Die Erfindung der Wirklichkeit - Baret Magarian - E-Book
BESTSELLER

Die Erfindung der Wirklichkeit E-Book

Baret Magarian

0,0

Beschreibung

Eine surreale Gesellschaftssatire auf Allmachtsfantasien und die Absurdität der gegenwärtigen Medienwelt. Inmitten einer Schaffenskrise kommt dem Londoner Schriftsteller Daniel Bloch die zündende Idee: Warum nicht eine Geschichte über seinen Freund Oscar Babel erfinden? Das leere Leben des notorischen Langweilers mit Fiktion füllen? Doch während Bloch sich zum Schöpfer aufschwingt, entwickeln die Geister, die er rief, ein unheimliches Eigenleben. Was er schreibt, wird allmächlich Wirklichkeit! So gerät Oscar in die Fänge des teuflischen Spindoktors Ryan Rees und ins Zentrum eines entfesselten Medienhypes, der immer bedrohlichere Ausmaße annimmt … Ruhm, Identität, Wirklichkeit: alles lässt sich medial fabrizieren. Baret Magarian entführt uns in eine fantastische Welt, in der Kunst und Künstlichkeit, Liebe und Wahnsinn, das Reale und das Erfundene einen rauschhaften Sog entfalten – eine Welt, die längst unsere eigene ist. --- Es gibt keine Wirklichkeit mehr. Du bestimmst, was wirklich ist! Ein "Meister und Margarita" für das 21. Jahrhundert.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 737

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0

Beliebtheit




Foto: privat

Baret Magarian, in London geboren, angloarmenische Wurzeln, lebt in Florenz. Er hat für die Times, den Guardian, den Independent und den Observer geschrieben und als Dozent, Theaterregisseur, Übersetzer, Musiker und Aktmodell gearbeitet. Seine Bücher sind in Großbritannien, den USA und Italien erschienen, u. a.: Mirror and Silhouette (2018) und Melting Point (2019). Der vorliegende Roman ist sein international hochgelobtes Debüt.

Cathrine Hornung studierte Amerikanistik, Anglistik, Geschichte und Italienische Philologie und übersetzt Literatur aus dem Englischen und Italienischen. Für Folio hat sie Jonathan Coe, Valeria Parrella und Massimo Carlotto ins Deutsche übertragen.

BARET MAGARIAN

DIEERFINDUNGDERWIRKLICHKEITROMAN

Aus dem Englischen von Cathrine Hornung

Für Boghos, Ayko und für Margarete

„Sie sind Schriftsteller?“, fragte der Dichter mit Interesse.

Das Gesicht des Besuchers verdunkelte sich, er drohte Iwan mit der Faust. Dann sagte er: „Ich bin der Meister.“

Mit strengem Gesicht nahm er aus der Tasche seines Hausmantels eine speckige schwarze Mütze mit einem in gelber Seide aufgestickten „M“. Er setzte sie auf und zeigte sich Iwan zum Beweis im Profil und von vorne. „Diese Mütze hat sie mir selbst genäht“, fügte er geheimnisvoll hinzu.

„Wie heißen Sie denn?“

„Ich habe keinen Namen mehr“, erwiderte der seltsame Gast mit düsterer Verachtung. „Ich verzichte auf ihn, so wie ich überhaupt auf alles im Leben verzichte. Vergessen wir ihn.“

Aus Der Meister und Margarita von Michail Bulgakow

IDIE IDEE

IIDER GURU

IIIDIE ORGIE

I

DIE IDEE

1

Der Tag brach an und erweckte den Anschein von Reinheit. Einen Moment lang hätte das Licht auch das der Schöpfung sein können. Dann, mit dem Wimpernschlag, der die letzten Augenblicke der Nacht von den ersten des Morgens trennt, verschwand der fahle Umriss des Mondes, und der Himmel wurde zu einer belebenden Infusion von Blau. Hoch oben, am Fenster seines Arbeitszimmers, stand ein Mann und schaute zu, während er darauf wartete, dass die Stadt erwachte. Unbestimmte Geräusche des Lebens drangen zu ihm herauf und überschwemmten ihn mit Erinnerungen. Staubkörner kreiselten träge in den Sonnenstrahlen. Er dachte, dass London dem Verstand glich und dass die Straßen, Wege, Abwasserkanäle und Tunnel der Stadt an Teile des Gehirns erinnerten, dass ihr komplexes Gefüge der Verschlungenheit von Gedächtnis und Denken entsprach. Nachdem er die Morgendämmerung erblickt hatte, setzte er sich hin und tippte rasch ein paar Wörter.

21. Mai. Immer noch keine neuen Ideen. Ob Barny mir aufs Dach steigen wird?

Das Herzstück des Arbeitszimmers war ein prächtiger Schreibtisch aus Mahagoniholz, und der einzige Gegenstand darauf war eine alte Underwood-Schreibmaschine. Er konnte Computer nicht ausstehen und versuchte so wenig wie möglich mit Technik in Berührung zu kommen, was ihm wunderbar altmodisch erschien. Der Dielenboden war mit Stiften, Büchern, Papier übersät. Unten auf der Straße sah er einen Jungen, der Zeitungen austrug, und eine Dame, die ihren Pudel spazieren führte. Etwas weiter entfernt kämpfte ein Mann mit dem Vorhängeschloss seines Fischstandes. Er beobachtete sie noch ein bisschen.

Schluss mit dem banalen Mist. Zeit für etwas Neues. Barny soll mir ruhig aufs Dach steigen, aber ich werde nicht für ihn tanzen. Ich habe zu lange für Natalie getanzt. Und vor fünf Jahren habe ich meinen Dad von der Tanzfläche geworfen, als er sich dort mit ihr zusammengetan hat. Der alte Bock.

Eier. Er hatte plötzlich Lust auf Eier. Er ging in die Küche, fand welche, schlug sie mit der Präzision eines Kochs auf und sah zu, wie sie im Fett seiner verbeulten Bratpfanne brutzelten und ploppten. Er förderte eine Teekanne aus einem ramponierten Küchenschrank zutage und deckte sorgfältig einen Teller und Besteck auf. Als der Toast fast fertig war, klingelte das Telefon. Es war noch viel zu früh für einen Anruf.

„Hab ich dich geweckt?“

„Was ist los?“

„Nicht am Telefon. Ich war die ganze Nacht wach. Können wir uns treffen? Ich muss mit dir reden. Dringend.“

„Wann? Etwa jetzt gleich?“

„Sagen wir, in ein paar Stunden? Kannst du ins Kino kommen? Da bin ich gerade. Wir könnten im Vorführraum reden. Ich muss dich unbedingt sehen.“

„Im Kino? Gehst du da eigentlich irgendwann auch mal raus? Na gut. Dann so um acht. Gibt es da eine Klingel oder so? Soll ich klopfen? Was soll ich tun?“

„Ich lass die Hintertür offen. Geh einfach rein.“

„Hat die Tür irgendwelche besonderen Merkmale?“

„Nein. Sie ist einfach nur schwarz und rostig.“

Daniel Bloch legte den Hörer auf und aß sein Frühstück. Was er sich von diesem Tag versprochen hatte, schien bereits zunichtegemacht.

Oscar Babel war Vorführer im Eureka, einem heruntergekommenen Kino in Camden und eines der letzten in London, die noch einen altmodischen Projektor mit riesigen, langsam rotierenden Filmrollen verwendeten. Manchmal kam sich Bloch wie Oscars Ersatzvater vor: Er gab ihm Ratschläge, lud ihn zum Essen ein, stellte ihn einflussreichen Leuten vor. Sie hatten sich vor zehn Jahren kennengelernt, als Bloch ihn aus einem Pub hatte wanken sehen, vom Alkohol gezeichnet. Beim Anblick dieser auffälligen und doch schemenhaften Gestalt hatte er an einen Kinderwagen denken müssen, der irgendwie auf einer Rennbahn gelandet war, verloren herumrollte und schrecklich verletzlich aussah. Er hatte Oscar in ein Taxi gesetzt und dem Fahrer eine Zwanzig-Pfund-Note in die Hand gedrückt. Am nächsten Morgen hatte Oscar ihn angerufen, um ihm zu danken. Aber Bloch konnte sich nicht erinnern, ihm seine Nummer gegeben zu haben. Als sie sich schließlich auf einen Drink trafen, hatte Oscar ihm ein kleines Geschenk mitgebracht, eine Spieldose aus Elfenbein, vielleicht das Einzige, was Oscar besaß, an dem ihm wirklich etwas lag. Bloch hatte ihm Zutritt zu seinem Leben gewährt. Er vermutete, dass er ihm nicht ohne Grund begegnet war, und ließ die Sache auf sich beruhen. Derweil betrachtete Oscar seinen neuen Freund als eine intellektuelle Bereicherung und einen Lichtblick in seinem ansonsten atrophischen Leben. Früher war er ein vielversprechender Künstler gewesen, jetzt verdiente er seinen Lebensunterhalt mit dem Vorführen von Filmen, dem unsichtbarsten Beruf, den man sich denken konnte, nachdem er die Malerei trotz seines offenkundigen Talents an den Nagel gehängt hatte. Manchmal stellte Bloch ihn sich als einen großen Fisch vor, der durch die Wolken des Meeres driftete, die gigantische Pflanzenwelt beäugte und die wundersame Schönheit bestaunte, die an ihm vorübertrieb, während er selbst immer tiefer Richtung Meeresboden sank. Eine Vergessenheit, die Oscar nicht suchte, fand ihn ständig.

Nach einer einschneidenden Rasur beschloss Bloch, zu Fuß zum Kino zu gehen und einen Schlenker über den Regent’s Park zu machen.

