Die Ernährungsdiktatur - Tanja Busse - E-Book

Die Ernährungsdiktatur E-Book

Tanja Busse

4,8
13,99 €

oder
  • Herausgeber: Blessing
  • Kategorie: Ratgeber
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2010
Beschreibung

Billige Zutaten, teuer und einfallsreich vermarktet – gegen das „Prinzip Schokoladenriegel“

Die Industrie hat unser Essen standardisiert: Die immergleichen Grundstoffe werden mit Geschmacksverstärkern, zweifelhaften Aromen und Zucker aufgepeppt. Schwammige Gesetze öffnen Tür und Tor für gezielte Irreführung der Kunden. Unsere Ernährung wird immer künstlicher, unsere Geschmacksnerven werden von Kindheit an auf Chemikalien und Süßstoffe abgerichtet. Tanja Busse zeigt, wie ein Menü im Jahre 2020 schmecken wird, wenn wir uns nicht eines Besseren besinnen.

Die Folgen der Fehlentwicklung sind fatal: 1,6 Milliarden Menschen, so schätzt die Weltgesundheitsorganisation, gefährden durch Übergewicht ihre Gesundheit. Fast genauso viele leiden Hunger. Beide Phänomene hängen eng zusammen. Die jahrelange Bevorzugung der großen Plantagen hat die kleinen Bauernhöfe verdrängt, die für die Ernährung gerade der Ärmeren unentbehrlich sind. Die Verbraucher aber beginnen zu erkennen, dass man auf Dauer Nahrung nicht wie Autos produzieren kann, und probieren vielfach und fantasievoll eine Rückkehr zu überschaubaren Formen der Nahrungsmittelherstellung. Ein Buch, das aufrührt, aber auch informiert und Wege aufzeigt, wie es besser geht.

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Seitenzahl: 390

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Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Kapitel 1 - Sind die Dicken selbst schuld?
Kapitel 2 - Aber wir entscheiden doch selbst, was wir essen wollen
Copyright
Meiner Familie.
Den Bauernhöfen meiner Großeltern, die es nicht mehr gibt.
Und der kleinbäuerlichen Avantgarde.
Einleitung
Darf ich Sie zum Essen einladen?
Am globalen Mittagstisch mit Gästen aus aller Welt und erlesenen Speisen, der ganzen Vielfalt, die Gärten, Wälder und Äcker unseres Planeten zu bieten haben, ach ja, und die Fabriken und Labore.
Nehmen Sie doch Platz! Gleich hier vorne, wo die großen Porzellanteller stehen. Ja, genau, die mit dem goldenen Rand.
Bitte wundern Sie sich nicht über die Tücher, die von der Decke auf den Tisch herabhängen, ein bisschen Sichtschutz ist ganz angenehm, Sie werden sehen. Gefällt Ihnen der Stoff?
Ihr Stuhl kommt ihnen so breit vor? Im Vergleich zu denen auf der anderen Seite des Tisches? Machen Sie es sich nur bequem!
Was wäre das für ein groteskes Bild, wenn alle Menschen der Welt an einem globalen Mittagstisch Platz nähmen: fast zwei Milliarden Übergewichtige, eine Milliarde Hungernde und all die anderen, die Gourmets und Junk-Food-Esser, die Fehlernährten und die Verunsicherten.
Es ist genug Essen da für alle an diesem globalen Mittagstisch. Wir ernten und produzieren mehr Lebensmittel als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit - reichlich genug für jeden von uns 6,9 Milliarden: Noch nie wurde so viel produziert, noch nie waren so viele Menschen so dick, und noch nie haben so viele gehungert.
Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass mehr als 400 Millionen Menschen fettleibig sind und mehr als 1,6 Milliarden übergewichtig. Viele von ihnen werden vorzeitig sterben, weil sie zu viel und zu ungesund essen: Fast food und Fertignahrung, zu fettig, zu salzig, zu einseitig.
Gleichzeitig hungern mehr als 1 000 000 000. Jeder Siebte.
Das bedeutet: Sechs bekommen zu essen und einer nicht. Wenn wir uns für das globale Mittagessen eine Stunde Zeit nähmen, fielen etwa 4000 von uns während des Essens tot von ihren Stühlen. Verhungert.
Geschähe das bei uns zu Hause, am Küchentisch vor unseren Augen: Wir würden es verhindern. Wir ließen nicht zu, dass jemand uns aus einem hohlen, faltigen Gesicht anschaut, von Tag zu Tag schwächer wird und schließlich stirbt, während wir uns eine Pizza in den Ofen schieben. Niemand von uns könnte solches Leid mit ansehen.
Wäre der Schmerz der Eltern über ihre verhungerten Kinder, die Trauer der Kinder über ihre verhungerten Eltern nicht stumm und weit weg, es läge ein Klagen über der Erde, so laut, dass es uns die Ohren zerreißen würde.
Gelegentlich haben wir ein schlechtes Gewissen: Wir leben im Überfluss, und die Afrikaner hungern. Unsere Supermärkte haben das reichhaltigste Angebot aller Zeiten, während südlich der Sahara die Felder verdorren.
Hier gelingt, was dort misslingt, so denken wir.
Aber das ist falsch. Der Welthunger ist weniger eine Folge von Naturkatastrophen und korrupten Regierungen, sondern vor allem Teil unseres Weltwirtschaftssystems. Und das bedeutet: Wir essen den Hungernden den Teller leer.
