Die erbende Braut - Cynthia Woolf - E-Book
Beschreibung

Die Erbin Ella Davenport überlebte einen Kutschenunfall, bei dem ihr Vater getötet wurde. Im Austausch dafür, dass ihr Leben gerettet wurde, zieren nun schlimme Narben ihr schönes Gesicht. Ihre Freunde, hoch angesehene Leute, zeigten ihr wahres Gesicht, ließen Ella links liegen und wie eine sozial Ausgestoßene zurück. Selbst mit ihrem Wohlhaben kann sie sich nicht so eine Ehe kaufen, die sie möchte. Verzweifelt, weil sie auf der Suche nach einem Ehemann ist, der sie trotz ihrer Narben und - ohne von ihrem Geld zu wissen - akzeptiert, entscheidet sie sich, eine Katalogbraut zu werden. Matchmaker & Co. ist ihre einzige Chance von vorn anzufangen und den Schmerz und Verrat weit hinter sich zu lassen. Nathan Ravenclaw wurde von dem Vater des Mädchens, der er den Hof machte, aus der Stadt gejagt, als dieser herausfand, dass Nathan von den Arapahos abstammte. Auf einmal war es egal, dass Nathan ein erfolgreicher Rancher, Geschäftsmann und ein gutes Mitglied der Gesellschaft war. Das weiße Volk sah plötzlich nur noch einen Mischling. Selbst sein Geld konnte ihm keine Frau kaufen. Das war vor zehn Jahren. Er zog weg und baute sich alles wieder auf, was der kaltherzige Rancher ihm einst genommen hatte. Er hat alles… außer eine Ehefrau. Matchmaker & Company haben ihm versprochen, ihm eine Frau zu schicken, die bereit ist, ein neues Leben mit ihm zu beginnen. Aber Nathans verletztes Herz hat die Fähigkeit verlernt Vertrauen zu finden. Er sehnt sich nach Kindern, nicht nach Romantik. Seine neue Frau, vernarbt und verstoßen wie er selbst, verspricht perfekt für ihn zu sein. Und dann trifft er seine Katalogbraut. Ein starkes Verlangen und, noch viel gefährlicher, Hoffnung entfacht wieder in ihm. Zwei Dinge, die er geschworen hat, nie wieder zuzulassen. Und Liebe? Für diese beiden geschädigten Seelen ist das das größte Risiko überhaupt.

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Die erbende Braut

Matchmaker & Co.

Buch 2

Cynthia Woolf

DIE ERBENDE BRAUT

Copyright © 2018 Cynthia Woolf

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN-13: 978-1-947075-89-4

Inhaltsverzeichnis

DIE ERBENDE BRAUT

Copyright

Widmung

Danksagungen

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Epilog

Über Die Autorin

Verfügbare Titel

WIDMUNG

Für Jim, meinen wundervollen Ehemann, meinen Geliebter, meinen bester Freund. Ohne dich könnte ich das alles nicht machen.

Ich liebe dich - auf ewig und drei Tage.

DANKSAGUNGEN

An meine Kritikpartner, Michele Callahan, Karen Docter, Kally Jo Surbeck-Owren und Jennifer Zane – danke Mädels. Eure Meinung und Unterstützung waren unersetzbar beim Schreiben und Vollenden dieses Buches. Ihr seid die Besten.

Danke an meine Lektorin, Kally Jo Surbeck-Owren. Ich habe Glück, dass meine Lektorin auch eine meiner Kritikpartnerinnen ist. Ich danke dir für alles, was du für mich tust und dass du auf beiden Seiten für mich da bist.

KAPITEL 1

14. März 1871

Sehr geehrte Mrs. Selby,

aus Ihrem letzten Brief an mich konnte ich entnehmen, dass Sie eine Braut für mich gefunden haben. Anbei mit diesem Schreiben finden Sie eine Tratte in der Höhe von einhundert Dollar, um sowohl die Gebühren, als auch das Ticket für Miss Ella Davenport zu bezahlen. Hinfahrt von New York nach Denver im Gebiet von Colorado.

Vielen Dank für Ihre Unterstützung.

