Die Erben von Somerset - Leila Meacham - E-Book

Die Erben von Somerset E-Book

Leila Meacham

4,8
8,99 €

Beschreibung

Eine starke Frau, in deren Hand das Schicksal von drei Familien liegt

Die Tolivers und die Warwicks sind die mächtigsten Dynastien von Howbutker, Texas. Seit Generationen halten sich die beiden Familien an ein ehernes Gesetz: ihre Geschäfte strikt voneinander zu trennen. Doch als Mary Toliver, die nach dem Tod des Vaters die Leitung der Baumwollplantage Somerset übernommen hat, in finanzielle Schwierigkeiten gerät, bittet sie in ihrer Not den Warwick-Erben Percy um Hilfe. Dies ist umso fataler, als Mary und Percy heiraten wollten. Als Percy jedoch von Mary verlangt, die Plantage zugunsten ihrer Ehe aufzugeben, widersetzt sie sich, obwohl sie Percy über alles liebt und von ihm schwanger ist. Ein fürchterlicher Streit entbrennt, und Percy setzt sich tief enttäuscht nach Kanada ab. Mary heiratet daraufhin Ollie Dumont, den Erben eines französischen Handelsimperiums, der schon lange in Mary verliebt ist. Eine folgenschwere Entscheidung, die das Schicksal der Familien auf lange Zeit bestimmen wird …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 825




LEILA MEACHAM

DIE ERBEN VON SOMERSET

Inhaltsverzeichnis

LEILA MEACHAM - DIE ERBEN VON SOMERSETWidmungERSTER TEIL
EINSZWEIDREIVIER
MARYS GESCHICHTE
FÜNFSECHSSIEBENACHTNEUNZEHNELFZWÖLFDREIZEHNVIERZEHNFÜNFZEHNSECHZEHNSIEBZEHNACHTZEHNNEUNZEHNZWANZIGEINUNDZWANZIGZWEIUNDZWANZIGDREIUNDZWANZIGVIERUNDZWANZIGFÜNFUNDZWANZIGSECHSUNDZWANZIGSIEBENUNDZWANZIGACHTUNDZWANZIGNEUNUNDZWANZIGDREISSIG
ZWEITER TEIL
EINUNDDREISSIGZWEIUNDDREISSIG
PERCYS GESCHICHTE
DREIUNDDREISSIGVIERUNDDREISSIGFÜNFUNDDREISSIGSECHSUNDDREISSIGSIEBENUNDDREISSIGACHTUNDDREISSIGNEUNUNDDREISSIGVIERZIGEINUNDVIERZIGZWEIUNDVIERZIGDREIUNDVIERZIGVIERUNDVIERZIGFÜNFUNDVIERZIGSECHSUNDVIERZIGSIEBENUNDVIERZIGACHTUNDVIERZIG
DRITTER TEIL
NEUNUNDVIERZIG
RACHELS GESCHICHTE
FÜNFZIGEINUNDFÜNFZIGZWEIUNDFÜNFZIGDREIUNDFÜZIGVIERUNDFÜNFZIGFÜNFUNDFÜNFZIGSECHSUNDFÜNFZIGSIEBENUNDFÜNFZIGACHTUNDFÜNFZIGNEUNUNDFÜNFZIGSECHZIGEINUNDSECHZIGZWEIUNDSECHZIG
VIERTER TEIL
DREIUNDSECHZIGVIERUNDSECHZIGFÜNFUNDSECHZIGSECHSUNDSECHZIGSIEBENUNDSECHZIGACHTUNDSECHZIGNEUNUNDSECHZIGSIEBZIGEINUNDSIEBZIGZWEIUNDSIEBZIGDREIUNDSIEBZIGVIERUNDSIEBZIGFÜNFUNDSIEBZIG
DANKLEILA MEACHAM ÜBER IHREN BESTSELLER »DIE ERBEN VON SOMERSET«Copyright

Für Janice Jenning Thomson,

Und prophezeie hier: der heut’ge Zank, Der zur Parteiung ward im Tempelgarten, Wird zwischen roter Rose und der weißen In Tod und Todsnacht tausend Seelen reißen.

William Shakespeare,

ERSTER TEIL

EINS

Howbutker, Texas, August 1985

Amos Hines hob den Blick von der zweiten und gleichzeitig letzten Seite eines juristischen Dokuments. Sein Mund war trocken, als er seine Mandantin und langjährige Freundin ungläubig anblinzelte, die ihm gegenüber an seinem Schreibtisch saß, eine Frau, die er seit vierzig Jahren bewunderte und verehrte – und die er zu kennen geglaubt hatte. Er suchte in ihrem Gesicht nach Hinweisen auf eine altersbedingte Beeinträchtigung ihrer geistigen Fähigkeiten, fand darin jedoch nur ihren gewohnten Scharfsinn. Erst nach einer ganzen Weile gelang es Amos, sie zu fragen: »Ist dieses Kodizill wirklich dein Ernst, Mary? Du hast die Plantage verkauft und dein Testament geändert?«

Mary Toliver DuMont nickte. Dabei glänzten ihre weißen, wie immer chic frisierten Haare im Licht, das durch die Verandatür hereinfiel. »Die Antwort auf beide Fragen lautet ja, Amos. Ich weiß, du bist schockiert, und dies ist sicher nicht die feinste Art, dir deine jahrelangen treuen Dienste zu vergelten, aber du wärst noch viel verletzter gewesen, wenn ich die Angelegenheit einem anderen Anwalt anvertraut hätte.«

»Allerdings. Ein anderer Anwalt würde nicht versuchen, dich zu überreden, dass du dir die Sache mit dem Nachsatz noch einmal überlegst – zumindest den Teil, der sich rückgängig machen lässt.« Toliver Farms, Marys gewaltiges Baumwollimperium, das sie klammheimlich im vergangenen Monat verkauft hatte, ohne ihre Großnichte in Lubbock, Texas, die Geschäftsführerin von Toliver Farms West, in die Transaktion einzuweihen, war nicht mehr zu retten.

»Da gibt es nichts rückgängig zu machen, Amos«, erwiderte Mary ein wenig schroff. »Was geschehen ist, lässt sich nicht mehr ändern, und ich überlege es mir auch nicht anders. Du vergeudest unser beider Zeit, wenn du mich umzustimmen versuchst.«

»Hat Rachel dich irgendwie verärgert?«, erkundigte sich Amos und drehte sich auf seinem Schreibtischstuhl zu seiner Kredenz, um nach einer Karaffe zu greifen und mit zitternder Hand zwei Gläser Wasser einzuschenken. Er hätte Lust auf etwas Gehaltvolleres gehabt, wusste aber, dass Mary keinen Alkohol trank. »Hast du deshalb alles verkauft und das Testament abgeändert?«

»Du lieber Himmel, nein, Amos«, antwortete Mary entsetzt. »Wie kommst du denn auf die Idee? Meine Großnichte hat nichts anderes getan, als das zu sein, was sie ist – eine Toliver.«

Amos wandte sich wieder Mary zu. Sie hatte abgenommen, fiel ihm auf. Ihr maßgeschneidertes Kostüm hing an ihr herunter, und ihr mit fünfundachtzig noch immer auffallend schönes Gesicht wirkte schmaler. Die Angelegenheit hatte ihr zu schaffen gemacht, und zu Recht, dachte er wütend. Wie konnte sie ihrer Großnichte das antun – sie ihres rechtmäßigen Erbes berauben, des Landes und Anwesens ihrer Vorfahren sowie des Rechts, in der von diesen mitbegründeten Stadt zu leben. Er nahm einen großen Schluck Wasser und gab sich Mühe, sich seine Verärgerung nicht anmerken zu lassen, als er sagte: »Das klingt, als hieltest du das für einen Makel.«

»Ja, und den versuche ich zu korrigieren.« Sie hob das Glas an die Lippen, trank es leer und tupfte sich den Mund mit der Serviette ab, die Amos ihr reichte. »Genau deshalb habe ich den Nachsatz aufgesetzt. Ich erwarte nicht von dir, dass du ihn begreifst, Amos, doch Percy wird ihn zum gegebenen Zeitpunkt verstehen. Wie Rachel, sobald ich ihr alles erklärt habe.«

»Und wann willst du das tun?«

»Ich fliege morgen mit dem Firmenflugzeug nach Lubbock, um mich mit ihr zu treffen. Sie weiß noch nichts davon. Dort erzähle ich ihr dann von dem Verkauf und dem Kodizill. Ich kann nur hoffen, dass meine Argumente sie von der Richtigkeit meines Handelns überzeugen.«

Die Richtigkeit ihres Handelns? Amos sah sie ungläubig über den Rand seines Glases hinweg an. Seiner Meinung nach wäre es leichter gewesen, einem Seemann die Sinnhaftigkeit des Zölibats nahezulegen. Rachel würde ihr niemals vergeben, da war er sich sicher. Er beugte sich vor, um Mary tief in die Augen zu blicken. »Wie wär’s, wenn du deine Argumente zuerst einmal mir unterbreitest, Mary? Warum verkaufst du Toliver Farms, für deren Aufbau du fast dein ganzes Leben lang geschuftet hast? Und wieso vermachst du Somerset ausgerechnet Percy Warwick? Was soll er denn mit einer Baumwollplantage anfangen? Er ist im Holzgewerbe. – Und neunzig! Und dass du das Herrenhaus der Tolivers dem Verein für Denkmalschutz hinterlässt, ist der schlimmste Affront überhaupt. Du weißt, dass Rachel es seit jeher als ihr Zuhause erachtet. Sie wollte den Rest ihres Lebens darin verbringen.«

»Genau deshalb nehme ich es ihr weg«, antwortete Mary ungerührt, kerzengerade auf ihrem Stuhl sitzend, majestätisch die Hand auf dem Griff ihres Gehstocks. »Ich möchte, dass sie sich anderswo ihr eigenes Zuhause aufbaut, von Grund auf neu anfängt. Sie soll nicht hierbleiben und ihr Leben dem Toliver-Mythos opfern.«

