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Viele Menschen werden sich die Frage gestellt haben, warum es gerade die Europäer waren, die es fertig brachten, die Kenntnis der Naturgesetze auf einen Stand zu führen, die es ermöglichte, durch ihre Nutzung die Menschheit in ein technisches Zeitalter zu führen. Warum waren es nicht die Chinesen, die Japaner, Inder, Ägypter, die antiken Griechen, Römer, die Araber, Mayas oder Azteken. Sie alle haben es zu großartigen kulturellen Leistungen gebracht, zur chinesischen Mauer, zu den Pyramiden. Die Griechen haben mathematische und physikalische Lehrsätze entwickelt. Aber: Eine unsichtbare, unüberwindbare Schwelle scheint alle daran gehindert zu haben, einen Schritt weiterzugehen. Dieser Schritt wäre gewesen, die Kraft des Dampfes, explosiver Gase, der Elektrizität und Atome zu nutzen. Den neuzeitlichen Europäern gelang dieser Schritt. Diese technische Revolution, die mit der Erfindung der Dampfmaschine vor 250 Jahren begann, bildet einen Ausnahmefall der Evolution wie der Mensch selbst. Als Wesen, das sich mit Hilfe seiner Intelligenz in die Lage versetzte, eine eigene für ihn nützliche, von der natürlichen Evolution abweichende Welt zu schaffen, in der er sich einer neuen Evolution auf einer von ihm stark veränderten Erde ausgesetzt sieht. Der Autor Hans Scholten ist dieser Frage in jahrelanger Kleinarbeit nachgegangen musste feststellen, dass die Antwort eine kleine Gruppe von Menschen gibt: Wissenschaftler, die den Mut besaßen, für ihre neu gewonnenen Erkenntnisse um Unterstützung der Zeitgenossen zu kämpfen. Dieses Buch schildert die Stationen der Entfesselung von der Angst und den Zwängen seit dem Beginn der Naturwissenschaften im neuzeitlichen Westeuropa unter dem Mönch Albertus Magnus bis zu Albert Einstein. Dieser setzte mit der Entdeckung der Relativitätstheorie einen vorläufigen Schlusspunkt unter die bisherige Entwicklung und öffnete ein neues Kapitel, das der Relativität aller Materie, aller Entfernungen und aller Bewegungen.
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Seitenzahl: 202
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Hans Scholten
Von Albertus Magnus bis Albert Einstein
Die Entfesselung der Abendländer
Roman
Copyright 2017© Hans Scholten
Alle Rechte vorbehalten
Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung bedarf der ausschließlichen Zustimmung des Autors. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Verwertung, Übersetzung und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Cover-Gestaltung: Gudrun Bröckerhoff
Inhaltsverzeichnis
Einstieg
Der Prozess der Entfesselung
Albertus Magnus
Francesco Petrarca
Nicolaus Cusanus
Pioggio Braccolino
Johannes Gutenberg
Leonardo da Vinci – Michelangelo – Raffael
Christoph Kolumbus
Martin Luther/Johannes Calvin/Ulrich Zwingli
Nikolaus Kopernikus
Andreas Vesalius
Giordono Bruno
Galileo Galilei
Johannes Kepler
Der Dreißigjährige Krieg
Isaac Newton
James Watt
Von Benjamin Franklin bis Heinrich Hertz
Charles Darwin
Carl Friedrich Benz
Albert Einstein
Die Chemie
Die Medizin
Die Philosophie
Die Literatur
Die Musik
Ausblick
„Euer Brief an das Domkapitel ist mir durch den Herrn Verwalter von Allenstein überbracht worden. Ich danke auch für den ungarischen Wein.“
Auch für die Rationen täglichen hellen Bieres bedankte sich der Absender dieser Zeilen. Sowie für alles, was der Adressat darüber hinaus für ihn beschafft habe.