Mit freundlichen Grüßen,

Nathan Racenclaw

Margaret Selby legte den Brief in Nathan Ravenclaws Datei ab. Sein Ordner war dicker als die meisten. Sie seufzte. Er war schwerer zu vermitteln, als sie es ursprünglich gedacht hatte. Er war ein erfolgreicher Rancher, das stimmte, aber durch seine arapaho-indische Herkunft wurde er sowohl von der weißen, als auch von der Arapaho-Gesellschaft verstoßen. Besonders wenn es um Heiratsanzeigen ging. Sie würden ihn missgönnend in Geschäftsangelegenheiten akzeptieren, aber ihn nicht ihre Schwestern und Töchter heiraten lassen.

Sie war sich nicht sicher, ob sie ihn erfolgreich vermitteln können würde - bis Ella Davenport in ihr Büro kam. Ella war eine schöne, junge Frau mit schokoladenbraunen Augen und dunkelbraunen Haaren. In einer schlimmen Schicksalswendung wurde sie bei einem Kutschenunfall schrecklich entstellt und lebte nun wegen diesen Narben von ihrer Gesellschaft zurückgezogen.

Margaret dachte, dass diese beiden jungen Menschen sich vielleicht gegenseitig dabei helfen könnten, die Wunden verheilen zu lassen. Das spürte sie ganz tief in sich. Die beiden waren füreinander gemacht.

Sie steckte den Scheck in ihr Täschchen und machte sich dann für den kurzen Gang zur Bank fertig. Sie zog ihren schwarzen Mantel aus feiner Wolle an, damit sie den rauen Winterwind überstand, der momentan zwischen den Gebäuden pfiff. Sie zog den leuchten blauen Schal über ihre feurig roten Haare. Ihr prächtiges Haar, in der keine Spur von Grau zu finden war, obwohl sie bereits fünfunddreißig Jahre alt war. Der Schal war der einzige Klecks Farbe in ihrem ganzen Outfit, sogar ihre Handschuhe waren schwarz. Sie pustete die Lampe auf ihrem Tisch aus und schloss die Tür hinter sich.

Ihr liebesbedürftiger Ehemann war nett genug gewesen, ihr dieses schöne Gebäude zu hinterlassen, bevor er im Bett seiner Geliebten starb. Er hatte es nicht geschafft ihr Kinder zu schenken, wobei er niemals vergessen hatte ihr zu sagen, dass das ihre Schuld war - aber er hatte sie an einem Ort, an dem sie ihre Geschäfte erledigen und leben konnte, zurückgelassen. Sie dachte, sie sollte wohl dankbar dafür sein.

Ihre Wohnung lag im zweiten Stock eines dreistöckigen Gebäudes. Die dritte Etage hatte sie an ein junges Paar für zwei Dollar und fünfzig Cent im Monat vermietet. Ein Viertel der Marktmiete von zehn Dollar im Monat. Als ein Teil ihrer Miete kümmerte sich der junge Mann um das Gebäude. Das war eine vorteilhafte Angelegenheit für alle Beteiligten.

Sie huschte die zwei Blöcke hinunter zur Bank. Ein Sturm zog rasch auf und sie wollte sicher in ihrer warmen Wohnung ankommen, bevor er die Stadt erreichte.

Miss Davenport war für morgen Nachmittag ins Büro bestellt worden, um ihr Ticket für die Reise nach Denver abzuholen. Am Morgen, wenn es das Wetter zuließ, würde Margaret zur Bahnstation gehen und die Tickets kaufen, die Miss Davenport brauchen würde, um nach Denver im Gebiet von Colorado zu kommen.

Sie betrat die Bank kurz vor Feierabend. Es war ruhig. Die hiesigen Unternehmen hatten noch nicht ihren Arbeitstag beendet und das hatte sie genau aus diesem Grund so gelegt. Sie ging zu dem ersten freien Bankangestellten, gab den Scheck ab und nahm das Geld für das Zugticket entgegen.

Sie schob das Geld in ihre Tasche und machte sich für den kalten nach Hause-Weg bereit.