Der Morgen warf die Schalen seiner Geburt ab. Die Menschen kamen aus ihren Behausungen und wappneten sich für den mörderischen Weg zur Arbeit. Diejenigen in Anzug und Krawatte sahen bereits aufgelöst aus, und der Schweiß stand ihnen auf der Stirn.

Nachdem er das Tor zum Park passiert hatte, stellte Bloch überrascht fest, dass ein paar Leute ein Sonnenbad nahmen. Trotz der frühen Stunde schwatzten die Menschen schon unentwegt in ihre Mobiltelefone. Inzwischen war es ziemlich heiß und es schien, als würde das immer so bleiben. Da er sehr schnell ging, hatte er schon bald die andere Seite des Parks erreicht. Er nahm sich einen Augenblick Zeit, um das üppige Grün der Bäume zu genießen, bevor er sich dem Ausgang zuwandte und auf eine große Straße hinaustrat. Als er sie überquerte, traf ein Sonnenstrahl von der Schärfe eines Lasers die schmutzigen Fassaden verwahrloster Häuser. Einen Moment lang entflammte die Wirklichkeit in einem herrlichen Inferno. Doch dann verschwand die Sonne hinter einer Wolke, und alles fiel wieder in die Tristesse städtischen Niedergangs zurück.

Das Eureka Cinema machte einen ausgedienten Eindruck. Er spähte durch die Fenster, um zu schauen, ob jemand drinnen war. Keine Menschenseele. Kinos haben kein Morgenleben, dachte er. Gemächlich schlenderte er um das Gebäude herum und fand die Hintertür unverschlossen vor, genau wie Oscar gesagt hatte.

Drinnen war es stockfinster. Der abrupte Wechsel vom Tageslicht zur Dunkelheit ließ helle Flecken vor seinen Augen tanzen. Er fand sich in einem kleinen Raum wieder, wo ein Tisch und ein Stuhl aus Schmiedeeisen einträchtig vor sich hin rosteten. Auf dem Tisch lag ordentlich aufgeschlagen eine Zeitung. Eine Schiebetür stand offen. Er ging hindurch und rief nach Oscar. Sein Weg führte durch eine Kammer mit Werkzeug, das auf den Arbeitsflächen herumlag. Eine staubige Tischlampe verströmte arthritisches Licht. Oscar war nicht da. Er hörte das laute Surren des Filmprojektors, ein Geräusch, das zusammen mit dem bleichen Licht und der schwarzen Wand eine beklemmende Stimmung schuf. Er tastete sich ein paar Stufen hinunter und gelangte schließlich in ein Kabuff, bei dem es sich um den Vorführraum handeln musste. Zwei große Metallscheiben mit einem Durchmesser von etwa einem Meter drehten sich langsam im Kreis. Auf ihnen ruhten die Filmrollen, die den Projektor fütterten. Der Kreislauf des Zelluloidstreifens, der das flackernde Bild auf der Leinwand draußen im Saal am Leben hielt, hatte etwas Unerbittliches an sich. Durch eine schmale Wandöffnung folgte Bloch ein paar Minuten lang dem Film, der ohne Ton vor leeren Sitzreihen lief. Eine Frau mit durchscheinendem blonden Haar war in Großaufnahme zu sehen, ihre Lippen bewegten sich. Sie wirkte verstört und schien um etwas zu flehen. Als Bloch sich abwandte und wieder in die Dunkelheit blickte, brannte sich das verschwommene Bild auf seiner Netzhaut ein. Während er noch über diesen Effekt nachdachte, spürte er eine leichte Berührung an der Schulter. Er fuhr herum und sein Gesicht streifte das von Oscar.

„Himmel, hast du mich erschreckt“, stieß Bloch hervor.

„Tut mir leid, das war keine Absicht. Gehen wir dort rüber, da ist es nicht so laut.“

Bloch sah zu ihm auf, als stellte er zum ersten Mal überrascht fest, wie groß er war. Er musste einiges über eins achtzig sein. Einen Moment lang beneidete er ihn um sein jugendliches, hübsches Gesicht. Es trug noch die Insignien der Unschuld, blaue Augen, die sich in stummer Verwunderung weiteten. Sie gingen nach nebenan und setzten sich. Das Surren des Filmprojektors war immer noch zu hören, allerdings gedämpft durch die angelehnte Tür.

„Wieso lässt du um diese Zeit einen Film laufen?“, fragte Bloch.

„Ich finde das tröstlich. Stört es dich?“

Bloch schüttelte langsam den Kopf. Oscar machte einen übernächtigten und bekümmerten Eindruck. Etwas an ihm kündete von einem anormalen Dasein. Er wirkte immer so, als hätte man ihm gerade ein Brenneisen in eine frische Wunde gedrückt.

„Also, was ist los?“, fragte Bloch.

Oscar sprach leise und fixierte dabei die Wand.

„Na ja, jetzt wo du extra hergekommen bist, fühle ich mich irgendwie schuldig. Es ist nichts Bestimmtes – kein konkretes Problem. Ich meine, man hat mir keine seltene Krankheit diagnostiziert. Man hat mir nicht das Herz gebrochen. Ich wünschte, es wäre irgendetwas … Aufregendes, etwas wie: ‚Ich werde erpresst‘ oder ‚Bei mir wurde eingebrochen‘ oder ‚Jemand hat meine wertvollen Briefmarken ins Klo geworfen und meine Ming-Vase zerschmettert.‘ Das Problem ist nur, dass ich gar keine Ming-Vase habe. Nicht, dass ich eine wollte, ich meine, das eigentliche Problem ist: Ich habe kein Leben. Ich bin niemand. Ich hab’s satt, dreimal am Tag denselben Film anzuschauen und nur Filmrollen zu wechseln und in einem dunklen Raum herumzusitzen. Und ich kann nicht mehr malen. Aber sonst ist alles bestens.“

„Warum kannst du nicht mehr malen?“

Oscar wandte sich Bloch zu und schaute ihm direkt in die Augen – eine beunruhigende Entwicklung.

„Tut mir leid, dass ich dir das antue. Dass ich dich an diesem Maimorgen aus dem Haus scheuche …“

„Oscar, was hindert dich am Malen?“

„Wozu soll ich malen, wo ich doch sowieso nie Erfolg haben werde? Ich bringe die Energie nicht auf. Ich will etwas verändern, aber ich habe einfach nicht die Kraft dazu. Ich hatte gehofft, dass du etwas für mich verändern kannst.“

„Ich? Wie denn?“

„Ich weiß nicht. Vielleicht könntest du mich irgendeinem hohen Tier vorstellen.“

„Das habe ich doch schon getan. Ich habe dich diversen Kunsthändlern vorgestellt, aber du warst nicht gerade nett zu ihnen. Zu Demian Small hast du gesagt, er sei ein Scharlatan. Vielleicht solltest du über einen Berufswechsel nachdenken. Oder du machst eine Ausbildung oder irgendeine gemeinnützige Arbeit oder etwas, bei dem du deine Kunstkenntnisse einbringen kannst.“ Bloch hörte sich an wie jemand, der einem Kind allerlei Süßigkeiten hinhält, damit es aufhört zu weinen. Er wusste, dass seine Vorschläge völlig unrealistisch waren.

„Ich will meine Kunstkenntnisse nicht einbringen, zumal ich gar keine habe. Und die Vorstellung, wieder die Schulbank zu drücken, ist grauenvoll.“ Er holte ein paar Mal tief Luft. „Ich will nur nicht mein ganzes Leben lang eine Leerstelle sein. Ich will jemand sein.“

„Dann sei doch jemand. Unternimm etwas. Werde aktiv.“

„Ich kann nicht. Ich bin wie gelähmt. Ich schaffe es einfach nicht, den ersten Schritt zu tun. Letzte Woche bin ich neunundzwanzig geworden, aber ich fühle mich, als ob ich schon tot wäre. Ich meine, was stimmt denn nicht mit mir? Glaubst du, dass ich an vorzeitiger Vergreisung leide?“

„Nein. Ich glaube nicht, dass du an vorzeitiger Vergreisung leidest. Und überhaupt, was soll ich erst sagen? Ich bin achtundvierzig, jenseits von Gut und Böse, geschieden, kinderlos, und für das literarische Establishment bin ich ein Witz. Schön, ich habe haufenweise Bücher verkauft und nie die Kritiker hofiert, aber irgendwann will man nicht mehr bloß von Sekretärinnen und Buchhaltern gelesen werden. Sag mal, müssen wir unbedingt in diesem Loch sitzen? Hier drinnen fällt es mir schwer, mein Hirn zu benutzen.“

„Lass mich noch eben den Projektor ausschalten.“

Im selben Moment ertönte ein Geräusch wie das Abwürgen eines Motors, gefolgt von einem sehr lauten Schnappen. Oscar sprang auf und stürzte in den Vorführraum. Der Filmstreifen hatte sich verheddert: Er quoll unkontrolliert aus dem Projektor und ringelte sich auf dem Boden wie ein Haufen Würmer. Oscar streckte gerade den Arm aus – vorsichtig darauf bedacht, nicht auf den Film zu treten – und betätigte einen Schalter, als Bloch hinzukam.

„Ich habe geahnt, dass so etwas passieren würde“, murmelte Oscar und kniete sich hin, um das Band zu entwirren.

„Kannst du da irgendwas machen?“

„Ich weiß nicht, ich weiß es wirklich nicht. Auf jeden Fall wird es ewig dauern. Geh ruhig. Ich möchte nicht, dass du hier rumsitzt und dich langweilst.“

Während Bloch auf den noch immer zuckenden Bandsalat starrte, kam ihm ein Gedanke, den er für eine glänzende Idee hielt.

„Ich könnte eine Geschichte über dich schreiben“, sagte er.

