Die Erfindung des Countdowns - Daniel Mellem - E-Book

Die Erfindung des Countdowns E-Book

Daniel Mellem

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Beschreibung

"Daniel Mellem hat nicht nur einen mitreißenden Roman geschrieben – er hat eine Rakete gezündet!" Saša Stanišic Nach dem Ersten Weltkrieg bricht das Zeitalter der Utopien an. 1920 zieht es den jungen Hermann Oberth von Siebenbürgen nach Göttingen, um Physik zu studieren - die spannendste Wissenschaft der Zeit. Hermann will den Menschheitstraum von der Mondrakete verwirklichen. Als der Durchbruch nah ist, weisen seine Professoren ihn ab. Seine lebenslustige Frau Tilla versucht, einen gemeinsamen Alltag als Familie zu ermöglichen, als doch jemand an Hermanns Forschung glaubt: Wernher von Braun, Mitglied der SS. Doch statt der Mondrakete soll Hermann die V2 mitentwickeln, eine "Vergeltungswaffe" für die Nazis. Seine Kinder Ilse und Julius verliert er an den Krieg. Und so stellt sich ihm und auch Tilla mit voller Wucht die Frage nach der eigenen Verantwortung für die Geschichte.

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Seitenzahl: 359

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Über das Buch

Nach dem Ersten Weltkrieg bricht das Zeitalter der Utopien an. 1920 zieht es den jungen Hermann Oberth von Siebenbürgen nach Göttingen, um Physik zu studieren – die spannendste Wissenschaft der Zeit. Hermann will den Menschheitstraum von der Mondrakete verwirklichen. Als der Durchbruch nah ist, weisen seine Professoren ihn ab.

Seine lebenslustige Frau Tilla versucht, ihnen einen gemeinsamen Alltag als Familie zu ermöglichen, als doch jemand an Hermanns Forschung glaubt: Wernher von Braun, Mitglied der SS. Statt der Mondrakete soll Hermann die V2 mitentwickeln, eine »Vergeltungswaffe« für die Nazis. Seine Kinder Ilse und Julius verliert er an den Krieg. Und so stellt sich ihm und auch Tilla mit voller Wucht die Frage nach der eigenen Verantwortung vor der Geschichte.

Eindringlich und klar erzählt Daniel Mellem in seinem ersten Roman von einem ganz und gar unwahrscheinlichen Leben, das doch wahr ist. Von menschlichen Sehnsüchten und Verfehlungen, von deutscher Geschichte und der Ethik der Wissenschaft.

ZEHN

Der Schäßburger Sommer des Jahres 1899 war heiß wie immer. In den Häusern staute sich die Hitze, auf den Uferwiesen der Kokel verbrannte das Gras, und wenn man vom Siechhofberg durch die flimmernde Luft hinunter auf die kleine siebenbürgische Stadt schaute, dann wirkte die mittelalterliche Burg mit Stundturm, Klosterkirche und Bergschule wie eine Erscheinung aus einer längst vergangenen Zeit.

Auf dem Siechhofberg, zwischen Eichenbäumen, streckte Hermann seinen Arm in die Ferne. Ein Hirschkäfer lief seine Hand entlang und erklomm langsam seinen Zeigefinger. Hermann betrachtete den fetten, rotbraunen Rumpf, die langen, schwarzen Beine und das Geweih, das beinahe so lang war wie der Körper selbst. Er hielt den Finger in die Höhe. Dieses plumpe Tier konnte unmöglich fliegen, und doch öffnete der Käfer jetzt seine Flügel. Hermann sah ihm nachdenklich nach, wie er langsam in das Tal hinabglitt.

»Lass uns baden gehen«, riss sein kleiner Bruder Adolf ihn aus seinen Gedanken. Hermann wischte sich den Schweiß von der Stirn und schaute hinunter zur Kokel, die in der Mittagssonne glitzerte. Warum nicht? »Wer zuerst unten ist«, sagte er und ging gleich in die Hocke. Adolf machte es ihm etwas ungelenk nach.

»Eins …«, sagte Hermann. Sie schauten einander herausfordernd an, Adolf stand vor Aufregung der Mund offen.

»Zwei …« Hermann ging noch ein Stück tiefer in die Hocke, um sich maximal in den Sprint hineindrücken zu können.

»Drei!« Damit rannte er los. Sofort war er vorneweg, ließ seinen kleinen Bruder hinter sich, er rannte über den feuchten Waldboden, zwischen den Bäumen hindurch hinüber zum Lehmpfad, der den Berg hinunterführte. Der Pfad war von der Sonne aufgeheizt worden und brannte unter den Füßen, und so lief Hermann schneller und schneller hinunter in Richtung Uferwiesen, er stolperte, verlor fast den Halt, dann fing er sich und war erleichtert, als der Boden endlich wieder flacher wurde. Unten angekommen grub er seine Zehen in den kühlen Flussschlamm und schaute zurück zu seinem Bruder. Noch lief Adolf auf wackligen Beinen, dann fiel er hin und rutschte bäuchlings die Böschung zum Fluss hinunter. Heulend hielt er sich die blutenden Knie. Sofort war Hermann bei ihm und half ihm aufzustehen. »Das wird schon wieder.« Er zog seinen Bruder in die Kokel und wusch die Schrammen aus. Adolf wimmerte, dann zeigte er auf etwas hinter ihnen.

Ein paar Meter entfernt lag halb im Wasser ein großer Büffel, der in der Sonne döste. Das schwarze Fell glänzte, der nasse Schwanz schlug nach ein paar Schnaken aus. Hermann betrachtete ihn, überlegte. Dann bückte er sich, nahm etwas Uferschlamm und warf nach dem Tier. Er verfehlte es knapp, das Wasser spritzte. Der Büffel hob den Kopf. Unter dem Fell zuckten die Muskeln, dann stemmten vier dünne Beine den Körper langsam in die Höhe. Hermann klatschte ein paarmal in die Hände, bis der Büffel ihn endlich ansah. Langsam, ein Schritt nach dem anderen, ging er näher heran, bis er den Atem des Tieres im Gesicht spüren konnte. Er beugte sich noch ein Stück vor, um in die dunklen Augen des Büffels zu schauen, zwei Murmeln, die geheimnisvoll in der Sonne glitzerten. »Hermann, komm!«, rief Adolf hinter ihm. Hermann schüttelte den Kopf. Vorsichtig griff er mit Zeigefinger und Daumen nach einer der beiden Murmeln. Der Büffel brüllte, taumelte zurück. Dann senkte er auf einmal die Hörner.