*****

Der Sturm zog in der Nacht vorüber und hinterließ eine leichte Schneedecke und einen klaren, blauen Himmel. Ella Davenport zog sich für ihr letztes Treffen mit Mrs. Selby bewusst an. Ihr schwarzer Woll-Rock und die dazu passende Jacke standen ihr gut. Sie vermied die kurzen Faltenröcke, die zu der Zeit beliebt waren und bevorzugte einen simplen A-Linien-Rock. Sie hatte ihre Bluse mit einem hohen, geraden Kragen anfertigen lassen, um ihre Narben zu verdecken. Alle ihre Blusen waren schlicht weiß. Nichts, was die Aufmerksamkeit auf ihr Gesicht zog. Selbst hier zu Hause schämte sie sich wegen den Narben in ihrem Gesicht. Heute würde sie rausgehen und einen dicken Schleier tragen. Es war einfacher, schwere Spitze zu tragen, als den Blick in den Gesichtern der Leute zu sehen, wenn sie ihre Entstellung sahen. Erst Erschrecken und dann Mitleid. Sie hasste es.

Sie ging hinunter in den Frühstücksraum. Das war einer ihrer Lieblingsräume. Die hellblauen Wände über der Stuhlschiene mit der dunkelblauen Blumentapete darunter befriedigten ihr Bedürfnis nach Ruhe. Sie wusste, dass der Koch ihr ihr Lieblingsessen zubereitet hatte. Eier, Würste und Pilz-Toast.

Joshua war bereits dort und trug einen seiner Anzüge. Dieser eine braune, der die selbe Farbe wie seine Augen hatte. Ihr Bruder war auf eine stillte Art und Weise ein hübscher Mann.

„Guten Morgen, Bruder.“

„Guten Morgen. Du siehst heute Morgen besonders bezaubernd aus.“

„Heute ist mein letztes Treffen mit Mrs. Selby. Ich bekomme dann meine Fahrkarten.“

Joshua legte seine Zeitung ab und starrte sie an. „Bist du dir sicher, dass das das Richtige für dich ist? Es gibt ein Dutzend Männer die froh wären, dich zu heiraten.“

„Du meinst wohl die froh wären, wenn sie mein Geld heiraten. Oder, noch schlimmer, mich aus Mitleid heiraten. Ich will nicht, dass meine Ehe auf einer dieser beiden Sachen aufbaut. Mr. Ravenclaw weiß von meinen Narben, aber Mrs. Selby meinte, dass er wegen seiner Herkunft selbst Narben trägt. Da er ein halb Arapaho-Inder ist, wurde er sowohl von den weißen, als auch von den Indern verstoßen. Auch wenn sie vielleicht nicht sichtbar sind, hat er sie immer noch.“

„Hast du darüber nachgedacht, dass du, wenn du diesen Mann heiratest, auch eine Ausgestoßene sein wirst?“

Sie lud sich ihren Teller voll und setzte sich links neben ihren Bruder. Sie hatte es sich angewöhnt dort zu sitzen, damit er nicht ihre Narben ansehen musste, während er aß. Er hatte sie nie gebeten das zu tun. Ihre Narben störten ihn nicht weiter, obwohl sie trotzdem ab und zu Mitleid in seinen Augen erblickte. Dann war es aber auch so schnell wieder weg wie es gekommen war.

Sie setzte sich, belud ihre Gabel mit dem herzhaften Pilz-Toast und legte sie dann wieder ab – ihr Appetit war plötzlich weg. „Hast du mich in letzter Zeit nicht angesehen?“ Sie kreiste mit ihrer Hand vor ihrem Gesicht herum. „Siehst du die Narben auf der linken Seite von meinem Gesicht nicht? Siehst du nicht, dass ich mir meine Kragen extra hoch nähen lasse, um die an meinem Hals zu verdecken? Wenn du diese hier sehen kannst, hast du dir niemals über die Gedanken gemacht, die du nicht siehst? Nicht nur die auf meinem Körper, sondern auch die in mir? Bin ich nicht schon eine Aussätzige?“

Resigniert aufgrund ihrer Entscheidung nickte er. „Nun, wenn du dir sicher bist, werde ich dich unterstützen. Wenn es nicht klappt, kannst du immer hierher zurückkommen. Du wirst hier immer ein zu Hause bei mir haben.“ Er holte tief Luft. „Ich möchte, dass dein Gepäck zu dir geschifft wird, damit du dich nicht um es kümmern musst, wenn du umsteigst. Laut meinen Nachforschungen dauert die Reise sieben Tage und du wirst mindestens zwei Mal umsteigen müssen.“