Der globale Mittagstisch ist keine gefühlsduselige Erfindung zur Erweckung eines weltweiten Gemeinschaftsgefühls, zur Erregung unseres Mitleids für die Armen am anderen Ende der Welt, mit denen uns sonst nichts verbindet. Der globale Mittagstisch ist ökonomische Realität: Die Agrar- und Ernährungswirtschaft ist längst ebenso globalisiert wie der Rest der Wirtschaft - und damit ebenso anfällig für globale Krisen.
Der Hunger ist Teil des Systems, von dem wir profitieren. Der Weltagrarbericht - von der Weltbank in Auftrag gegeben, 2008 erschienen und seitdem von der Bundesregierung unter dem Tisch gehalten - zeigt, dass die einseitig auf Export und große Strukturen ausgerichtete Agrarpolitik für den Hunger auf dem Land verantwortlich ist. Diese Politik beschert uns übervolle Tische und marginalisiert die Kleinbauern. Sie aber - und nicht die großen Betriebe - sind das Rückgrat der Welternährung: Die Kleinbauern produzieren den größten Teil aller Lebensmittel - auf Höfen, die kleiner sind als zwei Fußballfelder.
In unseren Lebensmitteln stecken - verarbeitet - die Ölvorräte der arabischen und nigerianischen Erde, die abgeholzten Riesenbäume des indonesischen und brasilianischen Regenwaldes, das Kohlendioxid von Tausenden und Abertausenden Transportkilometern, das Gift aus 43 420 Tonnen Pestiziden allein auf deutschen Feldern, das Leid von eingepferchten Turbomasttieren und ausgemolkenen Hochleistungskühen. Darin stecken auch der Hunger der von ihren Feldern vertriebenen Kleinbauern in Guatemala, die schlecht bezahlte Arbeitskraft von Plantagenarbeitern in Brasilien und Kenia, die Tränen und Hilfeschreie der verschleppten Kinder auf vielen afrikanischen Kakaoplantagen.
Wenn man ist, was man isst: Was sind wir dann?
In unserem Essen steckt eine unerträglich große Menge an struktureller Verantwortungslosigkeit, die sich auch in unseren Seelen absetzt.
Wir sitzen am globalen Mittagstisch und vergessen die guten Sitten: Wer kann, schaufelt sich den Teller voll.
Es gibt keine öffentliche Diskussion darüber, warum wir das Massensterben und den dauerhaften Hunger von einer Milliarde Menschen ohne größere Empörung hinnehmen, aber es gibt ein wachsendes Unbehagen an unserer Ernährung.
Wir haben die Koch- und Esskultur unserer Großeltern über Bord geworden, ihre agrarkulturellen Kenntnisse verschmäht. Warum sollten wir wissen, wie man Hühner hält und schlachtet, Grünkohl anbaut und Sauerkraut stampft, wenn es Supermärkte gibt? Fast-Food-Restaurants, Power Snacks und Convenience Food (der Fachbegriff für bequem und einfach zuzubereitendes Essen), und an jeder Ecke von allem mehr als genug?
Nahrungsaufnahme könnte ganz einfach sein, aber warum denken wir dann ständig darüber nach, was und wie viel wir essen? Und das oft mit schlechtem Gewissen? Warum sind so viele ständig auf der Suche nach einer anderen, besseren, gesünderen Ernährung, nach neuen Diäten und Nahrungsergänzungsmitteln? Warum sind wir so unsicher mit dem, was wir essen? Und denken immer, wir haben es falsch gemacht? Wir haben das Vertrauen in die Küchentradition unserer Großeltern verloren und suchen die Antwort in der Wissenschaft, finden aber dort keinen Halt. Das nährt unser Misstrauen gegenüber den Produkten der Lebensmittelindustrie, ohne dass wir wüssten, wie wir ihnen entkommen können.
»Essen wird zum Problem für immer mehr Menschen«, sagt der Psychologe und Meinungsforscher Stephan Grünewald nach mehr als 20 000 tiefenpsychologischen Interviews. Eine unserer elementarsten Beschäftigungen, die Nahrungsaufnahme, ist uns ein Rätsel geworden. Im unendlichen Überfluss sitzen wir vor einer aufgerissenen Plastiktüte und wissen nicht recht, was darin ist, woher es kommt, woraus es gemacht ist und ob man es essen sollte.
Währenddessen geht das reiche weltkulturelle Erbe der unterschiedlichen Anbau- und Zubereitungsweisen verloren - zugunsten der Monokultur der Fast-Food-Industrie.
Einige wenige Konzerne dominieren die Nahrungsmittelbranche: Sie erzeugen Lebensmittel nach den Methoden der industriellen Produktion: möglichst viel, möglichst billig, möglichst standardisiert. Das betriebswirtschaftliche Ziel: Kosten senken und Gewinne steigern durch höhere Produktionsmengen, größere Märkte und niedrigere Erzeugerpreise. Eine Umfrage unter »Top-Entscheidern« der Nahrungsmittelindustrie in der Januar-2010-Ausgabe der Lebensmittel-Zeitung offenbart die kulturelle Armut und Fantasielosigkeit dieser Branche. Graugesichtige Männer mittleren Alters in hellen Hemden und dunklen Anzügen sagen alle das Gleiche: Das beherrschende Thema bleibt der Preis. Wir setzen auf Wachstum durch Kundenbindung.
