DIE ERNTE DES BLUTES - Alfred Wallon - E-Book

DIE ERNTE DES BLUTES E-Book

Alfred Wallon

4,0

Beschreibung

David Connor ist ein Verfolgter. Gejagt von den Mächten der Finsternis und jenen Leuten, die ihn zu einem Wissenden und Mörder gemacht haben. Aber der INNERE ZIRKEL hat nun auch die Organisation unterwandert, die von der drohenden Gefahr weiß, die dieser Welt droht. David Connor muss fliehen... aber er weiß, dass man seine Fährte bald wieder entdecken wird. Auf seiner Flucht trifft er auf die Journalistin Ellen Sanders, die auf dem Weg nach Denver ist, um dort einen neuen Job anzutreten. Aber dann werden beide durch eine Autopanne gezwungen, in der kleinen Stadt Lansing zu bleiben. Weder David noch Ellen ahnen, dass außerhalb der Stadt das Böse eine neue Heimat gefunden hat. Der gläubige Farmer Harold Kramer und seine Familie werden Opfer dieser dunklen Macht – und die Schatten breiten sich immer mehr aus. Es beginnt mit einer Tierseuche und endet mit blutigem Terror. David Connor weiß, dass ihn das Schicksal eingeholt hat, und er muss sich diesem Kampf stellen. Auch wenn er dafür einen hohen Preis bezahlen muss... DIE ERNTE DES BLUTES von Alfred Wallon – erstmals im Jahr 2003 veröffentlicht - ist ein moderner Horror-Roman der Extra-Klasse: atmosphärisch, fesselnd und spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Der Apex-Verlag veröffentlicht den Roman in einer vom Autor durchgesehenen Neu-Ausgabe.

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ALFRED WALLON

Die Ernte des Blutes

Roman

Apex Horror, Band 30

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch

Der Autor

DIE ERNTE DES BLUTES

Prolog: DER GUTE HIRTE

Kapitel 1: SAAT DER GEWALT

Kapitel 2: DIE ROTE FLUT

Kapitel 3: JÄGER DER NACHT

Kapitel 4: DER SCHLEICHENDE TOD

Kapitel 5: DIE BOTEN DER FINSTERNIS

Kapitel 6: ARMAGEDDON

Kapitel 7: DAS ENDE DES REGENBOGENS

Epilog

Hinweis zum vorliegenden Roman

Das Buch

David Connor ist ein Verfolgter. Gejagt von den Mächten der Finsternis und jenen Leuten, die ihn zu einem Wissenden und Mörder gemacht haben. Aber der INNERE ZIRKEL hat nun auch die Organisation unterwandert, die von der drohenden Gefahr weiß, die dieser Welt droht.

David Connor muss fliehen... aber er weiß, dass man seine Fährte bald wieder entdecken wird.

Auf seiner Flucht trifft er auf die Journalistin Ellen Sanders, die auf dem Weg nach Denver ist, um dort einen neuen Job anzutreten. Aber dann werden beide durch eine Autopanne gezwungen, in der kleinen Stadt Lansing zu bleiben. Weder David noch Ellen ahnen, dass außerhalb der Stadt das Böse eine neue Heimat gefunden hat. Der gläubige Farmer Harold Kramer und seine Familie werden Opfer dieser dunklen Macht – und die Schatten breiten sich immer mehr aus. Es beginnt mit einer Tierseuche und endet mit blutigem Terror. David Connor weiß, dass ihn das Schicksal eingeholt hat, und er muss sich diesem Kampf stellen. Auch wenn er dafür einen hohen Preis bezahlen muss...

Die Ernte des Blutes von Alfred Wallon – erstmals im Jahr 2003 veröffentlicht - ist ein moderner Horror-Roman der Extra-Klasse: atmosphärisch, fesselnd und spannend von der ersten bis zur letzten Seite.

Der Apex-Verlag veröffentlicht den Roman in einer vom Autor durchgesehenen Neu-Ausgabe.

Der Autor

Alfred Wallon, Jahrgang 1957.

Alfred Wallon, geboren in Marburg/Lahn, interessierte sich bereits sehr früh für die Geschichte des Wilden Westens. 1981 veröffentlichte er seinen ersten historischen Western. Im Lauf der Jahre betätigte er sich in fast allen gängigen Sparten der Spannungs- und Unterhaltungslitarur. Sein Werk umfasst mehr als 200 verschiedene Publikationen bei deutschen Verlagen sowie diverse weitere in englischer Sprache.

Sein bevorzugtes Genre ist jedoch bis heute der klassische Western geblieben.

Alfred Wallon ist Mitglied der amerikanischen Schriftstellervereinigung Western Fictioneers und arbeitet weiter an neuen, teilweise auch englischsprachigen Projekten.

DIE ERNTE DES BLUTES

Prolog: DER GUTE HIRTE

Er spürte, dass die innere Unruhe, die ihn schon vor mehreren Stunden ergriffen hatte und in immer neuen Schüben heimsuchte, nicht mit dem aufziehenden Unwetter zusammenhing. Es war etwas anderes – als wenn sich plötzlich ein bisher unsichtbarer Schleier in seiner Erinnerung so schnell öffnete, dass er immer wieder nur kurze Bilder wahrnehmen konnte. Bilder, die er nicht verstand und etwas in ihm auslösten, was ihn beunruhigte. Und doch schien es seltsam vertraut zu sein, was er gesehen hatte. Bilder von Blut und Tod – und einer unglaublichen Zerstörung!

Pater James Sullivan fror unwillkürlich, als er den stärker einsetzenden Wind draußen vor der Kirche heulen hörte. Ein fast schon klagender Ton, der den Geistlichen so sehr beunruhigte, dass seine Hände zu zittern begannen. In der letzten halben Stunde war aus dem plötzlichen Unwetter ein handfester Sturm geworden, dessen Zentrum sich merkwürdigerweise direkt über der alten Kirche von St. Mary's befinden musste.

Der Pater hatte schon längst hinüber ins Pfarrhaus gehen wollen, um sich für den Rest des Abends mit der Heiligen Schrift zu beschäftigen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er den heutigen Sonntag am liebsten ganz aus seiner Erinnerung gestrichen. Und das Merkwürdige daran war, dass sich Pater Sullivan gar nicht erklären konnte, warum er an diesem Morgen einfach versagt hatte. Schließlich war es nicht das erste Mal, dass er vor seiner kleinen, aber dennoch treuen Gemeinde seine Predigt hielt – wie jeden Sonntag.