„Ich weiß. Ich habe mich vorbereitet. Ich werde einen kleinen Handkoffer mit Wechselklamotten bei mir haben. Die werde ich anziehen, kurz bevor ich in Denver ankomme. Ich glaube, das ist die letzte Station. Mr. Ravenclaw wird mich dort abholen. Ich habe den Koch etwas Brot und Käse für mich zum Mitnehmen vorbereiten lassen und ich habe Bargeld bei mir, um mir Essen zu kaufen, wo immer das auch möglich sein wird. Soweit ich weiß gibt es Frauen, die ihr Geld damit verdienen, Brotzeitboxen an Zugfahrgäste in manchen Städten verkaufen, an denen wir halten. Ich habe vor, die Tickets, die mir Mrs. Selby geben wird, zu nehmen und sie zu einem Schlafabteil aufzuwerten. Kein Grund primitiv zu werden, bevor ich es muss.“ Sie lächelte. „Ich plappere vor mich hin.“

Joshua lächelte zurück. Er sagte ihr immer, dass ihr Lächeln ihr Gesicht verwandelte. Dass es so schön war, dass niemand die Narben bemerkte, sondern nur ihre wahre Schönheit.

Er stellte seine Kaffeetasse zurück auf die Untertasse. „So aufgeregt habe ich dich nicht mehr gesehen seit…“ Er schüttelte seinen Kopf. „Ich erinnere mich nicht an das letzte Mal.“

„Ich bin auch aufgeregt. Endlich geht es in meinem Leben voran. Der Unfall wird nicht das sein, was mich ausmacht.“

„Ich wünschte nur, dass sie den Kerl geschnappt hätten, der die Kutsche sabotiert hat. Du hättest sterben können, genau wie unser Vater.“ Sie sah, wie ihm die Wut in den Kopf stieg, als er versuchte sich zu beherrschen, bevor er seine Faust auf den Tisch knallte. „Ich bin mir sicher, dass du das sogar solltest.“

„Wahrscheinlich, aber das bin ich nicht. Ich bin mir sicher, dass es MacGregor oder einer seiner Handlanger war, die die Tragachsen durchsägt haben. Sie mussten einfach versucht haben uns umzubringen. Er wollte immer schon das Geschäft haben, seitdem Vater ihn aufgekauft und das Geschäft geboomt hatte. Er wollte wieder einsteigen, aber Vater sagte nein. Erinnerst du dich?“

„Ja, ich erinner‘ mich. Ich erinnere mich auch, dass er vor dem Unfall versucht hat, dir den Hof zu machen und immer wieder vorbeikam, bis du ihm gesagt hast, dass er aufhören soll. Hast du geglaubt, dass er vielleicht dafür verantwortlich ist?“

„Ich habe darüber nachgedacht, aber das ist nicht der Grund, weshalb ich ihn nicht wollte. Ich meine, Mein Gott, er ist in Vaters Alter.“, sagte sie ungläubig, dass er überhaupt daran gedacht hatte, dass sie interessiert sein könnte. „Du musst besonders vorsichtig sein, Joshua.“ Sie legte ihre Hand auf seinen Arm und drückte ihn. „Er wird auch versuchen, dich umzubringen.“

Er klopfte sanft auf ihre Hand. „Nun, das wissen wir nicht.“

„Wenn wir das nicht wissen, wieso hast du dann James und Robert? Die sind deine Bodyguards. Und meine auch, wenn ich bleiben würde. Ich sollte sicher sein, jetzt, wo ich gehe.“

„Mir wird es gut gehen. Iss dein Frühstück und schau nochmal auf dein Haar. Das fällt auf einer Seite herunter.“

„Was?“ Sie stand vom Tisch auf und ging zu einem der vielen Spiegel, die an der nördlichen Wand des Esszimmers hingen. Sie ließen das Zimmer größer wirken, als es war.