„Wie sich die Sache auch verhält, Eure Ehrwürdigste Herrschaft mögen unabänderlich handeln“, schrieb er in einem anderen Brief. „Der Allmächtige wird Euren Arm stärken. Es wird einen nicht geringen Schrecken einjagen, dass bald auch der Prozess gegen die Frauen eingesetzt wird.“
„...wobei auch beachtet wird, dass in den Briefen an die beiden anderen Köchinnen, die keine Ehemänner haben, das ausgelassen wird, was in dem Brief steht, der sich auf die Köchin des Herrn Nicolaus Kopernikus bezieht, die einen Ehemann hat.“
„Eure Ehrwürdigste Herrschaft müssen gewissenhaft dafür Sorge tragen, dass Ihr, die Ihr im Begriff seid, einen Prozess nach der Rechtsordnung zu führen, nichts gegen den überlieferten Stil des Rechts in Eure Briefe einstreut.“
Der Absender dieser Zeilen war der Kanoniker Reich des Domes im ostpreußischen Frauenburg, vormals Notar und nun Kollege des Kanonikus Nicolaus Kopernikus an demselben Dom. Gerichtet waren die Briefe an den Bischof Ferber des Bistums Ermland, dessen Bischofskirche der Dom in Frauenburg war. Die Intrige hatte Erfolg: Kopernikus Köchin musste trotz ihrer und aller Beteuerungen von Kopernikus, dass zwischen ihr und ihm alles rechtens sei, sie keinen Beischlaf mit Kopernikus pflege, ihren Kanoniker verlassen.
Diese Bespitzelung steht beispielhaft für die Intrigen, denen alle Wissenschaftler, Geistlichen und Philosophen ausgesetzt waren, die sich in dieser Zeit mit Themen befassten, die der Kirche suspekt waren. Die Gefahr des Ausspionierens und Intrige bestand während des ganzen Mittelalters bis in die Neuzeit. Selbst Charles Darwin fürchtete sich noch vor der Gegnerschaft der Anglikanischen Kirche.
Kopernikus war verdächtig, weil er ein ungewöhnliches Hobby pflegte, die Astronomie.
Viele Menschen werden sich die Frage gestellt haben, warum es gerade die Europäer waren, die es fertig brachten, die Kenntnis der Naturgesetze auf einen Stand zu führen, die es ermöglichte, durch ihre Nutzung die Menschheit in ein technisches Zeitalter zu führen. Warum waren es nicht die Chinesen, die Japaner, Inder, Ägypter, die antiken Griechen, Römer, die Araber, Mayas oder Azteken?
Sie alle haben es zu großartigen kulturellen Leistungen gebracht, zur chinesischen Mauer, zu den Pyramiden. Die Griechen haben mathematische und physikalische Lehrsätze entwickelt. Die Römer haben durch Nutzung des Rundbogens Meisterleistungen wie die Aquädukte geschaffen. Das von ihnen geschaffene Zivilrecht war Vorlage für unser europäisches Rechtssystem und ist heute noch Pflichtfach für jeden Jurastudenten. Aber: Eine unsichtbare, unüberwindbare Schwelle scheint alle daran gehindert zu haben, einen Schritt weiterzugehen. Dieser Schritt wäre gewesen, die Kraft des Dampfes, explosiver Gase, der Elektrizität und Atome zu nutzen. Den neuzeitlichen Europäern gelang dieser Schritt.
Diese technische Revolution, die mit der Erfindung der Dampfmaschine vor 250 Jahren begann, bildet einen Ausnahmefall der Evolution wie der Mensch selbst. Als Wesen, das sich mit Hilfe seiner Intelligenz in die Lage versetzte, eine eigene für ihn nützliche, von der natürlichen Evolution abweichende Welt zu schaffen, in der er sich einer neuen Evolution auf einer von ihm stark veränderten Erde ausgesetzt sieht.
Der Autor Hans Scholten ist dieser Frage in jahrelanger Kleinarbeit nachgegangen und musste feststellen, dass die Antwort eine kleine Gruppe von Menschen gibt: Wissenschaftler, die den Mut besaßen, für ihre neu gewonnenen Erkenntnisse um Unterstützung der Zeitgenossen zu kämpfen, sich gegen Kirche, Trägheit der Gesellschaft und Obrigkeit durchzusetzen, oft genug unter Lebensgefahr: Der Mönch Giordano Bruno wurde verbrannt, weil er durch Europa zog und überall die Lehre von Kopernikus verkündete, dass die Erde um die Sonne kreist und nicht umgekehrt. Er hatte auch überall die Lehre des antiken Philosophen Lukrez vertreten, dass es unendlich viele Sonnen und Welten gebe. Galileo Galilei, ebenfalls ein Kopernikus-Anhänger, entging dem Verbrennungstod nur, weil er dem Befehl seines Gewissens zuwider leugnete, der Kopernikus-Lehre anzuhängen. Charles Darwin, ein gutmütiges, angesehenes Mitglied der englischen Gesellschaft, fürchtete jahrzehntelang, aus dieser Gesellschaft ausgeschlossen zu werden, wenn er mit seiner Entdeckung der Evolution an die Öffentlichkeit träte.