„Worüber denn? Da gibt’s nichts Interessantes, über das du schreiben könntest.“

„Ich mache es interessant.“

„Dann wäre es nicht über mich.“

„Es wäre über dein Potenzial.“

„Ich bezweifle, dass ich welches habe. Warum?“

„Ich würde mir gern ein anderes Leben für dich ausdenken. Eine Parallelwirklichkeit. Ich könnte eine mögliche Zukunft in Worte meißeln.“

„Wie meinst du das?“

„Wenn ich dein Leben in der Fiktion neu erfinde, kannst du vielleicht aus deinem wirklichen Leben heraustreten und es aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Der Erfolg ist nicht zwangsläufig so unerreichbar, wie du denkst. Erfolg ist Arbeit. Und eine Geschichte, in der du der Protagonist bist, könnte dir Selbstachtung verschaffen. Sie könnte dir dabei helfen, aktiv zu werden, wieder zu malen, jemand zu sein, wie du es nennst. Nur so eine Idee.“

Doch während Bloch sprach, beschlich ihn eine dumpfe Vorahnung, die ihn innehalten ließ. Es war, als ginge er mit diesen Worten die Verpflichtung ein, Wunder zu vollbringen.

Oscar hörte auf, das Band zu entwirren, und erhob sich. Er war gerührt von der Anteilnahme seines Freundes und schämte sich für seine Trägheit. Für wenige Sekunden flackerte ein anderes Leben vor ihm auf, eines, das ihn dem Reich der Belanglosigkeit entreißen würde. Eine Impression durchzuckte ihn wie ein Blitz und war vorbei, noch bevor er sie überhaupt erfasst hatte, eine Impression von großer Architektur, kolossalen Bäumen, schillernden Blumen. Er hörte, wie Bloch wieder zu sprechen begann, aber seine Worte waren weit weg und drangen nur als formlose Töne zu ihm durch. Und während dieser kurzen Träumerei vernahm er erstaunt den verführerischen Lockruf der Zukunft.

Dann erblickte er ein Gesicht, das Gesicht einer Frau mit herbstlichen Augen. Ihre vollen Lippen waren zu einem Lächeln gezogen. Er wandte sich Bloch zu, um etwas zu sagen, aber sein Kopf war leer. Er brachte kein Wort hervor und er war müde.

Ihr Name war Lilliana. Sie stand in South Kensington in ihrem Blumenladen, der überquoll von rosaroten Hyazinthen, indigoblauem Rittersporn, rosa und roten Rosen, roten und weißen Nelken. Majestätische Calatheen reihten sich in den Regalen und hingen in Ampeln von der Decke herunter, ihre langen Blätter zu einem grünen Baldachin ausgebreitet. Der Laden war beliebt, nicht nur wegen seiner geradezu magischen Atmosphäre, sondern auch wegen der Freundlichkeit Lillianas, die sich ganz allein um alles kümmerte, ihre Kunden umhegte, Stiele kürzte und Sträuße band, stets darum bemüht, die schönste Zusammenstellung, den köstlichsten Augenschmaus zu kreieren. Sie lebte von und mit den Blumen: Sie umgaben sie sowohl im Laden als auch in ihrem kleinen Haus in Kentish Town.

Es war kurz vor Ladenöffnung, und sie eilte geschäftig hin und her, um die letzten Vorbereitungen zu treffen. Sie hatte einen breitkrempigen senfgelben Hut auf dem Kopf, und ihr langes erdbeerfarbenes Haar, das sie normalerweise offen trug, war im Nacken zusammengebunden. Einzelne Strähnen waren dem Knoten entkommen und hüpften über milchweiße Haut. Sie schob ein paar riesige Terracotta-Gefäße zu einer Gruppe von Kerzen so dick wie Baustämme, die vor einer weißen Wendeltreppe standen und nun zusammen mit den Tontöpfen eine theatralische Wirkung entfalteten.

Dann schloss sie die Ladentür auf. Der erste Kunde des Tages, ein hochnervöser Mann mit Schnurrbart, hatte bereits draußen gewartet und rauschte mit einem schroff hingeworfenen Dank herein.

„Ich möchte ein paar weiße Rosen“, verkündete er.

Im selben Moment betrat eine sonnengebräunte junge Frau den Laden, ging schnurstracks zur Theke und wollte Lilliana gerade etwas fragen, als der Mann ihr den Kopf zuwandte und sie anfuhr: „Ignorier mich nicht, Najette.“

Najette drehte sich um, sichtlich verblüfft. Sie brauchte einen Moment, um sich wieder zu fangen, und sagte dann: „Haben wir uns nicht gerade erst verabschiedet?“

„Ich kann nichts dafür, dass wir beide auf das Gleiche aus sind.“

„Das bezweifle ich.“

„Ich habe die Blumen gemeint. Dreh mir nicht immer das Wort im Mund herum.“

„Muss das sein? Schon wieder? Ich konnte dich gar nicht ignorieren, weil ich dich nicht gesehen habe.“ Und dann, als hätte sie es sich anders überlegt, fügte sie hinzu: „Aber da ich dich offenbar nicht loswerde – kommst du mit in den Hyde Park? Um das Morgenlicht zu genießen. Es gibt nichts Schöneres, weder zum Malen noch zum Sonnenbaden. Hast du gemerkt, welche Fortschritte ich gemacht habe?“

„Mit dem Malen oder mit dem Hautkrebs?“

Anstatt zu antworten, drehte sie sich langsam zur Seite, damit er ihre Konturen bewundern konnte, die elegante Linie ihres gebräunten Halses. Sie war stolz und unbeirrbar wie ein Paradiesvogel, der sein Gefieder zur Schau stellt.

„Findest du nicht, dass du es ein bisschen übertreibst?“

„Nur ein Stündchen im Park, bevor die ganzen Touristen und Spießer dort einfallen“, fuhr sie fort, „und dann zurück ins Wohnklo, um ein Gemälde fertigzustellen. Apropos, bist du sicher, dass du keins willst? Ich weiß ja, dass ich irgendwas falsch mache, aber ich kann mich einfach nicht damit abfinden, dass meine Arbeit zu großartig für die Earl Gallery ist. Wie auch immer – etwas Farbe im Gesicht steht mir gut, findest du nicht? Übrigens, wenn du mich fragst, werden wir bald für die Sonne bezahlen müssen. Ist das nicht deprimierend?“

Lilliana hielt es für ratsam, sich einzuschalten, um die Spannung zwischen den beiden ein wenig zu zerstreuen, und sagte: „Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie wohl ein Sonnometer aussehen würde.“

„Eine scheußliche Vorstellung“, sagte der noch nicht identifizierte Mann.

„Das wird irgendwann kommen, glaubt mir“, verkündete Najette fröhlich. „Alles wird früher oder später kommen. Künstliche Liebe, Wein aus aufbereiteter Limonade, Frauen, die darum betteln, dass man ihnen die Brustwarzen entfernt. Nur so zum Spaß.“

„Was genau ist künstliche Liebe? Halt – lass mich raten: Du bist die Verkörperung davon“, sagte der Fremde und fügte dann ungeduldig hinzu: „Sind meine Rosen jetzt fertig?“

Lilliana überreichte sie ihm nervös, und er drückte ihr herablassend einen Geldschein in die Hand. Sie hatte die Rosen in zartes Seidenpapier gewickelt und mit einer hübschen kupferfarbenen Schleife versehen, aber er schien keine Notiz davon zu nehmen.

„Sei nicht so ernst“, sagte Najette. „Wir unterhalten uns doch bloß.“

„Ich muss gehen. Die hier sind für Georgia.“

Najette wollte gerade „Bis bald“ sagen, aber er stürmte bereits in melodramatischer Erregung hinaus und ließ sie stehen.

„Ein durchsichtiger, stümperhafter Versuch, mich eifersüchtig zu machen. Georgia! Also wirklich. Er ist ganz schön empfindlich, meinen Sie nicht?“, sagte sie zu Lilliana.

„Wer ist er? Und wer ist Georgia?“

Najette war im Begriff zu antworten, als drei Frauen hereinflatterten, sich laut plaudernd im Raum verteilten und ihre Gespräche, die gleichzeitig um verschiedene Themen kreisten, kreuz und quer durch den Laden führten. Alle drei trugen bunte Schals und sahen einander auch sonst verwirrend ähnlich, was Lilliana auf den Gedanken brachte, dass sie Schwestern waren. Eine von ihnen – sie hatte silberblondes Haar – inspizierte die großen Topfpflanzen, die dicht gedrängt in den Regalen standen. Lilliana wandte sich wieder Najette zu, begierig, die Unterhaltung fortzuführen, und bemüht, das Stimmengewirr zu ignorieren.

„Ihr Freund – wobei er kein richtiger zu sein scheint … Sie wollten mir gerade erzählen, wer er ist“, sagte sie.

„Ach ja. Das Ungeheuer. In letzter Zeit nenne ich ihn Oscar. Ich glaube, das passt besser zu ihm als sein wirklicher Name.“

Mit einem lauten Rums fiel der größte Calathea-Topf kopfüber aus dem Regal und begrub die Pflanze unter der schweren Erde. Ihre langen Stängel und Blätter waren auf der Stelle ruiniert. Die blonde Frau stieß einen kleinen Schrei aus. Lilliana eilte herbei und starrte auf die geschundene Pflanze hinunter. Ihre erste Reaktion war Ungläubigkeit, die aber sogleich einer tiefen Traurigkeit wich.

„Das tut mir schrecklich leid. Ich habe sie nur berührt. Ich weiß nicht, wie das passieren konnte. Als ob sie unbedingt runterfallen wollte. Tut mir wirklich leid“, sagte die blonde Frau.