Bei der Lektüre ihrer Prognosen beschlich mich ein unbehagliches Gefühl: Das müssen die grauen Herren sein, die Zeiträuber, die Momo in dem gleichnamigen Buch von Michael Ende bekämpft hat, und sie sind unterwegs in neuer Mission. Sie wollen den Menschen die Esskultur rauben.
Ganz nach ihrem Bedürfnis haben Politik und Agrarwissenschaft in den letzten Jahrzehnten einseitig die großen Agrarbetriebe und Plantagen gefördert, die mit schwerem Gerät auf riesigen Feldern wenige ertragreiche Sorten anbauen: Weizen, Mais, Reis und Soja. Das sind cash crops, ertragreiche Pflanzen, die weltweit als herkunftslose Massenware gehandelt werden. Sie sind die Rohstoffe, die die Nahrungsmittelindustrie nach ihren Methoden veredelt: mit Aromen und Färbemitteln, Zusatz- und Konservierungsstoffen zu Markenprodukten aufgemotzt. So funktioniert das Prinzip Schokoriegel: billige Zutaten, teuer vermarktet. Damit machen die Wirtschaftsbosse ihre Gewinne. Und wir unser Übergewicht.
Es gelingt den Herstellern, uns zahlungskräftigen und gut informierten Konsumenten, die eigentlich wissen, was gesund für sie wäre, Mengen von ungesunden Kreationen anzudrehen, denen Vitamine und Geschmack in der Fabrik untergemischt werden müssen, weil die Rohstoffe nach unzähligen Transport- und Verarbeitungsschritten ihren Gehalt verloren haben. Wer fühlt sich gut, wenn die Chips-Tüte leer ist?
Wie wollen wir uns ernähren? Haben wir selbst eine Antwort auf diese Frage? Oder haben wir sie uns vom Angebot der Lebensmittelkonzerne und Supermärkte diktieren lassen?
Und woraus besteht eigentlich unser Essen? Von wem erfahren wir das: von der Industrie oder ihren Kritikern?
Bei der Industrialisierung unserer Ernährung sind nicht nur Tausende von Arbeitskräften in der Landwirtschaft verloren gegangen, sondern auch die Vielfalt der Pflanzen und Tiere. Die Ernährungsindustrie hat den Sortenreichtum der Jahrhunderte alten bäuerlichen Landwirtschaft abgeschafft, sie brauchte nicht Tausende von unterschiedlichen regional angepassten Getreide-, Gemüse- und Obstsorten, sie braucht nur wenige, die schön aussehen, auch wenn sie einmal um die Welt transportiert werden - davon aber große Mengen in immer gleicher Qualität.
Massenware für Menschenmassen.
Während die weltweit agierenden Lebensmittelkonzerne von Jahr zu Jahr größer und mächtiger werden, verarmen die Bauern. Während Nestlé zwölf Milliarden Euro Gewinn für das Jahr 2008 ausweist, geht es den Bäuerinnen und Bauern in fast allen Ländern der Welt immer schlechter. Die friesischen Milchbauern verelenden ebenso wie die kenianischen Kaffeeanbauer. In Afrika bedeutet das existenzielle Not, aber auch in den reichen Industrieländern leiden die Bauern: nicht nur wirtschaftlich unter den Erzeugerpreisen, die oft niedriger sind als die Produktionskosten, sondern vor allem unter dem Verlust ihrer Achtung. Ausgerechnet der Ursprung unserer Kultur, die Agrar-Kultur, hat an Wertschätzung verloren, viele Bauern fühlen sich »wie der letzte Dreck«. Wer kann, zieht in die Stadt.
Die Verbindung zwischen Anbauen und Essen ist gekappt: An die Stelle der lokalen Kreislaufwirtschaft eines Bauernhofes sind globale Handelsströme mit Millionen Tonnen von Futtermitteln, tiefgefrorenen Fleischstücken und Schiffsladungen von Weizen und Reis getreten. Die Bauern wissen nicht, wer ihr Gemüse, Getreide, ihre Milch und ihr Fleisch isst. Und die Konsumenten wissen nicht, woher ihr Essen kommt.
Doch das agrarindustrielle System steht vor dem Zusammenbruch, weil es seine eigenen Grundlagen zerstört: Die Böden verlieren ihre Fruchtbarkeit, die Pestizide ihre Wirksamkeit. Und wenn das Öl teurer wird, steigen die Preise nicht nur für die weltweiten Transporte von Millionen Tonnen Agrarprodukten, sondern auch für Düngemittel und Pestizide, die nur mit hohem Einsatz von fossiler Energie hergestellt werden können.
Die Hungerrevolten des Jahres 2008, als die Nahrungsmittelpreise so plötzlich stiegen, dass sich viele Menschen in den Städten von Haiti, Indien oder Westafrika kein Essen mehr leisten konnten, waren eine deutliche Warnung: Hunger wird in den nächsten Jahren auch zum sicherheitspolitischen Problem. Es ist besorgniserregend, wie die allermeisten Verantwortlichen aus Politik und Industrie diese Gefahr ignorieren. Sie verweigern den Dialog mit den Kritikern und setzen sich Scheuklappen auf. »Volle Kraft voraus!«, rufen sie und steuern weiter in die falsche Richtung. Unbeirrt arbeitet das Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz an seinem Plan, Deutschland zum Schweinemaststall der Welt auszubauen: Mit Sojaschrot aus Ländern wie Brasilien, in denen Menschen hungern, mästen Landwirte in Deutschland ihre Schweine für den Export bis nach China.