Durch die Rundbogenfenster fiel Licht herein, an den Wänden schimmerten weiße Kacheln. Die Helligkeit des Krankenzimmers blendete Hermann, er kniff die Augen zusammen. Der Brustkorb schmerzte so sehr, dass er kaum atmen konnte. Langsam kam die Erinnerung zurück. Er sah die zu Halbmonden gebogenen Hörner des Büffels vor sich, dann den riesigen Kopf, der zustieß. Er schämte sich. Er hatte sich in Gefahr gebracht und, was noch viel schlimmer war, er hatte seinen kleinen Bruder in Gefahr gebracht. Hoffentlich war Adolf nichts passiert. Er zwang sich, die Augen wieder zu öffnen. Mühsam drehte er sich auf die andere Seite. Er atmete auf. Auf dem Bett neben der Tür saß sein Bruder und ließ die Beine baumeln. »Du glaubst nicht, wie wütend Vater war.«

Es war eine Strafe, dass ausgerechnet der Vater Direktor des Spitals war. In den folgenden Tagen traute Hermann sich in seinem Krankenbett kaum zu atmen. Nicht nur, weil die gebrochene Rippe so wehtat, wichtig war vor allem, so leise wie möglich zu sein und bloß keine Aufmerksamkeit zu erregen. Die Tür zum Krankenzimmer stand den ganzen Tag offen, er konnte sehen, wie der Vater, Vollbart und kurz geschorene Haare, die Treppen hinauf- und wieder hinuntereilte und die Flure entlanghetzte. Hermann war jedes Mal erleichtert, wenn der Vater nicht bei ihm im Türrahmen stehen blieb und ihn mit schmalen Augen anblitzte, bevor er weiterhastete. Hermann war sich sicher, das Einzige, was den Vater davon abhielt, von morgens bis abends mit bösem Blick bei ihm im Zimmer zu stehen, war sein ewiges Pflichtgefühl. Von nichts redete der Vater häufiger als von seiner Pflicht. Achtzehn Stunden am Tag arbeitete er, selbst nachts stand er auf und ging vom Wohnhaus, wo sie mit einer anderen Arztfamilie lebten, nebenan ins Spital, um nach seinen Patienten zu sehen. Alle in Schäßburg bewunderten den Vater. Es hieß, er mache keinen Unterschied, ob einer arm sei oder reich, und könne jemand die Behandlung nicht bezahlen, dann übernehme er die Kosten selbst. Aus ganz Siebenbürgen kamen Patienten nach Schäßburg, sogar aus Budapest und Wien, um sich mit der neuartigen Strahlenmaschine, die der Vater angeschafft hatte, untersuchen zu lassen. Einmal hatte er einen ungarischen Bauern von seiner Taubheit befreit und der hatte ihn daraufhin einen Gott genannt. Der Vater hatte abgewunken. Es sei doch nur eine einfache Spülung gewesen.

So wohlmeinend der Vater mit seinen Patienten war, so hart war er gegen sich selbst. Vor einigen Monaten hatte er an einem Tag unter heftigen Bauchschmerzen gelitten. Gleich mehrmals war er aus dem Spital zu ihnen ins Haus gekommen und war lange auf der Toilette verschwunden. In der Nacht hatte Hermann ein seltsames Gestöhne aus dem elterlichen Schlafzimmer gehört und hatte sich in den Flur geschlichen. Durch den Türspalt konnte er sehen, wie der Vater seinen nackten Bauch abtastete und die Mutter bat, ihm seine Arzttasche zu bringen. Besorgt sah sie ihn an. Er solle sich doch lieber im Spital behandeln lassen, wozu sonst stecke er ihr ganzes Erspartes dort hinein? Doch der Vater schüttelte den Kopf und wie immer, wenn er auf etwas bestand, gab die Mutter nach. Sie holte die Tasche, der Vater zog sich eine Spritze auf und setzte sie sich in die Seite. Dann befahl er der Mutter, sich mit der Öllampe neben das Bett zu setzen und einen Spiegel in der Beuge zwischen Oberschenkel und Leiste zu platzieren. Sie tat wie geheißen, doch wandte ihr blasses Gesicht ab und starrte zu Boden. Plötzlich stach sich der Vater mit einem Skalpell mitten in den Bauch. Hermann musste einen Schrei unterdrücken, als er sah, wie fürchterlich es blutete. Der Vater wies die Mutter an, das Blut wegzuwischen und die Wunde so weit aufzuziehen, dass er ganz hineinsehen konnte. Hermann merkte, dass auf einmal sein kleiner Bruder neben ihm stand. Adolf wollte auch in das Zimmer der Eltern hineinschauen, aber Hermann drängte ihn zurück und hielt ihm die Hand vor die Augen. Der Vater steckte sich ächzend eine Schere in die offene Wunde, öffnete und schloss sie wieder. Dann holte er mit einer Hand etwas aus der Wunde heraus, das wie eine blutige Wurst aussah. Er warf sie neben das Bett und ließ sich von der Mutter Nadel und Bindfaden reichen. Hermann wurde übel, aber er konnte den Blick einfach nicht abwenden. Erst nachdem der Vater sich den Bauch wieder zugenäht hatte, hatte Hermann seinen Bruder an der Hand genommen und war mit ihm zurück ins Bett geschlichen.

Jetzt lag Hermann im Krankenzimmer und er war sich sicher, ohne den Verband um seinen Brustkorb hätte es längst eine Tracht Prügel gegeben. Am ersten Abend im Spital hatte der Vater ihn angebrüllt. »Was erlaubst du dir, einen Büffel zu reizen! Wie kannst du es wagen, mir mit solchen Dummheiten die Zeit zu stehlen!«

Sogar die Mutter hatte den Kopf geschüttelt. Dabei hatte sie Hermann sonst immer zur Seite gestanden. Im vergangenen Winter zum Beispiel, als er heimlich zum Bahnhof gelaufen war. Dort war er, während der Lokomotivführer auf dem Bahnsteig stand und seine Pfeife rauchte, in das Führerhaus der Wusch gestiegen. Die kleine Schmalspurbahn verband seit zwei Jahren Schäßburg mit Agnetheln und Hermann liebte es, wenn sie am Marktplatz vorbeifuhr und die Dampfglocke pfiff. Im Führerhaus hatte er vor den vielen Skalen der Manometer gestanden und vor den zahllosen Schläuchen, Drehverschlüssen und Hebeln, und hatte sich gefragt, was sie wohl bedeuteten und was sich mit ihnen anstellen ließ. Er hatte angefangen, daran herumzuspielen und plötzlich hatte es gezischt und es hatte gefaucht, der Zugführer war herbeigestürmt, hatte ihn herausgezerrt und ihm eine ordentliche Ohrfeige verpasst. Auch der Vater hatte später sehr geschimpft, nur die Mutter war nicht böse gewesen. Still, aus ihrem weichen, melancholischen Gesicht hatte sie ihn angesehen und ihm über den Kopf gestrichen, als er ihr von dem aufregenden Führerstand erzählte.