Aber heute Morgen war es anders gewesen. Er hatte die beklemmende Übelkeit schon kurz nach dem Aufstehen verspürt, und im Laufe der Zeit hatte sich der Druck in seinem Kopf noch verstärkt. Als er auf die Kanzel gestiegen war, um den Kirchgängern das Wort Gottes zu verkünden, war seine Stimme leise und unsicher gewesen – als ob er selbst gar nicht an die Worte seiner Predigt glaubte. Stattdessen hatte er eine wispernde Stimme in seinem Kopf vernommen, die ihm seine Konzentration geraubt hatte. Eine Stimme, die immer wieder geflüstert hatte: WACH AUF! DIE ZEIT DER MASKERADE IST VORBEI. DU MUSST UNSERE MISSION ERFÜLLEN – NICHT DIE DIESES NARREN AM KREUZ!

Wahrscheinlich hatte der eine oder andere bemerkt, dass mit dem Pater an diesem Sonntagmorgen etwas nicht stimmte – aber keiner von ihnen hatte etwas gesagt. Währenddessen hatte der Geistliche den kalten Schweiß immer stärker gespürt, der sich auf seiner Stirn gebildet hatte – und das war noch nicht alles. Seine Hände hatten stark zu zittern begonnen, als er am Ende der Predigt der Gemeinde schließlich den Segen erteilt hatte. Als ob er von einem starken Fieber befallen worden wäre. Weil er immer deutlicher gespürt hatte, dass es einmal eine andere Zeit in seinem Leben gegeben hatte. Eine Zeit ohne Kirche, Predigten und Beichten. Eine Zeit, in der ihm auch die Gewalt nicht fremd gewesen war.

Das war jetzt drei Stunden her – und eigentlich hätte er schon längst zu Hause sein sollen. Aber aus irgendeinem unerklärlichen Grund zwang ihn etwas, weiter in der alten Kirche zu verweilen und mit seinen eigenen Gedanken zu hadern. Und dieses Gefühl der Bedrückung und vollkommener Ratlosigkeit wurde erst richtig schlimm, als sich draußen über der weiten Ebene die ersten dunklen Wolken zusammenzuballen begannen und in Richtung Kirche zogen. Nur eine knappe halbe Stunde später hatte es zu regnen begonnen, und jetzt tobte draußen ein Sturm, wie ihn der Pater schon seit zwei Jahren in dieser Gegend nicht mehr erlebt hatte.

Auch wenn es erst früher Nachmittag war, so hatten die dunklen Wolken das Licht der Sonne zum größten Teil verschluckt, und eine eigenartige Dämmerung hing draußen über dem Land. Wieder und wieder peitschte der Wind die dichten Regenschleier vor sich her. Pater Sullivan blieb nichts anderes übrig, als hier in der Kirche das Ende des Unwetters abzuwarten und erst dann den Heimweg anzutreten. Hier fühlte er sich irgendwie sicher, und doch gab es da etwas, was seinen inneren Zwiespalt noch vergrößerte. Hing es mit dem Gekreuzigten über dem Altar zusammen, mit dem er sich noch bis gestern verbunden gefühlt hatte? Warum nur frevelte er in Gedanken und dachte stattdessen daran, dieses Kreuz herunter zu reißen und zu entweihen?

Während er das Prasseln des heftigen Regens hörte, blickte er gedankenverloren zurück zum schlichten Altar, den die Mitglieder des Kirchenrates an jedem Sonntag neu mit Blumen schmückten. Vier brennende Kerzen umrahmten das große Kreuz, das den Erlöser zeigte, Ihre Lichter begannen immer stärker zu flackern, als ob der Wind auf unerklärliche Weise einen Weg in die Kirche gefunden hätte.

Pater Sullivan schluckte. Seine Kehle fühlte sich trocken an – lag das vielleicht an der Luft in der alten Kirche, die ihm in diesen Minuten irgendwie... modrig erschien? Wieder zitterten seine Hände, als er sie rasch zum Gebet faltete und vor dem Altar niederkniete.

»Herr, beschütze die Menschen dieses Landes«, murmelte er leise und ergeben zugleich. Fast sehnsüchtig richteten sich seine Blicke auf das entrückt wirkende Antlitz von Gottes Sohn, in dessen Zügen sich der Schmerz der gesamten Menschheit widerzuspiegeln schien. Dann veränderte sich seine Stimme, und sein Blick nahm hasserfüllte Züge an, während er weiter auf das Kreuz starrte. Der Wunsch, es zu zerstören, wurde jetzt so übermächtig, dass er sich kaum noch unter Kontrolle hatte.

In dieser Sekunde zuckte vor den hohen Fenstern hinter dem Altar ein greller Blitz auf und tauchte das gesamte Kirchenschiff für die Zeit eines Atemzuges in gleißende Helligkeit. Danach folgte ein so heftiger Donnerschlag, dass die Scheiben leise klirrten. Gleichzeitig spürte Pater Sullivan eine eigenartige Kälte, die ihn noch mehr frösteln ließ.

Dutzende von Gedanken gingen ihm durch den Kopf, nachdem er sich dazu hatte zwingen müssen, sein Gebet zu vollenden und sich seufzend wieder vor dem Altar erhob. Da war es wieder – dieses eigenartige Gefühl, dass er im Haus des Herrn nicht mehr allein war! Die Stimme in seinem Kopf wurde jetzt drängender. DU BIST NICHT MEHR ALLEIN!, hallte es dröhnend im Schädel.

Wieder zuckte ein Blitz im tosenden Unwetter auf und erhellte die Sitzbänke. Das war der Moment, in dem Pater Sullivan die konturenhafte Gestalt in der hintersten Reihe entdeckte. Zuerst glaubte er, dass seine ohnehin angegriffenen Nerven ihm etwas vorspielten – aber dann musste er erkennen, dass dem nicht so war. Da hinten saß jemand. Der Geistliche erkannte es ganz genau – und er sah auch die rote Glut vor dem schattenhaften Gesicht.

Eine Zigarette, schoss es Pater Sullivan durch den Kopf. Ist der denn ganz verrückt geworden? Das hier ist doch keine Kneipe...

»Dies ist ein Gotteshaus«, hörte er sich selbst mit einer Stimme sagen, die ganz anders klang als sonst – irgendwie heiser und unsicher. »Machen Sie die Zigarette aus – sofort!«

Seine Worte klangen seltsam hohl und dumpf im Kirchentrakt, und der Geistliche hatte für Bruchteile von Sekunden den Eindruck, als ob sie als verzerrtes Echo von den alten steinernen Mauern zurückgeworfen würden. Mit einer fahrigen Bewegung wischte er sich über die schweißnasse Stirn, während er auf den Besucher zuging, der nach wie vor auf der Kirchenbank hockte und genüsslich eine Zigarette rauchte, als handele es sich auch an diesem Ort um die selbstverständlichste Sache der Welt.

