ich glaube, es ist etwas, damit man besser riecht.«

»Kommt das auf die Kleidung?« Stein beugte sich vor und schnüffelte.

Fingerhut dachte nach. »Nur bei besonderen Gelegenheiten. «

»Ist sonst noch was drin?« Ich grub mit dem Finger, bis ich am Boden der Dose war. »Tatsächlich!«

Entzückt zog ich ein steifes, quadratisches Stück Papier heraus. Es war weiß mit goldenen Buchstaben darauf, die eine komische Form hatten, so dass ich sie nicht lesen konnte. Einige sahen so aus, als wären sie zum Lesen gedacht, andere nicht. In sich verschlungene Schleifen und Linien, ein verwirrendes Auf und Ab.

»Tu es wieder rein«, sagte sie. »Vielleicht ist es wichtig.«

Das war es, schon allein deshalb, weil es eines der wenigen vollständigen Schriftstücke war, die wir aus der Zeit vor der unseren hatten.

»Wir sollten es dem Worthüter geben.«

Auch wenn wir diese Büchse in einem ehrlichen Tauschgeschäft erworben hatten, konnten wir – falls die Möglichkeit bestand, dass es sich dabei um ein wertvolles Besitzstück der Enklave handelte – in ernsthafte Schwierigkeiten geraten, wenn wir sie für uns behielten. Schwierigkeiten führten zu Verbannung und Verbannung zu Dingen, die ich mir lieber gar nicht erst ausmalte. Wir einigten uns, das Stück Papier auszuhändigen, und verschlossen die Büchse wieder. Dann blickten wir uns ernst in die Augen. Wir waren uns der möglichen Konsequenzen vollauf bewusst, und keiner von uns wollte wegen Hortens angeklagt werden.

»Lasst es uns hinter uns bringen«, sagte Stein. »Ich muss bald wieder zu den Bälgern zurück.«

»Gib mir ein bisschen Zeit.«

Rennend suchte ich nach Zwirn. Wenig überraschenderweise fand ich ihn im Kochbereich vor. Mir war immer noch kein eigener Raum zugeteilt worden. Doch jetzt, da ich einen Namen hatte, hatte ich ein Recht darauf. Schluss mit dem Schlafsaal für Bälger.

»Was willst du?«, fragte er ungeduldig.

Ich versuchte, es ihm nicht übelzunehmen. Nur weil ich jetzt einen Namen hatte, hieß das noch lange nicht, dass er mich ab sofort besser behandeln würde. Für manche würde ich noch ein paar Jahre lang nichts weiter als ein Balg bleiben. So lange, bis auch ich langsam zu den Ältesten gehören würde.

»Dass du mir sagst, wo meine Parzelle ist?«

Zwirn seufzte, dann führte er mich pflichtschuldig durch das Gassenlabyrinth. Unterwegs quetschten wir uns an zahllosen Leibern vorbei, schlängelten uns zwischen Trennwänden und behelfsmäßigen Unterkünften hindurch. Meine war zwischen zwei anderen eingepfercht, aber zumindest hatte ich jetzt vier Quadratmeter, die ich mein Eigen nennen konnte.

Mein Zimmer bestand aus drei nackten Wellblechwänden und einem zerlumpten Stofffetzen, der die Illusion von Privatsphäre erzeugen sollte. Jeder besaß mehr oder weniger das Gleiche; den einzigen Unterschied machten die Schätze aus, die jeder in seinem Zimmer hütete. Ich hatte eine heimliche Schwäche für glitzernde Gegenstände. Ständig war ich auf der Suche nach Dingen, die glänzten, wenn ich sie ins Licht hielt.

»War das alles?«

Noch bevor ich antworten konnte, war Zwirn schon wieder auf dem Weg zurück in den Kochbereich. Ich nahm einen tiefen Atemzug, dann trat ich durch den Vorhang. Ich sah eine Lumpenmatratze und eine Holzkiste für meine paar Habseligkeiten. Niemand durfte diesen Raum ohne meine Erlaubnis betreten. Ich hatte mir das Recht auf ein eigenes Zimmer verdient.