Doch bei dem Vorfall mit dem Büffel hatte auch sie verständnislos geschaut. »Was ist nur in dich gefahren?« Hermann hatte geschwiegen. Er wusste es nicht.

Einen Monat nachdem er wieder genesen war, weckte ihn die Mutter kurz nach Sonnenaufgang. Zusammen mit Adolf verließen sie das Arzthaus. Der Morgen war düster. Im Garten hämmerte der ungarische Spitaldiener schweigend auf einem Stück Holz herum, auf der Straße schoben sich Ochsenkarren und Pferdewagen langsam durch den Nebel aus Schäßburg hinaus. Hermann lief mit seiner Mutter und seinem Bruder durch die kleine Stadt, sie stiegen die schmalen Stufen zur Burg hinauf, kamen an der Klosterkirche vorbei, am Marktplatz, schließlich am Stundturm. Der große Kasten neben dem Ziffernblatt, aus dem zur vollen Stunde an jedem Wochentag ein anderes Männchen mit wilder Fratze heraussprang, machte Hermann immer noch Angst. Schnell lief er weiter, als der zornige Soldat seinen Speer präsentierte.

Die meisten anderen Jungen hatten sich schon vor Lehrer Both aufgestellt. Sie standen dort mit geschwellter Brust, viele waren größer als er und fast alle waren sie laut. Manche schubsten, um ganz vorne zu stehen, einer zog einem anderen so fest an den Haaren, dass der anfing zu weinen. Die Mutter ließ Hermanns Hand los und gab ihm einen Klaps. Dann stellte sie sich zu den anderen Müttern und nahm Adolf auf den Arm. Das hatte sie lange nicht getan. Der Sommer war vorüber.

Warum ging in der Elementarschule alles so langsam zu? Die sonst so lauten Jungen verrenkten unter den Pulten ihre Finger, wenn es bloß darum ging, zwei Zahlen zusammenzuzählen. Und wenn das Ergebnis größer war als zehn, dann musste man befürchten, dass sie sich die Finger verknoteten. Hermann verstand nicht, warum Lehrer Both Rücksicht auf diese Jungen nahm. Erst fragte Both den langen Erwin, der ganz hinten saß, wie viel zwei plus zwei ergebe. Erwin spreizte Zeigefinger und Mittelfinger an beiden Händen und antwortete »Vier«. Dann stellte der Lehrer dem Jungen daneben genau die gleiche Frage noch einmal. So wanderte er durch die Reihen nach vorne, bis er schließlich bei Hermann ankam. »Vier, das musst du doch jetzt eigentlich wissen«, antwortete er. Lehrer Both machte große Augen, griff zum Zeigestock und ließ ihn auf Hermanns Hand niedersausen. Die Finger liefen blau an und taten den Rest des Tages so weh, dass er sie kaum bewegen konnte. Aber immerhin brauchte er sie nicht zum Rechnen.

Hermann war froh, wenn die Schule vorüber war und er seine Nachmittage im großen Garten des Arzthauses verbringen konnte. Kein Lehrer, der ihm befahl, etwas zu lernen, das er längst wusste. Er schlug mit Feuersteinen Funken, baute aus Pappe eine Sonnenuhr, fing mit einem alten Fischernetz am duftenden Flieder Schwalbenschwänze und Admirale. Bei ihm war immer nur sein kleiner Bruder, der staunte, was er so trieb.

Beim Abendbrot erzählte Adolf von ihren Abenteuern und tat dabei so, als seien Hermanns Ideen seine eigenen gewesen. Hermann schimpfte darüber und versuchte, die Dinge richtigzustellen, sie so zu erzählen, wie sie sich eigentlich zugetragen hatten. Doch aus seinem Mund klang alles seltsam schal, weniger aufregend als bei Adolf, und dann wurde er rot, warf die Hände in die Luft und schrie, versuchte mit Lautstärke auszugleichen, was mit Worten nicht gelang. Die Mutter hielt ihn fest. »Ruhig, Hermann. Wir wissen doch, wie es war.«

Nach dem Essen nahm sie ihn mit auf den Dachboden. Hier bewahrte sie in einer Eichentruhe die Gedichte von Großvater Friedrich auf. Zusammen saßen sie neben der offenen Truhe und die Mutter erzählte vom Großvater. Friedrich Krasser war ein Arzt und berühmter Dichter gewesen, der den Klerus abgelehnt und an die Lehren Darwins geglaubt hatte. Seine Freunde hatten ihn den Reformator genannt und in seiner Studienzeit in Wien hatte er Arbeiterfamilien behandelt, die an Typhus litten und in Kellerlöchern hausten. Danach war er sein Leben lang für die Rechte der Ausgebeuteten eingetreten.

Die Mutter las das Gedicht Tabula Rasa vor, mit dem der Großvater im Jahr 1869 für großen Aufruhr im Kaiserreich gesorgt hatte. Hermann fand das Gedicht recht öde, es schien darin nur ums Schlafen zu gehen. Es hieß, jeden Tag gehe im Osten die Sonne auf, doch die Strahlen würden nicht über die Karpaten hinwegreichen und so bleibe es im Abendland dunkel und die Menschen lägen dort weiterhin im Schlummer. Der Ärger über das Gedicht war groß gewesen und Hermann war überzeugt, die Leute waren empört, dass es so langweilig war. Gegen den Großvater wurde ein Prozess eröffnet. Der schrieb daraufhin den Aufsatz Die moderne Inquisition. Das erzürnte die Mächtigen nur noch mehr und schon bald darauf wurde er in Graz verurteilt. Für zwei Jahre sollte er ins Gefängnis. Aber die Menschen in Siebenbürgen waren dem Großvater dankbar für seinen Einsatz für die erste Arbeiterkrankenkasse in Hermannstadt und so schrieben Freunde aus hohen Kreisen Suppliken an den Kaiser Franz Joseph und es dauerte nicht lange und der Kaiser erließ Amnestie. Und der Großvater, der eigentlich nichts übrighatte für die Stände und den Adel, nannte Hermanns Mutter bei ihrer Geburt, ganz wie der Kaiser seine Tochter, Valerie.

»Du bist auch ein Krasser«, sagte die Mutter lächelnd und Hermann konnte dabei Stolz in ihrem Gesicht erkennen.

Fortan fiel es ihm etwas leichter, Adolf bei Tisch über seine Abenteuer reden zu lassen.