Mehr Pestizide, mehr Massentierhaltung, mehr Agrarfabriken. Weniger Bauernhöfe. Globalisierte Landwirtschaft für globalisierte Menschen, die nicht an ihre Nachkommen denken.
Dabei liegen die Alternativen auf der Hand, sie müssen nur verwirklicht werden: Um den Hunger zu beenden und um die Landwirtschaft nachhaltig zu machen, sollen die Kleinbauern weltweit besser unterstützt werden, fordern die Autoren des Weltagrarberichts. Denn sie - und nicht die großen Plantagen und Agrarfabriken und auch nicht die Gentechnik - werden die Welt auch in Zukunft ernähren.
Ausgerechnet im Mutterland von Fast Food hat die Debatte über die Krise unserer Ernährung bereits begonnen - mit Fast Food Nation, dem Bestseller von Eric Schlosser, der auch im Kino ein großer Erfolg wurde. Ihm folgten eine ganze Reihe von Büchern und Filmen, die das infrage stellten, was noch Jahre zuvor als amerikanische Erfolgsgeschichte gegolten hatte: die moderne Agrar- und Ernährungsindustrie. Die Bücher des Journalisten Michael Pollan über das »Dilemma des Allesfressers«, The Stuffed and the Starved, die großartige und böse Anklage des ehemaligen Weltbank-Mitarbeiters Raj Patel, The End of Food von Paul Roberts, der Dokumentarfilm King Corn über den exzessiven Maisanbau in Amerika. Dort ist etwas in Bewegung geraten, was Raj Patel als großartigen Aufbruch bezeichnet, eine Bewegung zurück zur lokalen Ernährung, eine neue Verbindung von Bauern und Konsumenten, von Großstadtgärtnern und Slowfood-Anhängern.
Auch bei uns hat eine neo-bäuerliche und gärtnerische Avantgarde das Ende der Ernährungsdiktatur ausgerufen. Slowfood betreibt die Wiederbelebung der Koch- und Esskultur in den Städten, während zornige Milchbauern gegen die Bevormundung des agrarindustriell geprägten Bauernverbandes revoltieren. Bauern und Städter retten Bauernhöfe in gemeinsamen Finanzierungsmodellen. Junge Familien bewirtschaften gemeinsam Allmendegärten, auch Sonnenäcker genannt, und in den Städten besetzen Guerilla-Gärtner Baulücken und legen dort Blumenwiesen und Gemüsebeete an.
Sie alle retten das traditionelle bäuerliche Wissen und entwickeln es weiter. Und sie kämpfen für etwas, das die internationale Kleinbauernorganisation Via Campesina Ernährungssouveränität genannt hat: das Recht von Menschen (und Staaten), selbst über ihre Ernährung und Landwirtschaft zu bestimmen.
Wenn wir uns in dreißig Jahren noch einmal an den globalen Mittagstisch setzen, wie werden wir uns dann ernähren? Werden wir das selbst entscheiden dürfen? Welche Auswahl wird es geben? Werden wir wissen, woher die Gerichte kommen, wer sie zubereitet hat und was darin enthalten ist?
Werden es Lebensmittel sein? Oder nur noch Industrieprodukte?
Das Recht, diese Frage zu beantworten, müssen wir uns in den nächsten Jahren erkämpfen. Tun wir das nicht, wird uns jemand zuvorkommen.
Die grauen Herren der Biotech- und Nahrungsmittelindustrie haben ihre eigenen Pläne.
Kapitel 1
Sind die Dicken selbst schuld?
Oder die dick machende Umgebung?
Stefan D. war Lübecker Meister im Schwimmen, Sieger bei den Karatemeisterschaften von Schleswig-Holstein und Norddeutscher Meister im American Football. Heute, mit 39, trainiert er Kampfsport aller Arten, macht Sparring, wann immer sich ein Gegner findet, und stemmt nach zehn Runden Kämpfen noch ein paar Hanteln in die Höhe. Außerdem trainiert er für seinen ersten Triathlon, gibt Selbstverteidigungskurse und tanzt Discofox. Wettkampfmäßig natürlich. Wenn man ihn fragt, ob er sich für sportsüchtig hält, sagt er »Nö« und guckt ganz erstaunt.
Stefan ist Polizist, und er könnte der Vorzeigebeamte seiner Behörde sein für alle Kollegen, die mal wieder den Fitnesstest nicht bestanden haben, wenn er nicht - nun ja - so dick wäre. 115 Kilo bei 1,86 Meter Körpergröße.
Viel Muskeln, aber auch viel Fett.
»Wie kann das sein?«, fragen sich seine Freunde beim Sport, die Männer mit den Waschbrettbäuchen. »So viel Sport und trotzdem Übergewicht?« Meistens fallen dann zwei Erklärungen: Unbeherrschtheit oder Veranlagung.
Auch die meisten Übergewichtigen suchen die Schuld bei sich selbst. Sie gucken neiderfüllt auf ihre schlanken Freunde und Kollegen und halten sich für verfressen und undiszipliniert, wenn sie nach einer gelungenen Diät wieder zunehmen. Und wenn sie den Kampf irgendwann aufgeben, nach unzähligen Diätversuchen mit Schlankheitstees, Appetitzüglern und Ohrläppchenakupunkturen, schieben sie es auf die Gene.