Lillianas Gesichtsausdruck veränderte sich kaum wahrnehmbar. Als Najette sie genauer ansah, entdeckte sie in ihren Augen einen hauchdünnen Film aus ungeweinten Tränen. Die blonde Frau griff instinktiv in ihre Handtasche. Ihr erster Gedanke war, dass Geld alles wiedergutmachen würde. Aber sie irrte sich. Najette beobachtete die beiden aufmerksam und sah die Szene bereits als Gemälde vor sich: zwei kniende Frauen, die eine in Melancholie versunken, die andere in der Pose der Trostspendenden. Lilliana erschien ihr wie eine Madonna, die reglos in einer Welt aus intensiven, nicht vermittelbaren Gefühlen verharrte. Sie hatte ihren Hut abgenommen, und noch mehr Strähnen ihres Haarschleiers fielen über ihr Gesicht. Najette sah zu, wie die Hand der Blonden zögerlich die von Lilliana suchte. Die Erde des Blumentopfs war beim Aufprall in alle Richtungen geschossen und bildete nun einen krümeligen Strahlenkranz um die beiden Frauen herum. Blitzschnell zog Najette einen kleinen Fotoapparat hervor – sie hatte immer einen dabei, um Momente wie diesen festzuhalten, Momente, die sie beim Malen inspirieren könnten –, schob den Finger auf den Auslöser, drückte ab und steckte die Kamera wieder weg. Niemand hatte es bemerkt.

Lilliana erhob sich langsam. Die Frau richtete sich ebenfalls auf und schaute zu ihren Begleiterinnen hinüber, die jetzt aneinandergeschmiegt in einer Ecke standen. Sie wandte sich wieder zu Lilliana und tastete sich durch ihre Worte hindurch: „Ich arbeite … ganz in der Nähe. Vielleicht kann ich Sie ja mal zum Lunch einladen … um dieses Missgeschick wiedergutzumachen?“ Sie reichte ihr eine Visitenkarte, und Lilliana nahm sie wortlos entgegen. Der Hauch eines Lächelns huschte über ihre Lippen.

Nach einem Moment des Schweigens entwanden sich die drei Frauen der Situation und verließen sichtlich erleichtert den Laden.

„Das war echt gruselig“, sagte Najette. „Jetzt brauche ich erst mal einen Drink. Haben Sie irgendwas da?“

„Ich glaube … ich habe noch einen Weißwein oben im Kühlschrank. Soll ich ihn holen?“

„Das wäre wunderbar.“

Während Lilliana die Wendeltreppe hinaufging, las Najette die Scherben des Blumentopfs und die verstümmelte Pflanze auf und legte alles auf den Tresen. Sie fand einen Handbesen samt Kehrschaufel und fegte flink die Erde zusammen. Lilliana kam mit zwei gefüllten Gläsern zurück und sagte: „Die schöne Pflanze, die jetzt kaputt ist, war für einen Freund von mir bestimmt, einen anderen Oscar. Oscar Babel.“

„Mein Freund heißt eigentlich Nicholas. Aber er hält sich für einen Dandy, daher musste ich ihn irgendwann einfach Oscar nennen.“

„Nicholas ist Ihr Ex-Lover?“

„Gut erkannt. Das macht ihn so wütend. Diese kleine Vorsilbe: Ex. Als würde ihm der Umstand, dass er mal seinen Penis in mich reingeschoben hat, ein göttliches Anrecht darauf verleihen, sich wie ein Arsch aufzuführen, nur weil ich ihn nicht mehr da drin haben will. Stellen Sie sich das vor!“ Sie besaß eine ansteckende Fröhlichkeit, während sie mit ihren Worten zugleich einen Trotz heraufbeschwor, der in ihren Augen aufblitzte. Sie merkte, dass ihre Beredsamkeit mit ihr durchgegangen war. Lilliana versuchte, nicht schockiert auszusehen.

Sie zogen zwei Stühle an den Verkaufstresen und setzten sich. Najette sagte: „Also, erzählen Sie mir von Oscar. Dem echten Oscar.“

„Diese Pflanze sollte sein Geburtstagsgeschenk sein.“ Sie strich mit dem Finger über den knorrigen, gewundenen Stamm.

„Wann hat er denn Geburtstag?“

„Letzte Woche. Ich bin spät dran, wie immer. Er ist Filmvorführer, aber der Job gefällt ihm nicht. Sagt er jedenfalls.“

„Warum sucht er sich keinen neuen Job?“

„Ich weiß nicht. Vielleicht aus Angst vor dem Unbekannten. Er legt Wert darauf, dass die Dinge vorhersehbar sind, sich nicht verändern. Er mag keine Experimente.“

„Hat er irgendwelche Leidenschaften? Außer dem Kino, meine ich.“

„Das Kino ist für ihn keine Leidenschaft, sondern eine Abhängigkeit. Ich glaube, es gefällt ihm einfach, in dunkle Räume eingesperrt zu sein.“

„Hat er es mal mit Sadomaso versucht? Mit Fotografie? Beichtstühlen? Würde er sich gut in einer Soutane machen?“

„Eher in einer Hängematte. Er wirkt irgendwie immer … ein bisschen fehl am Platz. Als wäre er gerade aus einer fliegenden Untertasse gestiegen. Aber er hat ein hübsches Gesicht.“

Najette nickte und strich sich die ebenholzfarbenen Locken aus der Stirn, wodurch ihre Sonnenbräune erneut in voller Pracht zur Geltung kam; aber diesmal nahm Lilliana verwundert Notiz davon. Ihr fiel außerdem auf, dass Najette ungewöhnlich lange Wimpern hatte. Als kurz darauf ein Kunde hereinkam, waren sie zu beschäftigt, um ihn zu bemerken. Sie waren auch ein bisschen betrunken.

Daniel Bloch kehrte gegen zehn Uhr abends in seine Wohnung zurück. Sein Verlag hatte einen Umtrunk in der Serpentine Gallery veranstaltet, wo gerade die Arbeiten einer angesagten Installationskünstlerin namens Tracy Pearn ausgestellt wurden. Ihre Werke bestanden aus riesigen Blumenkohlköpfen, enormen Lauchstangen und gigantischen Küchensieben, aus deren Löchern bedrohlich wirkende Klingen und Messer ragten. Bloch hatte seinem Lektor erklärt, dass er keine Lust mehr hatte, Bücher zu schreiben, die sich zwar gut verkauften, aber nichts über das Leben aussagten. Er hatte hinzugefügt, dass er sich fortan in ernster Prosa versuchen würde. Er wolle der Welt etwas bieten, erhellend sein, nicht mehr bloß unterhaltend.

Der Himmel war im Begriff, dunkel zu werden, aber hier und da waren noch Einsprengsel von Orange und poliertem Gold übrig. Während Bloch zuschaute, wie sie allmählich schmolzen, überkam ihn ein Gefühl von grenzenloser Möglichkeit, das geradewegs aus dem im Fluss befindlichen Himmel hervorzuströmen schien. Die untergehende Sonne hatte sich in eine blutrote Kuppel verwandelt. Ein paar rosa Wolken gesellten sich zu ihr. Eine nach der anderen verschwanden auch sie.

Die Geschichte mit Oscar ging ihm durch den Kopf. Er setzte sich an seinen Schreibtisch und brütete über diesem hochfliegenden Plan, von dem Oscar am Ende hellauf begeistert gewesen war. Allerdings, überlegte er, bot Oscars Leben kein besonders fruchtbares Material, aus dem man etwas hätte machen können. Er fand, dass sein fiktiver Oscar einen anderen Beruf brauchte, und zog ein paar Optionen in Betracht, die ihm spontan in den Sinn kamen. Platzanweiser? Nein – zu passiv, zu nahe am Filmvorführer. Bestatter? Zu makaber. Architekt? Zu nüchtern. Ein Modell? Schon besser. Ein Aktmodell. Ja, das eröffnete interessante Möglichkeiten und hatte etwas mit Malerei zu tun. Oscar würde ein Aktmodell mit eigenen künstlerischen Ambitionen sein. Dann beschloss Bloch ohne besonderen Grund, dass Oscar in der Geschichte mit einer Katze zusammenleben und Opernliebhaber sein würde.

Eigentlich lebte Oscar allein in einem möblierten Zimmer in einem baufälligen Haus im Stadtteil Elephant and Castle und machte sich nicht viel aus Opern. Aber sein Vermieter – ein ziemlich unangenehmer Zeitgenosse, dem das Haus gehörte und der selbst darin wohnte – folterte Oscar ohne es zu wissen regelmäßig mit Opernmusik, vor allem mit Arien von Richard Wagner, die nahezu ungedämpft durch die alten Dielenböden dröhnten, was Bloch auf die Idee brachte, Oscar zum Wagner-Fan zu machen. Der Vermieter sollte ebenfalls in der Geschichte vorkommen, allerdings radikal verändert: Seine bösartigen Eigenschaften wollte er durch edelmütige ersetzen.

Er nahm Papier und Stift zur Hand. Als er zu schreiben begann, spürte er mit einem Mal eine Schwere im Kopf, als hätten sich Größe und Gewicht seines Gehirns verdoppelt. Doch seine Gedanken strömten mühelos, und die Zusammenhänge ergaben sich fast wie von selbst. Zu seiner Überraschung stieß Oscar als Figur eine Tür zu unbekanntem und unerforschtem Terrain auf. Ihm war, als stünde er kurz davor, eine ganz neue Stimme zu finden, eine, die sich erheblich von der seiner bisherigen Arbeiten unterschied: analytisch, urban angehaucht und ziemlich autobiografisch. Er schrieb mit fieberhafter Leichtigkeit drauflos, während er gleichzeitig korrigierte und redigierte. Nach ein paar Stunden legte er den Stift weg und las sich die hingekritzelten Seiten durch.