Im Herbst aber geschah etwas Seltsames. Adolf klaute auf einmal nicht mehr seine Abenteuer, sondern die von Walli, dem Sohn des Spitaldieners. Auch die Nachbarskinder bewunderten ihn, denn Walli schaffte es, den Ball vom Apfelbaum bis zu den Geläufen der Pferde zu werfen, er hatte den langen Erwin im Armdrücken besiegt und neulich war es ihm sogar gelungen, eine Ratte zu fangen. Hermann verstand die Aufregung nicht. Walli hatte die Falle nicht selbst gebaut und noch dazu klemmte das Tier tot unter dem Metallbügel und war bloß noch Futter für die Katzen.

Bald schon leuchteten im Apfelbaum die Früchte rot und die Väter der Nachbarskinder kündigten an, sie am Wochenende zu ernten. Das Warten war kaum auszuhalten und so standen die Kinder zusammen unter dem Baum und sahen sehnsüchtig hinauf. Adolf rief nach der Mutter, die gerade Wäsche von der Leine nahm. Die schüttelte den Kopf und meinte, ein paar Tage müssten sie sich noch gedulden.

Walli wollte sich nicht gedulden. Er nahm Anlauf und probierte, mit einem Sprung einen Ast zu greifen. Er kam nicht heran, versuchte es erneut, verfehlte den Ast auch diesmal. Er neigte den Kopf, trat an den Baum heran, umarmte den Stamm und legte beide Füße auf die Rinde. Langsam schob er sich in dieser Haltung den Stamm hinauf. Obwohl kühler Wind von der Kokel heraufwehte, schwitzte Walli, Hermann konnte sehen, wie sehr er sich anstrengte. Schließlich aber griff Walli den Ast, den er mit seinen Sprüngen verfehlt hatte, und zog sich daran in die Baumkrone. Er pflückte ein paar Äpfel und ließ sie auf den Boden fallen. Die anderen Kinder jubelten und selbst die Mutter applaudierte. Adolf nahm einen Apfel und biss herzhaft hinein.

Hermann ging zum Baum und wollte es Walli nachmachen. Er rutschte mit den Sohlen auf der Rinde herum und fragte sich, wie Walli das nur geschafft hatte. Endlich hing er am Baum, Arme und Beine um den Stamm geschlungen. Er hörte die anderen hinter sich kichern. Seine Beine zitterten. Er versuchte, sich am Stamm hochzuziehen, doch verlor den Halt und fiel auf den Hintern. Mit rotem Kopf stand er auf, wütend und beschämt, die anderen lachten ihn aus, Wallis kleiner Bruder Gyula hielt sich den Bauch. Hermann wurde schwarz vor Augen. Er sprang auf Gyula zu und verpasste ihm mit der harten Spitze seines Lederschuhs einen heftigen Tritt gegen das Schienbein. Gyula fing an zu weinen und Hermann rannte davon, so schnell er konnte. Niemand sollte sehen, dass auch er weinte.

Am Abend lag er lange wach. Als der Vater nach Hause kam, war es draußen längst dunkel geworden. Die Dielen quietschten, als der Vater den Flur entlangkam und in das Schlafzimmer nebenan ging. Hermann lauschte an der Wand, ob die Eltern sich unterhielten. Er hörte nur ein unverständliches Murmeln der Mutter. Plötzlich wurde die Tür zum Kinderzimmer so heftig aufgerissen, dass sie gegen die Wand schlug. Der Vater stürmte herein, hinter ihm die Mutter, eine Öllampe in der Hand, sodass der Vater einen weiten Schatten in den Raum warf. Adolf schreckte aus dem Schlaf und fing an zu weinen. Der Vater riss Hermann aus dem Bett und drohte mit dem Gürtel, aber die Mutter flehte und so blieb es bei der Hand. Schon nach dem vierten Schlag ließ der Vater wieder von Hermann ab. »Wie kannst du Menschen bloß so grundlos wehtun«, sagte er leise. »Das tut man nur, wenn man ihnen helfen will.«

Ewigkeiten noch lag Hermann wach und spürte seinen schmerzenden Hintern, als die Tür sich plötzlich wieder öffnete. Sofort setzte er sich auf. Der Vater schaute herein. »Komm mal mit.« Hermann klopfte das Herz, doch er schlüpfte in seine Pantoffeln und schlich am schlafenden Adolf vorbei aus dem Zimmer.

Der Flur war kühl und in silbriges Licht getaucht. Durch das offene Fenster schien der Vollmond herein. Davor war auf einem Stativ ein Fernrohr aufgebaut. Der Vater führte Hermann heran. »Mein Teleskop«, sagte er. »Manchmal, wenn ich im Spital sehr viel Ärger habe, schaue ich mir abends den Himmel an.« Er richtete das Teleskop aus und forderte Hermann auf hindurchzusehen. Hermann drückte sein Auge gegen das Okular. Kurz erschrak er. Der Mond war plötzlich so riesig, dass er das gesamte Blickfeld ausfüllte. Helle und dunkle Landschaften erstreckten sich über die Oberfläche, Meere und Gebirge, gleißend helle Hochebenen und weite Schatten, dazu überall Krater. Eine fremde Welt. Hermann versuchte, das Teleskop zu schwenken, doch er zog zu heftig am Rohr und der Mond verschwand. Übrig blieb tiefe Schwärze. Der Vater half, das Teleskop wieder auszurichten. Hermann sah auf die geheimnisvollen Landschaften. Wenn schon ein Fernrohr so viel Neues zeigen konnte – was mochte man alles finden, wenn man selbst dort war? Er starrte hinauf, traute sich nicht mehr, das Teleskop zu bewegen, er wollte das Bild nicht wieder verlieren. Schließlich zog der Vater ihn zurück. »Es ist genug für heute.«

Hermann schaute aus dem Fenster in den Nachthimmel, wo der Mond nun wieder nur als leuchtende Scheibe erschien. »Kann man da hinfahren?«, fragte er.

»Wenn man will, dann kann man alles«, sagte der Vater. »Aber für einen Arzt gibt es dort oben nichts zu tun.«

Beim Schilf unten im Garten lag schon seit Ewigkeiten ein altes Ruderboot. Es war an einem morschen Holzpflock vertäut, und selbst der alte Schmied, der sonst immer Bescheid wusste, hatte keine Ahnung, wem das Boot gehörte. An einigen Stellen waren Planken herausgebrochen und man konnte das Gerippe sehen. Hermann zog sich gern in das Boot zurück, es war wunderbar ruhig hier, man hörte die anderen Kinder im Garten kaum. Ein paarmal war er in Gedanken versunken aufgeschreckt, wenn Adolf plötzlich aufgetaucht war, doch er hatte seinen Bruder immer wieder fortgeschickt und inzwischen hatte er den Ort ganz für sich.