»Das begreife ich nicht.« Amos breitete hilflos die Hände aus. »Ich dachte, darauf hättest du sie all die Jahre vorbereitet.«

»Das war ein Fehler, ein sehr egoistischer Fehler. Zum Glück habe ich ihn erkannt, bevor es zu spät war, und besitze die Weisheit, ihn zu korrigieren.« Sie winkte ab. »Erspar uns weitere Versuche, mich dazu zu bringen, dass ich dir alles erkläre, Amos. Ich weiß, die Sache erscheint dir rätselhaft, aber bitte vertrau mir. Meine Beweggründe könnten nicht aufrichtiger sein.«

Amos wechselte die Taktik. »Tust du es am Ende aus der irrigen Überzeugung, dass du ihrem Vater William noch etwas schuldest?«

»Aber nein!« Ihre smaragdgrünen Toliver-Augen, die sie zusammen mit dem ehemals schwarzen Haar und dem Kinngrübchen von der väterlichen Seite der Familie geerbt hatte, funkelten. »Obwohl mein Neffe es vielleicht so sehen wird – oder besser gesagt seine Frau. Ihrer Ansicht nach tue ich nur, was recht und billig ist, indem ich William das gebe, was ihm seit jeher zusteht.« Sie schnaubte verächtlich. »Soll Alice Toliver doch glauben, dass ich alles verkauft habe, weil ich meine, ihrem Mann noch etwas zu schulden. Aber ich will nicht ihm nützen, sondern seiner Tochter. Irgendwann wird er das begreifen.« Sie schwieg eine Weile nachdenklich und fügte dann in weniger selbstbewusstem Tonfall hinzu: »Könnte ich mir bei Rachel doch genauso sicher sein …«

»Mary …« Amos bemühte sich, überzeugend zu klingen. »Rachel ist aus dem gleichen Holz geschnitzt wie du. Denkst du, du hättest es verstanden, wenn dein Vater dir dein Erbe genommen hätte – die Plantage, das Haus, die Stadt, die ihre Gründung eurer Familie verdankt –, egal, wie gerechtfertigt seine Motive auch gewesen wären?«

Ihre Kiefer begannen zu mahlen. »Nein, aber ich wünschte, er hätte es getan und mir Somerset nicht vermacht.«

Amos sah sie mit offenem Mund an. »Warum, Mary? Du hattest doch ein wunderbares Leben, wie du es nach allgemeiner Ansicht auch Rachel ermöglichen willst, damit sie das Vermächtnis deiner Familie fortführen kann. Dieses Kodizill …«, er wischte mit dem Handrücken über das Dokument, »… widerspricht allem, was du meiner und ihrer Meinung nach für sie erhoffst.«

Mary sank in sich zusammen und legte den Gehstock quer über ihre Oberschenkel. »Ach, Amos, das ist eine lange Geschichte, viel zu lang, um sie hier auszubreiten. Percy wird sie dir eines Tages erklären müssen.«

»Was, Mary? Was gibt es da zu erklären?« Warum eines Tages und warum Percy?

Die Falten um ihre Augen und ihren Mund wirkten plötzlich tiefer und ihre olivfarbene Haut blasser.

»Was für eine Geschichte, Mary? Ich habe alles gelesen, was über die Tolivers, Warwicks und DuMonts je notiert wurde, ganz zu schweigen davon, dass ich seit vierzig Jahren in eurer Mitte lebe. Ich kenne euch.«

Mary senkte müde den Blick. Als sie ihn wieder hob, sagte sie sanft: »Amos, mein Lieber, du bist in unser Leben getreten, als unsere Geschichte bereits geschrieben war. Du kennst uns nur in der Zeit, in der unsere unklugen Entscheidungen schon gefällt waren und wir mit den Folgen leben mussten. Ich möchte Rachel davor bewahren, meine Fehler mitsamt ihren unausweichlichen Konsequenzen zu wiederholen. Ich will sie vom Fluch der Tolivers befreien.«

»Vom Fluch der Tolivers?« Amos blinzelte bestürzt. Wie fremd das aus ihrem Mund klang! Wieder fragte er sich, ob das Alter womöglich ihre Denkfähigkeit zu beeinträchtigen begann. »Ich weiß nichts von einem solchen Fluch.«

»Siehst du«, sagte sie mit dem für sie so typischen Lächeln, bei dem sie lediglich die Oberlippe ein wenig anhob, so dass ihre Zähne zum Vorschein kamen, die, anders als bei ihm und anderen Altersgenossen, nicht gelb geworden waren.

Doch so leicht ließ er sich nicht abwimmeln. »Was meinst du mit den Konsequenzen? Du warst Besitzerin eines Baumwollimperiums, das sich über das ganze Land erstreckte. Deinem Mann Ollie DuMont gehörte eines der exklusivsten Kaufhäuser in Texas, und Percy Warwicks Unternehmen steht seit Jahrzehnten auf der Fortune-500-Liste. Welche ›unklugen Entscheidungen‹ zu solchen Konsequenzen geführt haben, würde ich wirklich gern erfahren.«

»Glaub mir einfach«, antwortete Mary und straffte die Schultern. »Es gibt einen Fluch der Tolivers; er hat uns alle beeinflusst. Percy kennt ihn nur zu gut. Und auch Rachel wird ihn begreifen, wenn ich ihr Beweise für seine unbestreitbare Existenz vorlege.«

»Du hast ihr jede Menge Geld hinterlassen«, hakte Amos nach. »Was ist, wenn sie anderswo Grund erwirbt und ein neues Somerset sowie eine neue Toliver-Dynastie begründet? Begleitet sie dieser Fluch dann nicht?«

Ein unergründlicher Ausdruck trat in ihre Augen, und sie verzog verbittert den Mund. »Der Begriff ›Dynastie‹ verweist auf Söhne und Töchter, denen man das Staffelholz weitergeben kann. So gesehen, sind die Tolivers niemals eine Dynastie gewesen; eine Tatsache, die dir bei der Lektüre der historischen Dokumente vermutlich entgangen ist«, erklärte sie in ironischem Tonfall. »Nein, der Fluch würde sie nicht begleiten. Sobald die Nabelschnur zur Plantage durchtrennt ist, stirbt der Fluch. Kein anderes Land besitzt die Macht, uns das zu rauben, was Somerset uns geraubt hat. Rachel wird ihre Seele nicht mehr für den Grund und Boden der Familie verkaufen wie ich.«

»Du hast deine Seele für Somerset verkauft?«

»Ja, sogar mehrmals. Genau wie Rachel. Die ich nun von diesem Fluch befreien möchte.«

Jetzt sank Amos seinerseits in sich zusammen. Offenbar hatte er tatsächlich einige Fakten übersehen. Er versuchte es mit einem weiteren Argument: »Mary, dieses Kodizill ist dein letzter Gruß an diejenigen, die du liebst. Überleg dir bitte, wie es möglicherweise nicht nur Rachels Meinung von dir, sondern auch ihr Verhältnis zu Percy beeinflussen wird, wenn das, was ihr von Rechts wegen zusteht, in seinen Besitz übergeht. Willst du ihr wirklich so in Erinnerung bleiben?«

»Dass sie mich falsch verstehen, muss ich riskieren«, sagte Mary, allerdings mit sanfterem Blick. »Ich weiß, wie gern du Rachel magst, und dass du meinst, ich würde sie betrügen, doch das tue ich nicht, Amos. Im Gegenteil: Ich rette sie. Ich wünschte, es wäre Zeit für eine Erklärung, aber es geht leider nicht. Du musst mir einfach glauben, dass ich weiß, was ich tue.«

Er verschränkte die Hände über dem Dokument. »Ich habe den ganzen Tag Zeit, Mary. Susan hat alle meine Nachmittagstermine abgesagt.«

Sie streckte ihre schmale, blau geäderte Hand aus, um sie über seine grobknochigen Finger zu legen. »Das mag sein, mein Lieber, aber unglücklicherweise habe ich keine. Ich denke, jetzt wäre der richtige Moment, den Brief in dem anderen Umschlag zu lesen.«

Er sah das weiße Kuvert an, das mit der Schrift nach unten auf dem Tisch lag, drehte es mit klopfendem Herzen um und las den Absender. »Eine Klinik in Dallas«, murmelte er, während Mary, den Kopf abgewandt, nervös an der Kette herumzufingern begann, die ihr Mann Ollie ihr geschenkt hatte, eine Perle für jedes ihrer Ehejahre, bis zu seinem Tod. Zweiundfünfzig befanden sich daran, samt und sonders groß wie Kolibrieier; das Schmuckstück ruhte im Ausschnitt ihres grünen Kostüms wie dafür gefertigt. Auf diese Perlen richtete er den Blick, nachdem er den Brief gelesen hatte, weil er es nicht schaffte, ihr in die Augen zu sehen.

»Nierenkrebs«, krächzte er, und dabei bewegte sich sein Adamsapfel auf und ab. »Lässt sich nichts machen?«

»Ach, doch, das Übliche«, antwortete sie. »Operation, Chemotherapie, Bestrahlungen. Das würde nur meine Tage verlängern, aber nicht mein Leben. Ich habe mich gegen eine Behandlung entschieden.«

Amos nahm die Brille von der Nase, schloss die Augen und kniff sich in den Nasenrücken, um nicht zu weinen. Mary konnte es nicht leiden, wenn Menschen ihre Gefühle zur Schau stellten. Jetzt wusste er, was sie im vergangenen Monat – abgesehen von der Vorbereitung des Verkaufs von Toliver Farms – in Dallas gemacht hatte. Und niemand hatte etwas davon geahnt – weder ihre Großnichte noch ihr ältester Freund Percy noch Sassie, ihre Haushälterin seit über vierzig Jahren, noch ihr treuer alter Anwalt. Typisch Mary, ihre Karten erst ganz am Schluss aufzudecken.

Amos setzte die Brille wieder auf und zwang sich, Mary anzusehen. »Wie lange noch?«, fragte er.