Oscar Babel. Zweifellos ist euch der Name geläufig. Renommee. Schuhgröße. Ungeahnte Fähigkeit, schwerelos inmitten von ätherischen Wesen zu levitieren und in die Abgründe der Hölle zu fahren, wo die abscheulichsten Bösewichte hausen. Oscar Babel ist das wohl beste Aktmodell seiner Zeit. Ich scherze. Aber der Beruf des Aktmodells wird schändlich unterschätzt. Und mir obliegt es, ihn ins rechte Licht zu rücken. Unbewegt wie eine Leiche zu verharren, splitterfasernackt, meist über Stunden, kann anstrengend sein. Nur wer inneren Frieden und äußere Haltung besitzt, ist dem gewachsen. So wie Mr. Babel, der große Künstler. Er verfügt über diese Gaben, wenn er eine Leinwand transmogrifiziert, ihr bald diese, bald jene Gestalt verleiht. Und das, obwohl er lange Zeit eher einem Sonnenschirm im Sturm glich. Bevor er der berühmte Maler wurde, der er heute ist, war er etwas ganz anderes. Er verzehrte sich in Selbstverachtung, vergeudete sein Talent. In Karrieredingen besaß er das Geschick und Feingefühl eines Chirurgen, der mit Boxhandschuhen operiert. Ich kannte ihn damals. Ich kenne ihn heute. Ich weiß noch, wie er einmal die Pflanzen im Garten goss. Während er mit der Gießkanne herumhantierte, hielt er plötzlich inne und fragte: „Und wer gießt mich?“ Eine rätselhafte Bemerkung, die aber hängen blieb wie ein Ire zur Sperrstunde im Pub. Damals wohnte er in einer Bruchbude im Süden von London, und seine Liebe zur Oper trieb seinen Vermieter, Mr. Grindel, jeden Morgen fast in den Wahnsinn, denn Oscar pflegte zu den Klängen von Wagner aufzustehen. Oscars Katze teilte seinen Musikgeschmack. Diese Katze – ein dickes, schwarzes Etwas, das schnurrte, wenn es hungrig war, und schnurrte, wenn man es fütterte (ein Schnurr-Automat) – erstarrte, sobald die ersten Töne erklangen, und sah beinahe menschlich aus. Mr. Grindel hatte ein goldenes Herz und nahm diese Störungen klaglos hin. Oscar brauchte die Musik. Sie nährte seine verkümmernde Seele und weckte ein wenig seine Lebensgeister.

Ich kann nur Vermutungen darüber anstellen, warum Oscar damals so unglücklich war. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass sein liebster Gefährte aus dem Leben schied, als Oscar sechs Jahre alt war. Humphrey, der Goldfisch. Humphrey fand den Tod an einem Nachmittag, als Oscars Mutter sich bemüßigt fühlte, das Goldfischglas zu säubern, und den Fisch zu diesem Zweck in der Küchenspüle deponierte. Dann zog sie aus Versehen den Stöpsel. Behauptete sie jedenfalls hinterher. Das war die Urkatastrophe für Oscar. Ihm war, als wäre ein Teil von ihm mit dem geliebten Haustier gestorben, diesem Goldfisch, den er unzählige Stunden gefüttert und beobachtet hatte. Kein anderer Fisch, so wurde ihm klar, konnte Humphrey je ersetzen. Es wäre nicht derselbe Fisch. Die Zerbrechlichkeit des Lebens. Gut, Milliarden von Fischen schwammen im Meer herum, aber das war nicht der Punkt. Der Punkt war, dass Oscar in die Vergeblichkeit eingeweiht worden war. Eine mittlere Tragödie. Wobei ich gleich hinzufügen muss, dass diese Theorie nur eine von vielen ist. Zu jener Zeit, der Zeit seines frühen Unglücklichseins, hatte ich jedenfalls das Gefühl, einen emotional verkrüppelten Menschen vor mir zu haben. Wie sonst ließe sich erklären, dass er unfähig war, nach dem Leben zu greifen und seine Säfte zu kosten? Die reife Melone wurde ihm dargeboten, aber Oscar hegte den Verdacht, dass sie einen faulen Kern hatte, der den Geschmack der guten Stücke verderben würde. Und so reichte er die Frucht weiter und überließ es anderen, sich daran gütlich zu tun. Der Samen der Unvollkommenheit machte die freudvollen Momente von vornherein zunichte.

Einmal ging ich mit ihm schwimmen. Er zog pflichtbewusst seine Bahnen, aber seine Bewegungen erinnerten mich an einen Schuljungen, der als Strafarbeit hundertmal denselben Satz schreiben muss. Als er fertig war, fragte ich ihn, ob ihm das Schwimmen gefallen habe. Er sah mich mit blutunterlaufenen Augen an und sagte: „Ich hab’s für das Wasser getan.“ Noch eine dieser kryptischen Bemerkungen, deren Entschlüsselung ich allmählich leid war.

Wie bereits erwähnt, wohnte er in einer Bruchbude: Die zerfetzte Tapete und das durchhängende Bett weckten in mir den Wunsch, ihm ein paar Kröten zuzustecken. Wobei ich mich fragte: Würde das etwas ändern? Manchmal, wenn es zu spät war, um etwas anderes zu tun, blieb ich über Nacht in der Bruchbude. Sein nervöses Getue beim Ausziehen erinnerte mich an eine Gazelle, die sich beobachtet fühlt. (Und dabei zog er sich doch von Berufs wegen ständig vor anderen aus.) Ich schaute weg, als er in seinen Pyjama schlüpfte. In der Gegenwart eines anderen menschlichen Wesens fühlte er sich einfach unwohl. Während ich eine letzte Tasse Tee für ihn machte, warf er sich im Bett herum, und sein Körper verschmolz mit der Matratze. Die Bettlaken umschlangen seine Glieder, als wären sie an ihnen festgeklebt. Als das Wasser schließlich kochte, war er bereits eingeschlafen, und mir blieb nichts anderes übrig, als mich mit seinem Zustand der Vergessenheit abzufinden und den Tee selbst zu trinken. Die Katze schnurrte und machte einen Buckel. Ich versuchte, mit ihr ins Gespräch zu kommen, während Oscar dalag und schnarchte. Aber die Katze hatte keine Zeit für mich, nur für ihren Herrn. Sobald ich mich ihr näherte, verzog sie sich.

Am Morgen machte er sich fertig, um zur Arbeit zu gehen. „Das Gute an diesem Beruf ist“, sagte er, „dass man sich keine Gedanken darüber machen muss, was man anziehen soll.“ Mit einer Plastiktüte bewaffnet wagte er sich in das kalte Licht des Tages hinaus. Mir war jedoch die ganze Zeit über klar, dass er nur erweckt werden musste. Dieses selbstzerstörerische Unvermögen, ersprießliche Momente zu genießen (Momente, die der Zeit ein Schnippchen schlugen und außerhalb von ihr existierten), würde eines Tages von ihm abfallen. Seine verworrenen Gemälde stimmten mich da ganz zuversichtlich. Oscars Problem war das eines Introvertierten, das Problem der Schnecke, die nicht aus ihrem Schneckenhaus herauskriechen kann. Das Licht musste zu ihm kommen, nicht umgekehrt. Doch stattdessen brach die Dunkelheit herein, nur hin und wieder erhellt durch die Aussicht auf Liebe oder ein Stück Schokolade. Natürlich lag ihm nichts daran, weiter als Aktmodell zu arbeiten. Seine Berufung, um ehrlich zu sein, seine Bestimmung, um der Sache gerecht zu werden, sein oberstes Ziel, um es auf den Punkt zu bringen, war die Malerei. Einmal kam einer der bekanntesten Kunsthändler Londons, Barny Small, auf ihn zu, nachdem er zwei von Oscars morbiden Gemälden gesehen hatte und beeindruckt gewesen war. Small gab Oscar seine Karte, und Oscar steckte sie in die Waschmaschine. Vielleicht dachte er, die Karte sei schmutzig. Oder der greifbare Erfolg machte ihm Angst. Er besaß auch jenes Misstrauen gegenüber der Welt – der klebrigen Welt von Narzissten und Selbstdarstellern, von Marketing und Internet –, das den wahrhaft Begabten schon immer eigen war. Tief im Innern verachtete er den Kunsthändler, weil er mit dieser Welt Geschäfte machte, sich in ihr wohlfühlte und kein Problem mit den absurden Ungerechtigkeiten hatte, die zwangsläufig mit Erfolg einhergingen. Wenn seine eigene Arbeit triumphierte, so Oscars Überlegung, würde das für die Arbeit eines anderen unweigerlich das Aus bedeuten. Und sich ständig mit Nebensächlichkeiten und lästigen Verpflichtungen herumzuschlagen, würde Oscar nicht genügen. Und selbst wenn es ihm genügen würde, wäre da immer noch die schwelende Furcht, ein Scharlatan zu sein. Was auch immer er erreichen würde, es wäre nie genug. Und nachdem die Drinks spendiert und die Journalisten mit denkwürdigen Einblicken in sein Leben gefüttert und die Leute mit den indiskreten Häppchen versorgt sein würden, auf die sie so scharf waren, würde er sich der ganzen Aufmerksamkeit unwürdig fühlen. Er würde sich in seine Bruchbude zurückziehen, die Tür vor der Welt verschließen und murmeln: „Ich bin ein Pseudomaler. Ich bin ein Schwindler, ein betrügerischer Manipulator von Bildern. Ich bin ein Voyeur.“ Und so warf er die Visitenkarte des Kunsthändlers in die Waschmaschine und ersparte sich all diese Dilemmas. Nachdem der Waschgang beendet war, hatte sich die Karte zwischen seiner Kleidung vollständig aufgelöst.