Trotz meiner Besorgnis lächelte ich, während ich meine neuen Waffen verstaute. Niemand würde hier drinnen etwas anrühren, und es war ratsam, dem Worthüter nicht bis an die Zähne bewaffnet gegenüberzutreten. Wie Dreifuß war er schon etwas älter und verhielt sich manchmal seltsam.

Ich war alles andere als scharf auf diese Befragung.

ANHÖRUNG

Es dauerte nicht lange, ihm die Geschichte zu erzählen und ihm die Büchse zu zeigen. Er griff hinein und ließ den rosafarbenen Staub durch seine Finger rieseln. Mit großer Sorgsamkeit zog er die Karte heraus.

»Ihr sagt, ihr besitzt dieses Objekt bereits seit einiger Zeit?« Der Worthüter funkelte uns an, als hätten wir uns zumindest des Tatbestands der unglaublichen Dummheit schuldig gemacht.

»Wir haben sie eingetauscht und beschlossen, sie an 15s … äh, Zweis Namensgebungstag zu öffnen«, erklärte Stein.

»Bis zum heutigen Tag wusstet ihr also nicht, was sich darin befindet?«

»Nein, Sir«, antwortete ich.

Fingerhut nickte schüchtern. Sie war sehr unsicher, weil sie hinkte, und die Enklave tolerierte solche Gebrechen nur in seltenen Fällen. Doch das ihre war nur geringfügig und beeinträchtigte ihre Leistungsfähigkeit als Schafferin nicht. Ich würde sogar sagen, dass sie doppelt so hart arbeitete, damit niemand das Gefühl bekommen konnte, die Enklave hätte in ihrem Fall die falsche Entscheidung getroffen.

»Würdet ihr das auch unter Eid schwören?«, fragte der Worthüter.

»Ja«, antwortete Fingerhut. »Keiner von uns wusste, was sich darin befindet.«

Aus dem Kochbereich holten sie Kupfer als Zeugin, und mit einem Knurren beglaubigte der Worthüter die Urkunde.

»Ihr seid entlassen. Ich werde euch meine Entscheidung rechtzeitig wissen lassen.«

Mir war schlecht, als wir zu meinem Zimmer gingen. Aber ich wollte es ihnen unbedingt zeigen. Wenn Fingerhut als Anstandsdame dabei war, konnte ich Stein ruhig mit hineinnehmen. Wie in den alten Zeiten im Schlafraum für Bälger machten wir es uns zu dritt auf der Lumpenmatratze bequem. Stein saß zwischen uns und legte uns einen Arm um die Schulter. Er fühlte sich warm und vertraut an, und ich lehnte meinen Kopf an seine Brust. Niemand durfte mich auf diese Weise berühren, aber bei Stein war das etwas anderes. Wir waren schon als Bälger befreundet gewesen und damit praktisch blutsverwandt.

»Uns wird nichts passieren«, sagte er. »Sie können uns nicht für etwas bestrafen, das wir nicht getan haben.«

Als ich das Wohlbehagen sah, das sich in Fingerhuts Gesicht widerspiegelte, fragte ich mich, ob sie als Zeugerin nicht besser dran wäre. Aber die Ältesten würden es nicht zulassen, selbst wenn sie darum bitten würde. Niemand wollte, dass Geburtsdefekte an die nächste Generation weitergegeben wurden, selbst die kleinen, harmlosen.

»Er hat recht«, stimmte sie Stein zu.

Ich nickte. Die Ältesten waren verantwortlich für uns. Natürlich mussten sie der Sache nachgehen, aber sobald die Beweisaufnahme abgeschlossen war, hatten wir nichts mehr zu befürchten. Wir hatten alles richtig gemacht und das Schriftstück sofort ausgehändigt, als wir es fanden.