Dieses Buch schildert die Stationen der Entfesselung von der Angst und den Zwängen seit dem Beginn der Naturwissenschaften im neuzeitlichen Westeuropa unter dem Mönch Albertus Magnus bis zu Albert Einstein. Dieser setzte mit der Entdeckung der Relativitätstheorie einen vorläufigen Schlusspunkt unter die bisherige Entwicklung und öffnete ein neues Kapitel, das der Relativität aller Materie, aller Entfernungen und aller Bewegungen. Nachdem diese Erkenntnis gewonnen ist, müssen alle Naturwissenschaften neu geschrieben werden. Unsere Wissenschaftler sind seit hundert Jahren damit beschäftigt und werden es wohl noch lange bleiben.
Ungezählte Zufälle waren nötig, um den Menschen entstehen zu lassen, nicht nur der Asteroideneinschlag vor 65 Millionen Jahren, der das Zeitalter der Dinosaurier beendete und den Weg frei machte für die Säugetiere, aus deren Familie sich der Mensch entwickelte. Plattenverschiebungen der Erdoberfläche verbunden mit klimatischen Veränderungen in Ostafrika waren erforderlich, den auf Bäumen lebenden Vormenschen wegen Verschwindens des Urwaldes in die Steppe und zum aufrechten Gang zu zwingen. Hunderttausende von Jahren vergingen, bis der Mensch lernte, seine Greifhände, eigentlich zum Festhalten an Ästen geschaffen, zu nutzen um Werkzeuge und Jagdwaffen herzustellen. Vierzigtausend Jahre vor unserer Zeitrechnung musste es werden, bevor er die ersten Kunstwerke schuf, sechstausend Jahre, bis er die ersten Schriftzeichen erfand, dreitausend Jahre, bevor im antiken Griechenland ein Umfeld entstand, das eine Mathematik und Physik auf wissenschaftlichem Stand ermöglichte.
In den Stadtdemokratien des antiken Griechenland und des griechischen Süditalien wie auch in der Geistesmetropole Alexandria im Ägypten der griechischen Ptolemäer herrschte Geistesfreiheit. Jeder konnte denken, was er wollte, konnte philosophieren, die Sterne studieren, rechnen und mechanisch experimentieren, wie er wollte. Große Geister traten auf den Plan, die diese Welt zu erklären versuchten. Sie nannten sich Philosophen, heute würden wir sie als Vertreter der theoretischen Physik bezeichnen, wie Albert Einstein es war. Seine Relativitätstheorie war zu Beginn auch nur eine Theorie wie die Theorien der antiken Philosophen.
Ihm folgte kurz darauf Heraklit (540 – 480 v. Chr.). Von ihm stammt der Satz „Alles fließt“ (Panta rei). Heute wissen wir, dass das Geschehen im Kosmos ein Prozess ist. Zweieinhalbtausend Jahre waren erforderlich, um zu dieser Gewissheit zu gelangen. Heraklit hat diese Gewissheit bereits als Theorie formuliert.
Empedokles (490 – 430 v. Chr.) entwarf die Theorie, dass Werden und Vergehen auf Vermischung von Elementen beruhe. Elemente, er konnte sich als solche nur Feuer, Wasser, Erde und Luft vorstellen, bestimmten durch ständige Begegnung und Vermengung den Prozess der Natur.
Anaxagoras (499 – 427 v. Chr.) lehrte, die Sonne sei eine glühende Kugel. Das Werden und Vergehen erklärte er mit der Theorie, dass unendlich viele kleine Teilchen (Samen) miteinander prozessierten.
Leukippos (um 480 v. Chr.) begründete die Theorie, dass sich alle Veränderungen durch Verbindung und Trennung qualitativ nicht verschiedener Teilchen vollzögen.
Sein Schüler Demokrit (460 – 370 v. Chr.) führt den Gedanken fort. Er vertrat die Ansicht, dass die Welt aus unteilbaren Teilchen (atomos) aufgebaut sei, die qualitativ gleich, quantitativ ungleich seien.