Aber es gab noch einen weiteren – weniger komplizierten – Grund, weshalb Oscar sich scheute, seinen Hintern hochzubekommen und aktiv zu werden: Er war faul. Stinkfaul. Und diese Faulheit trieb ihn zu jenem anderen faulen Geschöpf der Natur: der Katze. Er flüchtete sich also in seine Bruchbude und in die Gesellschaft seines Stubentigers, und gemeinsam schwelgten sie in ungestillten Sehnsüchten, während die höchsten Töne von Tristan und Isoldeihnen Trost spendeten. Allerdings wusste ich schon immer, dass Oscar zu Großem bestimmt war, dass er eines Tages triumphieren und das Licht sehen würde, und dass er sich dazu von seiner unzertrennlichen Katze trennen musste. Doch das wusste nur ich. Er nicht.

Bloch legte mit einem mulmigen Gefühl die Seiten weg. Hatte er über Oscar oder über sich selbst geschrieben? Waren das hier Dinge, die ihn persönlich umtrieben?

Es ging auf halb zwei zu. Kaum hatte sein Kopf das Kissen berührt, fiel er in einen tiefen Schlaf.

Zur selben Zeit schaute Oscar im Eureka Cinema den Schluss eines Films an – die Spätvorstellung. Ihm graute davor, nach Hause zu gehen. Sein kleines Zimmer mit Kochgelegenheit war alles andere als einladend. Die Tapete schälte sich von den Wänden, das Bett hing durch wie eine Hängematte, und der Ofen war dreckverkrustet. Er versuchte sich zu erinnern, wann er zum letzten Mal die Bettwäsche gewechselt hatte, und ihn schauderte bei dem Gedanken. Während er darüber nachdachte und allmählich in einen mentalen Treibsand gesogen wurde, vernahm er ein klägliches Wimmern, das offenbar von draußen kam. Er schlich zum Hinterausgang, legte sein Ohr an die Tür und lauschte. Das Wimmern hörte auf. Er öffnete die Tür und sah eine winzige Katze auf der Schwelle kauern. Als sie ihn erblickte, begann sie erneut mit herzzerreißendem Pathos zu maunzen. Sie war kaum größer als seine beiden Handflächen zusammengenommen. Er hob sie auf und murmelte: „Hallo, hast du mich gesucht?“

2

Zwei Wochen vergingen. In dieser Zeit beschloss Oscar, die Katze zu adoptieren, da sie niemandem zu gehören schien. Er nannte sie Täubchen, weil sie ihm aus heiterem Himmel vor die Füße gesegelt war. Sie schenkte ihm neuen Lebensmut, und er gewann sie binnen weniger Tage sehr lieb. Er kaufte ihr einen Weidenkorb und polsterte ihn mit Decken aus, denn das Kätzchen war ausgezehrt und bedurfte fürsorglicher Pflege. Oscar musste allerdings aufpassen, dass Mr. Grindel, sein Vermieter, nichts merkte, denn die Hausregeln untersagten es den Mietern, in ihren Zimmern Tiere zu halten. Obwohl das Gebäude im Verfall begriffen war, rührte Mr. Grindel keinen Finger, um die Wohnverhältnisse zu verbessern, drohte aber jedem, der sich nicht an seine Regeln hielt, mit Rauswurf. Er war grundsätzlich unrasiert, um sich den Anschein von Mittellosigkeit zu geben – eine Taktik, die er für nützlich hielt, erlaubte sie ihm doch, so zu tun, als wäre er nicht bessergestellt als seine bettelarmen Mieter –, und er trug stets einen dicken Hausrock, auch bei sehr warmem Wetter.

Oscar war nur ein einziges Mal in Mr. Grindels Maisonettewohnung gewesen, die direkt über seinem Zimmer lag, und hatte bei dieser Gelegenheit festgestellt, dass der Ort einem Backofen glich. Ebenso unerträglich wie die Hitze war (jedenfalls für Oscars Ohren) die Wagner-Musik, die auf Grindels altem Plattenspieler lief. Dem Vermieter war nicht entgangen, dass Oscar sich über die Raumtemperatur wunderte, und er brummte etwas von wegen, er könne die Heizung nicht abstellen. Als Oscar ihm anbot, die Fenster aufzureißen, hatte er ihn kurz angeblafft – „Kümmern Sie sich gefälligst um Ihre eigenen Angelegenheiten“ – und dann hinzugefügt, dass sich die Fenster nicht öffnen ließen, weil sie klemmten. Oscar hatte daraus gefolgert, dass der Mann wie ein frühgeborenes Baby in einem Brutkasten leben musste, hermetisch von der Außenwelt abgeschirmt. Dabei legte er im Umgang mit seinen Mietern die Abgebrühtheit eines hartgesottenen Geschäftsmanns an den Tag. Er war davon überzeugt, dass sie ihn alle nur übers Ohr hauen wollten. Oscar bemühte sich daher, Mr. Grindel keinen Anlass zu geben, ihn vor die Tür zu setzen.

An diesem Tag hatte er die Spätschicht im Kino und den Nachmittag dafür frei. Er war gerade dabei, sich zum Ausgehen fertig zu machen, als er ein unheilvolles Klopfen an der Tür hörte. Geschwind stopfte er Täubchen in einen Schrank mit Malutensilien, angebrochenen Farbtuben und dreckigen Pinseln und sah sich noch einmal nach verräterischen Hinweisen auf die Katze um. Dann öffnete er die Tür. Sein Vermieter hatte die lästige Angewohnheit, vorbeizuschauen, wann es ihm gefiel, vermutlich (so Oscars Verdacht), weil er hoffte, ihn bei etwas Verbotenem zu erwischen.

„Die Miete ist fällig, Babel“, kläffte er, und seine irren Blicke schossen wie Pfeile an Oscar vorbei ins Zimmer.

„Ich weiß. Ich erledige das gleich morgen früh.“

„Das will ich Ihnen auch geraten haben, sonst sind Sie nämlich erledigt. Und keine faulen Ausreden.“

Oscar fiel auf, dass er einen merkwürdigen, unangenehmen Geruch verströmte. Er schloss rasch die Zimmertür und befreite die Katze. Dann setzte er Täubchen in ihren Korb und sagte: „Tut mir leid wegen eben. Sei brav, während ich weg bin.“ Er stellte ihr noch ein Schälchen mit Milch hin.

Er musste sich beeilen, denn er hatte eine Verabredung mit Lilliana in einer Bar in der Nähe ihres Blumenladens und war spät dran.

Im Innern der Bar schauderten enorme Vorhänge, die von Strömen abgestandener Luft in Unruhe versetzt wurden. Der Raum war in mandaringelbes Licht getaucht und von seltsamer, körperloser Musik erfüllt. Die Wände waren ringsum in einem intensiven Blutorange gestrichen, und dem Auge blieb nur der schrammige Holzfußboden, um sich davon zu erholen. Aus der Bartheke – einem Ungetüm von barocker Opulenz – schauten die Fratzen furchteinflößender Wasserspeier hervor, die aussahen, als wollten sie lebendig werden. Tausendundeine Flasche reihte sich im Hintergrund, Flaschen in allen Größen und Formen, gefüllt mit leuchtend grünen Likören, goldenen Whiskys und Malts, klarem Wodka und Gin, Rum so schwarz wie die Nacht, dunklem Bier von fulminanter Stärke. Der große Spiegel hinter diesen Vergessenheitsspendern warf die Federhüte, die angemalten Gesichter und die bleiche Pracht der Gäste zurück, alles liebevoll aufgezeichnet und vervielfältigt von Londons allgegenwärtiger Videoüberwachung. Hier und da standen kolossale, halb heruntergebrannte Kerzen, von denen lange Stalaktiten aus geschmolzenem Wachs herabhingen und eine verschlungene Kruste bildeten.

Oscar suchte nach Lilliana und setzte sich schließlich auf einen Stuhl, in der Annahme, dass sie noch nicht eingetroffen war, aber ohne die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass sie schon wieder gegangen sein könnte. Ein eineiiges Zwillingspaar spielte Schach und verschickte Textnachrichten. Ein Broker schlug mit verstörender Kampfeslust die wogenden Seiten der Financial Times um. Oscar ließ den Blick durch den Raum schweifen und war erfreut, eine Frau zu entdecken, die allein in einer Ecke saß, gleich neben einem Paravent, der mit maskentragenden Figuren geschmückt war. Die Frau hatte dichtes silberblondes Haar, das zu einem straffen Knoten gebunden war. Während er sie betrachtete, fragte er sich, wie Bloch wohl mit seiner Geschichte vorankam, und nahm sich vor, ihn anzurufen. Eine Zeitung lag in Reichweite, und er las ein bisschen darin, ohne großes Interesse. Als er wieder aufsah, war die Frau verschwunden, aber ein Mantel in schreiendem Pink zeugte von ihrem Anspruch auf den Platz.

Als sie zurückkam, war sie durch eine großzügige Schicht grünen Lippenstifts verwandelt. Noch mehr Menschen strömten herein. Ihr Lärm stieß Oscar auf Anhieb ab. Er spürte, dass die Frau in der Ecke seinen Unmut teilte, und als er erneut zu ihr hinübersah, um ein Zeichen der Solidarität von ihr zu erhaschen, war ihr Gesicht fast vollständig von ihren nun offenen Locken verdeckt, die sie gerade in Ordnung brachte. Einen Moment lang war er bass erstaunt. Sie hatte sich in einer Weise verändert, dass es fast schien, als wäre ihr Gesicht umoperiert worden.

Schließlich bemerkte sie seinen verblüfften Blick.

„Sie sehen verwirrt aus“, sagte sie mit süßer Stimme.

„Ja“, antwortete er, „das bin ich.“

„Was verwirrt Sie denn?“

Oscar schnappte ein paar Worte von einem Gespräch an der Bar auf. Eine Stimme sagte: „Lachs kann ich nur essen, wenn ich am Fluss bin, oder besser noch: wenn ich im Fluss bin.“ Ein kurzes, verrücktes Gelächter erhob sich.