In Gedanken versunken spielte Stein mit meinen Haaren. Für ihn war das eine ganz einfache, instinktive Handlung. Zeuger durften jeden berühren. Für mich war es erschreckend zu sehen, wie leichtfertig sie umarmten und streichelten. Schaffer und Jäger mussten höllisch aufpassen, nicht irgendeines Vergehens angeklagt zu werden.

»Ich muss los«, sagte Stein entschuldigend.

»Um ein paar neue Bälger zu machen oder um dich um die alten zu kümmern?«, fragte Fingerhut mit einem Anflug von Wut.

Einen Moment lang tat sie mir leid. Für mich war es nur allzu offensichtlich, dass sie etwas wollte, das sie nie bekommen würde. Ganz im Gegensatz zu mir. Ich hatte genau das, was ich wollte. Ich konnte es gar nicht erwarten, an meine Arbeit zu gehen.

Stein nahm die Frage wörtlich und sagte grinsend: »Wenn du es genau wissen willst …«

»Schon gut«, warf ich hastig ein.

Fingerhuts Gesicht verfinsterte sich. »Ich sollte auch los. Ich hoffe, deine Namensgebung hat dir gefallen, Zwei.«

»Außer dem Besuch beim Worthüter war alles bestens.« Während die beiden gingen, ließ ich mich lächelnd auf die Lumpenmatratze plumpsen, um über meine Zukunft als Jägerin nachzudenken.

Als ich Bleich das erste Mal sah, hatte ich Angst vor ihm. Er hatte ein mageres, scharf geschnittenes Gesicht und struppiges, dunkles Haar, das über die Stirn bis hinunter über seine Augen hing, die dunkler waren als die schwärzeste Nacht. Er hatte unzählige Narben am Körper, als hätte er Schlachten überlebt, die wir anderen uns nicht einmal vorstellen konnten. So hart das Leben hier auch war – die stumme Wut in ihm deutete darauf hin, dass er noch Härteres gewohnt war.

Im Gegensatz zu den meisten von uns war er nicht in der Enklave geboren worden. Als Halbwüchsiger war er durch die Tunnel gekommen, halb verhungert und mehr Tier als Mensch, so fanden wir ihn. Er war weder mit einer Nummer gekennzeichnet, noch schien er irgendeine Vorstellung davon zu haben, wie man sich benimmt. Trotzdem stimmten die Ältesten dafür, ihn zu behalten.

»Wer auf sich selbst gestellt in den Tunneln überlebt, muss stark sein«, hatte Dreifuß gesagt. »Wir können ihn brauchen.«

»Wenn er uns nicht vorher alle umbringt«, hatte Kupfer murmelnd erwidert.

Mit vierundzwanzig war Kupfer die Zweitälteste, und sie war Dreifuß’ Gefährtin, auch wenn es eher eine lose Verbindung war. Sie war auch die Einzige, die es wagte, ihm zu widersprechen, wenn auch nur zaghaft. Der Rest von uns hatte gelernt, seine Zunge zu hüten. Ich hatte gesehen, wie Leute verbannt wurden, weil sie sich nicht an die Regeln hielten.

Wenn Dreifuß also beschloss, dass der Fremde bleiben sollte, hatten wir dafür zu sorgen, dass es auch funktionierte. Es dauerte eine ganze Zeit, bis ich ihn das erste Mal zu Gesicht bekam. Sie versuchten, ihm unsere Gebräuche beizubringen, und er verbrachte viel Zeit mit dem Worthüter. Wie man kämpfte, wusste er bereits, aber er schien keine Ahnung zu haben, wie man mit anderen Menschen zusammenlebt. Zumindest schienen unsere Gesetze ihn zu verwirren.