»Drei Wochen … vielleicht.«

Amos zog die Schublade seines Schreibtischs heraus, in der er seine sauberen Taschentücher aufbewahrte. »Tut mir leid, Mary«, murmelte er und wischte sich die Tränen weg, »aber das ist jetzt alles ein bisschen viel …«

»Ich weiß, Amos.« Sie hängte den Gehstock an die Lehne ihres Stuhls und ging erstaunlich flink um den Schreibtisch herum zu ihm, um seinen Kopf sanft gegen ihre Brust zu drücken. »Der Tag des Abschieds musste ja einmal kommen. Schließlich bin ich fünfzehn Jahre älter als du …«

Er ergriff ihre schmale, zarte Hand. Wann war daraus die einer alten Frau geworden? Er erinnerte sich gut an die Zeit, als sie glatt und fleckenlos gewesen war. »Weißt du noch, wie wir uns das erste Mal begegnet sind?«, fragte er, die Augen geschlossen. »Im DuMont-Kaufhaus. Du bist in einem königsblauen Kleid die Treppe runtergekommen, und deine Haare haben im Licht des Kronleuchters geglänzt wie schwarzer Satin.«

Er spürte ihr Lächeln über seinem kahlen Kopf. »Ja. Du hattest noch deine Uniform an und wusstest inzwischen, wer William war. Nun wolltest du herausfinden, was für Leute einen solchen Jungen dazu bringen konnten, von zu Hause wegzulaufen. Ich muss sagen, dass du ziemlich beeindruckt gewirkt hast.«

»War ich auch.«

Sie küsste ihn auf den Kopf und ließ ihn los. »Ich bin immer dankbar gewesen für unsere Freundschaft, Amos. Vergiss das nicht«, sagte sie und kehrte zu ihrem Stuhl zurück. »Du weißt, dass ich nicht zu Übertreibungen neige, aber der Tag, an dem du hier in unserer kleinen Gemeinde aufgetaucht bist, war einer der besseren meines Lebens.«

Amos schnäuzte sich laut und vernehmlich. »Danke, Mary. Eins muss ich dich noch fragen: Ahnt Percy etwas von … deinem Zustand?«

»Nein. Ich sage es ihm und Sassie, wenn ich aus Lubbock zurück bin. Dann organisiere ich auch meine Beisetzung. Hätte ich das bereits gemacht, würden sich die Leute schon das Maul über mein bevorstehendes Ableben zerreißen. Ich habe alles fürs Hospiz in die Wege geleitet für die Woche nach meiner Rückkehr. Bis dahin möchte ich, dass meine Erkrankung unser Geheimnis bleibt.« Sie schlang den Riemen ihrer Handtasche über die Schulter. »Ich muss jetzt los.«

»Nein, nein!«, rief er aus und sprang von seinem Stuhl auf. »Es ist noch früh am Tag.«

»Nein, Amos, spät.« Ihre Hand wanderte in ihren Nacken, um den Verschluss ihrer Perlenkette zu lösen. »Die ist für Rachel«, sagte sie und legte sie auf seinen Schreibtisch. »Bitte gib sie ihr für mich. Du wirst den richtigen Zeitpunkt wählen.«

»Warum gibst du sie ihr nicht selbst, wenn ihr euch trefft?«, fragte er mit rauem Hals. Ohne die Perlen wirkte ihre Haut alt und nackt. Seit Ollies Tod zwölf Jahre zuvor war sie kaum jemals ohne die Kette aus dem Haus gegangen.

»Es könnte sein, dass sie sie nach unserem Gespräch nicht mehr nehmen möchte, Amos, und was soll ich dann damit machen? Bewahre sie auf, bis sie bereit ist, sie zu empfangen. Die Kette wird das Einzige sein, was ihr von dem Leben bleibt, das sie sich von mir erhofft hat.«

Amos stolperte mit klopfendem Herzen um den Tisch herum. »Ich begleite dich nach Lubbock. Lass mich dabei sein, wenn du es ihr sagst.«

»Nein, mein Lieber. Deine Anwesenheit könnte euer Verhältnis zueinander beeinträchtigen, wenn die Sache schiefgeht. Rachel muss dich für neutral halten. Sie wird dich brauchen, egal, was passiert.«

»Verstehe«, sagte er mit brechender Stimme.

Als sie die Hand ausstreckte, begriff er, dass sie sich endgültig von ihm verabschieden wollte, weil sich in den folgenden Tagen vielleicht keine Gelegenheit mehr dazu ergeben würde. Er wölbte seine knochigen Finger um die ihren, und seine Augen füllten sich trotz seines Vorsatzes, sich zusammenzureißen, mit Tränen. »Auf Wiedersehen, Mary.«

Sie nahm ihren Stock vom Stuhl. »Auf Wiedersehen, Amos. Kümmere dich für mich um Rachel und Percy.«

»Du kannst dich auf mich verlassen.«

Sie nickte, und er sah ihr nach, wie sie mit klackendem Gehstock zur Tür ging, kerzengerade wie eh und je. Als sie sie öffnete, drehte sie sich nicht noch einmal um, sondern winkte nur über die Schulter zurück, bevor sie hinaustrat und die Tür hinter sich schloss.

ZWEI

Amos sah ihr eine ganze Weile benommen und mit tränennassen Wangen nach. Dann atmete er tief durch, verriegelte die Tür und kehrte zu seinem Schreibtisch zurück, wo er die Perlenkette, die sich kühl anfühlte, so gar nicht mehr nach Mary, vorsichtig in ein sauberes Taschentuch wickelte. Am Abend würde er sie zu Hause in eine handgeschnitzte Briefschatulle, das einzige Erinnerungsstück an seine Mutter, das er behalten hatte, legen und für Rachel aufbewahren. Er nahm die Krawatte ab, öffnete seinen Hemdkragen und ging in die angrenzende Toilette, um sich das Gesicht zu waschen. Nach dem Abtrocknen träufelte er Tropfen in seine müden Augen.

Wieder an seinem Schreibtisch, drückte er auf den Knopf der Gegensprechanlage. »Susan, ich gebe Ihnen den Nachmittag frei. Hängen Sie das ›Geschlossen‹-Schild an die Tür und schalten Sie den Anrufbeantworter ein.«

»Alles in Ordnung, Amos?«

»Ja, Susan.«

»Auch mit Miss Mary?«

»Ja.« Natürlich glaubte sie ihm nicht, doch er wusste, dass Susan, die seit zwanzig Jahren seine Sekretärin war, ihre Mutmaßungen über Probleme ihres Chefs oder Marys nicht ausplaudern würde. »Machen Sie sich ein paar schöne Stunden.«

»Tja, dann also bis morgen.«

»Ja, bis morgen.«

Morgen. Beim Gedanken daran, was der folgende Tag für Rachel, die im Moment bestimmt gerade die Baumwollfelder inspizierte, bringen würde, bekam er ein flaues Gefühl im Magen. Morgen wäre alles vorbei, alles, worauf sich ihr gesamtes Erwachsenenleben konzentriert hatte. Mit ihren neunundzwanzig Jahren würde sie viel Geld besitzen. Natürlich konnte sie von vorn anfangen – vorausgesetzt, sie schaffte es, sich von dem Schock zu erholen –, allerdings mit Sicherheit nicht in Howbutker und anders, als er sich die Zukunft nach dem Ableben Percys für sich selbst vorgestellt hatte, des letzten der drei Freunde, die praktisch seine Familie gewesen waren. Amos betrachtete Percys Enkel Matt als Neffen, doch wenn er heiratete, würde seine Frau mit ihrer Familie vermutlich nicht die Lücke schließen wollen, die Ollie, Mary und Percy hinterlassen hatten. Bei Rachel wäre das etwas ganz anderes gewesen. Sie liebte ihn wie er sie, und ihre Tür hätte ihm immer offen gestanden. Amos, der alte Junggeselle, hatte sich darauf gefreut, dass sie in Howbutker, im Herrenhaus der Tolivers, wohnen, die Erinnerung an Mary am Leben erhalten, heiraten und Kinder aufziehen würde, die er im Winter seines Lebens lieben und verwöhnen könnte. Marys Beschluss bedeutete das Ende seiner Träume.

Er öffnete seufzend die Tür der Kredenz. Normalerweise trank er nicht vor sechs Uhr abends, und auch dann höchstens zwei Schuss Scotch mit der doppelten Menge Soda. Nun jedoch holte er die Flasche aus der Kommode, schüttete das Wasser aus seinem Glas und füllte es ohne zu zögern bis zur Hälfte mit Johnny Walker Red Label.

Mit dem Glas in der Hand trat er ans Verandafenster, von wo aus er einen kleinen Garten mit den für den Osten von Texas typischen Sommerblumen überblicken konnte – rosafarbene Schlüsselblumen, blauer Bleiwurz, violette Wandelröschen und gelbe Kapuzinerkresse, die sich an der Steinmauer hochrankten. Den Garten hatte Charles Waithe, der Sohn des Kanzleigründers, als stille Zuflucht vor den anstrengenden Aufgaben seines Berufs angelegt. Heute beruhigte der Anblick Amos leider nicht, sondern weckte Erinnerungen. Der Tag kam ihm in den Sinn, an dem Charles, damals um die Fünfzig, sich von ebendiesem Fenster abgewandt und Amos gefragt hatte, ob er Juniorpartner werden wolle. Amos war verblüfft und höchst erfreut gewesen. Das Angebot stand am Ende von ereignisreichen achtundvierzig Stunden: Zuerst hatte er William Toliver sein Zugticket überlassen, dann Mary auf der Treppe gesehen und schließlich nicht nur ihren Mann, eine Lokalgröße, sondern auch den mächtigen Percy Warwick kennengelernt. Alles war so schnell geschehen, dass ihm immer noch schwindelig wurde bei dem Gedanken daran, wie gut das Schicksal es mit ihm gemeint hatte: eine feste Anstellung in seinem erlernten Beruf, ein Zuhause und Freunde, die sich um ihn kümmerten.