Aristoteles (320 – 250 v. Chr.) entwarf als erster ein heliozentrisches Weltbild, lehrte die Bewegung der Erde um die Sonne, versuchte die Entfernung der Sonne und des Mondes von der Erde zu bestimmen.
Eratostenes (275 – 195 v. Chr.) berechnete durch Messung des Schattenwurfs der Sonne in zwei weit voneinander liegenden Brunnen im Niltal den Umfang der Erde mit 40.000 Kilometern annähernd richtig.
Archimedes (285 – 212 v. Chr.) ersann die Methode, den Kreisumfang zu berechnen, fand die Gesetze des Schwerpunktes, der schiefen Ebene, des Hebels, des Auftriebes. Archimedes, ein Tüftler wie Galileo Galilei, wurde bei der Eroberung von Syrakus auf Sizilien durch die Römer von einem Soldaten erschlagen. Rom eroberte die griechischen Demokratien.
Die Römer konnten sich für Wissenschaft nicht so recht begeistern. Man benötigte keine Erleichterung des täglichen Lebens durch technische Errungenschaften; man hatte Sklaven, für die lediglich ein Kaufpreis, ansonsten nur Kost und Logis zu zahlen waren. Eroberungen, die für Nachschub von Sklaven sorgten, waren wichtiger und interessanter. Die Nachfrage des Militärs nach technischen Erneuerungen war mäßig. Die Militärmaschine der Römer war so erfolgreich, dass sich Bedarf nach Erfindungen von revolutionärem Militärgerät nur zögernd einstellte. Ab dem zweiten Jahrhundert n. Chr. traten sie zudem nach und nach zum Christentum über. Sie hatten den Blick nun auf das Glück im Jenseits gerichtet. Wissenschaft war für sie kein wichtiges Thema.
Als der Osten und Süden des Römischen Reiches von den mohammedanischen Arabern erobert wurde, fiel ihnen das Schrifttum der antiken Griechen in die Hände, wurde sorgsam aufbewahrt und studiert, vor allem im spanischen Andalusien, das von den Arabern erobert und in ein mohammedanisches Kalifat verwandelt worden war. Cordoba wurde dessen wichtigste und größte Stadt, nicht nur als Wirtschafts- und Handelsmetropole, sondern auch als Stadt der Kultur und Wissenschaft. Der Glanz der Stadt überstrahlte auch die Städte des benachbarten christlichen Abendlandes. Von Cordoba aus gelangten die Schriften der antiken Griechen zunächst nach Frankreich, wo sie von gelehrten Mönchen an der Universität Paris übersetzt wurden. Besonders die Schriften der griechischen Philosophen Platon und Aristoteles fanden begeisterte Aufnahme. Von Paris brachte sie Albert von Bollstädt, später Albert der Große genannt, nach Köln. Der Dominikanermönch hatte in Paris studiert, war dort später Dozent für Theologie und Philosophie.
Albertus Magnus, so sein lateinischer Name, studierte die griechischen Philosophen wie kein anderer und setzte dem Werk des Aristoteles ein eigenes Werk zur Seite, das Aristoteles interpretierte und ein aristotelisches Denkgebäude für die Kirche entwarf, das an Umfang und Wirkkraft dem des Aristoteles kaum nachstand.
Er hatte auch von den naturwissenschaftlichen Schriften der antiken Griechen Kenntnis genommen, studierte diese sorgfältig, machte sich systematisches naturwissenschaftliches Arbeiten zu eigen, das alsbald in Klöster und Domschulen Eingang fand.
Kurz darauf wuchs in Italien eine Generation großer Dichter heran: Francesco Petrarca, Dante Allighieri und Giovanni Bocaccio. Ihre Werke wurden im ganzen Abendland gelesen. Ihnen verdanken wir, dass die Einstellung der antiken Griechen, der Mensch habe die Freiheit, sich selbst zu verwirklichen und seine Persönlichkeit frei zu entfalten, im Abendland Einzug hielt.
Petrarca fällt darüber hinaus das Verdienst zu, die Erinnerung an das klassische nicht christliche Rom wiederbelebt zu haben. Er wurde eifriger Sammler antiker Schriften. Dass wir heute die Werke von Vergil, Ovid, Seneca, Cicero und Cäsar lesen können, verdanken wir ihm. Seinem Sammeleifer verdanken wir auch, dass der Humanismus ein römisches Gewand erhielt und heute im großartigen Gewand der Renaissance vor uns steht.