„Mit meinem Haar ist nichts verkehrt, du störrisches Ding.“

Er lachte. „Sieh an, sieh an. Solche Wörter aus dem Mund meiner süßen Schwester.“

Jetzt lachte sie auch. „Es gibt nichts Süßes an deiner Schwester und das weißt du auch.“

„Wie du meinst.“

In seinem Blick lag ein Glitzern und ein Lächeln in seinem geliebten Gesicht. Sie würde ihn mehr vermissen, als sie es ausdrücken konnte. Auch wenn sie ihm das nie gesagt hatte, war sie sich ziemlich sicher, dass er das bereits wusste. Sie standen sich so nah, wie Bruder und Schwester es nur konnten. Allein der Gedanke an ihren Vater, der erst vor einem Jahr verstorben war, tat ihr immer noch weh. Ihr Herz schmerzte wortwörtlich, wenn sie an ihn dachte und alles, was sie zusammen erlebt hatten. Sie erschauderte immer noch bei dem Gedanken an ihren schmerzlichen Verlust.

Joshua war jeden Tag an ihrem Bett gewesen, als sie im Krankenhaus lag und sich von den ganzen Operationen erholt hatte und er war auch bei ihr geblieben, als sie wieder nach Hause kam. Er zuckte niemals zusammen, wenn er sie ansah, auch wenn sie sich sicher war, dass er das wollte. Das tat jeder, zumindest beim ersten Mal. Freunde aufgrund von Empathie wegen all dem Schmerz, den sie durchlebt haben musste und Fremde aufgrund der Hässlichkeit ihres entstellten Gesichts.

Der Schleier half, wenn sie außerhalb des Hauses unterwegs war. Die Leute wurden weniger von ihrem Anblick erschreckt, wenn sie von einem Schleier verdeckt wurde. Das war noch ein Grund für ein Schlafabteil, ein Pullman-Wagon, wenn sie einen bekommen konnte - um Rücksicht auf die anderen Menschen zu nehmen. Der Preis spielte keine Rolle. Sie konnte sich leisten, was sie wollte, aber sie war nicht bereit, sich einen Ehemann zu kaufen. Ihr gefiel die Idee viel mehr, dass ein Mann bereit sein würde, sie zu akzeptieren, obwohl er von ihren Narben wusste. Sogar bereit dafür zu sein, für sie in einer Ehe aufzukommen. Auch wenn manche sagen würden, dass sie eine gekaufte Frau wäre, sah sie das anders. Es war ein Vertrag zwischen zwei Leuten und eine Hoffnung für ihre Zukunft. Eine, die sie nicht haben würde, wenn sie in New York blieb.

Ella bereitete sich darauf vor, hinaus ins in die Kälte zu gehen und zu Mrs. Selby zu laufen. Sie zog ihren langen, schwarzen Wollmantel an, zog sich ihren schwarzen Wollschal über den Kopf und wickelte ihn um die untere Hälfte ihres Gesichts. In der Kälte unterwegs zu sein war für sie einfacher als im warmen, weil sie die untere Hälfte ihres Gesichts mit einem Schal bedecken konnte und niemand wunderte sich darüber. Sie zog ihre Winterstiefel an. Sie waren aus weichem Fell und hielten ihre Füße selbst in den schneeverwehten Straßen warm.

Der Weg zu Matchmaker und Co war ungefähr eine Meile lang, aber Ella weigerte sich die Kutsche zu nehmen, wenn es nicht absolut notwendig war. Durch den Unfall hatte sie Angst vor engen Räumen und Fahrzeugen generell, was sie vorher nicht hatte. Sie war sich nicht sicher, wie die Zugfahrt sein würde. Noch ein Grund für einen Pullman. Sie musste zur Bahnstation gehen und zumindest ein Schlafabteil mit ein wenig Privatsphäre reservieren. Es war unmöglich, dass sie im Hauptabteil mit allen anderen reisen und sieben Tage lang gerade sitzen würde. Es musste ihr gegeben sein, den Schleier so lange wie möglich abzulassen, einfach aus Komfort. Er war schwer und die Luftzufuhr war nicht gerade die beste.

Nach circa zwanzig Minuten Laufen kam sie an Mrs. Selbys Büro an und ging hinein. Die Wärme hieß sie willkommen. Ein Kohleofen in der einen Ecke flutete den Raum mit Hitze.

Mrs. Selby saß in der Mitte des Raumes an ihrem Schreibtisch. Hinter ihr waren Tische, auf denen wahrscheinlich hunderte Ordner und Akten gestapelt waren.