An jenem Morgen Anfang Oktober 1945 hatte Amos, der soeben aus der Armee entlassen worden war, weder gewusst, was er arbeiten, noch wo er wohnen sollte, und nach Houston zu seiner Schwester gewollt, die er kaum kannte, als der Zug in einem kleinen Nest mit folgendem Schild am Bahnhof anhielt: »Willkommen in Howbutker, Herz der Kiefernwälder von Texas«. Während er sich dort kurz die Beine vertrat, war ein Teenagerjunge mit grünen Augen und rabenschwarzen Haaren auf den Schaffner zugerannt und hatte gerufen: »Nicht losfahren! Nicht losfahren!«

»Hast du eine Fahrkarte, mein Junge?«

»Nein, Sir, ich …«

»Tja, dann wirst du auf den nächsten Zug warten müssen. Der hier ist bis Houston voll belegt.«

Amos hatte das hochrote Gesicht des Jungen, dessen schwerer Atem Wolken vor seinem Mund bildete, betrachtet und die Verzweiflung eines Teenagers erkannt, der von zu Hause wegrannte. Er hat zu viel dabei, hatte er gedacht, sich an seinen eigenen erfolglosen Ausreißversuch mit fünfzehn erinnert und dem Burschen sein Ticket gegeben. »Hier, nimm meins«, hatte er gesagt. »Ich warte auf den nächsten Zug.«

Der Junge, der siebzehnjährige Neffe von Mary Toliver DuMont, wie sich später herausstellte, war hastig eingestiegen und hatte ihm aus dem anfahrenden Zug zugewinkt. Später sollte er nie zu mehr als einem Besuch nach Howbutker zurückkehren. Dafür blieb Amos in der Stadt. Er hatte sich mit seinem Matchbeutel in den Ort aufgemacht, um einmal dort zu übernachten, am nächsten Tag jedoch den Morgenzug abfahren lassen, ohne mitzukommen. In den folgenden Jahren hatte er oft über die Ironie des Schicksals nachgedacht, dass Williams Flucht aus Howbutker sein eigenes Entree gewesen war, und keine Sekunde seines Lebens dort bereut. Bis jetzt.

Er trank einen Schluck Scotch, der in seiner Kehle brannte wie Feuer. Verdammt, Mary, welcher Teufel hat dich nur geritten, etwas so Bedauerliches zu tun? Er fuhr sich mit der Hand über die Glatze. Was um Himmels willen war ihm entgangen, das ihren Beschluss erklären, vielleicht auch entschuldigen konnte? Er hatte geglaubt, ihre wie auch Ollie DuMonts und Percy Warwicks Geschichte in- und auswendig zu kennen. Was er nicht aus Büchern wusste, hatten sie ihm selbst erzählt. Natürlich war er zu spät nach Howbutker gekommen, um ihre Anfänge selbst mitzuerleben, aber er hatte sich bemüht, die Lücken zu füllen. Und er war auf rein gar nichts gestoßen – keine Gerüchte, Zeitungsartikel, Tagebücher oder auch Erzählungen von Menschen, die ihnen nahestanden –, das hätte erhellen können, wieso Mary Rachels Lebenstraum zerstörte und ihr nun nahm, was ihr von Rechts wegen zustand.

Ein plötzlicher Impuls ließ ihn einen Band aus dem Bücherregal holen und zum Schreibtisch bringen. Konnte sich des Rätsels Lösung darin verbergen? Er hatte die Geschichte der Howbutker-Gründungsfamilien das letzte Mal an jenem Oktobermorgen gelesen, an dem er William, dem adoptierten Sohn von Mary DuMonts verstorbenem Bruder, zur Flucht verhalf. Weil ihm nur zu gut im Gedächtnis geblieben war, wie schlecht man ihn selbst nach seiner Rückkehr zu seinen Eltern behandelt hatte, war er in die Bibliothek gegangen, um sich über die DuMonts zu informieren und sich darüber klar zu werden, ob er die Behörden über den Verbleib des Teenagers in Kenntnis setzen sollte. Die Bibliothekarin hatte ihm eine Ausgabe des Buchs gegeben, das er nun in der Hand hielt, verfasst von Jessica Toliver, Marys Urgroßmutter. Vielleicht würden sich ihm ja jetzt durch die Lektüre Dinge erschließen, die ihm vierzig Jahre zuvor entgangen waren. Der Titel des Buchs lautete Rosen.

Die Schilderung begann mit der Einwanderung von Silas William Toliver und Jeremy Matthew Warwick in Texas im Herbst 1836. Als jüngste Söhne von zweien der bekanntesten Pflanzerfamilien South Carolinas hatten sie nur geringe Aussichten, die Anwesen ihrer Väter zu übernehmen, und machten sich deshalb miteinander auf, eigene Plantagen in einer fruchtbaren Gegend im östlichen Teil der neuen Republik Texas aufzubauen, von der sie gehört hatten. Beide waren blaublütige Nachfahren des englischen Königshauses, Angehörige der verfemten Häuser von Lancaster und York. Mitte des siebzehnten Jahrhunderts siedelten sich Nachkommen dieser im Rosenkrieg verfeindeten Familien zufällig auf nebeneinanderliegenden Grundstücken in der Neuen Welt an, in der Nähe des späteren Charleston, das sie 1670 mitbegründeten. Aufgrund ihrer gegenseitigen Abhängigkeit begruben sie das Kriegsbeil und behielten lediglich die Symbole ihrer Treue zu den englischen Ursprüngen, die Rosen, bei. Die Warwicks, Nachfahren des Hauses York, pflanzten ausschließlich weiße Rosen in ihren Gärten, die Tolivers als Abkommen der Lancasters in den ihren nur rote.

1830 war Baumwolle die Haupteinnahmequelle im Süden, und Silas William Toliver und Jeremy Matthew Warwick sehnten sich nach eigenen Plantagen und einem Ort, der die edelsten Ideale ihrer englischen und südstaatlichen Kultur repräsentierte. Sie wurden begleitet von Familien geringerer Herkunft und Bildung, die die gleichen Träume hatten und harte Arbeit, Gott und ihr südstaatliches Erbe achteten. Mit von der Partie waren auch Sklaven – Männer, Frauen und Kinder –, die die Verwirklichung dieser Träume ermöglichten. Sie zogen auf der südlichen Route gen Westen, die vor ihnen bereits Männer wie Davy Crocket und Jim Bowie gewählt hatten. In der Nähe von New Orleans ritt ihnen ein schlanker, groß gewachsener Franzose entgegen, der sich als Henri DuMont vorstellte und fragte, ob er sich dem Treck anschließen könne. Er trug Kleidung aus feinstem Tuch, wirkte charmant und gebildet und besaß als entfernter Nachkomme König Ludwigs XVI., dessen Familie vor den Gräueln der Französischen Revolution nach Louisiana geflohen war, ebenfalls aristokratische Wurzeln. Nach einer Auseinandersetzung mit seinem Vater über die Führung ihres exklusiven Warengeschäfts in New Orleans wollte er sein eigenes Reich in Texas aufbauen, ohne väterliche Einmischung. Silas und Jeremy nahmen ihn mit offenen Armen auf.

Wären sie nur ein wenig weiter nach Westen, bis zu einem Ort, der heute Corsicana heißt, gezogen, teilte Jessica Toliver dem Leser mit, hätten sie das fruchtbare Land erreicht, nach dem sie suchten, eine Gegend, die späteren Grundbesitzern gewaltige Mais- und Baumwollernten bescheren sollte. Doch Pferde und Menschen waren müde, als sie den Sabine River von Louisiana nach Texas überquerten, und beim Anblick der kiefernbestandenen Hügel fragte Silas William Toliver: »How about here – Wie wär’s mit hier?«

Die Frage wurde weitergegeben, und am Ende hörte sie sich ungefähr so an: »How ’bout cher?« Schließlich erhielt der Ort jene Frage, die die Siedler einstimmig mit Ja beantworteten, als Namen. Allerdings machten die Gründerväter aus dem »ch« ein »k« und nannten die Stadt »Howbutker«.

Die ersten Bewohner waren trotz dieses eher rustikalen Ursprungs des Ortsnamens entschlossen, eine kultivierte Gemeinschaft aufzubauen, die an ihr früheres Dasein erinnerte. Sie einigten sich darauf, das Leben hier zwischen den Kiefern auf traditionell südstaatliche Art zu führen. Letztendlich wurden nur wenige Plantagenbesitzer, weil zu viel Land gerodet werden musste und die Arbeit an den Hügeln sich schwierig gestaltete. Und es gab ja auch andere Tätigkeiten, denen man sich zuwenden konnte, wenn man die Fähigkeit und den Willen dazu besaß. Manche errichteten kleinere Farmen, andere entschieden sich für die Viehzucht, wieder andere für die Milchwirtschaft. Einige eröffneten Geschäfte, die genau den Plänen der Stadtbaukommission entsprechen und von den Wählern der jungen Gemeinde bewilligt werden mussten. Jeremy Warwick sah seine finanzielle Zukunft im Schlagen und Verkaufen von Holz. Dabei richtete sich sein Blick auf die Märkte in Dallas und Galveston und anderen Städten, die in der neuen Republik aus dem Boden schossen.

Henri DuMont eröffnete einen Kurzwarenladen im Ortszentrum, der den seines Vaters in New Orleans an Eleganz schon bald übertraf. Außerdem erwarb und bebaute er kommerziell Grund und vermietete seine Immobilien an Geschäftsleute, die Howbutker durch den rechtschaffenen und pragmatischen Ruf seiner Bürger anlockte. Einzig Silas William Toliver wollte nicht von seinen ursprünglichen Plänen abweichen. Überzeugt davon, dass die höchste Berufung des Menschen im Grundbesitz bestehe, machte er sich mit seinen Sklaven daran, auf seinem Grund Baumwolle zu pflanzen, und investierte seine Gewinne in den Erwerb immer neuen Landes. Bereits wenige Jahre später nannte er den größten zusammenhängenden Besitz entlang dem Sabine River sein Eigen, was ihm den problemlosen Transport seiner Baumwollernte per Floß zum Golf von Mexiko ermöglichte.