Damit haben sie auch Recht - aber nur ein bisschen. Denn weder mit Gefräßigkeit noch mit Veranlagung kann man erklären, warum in den letzten Jahrzehnten immer mehr Menschen immer dicker werden. »Es ist nämlich kaum nachvollziehbar, dass die Gefräßigkeit der Bevölkerung in den letzten Jahren zugenommen haben soll«, erklärt die Übergewichtsforscherin Nanette Ströbele. »Und es ist auch unwahrscheinlich, dass unser Genmaterial sich in kurzer Zeit so drastisch verändert hat.« Sie hat acht Jahre lang in den USA geforscht, also dort, wo in manchen Südstaaten inzwischen über 30 % der Menschen fettleibig sind.1 Die globale Gewichtszunahme ist so groß, dass sie und ihre Kollegen von einer regelrechten Fettleibigkeitsepidemie sprechen, die - ausgehend von den USA und den anderen reichen Industrieländern - inzwischen auch die armen Länder erreicht hat.
1,6 Milliarden Menschen, schätzt die Weltgesundheitsorganisation WHO, waren im Jahr 2005 derart übergewichtig, dass sie ihre Gesundheit gefährden, mit steigender Tendenz. Viele von ihnen werden deswegen vorzeitig sterben. In Deutschland ist nach offiziellen Angaben etwa jeder fünfte Erwachsene adipös. Das sind so viele, dass sogar die Bundeswehr - besorgt um die Leistungsfähigkeit ihrer Soldaten - ein Adipositas-Interventionsprogramm aufgelegt hat. Als übergewichtig (die Adipösen eingeschlossen) gelten zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen in Deutschland.2 Bei Kindern nimmt die Zahl der Adipösen nicht weiter zu, jedoch der Schweregrad ihrer Erkrankung, das heißt: Die dicken Kinder werden noch dicker.
Längst schlagen die Krankenkassen Alarm: Die Münchner Rück, eine der weltweit größten Rückversicherungsgesellschaften, hat im Sommer 2008 eine Pressekonferenz in London einberufen und vor »erheblichen ökonomischen Belastungen für die globalen Gesundheitssysteme« durch den weltweiten Anstieg von Adipositas und Diabetes Typ 2 gewarnt. Eine reine Risikoübernahme durch die Krankenversicherer - von denen viele zu den Kunden der Münchner Rück zählen - reiche nicht mehr aus. Besonders besorgniserregend sei die Zunahme der Fettleibigkeit unter Kindern, die - anders als die heutigen Erwachsenen, die meist erst im mittleren Alter übergewichtig wurden - die schädlichen Effekte des Übergewichts 20 oder 30 Jahre länger erleiden müssen. 3
Natürlich wackeln die Zahlen, auf deren Grundlage solche Warnungen ausgerufen werden, wenn man daran rüttelt. Viele Daten stammen nicht aus Messungen, sondern aus Umfragen und Selbstauskünften. Außerdem erfolgt die Einstufung in die Klassen Normalgewicht, Übergewicht und Adipositas meistens nach dem sogenannten Body-Mass-Index (BMI), der Körpergröße und Gewicht ins Verhältnis setzt, ohne Knochenbau und Muskelmasse zu berücksichtigen.4 Mit einem BMI von 25 und mehr gilt man danach als übergewichtig, ab 30 als adipös. Nach dieser Methode würde Stefan mit einem BMI von 33 zu den Fettleibigen zählen. »Das ist er aber überhaupt nicht«, sagt sein Arzt, »nur übergewichtig. Und ansonsten gesund.«
»Der BMI ist kein ideales Maß für Übergewicht«, erklärt Nanette Ströbele. »Die Muskulösen passen nicht in das Schema, und außerdem sagt dieser Wert auch nichts darüber aus, wo das Fett sich angesammelt hat.« Das muss man aber auch wissen, um die Gefährlichkeit von Übergewicht zu bewerten. Viel Fett am Bauch, der sogenannte Apfeltyp, gilt als ungünstiger als gleichmäßig verteiltes (Birnentyp). »Mit dem BMI allein kann man nicht beurteilen, ob der Einzelne seine Gesundheit gefährdet, aber ob große Gruppen insgesamt ein Übergewichtsproblem haben, das erkennt man mit Hilfe des BMI sehr wohl.«
Man kann die Zahlen und Studien drehen, wenden und einschränken, wie man mag, das Problem bleibt unbestritten: Leben und Essen in der Überflussgesellschaft macht die meisten Menschen nicht satt und zufrieden, sondern dick und unzufrieden. Manche sogar so dick, dass sie davon krank werden. Andere wiederum so untergewichtig, dass sie ihr Leben gefährden.
Man kann das als millionenfaches individuelles Versagen werten und den einzelnen Dicken Vorwürfe machen, dass sie nicht gesünder leben und hohe Kosten für die Krankenkasse verursachen5 - aber man kann stattdessen auch analysieren, unter welchen Lebensumständen all diese Menschen so dick werden.
Die meisten Wissenschaftler folgen dem zweiten Ansatz und bezeichnen die Übergewichtigen deshalb als Opfer einer Epidemie, die durch etwas verursacht wird, was die Forscher obesogenic environment nennen, also eine Umgebung, die ihre Bewohner so beeinflusst, dass sie reihenweise fett werden. Damit sind nicht etwa die Arbeitsbedingungen eines Konditors gemeint, der von früh bis spät vor Zuckertöpfen, Nougatcremes und Pralinen steht, und auch nicht die Lebensumstände eines einsamen gehänselten Kindes, das nur durch Schokoladenriegel Trost findet, sondern - ganz allgemein - das Leben in den reichen Industrieländern. Der sogenannte moderne Lebensstil. Wie wir alle leben.