An diesem Nachmittag pendelte er mit dem Oberkörper hin und her, er wollte das Boot zum Schaukeln bringen. Währenddessen kaute er auf dem stumpfen Ende seines Bleistifts herum. Da trat jemand ans Ufer und er sah auf. Die Mutter stand dort und lächelte. »Ach, hier bist du also.« Sie bückte sich, zog die Schuhe aus und kam durchs flache Wasser zum Boot gewatet. »Was malst du denn Schönes?« Sie zeigte auf die Zettel in seinem Schoß. Er gab sie ihr und sie durchblätterte sie vorsichtig. »Was ist das? Die Klosterkirche?« Hermann schüttelte heftig den Kopf. Er versuchte, ihr die Blitzfabrik zu erklären. Gestern Abend, als es heftig gewittert hatte und er nicht durch das Teleskop schauen konnte, war ihm die Idee dazu gekommen. Gewaltig und grell waren die Blitze durch die Dunkelheit gezuckt, es brauchte etwas, das ihre Kraft einsammeln konnte.

Die Mutter nickte, aber er merkte, sie verstand ihn nicht richtig. Enttäuscht nahm er die Zeichnungen wieder an sich. Sie strich ihm übers Haar, dann stand sie auf und stieg langsam wieder die Böschung hinauf. Hermann sah ihr nach. Das Boot schaukelte noch eine Weile hin und her, nachdem sie aufgestanden war. Dann nahm er sich ein neues Blatt und machte sich an die nächste Zeichnung.

NEUN

»Schaut, wie der Hermann durch die Scheiße watet!« Das achte Schuljahr hatte gerade begonnen, da liefen die Klassenkameraden auf dem Heimweg von der Bergschule neben Hermann her. Walli rief und die anderen lachten. Aber sollten sie nur lachen. Sie hatten keine Ahnung, wie praktisch es war, in den Gräben für das Abwasser zu spazieren. Im Sommer, wenn es nicht regnete, trocknete die Jauche in den Gräben aus, und man konnte darauf so gut spazieren wie auf den Kieswegen daneben. Wenn ihn die anderen Jungen nicht gerade störten, konnte Hermann hier in Ruhe seinen Gedanken nachhängen. Er musste nicht ständig achtgeben, mit jemandem zusammenzustoßen. Auf dem Kiesweg war er dem Schreiner einmal ins Fahrrad gelaufen und der hatte sich ein Bein gebrochen. In den Gräben passierte so etwas nicht.

In den letzten Monaten dachte Hermann beim Spazieren am liebsten über Jules Verne nach. Die Mutter hatte ihm Vernes Roman Reise um den Mond geschenkt. Erst hatte die Geschichte wie ein Märchen geklungen, aber kaum hatte Hermann ein paar Seiten gelesen, hatte er nicht mehr davon lassen können. Was für großartige Ideen dieser Verne hatte! Er erzählte in seiner Geschichte, wie man zum Mond kommen konnte. Eine riesige Kanone aus Gusseisen, zweihundertvierundsiebzig Meter lang, konnte Menschen in einem Hohlprojektil aus Aluminium dorthin schießen. Verne wusste auch, wie schnell man sein musste, um der Erde zu entkommen: über elftausend Meter in der Sekunde!

An einem Abend am Teleskop stellte Hermann sich vor, wie es wäre, in dem Projektil zum Mond zu fliegen. Erst die Dunkelheit im Kanonenrohr und das bange Warten. Dann ein gewaltiger Knall, den er selbst nicht würde hören können, weil das Projektil schneller war als der Schall. Beim Schuss würde er so stark in die Polster gepresst, dass ihm keine Luft zum Atmen blieb, womöglich würde es ihm aber doch gelingen, nicht in Ohnmacht zu fallen wie Vernes Reisende. Dann würde er nach dem Abschuss die Luke zur Erde freimachen und hinunterschauen. Weit entfernt würden Schäßburg und die Kokel unter ihm sein, fort wäre er vom Spital, wo der Vater vor lauter Pflichten den Abschuss nicht mitbekommen würde, fort vom Elternhaus, wo die Mutter und Adolf auf seine Rückkehr warten würden. Schon bald würde das alles als grünbrauner Brei erscheinen, er würde die Krümmung des Planeten erkennen und eintauchen in ein unendliches Schwarz, bis der Mond näher und näher käme.

Oft nahm Hermann Verne mit ins Ruderboot. Er hatte neue Planken eingesetzt und es wieder fahrtüchtig gemacht. Es war wunderbar, mit dem Boot die ruhig dahinfließende Kokel hinabzutreiben und von der Reise um den Mond zu lesen. Von Verne konnte man so viel mehr lernen als von den Lehrern an der Bergschule. Das Gymnasium war ihm ein Graus. Jeden Morgen musste er die Schülertreppe auf den Berg hinaufsteigen, hundertfünfundsiebzig Stufen durch einen dunklen Tunnel, in den nur durch die schmalen Ritzen zwischen den Brettern ein wenig Licht hineinfiel. Der Rektor war ein Greis von über siebzig Jahren, der zu Beginn jedes Schuljahres ein Loblied auf die humanistische Bildung sang. An der Decke der Aula prangten in roten und schwarzen Buchstaben die Weisheiten des Philosophen Immanuel Kant, des Schäßburgers Georg Daniel Teutsch, des Dichters Homer. »Durch die Schultüren strahlt der Morgenstern«, hieß es da von Stephan Ludwig Roth. Hermann konnte sich nicht erinnern, dass dieser Stern je in die Bergschule hineingeschienen hätte. Die Lehrer kannten nichts als altgriechische Vokabeln und antike Jahreszahlen. Sie alle wollten nur wissen, was in der Vergangenheit einmal gewesen war. Niemanden hier schien zu interessieren, was die Zukunft bereithielt.

Nach dem Unterricht versteckten sich die Klassenkameraden häufig im Gebüsch am Friedhof. Hermann wollte wissen, was es damit auf sich hatte, und ging mit ihnen. Sie hockten in einer Runde zwischen Ligustersträuchern und Walli zog eine Pfeife aus seiner Schultasche. Er erklärte, er habe sie sich vom Vater geliehen. Gekonnt stopfte er ein wenig Tabak in den Pfeifenkopf, hielt ein brennendes Zündholz hinein, zog an der Pfeife, bis Rauch herauskam. Dann reichte er sie weiter. Der lange Erwin nahm einen Zug, räusperte sich und spuckte aus, lobte die »herrliche Note« des Tabaks und gab die Pfeife dem Nächsten. Bald war Hermann an der Reihe. Der bitterscharfe Geschmack trieb ihm die Tränen in die Augen, seine Lunge brannte. Er musste heftig husten, die anderen lachten. »Manche werden eben schneller Männer als andere«, sagte Walli.