Kaum weniger Verdienste hat in dieser Hinsicht der weniger bekannte Sammler Alessandro Pioggio. Er hatte bei seinem Tod eine größere Sammlung antiker Schriften vorzuweisen als Petrarca. Seine wichtigste Leistung war das Werk „De rerum natura“ des römischen Dichters und Philosophen Lucretius Carus, heute Lukrez genannt, in einem Kloster in Fulda aufgefunden zu haben. Für Lukrez war der Kosmos ein Raum mit unzähligen Sonnen und unzähligen Planeten, ein Gedanke, der seitdem die Köpfe der Astronomen und Mathematiker beschäftigt.
Der Dominikanermönch Nicolaus Cusanus schuf kurz darauf die geistige Grundlage für ein erweitertes Gottesverständnis. Er war ein Studienfreund des Papstes und Kurienkardinal. Niemand wagte ihn wegen seiner für die Kirche gefährlichen These zu belangen. Er vertrat die Auffassung, das christliche Gottesbild vom Ebenbild des Menschen könne nur eine von vielen Perspektiven sein. Da das menschliche Denken unvollkommen sei wie der Mensch, könne auch dieses Gottesbild nur unvollkommen sein. Erst eine Vielzahl unvollkommener Bilder biete ein annähernd vollkommenes Bild. Toleranz gegenüber dem Andersdenkenden sei deshalb oberstes Gebot.
Die Humanisten interpretierten diese Argumentation als Rechtfertigung ihres Selbstbewusstseins und unterzogen das scholastische Denken der Kirche kritischer Prüfung.
In diese Zeit sich verändernden Denkens fiel die Erfindung der Buchdruckkunst. Sie verlieh durch beliebig viele Drucklegungen neuer Ideen der sich ausbreitenden Renaissance explosive Kraft. Selbst die Päpste mochten sich dem neuen Denken nicht verschließen. Sie öffneten dem Vatikanpalast und den Kirchen die Freiheit der bildenden Kunst. Bilder und Plastiken von nackten Menschen hielten Einzug in Paläste und Kirchen.
Ein Mönch aus Deutschland fand das Gebaren in Rom abstoßend. Der Augustinermönch Martin Luther hielt den Vatikan, den er besuchte, für einen Sündenpfuhl und den Peterspfennig, den der Papst für den Bau des neuen Petersdomes durch Verkauf von Ablasszetteln erhob, für kirchenrechtswidrig. Ein Ablass der Sünden, den der Papst denen versprach, die den Zettel kauften, könne nur Gott erteilen, nicht der Papst. Er heftete 95 Thesen an die Schlosskirche in Wittenberg, auf denen er die Kirche zum Disput über die Unvereinbarkeiten kirchlichen Handelns mit der Bibel aufforderte. Die Thesen verbreiteten sich dank der Erfindung des Buchdrucks in kurzer Zeit in Deutschland. Der Papst erklärte den Kirchenbann über Martin Luther. Der selbstbewusste Mönch verbrannte das Bannpapier. Der Bann war gebrochen. Eine wahrhaft neue Zeit begann, eine Zeit, in der die Kirche die Herrschaft über das Denken der Menschen verlor.
Zur Zeit von Luthers Aktivitäten sollten noch zwei andere das Bild der Welt verändern, ein Astronom und ein Arzt, Nikolaus Kopernikus und Andreas Vesalius. Der Astronom erforschte die Tiefen des Kosmos, der Arzt das Innere des Menschen, bis dahin ein ebenso unerforschter Kosmos.
Der Arzt begann zu sezieren und den menschlichen Körper bis ins letzte Detail zu erkunden. Bis dahin orientierte sich die Medizin an den Werken des Griechen Galenos aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus, der sein Wissen aus der Sektion von Katzen, Hunden und Schweinen bezog und aus diesen Erkenntnissen auf den Menschen schloss, ohne in diesen hineingesehen zu haben.
Der Astronom Kopernikus aus dem ostpreußischen Frauenburg fand heraus, dass sich alle Ungereimtheiten der Berechnung der Planetenbewegungen von selbst lösen, wenn man annimmt, dass nicht die Erde, sondern die Sonne im Mittelpunkt der Planetenbewegungen steht. Bis dahin wurde angenommen, dass die Erde sich im Mittelpunkt befindet.