Erst jetzt, als Pater Sullivan die hintersten Bänke des Kirchenschiffs erreichte, konnte er mehr von dem Besucher erkennen. Es war ein Mann ungefähr Ende dreißig und ziemlich groß. Seine pechschwarzen Haare umrahmten ein blasses Gesicht. Die Augen konnte der Pater jedoch nicht erkennen, denn sie waren hinter einer dunklen Sonnenbrille verborgen, und die untere Hälfte des Gesichtes wurde von einem Dreitagebart umgeben.. Eigenartig – trotzdem schien es hinter den dunklen Gläsern hell aufzublitzen – oder spiegelten sich nur die grellen Blitze des Unwetters darin, die jetzt einem weiteren Höhepunkt zustrebten?

Ein lauter Donnerschlag zerriss die quälende Stille, die sich in der Kirche ausgebreitet hatte und an den Nerven des Paters zehrte. Und irgendwie umspielte ein seltsames Lächeln die Lippen des schlanken Mannes. Pater Sullivan wünschte sich, er hätte in dieser Sekunde die Augen dieses seltsamen Typen sehen können, denn sein Lächeln wirkte irgendwie... spöttisch.

DU MUSST ETWAS UNTERNEHMEN!, schrie die Stimme in seinem Kopf. MAN HAT DICH ZU FRÜH AUFGESPÜRT. TUE ETWAS, BEVOR ES ZU SPÄT IST. HÖRST DU...?

»Die Zigarette...«, murmelte Pater Sullivan und deutete darauf. »Machen Sie sie aus – bitte...« Er wankte, weil er sich gegen den mentalen Ansturm der fremden Gedanken wehren musste.

Jetzt hob der Mann den Kopf, während er mit der rechten Hand nach der Zigarette griff und den Wünschen des Geistlichen sofort nachkam. Falls er das Wanken des Geistlichen bemerkt hatte, so ließ er es sich dennoch nicht anmerken.

»Natürlich«, sagte er mit einer angenehm dunklen Stimme. »Entschuldigen Sie.«

»Wer... wer sind Sie eigentlich?«, wagte der Pater ihn jetzt zu fragen, während er den Fremden und dessen durchnässte Kleidung argwöhnisch musterte. »Und woher kommen Sie?«

»Bin ich nicht willkommen?« stellte der große Mann die Gegenfrage. »Ich hatte gedacht, dass ich noch vor diesem Wolkenbruch...« Er brach ab, weil er kurz husten musste. »Sie erlauben mir doch hierzubleiben, bis der Regen nachlässt?«

Wieder spürte Pater Sullivan diese eigenartige Unsicherheit, die erneut von ihm Besitz ergriff und ihn heftig nach Atem ringen ließ. Er hatte Angst vor diesem Fremden und wusste nicht, warum das so war.

»Natürlich, ja«, antwortete er deshalb rasch. »Der Regen ist sehr plötzlich gekommen und...«

»...als ob der Himmel ein Meer aus Tränen vergießt«, fügte der Fremde hinzu. »Ich bin froh, dass Sie mir Unterschlupf gewähren, Pater...?«

»Sullivan – James Sullivan«, nannte der Geistliche seinen Namen. Normalerweise hätte er jetzt seine Hand ausgestreckt – aber irgendwie unterließ er es in diesem Moment. Denn der Fremde wirkte seltsam kalt und melancholisch zugleich.

»Wenigstens hat man hier ein trockenes Plätzchen«, sprach der Fremde weiter, der im Gegensatz zu Pater Sullivan seinen Namen noch nicht genannt hatte. Der Geistliche spürte, dass der Fremde das auch gar nicht wollte. »Wie alt ist diese Kirche, Pater?«

»Knapp 250 Jahre«, antwortete dieser prompt. »Als die ersten Siedler in dieses Land kamen, um es urbar zu machen, errichteten sie sofort dieses Gotteshaus. Interessieren Sie sich für alte Kirchen, Mister?«

»Nur indirekt«, erwiderte der Fremde und rückte seine Sonnenbrille zurecht. Wieder blitzte es hinter dem rechten Glas kurz auf – dann war nichts mehr davon zu sehen. »Man sollte nur wissen, an welchem Ort man sich aufhält.«

»Da haben Sie nicht unrecht«, pflichtete ihm der Geistliche bei. »Manchmal sollte man das wissen, bevor...« Er brach ab, während sich ein leiser Seufzer seiner Kehle entrang. Pater Sullivan hätte schwören können, dass die Hand des Fremden in diesen Sekunden kurz zitterte. Als ob unangenehme Erinnerungen aus dessen Vergangenheit wieder gegenwärtig geworden wären.

»Es tut gut, Orte wie diesen hier aufzusuchen«, sprach der Mann mit leiser Stimme weiter und schien dabei immer mehr in seinen eigenen Gedanken zu versinken. »Diese Kirche ist wie eine Mauer, die Gefahren von draußen abhält. Es gibt nur noch die steinernen Mauern, Sie und mich – was jenseits der Kirche geschieht, ist im Moment von keinerlei Bedeutung, Pater. Das müsste Ihnen doch jetzt klar sein, oder?«

»Was wollen Sie damit sagen?«, hakte der Geistliche sofort nach, weil er sich auf diese fast schon philosophisch zu nennenden Sätze des Fremden keinen Reim machen konnte.

»Sehr viel«, erwiderte sein Gegenüber. »Aber ich befürchte, Sie würden es nicht verstehen, wenn ich jetzt mein ganzes Leben vor Ihnen ausbreite. Manche Menschen gehen doch in die Kirche um zu beichten, oder?« Er sah, wie Pater Sullivan kurz nickte. »Betrachten Sie meinen Besuch als eine Art Beichte – auch wenn ich diesen modrigen Kasten dort hinten nicht betrete...«

Pater Sullivans Blicke folgten seinem Hinweis und es schien ihm, als ob der Fremde davor zurückscheute, in die Nähe des Altars zu kommen. Unmittelbar dahinter befand sich der Beichtstuhl, in dem der Geistliche jeden Sonntag reuige Sünder empfing und ihnen im Namen des Herrn verzieh. Oder besser gesagt, fast jeden Sonntag. Denn ausgerechnet heute war niemand erschienen, um sich die Beichte abnehmen zu lassen. Ein Zufall?

»Fürchten Sie den Zorn Gottes, junger Mann?«, wagte Pater Sullivan zu fragen. »Das müssen Sie nicht –unser Herr ist gnädig und wird auch Ihnen vergeben. Sie müssen es nur wollen.« Wieder zitterte seine Stimme bei diesen Worten, während er einen Würgereiz in seiner Kehle spürte. Er hatte in dem Moment eingesetzt, als er von Gott gesprochen hatte.