Sie sah auf. „Kommen Sie hinein! Kommen Sie hinein, Ella. Ich bin froh, dass Sie kommen konnten. Tut mir leid, dass ich Sie an so einem ungemütlichen Tag aus den Haus hole, aber ich habe Ihre Fahrkarten und Sie werden übermorgen schon abreisen. Ich hoffe, Sie haben gepackt.“

„Vielen Dank, Mrs. Selby. Das habe ich. Ich habe bereits angefangen zu packen, als Sie meine Bewerbung angenommen haben. Ich muss erneut fragen - sind Sie sich sicher, dass Mr. Ravenclaw sich über das Ausmaß meiner Narben bewusst ist? Ich will nicht, dass er überrascht ist, wenn er mich sieht.“

„Machen Sie sich keine Sorgen, meine Liebe. Er weiß über alles Bescheid und hat keine Vorbehalte gegenüber einer Frau mit irgendwelchen Narben. In der Kultur seiner Mutter sind sie ein „Zeichen von Tapferkeit“ hat er glaube ich gesagt.“

Ella näherte sich dem Ofen, die Kälte schien sie plötzlich zu umschließen. „Tapferkeit? Nein. Überleben - ja.“

„Sie sind zu hart zu sich selbst, Ella.“, schimpfte Mrs. Selby.

„Das denke ich nicht. Ich habe überlebt. Mein Vater nicht.“

Mrs. Selby nickte. „Ich verstehe. Ich weiß auch, dass das schwer für Sie war. Aber das ist alles Vergangenheit. Ein neues Leben wartet auf Sie, Ella. Sie sollten die Chance ergreifen, die sich Ihnen bietet.“

„Oh, das habe ich vor. Ich muss immer noch ein paar Angelegenheiten klären, deshalb muss ich jetzt los.“ Sie lief zu der älteren Frau und umarmte sie fest. „Vielen Dank.“

Mrs. Selby umarmte sie zurück. „Ich wünsche Ihnen nur das Beste, Ella. Sie und Nathan werden eine tolle Ehe haben. Denken Sie nur dran, dass es viel Arbeit werden wird. Erwartet nicht, dass alles perfekt sein wird - zumindest nicht am Anfang.“

„Ich werde daran denken.“

Ella ging und suchte eine Kutsche. „Zum Bahnhof, bitte.“

Es war zu weit, um in dieser Eiseskälte zu laufen, ansonsten hätte sie sie nicht genommen. Sobald sie eingestiegen war, überkam sie eine beklemmende Angst. Sie öffnete die Vorhänge und das Fenster und ließ die kalte, aber frische Luft hinein. Lieber störte sie sich am Wetter als an der dunklen Angst, die ihr Schweiß den Rücken hinunterlaufen und ihren Magen verkrampfen ließ.

Als sie an der Bahnstation ankam, bat sie den Fahrer dort auf sie zu warten. Sie ging hinein und lief zum Fahrkartenfenster.

„Ich würde diese Tickets bitte gerne umtauschen.“

„Sowas machen wir eigentlich nicht, Miss. Die können Sie nicht zurückgeben.“

„Ich möchte Sie nicht zurückgeben. Ich möchte sie für die gesamte Reise zu einem Privatabteil aufwerten, oder zumindest zu einem Pullman-Schlafabteil.“

„Oh, in diesem Fall kann ich Ihnen natürlich helfen. Zeigen Sie mir mal bitte Ihre Fahrkarten.“

Ella überreichte ihm die Tickets und er erledigte die Änderungen. Sie zahlte den Aufpreis und er gab ihr die neuen Tickets zurück.

„Ich wünsche Ihnen eine angenehme Reise, Miss.“

„Dankeschön, die werde ich bestimmt haben.“

*****

Ella blieb die meiste Zeit in ihrem Abteil, wo sie den Schleier nicht tragen musste. Es war ein zweischneidiges Schwert. Sie war an das Abteil oder an den Schleier gebunden. Beide waren erdrückend, aber zumindest blieb ihr so ein klein wenig Freiheit, ohne dass die schwere Spitze sie zurückhielt.

Sie musste aber hinausgehen, um die Toilette im Hauptabteil zu benutzen und um im Speisewagen zu essen. Sie stieg bei jedem Halt aus dem Zug, um frische Luft zu schnappen. Nachts ging sie immer zu der Plattform zwischen den Wagons, um die kühle Luft zu spüren - ohne Angst zu haben, gesehen zu werden. Im dunklen machte sie sich keine Gedanken darüber, dass ihre Narben jemanden stören würden.