Nanette Ströbele bringt es auf den Punkt: »Viele Menschen werden nicht dick, weil sie schwach sind, sondern weil ihre Umgebung sie zum Dickwerden verleitet.« Für Übergewichtsforscher wie sie ist das beinahe eine Banalität, die aber außerhalb der wissenschaftlichen Fachkreise merkwürdigerweise nicht diskutiert wird.
Nanette Ströbele ist 2008 aus Amerika nach Deutschland zurückgekehrt und untersucht jetzt am Berliner Universitätskrankenhaus Charité, warum auch in Deutschland die Menschen immer dicker werden. »Eigentlich erstaunt mich das, denn hier, scheint mir, bewegen sich die Leute viel mehr als in den USA, wo grundsätzlich alles mit dem Auto erledigt wird und viele Kinder gar nicht mehr draußen spielen.« Am Bewegungsmangel allein kann es also nicht liegen - was Sportler wie Stefan bezeugen können.
An seiner Ernährungsgeschichte kann man sehen, wie sich das trügerische und gefährliche obesogenic environment auch in Deutschland ausbreitet: »Meine Mutter hat immer aus dem Vollen geschöpft, es gab oft Sauce mit Sahne und viel Mehlschwitzen, und immer einen Nachschlag. Im Küchenschrank hatten wir zwei Fächer mit Süßigkeiten, eines für meinen Bruder und eines für mich. Es wurde zwar gesagt, teilt euch das für die ganze Woche ein, aber dann wurden die Fächer doch wieder nachgefüllt. Cola trinken war für uns Kinder das Größte: Das Zeug war süß und kribbelte im Mund. Bei Feiern sind wir immer an den Tresen gegangen und haben gesagt: Schmeiß mal rüber!« Mit zehn hat ihn die Kinderärztin zur Kur geschickt, wegen Übergewicht, und mit achtzehn war er so schwer, dass ihn ein Fußballtrainer entgeistert fragte, als seine Freunde ihn mit zum Training brachten: »Meinst du wirklich, das ist die richtige Sportart für dich?« Der Spott habe ihm nicht viel ausgemacht, erzählt Stefan. »Beim Karate hatte ich gelernt, wie man einen Block ansetzt und Dinge von sich abprallen lässt. Dann habe ich ja auch die Football-Spieler kennengelernt, die haben gesagt: Du bist dick, du bist böse, du passt zu uns!« Das nimmt man ihm sofort ab, doch man ahnt, wie es anderen Jugendlichen ergehen mag, die beim Sport zurückgewiesen werden, weil sie zu dick sind, die dann aber keinen Mumm für einen zweiten Anlauf haben und die sich vermutlich eher zurückziehen und mit Chips und Schokolade trösten.
Bei Stefan war es kein Kummerspeck, es schmeckte ihm einfach gut: »Mein Lieblingsessen damals, das waren Pommes mit Mayo und Gummibärchen. Morgens, mittags und abends hätte ich das Zeug essen können, als wenn da irgendwas drin gewesen wäre, was dem Gehirn sagt, iss weiter, das muss weg - und dann war die Tüte auch leer. Die schienen mir so vollgestopft mit allem, was die Industrie so hergab.« Mit neunzehn entkommt Stefan der reichhaltigen gutbürgerlichen Küche seiner Mutter und ihrem Süßigkeitenschrank. Und was erwartet ihn bei der Bundeswehr? Gepäckmärsche und Kantinenessen, das so fade schmeckt, dass man von selbst abnimmt? Nein, im Gegenteil: ein neues Höchstgewicht, 116 Kilo. »Du bist mit den Kumpels zusammen in der Stube eingeschlossen und langweilst dich. Was tust du? Du trinkst deine Pils, eine Kiste pro Stube.« Jeden Abend? »Na ja, jeden zweiten, und dabei haust du dir die Chips in den Schädel.« Es muss in einer dieser Kasernenstuben gewesen sein, in denen Stefan gespürt hat, was eine dick machende Umgebung ist. Und dass man ihr so leicht nicht entkommt.
»Bei der Polizei ist es genauso. Jede Schicht hat ihren eigenen Süßigkeitenkasten, mit Schokoriegeln, die im Großhandel eingekauft werden. Einen Cola-Automaten gibt es natürlich auch. Man hat nie richtig Pause, um zu essen, sondern schiebt sich fast immer Fast Food rein, Currywurst und Pommes, das sind Sachen, die gehen schnell rein, die kann man notfalls auch im Auto weiteressen. In jedem Revier gibt es Dönerbuden und McDonald’s und am Bahnhof Kioske ohne Ende. In der Bäckerei liegen dann acht Sorten Kuchen und sieben Sorten Franzbrötchen - neuerdings auch mit Sonnenblumenkernen, damit es ein bisschen gesund aussieht - aber ein Baguette mit Salat muss man richtig suchen.«
»Genau das ist die obesogenic environment«, erklärt Nanette Ströbele. »Stefan ist schon als Kind durch fett- und zuckerhaltige Nahrung geprägt worden. Vermutlich hat er nie gelernt, dass auch Tomaten und Gurkenscheiben lecker sein können. Diese frühen Erfahrungen machen ihn zu einem leichten Opfer einer fett machenden Umgebung.«
Genauso beschreibt es Stefan. Wo auch immer er hinkommt, die Süßigkeiten sind schon da, und er wird ihr Opfer: »Wenn du an der Tankstelle in der Schlange stehst, musst du einen eisernen Willen haben, sonst bist du verloren. Oder im Supermarkt: Am Zehnerpack bist du erfolgreich vorbei, und an der Kasse liegt dann der einzelne Riegel - und den nimmst du dann.«
Und wenn dir das jeden Tag so geht, wiegst du gleich zehn Kilo mehr: Nur ein klitzekleiner Schokoriegel zu viel, das sind 250 Kalorien für die körpereigenen Fettreserven: etwa 30 Gramm pro Tag, 210 in der Woche, 840 im Monat. In knapp fünf Wochen ein Kilo, zehn Kilo pro Jahr - und das nur, weil vor der Kasse so viele bunte Süßigkeiten liegen.