Lediglich zu einem Zugeständnis war er bereit: Er baute sein Herrenhaus nicht auf dem Land, das er rodete, sondern seiner Frau zuliebe im Ort, weil sie in der Nähe ihrer Freunde und in einem Gebäude nach südstaatlicher Tradition in der Houston Avenue wohnen wollte. In dieser Straße, in der Gegend als »Founders Row – Gründerstraße« bekannt, lebten auch die DuMonts und Warwicks.

Silas nannte seine Plantage Somerset, nach dem englischen Herzog, von dem er abstammte.

Bei der ersten Besprechung über die Gründung und spätere Beschaffenheit des Ortes wurde die Führung wie nicht anders zu erwarten Silas, Jeremy und Henri übertragen. Als Kenner der Weltgeschichte war Henri vertraut mit dem Rosenkrieg in England und der Rolle, die die Familien seiner Freunde in dem zweiunddreißigjährigen Konflikt gespielt hatten. Er begriff, was die Rosenbüsche mit den eingewickelten Wurzelballen bedeuteten, die sie unter größten Strapazen von South Carolina mitgebracht hatten. Nach dem Treffen machte er seinen Freunden unter sechs Augen einen Vorschlag: Sie sollten beide Farben in ihren Gärten pflanzen und die Vermischung von Weiß und Rot als Zeichen ihrer Einigkeit verstehen.

Doch sie reagierten mit unsicherem Schweigen. Henri legte ihnen jeweils eine Hand auf die Schulter und sagte: »Selbstverständlich wird es Meinungsverschiedenheiten zwischen euch geben. Ihr habt sie in Form eurer Rosen mitgebracht.«

»Sie sind Symbol unserer Herkunft, dessen, was wir sind«, erklärte Silas Toliver.

»Stimmt«, pflichtete Henri ihm bei. »Symbol dessen, was ihr einzeln darstellt. Sie sollten jedoch auch das repräsentieren, was ihr gemeinsam seid, nämlich Männer mit Verantwortung. Und die sprechen über ihre Meinungsverschiedenheiten. Sie führen keine Kriege, um sie zu beseitigen. Solange in euren Gärten nur die Symbole eurer eigenen Häuser wachsen, wird immer Feindseligkeit – oder günstigenfalls Entfremdung – in der Luft liegen, wie bei euren Vorfahren in England.«

»Und was ist mit dir?«, fragte einer der beiden. »Du bist unser Partner. Was willst du in deinem Garten pflanzen?«

»Nun …« Der Franzose breitete die Hände aus. »Rote und weiße Rosen, was sonst? Sie sollen mich an meine Verpflichtung unserer Freundschaft und unseren gemeinsamen Unternehmungen gegenüber erinnern. Falls ich jemals einen von euch verstimmen sollte, schicke ich ihm eine rote Rose als Zeichen, dass ich ihn um Verzeihung bitte. Und falls ich je eine rote Rose aus demselben Grund erhalte, schicke ich als Beweis meiner Vergebung eine weiße zurück.«

Die beiden anderen dachten über Henris Vorschlag nach. »Wir sind stolz«, gestand Jeremy Warwick schließlich. »Es fällt uns schwer, einen Fehler zuzugeben.«

»Und genauso schwer, jemandem zu verzeihen«, meinte Silas Toliver. »Wenn in unseren Gärten Rosen beider Farben wüchsen, könnten wir ohne Worte um Vergebung bitten und diese gewähren.« Er dachte einen Augenblick lang nach. »Und was ist, wenn nicht verziehen wird? Sollen wir für diesen Zweck rosa Rosen pflanzen?«

»Rosa Rosen?«, spottete Henri. »Was für eine jämmerliche Farbe für eine so edle Blume. Nein, meine Herren, nur Weiß und Rot. Die Anwesenheit einer anderen Farbe würde die Möglichkeit des Undenkbaren ausdrücken. Unter aufrichtigen Männern guten Willens gibt es keinen Fehler, Irrtum oder Fehltritt, der sich nicht verzeihen ließe. Nun, was haltet ihr von meinem Vorschlag?«

Jeremy hob sein Champagnerglas, und Silas folgte seinem Beispiel. »Auf die rote und die weiße Rose! Auf dass sie ewig in unseren Gärten blühen mögen!«

Amos schloss das Buch mit einem Seufzer. Faszinierende Lektüre, dachte er, aber es hatte keinen Sinn weiterzulesen. Der Band endete mit einer optimistischen Auflistung des Nachwuchses, von dem eine Fortführung der vornehmen Tradition erwartet wurde: Percy Warwick, Ollie DuMont sowie Miles und Mary Toliver. 1901, als das Buch erschien, war Mary ein Jahr alt, und die Jungen waren fünf. Die Antworten, nach denen Amos suchte, lagen in ihrem späteren Leben begründet. In Rosen würde er keinen Hinweis auf eine gemeinsame Tragödie der Familien finden, die Marys Handlung erklärte. Aber wo sonst?

Es war allgemein bekannt, dass die Familien eine gesellschaftliche Einheit bildeten, aber getrennt arbeiteten und Reichtümer anhäuften, wegen der zu Beginn festgelegten Regel, die jeweiligen Unternehmen müssten aus eigener Kraft wachsen, ohne finanzielle Unterstützung der anderen. Amos selbst hielt diese Maxime für wenig freundschaftlich, doch seines Wissens hatten sich die Beteiligten immer daran gehalten. Die Tolivers pflanzten Baumwolle, die Warwicks schlugen Holz, die DuMonts verkauften Luxuskurzwaren und hatten niemals – nicht einmal nach der Heirat von Mary Toliver und Ollie DuMont – ihre Unternehmen zusammengelegt oder auf die Ressourcen der anderen zurückgegriffen.

Warum also wollte Mary Somerset Percy vermachen?

Du bist in unser Leben getreten, als unsere Geschichte bereits geschrieben war, hatte Mary gesagt, und das glaubte er inzwischen sogar. Nur ein Mann konnte die fehlenden Kapitel beisteuern. Am liebsten wäre Amos nach Warwick Hall gestürmt und hätte von Percy verlangt, ihm zu verraten, was Mary dazu veranlasst hatte, Toliver Farms zu verkaufen, Percy die einhundertsechzig Jahre alte Plantage ihrer Familie zu hinterlassen und ihrer Großnichte zu nehmen, die sie so sehr liebte. Was um Himmels willen hatte sie dazu gebracht, in den letzten Wochen ihres Lebens dieses unsägliche, unwiderrufliche Kodizill zu formulieren?

Doch als Marys Anwalt konnte er das natürlich nicht. Es blieb ihm keine andere Wahl, als zu schweigen und zu hoffen, dass die Konsequenzen von Marys Entscheidung nicht so einschneidend sein würden, wie er befürchtete. Er wünschte Mary viel Glück für den kommenden Tag, an dem sie ihrer Großnichte ihren Beschluss eröffnen wollte. Ihn würde es nicht wundern, wenn Rachel rosa Rosen für Marys Grab bestellte. Was für ein trauriges Ende dieser besonderen Beziehung zwischen den beiden!

Kopfschüttelnd und ein wenig angetrunken erhob Amos sich von seinem Stuhl und steckte das Kodizill und den Brief zurück in den Umschlag. Einen Moment lang spielte er mit dem Gedanken, ihn in den Papierkorb zu werfen, doch dann ging er achselzuckend zum Aktenschrank und heftete Mary DuMonts letzten Willen ab.

DREI

Schwer auf ihren Gehstock gestützt, blieb Mary auf dem Bürgersteig vor dem Haus, in dem sich Amos’ Kanzlei befand, stehen, um Atem zu schöpfen. Ihr Hals und ihre Augen brannten, und sie hatte das Gefühl, als presste ihr jemand die Lunge zusammen. Das eben war fast zu viel für sie gewesen. Armer, treuer Amos. Sie hatte ihn nicht verdient. Vierzig Jahre … War es wirklich schon so lange her, dass sie, außer sich vor Sorge über das Verschwinden von William, auf der Treppe im Kaufhaus bemerkt hatte, wie der junge Hauptmann der 101. US-Luftlandedivision sie anstarrte?

Dieser Moment war ihr so lebhaft in Erinnerung, als hätte er sich erst ein paar Monate zuvor ereignet. Gott hatte wohl einen Hang zum Sadismus, dachte sie ein wenig bitter, weil er die Alten mit allerlei subtilen Grausamkeiten schlug. Warum konnten sie die Jahre nicht so wahrnehmen, wie sie wirklich abliefen, statt so, als wären sie in Windeseile vergangen, und der Anfang liege nur kurze Zeit zurück? Ihrer Meinung nach sollte den Alten und Sterbenden das Gefühl erspart bleiben, dass das Leben gerade erst begonnen hatte.

Wer in der Hölle schmort, sehnt sich eben nach einem Glas Wasser, dachte sie mit einem Achselzucken und richtete ihre Überlegungen wieder auf Amos. Wie undankbar von ihr, ihm eine solche Aufgabe aufzubürden! Aber er war tapfer und gewissenhaft und drückte sich nicht vor seiner beruflichen Pflicht. Andere Familienanwälte würden ein solches Kodizill klammheimlich in den Papierkorb werfen, doch nicht Amos. Er würde sich Gott sei Dank buchstabengetreu an ihre Anweisungen halten.

Als sie wieder bei Atem war, setzte sie ihre Sonnenbrille auf und suchte die Straße nach ihrem Chauffeur Henry ab. Sie hatte ihm gesagt, er solle sich während ihres Besuchs bei Amos auf eine Tasse Kaffee ins Courthouse Café setzen, wo er vermutlich mit Ruby, einer Kellnerin seines Alters, flirtete. Warum auch nicht, dachte sie. Zu Hause gab es vor dem Mittagessen noch eine Aufgabe zu erledigen, dann wären ihre Angelegenheiten vollständig geregelt. Ein wenig konnte das allerdings warten, denn sie fühlte sich nun gut genug für einen kleinen Spaziergang, ihren letzten in der Stadt, die ihre Familie mitbegründet hatte.