»Es ist keine Frage des Wollens, Pater«, erwiderte der Fremde. »Es gibt Dinge, die man nicht mehr ungeschehen machen kann. Daran kann auch Gott nichts ändern.«

»Sind Sie allwissend?«, warf ihm der Pater mit leicht gereizter Stimme vor.

»Nein.« Der Fremde schüttelte den Kopf. »Aber Gott ist es auch nicht, sonst hätte er bestimmt verhindert, dass ich...«

Er hielt inne und wandte den Kopf zur Seite. Trotzdem konnte Pater Sullivan noch erkennen, wie es um die Mundwinkel des Fremden kurz zuckte. Als ob aus unerklärlichen Gründen die Gefühle einer eigenartigen Trauer jetzt Überhand gewinnen würden. Oder ganz einfach gesagt – es sah so aus, als ob der Fremde gleich zu weinen begann.

»Der Herr ist auch dein Hirte, mein Sohn«, versuchte der Geistliche ihn zu trösten, weil er spürte, dass der Fremde von einer Flut von Emotionen geschüttelt wurde. »Du musst ihm nur dein Herz öffnen – wenn du stark im Glauben bist, wird auch dir vergeben werden und...«

Er hielt inne, weil er husten musste. Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Der innere Zugriff wurde immer stärker, ebenso wie die Bilder, die an Intensität zunahmen.

»Sie verstehen nicht, Pater!«, schnitt ihm der Fremde das Wort währenddessen abrupt ab. »Es ist keine Sache des Glaubens mehr. Mittlerweile haben die ganzen Ereignisse ein Stadium erreicht, wo vieles außer Kontrolle geraten ist. Glauben Sie an die Zuverlässigkeit unseres Systems?«

»Was wollen Sie damit sagen?«, fragte der Pater ganz verwirrt, weil ihm nicht klar war, warum der Fremde auf einmal das Thema wechselte.

»Es gibt einen Staat im Staat«, setzte der Fremde zu einer Erklärung an. »Das FBI, die CIA – alle sind nur ahnungslose Marionetten. Die Fäden dagegen ziehen ganz andere. Ich weiß es, Pater – denn ich habe einen Blick hinter diese falschen Fassaden geworfen. Und nicht nur einmal. Dafür habe ich einen hohen Preis zahlen müssen. Mindestens genauso hoch wie der dort...« Er streckte die rechte Hand aus und wies auf den gekreuzigten Jesus. »Nur er hat gewusst, warum er diesen Weg gehen musste – aber ich...?«

Er brach ab, weil er sichtliche Mühe hatte, seine Gedanken in Worte zu fassen. Und Pater Sullivan wusste jetzt wirklich nicht mehr, wie er diesem seltsamen Fremden helfen sollte. Beten wollte er nicht – und über Gott sprechen auch nicht.

»Unser Gott ist gnädig«, setzte er zu einem letzten Versuch an. »Ich habe viele Menschen gekannt, die anfangs noch zweifelten, aber dann...«

»Es geht nicht um Glauben oder biblische Worte, Pater!«, ereiferte sich der Fremde und erhob sich von der Kirchenbank, »sondern um das Böse!«

Pater Sullivan hatte zwar schon geahnt, dass der Fremde groß war – aber als er jetzt direkt vor ihm stand, musste der Geistliche den Kopf weit in den Nacken legen, um den Teil des Gesichtes, den die Brille mit den dunklen Gläsern nicht verdeckte, ansehen zu können.

»Was reden Sie da?«, sagte der Pater mit ungeduldiger Stimme. »Was wissen Sie denn schon darüber? Sie sollten jetzt besser...«

»Das Böse ist da, Pater«, antwortete der Fremde mit kalter Stimme. »Es ist ein Teil von mir. Ich weiß, dass Sie es nicht verstehen werden, und ich bedauere das. Aber ich muss zumindest versuchen, Ihnen zu erklären, warum ich das jetzt tun muss. Sie wussten es selbst erst jetzt, nicht wahr?«

Während die letzten Worte über seine Lippen kamen, ging er einen Schritt auf den Geistlichen zu. Die Kälte, die schon vorher zu spüren gewesen war, wurde jetzt so intensiv, dass Pater Sullivan leise stöhnte. Der Fremde besaß eine unerklärliche Aura, die ihn fast lähmte – und diese Empfindung steigerte sich jetzt in eine Panik. So wie der Pater sah ein Wild aus, das in die Flinte des Jägers blickt und vor Angst zur Salzsäule erstarrt.

»Sie und Ihresgleichen sind eine Gefahr für diese Welt, Pater – das ist alles«, sprach der Fremde weiter. »Vielleicht ist es Schicksal, dass Sie selbst viel zu lange ein Schläfer waren und Sie deshalb nicht begreifen, um was es geht. Aber die Hinweise waren zu deutlich. Und deshalb muss es jetzt und hier geschehen...«

»Sie sind ja... wahnsinnig!«, entfuhr es Pater Sullivan, der völlig in Schweiß gebadet war. »Verlassen Sie die Kirche – oder ich rufe die Polizei!«

»Versuchen Sie es!«, antwortete der Fremde, dessen rechte Hand jetzt nach vorne fuhr und den Geistlichen am Kragen seiner schwarzen Jacke zu fassen bekam. Er zog Pater Sullivan so schnell zu sich, dass dieser gar nicht begriff, wie ihm geschah. Und als es ihm klar wurde, spürte er bereits die eiskalte Hand des Todes, die sich gegen ihn richtete.

Die linke Hand des Fremden presste sich gegen Pater Sullivans Brust, und er spürte einen unangenehmen Druck, begleitet von einer entsetzlichen Kälte. Die Knie gaben nach, und er wäre wahrscheinlich gestürzt, wenn ihn der Fremde nicht mit seinen starken Armen festgehalten hätte. Seine Hand presste sich immer fester auf die Brust des Geistlichen, und Pater Sullivans Körper begann leicht zu zucken. Sein Herz raste wild, und vor seinen Augen tanzten bunte Schleier. Er spürte, dass irgendetwas mit ihm geschah und dass etwas seinen Körper verließ – etwas, was zuvor noch kein Teil von ihm gewesen war.

Und als er begriff, dass das Böse in die heiligen Mauern des Gotteshauses eingedrungen war, wandte er schwach den Kopf und blickte in seinem Todeskampf zurück zum Altar. Fast flehend richtete er seine trüb werdenden Blicke auf den gekreuzigten Jesus, während seine blassen Lippen einen stummen Hilferuf formulierten. Aber Jesus schien ihn nicht zu hören, denn die Blicke der Statue richteten sich in unergründliche Fernen...