Sie kam am 6. April 1871 in Denver an. Ein Datum, das sie für immer als den Beginn ihres Lebens erinnern würde. Das war fast wie ein neuer Geburtstag.

Das Wetter war kalt. Der Wind pfiff über die Ebenen, traf auf die Berge im Westen und ließ die Luft so kühl bleiben. Die Gebäude waren nicht so groß wie die in New York, aber der Wind pfiff trotzdem durch sie hindurch und über die Plattform, auf der sie stand. Sie war froh über ihren guten Wollmantel und die gefütterten Winterstiefel. Sie hielten sie warm, während sie darauf wartete, dass Mr. Ravenclaw sie fand. Niemand sonst trug einen Schleier, also ging sie davon aus, dass er keine Probleme haben würde, sie zu erkennen.

Sie war sich nicht sicher, was sie erwartet hatte, aber sicherlich nicht den großen, wahnsinnig schönen Mann, der auf sie zukam. Er hatte einen ausgeprägten Kiefer, war glattrasiert und hatte ein kleines Grübchen im Kinn. Schwarze Augenbrauen hingen über seinen Augen, deren Farbe durch den Hut, den er sich tief ins Gesicht gezogen hatte, verdeckt wurde. Diesmal war sie froh, dass sie ihren Schleier trug. Er würde nicht sehen, dass ihr Mund offenstand und sie ihn angaffte.

„Miss Davenport?“

„Ja. Sind Sie Mr. Ravenclaw?“

„Das bin ich.“

Ella war erstaunt, dass ihre Hand zitterte, als sie sie ihm entgegenstreckte. „Ella Davenport.“

Er zog seinen Handschuh aus und nahm ihre Hand in seine große. Seine Finger berührten ihre Haut an ihrem Handgelenk kurz über ihrem Handschuh. Das Kitzeln, das direkt in ihre Zehen wanderte, war unerwartet und ließ ihren Blick nach oben schnallen. Sie sah hinauf in die schönsten, blauen Augen. Sie schienen die Chemie zwischen ihnen genauso wie sie zu hinterfragen.

Er hielt ihre Hand für so lange, dass es sich wie eine Ewigkeit anfühlte und sie starrten sich einfach an.

„Miss Dravenport…”

“Ella, bitte.”

„Ella. Ich möchte, dass du deinen Schleier hebst.“

„Bist du sicher, dass ich das in der Öffentlichkeit tun soll? Es kann ziemlich… schockierend sein.“

„Ich bin mir sicher.“ Er drückte ihre Hand und ließ sie dann los.

„Na gut.“ Sie hob die schwere Spitze und stellte sich darauf ein, dass er über die Hässlichkeit bestürzt sein würde. Was sie nicht erwartet hatte, war, dass er seine Hand hob und sanft an der dünnen, grässlichen rosafarbenen Narbe entlangfuhr, von ihrem linken Auge über ihre Wange ihren Hals hinunter bis kurz über ihren Kragen.

In seinem Gesicht lag überhaupt keine Verachtung. Seine blauen Augen sahen alles und akzeptierten es, aber selbst dann sagte er noch das Letzte, was sie erwartet hatte:

„Du bist eine sehr schöne Frau.“

Sie stand da und ihr Mund stand offen, bis er ihr Kinn mit seinem Fingerknöchel hob.

„Wieso bist du überrascht? Dieses Kompliment hast du sicherlich schon mal gehört.“

Sie schüttelte ihren Kopf, um wieder klarzuwerden und Worte zu finden. „Nicht, seit dem Unfall - außer von meinem Bruder. Aber er ist voreingenommen. Er liebt mich ja.“

„Er äußert nur das Offensichtliche. Deine Narben lenken nicht von deiner Schönheit ab.“

„Ich muss dir wegen deinen guten Manieren danken. Aber ich denke, wir sollten schauen, dass wir dir eine Brille besorgen.“

Er lachte. In einem vollen, tiefen Bariton. „Ich bin froh, dass du Humor hast.“

„Wer hat hier Witze gemacht?“

Er lachte erneut. „Wo sind deine Kisten?“

„Sie werden geschifft. Joshua, mein Bruder, wollte nicht, dass ich mich um sie kümmern muss, wenn ich Züge umsteige.“