Es war lange her, dass sie den Courthouse Circle ganz umrundet, Schaufenster betrachtet und mit den Ladeninhabern geplaudert hatte, die meisten seit Ewigkeiten Freunde von ihr. Inzwischen stand sie nicht mehr im Blickpunkt der Öffentlichkeit wie früher, als sie Wert darauf gelegt hatte, Kontakt zu halten mit den Menschen, die diese Stadt im Osten von Texas zu dem angenehmen Ort machten, der er war – Geschäftsleute und Angestellte, Kassierer, Sekretärinnen und Beamte der Stadtverwaltung. Sie empfand es als ihre Toliver-Pflicht, sich von Zeit zu Zeit blicken zu lassen. Das war der eine Grund, warum sie sich immer makellos kleidete, wenn sie in die Stadt ging. Dazu kam, dass sie Ollies Andenken ehren wollte.

Heute hätte sie ihm alle Ehre gemacht, dachte sie mit einem Blick auf ihr Albert-Nipon-Kostüm, die Krokodillederpumps und die Handtasche. Dass sie sich ohne die Perlenkette nackt und verletzlich vorkam, war einzig ihrer Einbildung geschuldet, und außerdem würde ihr ohnehin nicht mehr viel Zeit bleiben, der Kette nachzutrauern.

Wie erwartet fand sie Henry, der seit zwanzig Jahren als Chauffeur für sie arbeitete und der Neffe ihrer Haushälterin war, an der Theke des Courthouse Café, wo er mit Ruby plauderte. Bei Marys Eintreten verstummten alle Gespräche. Ihre Anwesenheit fiel immer auf. Ein Farmer im Arbeitsanzug sprang von seinem Platz auf, um ihr die Tür aufzuhalten, und sie sprach kurz mit mehreren Geschäftsleuten, an deren Tischen sie vorbeikam.

»Wie geht’s, Miss Mary?«, begrüßte Ruby sie. »Wollen Sie mir den Gauner hier vom Hals schaffen?«

»Erst mal nicht, Ruby.« Mary signalisierte Henry, dass er auf seinem Hocker sitzen bleiben solle. »Ich hoffe, Sie ertragen ihn noch eine Weile. Ich möchte ein paar Leute treffen und mich ein bisschen mit ihnen unterhalten. Bestellen Sie sich ruhig eine weitere Tasse Kaffee, Henry. Es dauert nicht lange.«

Henrys Gesicht nahm einen besorgten Ausdruck an. Es war Zeit für das Mittagessen bei Sassie. »Sie wollen in dieser Hitze spazieren gehen, Miss Mary? Halten Sie das für klug?«

»Nein, aber in meinem Alter darf ich mir die eine oder andere Dummheit erlauben.«

Draußen auf dem Gehsteig sah Mary sich erst einmal um. Ihr fielen die vielen neuen Läden auf, die in den vergangenen Jahren hier eröffnet hatten. Howbutker war ein Anziehungspunkt für Touristen geworden. Nachdem Magazine wie Southern Living und Texas Monthly die antikisierende Architektur und die regionale Küche sowie die sauberen Toiletten gelobt hatten, waren an den Wochenenden immer mehr erholungsuchende Yuppies aufgetaucht. Der Ort konnte sich kaum retten vor Anträgen auf den Umbau von historischen Gebäuden zu Pensionen und die Errichtung von kommerziellen Monstern, die den Vorkriegscharme von Howbutker zerstören würden. Dem Stadtrat, dem Amos angehörte und an dessen Sitzungen Percy und Mary als Ehrenmitglieder teilnahmen, war es gelungen, alle Motels, Fast-Food-Lokale und Discounter vor die Stadtgrenzen zu verbannen.

Lange wird das allerdings nicht mehr gehen, dachte Mary voller Bedauern und betrachtete eine neu eröffnete Boutique auf der anderen Seite des Circle, die von einer eleganten New Yorkerin geführt wurde. Ihre laute Art und ihr Akzent unterschieden sie von den übrigen Ladenbesitzern. Mary war klar, dass der Ort bald mehr ihres Schlags anlocken würde. Und wenn die alte Garde erst einmal abgelöst wäre, läge die Erhaltung Howbutkers in den Händen von Leuten wie Gilda Castoni und Max Warner, dem sympathischen Chicagoer, dem die neue, ziemlich beliebte Karaoke-Bar am anderen Ende der Straße gehörte.

Mary verzog wehmütig den Mund. Eigentlich sollte sie dankbar sein, dass solche Zugezogenen, die vor schlechter Luft, Kriminalität und dichtem Verkehr geflohen waren, Howbutkers Lebensweise eifriger bewahren würden als die Nachkommen der ursprünglichen Siedler, zu deren letzten verbliebenen Matt Warwick gehörte. Und Rachel …

Nein, bohr nicht in dieser offenen Wunde herum.

Sie versuchte, ihre Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Von René Taylor, der Postmeisterin, hatte sie sich – ohne dass ihre alte Freundin das ahnte – bereits verabschiedet, als sie ein Päckchen aufgab. Nun wollte sie auch ein letztes Mal bei Annie Castor, der Blumenhändlerin, vorbeischauen und bei James Wilson, dem Direktor der First State Bank. Leider befanden sich der Blumenladen und die Bank an den entgegengesetzten Enden des Platzes, und Mary besaß nicht mehr die Kraft, beide aufzusuchen, weil sie zu Hause noch in den Speicher hinaufwollte, zu Ollies altem Militärkoffer. Sie entschied sich für die Bank. Dort könnte sie einen Blick in ihr Schließfach werfen. Vielleicht hatte sie ja vergessen, etwas Wichtiges daraus zu entfernen.

Als sie am Friseursalon vorbeikam, nickte sie durchs Schaufenster dem Inhaber Bubba Speer zu. Der ließ sofort seinen Kunden, der mit Umhang auf seinem Stuhl saß, im Stich, um zur Tür zu eilen und Mary nachzurufen: »Hallo, Miss Mary! Wie schön, Sie zu sehen. Was führt Sie in die Stadt?«

Mary blieb stehen, um seinen Gruß zu erwidern. Bubba trug einen kurzärmeligen weißen Friseurkittel, unter dem eine ausgeblichene Tätowierung hervorlugte. Vermutlich eine Erinnerung an den Krieg, dachte Mary. Korea oder Vietnam? Wie alt war Bubba eigentlich? Sie blinzelte verwirrt. Mary kannte Bubba Speer sein ganzes Leben lang, und eine Tätowierung war ihr an ihm noch nie aufgefallen. Offenbar hatte sich ihre Wahrnehmung in letzter Zeit verschärft. Plötzlich bemerkte sie ganz neue Dinge, obwohl es ihr andererseits schwerfiel, Ereignisse und Menschen chronologisch richtig einzuordnen. »Ich hatte ein paar juristische Fragen an Amos«, antwortete sie. »Wie geht’s, Bubba? Wie schlägt sich die Familie?«

»Mein Junge ist von der Texas University angenommen worden. Danke für Ihre Glückwünsche zu seinem Schulabschluss. Den Scheck kann er gut gebrauchen. Mit dem Geld kann er sich im September die ersten Lehrbücher kaufen.«

»Das schreibt er in seinem Dankeschönbrief auch. Hat übrigens eine schöne Handschrift, Ihr Junge. Wir sind stolz auf ihn.« Vietnam, dachte Mary, es muss Vietnam sein.

»Hier gibt’s ja auch gute Vorbilder, Miss Mary«, sagte der Friseur.

Sie lächelte. »Passen Sie auf sich auf, Bubba. Und sagen Sie Ihrer Familie auf Wiedersehen von mir.« Als sie weiterging, spürte sie den erstaunten Blick Bubbas im Rücken. Ein wenig melodramatisch, ja, aber später würde Bubba sich wichtig fühlen können, wenn er Leuten von seiner letzten Begegnung mit Mary Toliver erzählte. Sie hat’s gewusst, würde er erklären. Mary wusste, dass sie todkrank war. Warum sonst hätte sie das gesagt? So würden sich weitere Legenden um ihre Person ranken wie um die von Ollie, doch sie würden vergessen werden, sobald Bubbas Kinder das Zeitliche segneten, denn dann gäbe es keinen mehr, der sich noch an die Tolivers erinnerte und an das, wofür sie standen.

Nun denn!, dachte Mary und presste die Lippen zusammen. Nur Percy hinterließ einen Sohn, der die Familientradition fortführen konnte. Und der war aus demselben Holz geschnitzt wie sein Großvater. Matt Warwick erinnerte sie in vielerlei Hinsicht an ihren eigenen Matthew, obwohl der das Aussehen der Tolivers geerbt hatte und Matt das seines Großvaters. Wenn sie Matt beobachtete, hatte sie manchmal das Gefühl, ihren eigenen Sohn aufwachsen zu sehen.

Sie trat vom Gehsteig auf die Straße und behinderte damit die Autofahrer, die nach rechts abbiegen wollten. Mary ließ sich Zeit, und niemand hupte. Dies war Howbutker, wo die Menschen noch Manieren besaßen.

Sicher auf der anderen Straßenseite, fiel ihr Blick auf eine gewaltige Ulme, deren Äste eine ganze Seite der Rasenfläche vor dem Gerichtsgebäude in Schatten hüllten. Sie erinnerte sich noch an den frisch gepflanzten Baum im Juli 1914, als das Gebäude fertiggestellt worden war, vor einundsiebzig Jahren. Eine hohe Statue des heiligen Franziskus stand darunter, mit Worten des berühmten Mannes auf dem Fundament.