Kopernikus wurde nicht von der Inquisition verfolgt, aber nur, weil sie wohl nichts von seinen für die Kirche gefährlichen Erkenntnissen wusste. Dann wäre die Überstellung seiner Person nach Rom wohl die unweigerliche Folge gewesen.
Dieses Schicksal ereilte den Dominikanermönch Giordano Bruno. Er hatte den von Pioggio Braccolino wiederentdeckten römischen Dichter Lukrez gelesen und war Verfechter seiner Idee geworden, dass es im Weltall ungezählte Sonnen gebe, die vom Zufall regiert sich bewegten. Er verbreitete sie, durch Europa wandernd, in nahezu allen Ländern. In Venedig ereilte ihn das Schicksal. Er wurde festgenommen und an den Vatikan ausgeliefert. Die Inquisition machte ihm einen fast zehn Jahre dauernden Prozess und ließ ihn, da er seinen Lehren nicht abschwor, verbrennen.
Einer, der sich ebenfalls zu weit vorwagte, war Galileo Galilei. Er vertrat in Florenz, wo er wirkte und in Rom, wo er sich gelegentlich aufhielt, in höchsten Kreisen die These von Nicolaus Kopernikus, dass die Erde um die Sonne kreist. Schließlich wurde es dem Papst, in dessen Gunst er sich wähnte, zu arg. Er ließ ihn durch die Inquisition von Florenz nach Rom beordern, wo ihm der Prozess gemacht wurde, an dessen Ende er vor die Wahl gestellt wurde, zu widerrufen oder den Scheiterhaufen zu besteigen. Wider besseres Wissen schwor er ab. Galilei sollte der letzte sein, der in dieser Weise bedroht wurde.
Die ihm folgenden großen Physiker, Mathematiker und Erfinder wie Huygens, Leibniz, Boyle, Hooke und Newton lebten ohne Verfolgung durch die Kirche, jedoch wohl nur, weil sie in protestantischen Ländern oder im anglikanischem England tätig waren. Auch der im katholischen Frankreich geborene Renè Descartes konnte seine Schriften ohne Einschränkung verbreiten, aber wohl nur, weil er in das zum reformatorischen Glauben übergetretene Holland umgesiedelt war. Einer, der nicht um Leib und Leben fürchten musste, aber sich um sein Ansehen und seinen Platz in der englischen Gesellschaft Sorgen machte, war Charles Darwin. Er fürchtete sich vor der Anglikanischen Kirche und vor Verspottung durch die Fachwelt. Er zögerte zwanzig Jahre lang, seine Erkenntnis zu veröffentlichen, dass sich die Natur durch Evolution entwickle.
Heute braucht kaum ein Wissenschaftler Furcht vor Religionen oder gesellschaftlicher Ächtung zu haben. Die Wissenschaft feiert ihren Siegeszug nun schon unangefochten seit mehr als hundert Jahren.
Derjenige, der den Reigen der großen Denker, Forscher, Künstler, Religionserneuerer eröffnete, war der Dominikanermönch Albert von Köln, später Albertus Magnus genannt. Er machte die Werke der Philosophen des alten Griechenland, angeführt von Platon und Aristoteles, zum Thema der Theologen seiner Zeit, des 13. Jahrhunderts. Die Werke hatten sich in den Bibliotheken des arabischen Andalusien im Süden Spaniens, vor allem in der Stadt Cordoba, erhalten. Französische Gelehrte hatten sie dort entdeckt und sich in Paris daran gemacht, sie zu übersetzen. Der junge Albert wurde bei einem Studienaufenthalt auf die Arbeit der Franzosen aufmerksam, begeisterte sich für die griechische Philosophie, insbesondere Aristoteles und begann seinerseits ein philosophisches Werk darauf zu gründen. Der Papst hatte die Werke der Griechen zwar auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt, aber hinzugefügt, dass die Wissenschaft aufgefordert sei, die Werke fleißig von Irrtümern zu befreien, die von den Arabern hineingebracht worden seien.