In der folgenden Woche besuchte die Klasse das Burenwirtshaus, wo sie sich den Chor der Mädchenschule anhörten. Zwei Dutzend Mädchen mit geflochtenen Zöpfen standen auf der Bühne und sangen die Siven Krueden. Die Jungen flüsterten aufgeregt miteinander, Professor Fabini musste sie immer wieder ermahnen, endlich ruhig zu sein. Hermann saß still neben ihnen. Am Rand des Chors stand ein blondes Mädchen und ihm war, als sähe es die ganze Zeit zu ihm. Immer wieder musste er auf seine Schuhe schauen, er hielt den Blick ihrer hellen Augen einfach nicht aus. Er war erleichtert, als das Konzert vorüber war und der Chor von der Bühne stieg.

Auf dem Heimweg sah er das blonde Mädchen vor sich gehen. Er wechselte aus dem Wassergraben auf den Kiesweg. Er lief schneller, um sie einzuholen, und bald war das Mädchen nur noch wenige Meter entfernt, die blonden Zöpfe pendelten neben dem schlanken Hals. Er wollte etwas sagen, aber er wusste nicht was. Plötzlich sah das Mädchen sich um. Er öffnete den Mund, kein Wort kam heraus, Blut schoss ihm in den Kopf. Schnell bückte er sich und band seine Schnürsenkel neu. Als er wieder aufsah, war sie weitergelaufen und bog auf einen anderen Weg ab.

Am Abend im Bett bekam er das Mädchen nicht aus dem Kopf. Er versuchte, sich ihr Gesicht vorzustellen, doch es gelang ihm nicht. Immerfort sah er nur die pendelnden Zöpfe vor sich. Er verfluchte sich. Warum nur hatte er es nicht über sich gebracht, sie anzusprechen? Er starrte an die Decke und dachte darüber nach, Adolf davon zu erzählen. Der war neulich mit der Tochter des Spitaldieners im Schuppen erwischt worden, sie hatten einander geküsst und es hatte eine Menge Ärger gegeben. Doch Adolf schlief schon und Hermann wollte ihn nicht wecken. Eine ganze Weile lag er da und dachte an das Mädchen. Schließlich schüttelte er wütend über sich selbst den Kopf. Es gab Wichtigeres! Er warf die Bettdecke beiseite, ging zum Fenster und richtete das Teleskop aus. Was war ein Mädchen schon gegen den Mond?

Der Vater schimpfte über das schlechte Zeugnis. Schwach in Geschichte und Magyarisch! Über die guten Noten in Mathematik und Physik verlor er kein Wort. »Du lernst nicht richtig. Hast nur deine Fantastereien im Kopf und hängst abends ständig am Fenster! So war das nicht gedacht.« Und so nahm der Vater ihm das Teleskop wieder weg. Auch mit der Mutter schimpfte er, als er auf Hermanns Nachttisch Vernes Roman liegen sah. »Und du förderst diese Träumereien auch noch!«

Die Mutter widersprach nicht. »Er ist eben ein Krasser«, sagte sie nur und klang dabei gar nicht mehr stolz. In letzter Zeit war sie schweigsam geworden und oft schlechter Laune. Ganze Tage verbrachte sie im Bett, Kopfschmerzen plagten sie, ihre Fingernägel waren abgenagt. Als Hermann ihr von Vernes Kanone hatte erzählen wollen, hatte sie ihn ohne ein liebes Wort fortgeschickt. »Du bist schon so besessen wie dein Vater!«

Der Vater befahl Hermann, den Roman in die Stadtbibliothek zu bringen. Hermann nickte und lief los, brachte es aber dann doch nicht über sich und machte auf halbem Weg kehrt. Heimlich versteckte er das Buch im Kleiderschrank. Fortan stand er nachts, wenn der Vater sich nach der Arbeit schlafen gelegt hatte, auf, zündete sich eine Kerze an, holte Verne aus dem Schrank und las. Manchmal wachte Adolf davon auf. Aber er verriet dem Vater nichts.

Eines Nachmittags trieb Hermann im Boot langsam die Kokel hinunter. Wolken waren vor die Sonne gezogen und von Südwest her strich Wind über den Fluss. Er wollte in Ruhe nachdenken. Ihm war im Roman etwas aufgefallen, das nicht stimmen konnte. Hatte Verne einen Fehler gemacht? Die Kanone war zu kurz – trotz ihrer zweihundertvierundsiebzig Meter! Nervös rechnete Hermann noch einmal die Kraft aus, die auf die Mondfahrer wirkte, wenn sie durch den Schuss mit der Kanone auf die Fluchtgeschwindigkeit beschleunigt wurden, auf jene elftausend Meter in der Sekunde. Inständig hoffte er, sich bisher verrechnet zu haben, aber sooft er die Werte auch in die Formeln einsetzte, das Ergebnis blieb immer dasselbe: Das Zigtausendfache der Erdanziehung drückte auf die Mondfahrer. Völlig ausgeschlossen, dass sie den Kanonenschuss überlebten. Wenn sie im Weltraum ankamen, schwebten sie als fleischiger Brei im Projektil. Hermann wippte unruhig vor und zurück. War die Reise zum Mond gar nicht möglich?

Der Himmel wurde dunkler, das Boot schaukelte, der Roman rutschte von der Sitzbank in den Bootsbauch. Hermann sah sich um. Rechts am Ufer zogen die Brombeerbüsche vorbei, links die herbstbunten Wälder des Siechhofbergs. Der Wind wurde stärker, es begann zu regnen. In der Ferne sah Hermann schemenhaft die Burg, aus der die Spitze des Stundturms ragte. Er dachte darüber nach, wie es wohl wäre, im Boot sitzen zu bleiben und dem Lauf der Kokel zu folgen. Die Burg hinter sich zu lassen, die Bergschule, das Elternhaus, und sich vom Fluss treiben zu lassen, bis hin nach Blasendorf, wo sich die Große Kokel mit der Kleinen Kokel vereinigte, dann noch weiter bis in die Mierisch, dann in die Theiß, die Donau hinunter bis zum Schwarzen Meer, und dann – irgendwohin.