„Ich habe das Gefühl, dass sich in meinem Leben gerade etwas verändert. Etwas Wichtiges.“

„Möchten Sie mir erzählen, was es ist?“

„Alles. Nichts. Ich habe jetzt eine Katze. Das war’s eigentlich schon“, sagte er.

„Das ist alles?“

„Na ja … nicht ganz.“

Er fragte sich, wo Lilliana blieb. Die Anspannung stand ihm ins Gesicht geschrieben, so krampfhaft er auch versuchte, gelassen zu wirken.

„Stimmt etwas nicht?“

„Oh, ich warte auf jemanden. Aber ich glaube, sie ist mir durch die Finger geschlüpft. Alles schlüpft mir irgendwann durch die Finger, wissen Sie. Geld, Liebe, Freunde, das Malen.“ Er versuchte, den Ernst seiner Bemerkung wegzulächeln. Er hatte plötzlich das Gefühl, dass er Lilliana heute nicht treffen würde. In leichterem Ton fragte er: „Geht es Ihnen auch so, dass Ihnen die Dinge durch die Finger schlüpfen? Oder können Sie das verhindern, und wenn ja, wie?“

„Um die erste Frage zu beantworten: manchmal. Womit auch die zweite Frage beantwortet wäre. Was die dritte Frage betrifft: Ich reibe mir die Hände mit Talkumpuder ein. Auf diese Weise habe ich meine Kundinnen besser im Griff. Wissen Sie, eigentlich bin ich Friseuse, aber in letzter Zeit komme ich mir eher wie eine Therapeutin vor.

Aber um auf die erste Frage zurückzukommen: Kürzlich ist mir tatsächlich etwas durch die Finger geschlüpft. Ich meine, so richtig entglitten. Ein Topf mit einer Pflanze. Die Frau in dem Laden war am Boden zerstört. Keine Ahnung, wie das passieren konnte. Normalerweise bin ich nicht so tollpatschig. Aber das Merkwürdige war … ihr Gesicht, als sie die kaputte Pflanze sah. Einen Moment lang, nur eine Sekunde, hätte ich mir vorstellen können, mich … in sie zu verlieben. Ich weiß nicht, ob Sie das verstehen, diese … Verletzlichkeit und –“

Sie hielt abrupt inne und tat ihre gefühlvollen Enthüllungen mit einem Achselzucken ab. Wie um den Hohlraum zu füllen, den ihre Offenheit hinterlassen hatte, widmete sie sich nun greifbaren Dingen, strich ihren Rock glatt und legte sorgfältig ihren pinkfarbenen Mantel zusammen. Oscar wandte den Blick von ihr ab, als wollte er ihr Platz verschaffen, und beobachtete die anderen Gäste, die jetzt immer lebhafter wurden. Die Suche nach Vergnügen ging weiter. Sie glich einer nächtlichen Schatzsuche in den verborgenen Kammern der Fantasie und auf taunassem Gras, wo man allen Schmerz und Verlust abstreifen konnte, wo das Opiat der Sinnlichkeit ungehindert seine süße, betäubende Wirkung entfaltete, dort, wo die Stimmen menschlichen Leids kaum durchdrangen und somit geisterhaft und unwirklich erschienen.

Die Frau erhob sich etwas verlegen.

„Ich hoffe, Sie finden ein Netz, um die Dinge einzufangen, die Ihnen durch die Finger schlüpfen. Aber verheddern Sie sich nicht darin.“ Sie lächelte, und er sah zu, wie sie mit beneidenswerter Anmut davonging. Er beschloss, Lilliana anzurufen. Doch dann fiel ihm ein, dass er kein Guthaben auf der Prepaid-Karte seines Handys hatte. Er ging hinaus und fand eine rote Telefonzelle.

Die Telefonzelle war mit Graffiti übersät, und der Hörer hing herunter wie ein schwingendes Pendel. Er legte ihn auf die Gabel, nahm ihn wieder ab und wählte. Er hörte den neutralen Puls des Läutens. Ein Mann meldete sich, was seltsam war, denn Lilliana lebte allein.

„Hallo … hallo?“

Ihm ging auf, dass er Blochs Nummer gewählt hatte.

„Daniel, hier ist Oscar.“

„Warum hast du nichts gesagt, als ich abgenommen habe?“

„Wie läuft’s mit der Geschichte? Hast du schon damit angefangen?“

„Ja, es läuft. Was gibt’s Neues?“

„Ich habe jetzt eine Katze. Das ist eigentlich alles.“

„Was?“

„Ich habe gesagt, dass ich jetzt eine Katze habe. Sie heißt Täubchen.“

Einen Moment lang herrschte Schweigen. Dann sagte Bloch: „Das ist schön. Tja, ich muss los. Ich habe einen Arzttermin und bin spät dran.“

„Was fehlt dir denn?“

„Nichts. Ich muss nur ein Rezept für Schlaftabletten holen. Bis dann.“

Oscar verließ die Telefonzelle. Bloch hatte irgendwie merkwürdig geklungen, fand er. Er war so zerstreut, dass er ganz vergaß, Lilliana anzurufen. Eine Weile lief er ziellos umher und stieg schließlich in einen Bus, der gerade vorbeikam.

Kurz darauf betrat Lilliana mit seinem Geburtstagsgeschenk in der Hand die Bar. In dem schummrigen mandaringelben Licht wirkte die weiße Haut ihres Gesichts gebräunt.

Bloch hatte kaum den Hörer aufgelegt, als ihn ein seltsames Unbehagen befiel. Er starrte aus seinem Fenster und sah zu, wie der Verkehr im Schneckentempo dahinkroch. Giftige Dämpfe stiegen auf, Taxis tuckerten und drohten auf dem glühenden Asphalt zu zerfließen. Die Menschenmassen kämpften mit den Einkäufen und mit der Hitze.

Er wandte sich ab und schaltete das Radio ein. Blasmusik flog ihm um die Ohren. Er drehte den Frequenzknopf, bis er etwas fand, das ihm gefiel: ein von Trauer erfülltes Streichquartett, dessen tiefste Töne und wummernde Bässe direkt aus dem Jenseits zu kommen schienen.

Während er sich in der Musik verlor, sagte eine männliche Stimme:

„Weißt du, dass Kunst töten kann?“

Blochs erster Gedanke war, dass sich der Frequenzknopf von selbst gedreht hatte und bei einem anderen Sender gelandet war – eine Theorie, die er jedoch gleich wieder verwarf. Er wühlte nach einer Zeitung, um das Radioprogramm zu überprüfen: Vielleicht handelte es sich ja um ein Hörspiel mit musikalischer Untermalung. Aber im Programm stand nur: „13 Uhr: Ludwig van Beethoven, Streichquartett a-moll op. 132. Belcea Quartet.“ An diesem Punkt zog er die Möglichkeit einer akustischen Halluzination in Betracht. Entgeistert starrte er vor sich hin. Hatte er sich die Stimme eingebildet? Was geschieht mit mir?, dachte er. Er schaltete das Radio aus, wankte ins Schlafzimmer und breitete seinen weichen Körper auf dem großen Doppelbett aus. Die Wände und die Decke rückten näher; das Schlafzimmer verwandelte sich in eine Schiffskabine, die träge auf dem Wasser schaukelte. Er schloss die Augen und atmete ein paar Mal tief durch. Er musste arbeiten, seinem Gehirn Ballast geben. Er stand auf und schleppte sich in sein Arbeitszimmer.

Der Kontakt mit den Tasten seiner alten Schreibmaschine verhinderte, dass er vollends abdriftete, dass er sich in ein rotierendes Staubkorn verwandelte und über London und den Hyde Park hinwegwirbelte.

Kapitel zwei

Modellstehen. Dieses Thema muss ich angehen, bevor ich der Bedeutsamkeit des Mannes als Künstler gerecht werden kann. Warum zum Teufel ausgerechnet Modellstehen? Vielleicht reizte ihn ja der Gedanke, das Äußere – den Körper – zur Schau zu stellen, ohne dabei das Innere – die Seele – preiszugeben. Als ich ihn darauf ansprach, meinte er, das Ganze sei wunderbar anonym, obwohl er buchstäblich entblößt war. Er stand im Zentrum der Aufmerksamkeit, aber eher wie ein Patient, der an einem hygienischen Ort von pickeligen Medizinstudenten untersucht wird. Er musste mit niemandem reden und mit niemandem auf emotionale Weise in Beziehung treten. Und das gefiel ihm, fürchte ich. Er konnte beobachten. Er sprach auch über die reinigende Wirkung des Vorgangs, erzählte, wie die Kälte und die Reglosigkeit dem Denken wunderbare Möglichkeiten eröffneten. In dieser Ewigkeit der Stasis könne der Geist den großen Zeh in himmlische Gefilde tauchen oder sogar darin baden und dann, rechtzeitig zur Pause, zurück ans Ufer kraulen. Danach könne er sich wieder auf die einfachen Dinge konzentrieren, etwa auf die Tasse Tee, die ihm und ihm allein gehörte. Dann saß er da, mit einer Decke um die Schultern, und trank seinen Tee, von sämtlichen Kunstschülern ignoriert, was ganz nach seinem Geschmack war. Schließlich gibt es nichts Köstlicheres als eine Belohnung, die man sich redlich verdient hat, und in meinen Augen ist die Ruhe nach getaner Arbeit fast ebenso herrlich wie eine warme Decke nach stundenlangem Frieren.