Albertus zögerte nicht, der Aufforderung zu folgen. Er sollte derjenige werden, der die Kirche von einer „Augustinischen“ in eine „Aristotelische Kirche“ umwandelte. Er stellte dem erdrückenden Werk des Aristoteles ein ebenso gewaltiges eigenes Werk mit aristotelischen Gedanken zur Seite, unterstützt von seinem Schüler in Köln, dem Dominikanermönch Thomas von Aquin, der sich an Größe von seinem Lehrer nur dadurch unterschied, dass Albertus zugleich ein, für die damalige Zeit vielleicht der größte, Naturforscher war. Die Kirche hatte dem Gedenkengebäude von Albertus Magnus nichts entgegenzusetzen. Sie sprach ihn und auch Thomas von Aquin heilig. Der Papst ahnte nicht, dass mit seiner Aufforderung, die Texte der Griechen fleißig von Irrtümern zu beseitigen, verbunden mit der Heiligsprechung von Albertus Magnus und Thomas von Aquin, die wissenschaftlich interessierten Zeitgenossen sich frei fühlten, ebenfalls die wissenschaftlichen Werke der alten Griechen wie Euklid, Pythagoras, Archimedes zu studieren. Der zuerst mit naturwissenschaftlichen Werken an die Öffentlichkeit trat, war wiederum Albertus Magnus, allerdings mit biologischen Untersuchungen, die aber auf wissenschaftlichen Prinzipien beruhten, wie sie die Griechen des Altertums entwickelt hatten. Biologische Studien entsprachen seinem Naturell und seinem Lebenslauf.
In Lauingen an der Donau als Albert von Bollstädt geboren, hatte er alles andere im Kopf, aber nicht, einmal Mönch zu werden. Nach allem, was wir wissen, war sein Vater Verwalter einer kaiserlichen „Hofstatt“. Dort wuchs er zwischen Knechten, Mägden, Pferden, Hunden, Kühen und Schafen auf. Und Falken, die er abzurichten verstand; sein Vater war wohl Jäger. Einer später von ihm verfassten Schrift „Von Pferden, Hunden und Falken“ entnehmen wir, dass er diese Tiere besonders mochte und sich in ihrem Verhalten auskannte. Wir wissen weiter, dass er eine Klosterschule in der Nähe besuchte und bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr in der Welt umherwanderte. Er interessierte sich für Gesteins- und Gebirgsarten. In Venedig sah er dem Zersägen von Marmorblöcken zu, bestaunte die dabei zu Tage tretenden Strukturen und farblichen Unterschiede. Er sprach von „Stein gewordenen Dämpfen“, von „Spuren der Schöpfungszeit“.
In Padua besuchte er einen Onkel, der königlicher Beamter war. Dieser nahm ihn für längere Zeit auf und sorgte dafür, dass er an der dort gerade gegründeten Universität das Studium der Rechtswissenschaft aufnahm. Über einen förmlichen Abschluss dieses Studiums wissen wir nichts.
In Padua, er war bereits im 35. Lebensjahr, hatte er eine Begegnung mit dem Ordensmeister der Dominiker, Jordanus von Sachsen. Dieser gewann ihn für den Dominikaner-Orden und schickte ihn nach Köln in die größte deutsche Stadt, um dort diesen in den Anfängen steckenden Orden zu stärken. Vier Jahre später finden wir ihn als Lektor an der dortigen Priesterschule, in den folgenden Jahren auch in Hildesheim, Freiburg und Straßburg.
1242 schickte ihn der Ordensmeister als Lektor zur Universität in Paris.
Albertus Magnus stürzte sich in die Lektüre des aristotelischen Riesenwerkes. Er tat es mit solcher Konsequenz, dass er alsbald nicht nur in der theologischen, sondern auch in der philosophischen Fakultät uneingeschränkte Autorität genoss. In wenigen Jahren wuchs er zu einer wissenschaftlichen Größe heran, die alle Gelehrten in Paris, ja des ganzen Abendlandes überragte. Nach und nach legte er das ganze System aristotelischer Philosophie der wissenschaftlichen Welt zu Füßen. Auch begann er eine Synthese der aristotelischen Philosophie und der christlichen Theologie zu erarbeiten.
Der Name Aristoteles war bis dahin im Abendland kaum bekannt, wenn doch, dann nicht beachtet. Der wohl bedeutendste Philosoph des Altertums war in Zeiten, in denen das Christentum im Römischen Reich Staatsreligion war, in Vergessenheit geraten.
Ein römischer Philosoph und Politiker, Anicius Boethius, der um die Mitte des Fünften Jahrhunderts n. Chr. lehrte, wagte es, Aristoteles und Platon zu lehren und für das Abendland zu erhalten. Er wurde 524 n. Chr. wegen Hochverrats hingerichtet. Auch dieser Versuch geriet in Vergessenheit.