What a difference a snack makes! Dieser kleine Unterschied ist inzwischen sogar wissenschaftlich bestätigt. Ökotrophologen der Universität Kiel haben herausgefunden, dass weniger als ein halber Schokoriegel pro Tag den Ausschlag dafür geben kann, ob ein Kind übergewichtig wird oder nicht, der sogenannte energy gap.6 Und sie folgern daraus, dass schon kleinere Änderungen im Essensplan viele Kinder vor Übergewicht und schlechten Blutfettwerten bewahren könnten. Oft sind es nur 100 Kalorien pro Tag, die übergewichtigen Kinder zu viel aufnehmen. Oder zu wenig verbrauchen.
Was kann man daraus schließen? Wenn sie nicht immer verführt würden, hätten viele Leute ein gewichtiges Problem weniger.
Nun hängt unser Körpergewicht nicht allein von unserer Ernährung ab: Vor allem Veranlagung, Hormone, Alter und Stoffwechsel beeinflussen, wie viel wir wiegen und ob wir zunehmen oder nicht, ebenso Schlaf, Licht, Stress und bestimmte Krankheiten, es gibt sogar Viren, die Übergewicht auslösen oder verstärken können. Deshalb wettert der Lebensmittelchemiker und Bestsellerautor Udo Pollmer so vehement gegen den Diätenwahn, der mehr schade als nutze, weil er von den tieferen Ursachen des Übergewichts ablenke. Ein adipöser Mensch brauche keine Diät, sondern eine Diagnose.7 Das ist richtig, Übergewicht ist »multifaktoriell«, wie die Mediziner sagen - doch die Bedeutung einer gesunden Ernährung schränkt das nicht ein.
Auch Mediziner befassen sich damit und versuchen herauszubekommen, welche Art von Ernährung Übergewicht fördert: Professor Hans Hauner leitete das Else-Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin der Technischen Universität München. Dort wird vor allem an den Auswirkungen von Nahrung mit hoher Energiedichte geforscht, wenig Volumen, viel Kalorien. Fastfood, Süßigkeiten und viele Convenience-Produkte gehören dazu. »Die Nahrung, die wir heute essen, enthält viel mehr Energie als früher«, erklärt Hauner. »Bei einer überwiegend pflanzlichen Kost hat man auf 100 Gramm Nahrung etwa 100 Kalorien aufgenommen, bei der heutigen Ernährung ist es fast das Dreifache. Um satt zu werden, muss der Magen aber einigermaßen gefüllt sein. Deshalb neigen Menschen, die viel Süßes und Fettes verzehren, dazu, mehr zu essen, als ihr Körper eigentlich braucht.« Auch der hohe Zuckerhalt in Getränken, den es vor 30, 40 Jahren nicht gab, schlägt energetisch zu Buche. Aber er trägt wenig zur Sättigung bei.
Warum die Menschen überhaupt dazu neigen, mehr zu essen, als sie brauchen, warum sie nicht einfach mit dem Essen aufhören, wenn sie satt sind, ist nicht genau erforscht. Evolutionsbiologen glauben, dass es eine Folge der Zeit ist, in der die Menschen als Jäger und Sammler lebten. Damals waren sie vermutlich so oft vom Hunger bedroht, dass es überlebenswichtig war, bei Gelegenheit Fettreserven aufzubauen, damit sie in knappen Zeiten davon zehren konnten. Diese Epoche also könnte unser Ernährungsverhalten bis heute prägen, vermuten die Evolutionsforscher, und erklären damit unsere Gier nach Süßem, Salzigem und Fettigem. Diese Eigenschaft aber, die die Menschen in den Zeiten des Mangels vor dem Verhungern rettet, macht uns heute dick und krank.