Mary machte unsicher einen Schritt auf die schattige Bank zu, von der aus sie der Einweihungsrede ihres Vaters gelauscht hatte. Wieder einmal glaubte sie, jung zu sein und frische Kraft zu spüren. Es machte ihr weniger aus, »aus dem Leben herausgerissen« zu werden, als sich beim Sterben so lebendig zu fühlen, als hätte sie die ganze Zukunft vor sich. Sie erinnerte sich an – spürte noch einmal! – die Zeit mit vierzehn, als sie an jenem Morgen die Treppe in ihrem weißen Kleid mit dem grünen Satinsaum heruntergesprungen war, ein Band der gleichen Farbe im Haar, die Enden so lang wie ihre schwarzen Locken, die ihr bis auf die Schultern reichten. Ihr Vater hatte ihre Schritte mit stolzem Blick von unten beobachtet und verkündet, sie sehe »entzückend« aus, während ihre Mutter in ihre Handschuhe schlüpfte.

Bei der Einweihung waren die Blicke aller auf sie gerichtet gewesen … außer der von Percy. Die Freunde ihres Bruders hatten sie spielerisch geneckt, Ollie hatte bemerkt, wie erwachsen sie wirke und dass der grüne Satinstoff die Farbe ihrer Augen ausgesprochen vorteilhaft zur Geltung bringe.

Mary erinnerte sich an die schwüle Hitze jenes Tages, in der sie vor Durst zu vergehen schien und in der plötzlich, wie aus dem Nichts, Percy auftauchte und ihr ein Eiscreme-Soda aus dem Drugstore auf der anderen Straßenseite hinhielt.

Percy …

Ihr Herz begann schneller zu schlagen wie damals, als sie ihn unvermittelt vor sich stehen sah: groß gewachsen, blond und mit neunzehn schon fast schmerzlich attraktiv. Früher einmal hatte sie ihn sehr galant gefunden und zum Helden ihrer geheimen Träume erkoren, doch sobald sie zur »jungen Dame« heranreifte, spürte sie, wie sein Verhalten ihr gegenüber sich änderte. Sie hatte zunehmend das Gefühl, ihn zu belustigen. Zahllose Male dachte sie, verletzt durch seine spöttischen Blicke, vor dem Spiegel über sein ungewohntes Benehmen nach. Sie war in der Tat hübsch, allerdings nicht wie ein Porzellanpüppchen, sondern eher ein wenig zu groß und mit zu langen Armen und Beinen. Ihre olivfarbene Haut gab immer wieder Anlass zu Auseinandersetzungen mit ihrer Mutter, die sie kaum jemals ohne Handschuhe und Haube aus dem Haus ließ. Und schlimmer noch: Während andere sie liebevoll »Mary Lamb – Mary Lämmchen« nannten, gab Percy ihr den Spitznamen »Gypsy – Zigeunerin«, den sie als Beleidigung ihres Toliver-Teints auffasste.

Doch sie war sich bewusst, dass sie mit ihren schwarzen Haaren, den grünen Augen und dem ovalen Toliver-Gesicht Eindruck machte. Auch ihre Manieren waren einer Toliver angemessen, und sie hatte gute Noten in der Schule. Es bestand also keinerlei Anlass zu Spott.

Weil sie keinen Grund für Percys ungewohntes Verhalten finden konnte, entwickelte sich so etwas wie Antipathie zwischen ihnen, zumindest von ihrer Seite aus. Percy hingegen schien von ihrer Abneigung genauso wenig Notiz zu nehmen wie von ihrer früheren Verehrung.

An besagtem Tag sah sie das Eiscreme-Soda in seiner Hand trotz ihres Dursts voller Verachtung an – immerhin handelte es sich um ihre Lieblingssorte Schokolade. Den ganzen langen Julivormittag war es ihr gelungen, sich die schwüle, klebrige Hitze nicht anmerken zu lassen, indem sie die Arme ein wenig vom Körper abgespreizt hielt, damit der Wind sie kühlen konnte. Doch nun schienen Percys spöttisches Grinsen und das Soda anzudeuten, dass er sie durchschaute.

»Hier«, sagte er. »Du siehst aus, als würdest du gleich zerfließen.«

Sie erachtete seine Bemerkung als bewussten Affront. Toliver-Damen sahen nie aus, als würden sie gleich zerfließen. Also erhob sie sich mit trotzig vorgerecktem Kinn von der Bank und erwiderte in ihrem hochmütigsten Tonfall: »Nur schade, dass du nicht Gentleman genug bist, das zu ignorieren.«

Percy lachte. »Vergiss den Quatsch mit dem Gentleman. Ich bin dein Freund. Trink. Du brauchst dich auch nicht zu bedanken.«

»Allerdings, Percy Warwick«, sagte sie, das Eiscreme-Soda ignorierend, das er ihr nach wie vor hinstreckte. »Ich fände es dankenswerter, wenn du es jemandem anbieten würdest, der tatsächlich durstig ist.«

Dann stolzierte sie zu ihrem Vater, der gerade seine Rede beendet hatte, um ihm zu gratulieren, doch auf halbem Weg wandte sie sich um. Percy sah ihr, das Soda in der Hand, grinsend nach. Als ihre Blicke sich in einer Art Erkennen trafen, überkam sie ein ihrem vierzehnjährigen Körper bis dahin unbekanntes Gefühl. Fast hätte sie vor Überraschung laut aufgeschrien. Das merkte Percy, und er grinste noch breiter, hob das Glas und trank. Sie glaubte, die Schokolade in ihrem Mund zu schmecken.

Jetzt ging es ihr genauso. Sie spürte, wie sich der Schweiß unter ihren Armen und zwischen ihren Brüsten sammelte und sie wieder jenes Gefühl von damals durchzuckte. »Percy …«, murmelte sie.

»Mary?«

Beim Klang der vertrauten Stimme drehte sie sich um, leichtfüßig wie eine Vierzehnjährige, wenn auch ein wenig verwirrt. Wie war es Percy gelungen, unbemerkt hinter sie zu treten? Gerade hatte sie ihn doch noch unter der Ulme gesehen.

»Percy, mein Lieber …«, begrüßte sie ihn erstaunt. Nur der Gehstock und die Handtasche hinderten sie daran, die Arme nach ihm auszustrecken. »Musstest du denn mein ganzes Soda trinken? Ich wollte es damals so sehr – genau wie dich, ohne es zu ahnen. Ich war ein junges Ding und zu sehr eine Toliver. Wenn ich seinerzeit nur nicht so dumm gewesen wäre …«

Da spürte sie, wie der Mann sie sacht an den Schultern rüttelte. »Miss Mary … ich bin’s, Matt.«

VIER

Matt?«, wiederholte Mary und blickte blinzelnd in das besorgte Gesicht von Percys Enkel.

»Ja, Ma’am.«

Oje, dachte Mary, als sie Matts Miene bemerkte. Sie hatte eine ziemlich alte Katze aus einem sehr alten Sack gelassen. Wie sollte sie sich aus diesem Schlamassel herausreden? Wollte sie das überhaupt? Wie schön es gewesen war, ein paar Minuten zurückzuschlüpfen in jene aufregende Zeit und Percy noch einmal mit neunzehn zu sehen …

Das Alter hatte durchaus seine guten Seiten.

Mary lächelte Matt an und tätschelte seine Hemdbrust. Wie sein Großvater trug er stets Sakko und Krawatte, sogar im Sommer. »Hallo, mein Lieber. Hast du mich beim Selbstgespräch ertappt?«

»Ich wüsste keinen besseren Gesprächspartner als Sie, Miss Mary«, schmeichelte Matt ihr, und dabei strahlten seine Augen blau wie die seiner Großmutter. »Schön, Sie zu treffen. Im letzten Monat haben wir Sie vermisst, besonders Großvater. Wo wollen Sie hin? Darf ich Sie begleiten?«

»Ich bin gerade erst zurückgekommen«, antwortete Mary mit einem geheimnisvollen Lächeln. »Aus der Vergangenheit«, fügte sie hinzu, als sie sah, wie er fragend die Brauen hob. Es hatte keinen Zweck zu lügen, weil er sie vermutlich von einem Fenster des Gerichtsgebäudes aus beobachtet hatte. Was machte es schon, wenn sie die Wahrheit sagte? Matt war jung genug, um sie zu bewältigen, und alt genug, um die Abenteuer zu begreifen, derer er sie und seinen Großvater nun sicher verdächtigte. Sie bedachte ihn mit einem liebevollen Blick. »Du selbst bist noch nicht alt genug für eine Vergangenheit.«

»Ich werde demnächst fünfunddreißig«, erwiderte Matt mit einem Grinsen. »Also, wo wollen Sie hin?«

»Letztlich nirgends, denke ich.« Plötzlich war sie sehr müde. Und sie entdeckte Henry, den der Hunger auf den Gehsteig hinausgetrieben hatte. Sie nickte in Richtung ihrer Limousine, worauf er sich sofort auf den Weg zu Amos’ Büro machte.

»Henry holt den Wagen«, erklärte Mary. »Du kannst mich bis zur Ecke begleiten. Es ist eine Weile her, dass wir uns das letzte Mal in Ruhe unterhalten haben.« Sie hakte sich bei Matt unter und schwang mit der anderen Hand ihren Gehstock. »Wann hast du vor zu heiraten, Matt? Einen Mangel an Kandidatinnen dürfte es ja nicht geben, oder?«

»Täuschen Sie sich da mal nicht. Auswahl gibt’s in der Tat genug, aber die Richtige war bis jetzt nicht dabei. Wie geht’s übrigens Ihrer Großnichte? Können wir bald auf einen Besuch von ihr hoffen? Ich habe sie seit Mister Ollies Tod nicht mehr gesehen. Damals war sie, soweit ich mich erinnere, sechzehn oder siebzehn und schon eine strahlende Schönheit.«

»Siebzehn«, murmelte Mary, der sich die Kehle zuschnürte. »Sie ist Jahrgang 1956.«

Wieder ein Punkt, für den sie sich würde rechtfertigen müssen: dass sie Matt und Rachel bewusst voneinander ferngehalten hatte. Seit ihrer ersten Begegnung – Rachel war vierzehn gewesen – staunte Mary über die Ironie des Schicksals, dass die beiden sich zueinander hingezogen fühlten. Drei Jahre später, bei ihrem zweiten Treffen anlässlich Ollies Beisetzung, waren ihre Persönlichkeiten bereits voll ausgebildet gewesen: Rachel, die Pflanzerin, und Matt, der Holzhändler, eine Kombination, die nicht gutgehen konnte … jedenfalls nicht mit Somerset.