Ich war damals noch ein Balg, deshalb hatte ich mit seiner Eingliederung nichts zu tun. Ich wurde noch zur Jägerin ausgebildet, und da ich mich mit Stiefel und Messer bewähren wollte, trainierte ich unermüdlich. Ich war nicht dabei, als dieser seltsame Junge seinen Namen bekam. Er wusste nicht, wie alt er war, also schätzten die Ältesten einfach, wann die Zeit gekommen war.

Danach sah ich ihn ab und zu, aber natürlich sprach ich nie mit ihm. Bälger und Jäger verkehrten nicht miteinander, außer es hatte etwas mit der Ausbildung zu tun. Wer für Kampf und Patrouillengänge auserwählt war, wurde von den Jägerveteranen unterrichtet. Die meiste Zeit trainierte ich mit Seide, aber im Laufe der Jahre kamen auch noch ein paar andere Lehrer dazu. Offiziell wurde ich Bleich erst viel später vorgestellt, nach meiner eigenen Namensgebung. Er unterrichtete gerade die Grundlagen des Messerkampfs, als Zwirn mich zu einer seiner Stunden brachte.

»Das wäre alles«, sagte Bleich, als wir ankamen.

Die Bälger verzogen sich mit leisem Murren, und ich erinnerte mich daran, wie sehr meine Muskeln geschmerzt hatten, als ich selbst mit dem Training begann. Jetzt gefiel es mir, wie hart meine Arme und Beine waren. Ich wollte sehen, wie gut ich den Gefahren außerhalb dieser windigen Mauern trotzen konnte.

Zwirn neigte den Kopf in meine Richtung. »Das ist deine neue Partnerin. Seide sagt, sie ist die Beste in ihrer Gruppe.«

»Tatsächlich?« Bleichs Stimme klang seltsam.

Ich begegnete dem Blick seiner schwarzen Augen mit erhobenem Kinn. Der soll ja nicht glauben, dass ich Angst vor ihm habe. »Ja. Beim Werfen habe ich zehn von zehn Punkten erreicht.«

Er bedachte mich mit einem vernichtenden Blick. »Du bist klein und schmächtig.«

»Und du urteilst sehr schnell.«

»Wie heißt du?«

Ich musste nachdenken; beinahe hätte ich »Mädchen15« gesagt. Ich spielte mit der Karte in meiner Jackentasche herum; die Form ihrer Kanten gab mir Sicherheit. Sie war jetzt mein Glücksbringer. »Zwei.«

»Ich lass euch beide mal ein bisschen plaudern«, sagte Zwirn. »Ich habe noch andere Dinge zu erledigen.«

Natürlich hatte er das. Weil er klein und schwach war, konnte er nicht jagen. Er war Dreifuß’ Gehilfe, machte Botengänge für ihn und kümmerte sich um Verwaltungsaufgaben. Ich konnte mich nicht erinnern, ihn jemals einfach nur still dasitzen gesehen zu haben, nicht einmal nachts. Er ging um den löchrigen Metallzaun herum zu einem anderen Teil der Siedlung, und ich hob die Hand.

»Ich bin Bleich.«

»Ich weiß. Jeder kennt dich.«

»Weil ich keiner von euch bin.«

»Das hast du gesagt, nicht ich.«

Sein hastiges Nicken sagte mir, dass er keine weiteren Diskussionen wollte. Und da ich anders als alle anderen sein wollte, schluckte ich meine Neugierde hinunter. Wenn er nicht reden wollte, kümmerte mich das nicht. Jeder wollte seine Geschichte hören, aber nur Dreifuß war sie jemals zu Ohren gekommen, und wahrscheinlich wusste nicht einmal er, ob sie stimmte. Aber ich war lediglich daran interessiert, dass Bleich mir den Rücken freihielt, also spielte es keine Rolle.