Leblos sackte der Körper des Paters zu Boden, während gleichzeitig ein Ruck durch die große Gestalt des Fremden ging. Er wusste, dass es keine andere Möglichkeit gegeben hatte. Dieser Paladin der dunklen Mächte hatte sich zu lange im Verborgenen gehalten und die Menschen um ihn herum getäuscht. So perfekt wie der Fremde es selten erlebt hatte. Die Macht der Schläfer durfte nicht unterschätzt werden. Es war die Präsenz einer Macht, die schon seit Urzeiten auf dieser Erde wandelte – auch wenn die Menschen sie schon fast vergessen hatten.

Diese Auseinandersetzung hatte er nur gewinnen können, weil dieser Schläfer zu spät erwacht war und er zu spät erkannt hatte, was seine eigentliche Bestimmung gewesen war. Die Gemeindemitglieder würden niemals erfahren, dass nur ein Wink des Schicksals ihre Ausrottung verhindert hatte.

Unter der Sonnenbrille blitzte es kurz auf. Die Mundwinkel des Mannes zuckten unwillig, als er sich vom Leichnam des Paters abwandte und gedankenverloren in Richtung Altar blickte. Die Kerzen flackerten jetzt so unruhig, dass eine davon Bruchteile von Sekunden später erlosch – genau wie das Leben des Paters kurz zuvor.

David Connor seufzte, als er einen weiteren Donnerschlag direkt über dem alten Gebälk der Kirche hörte. Aber dann ließ der heftige Regenschauer allmählich nach. Als der große Fremde die Kirche verlassen hatte und draußen im Freien stand, waren die trüben Wolken bereits in Richtung Westen weitergezogen – und er selbst empfand diesen Moment als eine Wiedergeburt.

Dann setzte er seinen Weg in Richtung Nordwesten fort und dachte nicht mehr an das, was in der Kirche geschehen war. Stattdessen beschäftigten sich seine Gedanken vielmehr damit, dass der Tod des Geistlichen, der in Wirklichkeit ein Vasall einer schrecklichen Macht gewesen war, nur den sprichwörtlichen Tropfen auf dem heißen Stein darstellte.

  Kapitel 1: SAAT DER GEWALT

»Was ist das?« Sarah Kramers Stimme klang ein wenig unsicher, als sie plötzlich etwas hörte, das ihr wie ein klagendes Heulen vorkam. »Harold, du musst...«

»Sei ruhig, Frau«, fiel ihr der fünfzigjährige Farmer ins Wort und ballte seine schwieligen Hände zu Fäusten. Er schob den Teller mit dem Stew beiseite und bemerkte auch den besorgten Blick seines Sohnes Ben, der ebenfalls zu essen aufgehört hatte. Wie jeder andere am Tisch der Familie Kramer.

»Es könnte ein streunender Wolf sein, Pa«, meinte Ben. »Ich hab' in Lansing gehört, dass auf Richards Farm Kälber gerissen worden sind und...« Er schluckte kurz. »Wir sollten besser nach dem Rechten sehen.«

»Wahrscheinlich hast du recht, mein Junge«, murmelte Harold Kramer und erhob sich rasch von dem robusten Tisch, an dem sich seine Familie jeden Abend zur selben Zeit zum Essen versammelte. Er selbst, seine Frau Sarah, der Sohn Ben und die beiden Töchter Mary und Susan. Die Zeit des gemeinsamen Abendessens nach getaner Farmarbeit war für Harold Kramer fast eine Zeremonie – denn in solchen Augenblicken spürte er ganz deutlich, dass seine Familie noch nach den guten Gesetzen lebte. Denn ein einfacher, aber gottesfürchtiger Mann wie er musste seine Familie nun wirklich im Schweiße seines Angesichts ernähren – wie schon zu biblischen Zeiten.

Es gab Menschen in der Gegend um Lansing, die Kramer und seine Familie als ziemlich verschroben und teilweise weltfremd betrachteten, aber das kümmerte den Farmer nicht. Er und seine Frau hatten ihre Kinder gelehrt, ehrlich und bescheiden zu sein und die Eltern zu achten. Und das dankten der neunzehnjährige Sohn und die beiden vierzehn- und zwölfjährigen Mädchen ihnen beiden jeden Tag aufs Neue...

Kramers Gedanken brachen ab, als sich seine Blicke auf die Schrotflinte richteten, die neben der Haustür an der Wand angelehnt stand. Rasch nahm er die Waffe an sich und holte eine Schachtel Patronen. Er lud die Flinte und nickte Ben zu.

»Ihr bleibt hier drin«, trug er Sarah auf. »Schließt die Tür hinter uns – ihr öffnet sie erst wieder, wenn wir uns zu erkennen geben. Habt ihr verstanden?«

»Seid um Himmels Willen vorsichtig«, flüsterte Sarah und nahm ihre Töchter in den Arm. Die beiden Mädchen schienen zu spüren, dass da draußen irgendetwas nicht in Ordnung war. Hätten sie gewusst, dass ihr Vater schon seit Tagen des Nachts seltsame und zugleich verwirrende Träume gehabt hatte, in denen ein schattenhafter Wolf sein Unwesen trieb, dann wären sie noch ängstlicher gewesen. Aber Harold Kramer hatte selbst mit seiner Frau nicht über diese bedrückenden Träume gesprochen – und das hieß für ihn eine ganze Menge. Weil er selbst nicht wusste, was das zu bedeuten hatte.

Seine linke Hand zitterte etwas, als er die Haustür öffnete und hinaus in die einsetzende Dämmerung blickte. Wind kam auf und strich über sein kurz geschorenes, graues Haar. Er ließ seine Blicke in die Runde schweifen, sah über den Hof hinüber zum Stall und zum daneben liegenden Schuppen. Nichts regte sich – bis jetzt war alles still.

Aber nicht lange, denn in dieser Sekunde erklang erneut ein klagendes Heulen aus der Richtung, in die sich die beiden großen Weizenfelder erstreckten, die zur Kramer-Farm gehörten. Der Wind wogte sanft durch die vollen reifen Ähren, aber irgendwo empfand Kramer dieses nächtliche Bild nicht als idyllisch und friedfertig. Stattdessen wurden die Erinnerungen an seine Albträume wieder gegenwärtig und ließen ihn für wenige Sekunden zögern.