Mary hatte die Anziehung zwischen den beiden gespürt und das Interesse in Matts sowie die Bewunderung in Rachels Blick wahrgenommen und war zu dem Schluss gekommen, dass sie sich niemals zum selben Zeitpunkt in Howbutker aufhalten durften. Das zu arrangieren, war gar nicht so schwierig gewesen. Matt hatte den größten Teil seines jungen Erwachsenenlebens nach dem College-Abschluss ohnehin außerhalb der Stadt verbracht, um sich mit den verschiedenen Unternehmenszweigen von Warwick Industries vertraut zu machen. Und wenn er tatsächlich einmal zu einem kurzen Besuch zu Hause weilte, hatte Mary dafür gesorgt, dass Rachel anderswo beschäftigt war. Jegliches Interesse ihrer Großnichte an dem attraktiven Enkel von Percy hatte Mary im Keim zu ersticken gewusst, indem sie seinen Namen nie von sich aus erwähnte und das Gespräch in andere Bahnen lenkte, wenn die Rede doch einmal auf ihn kam. Der Altersunterschied zwischen ihnen betrug fünf Jahre, weshalb Mary gehofft hatte, dass Matt schon verheiratet wäre, wenn Rachel ihren Abschluss an der Texas A&M machte und eine Familie gründen wollte.

All das hatte sie eingefädelt, bevor das volle Ausmaß der Tragödie sich abzuzeichnen begann … vor Rachels Zerwürfnis mit ihrer Mutter und ihrer Trennung von dem Air-Force-Piloten. Wie hätte Mary vorhersehen sollen, dass Rachel, mittlerweile beinahe dreißig, und Matt, fast fünfunddreißig – der gleiche Altersunterschied wie bei ihr selbst und Percy –, nach wie vor ungebunden waren? Matt lebte nun wieder zu Hause und leitete Warwick Industries, und Rachel würde, hätte Mary sich nicht dieses Kodizill einfallen lassen, ebenfalls zurückkommen … Mary hielt inne. Was, wenn sie eine weitere vom Himmel vorgesehene Verbindung verhinderte? Ihr wurde übel.

»Miss Mary, was ist denn?« Matt legte mit besorgter Miene die Hand auf ihre Finger, die sich um seinen Arm krallten.

Mary sah ihn an. Matt hatte die Größe und Statur seines Großvaters geerbt und eine gröbere Version von dessen Attraktivität. Von Percys Frau, also Matts Großmutter, konnte sie an ihm nichts entdecken als die hellbraunen Haare und die strahlend blauen Augen. »Wie geht’s Lucy?«, erkundigte sie sich.

Matt verzog den Mund zu einem verblüfften Grinsen, das Mary an seinen Großvater erinnerte. »Ach, sie ist wie immer unzufrieden. Ich hab sie gerade in Atlanta besucht. Soll ich ihr einen schönen Gruß ausrichten?«

Mary hob abwehrend die Hand. »Um Himmels willen, nein! Dann kriegt sie am Ende noch einen Herzinfarkt.«

Matt gluckste. »Wahrscheinlich werde ich nie erfahren, warum ihr euch nicht leiden könnt.«

Du dürftest bereits eine ziemlich gute Ahnung haben, warum, dachte Mary belustigt und fragte sich, ob Matt Percy wohl erzählen würde, was er zufällig belauscht hatte. Eher nicht. Er würde keine schlafenden Hunde wecken, um seinen Großvater nicht in Verlegenheit zu bringen. Es war ja auch alles schon so lange her.

»Sie werden meine Neugierde also nicht stillen«, stellte Matt fest. »Ich würde mich gern noch ein bisschen über Rachel unterhalten. Wann können wir auf ihren nächsten Besuch hoffen?«

»In zwei oder drei Wochen, denke ich«, meinte Mary, den Blick auf ihre Limousine gerichtet, die gerade heranfuhr. Sie war weiß, ziemlich alt und in bestem Zustand, genau, wie sie sich selbst noch bis vor Kurzem gewähnt hatte. »Da ist Henry. Auf Wiedersehen, Matt.«

Als sie ihn durch die Gläser ihrer Sonnenbrille hindurch betrachtete, schnürte sich ihr die Kehle zu. Matt war ein anständiger Junge. Mary wusste noch gut, wie er und seine Mutter Claudia, Percys Schwiegertochter, nach Warwick Hall gekommen waren. Der damals erst ein paar Monate alte Matt hatte sie gleich an seinen Namenspatron Matthew erinnert und war zu ihrem kleinen Sonnenschein nach dem großen Regen geworden. Marys Herz krampfte sich zusammen. »Matt …«, begann sie und brachte zu ihrem Entsetzen kein weiteres Wort heraus.

»Was ist?«, erkundigte sich Matt und drückte sie an sich. »Warum weinen Sie denn? Dazu sind Sie doch viel zu hübsch.«

Sie holte ein Taschentuch aus ihrer Handtasche. »Und du trägst ein zu hübsches Sakko, als dass ich mich an deiner Schulter ausweinen sollte«, erwiderte sie und tupfte damit den feuchten Fleck von seinem Revers. »Tut mir leid, Matt. Keine Ahnung, was über mich gekommen ist.«

»Erinnerungen haben manchmal eine solche Wirkung«, erklärte er mit sanftem, wissendem Gesichtsausdruck. »Sollen Großvater und ich so gegen sechs auf einen Drink vorbeikommen? Sie haben ihm im vergangenen Monat gefehlt … sogar sehr.«

»Nur, wenn du versprichst, kein Wort über … mein Benehmen … verlauten zu lassen.«

»Was für ein Benehmen?«

Nun gesellte Henry sich zu ihnen. »Sassie hat Schinken, Augenbohnen, Grünkohl und geröstetes Maisbrot zu Mittag gekocht«, teilte er Matt mit. »Das bringt Sie wieder auf die Beine.«

»Klingt gut«, sagte Matt, doch Mary bemerkte den zweifelnden Blick, den er mit Henry wechselte. Bevor er die Autotür schloss, beugte er sich noch einmal zu ihr hinein, um ihr die Hand auf die Schulter zu legen. »Bis heute Abend, Miss Mary, ja?«

Sie tätschelte seine Hand. »In Ordnung.«

Aber natürlich war nichts in Ordnung. Sie würde sich eine Ausrede einfallen lassen und Sassie bitten, in Warwick Hall anzurufen. Nachdem sie sich einen Monat lang nicht gesehen hatten, würde Percy sich schrecklich über diese Absage aufregen, aber sie war einfach nicht in der Verfassung, ihn zu empfangen. Sie benötigte ihre ganze emotionale und körperliche Kraft für ihr Treffen mit Rachel am folgenden Tag und musste außerdem noch die Sache im Speicher erledigen. »Henry«, sagte sie und schob die Brille hoch, um die letzten Tränen wegzuwischen, »könnten Sie etwas für mich machen, wenn wir zu Hause sind?«

Henry sah sie traurig im Rückspiegel an. »Vor dem Essen, Miss Mary?«

»Ja, vorher. Gehen Sie rauf in den Speicher und öffnen Sie den alten Militärkoffer von Mister Ollie aus dem Ersten Weltkrieg für mich. Lassen Sie sich von Sassie die Schlüssel dafür geben. Sie sind in der obersten Schreibtischschublade. Das dauert nicht lang. Danach können Sie was essen.«

Henrys Augen verengten sich. »Miss Mary, alles in Ordnung mit Ihnen?«

»Ich habe jedenfalls meine fünf Sinne beisammen, falls Sie das meinen, Henry.«

»Ja, Ma’am«, sagte er in zweifelndem Tonfall.

Ihre Tränen waren getrocknet, als sie in die breite, von Baumkronen beschattete Houston Avenue einbogen und die großen Herrenhäuser passierten, die dort inmitten sanft geschwungener, gepflegter Rasenflächen lagen. »Lassen Sie mich bitte vor dem Haus raus, Henry«, wies Mary ihn an.

Henry bedachte sie mit einem weiteren erstaunten Blick. »Vor dem Haus? Nicht an der Seitentür?«

»Nein, Henry. Und machen Sie sich nicht die Mühe auszusteigen, um mir zu helfen. Das schaffe ich allein.«

»Wenn Sie meinen, Miss Mary. Aber noch eine Frage zu Mister Ollies Militärkoffer. Wie erkenne ich ihn?«

»Es ist das scheußliche grüne Ding ganz hinten an der rechten Wand. Sein Name steht drauf: HAUPTMANN OLLIE DUMONT, US ARMY. Der Deckel ist so lange nicht mehr geöffnet worden, dass Sie wahrscheinlich ein Stemmeisen brauchen.«

»Ja, Ma’am«, sagte Henry und brachte die Limousine vor der Veranda zum Stehen. Mit besorgtem Blick beobachtete er, wie Mary sich vom Rücksitz und die Stufen hinaufquälte. Auf halber Höhe winkte sie ihn weg, aber er wartete, bis sie ganz oben war, bevor er losfuhr. Wenig später öffnete Sassie Zwei, so genannt, weil sie die zweite Sassie war, die als Haushälterin bei den Tolivers arbeitete, die Tür und fragte: »Miss Mary, was machen Sie denn da draußen? Sie wissen doch, dass die Hitze Ihnen nicht guttut.«

»Sie macht mir wirklich nichts aus, Sassie«, antwortete Mary ihr aus einem tiefen weißen Sessel auf der Veranda. »Ich habe Henry gebeten, mich vorn rauszulassen, weil ich wieder mal die Treppe hochgehen und ein Gefühl dafür bekommen wollte, wie es ist, mein Haus durch den Vordereingang zu betreten. Das habe ich seit Ewigkeiten nicht mehr getan, und noch länger habe ich die Nachbarschaft nicht von hier aus beobachtet.«