Er wechselte das Thema. »Seide stellt die Jagdteams für jeden Tag zusammen. Morgen sind wir dran, und ich hoffe, dass du so gut bist, wie sie behauptet.«

»Was ist mit deinem letzten Partner passiert?«

Bleich lächelte. »Er war nicht so gut, wie Seide behauptet hat.«

»Willst du es selbst herausfinden?« Ich hob herausfordernd die Augenbrauen.

Es waren keine Bälger mehr anwesend, also zuckte Bleich nur die Achseln und ging in der Mitte des Platzes in Position. »Zeig mir, was du draufhast.«

Das war eine schlaue Taktik, aber so unerfahren, wie er anscheinend dachte, war ich nicht. Wer angreift, nimmt sich selbst die Chance, den Stil seines Gegners zu studieren. Also schüttelte ich den Kopf und bedeutete ihm mit gekrümmtem Zeigefinger, selbst anzugreifen. Beinahe hätte er gelächelt, ich sah es in seinen Augen, aber stattdessen konzentrierte er sich schnell auf den bevorstehenden Kampf.

Wir umkreisten einander ein paarmal. Ich blieb lieber auf der Hut, denn ich hatte ihn noch nie bei einem Sparringskampf beobachtet. Ich sah den Jägern zwar bei jeder Gelegenheit zu, die sich mir bot, aber Bleich verbrachte nicht viel Zeit mit ihnen, nur auf Patrouille.

Er feuerte eine schnelle Linke ab, gefolgt von einem rechten Haken: Die eine konnte ich abblocken, den anderen nicht. Es war nett von ihm, nicht seine ganze Kraft in die Schläge zu legen, dennoch brachte der Treffer mich ins Wanken. Aber ich nutzte den veränderten Winkel aus, um ihm einen Haken in die Rippen zu verpassen und mich dann seitlich wegzudrehen. Er hat nicht damit gerechnet, dass ich den Schlag so gut wegstecke, dachte ich.

Unser Sparring zog die ersten Zuschauer an. Ich versuchte sie zu ignorieren, weil ich in dem Kampf möglichst gut abschneiden wollte. Ich stürzte mich auf sein Bein, aber Bleich sprang einfach hoch, und ich geriet ins Stolpern, während er zum Gegenangriff überging. Als sein Beinfeger kam, konnte ich nicht rechtzeitig ausweichen, und er holte mich mühelos von den Beinen. Ich versuchte mich aus seinem Griff zu befreien, aber er hatte mich. Wütend schaute ich zu ihm empor, doch er hielt mich fest, bis ich mit der Hand auf den Boden klopfte.

Bleich streckte mir eine Hand hin, um mir aufzuhelfen. »Nicht schlecht. Du hast ein paar Minuten durchgehalten.«

Grinsend nahm ich seine Hand. Ich weigerte mich, es auf meine frisch vernarbten Arme zu schieben. Er konnte sie schließlich selbst sehen. »Heute hast du noch mal Glück gehabt. Ich will Revanche.«

Er ging, ohne zu antworten. Ich nahm das als ein Vielleicht.

In dieser Nacht schliff ich meine neuen Klingen. Ich überprüfte meine Ausrüstung zweimal, dreimal. Trotz meiner Ausbildung und aller Vorbereitungen konnte ich kaum schlafen. Ich lag da und lauschte den vertrauten Geräuschen um mich herum. Ein Balg weinte. Ich hörte Zeuger bei der Arbeit, klagende Laute vermischt mit leisen Seufzern.

Ich musste eingenickt sein, denn Zwirn weckte mich mit einem Fuß zwischen meinen Rippen. »Steh auf und iss. Du bist gleich mit deiner Patrouille dran. Und glaub bloß nicht, dass ich mir auch in Zukunft die Mühe machen werde, dich persönlich zu wecken.«

»Keine Sorge«, erwiderte ich.