Fünf Jahre später, 529 schloss Kaiser Justinian I. die einzige und verbliebene Philosophenschule im Römischen Reich. Die dort lehrenden Philosophen zogen nach Persien.
Nach der Eroberung Persiens durch die mohammedanischen Araber sammelten arabische Gelehrte die dort vorgefundenen aristotelischen Schriften und verbreiteten sie, unterstützt durch die Kalifen in Bagdad, im arabischen Raum. Mit größtem Interesse wurden sie auch in Spanien aufgenommen, wo die Araber in Cordoba ein eigenes Kalifat gegründet hatten. Von Cordoba aus verbreiteten sich die Schriften über Europa. Albertus Magnus setzte sich nicht nur mit diesen Schriften auseinander, sondern machte sich auch daran, gestützt auf die von den antiken Griechen erarbeiteten wissenschaftlichen Methoden der Naturbeobachtung, die Natur zu erforschen und zu beschreiben.
„Es genügt nicht, nur im Allgemeinen von den Dingen der Natur ein Wissen zu besitzen, sondern wir müssen jedes Naturding danach untersuchen, wie es sich in seiner eigentümlichen Natur verhält, die Ursache im Naturgeschehen ergründen.“ Dieser Satz lässt erkennen, dass es ihm nicht genügte, ein „Gottesgeschöpf“ vor sich zu haben. Er würde gerne wissen wollen, warum und wie es entstanden ist und wie es sich in seiner Umwelt verhält und zurechtkommt. Es waren schon die gleichen Fragen, die Charles Darwin zur Entdeckung der Evolution geführt haben. Bis zur Entdeckung sollte es noch 600 Jahre dauern, aber die Tatsache, dass diese Fragen überhaupt gestellt wurden, konnte die naturwissenschaftliche Forschung in Gang setzen. Einer der größten Gelehrten der allmächtigen Kirche hatte den Startschuss gegeben.
Über die Tierwelt hatte Albertus in seiner Jugend schon weitreichende Beobachtungen angestellt, die ihm jetzt zugutekamen. Um darüber hinaus in der Pflanzenwelt Erfahrungen zu sammeln, legte er im Dominikanerkloster in Köln für seine Beobachtungen einen Pflanzengarten an. Aber auch auf seinen Wanderungen beobachtete er die Natur am Weg genau. Den Dominikanern war durch Ordenssatzung auferlegt, alle Reisen zu Fuß zurückzulegen. Albertus Magnus ist in seinem Leben wohl mindestens die Strecke einer Erdumrundung gewandert; er war ständig zwischen Deutschland, Frankreich und Italien unterwegs. Hier ein Beispiel für seine Beobachtungsgabe bei der Betrachtung von Mispeln: „Aus gealterten Bäumen wächst oben aus den Ästen eine Pflanze, die auf jeder Baumart dieselbe Gestalt zeigt. Sie haftet sich dem Baume an, hat feste Blätter, die auch im Winter ihre Frische behalten, fast wieOlivenlaub, nur dass sie in der Farbe etwas zitronengelb erscheinen. Im Winter wachsen daran weiße Beeren. Die Struktur der Pflanze ist locker und knotig, wie beim Weinstock. Die innere Haut zwischen Rinde und Holz ist feucht und sehr klebrig. Darum verwenden sie die Vogelfänger als Vogelleim, mit dem sie Vögel fangen.“
Er machte sich auch über Ursache und Wirkung des Naturgeschehens Gedanken. Da er keinerlei naturwissenschaftliche Vorkenntnisse im heutigen Sinne besaß, muten diese Gedanken eigenartig an, sind aber als der Versuch, eine Pflanzen- und Tierkunde zu entwickeln, nicht hoch genug einzuschätzen. Er entwickelte die Theorie, dass es als Ursache für die Belebung der Pflanzen und ihre Formenvielfalt zusätzlich zu den bekannten „irdischen Elementen Feuer, Luft, Wasser, Erde“ ein fünftes Element geben müsse, eine „vita occulta“, deren Wirksamkeit man überall sehen könne. Er nannte sie „Äther“ und „Substanz der Gestirne“. Für die Tierwelt müsse das Gleiche gelten. Er traf die Unterscheidung in Vierfüßler, Zweifüßler, Fußlose, schwimmende und fliegende Tiere. Über die Biene wissen wir, dass er sie anatomisch untersucht hat.