Es donnerte, der Regen peitschte Hermann ins Gesicht und er musste sich festhalten, um nicht aus dem Boot zu fallen. Die Zettel mit seinen Berechnungen fielen aus seinem Schoß in den Bootsbauch, wo schon das Wasser stand. Plötzlich schlug drüben im Wald ein Blitz ein. Er erschrak und sprang über das Heck in den Fluss. Er geriet unter Wasser, Kälte umgab ihn, es gurgelte, der Schatten eines Fischs huschte vorbei. Er strampelte wild, tauchte wieder auf, rang nach Luft. Mühsam kämpfte er sich ans Ufer, die Kleider klebten schwer an seinem Körper. Er schaute auf den Fluss. Durch seinen Sprung hatte er dem Boot einen Stoß gegeben und es noch tiefer in die Kokel hineingestoßen. Zitternd stand er im aufgeweichten Sand und sah zu, wie es langsam forttrieb. Plötzlich durchzuckte etwas seine Gedanken. Sein Sprung – ein Stoß! Er rannte zurück ins Wasser, schwamm ein paar Züge, bekam das Boot am Heck zu fassen und zog es mit aller Kraft ins flache Wasser. Hastig stieg er auf das Heck und sprang ans Ufer. Er drehte sich um. Das Boot entfernte sich langsam. Schnell holte er es wieder zurück, stemmte eilig ein paar schwere Ufersteine hinein und kletterte hinterher. Er schleuderte den ersten Stein über das Heck hinaus. Das Boot löste sich vom Ufer. Er warf den zweiten Stein. Es wurde schneller. Er warf den dritten, dann den vierten – und mit jedem beschleunigte es weiter! Er klatschte in die Hände, sprang auf, jubelte, der Regen prasselte auf ihn nieder. Er wusste nun, was die Lösung für Vernes Fehler war.

»Du bist spät, wo warst du?« Der Vater saß allein daheim in der Stube und löffelte die Hühnersuppe direkt aus dem Topf. Von Hermanns Ärmeln und Hosenbeinen tropfte es auf die Dielen, aber den Vater schien das nicht zu kümmern. Er teilte die Suppe auf zwei Schüsseln auf. »Iss.« Nass und zitternd setzte Hermann sich an den Tisch und erzählte, wie er mit dem Boot in den Sturm geraten war. »Du bist oft im Boot«, sagte der Vater. Hermann wartete darauf, dass er mit ihm schimpfte. Doch der Vater schwieg. Dann stand er auf und ging ins Bett, noch bevor Hermann aufgegessen hatte.

Am Sonntag wollte der Vater nach dem Gottesdienst mit ihm spazieren gehen. Hermann wunderte sich. Sonst verschwand der Vater nach der Kirche immer gleich im Spital. Schweigend liefen sie ostwärts am Ufer der Kokel entlang, bis sie zu der Stelle kamen, an der Hermann während des Gewitters ins Wasser gesprungen war und das Boot an Land gezogen hatte. Sie stiegen hinein und ruderten die Kokel ein Stück in Richtung des Arzthauses hinauf. Der Vater lief in den Garten. Als er zurückkam, hielt er in der Hand eine Axt. »Mit den Träumereien reicht es jetzt«, sagte er und hielt Hermann die Axt hin. »Sonst gehst du eines Tages darin unter.«

Hermann sah auf das Boot. Seit Ewigkeiten hatte es hier an der Kokel gelegen, es hatte gequietscht und geknarrt, aber nie war es untergegangen, auch nicht, als der Sturm es im Fluss hin und her geworfen hatte. »Los!«, sagte der Vater und drückte Hermann die Axt in die Hand. Sie war überraschend leicht, der Stiel alt und rissig. Hermann zögerte. Der Vater machte einen Schritt auf ihn zu und deutete auf das Boot. Vorsichtig schlug Hermann auf die Bordwand. Er traf nicht richtig, aber das Holz war brüchig und zersplitterte gleich. Er tat einen zweiten Schlag und verfehlte das Boot, erst mit dem nächsten traf er wieder. Die Schneide blieb im Holz stecken und er hatte Mühe, sie wieder herauszuziehen. Er spürte den unnachgiebigen Blick des Vaters, der sehen konnte, wie ungeschickt er sich anstellte. Hermann versuchte, schneller zu schlagen, seine Hiebe gingen oft ins Leere. Bald schon taten ihm die Schultern weh. Es dauerte lange, bis das Boot in zwei Teile zerbrach. »Gib her, den Rest mache ich«, sagte der Vater und wollte ihm die Axt aus der Hand nehmen. Aber Hermann hielt sie fest. Er sah die zerbrochenen Planken und das freiliegende Gerippe. Der Vater sollte das Boot nicht zerschlagen, wenn es schon geschehen musste, dann wollte er es selbst tun. Endlich ließ der Vater die Axt los. Hermann schlug noch einmal zu. Das Holz splitterte, das Gerippe zerbrach. Er spürte, wie ihm die Tränen in die Augen stiegen. Immer wilder drosch er auf das Boot ein. Er wollte es so klein hacken, dass nichts davon übrig blieb als ein paar zerschlagene Bretter und auch die würde er noch kleiner schlagen, nichts als ein Haufen Späne sollte übrig bleiben, die der Wind forttragen konnte. Schließlich rutschte ihm die Axt aus der Hand und er sank auf den Boden. Er schloss die Augen. Er wollte nicht weinen, nicht vor dem Vater. Sanft legte sich eine Hand auf seine Schulter. Er sah auf. Zum ersten Mal schaute ihn der Vater mit der ernsten Freundlichkeit an, mit der er sonst nur seine Patienten anblickte. »Gut gemacht, mein Sohn!«

Am nächsten Tag ging die Familie zusammen ins Burenwirtshaus, um Adolf auf der Trompete zu hören. Die Tanzkapelle spielte. Hermann saß mit dem Vater, der Mutter und anderen Leuten am Tisch. Es herrschte ein großes Gedränge, die Gäste riefen betrunken durcheinander, überall stank es nach Schweiß und Bier. Hermann flüchtete sich auf die Toilette. Er wartete, dass die Zeit endlich vorüberging, und zählte die Fliesen an der Wand. Doch schon bald rüttelte jemand an der Tür und er musste zurück in den Saal.