„Na, Oscar“, sagte ich eines Abends, als er von der Kunstschule nach Hause kam (ich hatte es mir in seiner Bude gemütlich gemacht und von der legendären Güte seines Vermieters, Mr. Grindel, profitiert, der mir eine klare Suppe gekocht hatte), „wie ist es dir heute ergangen? Hat eine junge Dame den schmalen Grat überschritten, der die Künstlerin von der Voyeurin trennt?“

Er ignorierte meine Frage und schnappte sich seine Katze. Die Katze schmolz in seinen Armen dahin und war widerlich empfänglich für seine Streicheleinheiten. Dann wandte er sich zu mir und sagte langsam und salbungsvoll: „Nein, heute nicht, aber vielleicht morgen. Vielleicht in der Oase von einer Fata Morgana von einem Sternentor von morgen.“

Die Antwort strotzte nur so vor Weisheit, als hätte Oscar mit wenigen Worten jene Quintessenz von Klarheit gefunden, die normalerweise nur die Spanne eines Lebens hervorzubringen vermag. Vielleicht war Weisheit ja genau das, überlegte ich: die Fähigkeit, Veränderungen kommen zu sehen und zu akzeptieren, dass sie vielleicht nicht heute, aber morgen eintreten, die Fähigkeit, die Grenzen der Zeit mit ein bisschen Gelassenheit zu überwinden. Ich vermute mal, dass Entdecker und Bergsteiger ein anderes Verhältnis zur Zeit haben als ich. Wenn sie den Mount Everest erklimmen, müssen sie sich irgendwie über den üblichen Lauf der Zeit hinwegsetzen – wie sonst könnten sie tun, was sie tun? Das liegt doch auf der Hand. Ich bewundere diese verdammten Burschen. Sie stehen über den Dingen. Sie schaffen es, die Zeit in ihre Schranken zu weisen. Diese Tyrannin, die niemals lockerlässt, die einem ständig auf die Schulter tippt und einen daran erinnert, dass das Leben endlich ist, die einem mit der Peitsche im Nacken sitzt und wieder und wieder ruft: „Siehst du, ich gehe immer weiter, du nicht.“ Aber ich schweife ab. Oscar teilte viele meiner Sorgen, wollte aber nicht darüber reden. Auch nicht über Dinge wie Glück, Leid, Liebe und andere Nebensächlichkeiten.

„Warum willst du nicht darüber reden?“, fragte ich ihn.

„Na ja, ich finde, man sollte überhaupt nicht reden; man sollte tun.“

„Sei nicht albern.“

„Sprache vernichtet das Rätselhafte. Über Emotionen zu sprechen, macht sie überflüssig.“

„Okay, wenn das so ist: Ich habe Karten für eine Flamenco-Show morgen Abend. Hast du Lust, mitzukommen?“

Wir gingen hin und nahmen eine halbe Stunde vor Beginn der Vorstellung unsere Plätze ein. Ein geschmackloser Zuschauerraum mit stinkfeinen roten Plüschsitzen und einem noch stinkfeineren Publikum. Oscar flüsterte mir vertraulich ins Ohr: „Manchmal würde ich das alles am liebsten hinter mir lassen und in einem Heißluftballon davonschweben.“ Ich versuchte wie immer, seine melodramatischen Anwandlungen zu ignorieren. Die geschmeidigen Flamencotänzer klapperten und klatschten. Aber Oscar war mit seinen Gedanken woanders und achtete nicht auf sie. Er war nicht in der Lage, ein Erlebnis zu genießen, da jedes Erlebnis neue Probleme aufwarf. Sein zwanghaftes Bedürfnis, die Dinge weiterzudenken, sabotierte alle freudvollen Unternehmungen. Da er ständig darauf achtete, wie sehr ihn eine Person, eine Situation oder ein Ort verkrampfte, und da ein Teil von ihm ständig registrierte und kalkulierte und antizipierte, konnte er sich nie dem Leben hingeben, nicht einmal, wenn er etwas getrunken hatte. Alkohol schlug ihm vielleicht auf die Leber, vermochte aber nicht, seine befreiende Wirkung zu entfalten: Gegen Oscars selbstauferlegte Zwangsjacke kam er nicht an. Während die Flamenco-Darbietung immer rasanter und zackiger wurde, bewunderte ein Teil seines Verstandes die Leistung der Tänzer, während ein anderer Teil über die Vergänglichkeit sinnierte, die allen Dingen eigen ist und stets unter der Oberfläche lauert. Genau wie Londons U-Bahn-System, das tief unter dem Asphalt verborgen liegt, unsichtbar, aber dennoch vorhanden. Ich persönlich bin schon immer der Ansicht gewesen, dass London dem Verstand gleicht, und vielleicht bin ich dabei, meinen zu verlieren. London hat seinen schon längst verloren. Natürlich ist mir klar, dass Kunst töten kann, dass Bilder und Metaphern gefährlich sind. Im Übrigen würde mir nicht im Traum einfallen, Babel als Vorwand für meine eigene Geschichte zu benutzen. Oh nein. Das kann ich euch versichern. Ich muss gestehen, dass ich mich in letzter Zeit merkwürdig fühle und mich frage, ob mein Schädel dabei ist, sich in eine Gaskartusche zu verwandeln. Ich bin ein erfolgreicher Autor, oder besser gesagt: Ich kann auf eine erfolgreiche Laufbahn als Autor zurückblicken. Ich habe eine gewisse Berühmtheit erlangt, die angenehmen Dinge des Lebens genossen, Kunstgalerien und Partys besucht und Lagenwein getrunken. Aber wer sind diese Leute, die ich unterwegs getroffen habe, was sind diese seichten, wässrigen Worte, die ich geschrieben habe? All das läuft ins Leere, und meine Machwerke sind mir unerträglich geworden. Wozu das ganze Gerede? Wenn ich versagt habe, dann in Ehren. Dieses Projekt über meinen Freund ist mein letztes geschmettertes Lied, und ich möchte, dass es wahrhaftig ist. Ich möchte, dass es den klaren Pfefferminzgeschmack der Aufrichtigkeit besitzt und durch die Sinne fährt wie eine salzige Meeresbrise. Aber vielleicht ist es zu spät für mich. Vielleicht habe ich den Mund zu voll genommen. Oscar hat sein Leben noch vor sich. Er kann noch Musik hören und Frauen in den Hintern kneifen. Und was tue ich? Ich sag’s euch: Ich flottiere durch das mittlere Alter. Dabei wollte ich doch etwas bewegen, einen Unterschied machen. Aber alles, was ich gemacht habe, ist Geld. Wer wird in zwanzig Jahren noch meine Romane lesen, meine populären Romane? Schon das Etikett „populär“ riecht nach Müllhalde. Ich versichere euch, das Streben nach Unsterblichkeit ist müßig. Aber manche erlangen sie. Beneide ich diese Leute? Ich weiß, dass ich jemanden beneide, aber ich habe noch nicht herausgefunden, wen. Am liebsten würde ich die Menschheit ein bisschen durchschütteln, sie wachrütteln, mich mit gewichtigen Worten über die ewigen Wahrheiten auslassen und selbst ein paar neue Wahrheiten erfinden. Ein messianischer Märtyrer, das wäre ich gern; der Narr, der die Wahrheit sagt … Innerer Friede? Nein, den besitze ich nicht. Höchstens innere Zerrissenheit, Fragmente, die in mir herumklimpern wie ein Haufen Kleingeld. Und was die Liebe betrifft: Wen habe ich aufrichtig geliebt? Ich habe nie genug von mir selbst gegeben. Eine Ehefrau, mit der ich nichts mehr zu tun habe, die für mich höchstens noch eine zerbrochene Trophäe auf meinem Kaminsims ist. Apropos, bevor ich jetzt wegen Natalies Vagina sentimental werde, muss ich festhalten, dass die Zeit der Begierde vorüber ist. (Vielleicht kann das ein Tor zum Göttlichen sein, zu einer gesteigerten Wahrnehmung.) Ich werde etwas Größeres und Besseres finden. Aber ich schweife schon wieder vom eigentlichen Thema ab: Oscar. Wer schert sich eigentlich um ihn? Muss ich ihm alles geben? Egal, ich bin nicht ich selbst, die Dinge sind ein bisschen verworren.

Bloch schwärzte die letzten drei Zeilen mit einem Füller, legte das Manuskript zur Seite und sank – von plötzlicher Erschöpfung übermannt – in sein Bett. Es war drei Uhr am Nachmittag.

Am Telefon entschuldigte sich Lilliana bei Oscar, weil sie ihn in der Bar verpasst hatte. Sie teilte ihm mit, dass eine neue Freundin von ihr sie beide in der nächsten Woche zum Lunch eingeladen hatte.

In der nächsten Woche machte sich Oscar mit einem Stadtplan in der Hand auf den Weg, und während er die Straßennamen verglich, fragte er sich, wer diese neue Freundin von Lilliana wohl sein mochte. Für gewöhnlich schloss sie keine neuen Freundschaften, was in Anbetracht ihrer leutseligen Art eigentlich merkwürdig war. Er vermutete, dass sie ihre Blumen den Menschen vorzog.

Nachdem er ein paar Mal falsch abgebogen war, gelangte er schließlich in die richtige Straße – eine breite, von Eichen gesäumte Allee, in der alle Häuser die gleichen hübschen Erkerfenster hatten. Das Viertel war so ruhig und verlassen, dass Oscar das Gefühl hatte, der letzte Mensch auf Erden zu sein. Er prüfte, in welche Richtung die Hausnummern verliefen, fand die gesuchte und läutete. Auf dem Klingelschild stand MERIDIAN. Das Haus – eigentlich eine Doppelhaushälfte – war groß, aber ein bisschen heruntergekommen. Eine junge Frau, die Oscar auf Ende zwanzig schätzte, öffnete die Tür. Sie trug ein leuchtend gelbes, knielanges Hängerkleid und Sandalen, die ihre schön pedikürten Füße zum Vorschein brachten. Sie waren ebenso braun gebrannt wie ihre Beine, ihre Arme und ihr Gesicht. Das seidige schwarze Lockenhaar war mit fünf oder sechs strassbesetzten Haarklammern hochgesteckt. Oscar verspürte sofort eine Welle der Anziehung, die ihn wie ein Schwindel durchlief.