»Es kommt von da drüben, Pa«, riss ihn Bens Stimme aus seinen dunklen Gedanken. »Wir müssen ihn erwischen, bevor er noch mehr Unheil anrichtet.«

Kramer erwiderte nichts, sondern schritt voran. Als er den Hof überquerte, bemerkte er, dass die Tür des Geräteschuppens offenstand und vom stärker einsetzenden Nachtwind auf- und zugeschlagen wurde. Dieses Geräusch klang in der Stille der einsetzenden Nacht sehr laut und ging ihm eigenartigerweise durch Mark und Bein.

»Bleib hier, Junge!«, ermahnte Kramer seinen Sohn und ging mit vorgehaltener Waffe zum Geräteschuppen. Sein Herz schlug schneller, als er sich der offenen Tür näherte. In diesem Augenblick kam der Mond hinter den Wolken hervor und übergoss den Hof der Farm mit seinem silbrigen Licht. Es fiel auch durch die offene Tür in den Schuppen und erhellte die Stelle, an der Kramer seine Werkzeuge deponiert hatte.

»Also das ist doch...«, entfuhr es dem erstaunten Farmer, als er bemerkte, dass sämtliche Werkzeuge auf dem Boden verstreut waren. Zwei der großen Sensen, mit denen sein Vater noch auf den Felder gearbeitet hatte, waren spurlos verschwunden. Und nicht nur das – auch die Axt befand sich nicht mehr an ihrem Platz.

Da stimmt was nicht, meldete sich eine warnende Stimme in Kramers Hirn. Und du weißt das schon die ganze Zeit...

»Was ist los, Pa?«, hörte er Bens besorgte Stimme hinter sich – aber Kramer konnte nicht gleich antworten. Ein Kloß hatte sich in seiner Kehle festgesetzt und hinderte ihn am Sprechen. So musste sich Ben selbst von dem Chaos überzeugen, das im Geräteschuppen herrschte.

»Das gibt' s doch nicht!«, entfuhr es dem Neunzehnjährigen, als er kopfschüttelnd erkannte, welches Durcheinander sich seinen Blicken bot. »Pa, das muss ein Verrückter gewesen sein, der...«

Eigentlich hatte er noch mehr sagen wollen, aber genau in diesem Moment ertönte wieder das klagende Heulen. Ben zuckte zusammen. Er hatte Angst, das konnte man ihm ansehen. Hätte er jetzt einen Blick in das Gesicht seines Vaters geworfen, hätte sich diese Furcht sicher noch verstärkt. Aber Harold Kramer bemühte sich, seine Fassung zu bewahren, auch wenn ihm das mit jeder weiteren Minute immer schwerer fiel.

»Bleib hier und räume alles auf«, entschied der Farmer mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. »Ich werde da draußen mal nach dem Rechten sehen.«

»Ich sollte besser mitkommen«, meinte sein Sohn und bewaffnete sich mit einem schweren Vorschlaghammer, den der unbekannte Eindringling scheinbar achtlos liegen gelassen hatte. »Vier Augen sehen besser als zwei – das hast du immer gesagt.«

»Nein!« Kramers Antwort war endgültig. »Ich pass' schon auf mich auf, Junge. Bleib lieber in der Nähe vom Haus – das ist besser so...«

Damit war für ihn die Sache erledigt. Er wandte sich einfach ab und verließ den Geräteschuppen. Der Nachtwind war jetzt stärker geworden und es schien ihm, als wäre die Temperatur deutlich gesunken. Dabei war es doch noch gar nicht Herbst.

Kramer hielt die Schrotflinte mit beiden Händen fest und näherte sich seinen beiden Weizenfeldern, die sein ganzer Stolz waren. Er hatte gebetet, dass es dieses Jahr eine gute Ernte wurde – und der Herr schien sein Flehen erhört zu haben. Es war das ganze Frühjahr über ein mildes Klima gewesen, und die Saat hatte unter optimalen Bedingungen heranreifen können. Nun würde er sie bald ernten können. Eine Arbeit, die sich leicht bewältigen ließ, denn die Bank in Lansing hatte ihm im letzten Herbst einen Kredit bewilligt, mit dessen Hilfe er sich einen Mähdrescher hatte anschaffen können. Wenn auch in den nächsten beiden Jahren die Ernte so gut ausfallen würde wie jetzt, konnte er optimistisch in die Zukunft blicken und darauf hoffen, dass auch sein Sohn Ben noch einen Nutzen vom Land und aus dieser Farm ziehen konnte.

Das helle Licht des Mondes tauchte die großen Felder in ein eigenartiges Licht. Und selbst das Rauschen der Ähren, die sich jetzt im Wind bewegten, kam ihm anders vor als sonst – beunruhigend und irgendwie... alarmierend. Kramer schaute wachsam nach allen Seiten, aber er konnte nichts erkennen, was auf eine Gefahr hindeutete. Und doch wusste er, dass da etwas war.

Ein lautes Knurren ertönte jenseits der Halme, und Kramer hielt inne. Sofort riss er die Schrotflinte hoch und zielte in die Richtung, aus der er diese bedrohlichen Laute vernommen hatte.

»Wer ist da?«

Seine Stimme klang heiser. Er schluckte unwillkürlich und setzte dann behutsam einen Fuß vor den anderen, als er sich langsam dem Rand des linken Weizenfeldes näherte. Dann erst erkannte er, dass einige Halme umgeknickt worden waren. Als ob ein Tier sich hier einen Weg durchs Feld zu bahnen versucht hatte.

Geh nicht weiter, riet ihm seine Vernunft. Du weißt doch ganz genau, was dort auf dich wartet. Geh zurück in dein Haus und schließe die Tür. Wenn die Schatten der Nacht verschwunden sind, wirst du alles wieder in einem anderen Licht sehen. Und dann...

»Nein«, kam es flüsternd über seine Lippen. »Ich muss es wissen – und zwar jetzt!«

Auch wenn ihm das Herz bis zum Halse schlug, so wagte er es dennoch. Mutig folgte er dem Pfad ins Kornfeld hinein und fühlte sich gleichzeitig, als habe er einen Sprung ins eiskalte Wasser gewagt, ohne schwimmen zu können. Die Halme knirschten unter seinen klobigen Schuhen und er war dankbar dafür, dass das silbrige Licht des Mondes wenigstens für etwas Helligkeit sorgte.

Plötzlich hörte er wieder einen Laut, aber diesmal kam dieses Geräusch einem hämischen Lachen gleich.

Das kann doch nicht sein, schoss es ihm durch den Kopf. Er schickte ein stilles Stoßgebet gen Himmel, aber ausgerechnet in dieser Sekunde verhüllte eine dunkle Wolke den Mond und für wenige Sekunden war es stockfinster. Eine Finsternis, in der ihm jedes noch so winzige Geräusch ungeheuer laut erschien und ihm ein Frösteln über den Rücken jagte.