„Sehr klug. Dann werden sie nach Golden geliefert. Alle Frachten kommen dort an.“

„Aber keine Menschen? Wie komisch.“

„Ja, man sollte denken, dass sie einen Platz für Passagiere einrichten sollten. Ich bin mir sicher, dass sie das bald werden.“

„Wie sind nur die Pläne? Heiraten wir hier oder in Golden?“

„Ich dachte, wie könnten den Friedensrichter besuchen, während wir hier sind und uns gegenseitig auf dem Weg zur Ranch etwas besser kennenlernen.“

Er nahm ihren Handkoffer und lief in Richtung eines Wagens, der am einen Ende der Plattform geparkt war. „Ich habe einen großen Wagen genommen, weil ich davon ausging, dass du Kisten mitbringen würdest. Ansonsten hätte ich eine kleine Kutsche genommen. Die ist bequemer.“

„Bitte entschuldige dich nicht. Mir ist der offene Wagen lieber.“

Er hob seinen Kopf und legte ihn fragend zur Seite.

Sie erklärte: „Mein Unfall ist in einer Kutsche passiert. Ich war eine ganze Weile darin gefangen, bevor sie mich rausholen konnten.“

Kein Wunder, dass du nicht gerne mit der Kutsche fährst.“

Sie kamen am Wagen an. Ein einfaches Fahrzeug mit einer Sitzbank vor einer großen Ladefläche mit erhöhten Seiten. Das Ende stand offen und man konnte einfach Gepäck und Dinge einladen.

„Nicht nur Kutschen, sondern alle engen Räume. Mir ist die frische Luft lieber.“

„Geht mir genauso. Die ersten fünfzehn Jahre meines Lebens habe ich mit den Leuten meiner Mutter verbracht. Wenn es das Wetter zugelassen hat, habe ich draußen geschlafen und manchmal auch, wenn es das nicht hat.“ Er lächelte und in ihrem Magen kribbelte es ein wenig.

Er half ihr auf den Sitz hinauf und hob sie hoch als ob sie nicht mehr als ein Sack Kartoffeln wiegen würde. Sie genoss das Gefühl von seinen großen Händen an ihrer Hüfte. Er ließ sie zum ersten Mal seit langem wieder weiblich fühlen.

Er lief hinten um den Wagen herum und kletterte auf die Bank hinauf.

„Hü!“ Er schwang die Zügel auf die Hintern der zwei zusammenpassenden schwarzen Pferde. Welche von den schönsten Pferden, die sie jemals gesehen hatte.

„Deine Pferde sind schön.“

„Danke. Habe ich selbst gefangen.“

„Gefangen?“

„Das sind wilde Mustangs, die in den Bergen im Norden von hier herumlaufen. Ich bin dort mit ein paar von meinen Ranch-Helfern hinaufgegangen, wir haben ungefähr zehn von den Tieren gefangen und sie mitgenommen. Manche ließen sich einfacher einreiten als andere. Diese beiden haben sich gleich daran gewöhnt und ließen sich einfach einspannen.“

„Ich schätze mal ich habe nie wirklich darüber nachgedacht, wie man Pferde trainiert.“

„Jetzt weißt du es.“ Er brachte den Wagen wegen dichtem Verkehr zum Stehen und fuhr dann wieder weiter.

Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, also blieb sie ruhig und sie beide dachten darüber nach, was demnächst alles passieren würde.

Ungefähr eine viertel Stunde später hielt er vor einem großen dreistöckigen Steingebäude. „Hier ist das Büro des Friedensrichters.“

Er ging um den Wagen und half ihr hinunter. Das Kitzeln kam wieder und es war ziemlich beunruhigend. Sie ließ ihren Schleier hinunter.

„Du kannst ihn oben lassen.“

„Nein.“ Sie schüttelte ihren Kopf und ließ den schweren Schleier vor ihrem Gesicht hängen. „Du weißt nicht, wie die Leute reagieren. Das ist nicht gerade schön anzusehen.“

Er nahm ihre Hand. „Nun gut, aber nachdem wir geheiratet haben, wirst du den Schleier nicht mehr tragen. Du wirst meine Frau sein und dazu werde ich mit Stolz stehen.“