Es war ein Wunder, dass ich überhaupt geschlafen hatte. Meine erste Patrouille. Aufregung und Nervosität kämpften in mir um die Oberhand. Ich nahm etwas Öl, band mein Haar zu einem praktischen Zopf zusammen und packte meine Ausrüstung. Das heißt, ich hängte mir die Keule über die Schulter und steckte die Dolche in die Halter an meinen Oberschenkeln. Alles an meiner Ausrüstung war selbstgemacht; Dreifuß war der Meinung, dass man sich mehr Mühe gab, wenn man Dinge für sich selbst herstellte, und vielleicht hatte er damit recht.

Der Rauch brannte in meinen Augen, als ich in den Küchenbereich kam. Kupfer röstete etwas auf einem Spieß, und das Fett tropfte zischend ins Feuer. Sie zog ihren Dolch heraus und schnitt mir einen Fetzen Fleisch ab. Er war so heiß, dass ich mir die Finger verbrannte, bevor ich ihn hinunterschlingen konnte. Ich hatte noch nie als Erste Frühstück bekommen – das war das Privileg der Jäger –, und ich platzte fast vor Stolz.

Ich beobachtete, wie die anderen Jäger ihre Portionen verschlangen, jede davon größer als alles, was ich als Balg jemals bekommen hatte. Sie sahen gestählt aus, bereit, kein bisschen nervös. Auf der Suche nach Bleich ließ ich meinen Blick durch den Raum schweifen und fand ihn schließlich, wie er alleine dasaß und aß. Keiner sprach mit ihm. Selbst jetzt war er immer noch ein Außenseiter, immer noch mit heimlichem Misstrauen beäugt.

Nachdem wir alle gegessen hatten, stellte Seide sich auf einen Tisch. »Es gab Sichtungen, näher an der Enklave, als uns lieb sein kann.«

Ein männlicher Jäger, dessen Namen ich nicht kannte, fragte: »Freaks?«

Ein Schauer durchzuckte mich. Freaks sahen beinahe menschlich aus – und waren es kein bisschen. Ihre Haut war voller Geschwüre, sie hatten rasiermesserscharfe Zähne und Klauen statt Fingernägeln. Ich hatte gehört, dass man sie schon von weitem an ihrem Geruch erkennen konnte, aber in den Tunneln konnte das schwierig werden. Dort unten gab es hunderte von Gerüchen, und gerade mal die Hälfte davon war angenehm. Zwirn hatte mir gesagt, Freaks würden stinken wie verwestes Fleisch. Sie ernährten sich von Aas, aber wenn sie frisches Fleisch bekommen konnten, nahmen sie auch das. Und wir mussten dafür sorgen, dass das nicht passierte.

Seide nickte. »Sie werden mutiger. Tötet jeden, den ihr erwischen könnt.« Sie hielt einen Leinensack hoch. »Euer Ziel für heute ist es, diesen Sack mit Fleisch zu füllen. Solange es kein Freak-Fleisch ist, ist mir egal, woher es kommt. Gute Jagd.«

Die anderen schwärmten aus. Ich schob mich durch das Gedränge und ging auf Bleich zu. Er sah sogar noch beängstigender aus als am Abend zuvor. Er mochte nur ein paar Jahreszyklen älter sein als ich, aber er war mir ein ganzes Leben an Jagderfahrung voraus. Seine Waffen glänzten, ein beruhigender Anblick. Sosehr ich mich auch selbst beweisen wollte, ich wollte auch einen Partner, auf den ich zählen konnte. Ich wäre dumm gewesen, wenn ich mir keine Gedanken darüber gemacht hätte, dass sein letzter Partner dort draußen umgekommen war. Vielleicht würde er mir eines Tages die näheren Umstände verraten.

»Lass uns aufbrechen«, sagte er.

Ich folgte ihm durch den Küchenbereich in einen angrenzenden Tunnel. Vor langer Zeit hatten wir an wichtigen Punkten Barrikaden errichtet, um das Herz der Siedlung zu schützen, und ich musste auf Händen und Knien über den aufgeschütteten Verteidigungswall hinwegklettern. Für mich sah es aus, als sollte er mit neuem Material ein wenig verstärkt werden, aber das war Aufgabe der Schaffer.