Nach seinem Auftritt kam Adolf zu ihnen an den Tisch. Der Schreiner, der bei ihnen saß, war begeistert. »Großartig, wie du spielen kannst!« Stolz erklärte Adolf ihm, er werde in einigen Jahren als Musiker die Welt bereisen. Mit leuchtenden Augen sprach er über die Musik, die er liebte, und welche Lieder er besonders mochte. Die Leute am Tisch hörten gebannt zu. Der Schreiner wandte sich an Hermann. »Und was willst du einmal werden?« Es wurde still am Tisch. Hermann errötete, die Leute starrten ihn an. Was sollte er antworten? Sollte er von Jules Verne erzählen? Vom Mond? Sollte er von der Erdanziehung sprechen oder von der Fluchtgeschwindigkeit? Er rutschte auf seinem Stuhl hin und her, die Handflächen schwitzig, und alle sahen sie ihn an und warteten auf seine Antwort. Da legte ihm der Vater die Hand auf die Schulter, ganz fest dieses Mal. »Hermann wird Arzt.«

Er floh aus dem Wirtshaus. Weg von hier, irgendwohin, ganz egal, ob es später Ärger geben würde. Er hielt es nicht länger aus. In der Abenddämmerung rannte er allein auf den Siechhofberg hinauf und durch den Wald. Unter seinen Schuhen knisterte das Herbstlaub, ziellos stolperte er zwischen den kahlen Bäumen umher. Neben einem Baumstumpf entdeckte er einen Dachs. Das Tier verharrte kurz und starrte ihn an – er ging ihm ein Stück entgegen und der Dachs huschte davon. Hermann sank auf den Baumstumpf und konnte die Tränen nicht länger zurückhalten. Niemand verstand ihn, er war allein, nicht einmal die Mutter hörte noch zu. Und warum bloß hatte der Vater diese Erwartungen an ihn? Auch er, Hermann, habe es im Blut, Arzt zu werden. Aber wenn das stimmte und man solche Dinge tatsächlich im Blut hatte, wieso sollte sein Bruder dann nicht auch Arzt werden? Und warum konnte Adolf dann so wunderbar von seinen Träumen erzählen und er selbst konnte es nicht?

Ein paar Tage darauf stand die Klasse im Treppenhaus der Bergschule vor einem Kupferstich Albrecht Dürers. Professor Fabini mühte sich ab, das rätselhafte Bild zu erklären. Er sprach über den Mann mit dem langen Gewand und den Engelsflügeln, der trübsinnig mit einem Zirkel in seinem Schoß herumspielte, über den schwermütigen Hund, der zusammengekauert zu den Füßen des Mannes lag, über den Himmel mit dem seltsam strahlenden Gestirn und dem Regenbogen, über die Sanduhr, die Glocke, das Zahlenquadrat an der Hauswand und die Nägel, das Lineal, die Säge am Erdboden. Nur über das riesige Rhomboeder links unter dem Himmelsgewölbe verlor er kein Wort.

Nach dem Unterricht sah Hermann sich das Rhomboeder genauer an. Seltsam sah es aus, unförmig und trotzdem symmetrisch. Es war nicht verziert wie die anderen Dinge im Bild. Die Flächen waren glatt und ungeschmückt, geheimnisvoll, so als wäre in der Geometrie etwas verborgen. Das Rhomboeder schien perspektivisch korrekt gezeichnet zu sein, die Schatten auf den Flächen passten zum Rest des Bildes – und trotzdem konnte Hermann sich nicht recht vorstellen, dass es so ein Rhomboeder in der Realität wirklich geben konnte.

Nach dem Unterricht stellte er sich mit seinem Schreibheft vor den Kupferstich und malte das Rhomboeder ab. Zu Hause versuchte er, anhand seiner Kopie dem Rhomboeder eine neue Perspektive zu geben. Er nahm ein Lineal und maß jede Seite genau ab. Er rechnete aus, wie lang die Seiten unter einem neuen Blickwinkel sein mussten, und zeichnete – doch das Rhomboeder war schief und krumm und sah nicht aus wie auf Dürers Kupferstich. Nun versuchte er, das Rhomboeder aus Papier nachzubauen. Immer wieder entwarf er neue Knickmuster, faltete und fand geometrische Formen, die er bis dahin nicht gekannt hatte: Isokaeder, Kuboktaeder, Dodekaeder. Doch das Rhomboeder war nicht dabei. Bis tief in die Nacht saß er am Schreibtisch und knickte. Und dann hielt er das Rhomboeder auf einmal in der Hand. Er stellte es neben die Kerze, sodass die gleichen Seiten im Schatten lagen wie auf Dürers Kupferstich. Warum hatte er so lange gebraucht, um die Form zu entschlüsseln? Sie war doch eigentlich simpel. Eine einfache Geometrie, an der überhaupt nichts Geheimnisvolles war. Hermann zerknüllte das Papier. Warum hatte Dürer das Rhomboeder überhaupt in das Bild aufgenommen?

Er zog sich für die Versuche in den Gartenschuppen zurück. Der Vater mochte seine Pflichten haben, Hermann hatte seine eigenen – und wenn er ihnen heimlich nachgehen musste. Zum Glück hatte er im Ruderboot die Lösung für Vernes Fehler noch gefunden. Er war sich nun ganz sicher: Verne hatte sich geirrt. Ein Kanonenschuss war nicht der richtige Weg, wenn man den Mond lebendig erreichen wollte. Nicht ein einziger gewaltiger Stoß war nötig, sondern viele kleine hintereinander! So, wie ein Boot immer schneller vorwärtstrieb, wenn man nach und nach Steine über das Heck warf. Es brauchte nicht eine große Explosion, es brauchte viele kleine. Und dafür brauchte man Alkohol.

Im Schrank vor dem Physikraum bewahrte Professor Fabini die Chemikalien auf. Der Schrank war abgeschlossen, aber Fabini ließ seinen Schlüsselbund immer auf dem Pult liegen, wenn er in der großen Pause seine Pfeife rauchte. Niemand bemerkte es, als Hermann den Schrank aufschloss und die Alkohole in die leeren Weinflaschen füllte, die die Mutter daheim hinter dem Waschtrog versteckte.

Bald schon hatte er im Schuppen alles beisammen, was er brauchte: die Alkohole aus der Bergschule, die Spritzen aus der Arzttasche des Vaters, den Leim und das Holz aus der Werkstatt des Schreiners, die rote Pappe von Adolfs Basteltisch. Die Skizzen fielen ihm leicht, die Konstruktion aber bereitete ihm Schwierigkeiten. Schon zwei Holzstreben miteinander zu verleimen, machte ihm große Mühe. Er durfte nicht zu viel Leim nehmen, damit an den Fugen nichts überquoll, er durfte aber auch nicht zu sparsam sein, weil sich sonst die Verbindung direkt wieder löste. Auch war es ein Problem, die Streben im richtigen Winkel zu verkleben. Eigentlich hatte er auf seinen Skizzen alle Maße genau berechnet, aber als er den Zylinder zusammengeklebt hatte, war er viel zu schief. Er warf ihn unten im Garten in die Kokel. Viele krumme Holzzylinder folgten. Bald fürchtete er, sie könnten irgendwo wieder an Land gespült worden sein und er suchte das Flussufer ab. Doch er fand nichts. Die Zylinder waren von der Kokel aus der Stadt hinausgetragen worden.