Als der Mond wieder zwischen den Wolken hervortrat, erhellte sein Licht eine schattenhafte Gestalt, die Kramer nur undeutlich sehen konnte.

»He!«, rief Kramer und riss die Schrotflinte hoch. Den Finger hielt er am Abzug. »Komm raus da – ich kann dich deutlich sehen!«

Wieder war dieses hämische Lachen zu hören, das Kramer jetzt ganz deutlich wahrnehmen konnte. Und es erschreckte ihn mehr als alles andere, was er bisher in seinem Leben erlebt hatte. Denn er wusste, dass es böse war...

»Ich hab dir gesagt, du sollst rauskommen – wird' s bald?«

Die Gestalt rührte sich nicht, sondern hatte Kramer nach wie vor den Rücken zugewandt. Kramer zögerte deshalb nicht länger, sondern ging weiter nach vorn. Jetzt konnte er schon mehr sehen. Es war ein Mann, groß und untersetzt, und er trug schwarze Kleidung, die einen eigenartig modrigen Geruch verströmte. Als dieser Mann den Kopf hob und ihn anschaute, erschrak Kramer bis ins Innerste seiner Seele.

Der Mann hatte ein totenbleiches Gesicht, und die Augen blitzten in einem unheiligen Feuer, als er Kramer zulächelte. Ein Lächeln, das nicht von Herzen kam, sondern aus den tiefsten Abgründen dunkler Fantasien. Und in seinen Händen hielt der Mann eine der Sensen, die aus dem Geräteschuppen verschwunden waren.

»Du bist gekommen«, sagte der unheimliche Mann. »Das ist gut – es wird alles so geschehen, wie es vorbestimmt ist. Die Saat wird geerntet werden – sehr bald!«

»Keine falsche Bewegung, du Schweinehund!«, drohte Kramer. »Lass die Sense fallen – jetzt gleich!«

Wieder war da dieses spöttische und zugleich wissende Lächeln, das den gottesfürchtigen Farmer fast wahnsinnig machte. Weil er einfach nicht verstehen konnte, was das alles zu bedeuten hatte. Er spürte nur, dass von diesem bleichen Mann eine unbeschreibliche Gefahr ausging – eine Bedrohung, die so spürbar war, dass er nur schwer atmen konnte.

»Ich bin der Schnitter«, sagte die schwarze Gestalt. »Ich bin auserwählt, genau wie du. Wusstest du das?«

Noch während die letzten Worte über seine Lippen kamen, holte er mit der scharfen Sense aus. Kramer fasste dies falsch auf – er dachte, dass der Unheimliche ihn jetzt mit der Sense angreifen wollte, deshalb krümmte sich sein Finger um den Abzug.

Der Schuss bellte auf, und das grobe Schrot traf den Mann voll. Er wurde zurückgeschleudert wie eine hilflose Puppe, und die Stille, die sich anschließend ausbreitete, war noch schlimmer als alles andere zuvor. Kramer stand da und blickte auf die Gestalt, die sich schwach am Boden wand. Das Schrot hatte ihn voll in die Brust getroffen. Es roch nach Blut und Erbrochenem, und Kramer hörte von drüben seinen Sohn rufen.

»Pa! Ist alles o.k.?«

»Bleib wo du bist, Ben!«, rief Kramer sofort zurück. »Geh ins Haus und warte, bis ich komme!«

Erst als er sicher war, dass Ben nicht herübergelaufen kam, wandte er sich wieder dem Fremden zu und trat zu ihm. Die Schrotladung hatte ihn schwer verletzt. Er lag in einer Blutlache und bewegte sich nur noch schwach. Das Stöhnen, das über seine bleichen Lippen kam, empfand Kramer als so laut, dass er sich am liebsten die Ohren zugehalten hätte.

Du musst ihn wegschaffen! meldete sich jetzt seine Vernunft. Keiner darf mitbekommen, was hier geschehen ist, sonst...

Er zögerte zunächst noch, den Fremden zu berühren, dann sprang er über seinen eigenen Schatten und beugte sich über den Schwerverletzten. Es würgte in Kramers Kehle, als er das Blut sah, das der Mann verlor und das einen süßlichen Geruch verbreitete. Er hat es nicht anders gewollt, meldete sich seine innere Stimme wieder. Du hast einen Einbrecher auf frischer Tat ertappt, Harold. Keiner wird etwas sagen, wenn man das herausfindet.

Man schießt aber nicht gleich Einbrecher mit der Schrotflinte über den Haufen, sinnierte Kramer, als ihm bewusst wurde, dass er gewaltigen Ärger bekommen würde. Sheriff Simpson drüben in Lansing war einer, der die Paragrafen des Gesetzes sehr genau befolgte. Das hier war keine einfache Geschichte – und man würde Kramer sowieso nicht glauben, wenn er erzählte, dass er vor diesem Fremden hier eine unbeschreibliche Angst gehabt hatte. Das Lansing County war ein zivilisierter Ort. Hier feuerte man nicht mehr mit Schrotflinten auf Hühnerdiebe...

»Verdammter Mist!«, keuchte Kramer, als er den Fremden packte und dabei das feuchte Blut auf seinen Händen fühlte. Es war ein unangenehm klebriges Gefühl, aber er überwand seinen Ekel und fasste den Mann an den Armen. Kramer keuchte, als er den Schwerverletzten aus dem Weizenfeld in Richtung des Geräteschuppens schleppte, und er verfluchte sich selbst für den Augenblick der kurzen Panik, als dieser Bastard mit der Sense ausgeholt hatte. Eine unbeschreibliche Panik hatte Kramer gepackt, und es war eine Affekthandlung gewesen, die nun schwere Folgen hatte.

Seine Stirn war in Schweiß gebadet, als er endlich den Schuppen erreichte. Der Nachtwind war noch eine Spur kälter geworden und ließ ihn frösteln. Kramer schaute noch einmal zum Haus hinüber, in dem Licht in der Küche brannte. Wahrscheinlich wartete die Familie dort schon ungeduldig auf ihn und fragte sich, was überhaupt geschehen war. Was in aller Welt sollte er ihnen nur sagen?

Wieder stöhnte der Schwerverletzte, dessen Blutungen immer noch nicht zum Stillstand gekommen waren. Die Stelle auf dem Boden, auf die Kramer ihn hatte fallen lassen, war schon mit Blut getränkt.