Jenseits des Lichts der Enklave war es dunkel, dunkler als ich es jemals erlebt hatte, und es dauerte eine ganze Weile, bis sich meine Augen daran gewöhnt hatten. Bleich wartete, bis ich so weit war.

»Jagen wir so, im Dunkeln?« Das hatte mir niemand gesagt. Nackte Angst durchzuckte meine Wirbelsäule.

»Licht zieht Freaks an. Wir wollen nicht, dass sie uns kommen sehen.«

Reflexartig überprüfte ich meine Waffen, als könnte allein ihre Erwähnung sie sabbernd aus der Dunkelheit heraufbeschwören. Die Keule glitt reibungslos von meiner Schulter. Ich hängte sie mir wieder um. Ebenso schnell und leicht fanden meine Hände die Griffe der Dolche.

Während wir uns vorwärtsbewegten, glichen meine anderen Sinne die mangelnde Sicht aus. Ich hatte Trainingseinheiten mit verbundenen Augen absolviert, hatte aber keine Vorstellung gehabt, wie wichtig dieses Training hier draußen werden würde. Ich war froh, dass ich seine Schritte vor mir hören konnte, denn ich konnte nur vage Schatten ausmachen. Kein Wunder, dass Jäger früh starben.

Vor mir überprüfte Bleich die Fallen. Ein paar davon brachten ein wenig Fleisch ein. Ein anderer Partner hätte vielleicht versucht, mir die Nervosität zu nehmen, aber Bleich ließ mich einfach allein in der Dunkelheit und der Stille. Na schön, ich kam auch so zurecht. Ich hatte keine Angst.

Das redete ich mir zumindest ein, bis wir einer Biegung nach links folgten und ich Geräusche in der Ferne hörte. Nasse, saugende Geräusche hallten durch den Tunnel, und ich konnte nicht sagen, wie nahe sie bereits waren. Der Boden unter meinen Füßen wurde rauer, geborstenes Metall und Steinbrocken. Bleich tauchte in die Dunkelheit ein und ging auf die Gefahr zu. Und weil es meine Aufgabe war, folgte ich ihm.

Wir kamen an eine Kreuzung, an der vier Tunnel aufeinandertrafen. Die Decke über uns hatte Risse und war teilweise eingestürzt, überall lagen Bruchstücke davon herum. Aus einiger Entfernung sickerte ein fahler Lichtschein in den Tunnel und tauchte alles in einen eigentümlichen Glanz. Und ich sah meinen ersten Freak.

Wir bewegten uns lautlos wie Messer, und das Monster hatte uns weder gehört noch gesehen. Es kauerte über irgendetwas Totem und zerriss das rohe Fleisch mit seinen Zähnen. Es mussten noch mehr in der Nähe sein. In der Balgschule hatten wir gelernt, dass Freaks immer in Rudeln auftraten.

Bleich bedeutete mir mit einer stummen Geste, dass er ihn übernehmen würde; ich sollte mich um die anderen kümmern. Mit einem Nicken signalisierte ich ihm, dass ich verstanden hatte. Er bewegte sich vorwärts, hager und todbringend, und fällte die Kreatur mit einem pfeilschnellen Klingenstoß. Sie kreischte kurz auf, wahrscheinlich lange genug, um die anderen zu warnen, dann hallte ihr Todesschrei nach wie ein Begräbnislied.

Eine Bewegung rechts von mir zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Zwei weitere Freaks kamen in vollem Lauf auf uns zugerannt, und meine Instinkte übernahmen die Kontrolle, ließen keinen Platz für Angst. Die beiden Messer glitten in meine Hände, denn im Gegensatz zu den meisten anderen Jägern konnte ich beidhändig kämpfen.

Seide hat nicht gelogen. Ich bin die Beste in meiner Gruppe.