Es scheint, als hätten wir nicht gelernt, mit dem Überfluss umzugehen, den uns die Supermarktregale heute bieten. Zucker und Fett können wir einfach nicht widerstehen - was nicht so schlimm wäre, wenn nicht immer mehr Fertigprodukte Zucker und Fett enthielten, auch solche, bei denen man es nicht erwartet und beim Essen gar nicht bemerkt. »Gucken Sie einmal auf die Zutatenliste!«, wettert Nanette Ströbele. »Sogar Wurstaufschnitt und Brot werden gezuckert verkauft.«
Nicht nur das Angebot an Lebensmitteln selbst, sondern auch Umwelt und Ambiente beeinflussen stark, was und wie viel wir essen - sogar mehr als unser Hungergefühl. Die einzelnen Studien zeigen: Der Anblick von Essen weckt den Wunsch, es zu essen - ganz gleich ob man hungrig ist oder nicht. Und je mehr auf dem Tisch ist, desto mehr wird probiert. Bunte Farben und warmes Licht verstärken den Appetit. Je größer die Portion, desto mehr wird gegessen. Vor dem Fernseher oder in Gemeinschaft isst man mehr, im Fast Food-Lokal mehr als im Restaurant, außer Haus mehr als daheim. Vorbilder werden beim Essen nachgeahmt: Bei kleinen Kindern sind das die Eltern, bei größeren die gleichaltrigen Freunde. Auch Erwartungen und Gewohnheiten spielen eine Rolle, man isst gerne, was man kennt, vorzugsweise Fettiges und Süßes.
Die alten Volksweisheiten (Das Auge isst mit, und der Appetit kommt beim Essen, und was der Bauer nicht kennt …) können also als wissenschaftlich bestätigt gelten. Außerdem zeigen Studien, dass die Menschen mehr essen, wenn sie Fernsehen gucken und dass viel Fernsehen wiederum die Lebenserwartung verkürzt.8 Die Forscher führen das hauptsächlich auf den Bewegungsmangel zurück, zu dem das Medium seine Zuschauer verdammt. Doch mehr Fernsehen bedeutet auch mehr Werbung und damit eine weitere Beeinflussung unserer Essgewohnheiten zugunsten der Produkte der Ernährungsindustrie. So schließt sich der Kreis.
Das alles klingt fast banal, aber das ist es nicht. Es hat gewichtige Folgen. Denn aus diesen Erkenntnissen geht hervor, dass wir beim Essen nicht auf unsere körperlichen Bedürfnisse achten, sondern dass man uns manipulieren kann. Man kann uns dazu bringen, mehr zu essen, als wir brauchen - sogar so viel, dass wir uns selbst damit schaden. Auch gegen unseren Willen, aber mit unserem Geld. Wir sind verführbar.
Und es gibt viele, die das ausnutzen.
Kapitel 2
Aber wir entscheiden doch selbst, was wir essen wollen
Pseudoauswahl und Konsumentenverwirrung
Willi Kampmann ist ein mutiger Mann. Einer, der für seine Überzeugungen geradesteht und der sich, wenn es sein muss, auch in die Höhle des Löwen wagt, um zu verteidigen, was er für richtig hält.
Kampmann leitet das Brüsseler Büro des Deutschen Bauernverbands, er kennt sich also aus mit dem Widerspruch von wütenden Bauern und den Einwänden listiger Lobbyisten. Doch so heftig wie im April 2009 in einem Hörsaal der Technischen Universität Berlin wird er vermutlich selten attackiert.
Die Globalisierungskritiker und Umweltschützer von Greenpeace und Co. hatten ihn zum McPlanet-Kongress eingeladen, »Wege aus der Nahrungskrise« hieß das Forum, und diskutiert werden sollte, ob der ökologische Landbau die Welt ernähren kann und welche Rolle der Agrarhandel spielt. Im Publikum saßen gut hundert meist junge Leute mit bunten T-Shirts ohne Logos und Markenzeichen, einige barfuß, andere mit Rastalocken, und hörten staunend zu, wie der elegant gekleidete Mann vom Bauernverband erläuterte, dass die Welthandelsorganisation (WTO) auf einem guten Weg sei, den Hunger zu besiegen, dass Entwicklungsländer zwar Schutzfunktionen bräuchten, dass Handel grundsätzlich Wohlstand schaffe. Was bei den aktuellen Verhandlungen der Doha-Runde jetzt auf dem Tisch läge, sei toll.
Die jungen Frauen im Publikum grummelten, einige Zuhörer stöhnten leise. Doch Kampmann, der mit seinem markanten Gesicht und dem sorgfältig gescheitelten Haar gut einen Landadligen in einer Vorabendserie spielen könnte, fuhr ungerührt fort, als rede er vor Gleichgesinnnten und als bemerke er gar nicht, dass seine Sätze wie Kampfansagen in einem Glaubenskrieg wirken mussten.
Wenn jemand ein Bild sucht, um einen clash of cultures zu illustrieren, einen Zusammenprall von Denkschulen, hier war es: Auf der einen Seite die engagierten jungen Frauen aus der Umweltbewegung, die sich Gedanken machen, wie der Klimawandel verhindert und Welthunger gelindert werden soll, die wie selbstverständlich ihren eigenen, den westlichen Lebensstil als Mitverursacher des Weltelends erkennen, die Modelle für eine andere, bessere Welt entwerfen und glauben, dass es lohnt, sich dafür einzusetzen. Und auf der anderen Seite der Agrarlobbyist mit seinem unerschütterlichen Glauben an die Kräfte des Marktes und den Segen des Welthandels, der sich auf dem McPlanet-Podium so über alle Systemzweifel erhaben gab, als halte er alle Kritiker für ideologische Spinner oder bestenfalls für naive Träumer.
Immerhin, er hörte aufmerksam zu, als ein junger Mann aus Indien berichtete, wie die Bauern dort in Not geraten und der Boom in den Städten auf dem Land keine Wirkung zeigt, bei den armen Bauern aber den Wunsch nach mehr Konsum weckt, obwohl sie nicht einmal Geld für das Nötigste hätten.
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