Er müsste doch schon längst krepiert sein, dachte Kramer kopfschüttelnd, als das Licht des Mondes wieder durch die offenstehende Tür fiel und genau die Stelle erhellte, an der der Hundesohn lag. Ein Gedanke jagte jetzt den anderen, während die Anspannung nur allmählich von ihm wich. Dann stand sein Entschluss fest. Er wandte sich ab und griff nach einigen starken Ketten. Mit diesen umwickelte er den blutigen Körper des Mannes und warf das andere Ende über einen wuchtigen Trägerbalken des Schuppens.

Kramer stöhnte, als er den Mann an den Beinen hochzog. Schließlich hing er am Balken wie ein Stück Vieh, das man gerade geschlachtet hatte. Und nach wie vor tropfte das Blut aus seinem Körper und färbte den Erdboden rot.

Du musst ihn beseitigen, Harold!, erklang eine mahnende Stimme tief in seinem Inneren. Sheriff Simpson wird herausfinden, was hier geschehen ist, und dann wird er dir und deiner Familie Fragen stellen. Aber solche, die dir ganz und gar nicht gefallen werden...

Von seinen inneren Gefühlen und Ängsten buchstäblich hin und her gerissen, schaute er auf den blutenden Mann, der angesichts dieser schweren Verletzung schon längst hätte tot sein müssen. Denn Kramer hatte grobes Schrot in seiner Flinte gehabt, das große und vor allen Dingen tödliche Wunden riss. Aber nach wie vor lebte dieser Mann, und er stöhnte immer noch. Ausgerechnet diese Laute kamen Kramer wie eine einzige Verhöhnung vor.

»Warum stirbst du nicht?«

Seine Stimme kam einem heiseren Flüstern gleich, während das Blut immer noch aus dem Körper des Mannes strömte, und dann erinnerte sich Kramer wieder an die Worte, die der Mann zu ihm gesagt hatte, bevor er ihn auf geschossen hatte. Als auserwählt hatte er sich bezeichnet – was in Dreiteufelsnamen hatte das nur zu bedeuten? Je länger Kramer über diese entscheidenden Sekunden nachdachte, umso weniger machte das Sinn.

»… noooochhh... niccchhht... soooweeitt...«, kam plötzlich ein krächzender Laut über die Lippen des an den Ketten hängenden Mannes – und diese Worte klangen so grausam, dass Kramer am liebsten vor Angst geschrien hätte. In seinen Augen begann es unstet zu flackern und die klobigen Hände, mit denen er schon seit mehr als zwanzig Jahren sein Land bearbeitete und ein Zuhause für seine Familie geschaffen hatte, begannen so stark zu zittern, als sei er buchstäblich von einer Sekunde zur anderen um dreißig Jahre gealtert.

Er sah die Augen im bleichen Gesicht des Mannes, die sich jetzt genau auf ihn richteten. Sie waren eine Mischung aus Schmerz, Spott und Wissen um Dinge, deren Existenz einem einfachen Mann wie Harold Kramer bisher nicht bekannt gewesen war. Dies begriff der Farmer nicht, und er blieb einfach stumm und hilflos stehen, schaute auf den blutenden Mann, den er wie ein Stück Wild erlegt hatte.

Seine Jagdtrophäe hing jetzt an den Ketten, und dennoch verspürte Kramer keinen Triumph. Stattdessen war da diese schleichende Angst, die sich fast schon erstickend über ihn stülpte und ihn völlig hilflos machte. Was sollte er jetzt tun? Eigentlich hätte er den Fremden verscharren müssen – noch in dieser Stunde – und dann alle Blutspuren beseitigen. Aber je länger er darüber nachdachte, umso deutlicher manifestierte sich die folgenschwere Tatsache, dass er das nicht tun konnte. Weil der Mann noch lebte – er schien einen unbändigen Lebenswillen zu besitzen. Er wollte einfach nicht sterben!

Buck wird mich einbuchten, warnte ihn seine Vernunft, als er an den Sheriff von Lansing dachte. Buck Simpson bekleidete das Amt des örtlichen Gesetzeshüters dort schon fast zwanzig Jahre, und die Menschen mochten ihn. Weil er dafür gesorgt hatte, dass die Verbrechensrate niedrig geworden war und zwielichtiges Gesindel Lansing ganz schnell wieder verließ. Simpson hatte da so seine eigenen Methoden – deshalb hatten ihm einige Bewohner auch den Spitznamen Hawkeye verpasst.

Er wird sagen, dass ich den Finger zu schnell am Abzug hatte. Verdammt, er könnte mir richtigen Ärger machen – also darf er gar nicht erfahren, was hier geschehen ist und...

»Die Flinte...«, murmelte er auf einmal ganz aufgeregt, als ihm klar wurde, was er noch alles erledigen musste, damit ja niemand Verdacht schöpfte. Er hatte es auf einmal sehr eilig, den Geräteschuppen zu verlassen und zurück zu den Feldern zu laufen. Die Flinte lag noch dort, wo er sie fallen gelassen hatte. Hastig nahm er sie an sich, kehrte zurück zum Geräteschuppen und verschloss die Tür mit einem vorsintflutlichen Schloss, das wahrscheinlich noch aus der Zeit der Texas Rangers stammte. Aber es funktionierte immer noch – Hauptsache, dass der Schuppen verschlossen war und sich niemand ohne sein Wissen Zugang verschaffen konnte.

Dann kehrte Kramer zurück zum Haus. Seine Schritte waren schwer, als er die Veranda erreichte und schließlich gegen die Tür klopfte.

»Mach auf, Sarah – ich bin es!«

Seine Stimme klang irgendwie müde und abgespannt, aber das war ja auch kein Wunder nach dem, was er vorhin erlebt hatte. Und je länger er darüber nachdachte, umso unwirklicher kam ihm all das vor. Als ob er ein Gefangener seiner eigenen Albträume war und dies auch wusste. Nur schaffte er es nicht mehr, aus eigenem Willen diesen Traum zu beenden und in die Wirklichkeit zurückzukehren.

»Um Gottes Willen, Harold!«, rief seine Frau mit besorgter Stimme, als sie ihren Mann erblickte und die dunklen Flecken auf seinem Hemd bemerkte. Sie glänzten noch feucht, und Sarah Kramer rümpfte die Nase, weil der süßliche Geruch so penetrant war. »Was ist denn nur geschehen? Hast du dich verletzt? Komm – ich werde gleich danach sehen und...«

»Es ist nichts«, fiel ihr der grauhaarige Farmer ins Wort und bemerkte dabei, dass seine eigene Stimme ihm seltsam fremd vorkam. »Ich habe ihn erwischt – der Wolf hat nur ziemlich geblutet.«

»Wo ist er?«, kam es fast gleichzeitig aus Marys und Susans Mund, die natürlich vor Neugier platzten. »Können wir den Wolf sehen?«