Diesen Satz sagte ich mir vor, als der erste Freak sich auf mich stürzte. Ich empfing ihn mit einem schnellen Messerstoß seitlich nach oben. Geh auf die lebenswichtigen Organe. Setz sofort den Todesstoß, hörte ich Seides Stimme in meinem Kopf. Jede Sekunde, die du gegen eines dieser Dinger kämpfst, kostet Kraft, die dir dann fehlen wird, wenn du sie am meisten brauchst.

Meine Klinge bohrte sich in fauliges, schwammiges Fleisch und traf auf Knochen. Ich schüttelte innerlich den Kopf. Zu hoch. Ich hatte es nicht auf die Rippen abgesehen. Die Kreatur brüllte vor Schmerz und schlug mit ihrer verdreckten Klaue nach meiner Schulter. Das hier war kein Trainingskampf, und das Monster bewegte sich auf eine Art, die ich nicht kannte.

Verbissen konterte ich mit meiner rechten Hand und wünschte mir, ich hätte die Zeit, Bleich zu beobachten, seinen Stil zu studieren. Aber das hier war mein erster richtiger Kampf, und ich wollte verhindern, danach schlimmer auszusehen als ein vollkommen untrainierter Balg.

Mein Bein zuckte nach vorn, und gleichzeitig ließ ich mein Messer seitlich vorschnellen. Beides Treffer, und der Freak sackte zusammen, spuckte fauliges Blut. Es sah nicht aus wie unseres, es war dunkler, dick und stinkend. Ich rammte mein Messer in sein Herz und tänzelte zurück, um nicht von seinen Klauen erwischt zu werden, während er in Todeszuckungen dalag.

Bleich brauchte nicht so lange wie ich, was zu erwarten gewesen war. Schließlich hatte er mehr Erfahrung. Ich säuberte meine Klingen mit den Fetzen, die der Freak am Leib trug, und steckte sie zurück in die Halter. Jetzt verstand ich voll und ganz, warum Jäger so viel Zeit mit der Pflege ihrer Waffen verbrachten. Ich hatte das Gefühl, als würde ich das Metall nie wieder sauber bekommen.

»Nicht schlecht«, sagte er schließlich.

»Danke.«

Ich hatte es geschafft. Zu den Narben auf meinen Armen, die mich als Jägerin auswiesen, hatte ich nun auch meine Bluttaufe erhalten. Ich straffte die Schultern.

Wir ließen die drei Kadaver zurück. So schrecklich es auch klang, andere Freaks würden sie fressen. Ihre Toten kümmerten sie nicht. Sie griffen sich zwar nicht gegenseitig an, aber alles, was sie in den Tunneln finden konnten – ob lebendig oder tot –, war Nahrung für ihren nie endenden Appetit.

Der Rest unseres Patrouillengangs verlief vergleichsweise ereignislos. In der Hälfte der Fallen war Fleisch. Außer uns lebten auch noch ein paar Tiere hier unten, vierbeinige, pelzige Geschöpfe, die uns als Nahrung dienten. Ich tötete eines, dessen Genick der Schlinge immer noch erfolgreich Widerstand leistete, und es fiel mir schwerer als bei dem Freak. Mit gesenktem Kopf hielt ich den noch warmen Kadaver in meinen Händen, den Bleich wortlos entgegennahm und in den Sack zu den anderen stopfte. Die Bälger brauchten etwas zu essen.

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Enclave« bei Feiwel & Friends, Macmillan USA, New York.

1. Auflage Deutsche Erstveröffentlichung Juni 2011 bei Blanvalet, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München.

Copyright © der Originalausgabe 2010 by Ann Aguirre Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2011 by Verlagsgruppe Random House GmbH, München Redaktion: Alexander Groß Lektorat: Urban Hofstetter Herstellung: sam Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

eISBN 978-3-641-08073-0

www.blanvalet.de

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